Wir müssen sparen, amore!

„Wir müssen sparen.“ sagte ich, während ich die Kontoauszüge des letzten Monats überprüfte. „Hmmm…“ antwortete der Römer unfokussiert und starrte in seinen Computer-Bildschirm. „Ich meine es ernst! Irgendwo müssen wir sparen. Sonst kannst du unseren unbezahlten Urlaub vergessen.“ setzte ich meine Rede fort. „Si, si,…“ antwortete der Römer und nickte abwesend.

Ich schüttelte den Kopf und markierte Posten auf den Kontoauszügen, die Einsparungspotenzial hatten.

„Ist das deine Kreditkarte, die mit 45 endet? Oder meine?“ fragte der Römer in die Stille.

Ich guckte ihn mit dem selben Ausdruck an wie Melania Trump stets ihren Gatten anguckt. So als ob ich den schlechten Witz nicht verstehen würde. „Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?“ zeterte ich los. „Ma si [Aber ja], irgendwas mit unbezahlter Urlaub. Aber du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet. 45 alla fine sei tu, vero? [45 am Ende bist du, richtig] Ho fatto un gran affaro! [Ich habe ein riesen Schnäppchen gemacht] Una maglia di cashmere – colore azzuro! [Ein Kaschmir-Pullover in hellblau!] Wenn ich gleich bezahle, schicken sie es heute noch aus Italien los.“

Ich schnappte nach Luft und geriet durch seine Aussage erst richtig in Fahrt: „Ich glaub’s nicht! Du hast überhaupt nicht zugehört!! Ne, ne, mein Lieber! WIR müssen sparen.“ Der Römer guckte mich trotzig an. „Che palle essere sposato con una tedesca. [So ein Quatsch mit einer Deutschen verheiratet zu sein.]“ murmelte er ganz leise, doch dennoch laut genug um ihn zu verstehen.

„Komm mir jetzt nicht so! Ne, ne, mein Lieber. Wir setzen uns jetzt hin und gehen alle Posten durch, die wir einsparen können.“ fing ich wieder an und meine Emotionen liefen heiß.

Da saßen wir also: Ich – mit meiner schwarzen Brille, Kontoauszüge fest in der Hand, aufrechter Rücken und bereit alles einzusparen, was es einzusparen gibt. Und er, in seinem aufgeknöpftem, azurblauem Leinenhemd, lässig zurückgelehnt, eine schwarze Locke fiel ihm frech ins Gesicht.

„Okay, erster Punkt: Deine Schönheits-Tinkturen aus Südkorea.“ machte ich den Auftakt.

No!“ begehrte der Römer auf. „Du kannst mir alles nehmen, aber nicht meine Jugend!“ sprach’s und verschränkte bockig seine bronzenen Arme. „Deine Jugend ist seit 20 Jahren vorbei, amore mio. Du meinst wohl „dein jugendliches Aussehen.““, machte ich mich über seine Aussage lächerlich, „Ein Produkt aus dem Drogeriemarkt wird es wohl auch tun.“

Ich wollte gerade zum nächsten Punkt übergehen, doch ich hatte die Rechnung ohne den Römer gemacht. Theatralisch schmiss der Römer seinen Kopf in den Nacken. „Ma certo! [Aber sicher] Und was willst du mir als nächstes nehmen? Die monatliche Pasta- und Soßenlieferung aus Italien?“

Ah, ich sehe du bist schon eigenständig zum nächsten Punkt übergegangen.“ grinste ich ihn kampflustig an. „Warum genau musst du dir von einer toskanischen Fattoria Soßen und Pasta schicken lassen? Reicht denn keine Supermarkt-Pasta? Es muss doch auch nicht die günstigste sein?“

Der Römer schnappte aufgebracht nach Luft. DAS war zu viel für ihn. „Io…tu…! Ma no! No! No! [Ich…du…! Aber nein! Nein! Nein!]“ presste er entrüstet heraus. Er schnappte sich die Kontoauszüge und schrieb mit dickem Filzstift „non modificabile!!!“ [unveränderbar!!!] neben die beiden Posten.

„So, jetzt gucke ich, was ich streichen kann.“ setzte er sehr erbost an. „Aha! Eccoci qua! [Da wären wir!] Bio-Windeln? Kann weg! Wir brauchen doch wohl keine Bio-Windeln für Signorino. Meinst du, ich hatte damals Bio-Windeln in Albanien? Pfff… Davon hätte ich vielleicht träumen können. So – gestrichen.“ sprach’s und strich den Posten knallhart durch.

Nun schäumte ich vor Wut. Dickschädel knallte gegen Malok [albanisch: Dickkopf]. „Du kannst an allem sparen, aber nicht am Kind! Bist du wahnsinnig? Signorino soll keine Bio-Windeln mehr tragen? Was kommt als nächstes? Vielleicht verkaufen wir auch noch seinen Autositz?“ schimpfte ich los, stand ruckartig auf, stützte die Hände auf dem großen Esstisch ab und versuchte ihn mit einem Blick zu töten. Leider gelang es mir nicht. Er saß mir immer noch bockig, mit verschränkten Armen gegenüber und starte den Kontoauszug an.

Die Fronten waren verhärtet. Wenn wir nicht bald einen neutralen Posten finden würden, auf den wir beide verzichten konnten, dann würde einer heute Nacht auf der Couch schlafen. Und das war ganz sicher ich! Allein schon um des Römers Schnarchen und Signorinos erhöhtem Platzbedürfnis zu entgehen.

Ich stellte mich hinter ihn und guckte über seine Schulter. „Da.“ sagte ich knapp. „Wasser- und Saftlieferung. Ich denke, das sollte kein allzu großes Problem sein, wenn wir für ein paar Wochen oder Monate darauf verzichten würden.“ Er antwortete nicht, strich den Posten aber dennoch durch. Ein erster Erfolg in dieser italbanisch-deutschen Verhandlung.

„Ecco! [Hier!] Meine Fachzeitschrift werde ich aussetzen können. Das Zugeständnis mache ich – für meine Familie.“ erwiderte er provozierend. Ich überging großzügig seine Provokation und bedankte mich überschwänglich. Dazu legte ich meine Hand freundschaftlich auf seine Schulter. „Okay, hier – der teure Windelbalsam für Signorino. Er ist ja nun kein Neugeborenes mehr. Sein Popöchen wird auf die allgäuer Bio-Apotheken Creme verzichten können – hoffe ich.“ lenkte ich ein.

Er nickte zufrieden und strich den Posten durch.

Ein paar weitere, kleinere Posten fanden wir, die nicht überlebenswichtig waren. Am Ende bedankte ich mich bei ihm und setzte mich zufrieden auf die Couch.

„Ah, die Kreditkarte mit der 45 am Ende ist übrigens deine.“ klärte mich der ungefragt auf. „Ja, ja, ich weiß. Warum?“ gab ich – in eine Zeitschrift vertieft – zurück. „Weil ich gespart habe – ganz wie du wolltest.“ antwortete der Römer mit leuchtenden Augen. Ich schaute ihn indessen fragend an. „Abbiamo risparmiato un sacco. [Wir haben einen Haufen gespart.] 151 Euro per essere preciso. [151 Euro um genau zu sein.] Stell dir vor, der Kaschmir-Pulli hätte vorher ganze 250 Euro gekostet. Und jetzt zahlen wir nur noch 99 Euro. Super, oder?“ strahlte er mich freudig an.

Ich fiel vom Glauben ab.

„Du scherzt, oder?“ fragte ich knapp.

Ma tu hai detto che dobbiamo risparmiare. [Aber du hast gesagt, dass wir sparen müssen.] Und jetzt haben wir gespart. Für die gesparten 151 Euro sind auch locker Signorinos Bio-Windeln drin.“ informierte mich der Römer freudig.

Ich legte mein Gesicht in meine Handflächen und schüttelte den Kopf. „Ich geb’s auf!“ sprach ich in meine Hände. „Was ist denn nun schon wieder nicht okay?“ fragte der Römer.

Die Antwort blieb ich ihm schuldig. Aber der hellblaue Kaschmir-Pullover steht ihm ganz ausgezeichnet.

Audio – Bei Farnientes gibt’s heute Sushi

Liebe Leser,

ich habe meine Audiodatei schon einmal vor einigen Tagen hier gepostet. Es war und ist ein Herzensprojekt Ihnen meine Geschichten selbst vorzulesen.

Allerdings ist mir aufgefallen, dass ich die Komponisten der Eingangsmusik nicht nach Erlaubnis gefragt habe.

Also schrieb ich Oliver Astrologo und der apulischen Gruppe „Sciamaballà“ eine Email. Beide antworteten überaus nett und herzlich. Sie erlaubten mir die Nutzung ihres Stücks als Intro. [Das dazugehörige Video finden Sie hier: klick]

Deswegen, heute, nur für Sie noch einmal meine Lesung von „Bei Farnientes gibt’s heut Sushi“.

Warnung!

Kennen Sie das? Sie lesen ein Buch und in ihrem Kopf fügen Sie automatisch Bilder dazu ein. Die Hauptdarstellerin sieht für Sie vielleicht aus wie Grace Kelly und der widerwärtige Nebendarsteller wie ihr unsympathischer Cousin Markus mit den derben Sprüchen?

Doch dann passiert es: Einige Monate danach sehen Sie (zufällig) die verfilmte Version des Buches. Doch die Schauspieler scheinen so gar nichts gemein zu haben mit den Personen, die Sie in Ihrem Kopf in liebevoller Kleinstarbeit zusammengesetzt haben.

Sollte Ihnen das so – oder so ähnlich – schon einmal passiert sein, dann klicken Sie nun auf das kleine [X] oben rechts. Schließen Sie den Beitrag und genießen Sie den restlichen Tag.

Wenn Sie dennoch weiterlesen, dann nur auf eigene Gefahr:

Ich – in meiner damaligen, letzten Schwangerschaftswoche, gebe Ihnen nun die Möglichkeit diesen Beitrag zu schließen

Nun gut, Sie wollten es so:

Ich habe mein Personenregister (Haupt- und Nebendarsteller) überarbeitet. Schon lange war es mir ein Dorn im Auge, denn es war ein einziger Haufen hastig hingeworfener Darstellernamen. Ordnung musste endlich her!

Gesagt – getan. Und wo ich gerade dabei war, dachte ich, dass ich auch gleich das ein oder andere Bildmaterial einfüge. So kam es also, dass ich, Eva Farniente, nun gar nicht mehr so anonym durch’s Internet rausche. Auch den Römer, den Einen und den Anderen kann man erahnen.

Dennoch: Signorino, Turtle und Ova bleiben ein Phänomen. Der Erstgenannte, weil er noch so klein ist und mit 18 Jahren ganz allein entscheiden darf, welche Bilder von ihm ins Internet katapultiert werden und die beiden Letzteren, weil ich weiß, dass sie sehr verschwiegene Personen sind.

Nun denn, viel Spaß! Und kommen Sie mir hinterher nicht mit: Ich hätte Sie nicht eindringlich gewarnt!

P.S.: Da ich aber keine Influencer-Mutti bin, ist und bleibt das Fotomaterial bis auf weiteres das einzige. Es gibt keine liebevollen Insta-Stories, wo ich Ihnen Tee, Haarspülungen und Gesichtscremes aufschwatzen will (mit Rabattcode 40% günstiger!!) und es wird keine 10 Min HIT Workouts (das würde ich auch nicht durchhalten!) geben. Ich hoffe, Sie verkraften das und begnügen sich weiterhin mit den Geschichten auf meinem Blog!

Wie der Römer und ich uns kennen lernten (Teil 2)

Tadaaaa! Da ist er: Der überarbeitete Teil 2 unserer Kennenlern-Geschichte.

Sie haben den großen Vorteil, dass Sie nicht Jahre mitfiebern müssen (sowie der David Hasselhoff des Nordens: christophrox), was denn nun zwischen uns ist. Sie können das Endergebnis bewundern: Ich heiratete am Römer den Römer und wir haben letzten Dezember einen Signorino bekommen.

Genießen Sie Teil 2: [klick]

Mindfulness

Wissen Sie, ich würde gerne etwas über „Mindfulness und Selbstoptimierung“ schreiben, weil man das momentan so macht. Ich hatte schon die genauen Zeilen im Kopf, sie waren wie in Stein gemeiselt als ich Signorino für sein Nachmittagsschläfchen ins Bett brachte. Dann beging ich den Fehler und setzte mich an den Laptop – neben den Römer.

Ich hatte noch nicht einmal das Wort „Mindful“ abgetippt, da fragte er: „Amoooore!“ fragte er. „Magst du auch eine Orange?“

Ich bedankte mich für den lieben Gedanken, schüttelte den Kopf und teilte ihm mit, dass ich jetzt gerne etwas schreiben würde. „Ah! Capisco! Non ti preoccupare. Non ti disturbo più.“ [Ah! Verstehe! Keine Sorge. Ich störe dich nicht weiter.]

Als ich gerade das U des Wortes Mindful tippte, hörte ich den Römer unter lautem Stöhnen wie er die Schale von der Orange zu befreien versuchte. Wenn Sie sich jetzt fragen, ob man nicht normalerweise die Orange von der Schale befreit, dann haben Sie absolut Recht. Aber vertrauen Sie mir: In diesem Fall war es eindeutig andersherum. Der Machtkampf begann und die Orange lag samt Schale mit weiter Führung vor dem Römer. Also musste Hilfe her. „Amoooore!! Aiutooo!“ [Schatz! Hilfe!] forderte er eben diese ein.

Ich atmete tief ein und zählte 21…22….23…. Dann wendete ich mich an ihn und fragte, womit ich ihm helfen kann. Natürlich wusste ich bereits das „Womit“, denn seit fünf Minuten beobachtete ich seinen Kampf mit der Orange. Aber ich wollte ihm die Chance geben, zu reflektieren und zurückzurudern, so dass ich meinen Text weiterschreiben hätte können. Sie sehen bereits am gewählten Konjunktiv, dass es nur ein ferner Wunsch bleiben sollte.

„Mazza, è difficile! Non pensavo!“ [Mannometer, das ist schwierig! Ich hätte es nicht gedacht!] beantwortete er mein „Womit“ und ich half ihm, die Orange von der Schale zu befreien. Zugegeben, es war ein sehr widerspenstiges Exemplar. Dennoch hätte man das Problem sicher im Stillen lösen kann.

Nachdem nun die Orange von der Schale befreit war, ich das Wort „mindful“ um das fehlende L ergänzte und weiter schrieb, kaute er auf seiner Orange herum.

Experten sagen: „Als Richtwert gilt, jeden Bissen etwa 30 Mal durchzukauen, bevor er geschluckt wird. Und das ist wichtig, denn kräftiges Kauen von Nahrung regt bei gesunden Menschen den Speichelfluss an.“ Glauben Sie mir, der Römer nahm diesen Rat mehr als ernst. Er kaute mit einer solchen Inbrunst, dass ich bei dem Wörtchen Meditation nur bis Med kam. Dann musste ich wieder absetzen.

„Schatz, entschuldige, aber könntest du etwas leiser kauen?“ fragte ich ihn bemüht freundlich. „Ah…già…certo! Scusa… mangio qualcos’altro.“[Ah…sicher! Entschuldige…ich werde etwas anderes essen]

„Meeeditation“ tippte ich nun zu Ende und versuchte mich wieder in meinem Gedanken einzufinden. Als das gelang und ich weitertippen wollte, kam der Römer zurück. Bemüht leise setzte er sich hin, beugte sich über sein Buch und öffnete eine Tüte. Er kaute wieder, diesmal Nüsse.

Ich weiß nicht in welcher Galaxie Nüsse kauen leiser ist als Orangen mampfen, aber so oder so, es muss eine unheimlich laute Galaxie sein. Das, oder man ist dort schwerhörig.

Ein Räuspern sollte ihn darauf aufmerksam machen, dachte ich. Also räusperte ich mich so wie man sich nur räuspert, wenn man von etwas (oder jemandem) genervt ist. Dann versuchte ich weiter zu schreiben. Leider hatte ich in der Zwischenzeit vergessen, WAS ich schreiben wollte.

Der Römer griff sich wieder eine Hand voll Nüsse. Und kaute. Ich guckte nun zu ihm hinüber und versuchte gegen meine Augen anzukämpfen, die sich zu funkelnden Schlitzen formen wollten. „Senti…“ [Hör mal…] setzte ich an.

Der Römer begriff. Zumindest dachte ich das: „Oh, scusa, amore! Hai raggione! Vuoi anche tu?“ [Entschuldige, Schatz! Du hast Recht! Willst du auch?] fragte er und hielt mir auffordernd die Nusstüte entgegen. Ich sammelte mich kurz, versuchte mein loderndes Pitta-Feuer in Zaum zu halten und bedankte mich dennoch für den netten Gedanken.

„Atmen. Ein- und ausatmen. Die Gedanken ziehen vorbei. Ich beurteile sie nicht. Ich beobachte sie nur und lasse sie auf mich wirken.“ versuchte ich mich zu beruhigen. „Schatz, entschuldige bitte, aber ich versuche gerade etwas zu schreiben und kann mich kaum konzentrieren.“ erklärte ich ihm mit einem sichtbar angestrengt-freundlichen Ton.

„Scusa, amore, scusa veramente. Dai, ti lascio in pace e mene vado.“ [Entschuldige, Schatz, wirklich. Komm, ich lass dich in Ruhe und gehe.] entschuldigte sich der Römer. Ich atmete beseelt auf.

Zurück zum Text: „Mindful sollte eine Meditation sein…“ stand da und ich überlegte, was ich genau schreiben wollte.

Da hörte ich ihn. Den Rasenmäher, der vom fröhlich hinter ihm hertrabenden Römer durch den Garten begleitet wurde. Ich überlegte kurz gegen den Rasenmäherlärm anzuschreien und den Römer darauf hinzuweisen, dass das nicht gerade zu meiner Konzentration beiträgt. Doch ich wählte einen anderen Weg.

Ich löschte den Großteil meines Satzes und ergänzte ihn mit „Mindfulness am Arsch.“ Danach klappte ich meinen Laptop zu. Ich ging in die Küche, machte mir einen Espresso und atmete tief ein und aus. „Mindfulness…pff“ murmelte ich und schüttelte ungläubig den Kopf.

Der Sohn einer Mutter

In meinem Leben wurde es mir einfach gemacht all die richtigen Entscheidungen für mein Leben zu treffen:

Ich bin das letzte von vier Kindern, verwöhnt von Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit. Auch wenn es viele Unstimmigkeiten zwischen meinen Eltern gab und gibt, wusste ich, im Notfall sind sie für mich da und holen mich schluchzend, frierend und verzweifelt ab. Sie sind meine Eltern. Egal was passiert. Als der Römer hierher gezogen ist und wir finanziell mehr als schlecht standen, boten sie uns an, uns unter die Arme zu greifen. Ich fragte nie danach. Sie waren einfach für uns da. Finanziell und emotional unterstützend. Als ich über den Römer herzog, wusch mir mein Vater den Kopf. Eine Ehe ist nicht nur Sonnenschein und 365 Tage im Jahr Schokoladeneis mit Sahne und Kirschen. Ich war sauer auf ihn, auf die Welt, aber dann verstand ich.

Es war mir ein leichtes durch ihre Unterstützung den richtigen Weg zu wählen. Weil ich in einer Familie mit Rückhalt aufgewachsen bin. Weil das Schicksal mich in diese Familie geschickt hat. Ich hatte Glück. Nicht mehr und nicht weniger. Viele meiner Entscheidungen sind nicht mein Verdienst. Es war eine glückliche Fügung Gottes.

Heute gingen der Römer und ich mit Signorino im Kinderwagen spazieren. Wir kauften Mineralsalze für den Kleinen (Bei Koliken und wer daran glaubt: Die Nummer 20 ist der heiße Tipp – und die Nummer 7). Die Kasse zeigte: 4,95 €. Wir kauften im Drogeriemarkt diverse Sachen ein: 42,89 €.

Wir gingen mit vollen Tüten nach Hause, ließen diese dort stehen und wollten noch eine Runde am Fluss spazieren gehen. Eben aus der Tür, 80 Meter von unserem Haus entfernt, kommt uns ein junger Mann entgegen. Mein Alter. Abgetragene, aber ordentlich gewaschene Kleidung. Ich nehme ihn gar nicht richtig war. Er geht an uns vorbei. Nach 5 Metern dreht er sich um, sagt zögernd „Entschuldigung,…“ in den grauen Winterhimmel. Er meint uns. Wir drehen uns um – Kinderwagen fest im Griff. Wir mustern ihn. Er trägt einen roten Kapuzenpulli, die Kapuze über das mittelbraune, kurze Haar gezogen. Schlank ist er, aber nicht hager. Eine khakifarbene Bomberjacke, Jeans, ein kantiges Gesicht. Markante Wangenknochen. Braune, verunsicherte Augen.

„Entschuldigung, ich weiß, ich will euch gar nicht lange aufhalten…nur… es ist…“ Er stockt. Er guckt uns verängstigt an. Sein Körper: angespannt. Wie ein scheues Tier steht er da. Ich lächle ihm aufmunternd zu. Er macht weiter. 5 Meter von uns entfernt. Er hat Angst näher zu kommen.

„Ich wollte nur fragen, wie das ist. Ob ich vielleicht nach einer Spende fragen kann… weil…“ Er will sich verlegen ins Haar fassen, doch da ist die Kapuze.

„Also es ist so… ich wurde vor drei Wochen aus dem Gefängnis entlassen und ich weiß, es ist doof nach einer Spende zu fragen. Aber ich weiß nicht, ob ihr sie kennt: Die Notunterkunft in der Schmidtstraße. Ich kann sie mir nicht leisten und die Nächte sind momentan eiskalt. Es ist nur so: Das Jobcenter zahlt noch nicht für mich, auch nicht für die Notunterkunft. Die verrechnet die Caritas direkt mit dem Arbeitsamt, aber da bin ich noch nicht freigeschaltet und jetzt muss ich Leute fragen, ob sie mir helfen können. Es ist Winter und es ist kalt. Im Sommer würde ich gar nicht fragen, aber ich wurde doch erst vor drei Wochen entlassen… und…“ Er redet viel zu schnell, rechtfertigt sich für Dinge und Situationen, wiederholt sich, er möchte jetzt wahrscheinlich überall sein, nur nicht hier, das Paar mit dem Kinderwagen fragend, ob sie helfen können.

Ich unterbreche ihn: „Darf ich dich fragen wie viel die Notunterkunft pro Nacht kostet?“ Ich lächle. Er soll keine Angst haben. Er muss keine Angst haben.

„2,50 Euro pro Nacht. Nur, die hab ich nicht. Ich kann’s mir nicht leisten.“ Er guckt betroffen. Wir gucken betroffen.

„Amore, hast du Scheine in deinem Geldbeutel? Ich habe keinen Geldbeutel mitgenommen.“ frage ich den Römer. Signorino liegt in der Zwischenzeit in seinem Kinderwagen, seelig schlummernd, geliebt und warm eingepackt an diesem kalten, grauen Tag. Der Römer nickt und kramt in seiner Tasche. 15 Euro – mehr haben wir leider nicht dabei.

Der Römer guckt mich an. Zögernd. Den jungen Mann. Mich. Das Geld. Unseren Sohn. Er geht zu dem armen Kerl.

„Hier. Für dich!“ und drückt ihm die 15 Euro in die Hand. Er klopft ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Das ist jetzt nicht euer Ernst? Ist das euer Ernst? Das sind sechs Nächte!! 6 Nächte!! Ihr verarscht mich, oder?“ Der junge Mann hat Tränen in den Augen. Ich auch.

„Nein, nein. Guck, dass du wieder auf die Beine kommst. Das Leben ist nicht nur hart und gemein. Wir drücken dir die Daumen. Wirklich!“ sage ich und meine es auch so.

„Danke.“ schnieft er und versucht sich zusammenzureißen. „Das hat noch nie jemand für mich getan.“

Der Satz trifft und hallt noch lange in meinem Kopf nach. „Das hat noch nie jemand für mich getan…“

Ich will ihn in dem Moment umarmen, aber ich trau mich nicht. Er ist der Sohn einer Mutter. Er war genauso ein unschuldiges Baby wie Signorino und steht nun auf der Straße und freut sich über 15 Euro als hätte sich ihm eine Welt eröffnet.

Nicht jeder hat Eltern wie meine oder die des Römers. Nicht jeder hat so viel Glück im Leben. Nicht jeder hatte eine Kindheit über die nur zusagen bleibt, dass sie „schwierig war“, weil die Eltern viel gestritten haben. Nicht jeder hatte das Glück, dass einem die Elten Werte und Normen vermittelt haben, die weit über die üblichen „Halte die Tür auf, wenn jemand hinter dir geht“ hinausgehen. Nicht jeder hat Eltern, die einen mit offenen Armen empfangen, würde man aus dem Gefängnis kommen. Nicht jeder wurde mit Liebe und Aufmerksamkeit in seinem Leben überhäuft.

Nicht jeder konnte die richtigen Entscheidungen in seinem Leben treffen.

Ich konnte. Der Römer konnte und hoffentlich kann auch der kleine Signorino.

Eine Entscheidung, die ich immer wieder treffen würde: „Hilf Menschen in Not, wenn du die Möglichkeit hast. Das ist deine Pflicht – als Christ, als Moslem, als Mensch.“ Ein Wert, den ich von meinen Eltern gelernt habe.

Du weißt nie, ob du jemals in seinen Schuhen steckst. Dann möchtest du keine abschätzigen Blicke ernten. Du willst kein Kopfschütteln von gut gekleideten Investment-Bankern sehen. Was sind schon 15 Euro für die gesunde Mittelschicht? Einmal Kaffee trinken und Kuchen essen gehen zu zweit? Ein Einkauf bei DM? Ein Zoobesuch?

Aber für ihn ist es vielleicht ein Hoffnungsschimmer. Hoffnung, dass nicht alles komplett scheiße ist. Hoffnung, dass sich das Kämpfen lohnt. Hoffnung, dass man nicht aufgeben darf.

Ich hoffe, der junge Mann kommt auf die Beine.

Denn am Ende ist jeder nur das Kind einer Mutter. Nie habe ich den Satz so gut verstanden wie jetzt. Jetzt, wo ich die Mutter von Signorino bin.

This is no dobre-dan-country

Sie sind stolz auf ihre Sprache, keine Frage. Über 7,6 Millionen Menschen sprechen Albanisch. Dieser erlesene Kreis von Albanisch Sprechern macht die Sprache wahrscheinlich so besonders.

Und das ist sie auch: ein ganz eigener Zweig der indogermanischen Sprachen gehört der albanische Sprache. Gelispelte Laute wie th und dh (und ja, da gibt es Unterschiede), gj das bei mir Krämpfe in der Zunge auslöst, ll-Laute, die zu Atemnot führen und ë das eigentlich eher ein ö ist, machen diese Sprache schwierig. Und von grammatikalischen Konstrukten möchte ich gar nicht erst anfangen. Deswegen beschränkt sich meine Konversation auch auf „Danke, gut! Und dir?“ und den üblichen Tageszeit abhängigen Grüßen.

Miremengjes oder Guten Morgen hätte man wohl im letzten Juli gesagt, so früh ging unser Flug nach Tirana. Es stand mal wieder eine Hochzeit an. Diesmal heiratete Toni, der Neffe vom Römer. Mit seinen 25 Jahren war er spät dran (für albanische Verhältnisse), aber was lange (höhö) wärt, wird endlich gut.

Wie manche meiner werten Leser wissen, arbeite ich bei einer deutschen Fluggesellschaft. Das bringt viele Vorteile mit sich, z.B. vergünstigte Flüge, FALLS (und hier kommt der Haken) noch Plätze frei sind. Nun, im Juli waren wenige Plätze frei. Um nicht zu sagen keine. Als wir online eingecheckt haben, schaute ich noch einmal nach den Passagier-Zahlen. Wenn wir nicht auf den Tragflächen mitfliegen wollten, dann wäre es eine glückliche Fügung wenn in letzter Minute ein (oder besser zwei) vollzahlende Passagiere ihren Flug verpassen würden oder aber stornieren.

Am Gate angekommen, drängte sich eine Menschentraube von reisewütigen Albanern. Juli. Ferienzeit. Jeder unbequeme, aber doch so moderne Sitzplatz in der Wartehalle war besetzt. Das sah nicht gut aus.

Als Mitarbeiter hat man die Möglichkeit einen „Jump Seat“ anzufragen. Dafür muss man sich in eine Liste eintragen und der Kapitän entscheidet, je nach ermessen, Auslastung und Gewichtsverteilung des Flugzeugs, ob er das genehmigen kann oder nicht.

Ich nahm meinen Mut zusammen und tigerte zu den Gate-Kollegen, die fleißig in ihrem PC rumhakten und schon äußerst gestresst wirkten. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf: „Einen wunderschönen guten Morgen!“ fing ich an. Die Kollegin blickte kurz auf. Lächelte. Das war ein gutes Zeichen. „Ganz schön viel Stress für euch heute, was?“ setzte ich fort. Erst einmal Mitgefühl zeigen. Dann mit der Bombe ins Haus fallen. „Ich bin Kollegin.“ machte ich mutig weiter. Nun wurde ich von oben bis unten gemustert. „Und ich wollte ganz lieb fragen, ob wir uns auf die Jump Liste setzen dürfen?“

Die Kollegin guckte verwundert. „Auf die Jump Liste? Der Flug geht nach Tirana!!“ gab sie irritiert zurück. „Ja, genau da wollen wir hin.“ Ich zeigte auf den Römer. „Sein Bruder heiratet.“ Ich lächelte. Naja, Bruder, Neffe, in diesem Moment nehme ich es mit der Wahrheit nicht so genau. „Ach, das ist ja schön.“ gab die Kollegin zurück und schob mir die Liste zu. „Einmal bitte alle Details eintragen. Ihr fliegt beide bei uns, oder?“ fragte sie lächelnd. „Ich ja, der Römer nur privat. Aber er ist Jump erfahren.“ Das letzte Detail dieses Satzes stimmte nicht, aber die Kollegen haben wohl kaum Lust jemand absolut unerfahrenen zu erklären, was er im Notfall zu tun hat. „Ach super. Ich ruf schon mal den Kapitän an. Ihr könnt Platz nehmen oder euch einen Kaffee holen. Das wird ein bisschen dauern.“ erklärte uns die Kollegin.

Der Römer hörte nur das Wort caffé und war Feuer und Flamme, die Anweisung der Kollegin zu befolgen. Nach einem Espresso später, zurück am Gate, mittlerweile mit einem wachen Römer, waren so gut wie alle Gäste eingestiegen. Wir warteten. Nachdem kein Gast mehr anstand und der, wie es schien, letzte Bus zum Flugzeug abgefahren war, wurden wir aufgerufen.

„Aaaaalso, ihr Süßen“, begann die mittlerweile sichtlich entspannte Kollegin, „für den jungen Mann haben wir einen Sitzplatz. Sogar einen Fensterplatz. Also ganz klasse! Für dich“, sie guckte nun mich an, „haben wir einen Jump Seat. Im Cockpit. Deinen Mitgliedsausweis hast du dabei?“ fragte sie. „Klar, der ist hier.“ antwortete ich und zeigte ihn vor. „Na super, dann bestell ich euch einen Bus und euch zwei Hübschen eine tolle, tolle Hochzeitsfeier in Dingens…ääh…Tirana.“ wünschte sie uns. Wir bedankten uns überschwänglich und gingen zum Bus.

Im Flugzeug angekommen bedankte ich mich bei der diensthabenden Crew für den Jump Seat. Im Cockpit wurde mir mein Sitz umgeklappt, ich zurrte mich fest und wir hielten einen sehr langen (1:30h) Smalltalk.

Ich bekam auch Kopfhörer um mitzuhören, was der Co-Pilot Stefan mit der Flugsicherung besprach. Wir flogen über Österreich, der Co-Pilot begrüßte die österreichische Flugsicherung mit einem herzlichen „Servus, Airline XY 123…„. In Kroatien angekommen begrüßte er die Flugsicherung mit einem freundlichen dobre dan – nicht ganz korrekt, aber man Verstand und schätzte den Gruß. Generell bleibt zu sagen, dass viele Piloten, die für’s Funken zuständig sind, gerne als Wertschätzung den landestypischen Gruß beim ersten Kontakt mit der neuen Flugsicherung benutzen. Also Buongiorno in Italien und Buenas dias in Spanien, usw..

Als wir dann in den albanischen Luftraum eintraten, begann der Co-Pilot wieder mit einem äußerst freundlichen dobre dan, gefolgt von unserer Flugnummer.

Ich guckte gespannt, wusste ich doch, dass dobre dan nicht nur der falsche Gruß ist, sondern auch noch, je nach Gesprächspartner, nicht gerade freundlich aufgenommen wird. Fünf quälende Sekunden passierte nichts. Als der Co-Pilot wieder anfangen wollte mit dobre dan kam eine Antwort von der albanischen Flugsicherung. Erst war nur ein Räuspern zu hören. Dann ein Schlucken und dann kam mit tiefer, ernster, akzentreicher Stimme: „Sir, this is no dobre-dan-country!!!“ Ich lachte Tränen. Stefan war sichtlich rot geworden und stammelte „Ääääh…ähhh….I mean, good morning….anyway… Airline XY 123…“ Und das Gespräch ging weiter.

Als er eine kurze Funkpause hatte, stammelte er: „Ich dachte, ganz Osteuropa sagt dobre dan oder zumindest etwas in der Art.“ Ich lachte. „Alle – bis auf Albanien. Sie sprechen keine slawische Sprache und deswegen sind sie no dobre-dan-country.“ antwortete ich. „Mensch, voll in die Nesseln gesetzt. Wie mach ich das wieder gut? Er scheint ja sehr nüchtern zu sein.“ gab Stefan zurück. „Sag doch beim Verabschieden einfach „Danke, Auf Wiedersehen“ auf Albanisch.“ wendete ich ein. „Okay, schreib mir das mal hier auf den Block. Das hört sich gut an. Wir müssen ja schließlich wieder zurückfliegen. Und bei meinem Glück wird es keinen Schichtwechsel geben.“ sagte der Co.

Ich notierte ihm „Faleminderit. Mirupafshim.“ übte ein paar Mal mit ihm und war sichtlich stolz als er es höflich zur Verabschiedung vortrug. Zurück kam ein erfreutes „Mirupafshim.“ Sie waren wieder Freunde.

Angekommen in Tirana wartete ich an der vorderen Tür des Flugzeugs auf den Römer. Neben mir die nette Kabinenkollegin und der Co Stefan, die beide den Gästen Auf Wiedersehen sagten. Stefan, mit seinen neuen Sprachkenntnissen, zauberte jedem Albaner ein Lächeln ins Gesicht als er sich bei ihnen auf Albanisch bedankte und verabschiedete. Als der Römer vorbeikam, hakte ich ihn unter, bedankte mich nochmal bei der Crew und verabschiedete mich. „Faleminderit. Mirupafshim.“ sagte Stefan augenzwinkernd.

Auf der Flugzeugtreppe sagte der Römer: „Siehst du, sogar der Co konnte zwei Wörter Albanisch. Das finde ich toll. Albanisch wird immer wichtiger.“ Ich musste grinsen: „Ja, den Eindruck habe ich auch….“

Zeit zu verschenken

Das Zeitgefühl eines jeden Menschen variiert. Wie variabel es jedoch sein kann, erfuhr ich allerdings erst mit dem Römer. „Ich bin nur schnell fünf Minuten im Bad.“ sagte der Römer und schlängelte sich an mir vorbei. Unter dem Arm eine bekannte, italienische Tageszeitung. Da hätte ich schon skeptisch werden sollen. Wurde ich aber nicht. Stattdessen dachte ich, halb zurecht gemacht im Hausflur: „Na gut. Was muss, das muss! Fünf Minuten sind fünf Minuten.“

Wie falsch ich doch damit liegen sollte. Er meinte keine deutschen fünf Minuten. Er meinte italienische fünf Minuten. Nach 15 Minuten klopfte ich. „Scusa, amore! Ma devo uscire. [Entschuldige, Liebling! Aber ich muss aus dem Haus]“ sagte ich zaghaft. „Si, si, un attimo.“ [Ja, ja, einen Moment.] kam zurück. „Ein Moment ist ein Moment. Also maximal eine Minute.“ Wie man sich nur zweimal innerhalb so kurzer Zeit täuschen kann, ist selbst mir ein Rätsel.

Nach einem weiteren Moment hörte ich ihn wie er die Zeitung umblätterte.

Besser spät als nie: Meine Skepsis war geweckt. Ich wartete drei Anstandsminuten und klopfte wieder. „Senti, [Hör mal] mit einem Moment meintest du einen italienischen Moment oder einen deutschen?“ fragte ich ihn mittlerweile leicht knurrend.

„Die Definition von Moment ist doch überall gleich.“ antwortete er gelangweilt und blätterte anscheinend wieder um.

„Ein Moment inkludiert im Deutschen nicht das 20-minütige Zeitung lesen im Bad während ich in fünf (!) echten, deutschen Minuten aus dem Haus muss. Ein Moment„, fuhr ich weiter fort, „ist ein kurzer Augenblick. Eine geringe Zeitspanne. Die Zeit, die es braucht, die Aktion, die du gerade ausführst, zu Ende zu bringen und dich dann den angeforderten Belangen zu widmen.“ erklärte ich ihm ausführlich.

„Si, sto per finire.“ [Ja, ich bin gerade dabei fertig zu werden] meckerte er und man hörte wie er die Zeitung beiseite legte.

Ich seufzte und setzte mich ins Wohnzimmer. Ich schrieb dem Anderen: „Es tut mir Leid, es wird etwas später. Rechne mit 10-15 Minuten. Die italienische Zeitangabe geht nicht einher mit meiner deutschen.“

Nach weiteren fünf Minuten kommt der Römer gut gelaunt aus dem Bad. „Also, ich weiß gar nicht, was du hast? Du stehst ja wirklich mit der Stechuhr vor der Tür und achtest haarklein darauf, dass es fünf Minuten sind. Fünf Minuten e‘ solo un detto. [Fünf Minuten sagt man doch nur so] Genau wie „einen Moment, bitte“. Das ist doch nur eine Floskel für „es kann noch dauern„.“

„Im Deutschen nicht!“ setzte ich ihm entgegen, mittlerweile im Bad angekommen und mich zu Ende schminkend. „Siete troppo precisi!“ [Ihr seid viel zu genau], gab der Römer zurück, „Deswegen seid ihr auch so angespannt. Zeit ist doch etwas fließendes, flexibles. Man darf sich auch überhaupt nicht ärgern, wenn jemand zu spät kommt. Er hat sicher seine Gründe. Du setzt dich einfach in ein Café und genießt das Vogelgezwitscher und die Sonne während du wartest. Du hast sozusagen, wartend, einen Moment Zeit geschenkt bekommen, nur für dich, ganz unerwartet. Ist doch toll?“

„So habe ich das noch nie gesehen.“ antwortete ich verdutzt. „Siehst du! Und jetzt hast du einen Moment Zeit geschenkt bekommen von mir und der Andere hat einen Moment Zeit geschenkt bekommen von dir.“ erklärte der Römer.

Mittlerweile fertig zurecht gemacht, nahm ich meine Tasche, zog meine Schuhe an und entgegnete: „Und jetzt bekommst du einen Moment Zeit geschenkt von mir. Nur du und der Abwasch. Genieß es, amore mio. A dopo! [Bis später]“

Zurück ließ ich einen verdutzten Römer. Zeit zu verschenken klappt gamz hervorragend.

Etwas Zeit in Vancouver – an der Dampfuhr.

Von der Küchenmuse geküsst

Heute hat mich nachts die Muse geküsst. Anders kann ich es mir nicht erklären. Es fing heute morgen alles ganz harmlos an mit einem Rezept, dass ich heute auf meiner italienischen Koch-Lieblingsseite gesehen habe. Ich las das Rezept für eine einfache Tomatensauce und war wie vom Blitz getroffen. „Ach soooooo geht das!“ murmelte ich fasziniert vor mich hin.

Um allerdings meine geteilte Beziehung zur Küche zu beschreiben, muss ich etwas weiter ausholen. Es fing in meiner Kindheit an. Meine Mutter kochte solide. Nicht besonders passioniert, aber absolut in Ordnung. Eine gesunde Mittelklasse Küche würde ich im Nachhinein sagen. Die Einflüsse waren eindeutig bayerisch in jeglichen Variationen. Die Kunden meines Vaters, die ihm seinen Dank oftmals in Form von ganzen Martinsgänsen und Rinderkeulen aussprachen, beeinflussten das Kochverhalten meiner Mutter. Unter lautem Gezeter und Beschwerden verarbeitete sie dieses Fleisch zu Sonntagsbraten und Gulasch.

Wer allerdings richtig gut kochte und backte war mein Opa. Von der saftigen Eierlikörtorte (Herrentorte) bis zum Pichlsteiner (ein kräftiger Fleisch- und Gemüseeintopf) wusste er alles zuzubereiten. Seines Zeichens erzkatholisch freute ich mich immer besonders auf die Freitage. Jegliche Freitage waren von Süßspeisen geprägt, da Fleisch strengstens verboten war an diesem Tag. Als Kind waren das selbstredend meine Lieblingstage. Duftende Apfelküchlein, Marmeladen gefüllte Pfannkuchen, köstliche Rohrnudeln mit Zimt und Zucker bestreut oder auch sein sagenumwobener Kaiserschmarrn begleiteten mich durch meine Kindheit. Ich war fasziniert von seinen Kochkünsten.

Als ich mich selber mehrmals daran versuchte, wurde ich zwar für das Endprodukt gelobt, gleichzeitig wollte man mich aber zum Teufel jagen aufgrund der Unordnung in der Küche. Also beschränkte ich meine Kochkünste auf das allernötigste, je älter ich wurde. Morgens gab es meist eine schnelle Butterbreze auf die Hand, Mittags wurde im nahe gelegenen „Food Plaza“ des Shoppingcenters neben meiner Arbeit gespeist und abends beschränkten sich meine Kochkünste auf Butterbrot und Suppe.

Als ich mein Leben den ewigen, weiten Lüften verschrieb, aß ich meist aus den Aluförmchen das, was an Bord übrig blieb. Besonders wählerisch war ich nicht. Auf Kurzstrecke wurde es schon mal ein Salat, da ich die Brötchen, Schokoriegel und Chipspäckchen nicht mehr sehen konnte. Abends im Hotel war es meist zu spät für Roomservice und wenn, endete es mit einer Currywurst oder einem Burger.

Wer aber immer Sorge trug, dass ich ordentlich und ganz besonders fantastisch aß, war der Römer. Mit Leidenschaft und „viel amore“ (Klischee Ahoi!) kochte er die besten Pastasaucen, experimentierte mit apulischem Reis und Garnelen, kochte uns pollo al limone (Hähnchen in Zitronensauce) und überraschte auch schon mal mit einer focaccia barese. Ab und zu kochte ich, wenn der Römer keine Lust hatte, doch ich war etwas beschämt, da ich doch nie qualitativ so gut kochen konnte wie der Römer. Also lief es meist auf einen Bestellservice hinaus.

Seit ich nun nicht mehr fliegen darf und praktisch „Berufsverbot“ habe, der Römer aber gleichzeitig arbeitet, muss ich mich irgendwie selber versorgen. Und heute, mit einem einfachen Rezept für Spaghetti mit selbstgemachter Tomatensauce fing es an. Es schmeckte tatsächlich so gut wie beim Römer. Das musste selbst er feststellen und vertilgte zwei Teller voller Spaghetti.

Ich war erstaunt. Woher konnte ich das plötzlich? Gleichzeitig war ich motiviert. Jetzt noch schnell ein Brot gebacken. Ich wagte mich an dieses Thema und was soll ich sagen? Im ganzen Haus duftet es fantastisch nach frischem Brot. Man kann es nicht mit gekauftem Brot vergleichen, absolut nicht. So saftig, fluffig und wohl duftend schmeckt wahrscheinlich nur selbstgemachtest Brot. Das Beste daran ist aber: Es war blitzschnell fertig. Ein bisschen Hefe, ein bisschen Mehl, Salz, Gewürze und fertig.

Ich werde noch zur Küchenfee. 😀

Neuigkeiten aus Rom

Als wir vor einigen Wochen in Rom waren, da ist etwa passiert. Ich weiß nicht genau, wo es passiert ist. Der Römer weiß es auch nicht. Vielleicht ist es passiert, als wir am ersten Tag einen schönen, langen Spaziergang gemacht haben und in der Galleria Vittorio Emanuele II einen caffé an der Bar getrunken haben. Vielleicht ist es passiert, als wir uns dazu entschieden haben, dass unsere Stammpension nicht mehr unsere Stammpension ist, weil der Eigentümer gewechselt hat und alles schlechter wurde. Vielleicht ist es in dem Moment passiert, wo wir unsere neue Stammpension gefunden haben. Vielleicht ist es beim Frühstücken in Trastevere passiert als ich meine centrifugha numero uno verschüttet habe und Matteo mir eine Neue auf’s Haus brachte. Vielleicht ist es aber auch passiert als wir auf der Ponte Sisto standen, Richtung Vatikan blickten und uns an unsere Verlobung erinnerten.

Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, dass es passiert ist. Und das mit genauer Sicherheit. Konnte ich doch vorher Stunden lang aushalten ohne auch nur einmal eine Toilette aufzusuchen, schaffte ich es kaum eine Stunde. Ging ich vorher nicht vor drei oder vier Uhr morgens ins Bett, war ich in Rom um 23 Uhr müde. Wir waren viel an der frischen Luft und erledigten auch viel in und um Rom, da der Römer noch Unterlagen für seine Berufsanerkennung in Deutschland brauchte, aber früher hielt ich deutlich länger durch? War es die Sonne? Die viele, frische Luft? Oder sehnte sich mein Körper nach Urlaub und nutzte diesen um in Ruhe zu schlafen? Gleichzeitig mutierte ich zum Frühaufsteher. War es vorher für mich eine Qual vor 11 Uhr aufzustehen, war ich nun um 8:30 Uhr hellwach.

„Seltsam wie mich Rom diesmal verändert.“ sagte ich zum Römer. „Ich fühle mich irgendwie komisch.“

„Perché? [Warum?] fragte der Römer.

Ich erklärte ihm all die Veränderungen, die ich beobachtet hatte. Er grinste: „Non è che sei rimasta incinta?“ [Kann es sein, dass du schwanger bist?]

„Alles ist möglich.“ antwortete ich. „Aber wir versuchen es schon so lange. Warum denn ausgerechnet in diesem Monat? Es war stressig, wir haben uns kaum gesehen und hatten kaum Zeit füreinander.“

„Basta una volta!“ [Einmal reicht ja] lachte der Römer. „Nu gut und was soll ich jetzt deiner Meinung nach machen?“ fauchte ich den Römer urplötzlich an. Stimmungsschwankungen. Auch die waren neu. „Wir kaufen einen Test in der farmacia [Apotheke] und finden es heraus.“ schlug er vor. „Okay, Aufgabenteilung: Du kaufst den Test und ich mach den Rest.“ erwiderte ich.

Er wollte anfangen zu diskutieren, aber mein Blick zeigte ihm wohl eindeutig, dass es keinen Diskussionsbedarf gab. Er trottete los. Nach 20 Minuten kam er zurück. In der Hand eine Tüte mit zwei Tests. „Falls der eine nicht funktioniert, habe ich lieber zwei gekauft.“

Ich las die Packungsbeilage und machte mich ans Werk. „Uuuuuund?“ fragte der Römer neugierig. „Ähm… keine Ahnung. Der Test denkt noch.“ gab ich zurück. Der Römer wartete zwei Minuten auf der Bettkante mit mir. „Ich geh‘ und schau mal nach.“ sagte er und ging ins Bad. „Amooooore was bedeuten zwei rosa Linien?“ rief er ins Schlafzimmer. Ich rannte ins Badezimmer. „Äääh… schwanger wohl!“ Ich konnte es nicht fassen. „Nooooo, aspettiamo un bambino?“ [Neeeein, wir erwarten ein Kind?]

Der Römer war außer sich vor Freude, während ich es einfach nicht fassen konnte. Wir erwarten tatsächlich ein Kind!