Traummann mit Macken

„Bitte jammern Sie leise!“ möchte ich der jungen, blonden Dame im Bürgeramt (= KVR, Bürgerbüro, Gemeinde; jeder Ort hat einen anderen Namen) zuraunen, doch die Pausen, in denen sie Luft holt, sind rar gesät. Zu allem Überfluss ist meine Reaktionsfähigkeit durch akuten Schlafentzug auch noch stark verlangsamt. Eine ungute Kombination, wenn Sie mich fragen.

Schrecklich sei das alles, sagt sie und seufzt ein bemerkenswert bemitleidenswertes Seufzen. Und überhaupt, sie sei erst 29. Da wären andere schon verheiratet und hätten ein Kind.

„Ja, ich zum Beispiel.“, denke ich und möchte die Hand heben, „Rede weniger, reise mehr und irgendwann bleibt schon einer an dir kleben wie ein Insekt an einem gefräßigen Sonnentau. Er wird dein Klagelied über das Leben, die schreckliche Bowl mit den steinharten Falafel Bällchen und dem arroganten Kellner in der Taunusstraße schon ertragen.“ Ich erschrecke etwas über meinen unangebracht arroganten und zynischen Gedanken – doch schiebe es darauf, dass mein Gehirn im stickigen Bürgeramt mit Maskenpflicht nicht genug Sauerstoff bekommt.

Dennoch räuspere ich mich um ein passiv-aggressives Statement zu setzen. Mehr traue ich mich nicht. Doch sie bemerkt es eh nicht. Besser so, denn in Wahrheit bin ich genervt und fasziniert zugleich von dem, was sie da seit Minuten am Telefon von sich preisgibt.

Sie heißt Sofia und telefoniert mit ihrer Freundin Leonie. Das haben wir neugierigen Beihörer schon in den ersten Minuten ihres Telefonats klären können. Ihre Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Sofia sehr viel redet ohne Luft holen zu müssen, Leonie sie im Gegenzug dafür nicht unterbricht und ihr zustimmt… oder mit einem Ohr zuhörend ein Klatschmagazin liest. So genau konnte ich es noch nicht herausfinden.

Ihre Dates, sagt sie, seien überhaupt nicht mehr die selben. Schwierig sei das alles. Sie seufzt erneut und man fühlt sich bei jedem weiteren Seufzer dem Weltuntergang wieder ein Stückchen näher. Wäre sie doch nur bei Markus geblieben. Er war der Richtige: gut aussehend, ein Gentleman, ein paar Jährchen älter (aber nicht so alt, dass die Leute anfangen würden zu tuscheln), geschieden, hatte eine Firma. Schlichtweg ein Traummann!

Leider gab es da diesen Mangel, der ihr das Leben schwer machte.

„Sicher die Exfrau.“ mutmaße ich in meinen Gedanken. „Oder die Kinder, die sie nicht akzeptieren. Männer mit Altlasten – das ist sicher nicht so einfach. Moment! Hatte sie überhaupt etwas über Kinder gesagt? Ach, sicher hat Markus Kinder. Zumal, jemand, der….“

Doch meine Gedanken werden harsch unterbrochen, denn es ging weiter in ihrem Text. „Ja, Leonie. Er tut es immer noch!!! Ich weiß doch auch nicht wie ich es ansprechen soll, dass es mir unangenehm ist. Ich fühle mich einfach unwohl dabei!“ Sie seufzt wieder und ich will bereits mitseufzen, konzentriere mich aber lieber auf meine Wartenummer, die hoffentlich nie bei dieser interessanten Unterhaltung auf dem Bildschirm auftaucht.

Ja, es war nicht mehr zu leugnen: Ich brannte bereits lichterloh – aus Neugier, Faszination und zu langen Wartezeiten im städtischen Amt. Jede Telenovela würde ich in diesem Moment links liegen lassen um zu erfahren, was Markus‘ dunkles Geheimnis ist.

Glücklicherweise lies ihre Antwort nicht lange auf sich warten.

„Weißt du, ich bin ja keine 14 mehr. Natürlich bin ich aufgeklärt. Zumindest würde ich mich als aufgeklärte Person bezeichnen. Meine Eltern haben auch mit mir darüber geredet. Wir haben zwar nicht lang und breit darüber diskutiert, aber zumindest die grundsätzlichen Fragen wurden geklärt.“ erzählt sie weiter und strich sich eine blonde Strähne aus dem mutlosen Gesicht.

„Sicher Sadomaso! Das machen doch jetzt alle.“ denke ich und rolle mit den Augen. „Aber ja doch. Da suchst du nach einem Gentleman, alles scheint perfekt und dann sollst du ihn auspeitschen. Oder noch schlimmer: Er dich! Man kann noch so aufgeklärt sein – ich wäre da auch restlos überfordert. Seit es da diese Bücher und diesen Film im Kino gab, drehen alle durch. Besonders, weil…“

Sie seufzt wieder und ich spitze die Ohren, weiß ich doch bereits, dass jeder neuer Seufzer einen neuen Monolog ihrerseits für das Publikum – mich – bereit hält.

„Du hast Recht. Ich werde ihm sagen, dass ich nicht so eine bin.“ sagt sie halbherzig entschlossen und ich feuere sie in Gedanken an: „Richtig so! Sag, dass dir sowas nicht gefällt! Du findest definitiv einen Besseren. Es gibt auch Markusse, die Sadomaso Praktiken komplett daneben finden.“

„Ich kann das einfach nicht. Natürlich habe ich mich eingelesen, aber wie viel kann man schon aus einem schnellen Onlineartikel für sich herausziehen? Ich bin total überfordert.“ ergänzt sie.

„Klar – wäre ich auch. Zumal ich überhaupt keinen Gefallen an sowas finden würde. Ich versteh dich, Sofia aus dem Bürgeramt.“ spreche ich ihr in Gedanken Mut zu.

„Hm… es gefällt mir definitiv. Das ganze Drumherum, die feinen Leute, die schummrige Beleuchtung. Das imponiert mir sehr. Dennoch weiß ich, dass ich dort nicht hingehöre. Weißt du, mein Papa sagt immer: Ein Esel, der sich wie ein Zebra anmalt, bleibt am Ende immer noch ein Esel.“ [*]

Sie atmet tief aus und wischt sich mit der Handoberfläche über die feuchtgewordenen Augen.

Mittlerweile finde ich sie richtig nett, diese Sofia aus dem Bürgeramt. Und: ich kann sie verstehen. Ein Sadomaso Swingerclub – da kann er noch so fein sein – da wäre ich sowas von raus. Ich würde meine Beine in die Hand nehmen und rennen! Arme Sofia! So bezaubernd kann er gar nicht sein, als dass ich meine Grundwerte verkaufen würde.

In diesem Moment leuchtet meine Wartenummer auf dem großen Bildschirm auf und ich erhebe mich in Zeitlupe, krame nach einem Taschentuch und will es ihr im Vorbeigehen geben.

Zu meinem großen Glück setzt sie ihre Geschichte fort: „Ja, du hast Recht, Leonie. Ich sage es ihm einfach. Was bringt es mir, mich zu verbiegen? Markus, werde ich sagen, ich fühle mich unwohl in einem französischen Sternerestaurant. Das Besteck überfordert mich und den Knigge kann ich nicht so schnell lesen um den Ansprüchen dort gerecht zu werden. Meine Eltern haben mir zwar die Grundlagen wie man mit Messer und Gabel umgeht, gezeigt, nicht aber wie das ganze Chichi in einem Restaurant dieser Klasse funktioniert. Dann werde ich eine theatralische Pause machen und ihm klar sagen, was ich von ihm erwarte: Markus, wenn du wieder mit mir liiert sein willst, dann müssen wir auch in ein normales Restaurant gehen können. Dieses leckere, persische Restaurant im Bahnhofsviertel zum Beispiel. Genau so werde ich’s machen.“

„Die Nummer 9345, bitte!!! Letzte Chance für die 9345!!!“ schreit es aus dem Beamtenzimmer. Schnell packe ich das Taschentuch weg und eile an Sofia vorbei.

„Alles okay bei Ihnen?“ fragt mich die nette Verwaltungsfachangestellte kurz darauf. Ich muss auf sie wirken wie das Kaninchen vor der Schlange. „Äääh…ääähm…ja. Irgendwie schon.“ Ich muss lachen und schäme mich zugleich für meine Interpretation Sofias Leben betreffend. „Hier erlebt man noch richtige Geschichten bei Ihnen.“ gebe ich perplex von mir. „Oh ja, da sagen Sie was. Bücher könnte ich über meine Arbeit hier schreiben.“ Ich nicke begeistert. „Das glaube ich Ihnen auf’s Wort.“

[*Der Römer, der die Geschichte bereits vorab lesen durfte, möchte darauf hinweisen, dass ein ägyptischer Zoo das Sprichwort mit dem Esel und dem Zebra wortwörtlich nahm. Hier z.B. können Sie den Artikel lesen: *klick*]

Wie der Römer und ich uns kennen lernten (Teil 2)

Tadaaaa! Da ist er: Der überarbeitete Teil 2 unserer Kennenlern-Geschichte.

Sie haben den großen Vorteil, dass Sie nicht Jahre mitfiebern müssen (sowie der David Hasselhoff des Nordens: christophrox), was denn nun zwischen uns ist. Sie können das Endergebnis bewundern: Ich heiratete am Römer den Römer und wir haben letzten Dezember einen Signorino bekommen.

Genießen Sie Teil 2: [klick]

Römische Verjüngungskur

Der Römer steht kurz vor dem kompletten Verfall. Zumindest möchte man das meinen, wenn man ihn in letzter Zeit beobachtet.

„Es ist 5 vor 12 Uhr!!“ merkt er nervös an und huscht an mir vorbei ins Badezimmer. Ich gucke auf die Uhr. 19:07 Uhr – die Uhrzeit kann er schon mal nicht meinen. „Wie meinst du das?“ frage ich durch die geschlossene Badezimmer Tür. Er öffnet mit nassem Gesicht. Der milde Reinigungsschaum schmückt seine rechte Hand.

„Ich muss mich um mein Gesicht kümmern. Jahrelang, eigentlich seit jeher, habe ich es vernachlässigt. Ma ultimamente al lavoro [Aber letztens in der Arbeit], hat mich jemand auf 40 Jahre geschätzt. 40 anni!!! [40 Jahre!!!]“ erzählt er mir empört während er den Schaum in kreisenden Bewegungen auf seinem Gesicht verteilt. „Ähm…amore? Du BIST 40.“ gebe ich zögerlich zurück und bereue die Feststellung im selben Augenblick. Er atmet tief aus, was sich ziemlich lustig anhört, weil er gerade den Reinigungsschaum von seinem Gesicht wäscht. Nachdem er mit dem Prozedere fertig ist, holt er tief Luft und sagt: „Laut Geburtsurkunde, ja. Ma devo sembrare come un quarantenne?[Aber muss ich so aussehen wie ein 40jähriger?]“

Er tupft sein Gesicht vorsichtig mit einem kleinen Handtuch trocken. „Amore?“ frage ich wieder. „Dimmi!“ [Sprich!] sagt er nun schon etwas genervter. „Warum tupfst du dein Gesicht ab?“ hake ich sichtlich irritiert nach. „Ma non lo sai?“ [Aber weißt du das nicht?] gibt er erstaunt zurück. Das Gesichtswasser hat er bereits in der rechten Hand. „Wer sein Gesicht abrubbelt, der produziert automatisch noch mehr Falten. Rughe!! Capisci! [Falten! Verstehst du!] Sanft abtupfen ist die einzige Möglichkeit um dich davor zu bewahren.“ erklärt er mir mit ernster Stimme. Ich grinse, nicke und denke mir den Rest.

Als er nach weiteren 25 Minuten fertig ist, spreche ich ihn auf eine seltsame Zahlung an, die ich auf der Kreditkartenabrechnung bemerkt habe. „Amore, hast du etwas für 200 Euro gekauft? Dr.Ti? Was soll das denn sein?“ befrage ich ihn interessiert. „Aaaaach das! Ein Gesichtsserum. Retinol! DAS Zaubermittel. Es lässt dich um Jahre jünger erscheinen. Dazu der Dermaroller – sarà una revoluzione! [Das wird eine Revolution]“ offenbart er mir. „Okay…aber 200 Euro?“ antworte ich nun schon etwas harscher. „Ma cheeee! [Aber was!!] Wie oft gibst du 200 Euro aus? Ich werde doch wohl 200 Euro in mich investieren dürfen. Wo kämen wir denn dahin, wenn ich mich gehen lassen würde? Ti piacerebbe? [Würde dir das gefallen?] Non credo! [Ich glaube nicht!] Allora![Also!]“ redet er sich in Rage. „Aber warum benutzt du denn keine koreanischen Produkte? Die sind viel günstiger und der koreanische Markt ist um Jahrzehnte weiter als der europäische!“ informiere ich ihn. „Davvero?“ [Wirklich?] Der Römer ist ganz Ohr. „Ja, ja… die Koreaner..“ will ich fortfahren – da war er schon abgerauscht.

Den restlichen Abend verbrachte er, recherchierend, am Laptop. Er machte sich Notizen und war ganz in die Materie vertieft. Ich vermutete, dass er sich um ein Projekt für die Universität kümmert – doch weit gefehlt. „Okay! Ich bin nun top informiert. Mehrmals habe ich nun Zollgebühren und Mehrwertsteuer Sätze berechnet. Ich würde auch nur auf 240 Euro kommen, was günstig ist, wenn man bedenkt, dass ich ein 9-in-1 Serum, Gesichtswasser, eine Haferkleie Maske, eine Tonerde Maske, einen Sonnenschutz 50+ fürs Gesicht, eine lebensverändernde Essenz, eine revolutionäre Tagescreme, eine aufpolsternde Augencreme, ein Straffungsfluid und einen Porenverkleinerungsbalsam bekomme. ABER – und hier kommt das große ABER: In diesen schrecklichen Zeiten braucht die Post vier bis 6 Wochen bis sie das Paket aus Korea liefert. Fra quattro e sei settimane!! [Zwischen vier bis 6 Wochen] Weißt du wie alt ich bis dahin ausschauen werde? Die Leute werden von mir denken, dass ich schon 41 Jahre alt bin. Per favore, chiedo il tuo aiuto! E‘ urgente! [Bitte, ich brauche deine Hilfe! Es ist dringend!]“ redet er sehr schnell und sehr aufgeregt auf mich ein. Die Lage scheint ernst zu sein – für ihn – und für unser Sparkonto.

„Mo-mo-mo-mo-ment! 240 Euro?“ gebe ich zurück. „Si, si, ma questo non e‘ il problema. Il problema e‘ il tempo.“ [Ja, ja, aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist die Zeit.] führt er schnell aus. „Fliegt einer deiner Kollegen in nächster Zeit nach Korea? Es ist ein Notfall!“

„Ja, der Andere. Aber er hat sicher keine Zeit, für mehrere hundert Euro Anti-Aging Produkte zu kaufen. Ich glaube, dir brennt das Hütchen, amore mio!“ mache ich ihm nun sehr eindeutig klar.

„E‘ tanto?“ fragt er verdutzt und scheint anscheinend langsam zur Besinnung zu kommen. „Das fragst du noch? Aber ja!!! Das ist extrem viel.“ herrsche ich ihn an. Er guckt mich niedergeschlagen an. „So komme ich nicht weiter.“ denke ich und versuche es über einen anderen Weg: „Doch glaub mir, amore mio, allein durch dein Retinol Serum siehst du aus wie Anfang 30. Du hast die koreanischen Produkte doch gar nicht nötig! Und wenn es ganz schlimm werden sollte, dann verspreche ich dir, dass ich jemanden finde, der dir all diese Dinge mitbringt.“ Sein Blick erhellt sich. „Hm… hast du den Eindruck, dass das Serum schon wirkt?“ fragt er aufgeregt nach. „Aber ja!!!! Hundertprozentig. Du siehst sicher fünf Jahre jünger aus.“ lobe ich überschwänglich. „Wenn ich dein Alter nicht kennen würde, ich würde dich auf junge 35 Jahre schätzen.“

„Grazie! Ho pensato oppure io ma non ero sicuro!“ [Danke! Ich habe das auch gedacht, aber ich war mir nicht sicher] bedankt er sich überglücklich. „Und du bist dir sicher, dass ich nicht einmal das 9-in-1 Serum testen sollte?“ hakt er noch einmal nach. „Also, wenn du unbedingt möchtest, frage ich gerne den Anderen, ob er dir das mitbringt. Aber du hast es definitiv nicht nötig!“ erwidere ich. Er denkt kurz nach, scheint mir aber nicht vollkommen zu vertrauen und sagt: „Dennoch…könntest du den Anderen fragen? Außerdem dachte ich noch an die Haferkleie Maske und die Essenz….“ versucht er es weiter. „AMORE!!!“ gebe ich scharf zurück. Er guckt mich kleinlaut an. „Okay….also nur das Serum. Ich hab’s verstanden…“ knickt er ein. „Ich mach mir noch eine schnelle Reiskleie Maske und dann geh ich ins Bett.“ erwähnt er, schon halb aus der Tür. „Na dann…buona notte!“ [Gute Nacht] gebe ich lachend zurück.

Mit dem Römer wird es einem nie langweilig. Ganz sicher nicht.

Mindfulness

Wissen Sie, ich würde gerne etwas über „Mindfulness und Selbstoptimierung“ schreiben, weil man das momentan so macht. Ich hatte schon die genauen Zeilen im Kopf, sie waren wie in Stein gemeiselt als ich Signorino für sein Nachmittagsschläfchen ins Bett brachte. Dann beging ich den Fehler und setzte mich an den Laptop – neben den Römer.

Ich hatte noch nicht einmal das Wort „Mindful“ abgetippt, da fragte er: „Amoooore!“ fragte er. „Magst du auch eine Orange?“

Ich bedankte mich für den lieben Gedanken, schüttelte den Kopf und teilte ihm mit, dass ich jetzt gerne etwas schreiben würde. „Ah! Capisco! Non ti preoccupare. Non ti disturbo più.“ [Ah! Verstehe! Keine Sorge. Ich störe dich nicht weiter.]

Als ich gerade das U des Wortes Mindful tippte, hörte ich den Römer unter lautem Stöhnen wie er die Schale von der Orange zu befreien versuchte. Wenn Sie sich jetzt fragen, ob man nicht normalerweise die Orange von der Schale befreit, dann haben Sie absolut Recht. Aber vertrauen Sie mir: In diesem Fall war es eindeutig andersherum. Der Machtkampf begann und die Orange lag samt Schale mit weiter Führung vor dem Römer. Also musste Hilfe her. „Amoooore!! Aiutooo!“ [Schatz! Hilfe!] forderte er eben diese ein.

Ich atmete tief ein und zählte 21…22….23…. Dann wendete ich mich an ihn und fragte, womit ich ihm helfen kann. Natürlich wusste ich bereits das „Womit“, denn seit fünf Minuten beobachtete ich seinen Kampf mit der Orange. Aber ich wollte ihm die Chance geben, zu reflektieren und zurückzurudern, so dass ich meinen Text weiterschreiben hätte können. Sie sehen bereits am gewählten Konjunktiv, dass es nur ein ferner Wunsch bleiben sollte.

„Mazza, è difficile! Non pensavo!“ [Mannometer, das ist schwierig! Ich hätte es nicht gedacht!] beantwortete er mein „Womit“ und ich half ihm, die Orange von der Schale zu befreien. Zugegeben, es war ein sehr widerspenstiges Exemplar. Dennoch hätte man das Problem sicher im Stillen lösen kann.

Nachdem nun die Orange von der Schale befreit war, ich das Wort „mindful“ um das fehlende L ergänzte und weiter schrieb, kaute er auf seiner Orange herum.

Experten sagen: „Als Richtwert gilt, jeden Bissen etwa 30 Mal durchzukauen, bevor er geschluckt wird. Und das ist wichtig, denn kräftiges Kauen von Nahrung regt bei gesunden Menschen den Speichelfluss an.“ Glauben Sie mir, der Römer nahm diesen Rat mehr als ernst. Er kaute mit einer solchen Inbrunst, dass ich bei dem Wörtchen Meditation nur bis Med kam. Dann musste ich wieder absetzen.

„Schatz, entschuldige, aber könntest du etwas leiser kauen?“ fragte ich ihn bemüht freundlich. „Ah…già…certo! Scusa… mangio qualcos’altro.“[Ah…sicher! Entschuldige…ich werde etwas anderes essen]

„Meeeditation“ tippte ich nun zu Ende und versuchte mich wieder in meinem Gedanken einzufinden. Als das gelang und ich weitertippen wollte, kam der Römer zurück. Bemüht leise setzte er sich hin, beugte sich über sein Buch und öffnete eine Tüte. Er kaute wieder, diesmal Nüsse.

Ich weiß nicht in welcher Galaxie Nüsse kauen leiser ist als Orangen mampfen, aber so oder so, es muss eine unheimlich laute Galaxie sein. Das, oder man ist dort schwerhörig.

Ein Räuspern sollte ihn darauf aufmerksam machen, dachte ich. Also räusperte ich mich so wie man sich nur räuspert, wenn man von etwas (oder jemandem) genervt ist. Dann versuchte ich weiter zu schreiben. Leider hatte ich in der Zwischenzeit vergessen, WAS ich schreiben wollte.

Der Römer griff sich wieder eine Hand voll Nüsse. Und kaute. Ich guckte nun zu ihm hinüber und versuchte gegen meine Augen anzukämpfen, die sich zu funkelnden Schlitzen formen wollten. „Senti…“ [Hör mal…] setzte ich an.

Der Römer begriff. Zumindest dachte ich das: „Oh, scusa, amore! Hai raggione! Vuoi anche tu?“ [Entschuldige, Schatz! Du hast Recht! Willst du auch?] fragte er und hielt mir auffordernd die Nusstüte entgegen. Ich sammelte mich kurz, versuchte mein loderndes Pitta-Feuer in Zaum zu halten und bedankte mich dennoch für den netten Gedanken.

„Atmen. Ein- und ausatmen. Die Gedanken ziehen vorbei. Ich beurteile sie nicht. Ich beobachte sie nur und lasse sie auf mich wirken.“ versuchte ich mich zu beruhigen. „Schatz, entschuldige bitte, aber ich versuche gerade etwas zu schreiben und kann mich kaum konzentrieren.“ erklärte ich ihm mit einem sichtbar angestrengt-freundlichen Ton.

„Scusa, amore, scusa veramente. Dai, ti lascio in pace e mene vado.“ [Entschuldige, Schatz, wirklich. Komm, ich lass dich in Ruhe und gehe.] entschuldigte sich der Römer. Ich atmete beseelt auf.

Zurück zum Text: „Mindful sollte eine Meditation sein…“ stand da und ich überlegte, was ich genau schreiben wollte.

Da hörte ich ihn. Den Rasenmäher, der vom fröhlich hinter ihm hertrabenden Römer durch den Garten begleitet wurde. Ich überlegte kurz gegen den Rasenmäherlärm anzuschreien und den Römer darauf hinzuweisen, dass das nicht gerade zu meiner Konzentration beiträgt. Doch ich wählte einen anderen Weg.

Ich löschte den Großteil meines Satzes und ergänzte ihn mit „Mindfulness am Arsch.“ Danach klappte ich meinen Laptop zu. Ich ging in die Küche, machte mir einen Espresso und atmete tief ein und aus. „Mindfulness…pff“ murmelte ich und schüttelte ungläubig den Kopf.

Toilettenpause

Ich verstecke mich.

Ich verstecke mich auf dem Klo und lese eine Frauenzeitschrift.

So, jetzt ist es raus. Wozu Geheimnisse haben? Sie und ich, wir kennen uns nun schon eine ganze Weile, da kann ich Ihnen dieses längst fällige Geheimnis anvertrauen.

Die Frage ist: Warum tue ich das?

Die Erklärung ist eine recht leichte: Der Römer und ich haben ausgemacht, dass der, der auf dem stillen Örtchen sitzt, egal wie lange es dauert, dort entbunden von allen Pflichten ist. Ein „safe spot“ würde man neudeutsch sagen. Der Römer respektiert diese Regel und Signorino ist noch so klein, dass er zufrieden ist, wenn einer von beiden Elternteilen bei ihm ist.

So sitze ich also da und lese in einer Zeitschrift mit dem Frauennamen einer flotten Mit-Fünfzigerin. Ich lasse mich inspirieren von Oster Rezepten, lese Beiträge über die längst vergangene Liebe eines Paares, blättere schnell weiter bei den Modeseiten (zu teuer, zu abgefahren) und lasse mich gerne von den kleinen und feinen Tipps aus dem Beauty Resort inspirieren. Ihnen kann ich es sagen: Grüner Tee! Das ist wieder im kommen. Vertrauen Sie mir!

Doch auch die schönsten Minuten nehmen einmal ein Ende. „Wenn es am schönsten ist, soll man gehen!“ und das gilt auch für’s stille Örtchen. So klappe ich also die Zeitschrift zu, atme noch einmal tief ein und aus und stürze mich wieder ins Familienchaos, das ein solches ist, weil der Römer erst beurlaubt war, dann krank geschrieben und danach wieder für 14 Tage in Urlaub ist. Dieses „Notprogramm“ wird momentan von seinem Arbeitgeber gefahren um Kündigungen zu vermeiden. Man geht dennoch davon aus, dass die Kurzarbeit kommen wird. Er verbringt auf alle Fälle viel Zeit mit uns daheim.

„Eigentlich ganz schön.“ werden Sie sagen und es ist Ihnen nicht zu verdenken. „Viel Zeit mit der Familie, Entlastung für die Dame des Hauses,..“ all diese Punkte zählten wir wohl alle auf bevor wir isoliert wurden. Viel Zeit haben wir zusammen, aber weniger Zeit für uns allein.

Mein gut koordinierter Tag mit Signorino wich einem Chaos oder viel mehr einem italienischen caos. Ruhepausen für mich gibt es nicht mehr. Es ist ständig Programm, sogar während Signorino schläft. Ständig höre ich ein lautes „AAAMOOOOORE!“ durch die Wohnung posaunen. Gleich darauf folgt eine Frage oder, noch schlimmer, eine Idee. „Che pensi?“ [Was meinst du] leitet meist ein Vorhaben des Römers ein, das meist übles nach sich zieht. „Die Fahrräder im Keller, die wir zum Sperrmüll bringen wollten…. ich könnte sie doch reparieren?“ fragt er.

Wissen Sie, wir schmeißen nichts leichtfertig weg. Aber wenn ich mich dazu entschieden habe, etwas final zum Sperrmüll zu bringen, dann hat das einen Grund. Ein „Vollschaden“ würde man beim Auto sagen. Und ein „Vollschaden“ ist es auch bei diesen beiden Fahrrädern und beim Römer, der denkt, er kann sie reparieren. „Die-tääär hat mir gestern dieses Video geschickt bei Youtube. Es sieht sehr einfach aus dieses Fahrrad zu reparieren. Die fehlenden Teile habe ich schon bestellt. Arrivano in questi giorni. [Sie kommen in diesen Tagen an]“

Ich atme tief ein und aus. Ist es jetzt schon wieder zu früh für eine Toilettenpause? Wohl ja. Na gut, ich versuche es positiv zu sehen: wenigstens hat er eine Beschäftigung.

Die Tage darauf sah man den Römer fluchend und schimpfend im großen Innenhof. Dieter rief aus seiner Isolation im 1. Stock immer wieder aufmunternde Worte oder Tipps nach unten. Der Römer fluchte noch mehr, schmiss Tücher voller Ölflecken beleidigt auf den Boden und kam nicht nur einmal in die Wohnung um nach einem Pflaster zu verlangen. Die Projektwoche „Fahrrad“ schritt voran und am Ende konnte man ein ganz passables Stahlross begutachten.

„Amore… und das zweite?“ fragte ich vorsichtig. Er guckte mich mit Angst erfüllten Augen an. „Ääääh…weißt du…“ fing er seinen Satz an. „Ich habe nachgedacht… über das zweite Fahrrad. Wir müssen ja nicht beide gleichzeitig Fahrrad fahren… deswegen wechseln wir uns ab und das zweite… ich wollte es zum Sperrmüll bringen.“ erklärte er sich.

„Oh wie schade…“ sagte ich. „Ein Glück!“ dachte ich.

„Amore, non c’è problema. [kein Problem] Wir kaufen dir einfach ein neues Fahrrad? Va bene? [In Ordnung?]“ schlug er vor.

„Das hört sich fantastisch an!“ sprach ich erfreut und war froh, dass er nicht noch das zweite Fahrrad reparieren wollte, denn so oft ins Bad zu müssen, nahm mir selbst der Römer nicht mehr ab.

Telefonate mit Rom

Ich liege in der Badewanne. Warmes Wasser plätschert aus dem Hahn, der Badeschaum türmt sich zu monströsen Gebilden auf, die wie Eisschollen an mir vorbeiziehen. Ein Duft von „Lavendel-Deluxe“ lullt mich ein. Zu hören ist nur das leise summen der Belüftung. Ich schließe meine Augen, atme tief ein und noch bevor ich ausatmen kann, zerschneidet ein lautes „Prontoooo“ die Stille wie ein warmes Messer das noch tiefgefrorene Zimtstern-Eis.

„Ma che?! Giovannino! Marco! Dove state?!“ [Ach was?! Giovannino! Marco! Wo seid ihr?!] ruft der Römer. Er sitzt im Wohnzimmer. Seine sonst so angenehme Stimme dröhnt nun bis ins sieben Meter entfernte Bad. Selbst dort hallt sie noch und überdeckt das leise Rauschen der Lüftung.

Ich vermute in diesem Moment, er telefoniert mit seinem Handy – und nicht, wie es die Lautstärke vermuten lässt, mit einem Dosentelefon, das mühsam aus Faden und alten Blechdosen zusammengeschustert wurde. Er schreit förmlich über den Brenner, der Schall trägt seine Stimme wohl weiter über die colli albani, die Albaner Berge, bis sie in Trastevere ankommt. Anders kann ich mir die Lautstärke nicht erklären.

„Si, si! Aspettate! Vi faccio vedere: Questo e‘ il salotto…“ [Ja, ja! Wartet! Ich zeig‘s euch mal kurz: Das ist das Wohnzimmer…] Der Römer erklärt ausführlich unsere Wohnung wie es scheint – per Videotelefonat. „Diese Dosentelefone werden auch immer moderner – sogar mit Video gibt’s die jetzt.“ denke ich und muss über meinen eigenen Witz lachen.

„Maaaa che!“ [Ach was!] donnert es nun aus dem Schlafzimmer. „No, viviamo in una delle città più care di Germania. Non abbiamo una stanza per il bambino!“ [Nein, wir leben in einer der teuersten Städte Deutschlands. Wir haben kein Kinderzimmer!] erklärt er lautstark. Dann hört man ein Lachen.

Nachdem er seine Hausbegehung beendet hat, gehen die zwei echten Römer und der Exilrömer nun dazu über sich gegenseitig zu beteuern wie sehr sie sich vermissen.

„Si, si! Aspetto un mese dopo la nascita del bambino, ma poi vengo subito a Roma. Senza dubbi!“ [Ja, ja! Ich warte ein Monat nach der Geburt des Kindes ab und dann komme ich sofort nach Rom. Ohne Zweifel!] brüllt er weiter ins Telefon. Meine linke Augenbraue huscht nach oben. Anscheinend fragt man in Rom nach, warum er nicht schon früher kommen kann. Doch unser Römer hat sofort eine Antwort parat: „Nooo, guardate: Io devo stare almeno 4 settimane con lei. Devo un po‘ aiutare. Sarà pesante per lei con un neonato!“ [Neeeein, schaut: Ich muss mindestens 4 Wochen bei ihr bleiben. Ich muss ein bisschen helfen. Das wird anstrengend für sie (also mich) mit einem Neugeborenen.]

Aha, anscheinend wir das nur anstrengend für mich. Wie gut, dass ich den Römer habe, der mir unter die Arme greifen kann. Ich verdrehe die Augen und schiebe einen Schaumberg nach links um das Quietsche-Entchen zu erreichen.

Meine Gedanken flüstern mir zu: „Nach vier Wochen will er nach Rom abhauen. Wovon träumt der nachts? Hihi, ich sag’s dir: Bald träumt er von gar nichts mehr, weil unser Bambino ihn nachts wach hält.“ Ich lache. Meine Gedanken beglückwünschen sich für diesen genialen Spruch.

„Non lo faccio piú qui! Devo venire per forza. Guardate, qui in Germania si va al letto alle 22!“ [Ich halt es hier nicht mehr aus! Ich muss unbedingt kommen. Schaut, hier in Deutschland geht man z.B. um 22 Uhr ins Bett.] schallendes Gelächter auf beiden Seiten des Brenners. Schallendes Gelächter aus der Badewanne. „Loooo so!“ [Ich weiß] prustet der Römer. „Poi praticamente la città e‘ morta. La sera non esce mai nessuno.“ [Dann ist die Stadt quasi tot. Abends geht niemand aus.] erklärt der Römer den anderen Römern die verfahrene Situation in „Germania“.

Ich frage mich zwischenzeitlich, ob er in den letzten drei Jahren hier gewohnt hat oder aber in einem kleinen, verlassenen Dorf im Rheingau. Hier geht man aus, hier ist man gesellig und es gibt genug Anlässe NICHT um 22 Uhr ins Bett zu gehen. Doch um mir diese Frage ausführlich zu beantworten reicht die Zeit nicht. Es geht schon wieder weiter im römisch-germanischen Gespräch.

„Noooo! Ascoltate: La vita non e‘ solo moglie, bambino e lavoro. Io ho bisogno di aria! Devo rispirare l‘aria di Roma, l‘aria d‘Italia. No, no, loro possono stare a casa. Io ho bisogno di passare un po‘ di tempo con voi!“ [Neeein! Hört mal: Das Leben besteht nicht nur aus Frau, Kind und Arbeit. Ich brauche Luft! Ich muss die Luft Roms atmen, die Luft Italiens. Nein, nein, die können daheim bleiben. Ich muss etwas Zeit mit euch verbringen!] röhrt der Römer weiter ins Telefon.

Aha. Macho-Modus an, denke ich – viel zu spät. Jetzt ist bis zum Ende des Gesprächs Hopfen und Malz verloren. Da geht er dahin: In die ewigen Jagdgründe des Sprücheklopfers, der daheim (schwangerschaftsbedingt) nicht mehr als „Si, amore mio. Subito, amore mio.“ [Ja, mein Schatz. Sofort, mein Schatz.] rausbringt. Hier sind also seine 15 Minuten „Alpha Tier“. Es sei ihm gegönnt.

„Hahaha!!!“ lacht es laut. „Ma cheeeee! Certo che mi ricordo. I tempi meravigliosi al campo (de‘ fiori). Con tutti i miei amori… e cuori.“ [Aber was! Natürlich erinnere ich mich. Wunderbare Zeiten auf dem Campo de‘ Fiori. Mit all meinen Lieben… und Herzen/Liebschaften.]

Ich lasse mich tiefer ins Badewasser sinken – nicht ohne meine Augen abermals zu verdrehen. Mein kugelrunder Bauch thront dabei erhaben aus dem Wasser wie ein toskanischer Hügel.

„Allora, ragazzi. Vi prometto di venire a Roma prima possibile, ma adesso devo andare – mia moglie si lamenta.“ [So, Jungs. Ich verspreche euch, dass ich schnellstmöglich nach Rom komme, aber jetzt muss ich los – meine Frau beschwert sich.]

Anscheinend leben der Römer und ich auf zwei verschiedenen Kontinenten der Wahrnehmung. Ich liege selig schweigend in der Badewanne und mache keinen Murks und er behauptet, ich würde mich beschweren, dass er so lange telefoniert. Interessant!

Er grölt seine Verabschiedung über die Alpen und legt auf. Kurze Zeit später öffnet sich die Tür des Badezimmers einen Spalt breit. „Amooooore, vuoi anche tu un té?!“ [Schatz, willst du auch einen Tee?] fragt er. Ich gucke ihn irritiert an. „Das ist aber nett von dir, wo ich mich doch so beschwert habe, dass du telefoniert hast.“ gebe ich schlagfertig zurück.

Er läuft rot an.

„Das war doch nur, weil ich keine bessere Ausrede wusste um das Telefonat zu beenden.“ gibt er kleinlaut zurück. „Na, wenn das so ist und du mich schon als garstige Ehefrau benutzt, dann hätte ich zum Tee auch gerne Vanille-Kipferl.“ gebe ich spielerisch-gekränkt zurück. „Si, amore mio. Subito, amore mio.“ [Ja, mein Schatz. Sofort, mein Schatz.] kommt zurück und der Römer eilt in die Küche.

Na, solange er nur ein scheinbarer Macho am Telefon ist, ist das schon ok.

Sprachlos vor Freude

Sprachlos – anders kann ich es nicht nennen. Ja, sprachlos trifft’s am ehesten. Oder „sono rimasta senza parole“.

Der Römer hat einen Job. Also, seinen Job.

Seit 1 1/2 Jahren arbeitet er – mal mehr, mal weniger zufrieden – in der Pizzeria seines (mittlerweile) guten Freundes „il capo“[Der Chef]. Erst wurde er als Pizzabäcker eingestellt, dann wurde er als Kellner gebraucht, was ihm gut gefiel, da er gerne ein Schwätzchen mit den Gästen hält. Gäste wurden zu Stammgästen, charmant und unterhaltsam wurde er zum Stellvertreter von il capo, wenn dieser nicht da war. Und das war er nicht oft, da er noch eine andere Pizzeria hat um die er sich kümmern muss. Als der Koch kündigte, wurde neu gewürfelt in der Pizzeria und da man einen Kellner einfacher fand als einen Pizzabäcker, wurde der Römer wieder zum Pizzabäcker. Er akzeptierte es, aber „soddisfazione“ [Zufriedenheit] sieht anders aus.

Dennoch: Es war nicht sein Traumberuf, den er jahrelang eifrig studiert und in Rom praktiziert hatte. Wer denkt, dass es für medizinische Berufe reicht, in der EU studiert zu haben, irrt sich leider. Jedes Bundesland Deutschlands hat ein anderes Anerkennungsverfahren mit viel Bürokratie. Im Dezember, als absehbar war, dass der Römer schon ein ordentliches Deutsch-Level (auch so ein Anerkennungskriterium) vorweisen konnte, begannen wir sämtliche Unterlagen in Rom anzufordern. Und das dauerte. Und dauerte. „Si fa le cose con calma“ [Man macht die Dinge in Ruhe] war die Divise in Rom. Im März holten wir die Unterlagen ab. Dann mussten sie übersetzt und beglaubigt werden. Wir schickten sie ein, doch das Sprachzertifikat fehlte noch. Das holen wir im August nach, da der Römer beim letzten Mal nicht bestand. Solange wird auch der Antrag nicht bearbeitet. Deutsche Bürokratie.

Letzte Woche passierte es dann. Es kam zu einem Zerwürfnis in der Pizzeria, das sehr unschön war. Der Koch rastete komplett aus, beschimpfte und bedrohte den Römer, seine Familie und alles, was ihm lieb war. Er, der Koch, war sowohl den Drogen als auch dem Alkohol mehr als zugeneigt und es eskalierte so, dass der Römer entschied, die Pizzeria an diesem Tag zu schließen. Er verständigte il capo, der sofort von der anderen Pizzeria angebraust kam. Die Pizzeria wurde zwei Stunden später wieder geöffnet und der Betrieb ging weiter. Diesmal ohne Koch. Doch ein bitterer Geschmack blieb. Und der Römer wollte, aus gutem Grund, mit dem Koch, der sich nicht das erste Mal so benahm, nie wieder zusammenarbeiten. Das teilte er auch il capo mit. Anstatt dem Koch fristlos zu kündigen (Gründe dafür hätte es einige gegeben), behielt il capo den Koch [Lui è un poveraccio, non ha una lira – Er ist ein armer Kerl, er hat keine müde Mark] und der Römer hielt sein Wort und erschien, mit Vorankündigung, nicht zur Arbeit.

3-4 Tage saß er also daheim, enttäuscht von seinem Chef, vom Leben, von allem. Und er vermisste seinen „richtigen“ Job – seine Berufung.

„Vielleicht ist das jetzt der blödeste Zeitpunkt oder aber der beste…“ fing ich an. „Es gibt da diese Stellenanzeige, die perfekt auf dich passen würde. Ja, ich weiß, du darfst noch nicht offiziell arbeiten.“ versuchte ich ihm gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Aber was spricht denn gegen ein Praktikum?“

Er hörte sich alles stirnrunzelnd an und schwieg. Das war zumindest ein gutes Zeichen, insofern es ein Zeichen dafür war, dass er darüber nachdachte. Ein langgezogenes „Okaaaaay.“ verließ seinen Mund. „Io dico di sì!“ [Ich sage ja!] antwortete er und lächelte. Wir schrieben zusammen ein Anschreiben, einen Lebenslauf, scannten seine Unterlagen, ließen Bewerbungsfotos machen und sendeten alles per Email an die Praxis. Das war der kleinste und leichteste Teil des Prozesses.

Zwei Tage später meldeten sie sich. Sie würden ihn gerne kennen lernen. In zwei Tagen. Das heißt, wir hatten zwei Tage Zeit um uns auf ein deutsches Vorstellungsgespräch vorzubereiten. Wir gingen häufige Fragen, ihre Bedeutung und ihre Antwort durch. Wir lernten neue Vokabeln. Tagelang hörte man den Römer nur Wörter wie „Dehnen“ und „Ganzheitlich“ murmeln. Gefolgt von „Können Sie sich bitte aufrecht hinsetzen?“, „Was haben Sie für Beschwerden?“ und „Sagen Sie mir, wenn das unangenehm ist!“. Um das Wissen besser wiederholen zu können, übte er diese Sätze mit Karteikarten.

Dann stand das Bewerbungsgespräch an. Man unterhielt sich über die Konditionen und am liebsten, so der Römer, hätten sie ihn morgen anfangen lassen, da es soviel Arbeit gibt. „Morgen“ konnte der Römer nicht anbieten, dafür aber Anfang September.

Als der Römer daheim war, fragte ich ihn, wie sie verblieben sind. Er konnte sich nicht erinnern, er wusste nur, dass er ein sehr positives Gefühl hatte. Das war natürlich ein bisschen wenig Information.

Deswegen schlug ich vor, am nächsten Tag eine Email zu schreiben um noch einmal sein Interesse zu bekunden. Wir formulierten eine sehr nette Email, die offenkundig zeigte, dass er sehr angetan ist. Wenig später kam eine positive Email der beiden Chefs zurück. Sie würden ihn gerne als Praktikant einstellen (zu überaus fairen Konditionen) und er solle sich kurz zurückmelden, dann würde man einen Termin finden um alle Details zu besprechen. Der Römer grinste von einer Backe zur anderen. „Ho capito bene? Mi prendono?!?!?!?“ [Habe ich das richtig verstanden? Die nehmen mich?!?!?!?!] fragte er vollkommen euphorisch und entgeistert. „Esatto!“ [Genau] antwortete ich. Er umarmte mich stürmisch. Dann klopfte er an meinen Bauch: „Hai sentito?! Prendono il tuo papà a lavorare!“ [Hast du das gehört? Sie nehmen deine Papa!] Er konnte sein Glück kaum fassen. „Oggi, pizza per tutti!“ [Heute, Pizza für alle] verkündete er. Ich musste lachen. Er verschwand mit einem „Inizio subito di preparare tutto.“ [Ich fange sofort an, alles vorzubereiten] in die Küche.

Zwei Stunden später saßen wir zufrieden kauend am Esstisch. „Che fortuna che ho!“ [Was für ein Glück ich doch habe] sprach er und konnte immer noch nicht aufhören zu grinsen. „C’è sempre un lato positivo diceva mia nonna. Ed è vero!“ [Es gibt immer auch eine gute Seite sagte meine Oma immer. Und das ist wahr!]

Meinungsäußerung verboten

Als ich noch nicht schwanger war, hätte ich es nicht für möglich gehalten.

Die Schwangerschaft wird zum öffentlichen Event.

Jeder – und zwar wirklich jeder – hat eine Meinung zu meiner Schwangerschaft. Das würde mich auch wenig stören, wenn mein Gegenüber es für sich behalten könnte.

Da fragt die Verkäuferin im hiesigen Supermarkt wie „weit ich bin“. „Im 6. Monat.“ antworte ich freudig. „Aaaaaach! Da stimmt aber was nicht?! Ihr Bauch ist ja viiiiiiel zu klein. Haben Sie das mal mit dem Frauenarzt besprochen?“ antwortet sie belehrend.

Nein, gute Frau, habe ich nicht. Denn, wenn etwas nicht in Ordnung wäre, bin ich mir sicher, dass mein Frauenarzt mir das in den letzten, monatlichen Untersuchungen ganz sicher mitgeteilt hätte.

Eine Kollegin des Römers begrüßt mich letztens fröhlich in der Arbeit. Ihr Blick wandert automatisch auf meinen Bauch. An diesem Tag trage ich ein weites, langes Sommerkleid. Darin fühle ich mich wohl und nichts klebt an meinem Körper. „Ooooch Menno!“ sagt sie. „Jedesmal trägst du weite Sachen! Man kann überhaupt keinen richtigen Blick auf deinen Bauch erhaschen. Das finde ich echt doof.“ Ich starre sie an und hebe eine Augenbraue. Das hält sie anscheinend nicht davon ab weiterzumachen. „Ich finde das so toll, wenn Schwangere enge T-Shirts tragen. Seine Kugel kann man doch mit stolz zeigen. Du brauchst dich nicht schämen.“

Oh wow. Da ist es wieder. Jemand, der mein weites Sommerkleid bei 38 Grad interpretiert. Ich beschließe mich nicht zu rechtfertigen (warum auch?) und lächle nur müde.

„Das wird sicher ein Junge. Das sehe ich an der Bauchform. Deine Schwester ist sich auch sicher, dass es ein Junge wird. Es kann nichts anderes sein.“ äußert meine Mutter bei ihrem Besuch letzte Woche. „Aha.“ antworte ich, denn ich bin zu müde um diese Theorien zu diskutieren. „Frauen, die mit einem Mädchen schwanger sind, werden zu einer Tonne. Die kriegen einen richtigen Schwimmreifen. Aber bei dir wächst alles nach vorne und du hast einen ganz kleinen Bauch.“ fährt sie fort. „Na ja, Mama, das liegt vielleicht 1. an der Genetik und 2. daran, dass ich generell nicht besonders viel auf die Waage bringe.“ rechtfertige ich mich dann doch. „Ne, ne. Das ist 100% ein Junge. Ich habe vier Kinder und bei allen konnte ich es an der Bauchform sehen.“ entgegnet sie mir. Na dann, wenn das 100% so ist, kann ich mir ja die Ultraschall-Untersuchungen sparen, wenn jeder schon alles weiß.

Am nächsten Tag sind wir in der italienischen Tagesbar von Giovanni. Auf der Karte stehen Ravioli mit Meeresfrüchten gefüllt. Wir kennen Giovanni seit Jahren und er ist ein guter Freund vom Römer und mir geworden. Nicht zum ersten Mal bestelle ich die Ravioli mit Meeresfrüchten. Ich blicke in das entsetzte Gesicht meiner Mutter. „Bist du dir sicher, dass du Meeresfrüchte essen darfst?“ sagt sie schockiert und ihre Stimme überschlägt sich fast. „Äh… ja. Es ist ja alles gekocht. Die Meeresfrüchte kommen aus dem Tiefkühler und nicht aus einem Tümpel. Ich sehe da kein Problem.“ antworte ich – bemüht ruhig zu bleiben. „Na, wenn du da so viel Gottvertrauen hast….“ erwidert sie. „Ja, habe ich.“ gebe ich kurz zurück. Innerlich verdrehe ich die Augen. 🙄

Gestern im Supermarkt, ich vor dem Käseregal flanierend und nach Feta und Mozzarella Ausschau haltend, finde die beiden Sachen schlussendlich. Neben mir eine Frau um die 50 Jahre. Wir haben uns – da bin ich mir sicher – noch nie gesehen. Ich greife beherzt zwei Packungen Feta und drei Packungen Mozzarella. Sie guckt erst mich, dann meine „Teufelsware“ und dann meinen Bauch an. Und dann wieder mich. Und meinen Bauch. „Sie wissen schon, was Sie da gerade in der Hand haben?“ bennent sie das Unmögliche. „Äääh… Moment – ach, hier stets: Feta und Mozzarella.“ antworte ich, gefasst auf eine dämliche Antwort. „ABER SIE SIND DOCH SCHWANGER!!!“ stößt sie aufgeregt und entgeistert hervor. „Wissen Sie denn nicht, dass Sie das gar nicht essen dürfen? Das ist eine riesen Gefahr für Ihr Kind!!“ Ich überlege kurz. Bevor ich ihr erkläre, dass diese Käsesorten pasteurisiert sind und keinerlei Gefahr davon ausgeht, beschließe ich einen anderen Weg einzuschlagen. „Ich bin nicht schwanger – ich bin nur dick geworden. Und jetzt entschuldigen Sie mich!“ antworte ich knapp – in mich hineinlachend. „Oh…oh….“ stammelt sie. „Ääähm.. also, es sah aber aus als wären Sie schwanger.“ Sie läuft hochrot an. „Danke, Ihnen auch einen schönen Tag!“ gebe ich ihr entgegen – mit gespielter Tragik. Ich gehe und verstecke mich bei den Haushaltswaren – wo ich erstmal beherzt lache.

Tja, 1:0 für mich!

Liegt’s an mir?

Der Eine hat einen neuen Partner. Seit seiner komplizierten und kostenintensiven Trennung vor vier Jahren, habe ich besonders ihm einen neuen, passenden Partner gewünscht.

[Der Einfachheit halber heißt der neue Partner vom Einen einfach nur der Partner]

Im Dezember schien es so, als wäre er nach besagten vier Jahren fündig geworden. Er lernte jemanden kennen, der seit dem ersten Tag bei ihm wohnte. Aus einer Übernachtung wurden zwei, dann drei, dann vier… Selbst als der Eine auf Geschäftsreise war, blieb sein Partner in seiner Wohnung, obwohl er nur zwei Kilometer entfernt wohnte. Ich wurde gebeten, meinen Zweitschlüssel abzugeben, damit der Partner ihn haben konnte. Mir kam es nur seltsam vor, dass der Partner ab dem ersten Tag bei ihm zu wohnen scheinte. Mehr Zweifel hatte ich allerdings nicht. Die einen beginnen ihre Beziehung eben stürmisch, die anderen lassen es langsam angehen.

Im Juni, nach einem Streit, packte der Partner seine Koffer (mittlerweile hatte er fünf [!!] Koffer bei dem Einen) und verschwand in seine Wohnung. „Ich brauche Zeit für mich.“ gab er an. So plötzlich wie er selbstbestimmt eingezogen war, so plötzlich zog er aus.

Schon am Anfang kristallisierten sich viele Probleme bei ihm heraus: abgebrochene und wieder aufgenommene Psychotherapien, Drogen und Alkoholprobleme. Gleichzeitig war er beruflich äußerst erfolgreich und gefragt, hatte seine Finanzen im Griff und wirkte, von Außen betrachtet, sehr aufgeräumt.

Der Eine stellte nach und nach jedem seiner Freunde den Partner vor. Sein bester Freund (neben mir), obwohl sehr harmoniebedürftig und angenehm, stritt sich mit dem Partner. Ich fand es komisch, dachte mir aber nichts weiter dabei. Auch die harmonischte Person trifft vielleicht irgendwann mal auf jemanden, den er/sie nicht mag. Weitere Freunde lernten den Partner kennen. Ich hielt mich in der Zwischenzeit hinsichtlich eines Termins für das Kennenlernen sehr zurück, empfing den Einen trotzdem weiterhin bei mir zu Hause, wenn er seine Ruhe wollte. In seiner Wohnung konnte er damals vor dem abprupten Auszug des Partners nicht ungestört sein. Nachdem er sich regelmäßig über den Partner ausließ (keine drei Monate zusammenlebend und -liebend), fragte ich ihn ganz direkt: „Denkst du denn, das hat Zukunft?“ Er druckste herum, wollte sich aber auch nicht gegen den Partner entscheiden. Er ist eine treue Person und gibt ungern Sachen auf.

Irgendwann wollte ich diesen ominösen Partner kennenlernen, nachdem ihn schon alle anderen Freunde vom Einen kennengelernt hatten. Es war ein netter Abend, wir aßen auswärts, der Partner wirkte wie ein ernsthafter, junger Mann. Als ich danach noch einen kleinen Spaziergang vorschlug, druckste er herum und ich baute ihm eine Brücke: „Ich verstehe es total, wenn du müde bist. Du kommst ja gerade von der Arbeit.“

Dankend nahm er die „Hilfe“ zur Ausrede an und ich ging mit dem Einen allein spazieren. Nach 30 Minuten kam eine Nachricht bei dem Einen an: „Wann kommst du endlich nach Hause?!“ war darauf zu lesen – geschrieben natürlich von dem Partner. Ich machte mir meine Gedanken, behielt sie aber für mich. Nach weiteren 15 Minuten kam eine weitere Nachricht: „Ich will heute feiern gehen. Looos!“ stand auf dem Display des Einen. So müde war er also doch nicht. Der Eine fragte, ob es okay sei, wenn er nun langsam zum Partner zurückkehre und ich bejahte die Frage.

Am selben Abend gab es noch einen Streit, dass er so lange Zeit mit mir (45 Minuten) verbracht hatte. Am nächsten Tag wollte der Partner wieder seine Ruhe und zog sich zurück. Feiern ging man an diesem Abend übrigens auch nicht, weil es keine geeigneten Partys gab.

Gestern sollte ich den Hausschlüssel vom Einen zurückbekommen, da die beiden ein paar Tage in den Urlaub fahren und ich Blumen gießen sollte. Da wir beste Freunde sind, komme ich nicht nur schnell vorbei um den Schlüssel abzuholen, sondern bringe meist noch -je nach Tageszeit- Brötchen für ein spätes Frühstück mit. So auch gestern.

Während wir aßen und plauderten, guckte der Eine immer wieder entnervt auf sein Handy und tippte hektisch darauf herum. Ich wusste, dass der Partner gleich vorbeikommen sollte, sodass die beiden dann zwei Stunden später in den Urlaub konnten. Nach einer Weile fragte ich ihn, was los sei und er hielt mir sein Handy entgegen. Es wäre besser gewesen, es nicht zu lesen. Der Eine erzählte, dass ich hier sei und wir noch einen Kaffee zusammen trinken. Daraufhin kam: „Oh ok.“ vom Partner zurück.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“ fragte der Eine.

„Ach nichts. Ich hab nur keine Lust heute mit Leuten abzuhängen. (wie er es ausdrückte) Wenn ich ankomme, sage ich kurz <<Hallo>> und verziehe mich dann ins Schlafzimmer bis sie weg ist.“

Ich las den Text und musste schlucken. „Bin ich denn so schrecklich?“ fragte ich den Einen bedrückt. „Nein, ganz im Gegenteil.“ erwiderte er. (Ich war sichtlich erleichtert) „Es ist nur so, wenn du den Partner nicht tagelang vorher vorbereitest, dass da noch jemand anderes ist, kann er auf diese -für ihn- spontanen Besuche nicht richtig reagieren.“ Aha. Ich sehe mich als durchaus empathischen Menschen und machte das, was ich in der Situation für richtig hielt. Ich sagte dem Einen, dass ich dann lieber gehen würde, nachdem ich den Partner begrüßt hatte. So muss er sich nicht im Schlafzimmer verstecken. Drei Minuten später klingelte es, ich sagte <<Hallo>> und <<Tschüss>> und war weg. Der Eine bedauerte es und sagte: „Du musst doch noch nicht gehen.“ Aber ich wollte auch nicht, dass die den Urlaub streitend beginnen.

Sein Freundeskreis (inklusive mir) sieht, dass er nicht besonders glücklich ist in dieser Partnerschaft. Der Eine sieht auch, dass er nicht glücklich ist, aber das Leid ist noch nicht groß genug als dass er es beenden möchte.

Wir schauen mal, wo das alles hinführt.

Zeit zu verschenken

Das Zeitgefühl eines jeden Menschen variiert. Wie variabel es jedoch sein kann, erfuhr ich allerdings erst mit dem Römer. „Ich bin nur schnell fünf Minuten im Bad.“ sagte der Römer und schlängelte sich an mir vorbei. Unter dem Arm eine bekannte, italienische Tageszeitung. Da hätte ich schon skeptisch werden sollen. Wurde ich aber nicht. Stattdessen dachte ich, halb zurecht gemacht im Hausflur: „Na gut. Was muss, das muss! Fünf Minuten sind fünf Minuten.“

Wie falsch ich doch damit liegen sollte. Er meinte keine deutschen fünf Minuten. Er meinte italienische fünf Minuten. Nach 15 Minuten klopfte ich. „Scusa, amore! Ma devo uscire. [Entschuldige, Liebling! Aber ich muss aus dem Haus]“ sagte ich zaghaft. „Si, si, un attimo.“ [Ja, ja, einen Moment.] kam zurück. „Ein Moment ist ein Moment. Also maximal eine Minute.“ Wie man sich nur zweimal innerhalb so kurzer Zeit täuschen kann, ist selbst mir ein Rätsel.

Nach einem weiteren Moment hörte ich ihn wie er die Zeitung umblätterte.

Besser spät als nie: Meine Skepsis war geweckt. Ich wartete drei Anstandsminuten und klopfte wieder. „Senti, [Hör mal] mit einem Moment meintest du einen italienischen Moment oder einen deutschen?“ fragte ich ihn mittlerweile leicht knurrend.

„Die Definition von Moment ist doch überall gleich.“ antwortete er gelangweilt und blätterte anscheinend wieder um.

„Ein Moment inkludiert im Deutschen nicht das 20-minütige Zeitung lesen im Bad während ich in fünf (!) echten, deutschen Minuten aus dem Haus muss. Ein Moment„, fuhr ich weiter fort, „ist ein kurzer Augenblick. Eine geringe Zeitspanne. Die Zeit, die es braucht, die Aktion, die du gerade ausführst, zu Ende zu bringen und dich dann den angeforderten Belangen zu widmen.“ erklärte ich ihm ausführlich.

„Si, sto per finire.“ [Ja, ich bin gerade dabei fertig zu werden] meckerte er und man hörte wie er die Zeitung beiseite legte.

Ich seufzte und setzte mich ins Wohnzimmer. Ich schrieb dem Anderen: „Es tut mir Leid, es wird etwas später. Rechne mit 10-15 Minuten. Die italienische Zeitangabe geht nicht einher mit meiner deutschen.“

Nach weiteren fünf Minuten kommt der Römer gut gelaunt aus dem Bad. „Also, ich weiß gar nicht, was du hast? Du stehst ja wirklich mit der Stechuhr vor der Tür und achtest haarklein darauf, dass es fünf Minuten sind. Fünf Minuten e‘ solo un detto. [Fünf Minuten sagt man doch nur so] Genau wie „einen Moment, bitte“. Das ist doch nur eine Floskel für „es kann noch dauern„.“

„Im Deutschen nicht!“ setzte ich ihm entgegen, mittlerweile im Bad angekommen und mich zu Ende schminkend. „Siete troppo precisi!“ [Ihr seid viel zu genau], gab der Römer zurück, „Deswegen seid ihr auch so angespannt. Zeit ist doch etwas fließendes, flexibles. Man darf sich auch überhaupt nicht ärgern, wenn jemand zu spät kommt. Er hat sicher seine Gründe. Du setzt dich einfach in ein Café und genießt das Vogelgezwitscher und die Sonne während du wartest. Du hast sozusagen, wartend, einen Moment Zeit geschenkt bekommen, nur für dich, ganz unerwartet. Ist doch toll?“

„So habe ich das noch nie gesehen.“ antwortete ich verdutzt. „Siehst du! Und jetzt hast du einen Moment Zeit geschenkt bekommen von mir und der Andere hat einen Moment Zeit geschenkt bekommen von dir.“ erklärte der Römer.

Mittlerweile fertig zurecht gemacht, nahm ich meine Tasche, zog meine Schuhe an und entgegnete: „Und jetzt bekommst du einen Moment Zeit geschenkt von mir. Nur du und der Abwasch. Genieß es, amore mio. A dopo! [Bis später]“

Zurück ließ ich einen verdutzten Römer. Zeit zu verschenken klappt gamz hervorragend.

Etwas Zeit in Vancouver – an der Dampfuhr.