Traummann mit Macken

„Bitte jammern Sie leise!“ möchte ich der jungen, blonden Dame im Bürgeramt (= KVR, Bürgerbüro, Gemeinde; jeder Ort hat einen anderen Namen) zuraunen, doch die Pausen, in denen sie Luft holt, sind rar gesät. Zu allem Überfluss ist meine Reaktionsfähigkeit durch akuten Schlafentzug auch noch stark verlangsamt. Eine ungute Kombination, wenn Sie mich fragen.

Schrecklich sei das alles, sagt sie und seufzt ein bemerkenswert bemitleidenswertes Seufzen. Und überhaupt, sie sei erst 29. Da wären andere schon verheiratet und hätten ein Kind.

„Ja, ich zum Beispiel.“, denke ich und möchte die Hand heben, „Rede weniger, reise mehr und irgendwann bleibt schon einer an dir kleben wie ein Insekt an einem gefräßigen Sonnentau. Er wird dein Klagelied über das Leben, die schreckliche Bowl mit den steinharten Falafel Bällchen und dem arroganten Kellner in der Taunusstraße schon ertragen.“ Ich erschrecke etwas über meinen unangebracht arroganten und zynischen Gedanken – doch schiebe es darauf, dass mein Gehirn im stickigen Bürgeramt mit Maskenpflicht nicht genug Sauerstoff bekommt.

Dennoch räuspere ich mich um ein passiv-aggressives Statement zu setzen. Mehr traue ich mich nicht. Doch sie bemerkt es eh nicht. Besser so, denn in Wahrheit bin ich genervt und fasziniert zugleich von dem, was sie da seit Minuten am Telefon von sich preisgibt.

Sie heißt Sofia und telefoniert mit ihrer Freundin Leonie. Das haben wir neugierigen Beihörer schon in den ersten Minuten ihres Telefonats klären können. Ihre Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Sofia sehr viel redet ohne Luft holen zu müssen, Leonie sie im Gegenzug dafür nicht unterbricht und ihr zustimmt… oder mit einem Ohr zuhörend ein Klatschmagazin liest. So genau konnte ich es noch nicht herausfinden.

Ihre Dates, sagt sie, seien überhaupt nicht mehr die selben. Schwierig sei das alles. Sie seufzt erneut und man fühlt sich bei jedem weiteren Seufzer dem Weltuntergang wieder ein Stückchen näher. Wäre sie doch nur bei Markus geblieben. Er war der Richtige: gut aussehend, ein Gentleman, ein paar Jährchen älter (aber nicht so alt, dass die Leute anfangen würden zu tuscheln), geschieden, hatte eine Firma. Schlichtweg ein Traummann!

Leider gab es da diesen Mangel, der ihr das Leben schwer machte.

„Sicher die Exfrau.“ mutmaße ich in meinen Gedanken. „Oder die Kinder, die sie nicht akzeptieren. Männer mit Altlasten – das ist sicher nicht so einfach. Moment! Hatte sie überhaupt etwas über Kinder gesagt? Ach, sicher hat Markus Kinder. Zumal, jemand, der….“

Doch meine Gedanken werden harsch unterbrochen, denn es ging weiter in ihrem Text. „Ja, Leonie. Er tut es immer noch!!! Ich weiß doch auch nicht wie ich es ansprechen soll, dass es mir unangenehm ist. Ich fühle mich einfach unwohl dabei!“ Sie seufzt wieder und ich will bereits mitseufzen, konzentriere mich aber lieber auf meine Wartenummer, die hoffentlich nie bei dieser interessanten Unterhaltung auf dem Bildschirm auftaucht.

Ja, es war nicht mehr zu leugnen: Ich brannte bereits lichterloh – aus Neugier, Faszination und zu langen Wartezeiten im städtischen Amt. Jede Telenovela würde ich in diesem Moment links liegen lassen um zu erfahren, was Markus‘ dunkles Geheimnis ist.

Glücklicherweise lies ihre Antwort nicht lange auf sich warten.

„Weißt du, ich bin ja keine 14 mehr. Natürlich bin ich aufgeklärt. Zumindest würde ich mich als aufgeklärte Person bezeichnen. Meine Eltern haben auch mit mir darüber geredet. Wir haben zwar nicht lang und breit darüber diskutiert, aber zumindest die grundsätzlichen Fragen wurden geklärt.“ erzählt sie weiter und strich sich eine blonde Strähne aus dem mutlosen Gesicht.

„Sicher Sadomaso! Das machen doch jetzt alle.“ denke ich und rolle mit den Augen. „Aber ja doch. Da suchst du nach einem Gentleman, alles scheint perfekt und dann sollst du ihn auspeitschen. Oder noch schlimmer: Er dich! Man kann noch so aufgeklärt sein – ich wäre da auch restlos überfordert. Seit es da diese Bücher und diesen Film im Kino gab, drehen alle durch. Besonders, weil…“

Sie seufzt wieder und ich spitze die Ohren, weiß ich doch bereits, dass jeder neuer Seufzer einen neuen Monolog ihrerseits für das Publikum – mich – bereit hält.

„Du hast Recht. Ich werde ihm sagen, dass ich nicht so eine bin.“ sagt sie halbherzig entschlossen und ich feuere sie in Gedanken an: „Richtig so! Sag, dass dir sowas nicht gefällt! Du findest definitiv einen Besseren. Es gibt auch Markusse, die Sadomaso Praktiken komplett daneben finden.“

„Ich kann das einfach nicht. Natürlich habe ich mich eingelesen, aber wie viel kann man schon aus einem schnellen Onlineartikel für sich herausziehen? Ich bin total überfordert.“ ergänzt sie.

„Klar – wäre ich auch. Zumal ich überhaupt keinen Gefallen an sowas finden würde. Ich versteh dich, Sofia aus dem Bürgeramt.“ spreche ich ihr in Gedanken Mut zu.

„Hm… es gefällt mir definitiv. Das ganze Drumherum, die feinen Leute, die schummrige Beleuchtung. Das imponiert mir sehr. Dennoch weiß ich, dass ich dort nicht hingehöre. Weißt du, mein Papa sagt immer: Ein Esel, der sich wie ein Zebra anmalt, bleibt am Ende immer noch ein Esel.“ [*]

Sie atmet tief aus und wischt sich mit der Handoberfläche über die feuchtgewordenen Augen.

Mittlerweile finde ich sie richtig nett, diese Sofia aus dem Bürgeramt. Und: ich kann sie verstehen. Ein Sadomaso Swingerclub – da kann er noch so fein sein – da wäre ich sowas von raus. Ich würde meine Beine in die Hand nehmen und rennen! Arme Sofia! So bezaubernd kann er gar nicht sein, als dass ich meine Grundwerte verkaufen würde.

In diesem Moment leuchtet meine Wartenummer auf dem großen Bildschirm auf und ich erhebe mich in Zeitlupe, krame nach einem Taschentuch und will es ihr im Vorbeigehen geben.

Zu meinem großen Glück setzt sie ihre Geschichte fort: „Ja, du hast Recht, Leonie. Ich sage es ihm einfach. Was bringt es mir, mich zu verbiegen? Markus, werde ich sagen, ich fühle mich unwohl in einem französischen Sternerestaurant. Das Besteck überfordert mich und den Knigge kann ich nicht so schnell lesen um den Ansprüchen dort gerecht zu werden. Meine Eltern haben mir zwar die Grundlagen wie man mit Messer und Gabel umgeht, gezeigt, nicht aber wie das ganze Chichi in einem Restaurant dieser Klasse funktioniert. Dann werde ich eine theatralische Pause machen und ihm klar sagen, was ich von ihm erwarte: Markus, wenn du wieder mit mir liiert sein willst, dann müssen wir auch in ein normales Restaurant gehen können. Dieses leckere, persische Restaurant im Bahnhofsviertel zum Beispiel. Genau so werde ich’s machen.“

„Die Nummer 9345, bitte!!! Letzte Chance für die 9345!!!“ schreit es aus dem Beamtenzimmer. Schnell packe ich das Taschentuch weg und eile an Sofia vorbei.

„Alles okay bei Ihnen?“ fragt mich die nette Verwaltungsfachangestellte kurz darauf. Ich muss auf sie wirken wie das Kaninchen vor der Schlange. „Äääh…ääähm…ja. Irgendwie schon.“ Ich muss lachen und schäme mich zugleich für meine Interpretation Sofias Leben betreffend. „Hier erlebt man noch richtige Geschichten bei Ihnen.“ gebe ich perplex von mir. „Oh ja, da sagen Sie was. Bücher könnte ich über meine Arbeit hier schreiben.“ Ich nicke begeistert. „Das glaube ich Ihnen auf’s Wort.“

[*Der Römer, der die Geschichte bereits vorab lesen durfte, möchte darauf hinweisen, dass ein ägyptischer Zoo das Sprichwort mit dem Esel und dem Zebra wortwörtlich nahm. Hier z.B. können Sie den Artikel lesen: *klick*]

5 Gedanken zu “Traummann mit Macken

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