Der Freitagsrapport | KW19

Jedem neuen Anfang wohnt ein Zauber inne

Gezuar fiter bajramin!“ hörte und las ich am Mittwochabend sehr oft. Was das wohl bedeuten mag, werden Sie sich fragen? Es bedeutet, dass der Fastenmonat Ramadan ein Ende gefunden hatte und dies war der dazugehörige, albanische Glückwunsch. Und wie das oft so ist mit einem Ende: In ihm wohnt ein neuer Anfangszauber inne. Dazu war die Magie dieses Anfangs eine ganz besonders köstliche: Zweierlei Canapés, Dorade in Salzkruste mit persischem Reis und natürlich das Dessert in Form von Brownie Cheesecake (selbstgemacht), Baklava, Kadayif (von Turtle selbst gekauft) und Erdbeeren.

Besonders schön fand ich, dass sich Turtle an unser letztes Zuckerfest erinnert hat und sich bereits am Anfang des Fastenmonats für das diesjährige Zuckerfest angemeldet hatte. Da das heurige Fastenbrechen um Punkt 21 Uhr stattfand, waren wir besorgt, ob wir ein ganzes Abendessen bis zur Ausgangssperre um 22 Uhr unterbringen würden. Turtle wäre kein Spaziergänger gewesen, denen es erlaubt war bis Mitternacht das Haus zu verlassen. In jedem Fall hätte sie, um nach Hause zu kommen, öffentliche Verkehrsmittel benutzen müssen. Aber noch rechtzeitig erreichten uns die gesetzlichen Neuerungen für bereits Geimpfte und Genesene: Diese sind nicht von der Sperre betroffen und so konnte Turtle, die vor einigen Wochen positiv auf Corona getestet wurde, dieses wirklich sehr schöne Fest bei uns verbringen und mit ihrem ausgedruckten, positiven Testergebnis von Ende März beschwingt und pappsatt mit der U-Bahn nach Hause düsen. Kontrolliert hat sie natürlich keiner.

Natürlich allen Musliminnen und Muslimen von ganzem Herzen: Gezuar fiter bajramin! Eid Mubarak! Ich bewundere Sie uneingeschränkt, dass Sie den Ramadan durchgehalten haben.

Stress! Stress! Stress!

So in etwa fühlt es sich momentan an. Die Kita-Eingewöhnung startet am kommenden Montag. Durch die vielen Aufgaben, die alle gleichzeitig auf mich Einprasseln, wäre ich gerne eine Krake mit acht Armen und zwei Tentakeln. Leider bin ich nur ein Mensch mit zwei Armen, wobei auf einem meist das zur Zeit sehr anhängliche Kind sitzt. Alle Artikel (und besonders mein zweites Baby, die Albanienchroniken) sind momentan aufgeschoben, nicht aber aufgehoben.

Erschwerend kommt hinzu, dass mein Kopf einfach weitertextet. Ständig fallen mir schöne Redewendungen, lustige Sätze und Szenen aus der Vergangenheit ein, die gerne verwurstet werden wollen. Doch ich habe keine Zeit! Aber anscheinend hat der bloggende Teil meines Gehirns diese Information nicht mitbekommen. Beim Badezimmerschrubben erzählt er munter weiter: „Weißt du, über was du mal schreiben könntest? Davon, dass dich Wochenenden und Feiertage so nerven, weil du ein Morgenmuffel bist, während der Römer eine südländische Discoparty am Frühstückstisch veranstaltet… Ich würde zum Beispiel schreiben, dass…“ Ja, so geht das den lieben, langen Tag. Aber, um Paulchen Panther*² zu zitieren: „Heute ist nicht aller Tage, ich komme wieder, keine Frage!“

*²Wenn Sie Paulchen Panther nicht kennen, sind die einzigen Falten, die Sie tragen, vermutlich ihre Pofalten.

Mein persönliches Fundstück der Woche

Mein persönliches Fundstück der Woche fängt mit einer Beschwerde an. Nun war die Beschwerde nicht nur römischer Natur. Nein, auch der germanoitalbanische Sohnemann beschwerte sich über die stottrigen, deutschen Leseversuche seines Vaters. Wenn zwei Drittel der Familie mit der rein deutschen Kinderbuchauswahl unzufrieden sind, dann heißt es für das verbleibende Drittel (also mich) in Aktion zu treten und etwas zu ändern. Beim größten, bekannten Onlinekaufhaus A. guckten wir nach italienischen Kinderbüchern. Auf der deutschen Seite wurden wir zwar fündig, aber überzeugt waren wir von der dortigen, mageren Auswahl nicht. Auf der italienischen Homepage des Unternehmens waren wir zwar überzeugt von der Fülle des Bücherangebotes, leider verschickten sie die von uns ausgewählten Kinderbücher nicht nach Deutschland. Der Römer schlug vor, sich doch beim italienischen Bücherladen laFeltrinelli* zu informieren, ob dieser italienische (Kinder-)Bücher nach Deutschland verschicken würden. Und siehe da! Das taten sie. So wanderte ein bunter Strauß an italienischen Kinderbüchern in unseren Warenkorb. Zwei Tage nach Bestellung erhielten wir die Versandbestätigung. Und am nächsten Tag kam unser Paket per DHL Express* an.

Am Ende war Signorino glücklich, weil sein Vater endlich flüssig und korrekt lesen konnte und der Römer war glücklich, weil er sich weitaus weniger beim Vorlesen anstrengen musste.

Sollten Sie ein großes, italienische Bücherangebot vermissen oder in unseren Breitengraden nicht fündig werden und Ihre nächste Italienreise liegt in weiter Ferne, so kann ich Ihnen eine Bestellung bei laFeltrinelli* sehr ans Herz legen. Der Versand kostet auch nur eine halbe Niere und keine ganze, wie von mir anfangs vermutet. (Wen es interessiert: 11,38 Euro kostete der Versand für diese Bücher; der Preis richtet sich nach der Anzahl der Bücher)

Im Hintergrund zu erkennen: Ein Wäschekorb, damit auch Mutti auf ihre Kosten kommt.

[*wie immer: Werbung, unbezahlt]

Das Foto der Woche

Ich wollte ein Stück Schokoladenkuchen fotografisch in Szene setzen, was bei der dunklen Farbe des Gebäckstücks gar nicht so einfach war. Doch eh ich abdrücken konnte, war schon eine kleine Hand am Schokokuchen, die ihn blitzschnell vom Teller zog.

Der Lacher der Woche

Heute müssen Sie mir versprechen, wirklich, aber auch wirklich, ganz genau zu lesen.

Und bevor Sie einen Kommentar wie „Das sollte wohl jedem selbst überlassen sein!!“ tippen, lesen Sie noch einmal das lila Feld – ganz in Ruhe. Ich bin mir sicher, dass Sie mir uneingeschränkt zustimmen.

Dazu passend die Frage: Wohin werden Sie als erstes in den Urlaub fahren (wenn Sie dazu gezwungen werden 😉)?

Mein Rezept der Woche

Der Schokokuchen überzeugte mich nicht wirklich. Der Brownie-Cheesecake war nicht das, was ich mir davon versprochen hatte. Kurz: Es war eine herausfordernde, kulinarische Woche.

Deswegen müssen Sie heute mit einem indischen Gericht vorliebnehmen. Sie wissen bereits, dass ich, im Gegensatz zum Römer, keine Koryphäe in der Küche bin. Das mag zu einem großen Teil daran liegen, dass es bei mir schnell, und wenn das nicht möglich ist, zumindest unkompliziert gehen soll. So wurde mir von einer Kollegin dieses vorzügliche Indian Butter Chicken Rezept empfohlen. Es kommt, bis auf das Gewürz Garam Masala, das sie in jedem gut sortierten Supermarkt finden, ganz ohne Schnickschnack aus. Dazu bereitet sich das Hähnchen beinahe von ganz allein zu. Die meiste Zeit verbringt es eh in einem Bad aus Joghurt und Gewürzen. Und das schönste ist: Selbst der Römer, der exotischeren Küchen sehr skeptisch gegenüber steht, isst es gerne.

Hier finden Sie das wirklich sehr einfache Rezept!

Guten Appetit & starten Sie mit ordentlich Karacho in dieses Wochenende, wenn sie das nicht bereits am Mittwoch getan haben!

Einen gesegneten Ramadan!

Allen Musliminnen und Muslimen wünsche ich einen gesegneten Ramadan (alb. Ramazan) 2021, viel Kraft und Geduld beim Fasten.

Allen nicht muslimischen Familienmitgliedern lege ich den Satz eines Schokoriegelherstellers nahe: „Du bist nicht du, wenn du hungrig (und durstig) bist.“ Also legen Sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage, machen Sie es dem Fastenden so angenehm wie möglich und halten Sie durch. Auch dieser heilige Monat hat ein Ende. 😉

Mahmood, der ESC und die Lega Nord

Italien ist nicht nur Sonnenschein und dolce vita. Italien ist auch ein Land, in dem Rassismus herrscht, genau wie in jedem anderen Land. Xenophobie, die Angst vor dem Fremden, ist das, was wahrscheinlich die meisten antreibt, wenn es um rassistische Sprüche oder Taten geht.

Momentan ist Mahmood der italienische Anwärter auf den ESC Titel. Mahmood, geboren 1992 als Alessandro Mahmoud, ist der Sohn einer sardischen Mutter und eines ägyptischen Vaters. In seinem ESC Song singt er herzergreifend über das Verhältnis mit seinem Vater. Ein wunderbares, abwechslungsreiches Lied – wie ich finde.

Als er das diesjährige San Remo Festival gewann und sich damit für den Eurovision Song Contest qualifizierte, twitterte der bekannte „Lega Nord Leader“ Matteo Salvini folgendes: „#Mahmood…………… mah………… La canzone italiana più bella?!? Io avrei scelto #Ultimo, voi che dite?? #Sanremo2019“ – Wörtlich übersetzt wäre die Bedeutung: „#Mahmood……….. nun…… Das schönste italienische Lied?!? Ich hätte ihn auf den letzten Platz gewählt, was denkt ihr?? #Sanremo2019.“

Vielleicht hätte man weniger in diese Zeilen interpretiert, wäre Salvini und seine Lega Nord nicht dafür bekannt, dass sie extrem rassistisch sind. Mahmood reagierte gelassen: „Es ist halt nicht sein Musikgeschmack.“ Ja, so hätte man das auch verstehen können. Klar, es ist nur eine Meinung und mit Meinungsfreiheit müsste sich der ehemalige Journalist Salvini eigentlich gut auskennen.

Ständig twittert er hetzerische Videos und die dazugehörigen, schneidigen Untertitel, die ein wahres Feuerwerk des rechten Denkens abbilden. Vielleicht hätte er sein Geschichtsstudium damals in Mailand nicht abbrechen sollen, wenn er doch anscheinend so wenig über die Immigrationsgeschichte Italiens weiß. Vielleicht hätte er sich mal fragen sollen, warum Marsala (Marsa Ali = Der Hafen Alis) in Sizilien so heißt – und zwar bis heute. Oder vielleicht sollte er sich lieber Gedanken machen wie man eine hilfreiche und humane Lösung für alle Beteiligten findet, denn ich bin mir sicher: Kein Mensch verlässt sein Land, seine Familie, sein gewohntes Umfeld um auf einer Reise quer durch die Sahara sein Leben auf’s Spiel zu setzen. Nur um dann auf einer undichten Nussschale über das Mittelmeer zu segeln.

Salvini ist für mich nichts weiter als ein Clown. Das erklärt auch, warum er ständig die Kopfbedeckungen der Carabinieri, Feuerwehrmänner oder Polizisten trägt. Vielleicht wäre ein Job im Kindergarten geeigneter für ihn. Aber dazu bräuchte man ja soziales Feingefühl.

Aber zurück zu Mahmood. Ich finde ihn ganz wunderbar. Ein aufgeweckter, junger Mann, der aus einer binationalen Ehe entstammt. Ist es nicht das, was Italien endlich braucht? Ein modernes Märchen, dass Mahmood den ESC gewinnt? Ich würde es ihm wünschen. Ihm und all den jungen Italienern, die ehrlich interessiert an der Herkunft des Gegenübers sind, dies aber nicht als Waffe benutzen. Ist es nicht die Vielfalt, egal ob religiös, kulturell oder ethnisch, die uns beim Austausch untereinander hilft?

Ich finde es ganz wunderbar, wenn ich zum Abendessen am Ende des Ramadans eingeladen werde um mit meinen Freunden und Nachbarn an großen Tafeln zu feiern. Und sie finden es wunderbar, wenn sie Weihnachten bei uns unterm Christbaum sitzen. Sollten wir nicht einfach voneinander lernen als gegeneinander zu kämpfen? Wie froh bin ich hier zu wohnen, wo ich jeden Tag auf’s Neue andersartige Geschmäcker, Gewürze und Gerichte kennen lernen darf. Wie froh bin ich, dass hier jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund hat, denn genau das erweitert doch unseren Horizont. Wie froh bin ich, dass unser Kind genau das erleben darf. Diversifikation ist doch das, was uns neugierig macht um uns schließlich weiterzuentwickeln.