Pantheon beinahe ohne Linse – das Rom-Tagebuch [Tag 4]

Freitag, 23.08.2022

Morgens krieche ich wieder etwas unleidlich unter dem dünnen, weißen Leinentuch hervor. Die übliche Mischung aus quietschendem Bett (bei jeder nur leicht verrutschten Haarsträhne) und der Straßenlärm, sowie die von Signorino vorgegebene, unchristliche Bettgehzeit (irgendwann nach Mitternacht) machen mich fertig. Dazu die Hitze in der römischen Hauptstadt, die stellenweise noch etwas intensiver ist als die, die ich in Frankfurt in den letzten Tagen vor den großen Ferien erlebt habe. Langsam, ganz langsam schalte ich von meinem inneren Leerlauf in den ersten Gang und habe Mühe, dabei nicht gleich vollkommen benommen vom Stuhl zu fallen. Der Römer, bei dem all diese nächtlichen Umstände und die Hitze Energiegeber (und nicht wie bei mir Energieräuber) sind, hüpft bereits gut gelaunt durch die Straßen Roms und holt Frühstück. Ein Mann wie ein Goldstück, auch das muss man ab und an lobend feststellen.

Signorino erwacht in der Zwischenzeit. Auch ihm tun die Nächte gut und er verbringt sie in vollkommener Zufriedenheit neben mir. Ich wechsle ihm die Windel und will ihm die kurze, rehbraune Hose mit dem Ananasdruck anziehen, aber keine Chance. Er weiß genau, wie er sich kleiden will und schreit wie am Spieß beim Anblick der kurzen Hose mit dem Print. Er zeigt mir selbstsicher, dass für ihn – als direkter Nachfahre des Römers – nur die orange, kurze Hose ohne Druck in Frage kommt. Dazu will er bitte das T-Shirt mit dem Eiffelturm-Print anziehen und Socken. Blau sollen diese sein! Das passende Paar zerrt er sogleich aus dem Koffer. Wenn er sich jetzt noch zweifelnd im Spiegel beäugen würde, wäre er die exakte Kopie des Römers.

Apropos Römer: Der kommt gerade zurück und wir frühstücken.

Währenddessen besprechen wir – wie die Tage zuvor – mögliche Ausflugsziele in Rom mit unserem Zweijährigen. Wieder schlägt der Römer den botanischen Garten vor, aber bei aller Liebe für den botanischen Garten, zwei Mal in zwei Tagen muss ich ihm auch keinen Besuch abstatten. Mein Vorschlag, Terme di Caracalla, findet der Römer gut, allerdings ist er der Meinung, dass wir schon zu spät dran sind und die Sonne so erbarmungslos vom Himmel knallen würde, dass wir diesen Ausflug heute lieber nicht machen sollten. Am Ende entscheiden wir uns für Bummeln. Genauso heiß wie der Ausflug zur Caracalla-Therme, wie wir schnell feststellen werden, aber immerhin zahlen wir keinen Eintritt und sind schnell wieder zu Hause.

Durch Trastevere schlendernd entdeckt der Römer ein T-Shirt mit dem wenig charmanten Aufdruck „Fatti cazzi tuoi“ [Sehr frei übersetzt: Kümmere dich um deinen Mist]. Er würde das T-Shirt gerne kaufen. Gleichzeitig ist er hin und hergerissen, ob er das T-Shirt wirklich braucht und so beschließen wir, dass wir es eventuell auf dem Rückweg kaufen werden.

Weiter geht es Richtung Nonna Vincenzas Konditorei. Leider sind wir noch so voll vom Frühstück, dass wir keinen Platz für ein zweites Frühstück finden können. Am Campo de‘ Fiori angekommen, zeige ich dem Römer einen geheimen Geheimgang, der tatsächlich so geheim ist, dass der Römer ihn nicht kennt. Dazu halten wir uns an der Piazza del Biscione, die direkt an den Campo de‘ Fiori anschließt, ganz rechts bis wir einen Art Tunnel entdecken. Dort gehen wir hindurch und kommen an der Via di Grotta Pinta heraus. Das ist sicher nichts weltbewegendes, aber für mich war es ein schönes Gefühl, dem Römer etwas von Rom zeigen zu können und nicht nur Sehenswürdigkeiten, Tricks und Kniffe gezeigt zu bekommen.

Die Aussicht auf die Kuppel der Kirche Sant‘Andrea della Valle wartet nach dem geheimen Geheimtunnel auf Sie.

Der Römer lotst uns zur Piazza Navona. Dort gönnen wir uns auf der Stufe zum Trottoir sitzend eine kleine Trinkpause. Es ist sehr heiß und viele Tourist:innen sind auf und an der Piazza unterwegs. Wir blicken auf die brasilianische Botschaft und mir wird schlagartig blümerant. Nicht etwa wegen der brasilianischen Botschaft, viel mehr, weil mein Kreislauf verrückt spielt. Ruckartig stehe ich auf und hoffe, dass es besser wird und tatsächlich geht es mir etwas besser. Mein Kreislauf läuft sich langsam wieder warm, oder, hinsichtlich der Temperaturen, vermutlich eher kühl. Wir beschließen weiterzugehen und der Römer bringt uns zum Pantheon – sein Lieblingsbauwerk. Wir beobachten die Tourist:innen, die allesamt nur damit beschäftigt sind, sich vor dem Pantheon fotografieren zu lassen. Abseits steht ein älteres Schweizer Pärchen in Tarn-Beige gekleidet. Sie sind die einzigen, die das Pantheon mit eigenen Augen und nicht durch eine Linse betrachten. Ihre Köpfe stecken sie zusammen und weisen sich gegenseitig auf Dinge hin, die sie an der Außenfassade oder an der Architektur des Pantheons in all seiner Einzigartigkeit entdeckt haben. Ja, diese beiden erleben Rom tatsächlich wie es sein soll und am Ende haben sie vermutlich mehr zu erzählen als all die Fotograf:innen, die nur auf der Suche nach dem nächsten Like sind.

Ein schneller Schnappschuss auch von mir. 😄

Der Römer will mir noch eine ganz andere Sehenswürdigkeit zeigen. Bei einem Jeansgeschäft am Eck hat er DIE Herren-Jeans schlechthin entdeckt. Jeder hat eben am Pantheon Augen für etwas anderes. 😉 Anprobieren möchte er sie nicht, weil das mit Signorino jedes Mal eine Herausforderung ist und so wollen wir gerade weiterziehen bis ich das Pärchen, dass sich in den Nationalfarben Italiens gekleidet hat, entdecke. Ich vermute, dass es ein Zufall ist, aber ein Foto war es mir doch wert. Ob die Dame heute früh zu ihrem Liebsten sagte: „Wenn du rot und weiß anziehst, bin ich grün?“ Als ich den Römer auf das italienische Duo aufmerksam mache, muss auch er laut lachen. Mein Vorschlag, dass er morgen Rot und Gold anzieht, während ich ganz in Schwarz gehe, findet er dann nicht mehr so zum Lachen. Spielverderber!

Ein Bild für die Götter. Sie in Grün. Er in Rot und Weiß. Zusammen stellen sie die italienische Flagge dar.

Wir setzen unseren Rundgang fort und besuchen die Galleria Alberto Sordi, oder wie sie bei mir heißt „Umberto Ecco“. Na ja, immerhin eint die beiden, dass sie berühmte Italiener waren. Dort sind mittlerweile alle Geschäfte dauerhaft geschlossen, dafür sind zwei Kaffeebars offen. Wir setzen uns zu der linken Kaffeebar und meine Blase drückt. Das Tat sie schon im Frühjahr 2019 an dieser Stelle und ich wunderte mich noch, warum ich ständig pinkeln musste. Tja, Signorino war damals schon mit an Bord – wir wussten nur nichts davon. Diesmal ist niemand mit an Bord und ich gehe zur Toilette und zeige pflichtbewusst meinen Kassenzettel vor, um mir einen Euro Toilettengebühr zu ersparen. Denn wer im Café konsumiert hat, darf die Toilette kostenlos benutzen. Die wunderbare Reinigungskraft hat den Laden im Griff – aber sowas von. Nach jeder Benutzung putzt und desinfiziert sie, was das Zeug hält. Sie kontrolliert, dass nicht zu viele Leute auf einmal im Spa-Bereich (den Ausdruck können Sie beinahe wortwörtlich nehmen, so sauber ist das WC) stehen und ist dazu freundlich und überaus fleißig. Als ich gehe bedanke ich mich herzlich bei ihr und lege ein paar Münzen in ihre kleine, dunkelgrüne Schale.

Zurück am Tisch diskutieren der Römer und Signorino gerade über die Sinnhaftigkeit der Zuckerpäckchen in einer kleinen, schwarzen Plastikschale, die auf dem Tisch steht. Der Römer findet es sinnvoll, dass die Zuckerpäckchen in der dafür bestimmten Zuckerschale bleiben sollen. Signorino stellt das gänzlich in Frage und lädt Zuckerpäckchen um Zuckerpäckchen aus, die der Römer geflissentlich wieder einräumt bis sie sich nach dem dritten Zuckerpäckchen streiten. Auch als ich mich auf die Seite des Römers stelle, ist das Geschrei bei Signorino groß. Er hat absolut ungerechte Eltern, die nichts und zwar gar nichts verstehen. Als Trostpreis bekommt er mein unbenutztes Zuckerpäckchen und wir tragen das 15 Kilo Kind zur Piazza Venezia, von der wir ein Taxi nach Hause nehmen wollen. Doch weil es gerade so schön ist, frage ich den Römer, ob wir nicht doch noch zum Largo Argentino weitergehen wollen und er gibt sich geschlagen. Dafür trage ich das Kind auf meinem Arm weiter. Der Largo Argentino ist komplett eingezäunt. Vermutlich wollten die Katzen, die dort leben, einfach mal ihre Ruhe und haben Betriebsurlaub eingereicht.

Da es nur noch wenige Schritte zur Bushaltestelle, die eigentlich eine Tramhaltestelle ist, sind, beschließen wir, uns das Taxi zu sparen. Wir fahren also wieder Richtung Casaletto und der Römer erklärt unserem Nachwuchs abermals, dass es jetzt „a casa“ (nach Hause) und ins „letto“ (Bett) geht und nur deswegen „Casaletto“ auf dem Bus stehen würde. Der Kleine guckt irritiert und fasziniert zugleich. Vermutlich hört er selten so viel dummes Zeug in einem Satz. Als wir im Bus sitzen, sind wir erleichtert, dass der Bus über eine Klimaanlage verfügt und diese noch dazu funktioniert. Wir schleppen das Kind die letzten Meter nach Hause und machen das Essen warm. Danach weigert sich das Kind Mittagsschlaf zu machen und so verbringen wir die Zeit bis 16:30 Uhr mit einem sehr knatschigen, sehr müden Kind bis Signorino endlich einschläft.

Der Römer mustert meine unzähligen Mückenstiche an den Beinen mit großen Augen. Ich sehe ziemlich zerstochen aus. Noch dazu kratzen die Dinger wie verrückt. Rasch zieht der Römer seine Schuhe an und geht in die Apotheke. Dort holt er mir ein Anti-Juckreiz-Gel gegen Mückenstiche. Auch, wenn ich mich wiederhole: Ein Mann wie ein Goldstück. Dankbar nehme ich es entgegen, betupfe die Stiche, doch es juckt immer noch fürchterlich. Immerhin haben sich die Mücken einzig und alleine mich als lebendes Buffet ausgesucht. Signorino und der Römer bleiben komplett verschont. Der Römer schnappt sich seinen Laptop und bereitet seine Bewerbung für ein Uni-Projekt vor, während ich meinen Reisebericht stichpunktartig abtippe. Dann sortiere ich Urlaubsbilder.

Nachdem Signorino erwacht ist, holt der Römer Supplì und Pizza von unten. Der Laden ist bekannt für seine Supplì, die als frittierte Reisbällchen beschrieben werden können. Für seine Pizza ist der Laden anscheinend nicht bekannt, denn sie schmeckt grauenhaft. Der Teig ist matschig, die Tomatensauce erinnert an Ketchup. Der Käse erinnert an geschmolzenes Plastik.

Abends verlassen wir das Haus gegen 21:30 Uhr und nutzen es schamlos aus, dass das Kind eine Eule ist, die nicht vor Mitternacht ins Bett geht. Der Abendspaziergang wird dennoch anstrengender als gedacht. Alleine eine Männer-WG entzückt Signorino, da sie mit einer Gießkanne die Pflanzen vor ihrer ebenerdigen Wohnungs- und Haustüre gießen. „Gießkanne! Gießkanne!“ ruft Signorino den Männern zu und sie lachen das Kind freundlich an. Schließlich finden wir noch zwei Nasoni, Wasserspender, und Signorino macht „pritsch pratsch“ mit dem heraussprudelnden Wasser. Am Ende ist das ganze Kind gewaschen und sehr nass. Wir beschließen, zurückzukehren und Signorino trocken zu legen.

Ja, die Zeiten sind wohl vorbei, in denen wir jung und unbeschwert bis spät in die Nacht durch Trastevere zogen. Alles hat im Leben eben seine Zeit – auch das. Daheim kuscheln wir uns ins Quietschebett und gucken eine Zeichentrickserie, während unten viele ausgehfreudige Leute lachend und laut quatschend vorbeiziehen. Als wir das Kind in den Schlafanzug stecken, hat er seinen Palmwedel, den er auf der Straße fand, immer noch in der Hand. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft wie es scheint.

Bekannt aus Film und Fernsehen – das Rom-Tagebuch [Tag 3]

Donnerstag, 25.08.2022

Auch meinen heutigen Zustand kann man als durchaus unausgeglichen bezeichnen. Alles kommt gleichzeitig zusammen: Die bleierne Müdigkeit, die sich in der vorherigen Woche in Bayern akkumulierte. Das Kind, das ständig ausrastet und vermutlich eben so müde ist wie wir. Das Bett der Ferienwohnung, das bei jedem Zucken quietscht. Das pure Leben, das nachts in der Bar unten an der Straße aus den Gästen und Boxen des Lokals dringt. Die Müllabfuhr, die um 4 Uhr nachts die an Müll erstickende, italienische Hauptstadt von eben diesem befreit. Und: Die Ferienwohnungsnachbarn, die um 7 Uhr morgens mit Koffern rumpelnd aus der Wohnung unter uns ausziehen. Am liebsten würde ich auch meine Koffer packen und heimfahren. Ganz Gentleman und frei nach dem Motto „Happy wife, happy life.“ bietet mir der Gatte um 8 Uhr morgens das nicht quietschende Einzelbett in der Ecke des Zimmers an. Ich schlafe noch einmal eineinhalb Stunden und bin fit. Ein Hoch auf die schnellen und effektiven Regenerierungszyklen meines Körpers, die um einiges kürzer geworden sind seitdem ich Mutter bin.

Morgens holt der Römer Brioche, die sich wirklich als solche bezeichnen dürfen. Innen fluffig, außen süß und knusprig. Ich frage den Römer, wo er diese Croissants gekauft hat und er erzählt mir, dass die Bar „Il Siciliano“* heißt. „Là e‘ un po signorile. Ma hanno dei brioche buoni.“ [Dort ist es ein bisschen vornehmer. Aber sie haben gute Croissants.], erklärt mir mein Gatte und er hat vollkommen recht. Die Croissants sind wirklich richtig, richtig gut.

Noch während des Frühstücks beratschlagen wir uns über die heutige Tagesplanung. Der Römer schlägt das Pantheon vor, das gleichzeitig sein Lieblingsbauwerk in Rom (und weltweit) ist. Mir wird ein bisschen unwohl bei der Aussicht, das Kleinkind bis vors Pantheon zu schleppen und so schlage ich etwas weniger anstrengenderes vor: den botanischen Garten. Der Römer war das letzte Mal 2003 im botanischen Garten in Rom und stimmt meinem Vorschlag zu.

13 Gehminuten später, von denen Signorino 10 Minuten getragen werden wollte, erreichen wir den orto botanico. Selbst im August ist er überraschend ruhig und stellenweise angenehm kühl.

Der botanische Garten in Rom

Details in der Schnellübersicht

Adresse: Largo Cristina di Svezia, 24

Eintritt: 4 Euro. Kinder von 0-5 Jahre umsonst. Das Schmetterlingshaus ist nicht im Eintrittspreis inkludiert und kostet nochmals 4 Euro Eintritt.

Öffnungszeiten: April – Oktober 09:00 – 18:30 Uhr; November – März 09:00 – 17:30 Uhr.

Welche Vorteile bietet diese Sehenswürdigkeit mit Kleinkind?

Es gibt viel zu entdecken und das Kleinkind kann frei herumlaufen. Achtung: Am Hang (steil!) bzw. in den japanischen Gärten ist etwas Vorsicht geboten, da dort Wasser ist.

Auch an den Treppen ist Vorsicht geboten, wenn das Kind noch nicht sicher läuft.

Es gibt Toiletten in ausreichender Anzahl und Verfügbarkeit, sowie einen Wasserbrunnen (beim Schmetterlingshaus) zum Wasser auffüllen. Dazu stehen viele Sitzbänke zur Verfügung, um zu rasten.

In der Nähe des Eingangs des botanischen Garten gibt es ein kleines Café, das aber unter der Woche (oder im August?) geschlossen hat.

Kleines Café, leider geschlossen. Man sitzt trotzdem nett.

Für Kinderwagen ist der botanische Garten sehr gut geeignet.

Alles in allem ist auch dieser Ausflug in Rom gut mit Kleinkind und Baby machbar.

Die Wege sind super für Kinderwagen.
Die Aussichten sind traumhaft.

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Danach greife ich zu meiner bereits erprobten Methode und wir locken das Kind mit einem Eis aus dem Garten. Natürlich muss es Schokoladeneis sein und natürlich muss ein waffelartiger Keks im Eis stecken. Heute und in dieser Ecke Trasteveres haben wir Glück und so finden wir gleich eine Eisdiele. Um das Eis zu essen, setzen wir uns auf die Stufen einer Schule neben der bekannten Apotheke „Farmacia di Santa Maria della Scala“, die schon in manchem Film mitwirken durfte. Das Kind ist begeistert. Nicht etwa, weil wir ihm so beeindruckende Orte zeigen, sondern viel mehr vom Schokoeis. Wie gucken den Touristen und Einheimischen zu, wobei uns Signora Clara darüber unterrichtete, dass Trastevere nur noch das Zuhause von Touristen, nicht aber von alteingesessenen Römer*innen sei. Die meisten seien weggezogen – nach Testaccio oder Monteverde Vecchio. Der Römer unterbricht meine Gedanken an den Austausch mit Signora Clara und fragt mich „Warum tragen Deutsche eigentlich immer Wanderstiefel in Rom?“. Es schlürft ein vermutlich Deutscher Staatsbürger mit kariertem Hemd, kurzer Wanderhose und knöchelhohen Wanderstiefeln vorbei und guckt unter seinem Fischerhut interessiert nach links und rechts. Ich fixiere den Herrn und denke nach. Dabei schöpfe ich aus meinem Erfahrungsschatz, als ich noch für einen Reiseveranstalter Romreisen organisieren durfte. Vorsichtig versuche ich mich an einer Antwort: „Amore, ich kann es mir nur so erklären, dass man hier alles zu Fuß machen muss und die Straßen eben sehr uneben sind. Dort knickt man schnell mal um und wer will schon im nicht deutschsprachigen Ausland im Krankenhaus liegen und tagtäglich mit der Versicherung telefonieren? Rom ist bereits Abenteuer genug, deswegen will man gleich vorab die größten Risiken wie gebrochene Knöchel ausschließen. Ansonsten kann ich dir sagen, dass wir in unseren Reiseunterlagen „festes Schuhwerk wird empfohlen“ geschrieben haben und ja, diese Wanderstiefel sind definitiv als solches zu werten.“ Mein blickt fällt auf meine dünnen Sommersandalen. Auch der Römer muss grinsen. „Aber du hast keine Wanderschuhe oder Wandersandalen an, obwohl du Deutsche bist.“ stellt der Römer belustig fest. „Ich spreche die Sprache und wenn ich umknicke, bleibe ich eben hier und lasse mich im Krankenhaus ganz in Ruhe gesund pflegen. Vielleicht kann ich dann auch endlich diesen Roman beenden, den ich vor Monaten angefangen habe? Ich würde sagen, das ist ein sehr überschaubares Risiko für mich.“ Der Römer wird etwas blass um die Nase, denn er sieht sich vermutlich schon alleine den Laden mit Signorino schmeißen. „Ganz falsch wären aber Wandersandalen nicht für dich. Oder zumindest Turnschuhe…“, antwortet er. „Danke, ich bleibe lieber bei meinen Sommersandalen.“, gebe ich zurück und stibitze mir ein Löffelchen Schokoeis von Signorino.

Auf dem Heimweg, wie sollte es anders sein, gehen wir bei La Renella vorbei und holen Pizza. Wie immer will das Kind nur Pizza Bianca und so toben wir uns bei den anderen Sorten aus. Rom ist mittlerweile backofenheiß und so beeilen wir uns heimzukommen. An einer Straßenecke schaut der Römer den Touristen auf den Teller, die gerade angestrengt ein Foto ihres Essens mit dem Handy machen. „Also hier essen wirklich nur Touristen.“ sagt er etwas zu laut auf Italienisch. Ich frage ihn, woran er das erkennen will. „La pizza sembra immangiabile. [Die Pizza scheint ungenießbar zu sein.] “ Ich gucke nun ebenso interessiert auf den Teller des Touristenpärchens. Irgendwie hat er recht. Die Pizza erinnert eher an amerikanische Fastfoodketten als an Pizza made in Italy. Hauptsache die Gäste sind zufrieden.

Vor der Haustüre treffen wir die Partnerin des Vermieters Gabriele und fragen sie nach dem ausgeschriebenen Bügeleisen. Blöderweise haben wir all unsere Sommersachen ungebügelt in den Koffer geworfen und darauf vertraut, dass die Ferienwohnungsausstattung genau so vorzufinden sei. Sie bringe uns gleich eines, antwortet die freundliche und engagierte Partnerin Gabrieles. 45 Minuten später steht sie mit einem neu gekauften Bügeleisen vor unserer Türe. Wir bedanken uns herzlich und ich freue mich sehr über unseren neuen Mitbewohner: Immerhin kann ich nachts nun die Bügelwäsche erledigen, wenn ich aufgrund des quietschenden Bettes nicht schlafen kann. 😉

Wir essen in der Zwischenzeit, dann legen Signorino und ich uns ins Bett. Der Römer arbeitet für sein Projekt in der oberen Etage der Wohnung. Das Kind schläft 3,5 Stunden, weil es so geschafft ist. Ich begnüge mich mit 1,5 Stunden und tippe dann den Text für mein Reisetagebuch ab.

Abends holen wir wieder etwas bei Restaurantfreund A. und fallen um Mitternacht ins Bett. Reisen ist echt anstrengend.

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt, aus Überzeugung.

Ein steiler Abstieg – Das Rom-Tagebuch [Tag 2]

Mittwoch, 24.08.2022

Wer früh schlafen geht, ist auch früh wach – oder eben immer noch wach, so wie ich. Das Metallbett und besonders das dazugehörige Quietschen ist wirklich ein Erlebnis für sich. Müde schlappe ich in die Küche, während Signorino noch im Quietsche-Bett schlummert. Bei seinem Körpergewicht verhält sich das Bett mucksmäuschenstill. Ausgewachsen sein hat eben nicht nur Vorteile.

Der Römer ist bereits auf den Beinen und kümmert sich um die Auswahl- und Beschaffung von Frühstücksleckereien bei unserem Stamm-Café Baylon*. Als er zurückkommt, erzählt er, dass die Betreiber des Cafés gewechselt hätten und es deswegen keine große Auswahl an Croissants und Süßgebäck geben würde. Schade, ich freute mich bereits auf ein Brioche integrale con miele [ein Vollkorncroissant mit Honig gefüllt]. Aber auch ein normales Croissant erhellt meine Stimmung sichtlich. Wie schlimm das Ausmaß des Betreiberwechsels des Cafés jedoch wirklich ist, sollte ich ein paar Tagen später feststellen dürfen.

Schweigsam kauen wir unsere trockenen Croissants und trinken Kaffee dazu. Signorino ist in der Zwischenzeit erwacht und freut sich bereits lautstark auf die Croissants, empfindet sie aber nach dem ersten Bissen als zu „NEIN! Keks – Milch dazu?“. Diese Bestellform ist relativ neu, aber er bekommt, was er will: Kekse mit lauwarmer Milch dazu. Ein bisschen muss ich bei seinem Frühstückswunsch schmunzeln, denn dieses Frühstück haben meine Au-Pair-Kinder in Bergamo auch gegessen und ich fand es abstrus, dass Kinder morgens lauwarme Milch und Kekse essen. Warum kein Müsli? Warum kein Marmeladenbrötchen wie wir in Deutschland? Irgendwann übernahm ich die Angewohnheit, morgens Kekse zu essen, um schnell aus dem Haus zu können. Als der Römer nach Deutschland zog, aß auch er ein paar Kekse, trank einen Espresso und hastete in den Berufsalltag. Ganz am Anfang versuchten wir natürlich, dass das Kind ein Butterbrötchen oder gar ein Marmeladenbrötchen isst und zwangen uns dazu als gutes Vorbild mit Frühstücksbrötchen zu fungieren. Leider, leider fanden wir drei die Frühstücksvariante so blöd, dass wir schnell wieder dazu übergingen, Kekse (mit oder ohne Milch) zu frühstücken. Doch zurück nach Rom:

Noch während des Frühstücks beratschlagen wir uns über mögliche Ausflugsmöglichkeiten mit Kleinkind um die 2-3 Jahre in Rom. Dazu muss ich erwähnen, dass wir keinen Kinderwagen dabei haben, was einerseits daran liegt, dass das Kind partout nicht im Buggy kutschiert werden will und andererseits, weil ich den Fluggesellschaften momentan nicht zutraue, einen Kinderwagen zu transportieren, ohne dass dieser danach jahrelang als vermisst gilt. Ich blättere etwas in meiner Rom-Ausflugsliste herum und finde ein verstecktes Juwel, das ich schon lange besichtigen wollte: Eine unterirdische Kirche aus dem 5. Jahrhundert, die sich nur wenige Gehminuten von unserer Ferienwohnung entfernt befindet. Der Eintrittspreis hält sich in Grenzen und ich vermutete, dass nicht allzu viele Touristen in dieser unterirdischen Kirche zu Besuch sein werden. Auf den Bildern sah es so aus, als würde unser quirliges Kleinkind nichts umstoßen können, was definitiv ein gutes Zeichen ist. Wir gingen los und fanden

La Basilica sotteranea di San Crisogono in Trastevere [Die unterirdische Basilika des heiligen Crisogono in Trastevere]

Details in der Schnellübersicht

Adresse: Piazza Sidney Sonnino, 00153 Roma RM, Italien

Eintritt: 3 Euro

Öffnungszeiten: Mo – Sa von 07:00 – 12 und von 15:30 – 19:00 Uhr, So 08:00 – 13:00 und 15:30 – 19:00 Uhr (Bitte Messen und Gottesdienste beachten!)

Wie komme ich dort hin?

Sie gehen durch die Eingangstüre der Kirche, bestaunen die reiche Deckenverzierung des Mittelschiffes der Kirche und halten sich dann links.

Mit reichverzierten Vertäfelungen gestalteter Deckenhimmel der Kirche. Die Farben Blau u d Gold dominieren.

Dort gehen Sie immer geradeaus bis Sie ganz am Ende links eine Türe mit der Aufschrift „Sacrestia Cripta Paleocristiana“ entdecken.

Der Eingang zum Messner-Büro bzw. zur Krypta.

Dort treten Sie ein und ein grummelig wirkender Messner um die 60 Jahre wird an einem dunklen Schreibtisch sitzen und Sie mürrisch erblicken. Sie fragen nach der Cripta, bezahlen pro Erwachsenen 3 Euro Eintritt und erhalten ein Programmheft, dass auf Italienisch, Englisch, Französisch und Spanisch die Geschichte zur Sehenswürdigkeit erklärt. Dann erhebt sich der Messner, dreht sich um 180 Grad, geht eineinhalb Schritte zur dunklen Tür rechts hinter ihm (von Ihnen aus links) und öffnet diese Türe für Sie.

Sie gehen hindurch und steigen hinab in eine andere Zeit.

Hier sieht man die lange Treppe, die in die Krypta hinab führt, von unten.

Welchen Vorteil bietet diese Sehenswürdigkeit?

Es gibt so wenig Ansturm auf dieses versteckte Juwel, dass Sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit vollkommen alleine sind. Außerdem ist es dort unten schön kühl, was für die Sommermonate durchaus einen Mehrwert darstellt.

Die große Ruhe in einer so unsteten Stadt wie Rom herrscht hier unten.

Ist diese Sehenswürdigkeit gut machbar mit Kleinkind in Rom?

Ja, absolut. Für neugierige Kleinkinder gibt es dort unten auch Treppen. Außerdem kann das Kleinkind dort unten nichts kaputt machen. Für alle, die ohne Kleinkinder reisen (oder mit älteren Kindern), ist es vermutlich doppelt so interessant, weil Sie in einer Kirche aus dem 4. oder 5. Jahrhundert stehen (wie vermutet wird) und es dort allerhand zu besichtigen gibt.

Das war Signorinos Lieblingsstrecke inkl. der Treppe, die hochführt, um die Ecke geht und wieder nach unten führt.
Eine Säule, die im Eck steht.

Wie sieht es mit den geschichtlichen Details zu dieser Kirche aus?

Es wird vermutet, dass die unterirdische Kirche die erste Pfarrkirche Roms ist [Quelle: Infoheft, dass Sie vom Messner bekommen]. Crisogono, dem die Kirche geweiht ist, starb als Märtyrer unter dem römischen Kaiser Diocleziano zwischen 304 und 305. 499 wird die Kirche das erste Mal erwähnt. Im 12. Jahrhundert beschloss Kardinal Giovanni di Crema, dass eine neue Basilika „eine Etage darüber“ erbaut werden soll. Genauso geschah es. 1907 entdeckt man bei Ausgrabungen, dass unter der nun aktuellen Basilika eine weitaus ältere Version „schlummert“. San Crisogono war jahrhundertelange die Nationalkirche der Korsen und Sarden.

Fresken aus dem 5. Jhdt. Sieht aus wie neu, wenn Sie mich fragen.

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Signorino will immer und immer wieder die Treppen in der unterirdischen Basilika erklimmen. Da er trotz aller Überzeugungskraft unsererseits nicht von dieser Treppe ablassen will, sehe ich mich schon bis ans Ende meiner Tage fünf Meter unter der Erde Roms leben. Mir steigt – trotz der angenehmen Temperaturen hier unten – der Angstschweiß ins Gesicht und so ziehe ich den Joker. „Signorino? Eis?“., frage ich scheinheilig. Das Kind guckt auf, lässt von der Treppe ab und läuft zu mir. Wir können gehen. Freundlich verabschiedet er sich vom Messner mit einem „Tschüss und CiaoCiao!“ und wir verlassen das obere Kirchenschiff.

In meiner Naivität dachte ich, dass Eis in Rom durchaus einfach zu beschaffen sein wird. Doch ich sollte mich täuschen. Um 10 Uhr vormittags in dieser Ecke Trasteveres ist es ganz und gar nicht einfach. Wir gehen, noch fest in dem Glauben, dass Eisdielen zu jeder Tages- und Nachtzeit geöffnet haben, zur römischen Eisdiele des Vertrauens und finden uns vor verschlossenen Türen wieder. Und so irren wir durch die Gassen und landen nach 15 Minuten mit quengelndem Kleinkind (EIS!! EIS!!) wieder an der Basilika, die wir eben besucht haben. Schlussendlich finden wir eine Eisdiele in der Viale Trastevere, die zum Glück geöffnet hat. „Ein kleines Eis für 2,50 Euro im Becher, bitte. Danke!“, bestellt der Römer ein Eis bei der freundlichen Bedienung. Wir nehmen es mit, was gar nicht mal so klug ist. Kurzerhand setzen wir das Kind auf einen gigantischen, abgesägten Baumstumpf an der mehrspurigen Straße Lungotevere Raffaello Sanzio und füttern ihn mit Eis. Ein vorbeikommender Großvater mit einem Kleinkind auf einem Dreirad guckt „scandalizzato“ [empört] als er uns sieht. Vermutlich hat er schon alles gesehen, was Touristen in Rom falsch machen können, aber diese Szene war ihm vollkommen neu. Ein Kleinkind auf einem Baumstumpf, das vormittags um 10:30 Uhr von seinen Eltern mit Schokoeis gefüttert wird. Er dreht sich noch mehrmals zu uns um, obwohl er schon längst an uns vorbeigezogen ist. Ich empfinde die Szenerie auch als durchaus seltsam, aber glauben Sie mir, als ich Mutter wurde, erahnte ich so einige abstruse Szenen in meinem Leben nicht einmal annähernd. Manchmal hat man eben keine Wahl. Wir reinigen das Kind großflächig und es sieht beinahe so aus, wie wir es heute morgen angezogen haben. Lediglich ein paar kleine Schokospritzer zieren nun sein T-Shirt, was ich durchaus als Erfolg werte.

Dann schlendern wir zur Konditorei Nonna Vincenza. Wie immer geht das Kind vier Meter selber, um dann mit uns zu diskutieren, ob es noch weitere vier Meter alleine gehen kann, nur um dann nach acht Metern bis kurz vor den Campo de‘ Fiori getragen zu werden. Angekommen bei Nonna Vincenza* quakt das Kind „Hallo! Ich haben Cappuccino. Ich möchte einen Cappuccino, bitte.“ Seine Sprachwahl erinnert mich ein wenig an die anfänglichen Deutschkenntnisse des Römers. Woher Signorino allerdings Cappuccino bestellen kann, kann ich mir auch nicht so ganz erklären. Ich für meinen Teil trinke nur Espresso. Es muss wohl an den Vater-Sohn-Ausflügen der beiden liegen. 😉 Am Ende bestellen wir – zwei caffè, zwei cannoli und einen Pistazienkeks für Signorino. Ich merke gerade bei meinen Aufzeichnungen, dass das Kind den ganzen Tag nur Süßkram gegessen hat. Asche über mein Haupt! Aber wir waren schließlich im Urlaub. Nach mir der Zahnarzt!

Er verschmäht beide cannoli und den Keks. Braves Kind! Nach dem Schokoladeneis ist er vermutlich pappsatt. Wir, mittlerweile auch satt und glücklich, verlassen die Räumlichkeiten des sizilianischen Cafés und biegen nach links zum Campo de‘ Fiori ab. Der Markt ist in vollen Gange und der Römer steuert schnurstracks auf einen Fruchtstand zu. Dort bestellt er eine centrifuga, oder Smoothie, wie man in Deutschland sagt. Der Besitzer macht einen anzüglichen Witz und der Römer antwortet nüchtern „Guarda, c’è la mia moglie qui, eh? [Schau, meine Frau ist auch hier, okay?]“. Währenddessen spielt Signorino mit einem Nasone [ein Wasserspender] und ruft aufgeregt „pritsch-pratsch“. So hat jeder seinen Spaß am Campo und die Schokoladenflecken auf seinem Oberteil entfernt das Kind gleich mit. Lediglich das Oberteil ist nun sehr nass, was bei den sommerlich-heißen Temperaturen in Rom eher als Glück als als Unglück gesehen werden darf. Zurück gehen wir an der französischen Botschaft vorbei, vor der wie immer allerhand Militär steht. Dann halten wir uns links, biegen schlussendlich ganz nach links ab und spazieren am französischen Konsulat vorbei. Auch dort ist viel Militär zugegen. Der Römer gibt an, dass Italien den Militärschutz für die auslädnischen Botschaften und Konsulate selber zahlen muss. Das bezweifle ich aber stark. Ist der Militärschutz der jeweiligen Botschaften und Konsulate nicht Ländersache? Wenn Sie mehr dazu wissen, erhellen Sie uns gerne.

Zurück geht es über die Ponte Sisto zur Piazza Trilussa. Den schlechten Scherz: „Hier nahm das Unglück seinen Lauf.“ konnte ich mir nicht verkneifen, doch der Römer nahm es gelassen. Im verflixten 7. Jahr darf man das vermutlich offen aussprechen.

Ein sehr müdes Kind und wir kommen an der Unterkunft an. Der Römer holt uns Pizza bei La Renella*. Alles ist wie immer – und die Pizza ist genau so gut wie all die Jahre zuvor. Das Kind mampft pizza bianca und wir den Rest. Eine andere Pizzasorte außer dem ausgebackenen Pizzateig (ohne Käse, ohne Soße) will das Kind nicht probieren. Nun, denn!

Schlussendlich finden wir uns nach dem Essen in einem Zustand wieder, den ich mit Kind als äußerst unangenehm empfinde: Das Kind ist müde, will aber nicht schlafen, ist aber müde und deswegen quengelig. So geht das zwei Stunden lang, dann schläft Signorino endlich ein. Ich tippe meinen Reisebericht in Stichpunkten ins Handy, damit ich mir in 15 Jahren denken kann: „Mein Gott, war das anstrengend damals, mit Kleinkind.“

Nach zwei Stunden wacht das Kind auf, es verdrückt seine merenda [Brotzeit], die aus einem Apfel besteht und wir gehen zum Supermarkt unter unserer Ferienwohnung. Bereits am Eingang des Supermarktes, in der Obst- und Gemüseabteilung, bemerke ich, dass das Kind nölig ist. Gleichzeitig flaniert der Römer mit einer solchen Ruhe durch die Gänge und begutachtet die dargebotene Ware, als wäre er alleine hier und noch dazu vollkommen sorglos. Dass der Zeitstrahl mit Kind in einem Supermarkt nicht der gleiche ist, wie der ohne Kind, scheint er auch im dritten Lebensjahr Signorinos noch nicht verstanden zu haben. Ich dränge zur Eile, doch der Römer hört nicht, oder will nicht hören. In der Milchprodukteabteilung beäugt er all die Neuerungen, die es seit seinem letzten Italienaufenthalt gibt, und greift doch zum altbewerten Schoko-Milch-Snack. Natürlich registriert das auch unser Nachwuchs und ruft, dass er diesen Milchriegel auch will und zwar JETZT!!!SOFORT!!UNBEDINGT!!. Bis zur Kasse hat er sich so eingeschrien, dass ich nur noch emotionslos nach vorne starre. Das Geschäft zu verlassen gestaltet sich schwierig, da der Supermarkt im Keller eines riesigen Bekleidungsgeschäftes liegt und wir dieses durchqueren müssen. In dieser Situation scheint mir jede Option als die absolut falsche und so stehe ich neben einem zappelnden, schreienden Kleinkind und rede ruhig auf ihn ein. Die Signora in der Schlange vor dem Römer sucht in aller Ruhe ihr Kleingeld zusammen und ich bin mittlerweile gänzlich im Erdboden versunken. Irgendwann hat der Römer die Waren bezahlt, das Kind hat einen Riegel in der Hand und isst zufrieden besagten Riegel als wäre nichts gewesen. Einzig die tränenfeuchten Backen erinnern an dieses Martyrium. Als wir gehen, frage ich mich, ob unter dem Supermarkt auch die Ruinen einer Kirche für gepeinigte Eltern von Kleinkindern liegt? Ich wage es zu bezweifeln, hätte aber während diesem Schreianfall gerne drei Euro Eintritt gezahlt, um dort in Ruhe mit anderen Eltern zu sitzen.

Heute jagt ein Trotzanfall den nächsten, weil Signorino vermutlich von der Reise und der Woche davor ganz schön müde ist. So entscheiden wir, nicht auswärts essen zu gehen. Abends machen wir einen kleinen Spaziergang, schlendern am Restaurant des römischen Freundes A. vorbei und bestellen etwas zum Mitnehmen, doch die gesamte Kellnerschaft besteht darauf, dass wir heute die Ehrengäste sind und bittet uns hinein. Vorsichtig setzen wir uns und gucken uns zweifelnd an. Anfangs ist das Kind noch sehr angetan vom Restaurant und seinen Mitarbeitern. Ein Korb lauwarme Focaccia wird angereicht und das Kind greift begeistert zu. Solange, bis er eben Durst bekommt. Da er partout nicht aus einem Wasserglas trinken will (aber kann!), steigert er sich in einen neuen Trotzanfall hinein, bis wir hektisch die Flucht ergreifen.Der Römer ruft dem römischen Restaurentbesitzer-Freund A. noch zu, dass einer von uns später die Bestellung „da portare via“ [zum Mitnehmen] abholen wird und sogleich landen wir wieder in den Gassen Trasteveres. Zuverlässig lotst uns der Römer heim, wobei sich das Kind langsam beruhigt. Als wir an der Livemusik auf Höhe der Piazza di San Calisto vorbeikommen, wird Signorino ganz selig. Er will stehen bleiben, klatscht und singt mit. Wir Eltern sind müde und wollen weder stehen bleiben, noch mitsingen. Schlussendlich löst sich Signorino und wir sind nach wenigen Schritten daheim. Dann bricht der Römer noch einmal auf und holt das Essen. Schweigend schaufeln wir Gnocchi alla Sorrentina (Gnocchi in Tomatensoße mit Mozzarella) und bistecca di manzo con cicoria (Rindersteak mit gemeiner Wegwarte ) in uns hinein. Das Kind will nichts, es hat vorhin auch den halben Korb Focaccia vertilgt.

Wir Erwachsenen sind ziemlich ausgelaugt und das Kind anscheinend auch. Müde fallen wir ins Bett und warten darauf, dass Signorino die Augen zu macht. Was für ein Tag!

*Werbung, unbezahlt, unbeauftragt, aus Überzeugung

Bekanntschaft mit Signora Clara – das Rom-Tagebuch [Tag 1]

Dienstag, 23.08.2022 (zweiter Teil)

„Buonasera.“ [Guten Abend.], sagt sie und ihre Stimme klingt tief, rauchig und ein wenig bedrohlich. Eine Wolke aus schwerem Parfüm zieht an uns vorbei. „Buonasera Signora. [Guten Abend, Signora.]“, antwortet der Römer und versucht sich nochmals am Türschloss. „Buonasera.“, murmle ich etwas verlegen, doch werde von einem freundlichen „HAAAALLOOOO!!“ von Signorino unterbrochen. „Ma tu, chi sei? [Aber du, wer bist du?]“, fragt die Signora freudig und ihr Gesicht erhellt sich plötzlich. Signorino antwortet nicht und lacht. „Ma come ti chiami? [Aber wie heißt du?]“, will die Signora von unserem Sohn wissen. Der Römer bittet Signorino seinen Namen zu sagen, doch Signorino will nur frech grinsen. Also lüftet der Römer das Geheimnis um Signorinos Namen. „Aah! Signorino! Che bel nome. [Ah! Signorino! Was für ein schöner Name.]“, stellt die Signora fest. Die Hündin der Signora flitzt aus dem Haus und direkt auf Signorino zu. Er will hochgenommen werden und so nehme ich ihn auf den Arm. Dann stellt die Signora ihren Hund vor. Lulu heißt die Hundedame und ist sehr neugierig, wobei sie besonders an Signorino interessiert ist. „Amore, non funziona ’sta cosa. [Schatz, dieses Ding funktioniert nicht.]“, unterbricht der Römer das gegenseitige Beschnuppern und zeigt auf das Display, das uns die Türe mit dem richtigen Code öffnen sollte. Ich seufze. Mehr fällt mir auch nicht ein. „Che è successo? [Was ist passiert]", will die Signora wissen. Der Römer erklärt es ihr. „Ah vabbè. [Ah, ja gut.] Ich habe Gabriele, dem Besitzer, schon vor Tagen gesagt, dass ich dieses Gerät für Humbug halte. Warum muss man immer alles technisieren und die Dinge dadurch komplizierter machen?“, fragt sie uns. Wir zucken mit den Schultern. „Und jetzt stehen die Gäste vor der Tür. Totaler Schwachsinn! Habt ihr die Nummer von Gabriele oder soll ich ihn anrufen?“, zetert die Signora weiter. Der Römer guckt in seinem Handy nach. Er hat Gabrieles Telefonnummer vorliegen. „Besser so für Gabriele. Dem hätte ich etwas erzählt. Unfug, diese Technik!“, spricht die Signorino ihr Missfallen aus. Der Römer telefoniert derweil mit Gabriele. Er würde so gleich mit einem Ersatzschlüssel hier sein, zehn Minuten – maximal. Italienische zehn Minuten kenne ich bereits von meinem Römer, also setze ich mich auf eine Stufe und lege den Pizzakarton auf meinen Schoß. Signorino setze ich neben mir ab, doch er bleibt im Gegensatz zu mir nicht sitzen. Sofort schießt er auf Lulu zu. Als besorgte Mutter schnelle ich sofort auf und halte Signorino fest, doch er ist bereits bei Lulu, der Hündin, angekommen. „Haaaalloooo Mellie*!“, brüllt er der Hündin ins Ohr. Sie schnuppert neugierig an ihm. „Nicht Mellie! Lulu!“, versucht der Römer richtig zu stellen. „Okaaaaay.“, sagt unser Nachwuchs. „Questa e‘ Lulu, amore mio. [Das ist Lulu, mein Schatz.] Willst du sie streicheln?“, wird die Signora ganz sanft und der Ärger über die Technik scheint verraucht. Langsam streichelt Signorino Lulu und sie lässt es sich gefallen. Dann erzählt die Signora von ihrer großen Liebe zu Hunden und das ihre Hündin gerne Welpen kriegen würde. Lang und breit erklärt sie, dass die Geburten ihrer eigenen Töchter zwar eine schönes Erlebnis waren, aber die Geburt von Welpen doch nochmal ein ganz anderes Erlebnis auf so vielen Ebenen darstelle. „Sie folgen nur ihrem Instinkt. Ist das nicht wunderschön?“, fragt die Signora uns mit strahlenden Augen und wir nicken. Daraufhin erklärt sie lang und breit, wie so eine Hundegeburt abläuft und ich beneide die Hündin dabei nicht. Ich weiß, wie meine Geburt ablief und wären in meinem Bauch noch vier weitere Signorinos gewesen, ich hätte definitiv nach einem Kaiserschnitt gefragt – Instinkt hin oder her.

Derweil verliert Signorino die Geduld und will wieder Treppen steigen. Ich hechte hinterher, kann aber den Pizzakarton wegen der Hündin nicht auf den Boden stellen und so renne ich mit Pizzakarton und Signorino die Treppen auf und ab. „Scusate, ma volete un po‘ di acqua? [Entschuldigt, aber wollt ihr ein bisschen Wasser?]“, erkundigt sich die Signora bei uns. „Wenn es nicht zu viele Umstände macht…“, fängt der Römer an. Signorino ruft in der Zwischenzeit vom unteren Treppenabsatz „WAAAAASSER!! WASSER!!“. Er scheint auch davon überzeugt zu sein, eine kurze Wasserpause einzulegen. Als die Signora ihm das Wasserglas reicht, wird er motzig. Nein, so hat er sich die Darbietung des Wassers nicht vorgestellt. Das Wasser soll – bitte, danke – in seiner hellblauen Sportflasche angeboten werden. Dicke Krokodilstränen rinnen dem Kind über die Wange, wobei er durchgehend „Acqua! Acqua! [Wasser! Wasser!]“ schreit. Die Signora guckt uns betroffen an. Ich versuche Signorino zu beruhigen, während der Römer bereits zufrieden an seinem Glas Wasser nippt. Die Signora eilt in die Küche und holt einen Keks für Signorino, den er dankend annimmt und nur noch ein wenig dazu schnieft. Ich nippe vom römischen Wasserglas und die Signora bittet uns herein auf ihre Couch. „Ihr müsst doch nicht draußen im heißen Flur warten bis Gabriele kommt. Herein mit euch. Macht es euch bequem.“ Wir setzen uns. Also alle, bis auf Signorino. Er stürmt auf Lulus Spielzeugecke zu. Ich will hinterherhechten, doch die Signora bittet mich, sitzen zu bleiben. Zu dritt, der Hund, die Signora und Signorino, spielen sie mit Lulus Ball, wobei Signorino immer wieder aufgeregt und quirlig durch das Wohnzimmer läuft. Die Signora findet’s herrlich „Questo è vita. È vita!!! [Dieser hier ist Leben! Er ist voller Leben!]“, ruft sie mit ihrer rauchiger Stimme und lacht aus tiefster Seele. Ja, Signorino ist wirklich äußerst lebhaft.

Unser Vermieter Gabriele ruft an. Er stehe vor unserer Tür. Wo wir denn verblieben wären? „Bei der Nachbarin.“, antwortet der Römer. „Ist das Gabriele?“, will die Signora wissen und stapft bereits zu ihrer Wohnungstür. Sofort fängt sie an mit Gabriele zu schimpfen. Der 40jährige, selbstbewusste und fesch gekleidete Italiener wird bei ihrem Gezeter zum Schulbub. Dann erzählt uns die Signora, dass sie jahrelang das Apartment, in dem wir zu Gast sind, verwaltet hat. Doch es sei ihr zu viel Arbeit und deswegen wurde die Verwaltung von Gabriele übernommen. „Er macht das gut. Sehr gut, sogar.“, erklärt sie uns. „Aber diese Technik? Die Gäste wollen hier Urlaub machen, ein paar schöne Tage in Rom verbringen und kein Technik-Seminar besuchen, Gabriele. Technik ist anfällig für Fehler. Schlüssel sind es nicht.“, stutzt sie Gabriele zu recht. „Schlüssel können verloren gehen.“, murmelt Gabriele kleinlaut. „Ja, und? Dann machst du einen neuen, tauscht das Schloss aus, was man eben so macht. Das Haus ist aus dem 17. Jahrhundert. Da wird man doch ein einfaches Türschloss austauschen können?“, zetert die Signora weiter. Am Ende öffnet uns Gabriele die Tür – mit einem Schlüssel. Wir bedanken und verabschieden uns von der Signora und Signorino ruft noch einmal „Tschüss Luluuu!“ Richtung Hündin. Während wir die kalte Pizza essen, hören wir, wie Gabriele versucht, die Türschließanlage zu reparieren. Immer wieder piepst es. Dazwischen motzt die Signora. Druck ist vermutlich genau das, was Gabriele in dieser Situation braucht. 😉

Am Ende klopft Gabriele nochmals kleinlaut an unserer Tür und hält uns einen Schlüssel entgegen. „Für die Türe.“, klärt er uns auf. „Ich kriege die Schließanlage heute nicht mehr flott. Für heute hat Signora Clara recht: Die Technik ist nicht immer eine Erleichterung. Aber sie kann es sein, wenn man sich ihr nicht versperrt.“ Wir nicken und bedanken uns. Anscheinend schwelt dieses Thema schon länger zwischen den beiden.

Was für ein Tag. Wir sinken allesamt um 21 Uhr ins Bett. Das Bett quietscht bei jedem Umdrehen. Ich kriege kein Auge zu und sehne mich nach meinem Bett.

*Mellie heißt der Hund von Signorinos Oma

Kolosseum am Meer – das Rom-Tagebuch [Tag 1]

Dienstag, 23.08.2022

Der Römer und ich stehen früh auf, frühstücken, werfen eilig die letzten Dinge in den Koffer und wecken Signorino, der partout nicht aufstehen will. Irgendwann bequemt er sich dann doch dazu.

Während der Kleine frühstückt, flattern wir weiter durch die Wohnung, machen noch dies und das und werden uns dabei bewusst, dass wir unsere vier Wände in einem solch desolaten Zustand verlassen, dass es für einen potenziellen Einbrecher aussieht als wäre ihm bereits ein Einbrecher-Kollege zuvorgekommen. „Vielleicht ist das als Abschreckungstaktik gar nicht so schlecht.“, denke ich so bei mir und erinnere mich an die letzten Reisen. Die Wohnung sah in unserer Abreise-Vergangenheit nie anders aus. Es schien immer eine Mischung aus „Überstürzte Flucht“ und „Umzugschaos ohne Kartons“ zu sein. Also alles wie immer, wenn wir verreisen. Ich werte es als gutes Omen.

Als wir bereits den Zeitpunkt überschritten hatten loszukommen, bricht wie immer Hektik aus. Vollständige Sätze weichen Kommandos und so rufen wir durch die Wohnung: „Schatz! Schuhe!“ oder „Signorinos Flasche! Kinderrucksack!“. In aller letzter Minute schnappen wir uns das Kind und rennen mit dem Koffer zur S-Bahn. Auch das ist typisch für uns, auch das Werte ich als gutes Vorzeichen. Eher untypisch dagegen war die geordnete Abreise vor einer guten Woche. Dazu die aufgeräumte und geputzte Wohnung und das Gefühl alles im Griff zu haben. Nein, das war, wenn man so will, bereits ein schlechtes Zeichen. Demnach läuft unsere Abreise diesmal absolut nach Plan.

Am Flughafen Frankfurt kommen wir seltsamerweise mühelos an der Sicherheitskontrolle an. Kein einziger Passagier ist vor uns. Ich fühle mich fast ein wenig betrogen ob des üblichen Spieles einiger, weniger erfahrenen Fluggäste. Keiner zerrt ärgerlich und auf Aufforderung der Sicherheitskontrolleure seinen Gürtel aus der Hose. Keiner sortiert in absoluter Ruhe und Gelassenheit einzelne Flüssigkeitsbehälter, die wildverstreut im Rucksack durch die Gegend fliegen, in ein Plastikbeutelchen mit nur einem Liter Fassungsvermögen und keiner mault „Wie? Kleingeld muss auch aus den Hosentaschen?!“. Aber nun gut – es wird auch so gehen. In zwei Minuten sind wir durch die Kontrolle geschleust worden. Wie sagt man so schön? Jeder Beruf lehrt einem etwas. Mir lehrte das Flugbegleiter-Dasein, wie man sich schnell durch Sicherheitskontrollen bewegt und sich klug anzieht und klug packt. Bezeichnen Sie mich ruhig als einen Kontrollfreak, aber ich plane nur beim Fliegen haarklein, was ich anziehe und welche Frisur ich trage, um nicht zu piepen oder abgetastet zu werden.

Danach wartet die erste von vielen anstrengenden Etappen auf uns: Signorino möchte – bitte danke – zwei Stunden am Frankfurter Flughafen beschäftigt werden. Wir finden den Spielplatz mit der großen Flugzeugattrappe, der witzigerweise direkt neben dem „Relax-Bereich“ liegt. Ob das nun genial oder grotesk ist, weiß ich nicht. Ich kann Ihnen aber sagen, dass im Minutentakt Kinder von ihren Eltern vom Spielplatz gezerrt werden, um das Flugzeug noch zu erwischen und dies meist unter sehr lautem Geschrei in der Altersklasse 1-4 stattfindet. Viel Ruhe bekommen die Gäste des „Relax-Bereiches“ demnach nicht. Vielleicht ist der Bereich aber auch für alleinreisende Eltern und Eltern mit großen Kindern gedacht, damit sie erleichtert aufatmen können, denn dieses Geschrei stammt nicht von ihrem Ableger.

Signorino spielt ein bisschen auf dem Spielplatz, traut sich aber nicht in die Flugzeugattrappe. Generell will er nirgends ohne uns hin und so hat er immer einen von uns an der Hand. Der andere darf auf einer der Elternbänke sitzen. Sehr interessant: Auf der anderen Elternbank sitzt ein Englisch-Italienisches Elternpaar. Ich finde es spannend, einen sehr ähnlichen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Die Konstellation wirkt auf Distanz ganz anders und überaus faszinierend. Als Protagonistin einer bilingualen Familie kriegt man oft nicht mit wie das von Außen aussieht. Bei dieser Familie konnte man mit eindeutiger Sicherheit sagen, dass sie in Italien leben, da die Kinder der britischen Mutter nur auf Italienisch antworten und sie auch nur Italienisch mit ihrem Partner spricht. Unser Kind hingegen antwortet dem römischen Vater zu 90% nur auf Deutsch. Doch wer weiß? Vielleicht wird sich das durch den Rom-Urlaub ändern?

Nachdem wir das Kind vom Spielplatz, und am Ruhebereich vorbei, gezerrt haben, decken wir uns noch kulinarisch für die Reise ein. Brezeln, einen sehr guten Brownie und mein Lieblingssandwich mit gegrilltem Gemüse und Schafskäse später, gehen wir zum Flugzeug. Wobei nur zwei Personen gehen. Signorino möchte getragen werden. Wir tragen ihn zum Windeln wechseln, da es im Flugzeug äußerst unbequem ist, das Kind frisch zu bewindeln und schon folgt der Aufruf am Gate , dass Personen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind und Familien (die auch in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, wenn sie mit Kleinkind reisen) einsteigen dürfen. Wir kommen an Bord, die freundlichen Mitarbeiter*innen grüßen und fragen nach Signorinos Spielzeugwünschen. Ich schlage das Malbuch vor (seit ich bei dieser Airline 2015 anfing, ist das Kindersortiment das ewig Gleiche) und wir huschen zu unserem Platz. Sogleich sind alle Rucksäcke unter den Vordersitzen verstaut, das Tablet ist geladen, es kann los gehen.

Doch halt! So schnell geht es leider nicht. Natürlich dürfen auch noch die anderen Gäste einsteigen und so schieben sich Deutsche in Wanderstiefeln und sehr gemächliche Brasilianer*innen in den Airbus des Typus A320. Ich merke, wie mich alleine das Beobachten der immer knapper werdenden Gepäckfächer nervös werden lässt, doch ich beruhige mich, denn ich bin nicht im Dienst und muss die Situation nicht lösen. Lediglich das am Ende des Boarding-Vorgangs hereinstolpernde, amerikanische Ehepaar um die 70 lässt meinen Puls noch einmal ansteigen. Hinter sich ziehen sie zwei Schrankkoffer her, die in etwa so groß sind wie unser zuvor aufgegebenes Gepäckstück. Alleine die überdimensionalen Räder dieser beiden monströsen Gepäckstücke erreichen vermutlich bereits die von der Airline vorgegeben 8 Kilo für Handgepäck. Ich versuche, der Situation keine Beachtung zu schenken, aber das Schicksal macht es mir nicht leicht, denn das amerikanische Paar sitzt genau hinter uns. Und so starren sie und ich die Gepäckfächer an und sie finden keinen Platz für ihr Überseegepäck. Gleichzeitig schwillt die Neugier in mir an, denn ich frage mich, wie und besonders wo die Flugbegleiter-Kollegin diese beiden Monstren verstauen will. Zumal die Türen bereits geschlossen und in „Flight“ sind. Das bedeutet: Diese Türen werden vor Rom auch nicht mehr geöffnet. Ein zartes, fein zurecht gemachtes Geschöpf in der obligatorischen, dunkelblauen Uniform schwebt herbei und mit einer Engelsgeduld schiebt und rückt sie Gepäckstücke umher, bis sie ein komplettes Overhead-Bin ausgegraben hat und dort die amerikanischen Koffer versenkt. Diese Meisterleistung bleibt von allen, selbst von den Besitzern der Koffer, unbemerkt. Aber in Gedanken verbeuge ich mich vor der Kollegin. Das ist ganz großes Tennis!

Die Lautsprecher knacken: Der Kapitän stellt sich vor, wobei er sofort erwähnt, dass einige Gäste diesen Flug leider nicht rechtzeitig erreichen konnten – im Gegensatz zu ihrem Gepäck, dass bereits verladen im Gepäckraum weilt. Da Gepäck aus Sicherheitsgründen nicht ohne Besitzer:in reisen darf, werden die fleißigen Gepäckabfertiger diese Koffer suchen, finden und ausladen. Besagtes Suchen, Finden und Ausladen dauert eine Stunde, die wir im Flugzeug verbringen. Wer meint, dass sich die am Flughafen verbrachte Wartezeit von zwei Stunden mit Kleinkind zog wie Kaugummi, der irrt. Eine Stunde in einem Flugzeug, dass sich nicht bewegt und in dem das Kleinkind förmlich an den Mittelplatz gebunden ist, zieht sich in eine so unendliche Länge, dass es vermutlich keinen adäquaten Ausdruck dafür gibt. Wir starten unser elterliches Unterhaltungsprogramm, damit unser Nachwuchs brav sitzen bleibt und geben dabei alles. Wirklich alles. Danach bin ich vollkommen nass geschwitzt. Meine linke Hand zittert. Es fühlt sich an als hätte ich den Mount Everest bestiegen – und zwar nur mit einem Paar Flipflops, wobei bei einem der beiden Badelatschen der Riemen gerissen ist und man mit seinem großen Zeh und dem danebenliegenden Zeh versucht, diesen verfluchten Riemen an Ort und Stelle zu halten, was aber natürlich nicht gelingt, denn er rutscht ständig raus, während man auf Schnee und Eis herumschlittert. Als wir endlich losrollen, schläft das Kind ein. Ich atme tief durch und lehne mich erschöpft ans Fenster. Und alle sagen, die Geburt des Kindes wäre echt heftig. Hätte mir mal einer gesagt, dass das ein Klacks ist im Vergleich zum Verreisen mit Kleinkind.

Blöderweise bin ich jetzt zu aufgedreht, um einzunicken. Vor mir bemerke ich zwei Jungs im Grundschulalter. Brav aufgereiht sitzen sie auf dem Fenster- und Mittelplatz. Am Gangplatz liest ihre Mutter eine Frauenzeitschrift, während die Kinder sich wahlweise langweilen oder ihre Kinderzeitschrift lesen. Alles läuft sehr gesittet ab. Ich schließe die Jungs gleich ins Herz, weil es zwei aufgeweckte, überaus witzige Kerlchen sind. Als wir in etwa auf der Höhe Mailands sind, unterbricht der Co-Pilot unser schnödes Warten auf die Ankunft in Rom und erzählt uns etwas über den Flug. Als erstes verkündet er, dass wir bereits im italienischen Luftraum sind. Die beiden Grundschüler vor mir rasten aus vor Freude und müssen ihren Vater, der auf dem gegenüberliegenden Gangplatz sitzt, mit einem „PAPA!!!! Wir sind in Italien!!! Italien!! Juhuuu!“ informieren. Die beiden sind so drollig, ich könnte sie knuddeln.

Als wir etwa auf Höhe der Toskana sind und all die vorgelagerten Inseln begutachten können, unterhalten sich die beiden kleinen Brüder.

„Aha. Das ist also Rom.“, sagt der Große sehr fachmännisch und zeigt auf eine kleine Küstenstadt am Meer. Gegenüber thront Elba. Der Kleine, der dem Großen in nichts nachstehen will, drängt sich dicht neben ihn. „Ja, richtig. Da ist das Kolosseum.“, stellt der Kleine fest. Ich gucke ebenfalls aus dem Fenster und muss schmunzeln. Diese Stadt am Meer ist alles, aber nicht Rom. „Mama, Anton sagt, da ist Rom.“, informiert der Kleine die Mutter. „Hm… schaut nochmal genau. Rom ist schon eine sehr große Stadt.“, spricht die Mutter. „Anton, Mama sagt, du sollst nochmal genau schauen. Das muss eine große Stadt sein.“, erklärt der Kleine dem großen Bruder keck. „Ja, da lege ich mich fest. Das ist Rom. Ich sehe auch das Kolosseum.“, spricht der Große voller Überzeugung. „Juhuuu! Rom!“, schreit der Kleine. Vielleicht hätte die Mutter den Kindern sagen sollen, dass der Flughafen durchaus nahe zum Meer liegt, die Stadt aber ganz und gar nicht? Doch die beiden haben eine solche Freude mit ihrer falschen Erkenntnis, dass diese beinahe ansteckend ist. Wir fliegen noch weitere 20-25 Minuten, dann sind wir da. Unser Signorino schläft immer noch. Auch, als der Römer ihn im Aussteigeprozess auf den Arm nimmt, döst er noch vor sich hin. Erst im Flughafengebäude wacht er auf und wundert sich etwas, was ihn aber nicht davon abhält, gleich auf den Boden zu wollen und davon zu düsen. „Rolltreppe!!“, ruft er euphorisch und läuft auf das Laufband zu. „Andiamo Rolltreppe!! [Gehen wir zur Rolltreppe!!]“, informiert er seinen römischen Papa, der ihm hinterherhechtet. Ich wundere mich hingegen, dass das Kind plötzlich Italienisch spricht.

Bei der Gepäckausgabe angekommen dauert es etwas. Signorino und ich warten auf dem kleinen Spielplatz. Das Kind ist, dank des Schläfchens im Flugzeug, vollständig aufgeladen und turnt überall herum. Dabei ruft er alle paar Sekunden „MAMA!!! MAMAAAA!!“. Zum Glück kommt unser Gepäckstück rasch an, so dass wir zum Zug gehen können. Der Weg dorthin ist echt lang geworden. Aufzug – Laufband – Laufband – Laufband – Laufband. Signorino ist im Glück. Auf dem Koffer thronend, hält er sich am Gestänge des selbigen fest und lässt sich von Laufband zu Laufband kutschieren, was er immer wieder mit seinen „Andiamo Laufband!“-Rufen unterstreicht. Schlussendlich sitzen wir im Zug und lassen uns allesamt durch die Gegend schaukeln. Signorino will gerne im Zug herumlaufen. Wir haben einige, sehr ernste Diskussionen und er findet uns Eltern fürchterlich, was er lautstark äußert. Ich atme viel in den Bauch hinein, um mich zu beruhigen. Als wir am Bahnhof Trastevere ankommen, wollen wir die Tram 8 nehmen, doch diese operiert momentan nicht, so dass wir den Autobus 8 nehmen. Auch gut. Wir quetschen uns in den Bus. Das Kind kreischt panisch auf als ich ihn auf einen leeren Sitzplatz setzen will. Schlussendlich setzen wir ihn wieder auf unseren Übersee-Koffer und stemmen uns mit unserem Körpergewicht dagegen, damit das Gepäckstück nicht mitsamt Kind umfällt.

Endlich kommen wir an der Unterkunft an. Das Vermieter-Pärchen erwartet uns und erklärt uns alles in einer sehr langatmigen Infoveranstaltung. Wir nicken viel, stellen keine Fragen, damit diese Veranstaltung nicht unnötigerweise in die Länge gezogen wird und schließen die Türe am Ende hinter uns zu. Der Römer schwankt zum Bett und legt sich schweratmend auf selbiges. „Oh dio! [Oh Gott!]“, spricht er ganz leise und jämmerlich. Er sieht aus wie das Betttuch: kalkweiß. „Ich habe einen Migräneanfall. Ich dachte, ich werde ohnmächtig, während sie redeten.“, murmelt der Gatte. Ich hole Wasser, zuckrige Snacks und mache einen Kaffee. Das Kind steigt derweil die wohnungsinterne Wendeltreppe hoch und runter. „Andiamo hoch. [Gehen wir hoch.]“, informiert der kleine Kerl uns, um danach „Andiamo ‚unter.“ zu rufen. Ich versuche den Römer wieder aufzupäppeln und frage, ob es so schlimm ist, dass wir einen Arzt brauchen. „No, no, es geht schon wieder.“, spricht er und ich halte ihm einen feuchten Lappen in den Nacken. Wieder ertönt ein „Andiamo hoch.“ mit glockenheller Stimme und der Kleine stampft die Treppe hoch. Mühsam steht der Römer auf und holt sich eine Migräne-Tablette aus seinem Rucksack. Dann schwankt er an Signorino vorbei, hoch ins Bad, und bleibt dort 10 Minuten. Mir erscheint die lange Zeit komisch und so frage ich kurz nach, ob alles ok ist. „Si, si. [Ja, ja.]“, antwortet der Gatte und scheint etwas vitaler zu sein. Kurz darauf kommt er zurück und sieht nur noch mittelblass aus. „Wollen wir Pizza holen?“, will er von mir wissen. „Klar, soll ich gehen?“, hake ich nach. „Andiamo pizza!!!“, ruft der Kleine und hechtet eilig zur Tür. Anscheinend gehen wir alle zusammen. Wir machen noch ein Foto des Tür-PINs und gehen los. Eine bunte Auswahl an Pizzastücken später, erklimmen wir die drei Stockwerke zu unserer Ferienwohnung. Einen Aufzug gibt es nicht. Der Römer schleppt die Pizza. Ich schleppe Signorino, der ab dem 1. Stock nicht mehr gehen mag. Oben angekommen gibt der Römer den Türcode ein, es piept, es blinkt, doch nichts geschieht. Wieder und wieder gibt er den immergleichen PIN ein, die Tür klackt ein Mal kurz, nur um sich dann wieder nicht zu öffnen. Wir rütteln an der Tür, geben noch zehn weiter Male den Code vom Foto ein, doch es bewegt sich nichts. Signorino zerrt an meiner Hand, denn er will wieder nach unten gehen. Wir gehen ein halbes Stockwerk nach unten, dann ruft das Kind „Andiamo hoch. [Gehen wir hoch!]“ und wir tapsen wieder nach oben. Beim Hochgehen bemerke ich all die Schilder, die auf Englisch und Italienisch den geneigten Gast dazu anhalten, bitte im Treppenhaus RUHE!! zu geben. Signorino brüllt durchs Treppenhaus, lacht, ruft „Pizza! Pizza!“ und „Andiamo ‚unter!“. Immer wieder piept die PIN-Anlage der Tür, doch sie bleibt verschlossen. Man hört Geräusche aus der gegenüberliegenden Wohnung, auf der ein weiteres, knallrotes Schild mit weißer Schrift „SILENCE!!!“kreischt. Rasch wird diese aufgezogen. Eine ernste Frau mit rotem Haar und strengem Blick steht mit ihrem Hund in dieser und starrt uns an….

[Fortsetzung folgt]

Ein Abenteuer in Stichworten

Bayern. Fiebriges Kind vor Reiseantritt. Reisestorno. Kind wieder gesund. Kurzfristige Alternativen am Meer unbezahlbar. Brainstorming. Wohin im August? Immerhin: Ein Ort in Italien hat Nebensaison. 😉

Falls Sie die Tonspur hören: Das Kind sagt „Bolli! Bolli! Bolli!“. Ansonsten filme ich das Nachbargebäude. Die Schönheit der Fassade erschließt sich einem von der Straße aus gar nicht.

P.S. Bei den Kommentaren hinke ich sehr hinterher. Das ändert sich spätestens nach dem Urlaub. Versprochen!

WMDEDGT – August 22

Der Monatsfünfte und Frau Brüllen fragt mal wieder, mit was man seine Zeit verbringt. WMDEDGT nennt sie das und hier sieht das so aus:

03:00 Uhr „Oh Gott, meine neue Leinenbluse!“, schrecke ich aus meinem Halbschlaf aus Fresskoma und Erschöpfung hoch. Es stürmt in Frankfurt und in Gedanken sehe ich meine neue Oberbekleidung schon zusammengekrümmt als nasses, trauriges Etwas in irgendeiner Straßenecke liegen. Ich tapse im Dunkeln durch den Gang, durchquere das Wohnzimmer und finde sie am Balkonstuhl hängend. Rasch pflücke ich sie vom Stuhl, lege sie auf die Couch und trinke ein Glas Wasser, um dann wieder ins Bett zu huschen. Der Römer fragt im Dunkeln, was los sei. „Ich habe gerade meine Bluse…“, doch da schnarcht er schon wieder.

07:30 Uhr Ich stehe auf und bin vom gestrigen Geburtstagsessen noch so voll gefressen, dass ich nur Tee und Kaffee trinke. Dann dusche ich mich fix ab, wecke das Kind, bügle meine heute Nacht vom Balkon gepflückte Leinenbluse, wecke das Kind wieder, befülle die Wasserflasche mit frischem Wasser, tische das Frühstück auf und wecke das Kind nochmal. Irgendwann steht er auf. Er isst und trinkt sehr müde, ich mache mich fertig. Danach ziehe ich Signorino an. Er will nicht in die Kita. Ich schlage ihm vor, dass er das rote Zoo-Auto mitnehmen dsrf. Der Vorschlag kommt an! Leider finde ich das Auto nicht. So brüllt das Kind und ich suche panisch und wenig konstruktiv, während die Zeit uns gleichzeitig hämisch im Nacken sitzt. Irgendwann finde ich es – in der Mitte des Wohnzimmers auf dem Teppich. Wir können los. Auf dem Weg zum Auto umgehen wir viele Pfützen bis Signorino doch noch einen Moment findet, in dem er reinspringen kann. Ich habe eine blütenweiße Hose an und versuche diese mit Feuchttüchern im Auto zu reinigen. Für mehr ist keine Zeit. Es tröpfelt. Wir fahren los. Kaum aus der Ausfahrt raus, schüttet es in Strömen. Fußgänger:innen und Rad:fahrer halten sich schützend Jacken, Zeitschriften und Ordner über den Kopf. An einen Regenschirm denkt in diesem saharaheißen Sommer offensichtlich niemand.

09:15 Uhr Angekommen an der Kita, ruft das Kind herzzerreißend und Rotz und Wasser heulend „Mama! Mama!“. Es will auf meinen Arm. Seine Erzieherin steht auf und wir lösen ihn von meinem Bein. Ich fühle mich (mal wieder) wie die schlechteste Mutter der Welt. Im Auto angekommen, atme ich zwei, drei Mal durch und fahre nach Hause.

10:50 Uhr Ich gehe zur S-Bahn. Irgendetwas Oberleitungsmäßiges müsse zwar repariert werden, verrät mir die App, aber ich versuche mein Glück. Es beginnt zu tröpfeln. Folgerichtig habe ich natürlich keinen Schirm mitgenommen. Anscheinend bin ich ein Typus Mensch, der aus vorher getätigten Beobachtungen zwar urteilt („Jetzt haben die alle keinen Schirm dabei, obwohl die Wetter-App doch sagte, dass es regnen wird!“) , aber keine logischen Schlüsse für sich daraus zieht („Heute sollte ich auf alle Fälle einen Schirm mitnehmen.“). Nun denn, wie gut, dass ich eine weiße Hose anhabe. Das macht die Geschichte gleich doppelt spannend. Vielleicht verzichtet der Hausarzt, zu dem ich gleich will, darauf, dass ich mich ausziehen muss. Durch die durchsichtig gewordene Hose sieht er eh gleich alles.

11:50 Uhr Wenn Sie mit einem dringenden Anliegen zum Hautarzt wollen, müssen Sie früh aufstehen. Vor 9 Uhr werden die unangemeldeten Fälle abgearbeitet. Auch wenn Sie „ja eigentlich gar net komme wollde“ und dann doch noch um 11:50 Uhr auftauchen. Man schiebt Sie „ausnahmsweise“ ein, aber auch nur, weil bald Wochenende ist. Sie sehen, im halb offenen Wartebereich erfährt man so einiges Nützliches.

12:40 Uhr Beim Arzt war alles in Ordnung. Ich buche gleich noch den Termin für‘s Hautkrebsscreening (im Februar dann…) und gehe in den japanischen Laden nebenan. Signorino und ich schmissen jeweils einen Creme-Pumpspender herunter und nun verweigern die Spender ihre Pumpleistung. Also habe ich zwei neue, leere Pumpspender gekauft und pumpe nun um.

13:00-14:40 Uhr Wieder daheim. Ich gönne mir Zeit für mich und lese Blogs. Dann rufe ich den Einen an und wir quatschen über den gestrigen, zusammen verbrachten Abend. Zeitgleich ruft der Römer an. Er würde mich gerne an der Kita treffen. Ich willige ein. Erst im Auto frage ich mich, warum er das Kind nicht alleine abholen kann. Aber nun sitze ich schon im Gefährt. Der Römer winkt mir zu, wir gehen in die Kita und holen das verwirrte Kind ab: „Mamaaa! Papaaaa! Maaapa!“

15:00 Uhr Wieder zu Hause. Der Mann hat eingekauft. Bucatini („Conosci bucatini?“ Kennst du Bucatini?), italienische Kekse, Bresaola (ähnlich Bündnerfleisch), noch mehr italienische Kekse, irgendwelche italienischen Cracker. Ich habe den leisen Eindruck, ihm fehlt Italien? 🤔

16:00 Uhr Die Gallensteine des Mannes sind zurückgekehrt. Er jammert so vor sich hin, will aber nicht zum Arzt, dann doch, dann ist er zu müde für einen zweiten Bluttest, heute ist’s wieder extra schlimm. Ins Krankenhaus will er dann doch nicht und am besten soll das Problem sich in Luft auflösen. Aber wie damals bei der Gallenblase, löst sie sich leider nicht auf, sondern musste heraus operiert werden. Er baut erstmal Zug mit dem Kind und jammert, und fühlt sich schlapp und hat Krämpfe…. Wie kann man nur so stur sein? Die einzige Lösung liegt doch auf der Hand 🏥? Lieber jetzt als im Urlaub, fernab der Zivilisation und damit fernab von Krankenhäusern .

17 Uhr Nächster Halt: Drogeriemarkt. Der Mann deckt sich mit Gallenstein-Hausmitteln ein: Apfelessig, Kurkuma, Löwenzahntee, usw.. Das Kind macht gut mit beim Einkaufen. Daheim kriegt er dennoch einen Anfall, dass er zum Spielplatz wollte und will. Also gehen wir zum Spielplatz. Ich bestelle noch rasch Pizza vor, denn unsere Lieblingspizzeria machte eine dreiwöchige (!) Pause und heute ist sie wieder da.

Sieht nach (zugegeben sehr dreckigem) Strand aus. Ist aber ein Spielplatz. Aber meine weiße Hose ist noch weiß. Das ist doch auch etwas.

18:40 Uhr Vom Spielplatz zurück warten wir auf die Pizza. Das Kind kann nicht mehr warten und isst ein Marmeladenbrötchen als Vorspeise.

19:30 Uhr Die Nachbarn von oben bohren. Das Kind hat neuerdings Angst vor Bohrgeräuschen und so hängt ein ängstliches Kind auf mir wie ein Koala an einem Ast. Ich frage mich, wann deren Bohrprojekt beendet ist. Seit Tagen geht das schon so. Aber vielleicht bauen sie ab… und nicht auf. Das wäre mir sehr lieb.

20:45 Uhr Meine Schwiegermutter wünscht mit ihrem Enkelkind zu reden. Da weder Enkelkind, noch Schwiegermutter über ein Handy verfügen, ruft der Römer seinen Bruder an, der das Videotelefonat an seine Mutter weiterreicht. Nur Signorino guckt lieber „Tan“. Dann bequemt sich das Kind, drei Sekunden ins Telefon zu starren, nur um dann wieder „Tan“ zu gucken.

23:00 Uhr Das Kind schläft endlich. Let‘s call it a day!

Gleich geht’s weiter

Einkommensnachweis

Das Verfahren, den Römer zum Germanen zu machen, läuft seit Oktober 2020. Wann immer sich das dafür zuständige Regierungspräsidium bei uns meldet, ist der Gatte schon flattrig im Hausflur. Noch im Lift reißt er den amtsgrauen Umschlag auf und sobald er die Türe aufgesperrt hat, ruft er bereits im Wohnungsflur „Amore, quelli del passaporto mi hanno mandato una lettera.“ [Schatz, die vom Pass(amt) haben mir einen Brief geschickt.]

Nach meiner obligatorischen Frage, was in dem Brief stehen würde, kommt das ebenso obligatorische Schulterzucken. „Beamtendeutsch.“, antwortet der Römer resigniert und drückt mir den Brief in die Hand. Sogleich setze ich mich hin und lese mir den Brief durch.

Doch es geht immer nur um eines: Mehr Unterlagen. Diese sollen gerne vorbeglaubigt, ganz beglaubigt, übersetzt, apostilliert, gestempelt, unterschrieben, vom Notar eigenhändig verpackt, zugeklebt, beschriftet und auf einer weißen Stute, die nicht älter als 5,4 Jahre alt ist bei Vollmond überbracht werden.

Am Ende des ersten Briefes stand der Zusatz:

„Bitte legen Sie einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Auch den Ihrer Ehefrau.“

Das taten wir natürlich. Die Monate verstrichen. Alle Unterlagen waren wie vorgegeben eingereicht. Ein neuer Brief flatterte ins Haus. Selbe Szene. Das Regierungspräsidium habe die Unterlagen geprüft und sie würden die Unterlagen nun zu allen relevanten, staatlichen Instanzen weiterleiten. Am Ende des Briefes wurde noch vermerkt:

„Bitte legen Sie einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Zu unserer Entlastung schicken wir Ihre zuletzt eingereichten Einkommensnachweise zurück.“

Wir machten einen Termin im Bürgeramt aus, ließen erneut Einkommensnachweise beglaubigen und schickten sie nach Darmstadt. Die Zeit verstrich. Ein neuer Brief des Regierungspräsidiums erreichte uns nach Monaten. Dieser teilte uns mit, dass der Römer einen germanischen Pass bekommen könne, solange sein Herkunftsland ihn aus der jetzigen Staatsbürgerschaft entlassen würde. Am Ende stand der obligatorische Satz:

„Bitte legen Sie zu den geforderten Dokumenten einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Zu unserer Entlastung schicken wir Ihre eingereichten Einkommensnachweise zurück.“

„Ma che cavollo! [Aber was für ein Unding!] Wie viele denn noch?“, wollte der Mann von mir wissen. Ich zuckte mit den Schultern. „Ist halt so.“, sprach ich. Was soll ich mich auch aufregen? So sind die Regeln für Passanwärter in diesem Land.

“Produziert in Albanien.” kann eben auch manchmal eine Bürde sein.

Ein paar Tage verstrichen. Mein Mann schrieb mir eine Nachricht und schickte mir ein Foto der wöchentliche Einkaufsliste weiter. Er fragte, ob ich nach der Arbeit einkaufen gehen könne.

Ich schrieb zurück: „Nach ausführlicher Prüfung der Einkaufsliste, bitte ich um einen aktuellen Einkommensnachweis. Den Einkaufszettel der letzten Woche schicke ich Ihnen zu meiner Entlastung zurück.“

„Non fa ridere.“ [Das ist nicht lustig.], antwortet der Mann trocken.

Ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott wahrlich nicht zu sorgen.

Ketchup im Zoo

Es ist Samstagnachmittag. Ein kleiner Haufen Kind liegt auf dem Sofa. Er ist in den ersten zehn Minuten seiner Zeichentrickserie eingeschlafen.

Vollkommen erschöpft fielen ihm die Augen zu. Ich kann ihn verstehen, denn es war wirklich aufregend im Zoo. Jetzt, mit 2,5 Jahren interessiert er sich für Gi-affe, Pinnuin und Zeb-a. Zugegeben, einen Kollateralschaden musste eine arme, zufällig vorbei flanierende Ziege verbuchen, was mir wiederum sehr Leid tat.

Als es passiert war, starrten die Ziege und ich uns entsetzt, um Fassung ringend, an. Hätte die Ziege sprechen können, sie hätte mit aufgeregt-zittriger Stimme “Das hat er nicht wirklich getan?!” gefiepst. Aber ja, mein Ableger hat das wirklich getan und der armen, zutraulichen Ziege kräftig in die kalt-feuchte Nase gekniffen. Und ja, das hätten wir beide nicht erwartet und es tat mir furchtbar Leid für die Ziege. Entschuldigend wollte ich sie am Bauch tätscheln, doch sie trabte beleidigt davon. Vermutlich brachte sie sich in Sicherheit vor dem neugierig kneifenden Menschenkind. Wer weiß auf welche Ideen Signorino noch gekommen wäre, wäre die Ziege stehen geblieben?

Zuvor, sonst hätte ich den Sohn gar nicht auf die Ziege losgelassen, tätschelte er eifrig andere Ziegen und machte „Wau!Wau!“. „Nein, nein.“, erklärten wir Eltern geduldig. „Das ist kein Hund. Das ist eine Ziege.“ Der Nachwuchs blieb beim „Wau!Wau!“, um schlussendlich das Tier mit “Ciao Ciao, Ziege!“ zu verabschieden. Irgendetwas blieb also doch hängen. Doch im Albanien-Urlaub vertiefen wir das Ziegen-Wissen noch etwas. Unser Lernziel wäre, dass der Nachwuchs weiß, dass es sehr untypisch für Ziegen ist, “Wau!Wau!” zu machen, sofern sie nicht von Hunden sozialisiert worden sind. Und selbst dann wäre es vermutlich eine erstaunliche Leistung seitens der Ziege.

Sehr gut haben uns übrigens die Seehunde gefallen, die der Römer und ich einstimmig für „foche”, oder auf Deutsch, „Robben“ hielten. Eifrig begann ich daheim den Unterschied zwischen Seehunden und Robben zu recherchieren und hörte bereits beim ersten Satz wieder auf „Alle Seehunde sind Robben, aber nicht alle Robben sind Seehunde.“ Puh! Das wirkte wie der Anfang einer Sachaufgabe. Ich beschloss, dass diese Wissenslücke ruhig ungestopft bleiben könne und tat es mit einem “Man muss auch nicht alles wissen!” ab. Für Signorino gab es nur eine Definition für dieses unter Wasser verkehrende Tier: Fiiiiesch (mit langem I). Auch nach mehrmaligem Erklären bzw. zweisprachig auf ihn einreden (Foche! Robbe! Sono foche, amore mio! Das ist eine Robbe, mein Schatz! Vedi?! Foche!), blieb er dabei: Es war ein Fiiiesch!

Ein Fiiiesch lt. Signorino. Im Video: Signorino erklärt etwas in seiner eigenen Sprache. 😄

Wir guckten noch bei den Okapis vorbei, bei einem Nilpferd, das Signorino als Stein bezeichnete und man ihm recht geben musste, denn das Tier lag mit dem Rücke zu uns vorm Wasserloch und bei aller Liebe: Es sah aus wie ein nasser Stein mit winzigen Stein-Ohren, die sich ab und an bewegten.

Die Erdmännchen verpassten wir diesmal, aber dafür guckten wir noch bei Gi-affe (das Kind kann kein R aussprechen) und Zeb-a (das R-Problem, wie gesagt) vorbei. Danach stärkten wir uns in der prallen Sonne mit den gesunden Klassikern der regionalen Küche: Chicken Nuggets und Pommes. So großzügig der Gatte auch beim Verteilen der Portionen war, so sparsam war er beim Ketchup. Einen Fingerhut voll Ketchup pumpte er aus einem großen Spender auf jede Portion Pommes und balancierte damit zu unserem Tisch. Daran erkennt man sie wohl, die kulturellen Unterschiede. Meine Pommes tragen normalerweise eine ordentliche Portion Ketchup auf dem Pommeshaupt. So viel, dass die direkt darunter verschütteten Pommes gar nicht mehr vor der Ketchup-Lawine zu retten sind und falls doch, nur mit einem Piekser gegessen werden können. Die römische Ketchup-Ration ist ein fingernagelgroßer Klecks, der einen irritiert fragen lässt, ob das Ketchup im Spender leer war. „Ma che! Era pieno! [Ach was! Es war voll!]“, sprach der Gatte und kaute auf einer nackten Pommes herum. Kurz überlegte ich, ob ich nochmal zur Ketchupquelle gehen sollte, aber ich arrangierte mich mit der verschwindend geringen Menge. Sparsam teilte ich sie mir ein, so dass ich fast ein Drittel der Pommes mit leicht benetzter Ketchup-Schicht essen konnte.

Dem Sohn war dieser Umstand schlichtweg egal. So gerne er ungesunde Lebensmittel wie Süßigkeiten und Eis in rauen Mengen isst, so sehr widert ihn Fruchtsaft und Ketchup an. Ein gesunder Ausgleich, wenn Sie so wollen, oder einfach nur sein römisch-albanisches Erbgut, das keinen Bedarf für Ketchup (und Fruchtsäfte) sieht. So aß er viele, nackte Pommes und probierte die Chicken Nuggets, die er „Bäh!“ fand. Obwohl wir neben dem Eisstand saßen, fragte er dennoch kein einziges Mal “…oder Eis?”, was wir durchaus als Erfolg verbuchten.

Satt und glücklich guckten wir noch zum Bären. Neben dem Gehege stand eine lebensgroß nachgebildete Figur aus Plastik, mit der man sich fotografieren lassen konnte. Fälschlicherweise hielt ich diese freundliche Bärenfigur für einen Waschbären und habe nun, auch nach den irritierenden Blicken des Römers, den Beweis dafür, meine Sehstärke nächste Woche überprüfen zu lassen.

Ein echter Bär im Gehege. Und ganz sicher kein Waschbär. 😉

Es war ein sehr schöner Tag mit all dem Frankfurter Getier. Doch das Spannendste war für Signorino die Straßenbahn, die am Zoo vorbeifuhr. Würde das arme Kind nie Straßenbahn fahren dürfen, ich würde es verstehen. Aber wir fahren mindestens drei Mal die Woche Straßenbahn und drei Mal die Woche S-Bahn. Man möchte meinen, irgendwann wäre das Kind gesättigt vor lauter Straßenbahnfahrten. Aber dem war nicht so!

Zum Abschluss fuhren wir noch zwei Stationen mit der Straßenbahn und das war definitiv das Highlight des heutigen Tages für das Kind.

Haben Sie ein tierisch-feines Wochenende mit hoffentlich genug Ketchup zu Ihren Pommes!

Killing him softly – ein Abenteuerbericht

[Teil 1 finden Sie hier]

Die Überraschung folgte für den Römer am Dienstagmorgen um 5 Uhr. “Mi viene a vomitare. [Mir ist übel.]”, raunte der Gatte in die Dunkelheit, sprintete aus dem Schlafzimmer, schloss auf dem Weg zum Bad noch eben die Kinderzimmer-Tür (man will das Kind schließlich nicht wecken), eilte in das zu klein geratene Bad und erbrach sich.

Ausgerechnet er, der mir am Tag zuvor noch erzählte, dass er sich nie und nimmer, oder falls doch, nur in aller größter Not erbrechen würde. So gesehen letztmalig im Jahr 2016 in Albanien, als er Steindatteln aß. Eine Delikatesse aus dem Mittelmeer, die ihm eine ordentliche Muschelvergiftung bescherte. Doch dieses längst vergangene Erlebnis hielt ihn nicht davon ab, seinen Monolog fortzusetzen: Wir, dann zeigte er auf Signorino und mich, hätten ja einen äußerst schwachen Magen. In unserem aalglatten Industriestaat wäre gar kein Platz für Viren und Bakterien, die der Körper kennenlernen könne. Aber im Süden hätte sein Körper schon alles gesehen. A-L-L-E-S. Seine ausladenden Gesten unterstrichen seinen Monolog, den er mit dem Satz beendete, dass er alles vertilgen könne, ohne auch nur Aufzustoßen. „Bis auf Steindatteln…“, murmelte ich sehr leise und grinste in mich hinein.

Derweil interessierte sich die Magen-Darm-Grippe herzlich wenig für sein Geschwätz vom Vortag. Vielmehr vertikutierte sie den Römer mit einer solchen Inbrunst, dass jegliche Lebenskraft aus ihm herausgeschleudert wurde. Um 05:30 Uhr stolperte er kraftlos und kaltschweißig zurück ins Schlafzimmer. Ich blinzelte ihm entgegen. Er hielt mir sein Mobiltelefon vor die müde Nase. „Kannst du meinen Kolleg*innen bitte schreiben, dass ich heute nicht komme? Ich habe all meine Deutschkenntnisse soeben in der Toilette versenkt.“, erklärte er mir auf Italienisch. „Das kann ja dann nicht so viel gewesen sein.“, dachte ich, verbot mir jedoch jeden laut geäußerten Galgenhumor. Dem Gatten ging es wirklich miserabel. Somit setzte ich mir als liebende und fürsorgliche Ehefrau meine Brille auf, tippte eine schmissige Nachricht, so schmissig man eben um 5:30 Uhr morgens sein kann, und las sie dem Römer vor. Fälschlicherweise interpretierte der Römer die Situation so, dass wir gleich noch eine Lektion „Deutsch – Wortschatzerweiterung“ besprechen sollten: „Che vuol dire ‚Mich hat’s erwischt?‘ [Was bedeutet ‚Mich hat’s erwischt?‘]“, fragte er gequält. Ich übersetzte es behelfsmäßig mit „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.].“ „Aha.“, sprach er. Ich las ihm die restliche Textnachricht vor. „Che vuol dire „Über der Kloschüssel hängen? [Was bedeutet „Über der Kloschüssel hängen?“]“, wollte er nun wissen. „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.]“, übersetzte ich wieder. „Und warum schreibst du das dann zwei Mal?“, wollte er von mir wissen. „Amore, es ist 5:30 Uhr morgens. Deine Kolleginnen und Kollegen werden die Nachricht schon verstehen. Details können wir gerne morgen klären. Gute Nacht!“, beendete ich den Vokabeltest. „Gute Nacht!“, sprach der Römer. Ich drehte mich um und versuchte wieder in den Schlaf zu finden. Als mir das beinahe gelang, sprach der Römer in die Dunkelheit. „Ma io adesso sto bene [Aber jetzt geht es mir gut.]. Was meinst du? War es falsch mich sofort krank zu melden? Ich habe nun wirklich nichts mehr im Magen, was ich noch ausspucken könnte.“, erörterte der Römer mir seinen Gedankengang. „Anfängerfehler.“, dachte ich und murmelte im Halbschlaf: „Warte doch erstmal ab. Normalerweise ist es mit ein Mal Erbrechen nicht getan.“ Der Römer versuchte mir nun verständlich zu machen, dass er sich schon viel fitter fühlte und sich jetzt ärgerte, dass er sich krank gemeldet hatte.

Einmal so optimistisch in die Zukunft zu blicken wie der Römer, das wäre mein Lebensziel. Aber vermutlich komme ich dort nie an.

Ob der Römer eine Zweitwohnung in der Nähe hat?

„Pazienza! [Geduld!]“, grummelte ich und guckte auf die Uhr. 6:10 Uhr. Nur zehn Minuten nach unserem Gespräch lief der Römer wieder aus dem Schlafzimmer. Ich hörte ihn erbrechen. „Siehste! Sag‘ ich doch.“, dachte ich noch, schielte wieder auf die Uhr und mir wurde bewusst, dass ich in einer Stunde aufstehen muss. Ich klopfte leise an die Badezimmertür. Zwischen zwei Kötzerchen teilte ich dem Römer mit, dass ich auf die Couch umziehen werde, um noch etwas Schlaf zu erhaschen. Sollte er etwas brauchen, könne er es gerne jetzt sagen, auch ein Laut würde mir genügen, oder aber ins Wohnzimmer kommen. Er spuckte wieder, ächzte aus dem letzten Loch und sagte dann, dass er momentan nichts brauche. Ich zog ins Wohnzimmer um. Dann beschloss ich, angesichts der Tatsache, dass auch Signorino nicht wirklich fit war, dass wir alle daheim bleiben würden. Ich meldete mich in der Arbeit krank und versuchte einzuschlafen. Das gelang mir nicht wirklich, weil das Wohnzimmer zur langsam erwachenden Allee lag, wo fleißig Schüler*innen und Eltern vorbeirollten und trollten, laut schnatternd und sich anscheinend auf den Tag freuend. Ich seufzte und schlürfte zum Römer.

Wie ein überfahrener Kaugummi lag er auf dem Bett und atmete gequält. Ich fragte, ob ich kurz auf Toilette könne oder er zu tun habe. Es sei nicht dringend. „Vai!Vai! [Geh ruhig!]“, ermutigte mich der Römer. Als ich in das schmale Zimmer eintrag, lag feinsäuberlich ein flauschiges Handtuch auf dem eiskalten Fliesenboden. Der Gatte macht es sich anscheinend gerne gemütlich, wenn er sich schon in einer so prekären Situation befindet. Oder aber, er bediente sich einem alten germanischen Brauch, der meist im Ausland praktiziert wird: Das Reservieren eines Ortes, gerne nah an einem Gewässer, und oftmals in Form einer Sonnenliege in einer großen Ferienanlage, um der Rekreation von Körper und Geist zu dienen. Wer sein Handtuch als erstes in den frühen Morgenstunden auf die vom Sonnenlicht verblichene Liege klatschte, hatte den ganzen Tag den besten Platz am Pool sicher. Dieser Lokus war also reserviert. Ich beeilte mich, schnell wieder davon zu kommen. Nicht, dass der Besitzer des Handtuchs mich noch bei der Hotelleitung melden würde. Als ich fertig war, breitete ich das kuschelige Handtuch wieder so aus, wie ich es vorgefunden hatte.

Wenig später, der Römer verschwand zwischenzeitlich wieder im Bad, erklärte mir der Gatte, dass es eine selten dämliche Idee war, dieses Seelachsfilet am vorherigen Abend zu vertilgen. Denn während er über der Kloschüssel hing, der Fisch sich den Verdauungs-Ganges Richtung Himalaya nach oben arbeitete, wurde ihm gleich doppelt schlecht beim Geruch des verdauten Fisches. Vielleicht hätte ich ihm konsequenterweise Hákarl, isländischen Gammelhai, anbieten sollen, versehen mit dem Hinweis, dass das ein erprobtes, skandinavisches Hausmittel bei Übelkeit sei. Schließlich wollte er mich noch am Vortag davon überzeugen, dass mir ein Seelachsfilet wieder zu neuen Kräften verhelfen würde. Doch so gemein konnte ich nicht sein, denn woher sollte ich in Frankfurt auf die Schnelle einen Gammelhai herbekommen? So hielt ich den Mund und streichelte dem Römer mitfühlend über den Rücken.

Lange konnte der Römer hingegen nicht den Mund halten. Vielmehr benutzte er ihn, um zum Frühstück Zwieback und Tee zu inhalieren. “Zu schnell, zu viel. Das wird nicht gut getan.”, sprach ich in die Knusper- und Schlürfgeräusche des Römers. “Man muss doch wenigstens versuchen, dass man wieder zu Kräften kommt.”, unterwies mich der Gatte. “Almeno provarlo!! [Wenigstens versuchen!!]”, sagte er mit Nachdruck. Nun, sein Versuch endete, Sie ahnen es, im kleinsten Zimmer der Wohnung, auf dem Lokus, der tatsächlich so klein ist, dass sie nicht bei geschlossener Tür über der Kloschüssel hängen können. So kann die ganze Familie diesem riesen Spektakel beiwohnen. Immerhin, man kann stehend nicht umfallen, sollte man widererwartend ohnmächtig werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Signorino meldet sich aus dem Kinderzimmer. Er war wach, gut gelaunt und sein erstes, morgendliches Wort war „Schoko-Ku[chen]?“. Es ging ihm bestens. Ich bereitete, sehr zu seinem Verdruss, keinen Schokokuchen, sondern Haferbrei vor. Immerhin färbte ich ihn mit etwas Kakaopulver schokoladig dunkel. Man tut als Mutter eben was man kann.

Um 09:15 Uhr klingelte das Telefon. Es rief die Signorino’sche Erzieherin an. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Kind noch nicht als fehlend gemeldet. Es war per se nicht krank, aber auch nicht topfit. Eben wie die Mutter. Doch sie hatte gar nicht im Sinn, mich zurechtzuweisen, dass das Kind nicht krankgemeldet wurde. Vermutlich lag das daran, dass die Abwesenheitsmeldequote (was für ein Wort!) bei 50-60% der Eltern liegt. Die restlichen bleiben stumm wie die Fische und sagen eben nicht Bescheid, dass das Kind nicht zur Kita kommt. Alles kann, nichts muss. Man kennt es ja. Sie rief an, um mir mitzuteilen, dass man heute und morgen einen Mangel an Vollzeitkräften habe. Alle seien krank. Woran sie erkrankt waren, konnte ich mir in den lebhaftesten Farben ausmalen. Man würde deswegen nur eine beschränkte Öffnungszeit der eh schon eingeschränkten Corona-Öffnungszeit anbieten können. Sie hoffe, dass mir das keine Probleme bereiten würde. „Ach woher!“, winkte ich ab. Was ist schon eine zerbrochene Teetasse inmitten eines Erdbebens, Stufe 8? Die Erzieherin bedankte sich für mein Verständnis. Ich bedankte mich für ihre Disponibilität und hoffte, dass sich der Rest der Erzieherinnen wacker halten würden. Denn wenn die Öffnungszeiten der Kindertagesstätte noch weiter eingeschränkt werden würden, könnte ich ebenso gut vor der Kita warten, bis ich den jungen Mann eine halbe Stunde später wieder einsammeln und mit nach Hause nehmen konnte.

Das Kind verbrachte den Vormittag mit für ihn (und vermutlich alle lebhaften 2jährigen) völlig untypischesm auf der Couch/auf dem Teppich/auf der Rutsche Liegen. Das Köpflein und der Oberkörper schienen so schwer, dass oft nur noch die Beine standen. Der Rest lehnte irgendwo dagegen. So verbrachten wir den Vormittag lesend und ab und an Cartoons guckend. Das Kind war zufrieden, aß und trank gut, und ließ sich ausgiebig bekuscheln, was ein eher rares Event in unserem Haus darstellt. Ab und an erhob Signorino seinen schlappen Körper und wollte Papa besuchen. Er tapste ins Schlafzimmer, fand einen fahlen Römer im Bett vor, bei dessen Anblick mir wieder der Gammelhai in den Sinn kam, so elend sah er aus und versuchte den ältesten Wohnungsbewohner mit Legos aus der Reserve zu locken. Immer mal wieder öffnete der vor sich hin siechende Römer ein Auge und murmelte im Halbschlaf „Si, si, papà è qui. [Ja, ja, Papa ist hier.]“. Dann fielen ihm die schweren Augenlider wieder zu und er schnarchte ein bisschen. Das ließ Signorino nicht gelten. Entfernen lassen wollte er sich auf keinen Fall. Wo kämen wir denn da hin? Er erklärte dem Römer „PapaLegoJa!“ und dieser öffnete wieder mühselig ein Augenlid. Irgendwann wurde es Signorino zu bunt. Er rief den Partynotstand aus. Ja, Sie lesen richtig. Aus dem nichts rief das Kind „Party! Party!“ und nahm die römische Hand, die aus dem Bett ragte. „Pscht! Signorino! Papa will schlafen.“, flüsterte ich und versuchte das Kind aus dem Schlafzimmer zu zerren. Doch er blieb beharrlich stehen und klammerte sich am Bett fest. „Party! Party!“, rief das südländische Partymodell wieder. Der Römer öffnete wieder ein Auge. „Su! [Hoch!]“, sprach der Sohn nun in seinem feinsten Italienisch. Er wollte ins Bett gehoben werden. „Komm, Signorino, wir müssen jetzt gehen. Papa geht’s nicht gut.“, sprach ich nun etwas vehementer. Das Kind wurde ernst. „Nooh! Nooh! [Nein! Nein!]“, sprach es empört und sehr Deutsch akzentuiert mit langem O aus. Su [Hoch] wolle er, aber dalli. Der Römer hob ihn ins Bett. Und so setzte sich unser Nachwuchs neben den Römer, eine Hand in den dunklen Locken seines Papas, die andere auf seinen Kleinkinder-Oberschenkeln ruhend. Er bewachte den maladen Papa und hatte nicht vor zu gehen.

An Mambo Mambo Mambo war trotz Partyausruf nicht zu denken.

So ging ich in die Küche, kochte Kamillentee für den Mann, stöpselte eine Warmflasche zusammen und brachte ihm beides. Den Tee stellte ich unerreichbar für Signorino auf dem Fensterbrett ab. Dann kochte ich für Signorino etwas zu Mittag. Erst als ich mit einem dampfenden Teller Nudeln ums Eck kam, verließ der Sohn seinen angestammten Platz. Er aß einen halben Teller, gähnte und bekam ganz kleine Augen. Ich brachte ihn ins Bett.

Nach anderthalb Stunden wachte Signorino wieder auf. Ich hatte dem Gatten gerade Salzbrezeln ohne Salz gebracht. Signorino lief schnurstracks ins Schlafzimmer, entdeckte die Salzbrezeln und aß sie, während er seinen Vater musterte. Als er die kleine Schüssel vertilgt hat, kletterte er ins Bett und setzte sich neben den komatösen Vater. Wieder lag seine kleine Hand in den dichten, dunklen Wellen des Mannes. Er grinste. „Papa ‚putt? [Ist der Papa kaputt?]“, wollte er nun wissen. Ich nickte. „Richtig kaputt.“, antwortete ich dem Kind. Er streichelte Papa nochmals durch die dunklen Haare, holte sein liebstes „Stofftier“, den Kinderstaubsauger, und legte ihn neben Papas Kopf. Hoffentlich dachte der Mann nicht, dass ich ihm den Staubsauger dort hin legte, als nette Erinnerung. Doch der Gatte verschlief den ganzen Tag. Erbrechen musste er nicht mehr. Die nächsten, beiden Tage war er sehr wackelig unterwegs, aber schlussendlich erholte er sich wieder. Doch von uns dreien traf es den Gatten definitiv am schlimmsten.

Fazit: Anscheinend kannte sein südländischer Körper alle Viren und Bakterien, außer dieses Magen-Darm-Virus der aalglatten Industrienation. 😉