Einkommensnachweis

Das Verfahren, den Römer zum Germanen zu machen, läuft seit Oktober 2020. Wann immer sich das dafür zuständige Regierungspräsidium bei uns meldet, ist der Gatte schon flattrig im Hausflur. Noch im Lift reißt er den amtsgrauen Umschlag auf und sobald er die Türe aufgesperrt hat, ruft er bereits im Wohnungsflur „Amore, quelli del passaporto mi hanno mandato una lettera.“ [Schatz, die vom Pass(amt) haben mir einen Brief geschickt.]

Nach meiner obligatorischen Frage, was in dem Brief stehen würde, kommt das ebenso obligatorische Schulterzucken. „Beamtendeutsch.“, antwortet der Römer resigniert und drückt mir den Brief in die Hand. Sogleich setze ich mich hin und lese mir den Brief durch.

Doch es geht immer nur um eines: Mehr Unterlagen. Diese sollen gerne vorbeglaubigt, ganz beglaubigt, übersetzt, apostilliert, gestempelt, unterschrieben, vom Notar eigenhändig verpackt, zugeklebt, beschriftet und auf einer weißen Stute, die nicht älter als 5,4 Jahre alt ist bei Vollmond überbracht werden.

Am Ende des ersten Briefes stand der Zusatz:

„Bitte legen Sie einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Auch den Ihrer Ehefrau.“

Das taten wir natürlich. Die Monate verstrichen. Alle Unterlagen waren wie vorgegeben eingereicht. Ein neuer Brief flatterte ins Haus. Selbe Szene. Das Regierungspräsidium habe die Unterlagen geprüft und sie würden die Unterlagen nun zu allen relevanten, staatlichen Instanzen weiterleiten. Am Ende des Briefes wurde noch vermerkt:

„Bitte legen Sie einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Zu unserer Entlastung schicken wir Ihre zuletzt eingereichten Einkommensnachweise zurück.“

Wir machten einen Termin im Bürgeramt aus, ließen erneut Einkommensnachweise beglaubigen und schickten sie nach Darmstadt. Die Zeit verstrich. Ein neuer Brief des Regierungspräsidiums erreichte uns nach Monaten. Dieser teilte uns mit, dass der Römer einen germanischen Pass bekommen könne, solange sein Herkunftsland ihn aus der jetzigen Staatsbürgerschaft entlassen würde. Am Ende stand der obligatorische Satz:

„Bitte legen Sie zu den geforderten Dokumenten einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Zu unserer Entlastung schicken wir Ihre eingereichten Einkommensnachweise zurück.“

„Ma che cavollo! [Aber was für ein Unding!] Wie viele denn noch?“, wollte der Mann von mir wissen. Ich zuckte mit den Schultern. „Ist halt so.“, sprach ich. Was soll ich mich auch aufregen? So sind die Regeln für Passanwärter in diesem Land.

“Produziert in Albanien.” kann eben auch manchmal eine Bürde sein.

Ein paar Tage verstrichen. Mein Mann schrieb mir eine Nachricht und schickte mir ein Foto der wöchentliche Einkaufsliste weiter. Er fragte, ob ich nach der Arbeit einkaufen gehen könne.

Ich schrieb zurück: „Nach ausführlicher Prüfung der Einkaufsliste, bitte ich um einen aktuellen Einkommensnachweis. Den Einkaufszettel der letzten Woche schicke ich Ihnen zu meiner Entlastung zurück.“

„Non fa ridere.“ [Das ist nicht lustig.], antwortet der Mann trocken.

Ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott wahrlich nicht zu sorgen.

Ketchup im Zoo

Es ist Samstagnachmittag. Ein kleiner Haufen Kind liegt auf dem Sofa. Er ist in den ersten zehn Minuten seiner Zeichentrickserie eingeschlafen.

Vollkommen erschöpft fielen ihm die Augen zu. Ich kann ihn verstehen, denn es war wirklich aufregend im Zoo. Jetzt, mit 2,5 Jahren interessiert er sich für Gi-affe, Pinnuin und Zeb-a. Zugegeben, einen Kollateralschaden musste eine arme, zufällig vorbei flanierende Ziege verbuchen, was mir wiederum sehr Leid tat.

Als es passiert war, starrten die Ziege und ich uns entsetzt, um Fassung ringend, an. Hätte die Ziege sprechen können, sie hätte mit aufgeregt-zittriger Stimme “Das hat er nicht wirklich getan?!” gefiepst. Aber ja, mein Ableger hat das wirklich getan und der armen, zutraulichen Ziege kräftig in die kalt-feuchte Nase gekniffen. Und ja, das hätten wir beide nicht erwartet und es tat mir furchtbar Leid für die Ziege. Entschuldigend wollte ich sie am Bauch tätscheln, doch sie trabte beleidigt davon. Vermutlich brachte sie sich in Sicherheit vor dem neugierig kneifenden Menschenkind. Wer weiß auf welche Ideen Signorino noch gekommen wäre, wäre die Ziege stehen geblieben?

Zuvor, sonst hätte ich den Sohn gar nicht auf die Ziege losgelassen, tätschelte er eifrig andere Ziegen und machte „Wau!Wau!“. „Nein, nein.“, erklärten wir Eltern geduldig. „Das ist kein Hund. Das ist eine Ziege.“ Der Nachwuchs blieb beim „Wau!Wau!“, um schlussendlich das Tier mit “Ciao Ciao, Ziege!“ zu verabschieden. Irgendetwas blieb also doch hängen. Doch im Albanien-Urlaub vertiefen wir das Ziegen-Wissen noch etwas. Unser Lernziel wäre, dass der Nachwuchs weiß, dass es sehr untypisch für Ziegen ist, “Wau!Wau!” zu machen, sofern sie nicht von Hunden sozialisiert worden sind. Und selbst dann wäre es vermutlich eine erstaunliche Leistung seitens der Ziege.

Sehr gut haben uns übrigens die Seehunde gefallen, die der Römer und ich einstimmig für „foche”, oder auf Deutsch, „Robben“ hielten. Eifrig begann ich daheim den Unterschied zwischen Seehunden und Robben zu recherchieren und hörte bereits beim ersten Satz wieder auf „Alle Seehunde sind Robben, aber nicht alle Robben sind Seehunde.“ Puh! Das wirkte wie der Anfang einer Sachaufgabe. Ich beschloss, dass diese Wissenslücke ruhig ungestopft bleiben könne und tat es mit einem “Man muss auch nicht alles wissen!” ab. Für Signorino gab es nur eine Definition für dieses unter Wasser verkehrende Tier: Fiiiiesch (mit langem I). Auch nach mehrmaligem Erklären bzw. zweisprachig auf ihn einreden (Foche! Robbe! Sono foche, amore mio! Das ist eine Robbe, mein Schatz! Vedi?! Foche!), blieb er dabei: Es war ein Fiiiesch!

Ein Fiiiesch lt. Signorino. Im Video: Signorino erklärt etwas in seiner eigenen Sprache. 😄

Wir guckten noch bei den Okapis vorbei, bei einem Nilpferd, das Signorino als Stein bezeichnete und man ihm recht geben musste, denn das Tier lag mit dem Rücke zu uns vorm Wasserloch und bei aller Liebe: Es sah aus wie ein nasser Stein mit winzigen Stein-Ohren, die sich ab und an bewegten.

Die Erdmännchen verpassten wir diesmal, aber dafür guckten wir noch bei Gi-affe (das Kind kann kein R aussprechen) und Zeb-a (das R-Problem, wie gesagt) vorbei. Danach stärkten wir uns in der prallen Sonne mit den gesunden Klassikern der regionalen Küche: Chicken Nuggets und Pommes. So großzügig der Gatte auch beim Verteilen der Portionen war, so sparsam war er beim Ketchup. Einen Fingerhut voll Ketchup pumpte er aus einem großen Spender auf jede Portion Pommes und balancierte damit zu unserem Tisch. Daran erkennt man sie wohl, die kulturellen Unterschiede. Meine Pommes tragen normalerweise eine ordentliche Portion Ketchup auf dem Pommeshaupt. So viel, dass die direkt darunter verschütteten Pommes gar nicht mehr vor der Ketchup-Lawine zu retten sind und falls doch, nur mit einem Piekser gegessen werden können. Die römische Ketchup-Ration ist ein fingernagelgroßer Klecks, der einen irritiert fragen lässt, ob das Ketchup im Spender leer war. „Ma che! Era pieno! [Ach was! Es war voll!]“, sprach der Gatte und kaute auf einer nackten Pommes herum. Kurz überlegte ich, ob ich nochmal zur Ketchupquelle gehen sollte, aber ich arrangierte mich mit der verschwindend geringen Menge. Sparsam teilte ich sie mir ein, so dass ich fast ein Drittel der Pommes mit leicht benetzter Ketchup-Schicht essen konnte.

Dem Sohn war dieser Umstand schlichtweg egal. So gerne er ungesunde Lebensmittel wie Süßigkeiten und Eis in rauen Mengen isst, so sehr widert ihn Fruchtsaft und Ketchup an. Ein gesunder Ausgleich, wenn Sie so wollen, oder einfach nur sein römisch-albanisches Erbgut, das keinen Bedarf für Ketchup (und Fruchtsäfte) sieht. So aß er viele, nackte Pommes und probierte die Chicken Nuggets, die er „Bäh!“ fand. Obwohl wir neben dem Eisstand saßen, fragte er dennoch kein einziges Mal “…oder Eis?”, was wir durchaus als Erfolg verbuchten.

Satt und glücklich guckten wir noch zum Bären. Neben dem Gehege stand eine lebensgroß nachgebildete Figur aus Plastik, mit der man sich fotografieren lassen konnte. Fälschlicherweise hielt ich diese freundliche Bärenfigur für einen Waschbären und habe nun, auch nach den irritierenden Blicken des Römers, den Beweis dafür, meine Sehstärke nächste Woche überprüfen zu lassen.

Ein echter Bär im Gehege. Und ganz sicher kein Waschbär. 😉

Es war ein sehr schöner Tag mit all dem Frankfurter Getier. Doch das Spannendste war für Signorino die Straßenbahn, die am Zoo vorbeifuhr. Würde das arme Kind nie Straßenbahn fahren dürfen, ich würde es verstehen. Aber wir fahren mindestens drei Mal die Woche Straßenbahn und drei Mal die Woche S-Bahn. Man möchte meinen, irgendwann wäre das Kind gesättigt vor lauter Straßenbahnfahrten. Aber dem war nicht so!

Zum Abschluss fuhren wir noch zwei Stationen mit der Straßenbahn und das war definitiv das Highlight des heutigen Tages für das Kind.

Haben Sie ein tierisch-feines Wochenende mit hoffentlich genug Ketchup zu Ihren Pommes!

Killing him softly – ein Abenteuerbericht

[Teil 1 finden Sie hier]

Die Überraschung folgte für den Römer am Dienstagmorgen um 5 Uhr. “Mi viene a vomitare. [Mir ist übel.]”, raunte der Gatte in die Dunkelheit, sprintete aus dem Schlafzimmer, schloss auf dem Weg zum Bad noch eben die Kinderzimmer-Tür (man will das Kind schließlich nicht wecken), eilte in das zu klein geratene Bad und erbrach sich.

Ausgerechnet er, der mir am Tag zuvor noch erzählte, dass er sich nie und nimmer, oder falls doch, nur in aller größter Not erbrechen würde. So gesehen letztmalig im Jahr 2016 in Albanien, als er Steindatteln aß. Eine Delikatesse aus dem Mittelmeer, die ihm eine ordentliche Muschelvergiftung bescherte. Doch dieses längst vergangene Erlebnis hielt ihn nicht davon ab, seinen Monolog fortzusetzen: Wir, dann zeigte er auf Signorino und mich, hätten ja einen äußerst schwachen Magen. In unserem aalglatten Industriestaat wäre gar kein Platz für Viren und Bakterien, die der Körper kennenlernen könne. Aber im Süden hätte sein Körper schon alles gesehen. A-L-L-E-S. Seine ausladenden Gesten unterstrichen seinen Monolog, den er mit dem Satz beendete, dass er alles vertilgen könne, ohne auch nur Aufzustoßen. „Bis auf Steindatteln…“, murmelte ich sehr leise und grinste in mich hinein.

Derweil interessierte sich die Magen-Darm-Grippe herzlich wenig für sein Geschwätz vom Vortag. Vielmehr vertikutierte sie den Römer mit einer solchen Inbrunst, dass jegliche Lebenskraft aus ihm herausgeschleudert wurde. Um 05:30 Uhr stolperte er kraftlos und kaltschweißig zurück ins Schlafzimmer. Ich blinzelte ihm entgegen. Er hielt mir sein Mobiltelefon vor die müde Nase. „Kannst du meinen Kolleg*innen bitte schreiben, dass ich heute nicht komme? Ich habe all meine Deutschkenntnisse soeben in der Toilette versenkt.“, erklärte er mir auf Italienisch. „Das kann ja dann nicht so viel gewesen sein.“, dachte ich, verbot mir jedoch jeden laut geäußerten Galgenhumor. Dem Gatten ging es wirklich miserabel. Somit setzte ich mir als liebende und fürsorgliche Ehefrau meine Brille auf, tippte eine schmissige Nachricht, so schmissig man eben um 5:30 Uhr morgens sein kann, und las sie dem Römer vor. Fälschlicherweise interpretierte der Römer die Situation so, dass wir gleich noch eine Lektion „Deutsch – Wortschatzerweiterung“ besprechen sollten: „Che vuol dire ‚Mich hat’s erwischt?‘ [Was bedeutet ‚Mich hat’s erwischt?‘]“, fragte er gequält. Ich übersetzte es behelfsmäßig mit „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.].“ „Aha.“, sprach er. Ich las ihm die restliche Textnachricht vor. „Che vuol dire „Über der Kloschüssel hängen? [Was bedeutet „Über der Kloschüssel hängen?“]“, wollte er nun wissen. „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.]“, übersetzte ich wieder. „Und warum schreibst du das dann zwei Mal?“, wollte er von mir wissen. „Amore, es ist 5:30 Uhr morgens. Deine Kolleginnen und Kollegen werden die Nachricht schon verstehen. Details können wir gerne morgen klären. Gute Nacht!“, beendete ich den Vokabeltest. „Gute Nacht!“, sprach der Römer. Ich drehte mich um und versuchte wieder in den Schlaf zu finden. Als mir das beinahe gelang, sprach der Römer in die Dunkelheit. „Ma io adesso sto bene [Aber jetzt geht es mir gut.]. Was meinst du? War es falsch mich sofort krank zu melden? Ich habe nun wirklich nichts mehr im Magen, was ich noch ausspucken könnte.“, erörterte der Römer mir seinen Gedankengang. „Anfängerfehler.“, dachte ich und murmelte im Halbschlaf: „Warte doch erstmal ab. Normalerweise ist es mit ein Mal Erbrechen nicht getan.“ Der Römer versuchte mir nun verständlich zu machen, dass er sich schon viel fitter fühlte und sich jetzt ärgerte, dass er sich krank gemeldet hatte.

Einmal so optimistisch in die Zukunft zu blicken wie der Römer, das wäre mein Lebensziel. Aber vermutlich komme ich dort nie an.

Ob der Römer eine Zweitwohnung in der Nähe hat?

„Pazienza! [Geduld!]“, grummelte ich und guckte auf die Uhr. 6:10 Uhr. Nur zehn Minuten nach unserem Gespräch lief der Römer wieder aus dem Schlafzimmer. Ich hörte ihn erbrechen. „Siehste! Sag‘ ich doch.“, dachte ich noch, schielte wieder auf die Uhr und mir wurde bewusst, dass ich in einer Stunde aufstehen muss. Ich klopfte leise an die Badezimmertür. Zwischen zwei Kötzerchen teilte ich dem Römer mit, dass ich auf die Couch umziehen werde, um noch etwas Schlaf zu erhaschen. Sollte er etwas brauchen, könne er es gerne jetzt sagen, auch ein Laut würde mir genügen, oder aber ins Wohnzimmer kommen. Er spuckte wieder, ächzte aus dem letzten Loch und sagte dann, dass er momentan nichts brauche. Ich zog ins Wohnzimmer um. Dann beschloss ich, angesichts der Tatsache, dass auch Signorino nicht wirklich fit war, dass wir alle daheim bleiben würden. Ich meldete mich in der Arbeit krank und versuchte einzuschlafen. Das gelang mir nicht wirklich, weil das Wohnzimmer zur langsam erwachenden Allee lag, wo fleißig Schüler*innen und Eltern vorbeirollten und trollten, laut schnatternd und sich anscheinend auf den Tag freuend. Ich seufzte und schlürfte zum Römer.

Wie ein überfahrener Kaugummi lag er auf dem Bett und atmete gequält. Ich fragte, ob ich kurz auf Toilette könne oder er zu tun habe. Es sei nicht dringend. „Vai!Vai! [Geh ruhig!]“, ermutigte mich der Römer. Als ich in das schmale Zimmer eintrag, lag feinsäuberlich ein flauschiges Handtuch auf dem eiskalten Fliesenboden. Der Gatte macht es sich anscheinend gerne gemütlich, wenn er sich schon in einer so prekären Situation befindet. Oder aber, er bediente sich einem alten germanischen Brauch, der meist im Ausland praktiziert wird: Das Reservieren eines Ortes, gerne nah an einem Gewässer, und oftmals in Form einer Sonnenliege in einer großen Ferienanlage, um der Rekreation von Körper und Geist zu dienen. Wer sein Handtuch als erstes in den frühen Morgenstunden auf die vom Sonnenlicht verblichene Liege klatschte, hatte den ganzen Tag den besten Platz am Pool sicher. Dieser Lokus war also reserviert. Ich beeilte mich, schnell wieder davon zu kommen. Nicht, dass der Besitzer des Handtuchs mich noch bei der Hotelleitung melden würde. Als ich fertig war, breitete ich das kuschelige Handtuch wieder so aus, wie ich es vorgefunden hatte.

Wenig später, der Römer verschwand zwischenzeitlich wieder im Bad, erklärte mir der Gatte, dass es eine selten dämliche Idee war, dieses Seelachsfilet am vorherigen Abend zu vertilgen. Denn während er über der Kloschüssel hing, der Fisch sich den Verdauungs-Ganges Richtung Himalaya nach oben arbeitete, wurde ihm gleich doppelt schlecht beim Geruch des verdauten Fisches. Vielleicht hätte ich ihm konsequenterweise Hákarl, isländischen Gammelhai, anbieten sollen, versehen mit dem Hinweis, dass das ein erprobtes, skandinavisches Hausmittel bei Übelkeit sei. Schließlich wollte er mich noch am Vortag davon überzeugen, dass mir ein Seelachsfilet wieder zu neuen Kräften verhelfen würde. Doch so gemein konnte ich nicht sein, denn woher sollte ich in Frankfurt auf die Schnelle einen Gammelhai herbekommen? So hielt ich den Mund und streichelte dem Römer mitfühlend über den Rücken.

Lange konnte der Römer hingegen nicht den Mund halten. Vielmehr benutzte er ihn, um zum Frühstück Zwieback und Tee zu inhalieren. “Zu schnell, zu viel. Das wird nicht gut getan.”, sprach ich in die Knusper- und Schlürfgeräusche des Römers. “Man muss doch wenigstens versuchen, dass man wieder zu Kräften kommt.”, unterwies mich der Gatte. “Almeno provarlo!! [Wenigstens versuchen!!]”, sagte er mit Nachdruck. Nun, sein Versuch endete, Sie ahnen es, im kleinsten Zimmer der Wohnung, auf dem Lokus, der tatsächlich so klein ist, dass sie nicht bei geschlossener Tür über der Kloschüssel hängen können. So kann die ganze Familie diesem riesen Spektakel beiwohnen. Immerhin, man kann stehend nicht umfallen, sollte man widererwartend ohnmächtig werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Signorino meldet sich aus dem Kinderzimmer. Er war wach, gut gelaunt und sein erstes, morgendliches Wort war „Schoko-Ku[chen]?“. Es ging ihm bestens. Ich bereitete, sehr zu seinem Verdruss, keinen Schokokuchen, sondern Haferbrei vor. Immerhin färbte ich ihn mit etwas Kakaopulver schokoladig dunkel. Man tut als Mutter eben was man kann.

Um 09:15 Uhr klingelte das Telefon. Es rief die Signorino’sche Erzieherin an. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Kind noch nicht als fehlend gemeldet. Es war per se nicht krank, aber auch nicht topfit. Eben wie die Mutter. Doch sie hatte gar nicht im Sinn, mich zurechtzuweisen, dass das Kind nicht krankgemeldet wurde. Vermutlich lag das daran, dass die Abwesenheitsmeldequote (was für ein Wort!) bei 50-60% der Eltern liegt. Die restlichen bleiben stumm wie die Fische und sagen eben nicht Bescheid, dass das Kind nicht zur Kita kommt. Alles kann, nichts muss. Man kennt es ja. Sie rief an, um mir mitzuteilen, dass man heute und morgen einen Mangel an Vollzeitkräften habe. Alle seien krank. Woran sie erkrankt waren, konnte ich mir in den lebhaftesten Farben ausmalen. Man würde deswegen nur eine beschränkte Öffnungszeit der eh schon eingeschränkten Corona-Öffnungszeit anbieten können. Sie hoffe, dass mir das keine Probleme bereiten würde. „Ach woher!“, winkte ich ab. Was ist schon eine zerbrochene Teetasse inmitten eines Erdbebens, Stufe 8? Die Erzieherin bedankte sich für mein Verständnis. Ich bedankte mich für ihre Disponibilität und hoffte, dass sich der Rest der Erzieherinnen wacker halten würden. Denn wenn die Öffnungszeiten der Kindertagesstätte noch weiter eingeschränkt werden würden, könnte ich ebenso gut vor der Kita warten, bis ich den jungen Mann eine halbe Stunde später wieder einsammeln und mit nach Hause nehmen konnte.

Das Kind verbrachte den Vormittag mit für ihn (und vermutlich alle lebhaften 2jährigen) völlig untypischesm auf der Couch/auf dem Teppich/auf der Rutsche Liegen. Das Köpflein und der Oberkörper schienen so schwer, dass oft nur noch die Beine standen. Der Rest lehnte irgendwo dagegen. So verbrachten wir den Vormittag lesend und ab und an Cartoons guckend. Das Kind war zufrieden, aß und trank gut, und ließ sich ausgiebig bekuscheln, was ein eher rares Event in unserem Haus darstellt. Ab und an erhob Signorino seinen schlappen Körper und wollte Papa besuchen. Er tapste ins Schlafzimmer, fand einen fahlen Römer im Bett vor, bei dessen Anblick mir wieder der Gammelhai in den Sinn kam, so elend sah er aus und versuchte den ältesten Wohnungsbewohner mit Legos aus der Reserve zu locken. Immer mal wieder öffnete der vor sich hin siechende Römer ein Auge und murmelte im Halbschlaf „Si, si, papà è qui. [Ja, ja, Papa ist hier.]“. Dann fielen ihm die schweren Augenlider wieder zu und er schnarchte ein bisschen. Das ließ Signorino nicht gelten. Entfernen lassen wollte er sich auf keinen Fall. Wo kämen wir denn da hin? Er erklärte dem Römer „PapaLegoJa!“ und dieser öffnete wieder mühselig ein Augenlid. Irgendwann wurde es Signorino zu bunt. Er rief den Partynotstand aus. Ja, Sie lesen richtig. Aus dem nichts rief das Kind „Party! Party!“ und nahm die römische Hand, die aus dem Bett ragte. „Pscht! Signorino! Papa will schlafen.“, flüsterte ich und versuchte das Kind aus dem Schlafzimmer zu zerren. Doch er blieb beharrlich stehen und klammerte sich am Bett fest. „Party! Party!“, rief das südländische Partymodell wieder. Der Römer öffnete wieder ein Auge. „Su! [Hoch!]“, sprach der Sohn nun in seinem feinsten Italienisch. Er wollte ins Bett gehoben werden. „Komm, Signorino, wir müssen jetzt gehen. Papa geht’s nicht gut.“, sprach ich nun etwas vehementer. Das Kind wurde ernst. „Nooh! Nooh! [Nein! Nein!]“, sprach es empört und sehr Deutsch akzentuiert mit langem O aus. Su [Hoch] wolle er, aber dalli. Der Römer hob ihn ins Bett. Und so setzte sich unser Nachwuchs neben den Römer, eine Hand in den dunklen Locken seines Papas, die andere auf seinen Kleinkinder-Oberschenkeln ruhend. Er bewachte den maladen Papa und hatte nicht vor zu gehen.

An Mambo Mambo Mambo war trotz Partyausruf nicht zu denken.

So ging ich in die Küche, kochte Kamillentee für den Mann, stöpselte eine Warmflasche zusammen und brachte ihm beides. Den Tee stellte ich unerreichbar für Signorino auf dem Fensterbrett ab. Dann kochte ich für Signorino etwas zu Mittag. Erst als ich mit einem dampfenden Teller Nudeln ums Eck kam, verließ der Sohn seinen angestammten Platz. Er aß einen halben Teller, gähnte und bekam ganz kleine Augen. Ich brachte ihn ins Bett.

Nach anderthalb Stunden wachte Signorino wieder auf. Ich hatte dem Gatten gerade Salzbrezeln ohne Salz gebracht. Signorino lief schnurstracks ins Schlafzimmer, entdeckte die Salzbrezeln und aß sie, während er seinen Vater musterte. Als er die kleine Schüssel vertilgt hat, kletterte er ins Bett und setzte sich neben den komatösen Vater. Wieder lag seine kleine Hand in den dichten, dunklen Wellen des Mannes. Er grinste. „Papa ‚putt? [Ist der Papa kaputt?]“, wollte er nun wissen. Ich nickte. „Richtig kaputt.“, antwortete ich dem Kind. Er streichelte Papa nochmals durch die dunklen Haare, holte sein liebstes „Stofftier“, den Kinderstaubsauger, und legte ihn neben Papas Kopf. Hoffentlich dachte der Mann nicht, dass ich ihm den Staubsauger dort hin legte, als nette Erinnerung. Doch der Gatte verschlief den ganzen Tag. Erbrechen musste er nicht mehr. Die nächsten, beiden Tage war er sehr wackelig unterwegs, aber schlussendlich erholte er sich wieder. Doch von uns dreien traf es den Gatten definitiv am schlimmsten.

Fazit: Anscheinend kannte sein südländischer Körper alle Viren und Bakterien, außer dieses Magen-Darm-Virus der aalglatten Industrienation. 😉

Spannung nach Mitternacht

Spannung nach Mitternacht

Ein Klopfen kann viel bedeuten: Jemand kündigt sich an, ersucht Einlass oder zeigt seinen Konsens. Nachts um 3:50 Uhr gibt es nicht viel Interpretationsspielraum für ein Klopfen, das abgefeuert wird wie die Salven der nicht verstummen wollenden Kanonen. Es heißt dann in etwa: „Wenn ihr euch nicht sofort leise zofft, komme ich hoch und zünde euch die Fußmatte an.“ Daraufhin verstummte die Mickey Maus Stimme der Nachbarin und ihr Gatte nutzte diese unvorhergesehene Pause, um ihr das zu sagen, was ihm seit langen, quälenden Minuten auf der Seele brannte: „Siehste, Nina, hab‘ ich dir doch gesagt, dass du zu laut bist.“ Die Mickey-Maus-Stimme zischelte daraufhin sehr lange und mit einer ungemeinen Ausdauer. Das Zischen war gut auszuhalten und ließ mich bald in einen tiefen Schlaf sinken.

Erstaunlich fand ich jedoch im Nachhinein, wie kristallklar man seine Gefühle nachts um kurz vor vier spüren konnte. Kein Fünkchen von Vernunft oder Scham versucht einen davon abzuhalten, gegen die Wand zu donnern. Kein Körnchen „Aber wenn man es sich mit diesem Klopfen mit den Nachbarn verscherzt?“ ist zu hören. Nachts spürt man die Wut mit jeder Faser so klar und rein, als würde man nur aus diesem einen Gefühl bestehen.

Zugegeben, nachdem Signorino um halb drei Uhr schrie, ich 30 Minuten neben einem schlafenden, aber zappelnden Kind in einem 90cm Möbelschweden-Kinderbett lag und mich nach besagter Zeit endlich davon stehlen konnte, war der Samen der Wut bereits unwiderruflich ausgesät, denn ich lag wenig später hellwach im Ehebett. Der Römer schnarchte bedeutungsschwer. Ich hätte es ihm gerne gleich getan, aber plötzlich kratzte mein Fußballen, dann meine Kniekehle. Kurz danach war mir zu heiß, um dann festzustellen, dass es mit einem Fuß außerhalb der Bettdecke doch zu kalt war. Dann fing das Nachbarskind von oben an zu schreien. Immerhin war es nicht Signorino, so konnte ich frei nach dem Motto „Nicht mein Affe. Nicht mein Zirkus.“ handeln. Juna/Jonah, so heißt das Nachbarskind, dessen Geschlecht mir noch immer nicht ganz klar ist, denn ich verstand die Mutter des Kindes, Nina , damals am Aufzug nicht richtig, als sie sich und ihren Nachwuchs vorstellte, schrie inbrünstig. Ein Elter trampelte übers Paket. Dann gesellte sich ein zweiter, trampelnder Elter dazu. Juna/Jonah beruhigte sich angesichts der inflationär steigenden Anzahl seiner Erziehungsberechtigten nicht. Vielmehr schrie er noch mehr und noch lauter. So ging das 40 Minuten lang. Schlaflos und dadurch neugierig hörte ich zu, wie Nina und Tobias die Situation lösen würden.

Sie lösten sie wie wir: Das Kind beruhigte sich irgendwann, irgendwie. Die Anspannung und Müdigkeit der letzten, entbehrungsreichen Monate und Jahre forderten ihr Tribut bei den Eltern und so reichte ein Anlass, gleichwohl unbedeutend wie nichtssagend, um die Mickey Maus Stimme von Nina zum Explodieren zu bringen. „Das sind MEINE Hausschuhe, Tobi!“, brüllte Nina. Und Tobias sagte nichts, oder wenn doch, dann in angenehmer Zimmerlautstärke, wie sie in unserer Hausordnung empfohlen wird. „Jedes verdammte Mal nimmst du meine Hausschuhe! Ich kümmere mich eh schon allein um Juni, weil du dauernd arbeitest, aber selbst das ist dir nicht genug. Jetzt nimmst du auch noch meine Hausschuhe.“, schrie sie ihm entgegen. „Interessant.“, dachte ich. „Was man alles als Initialzündung eines Streits benutzen kann. Hausschuhe kurz vor 4 Uhr nachts? Darauf wäre ich nie gekommen.“ Nina quietschte und quiekte ihren Gatten mit schriller Stimme an. Ich hörte gespannt zu. Warum auch nicht? Ich war ja wach.

„Ma che cos‘é? [Aber was ist das denn?]“, meldete sich der Mann schlaftrunken neben mir. „Questa sta proprio fuori! [Die ist komplett außer Rand und Band!]“ Ich fand das Resümee sehr treffend. Zusammen lauschten wir dem Streit und starrten nebeneinander der Zimmerdecke entgegen. „Mutig!“, sagte ich zum Römer. „Nachtschlaf einfach so verstreichen zu lassen, um sich zu streiten. Man merkt, die haben zu viel davon.“ Der Römer nickte ins Halbdunkel. „Die werden ihre Lektion schon noch lernen. Das Kind ist nicht mal ein Jahr alt.“, gähnte der Römer und drehte sich um. Ich lauschte weiter. Dann schlich sich eine unverhoffte Müdigkeit heran und zwang mich, jetzt sofort einzuschlafen. Das gelang mir aber nicht, denn Nina wurde immer lauter. „Ma questa può stare zitta? [Kann die mal still sein?]“, fragte der Römer wieder ins Halbdunkel, sichtlich genervt.

Die Nacht lag in Trümmern, wie der Sperrmüll im Frankfurter Ostend.

Ich hob die Hand – und setzte an. Klopf, klopf, kloooopf. Jetzt tat mir der Handrücken weh, was ich wehleidig äußerte. Der Römer nahm sich meiner Hand an und streichelte sie. Tobias sprach den oben erwähnten Satz und Nina zischelte den Römer und mich in den Schlaf.

Was für eine Nacht!

Jahresresümee 2021

Wie jedes Jahr beginne ich den letzten Tag des Jahres mit meinem Lieblingszitat für die Jahreswende:

For last year’s words belong to last year’s language. And next year’s words await another voice. And to make an end is to make a beginning. [T.S. Eliot]

Gute Ausblicke für 2022.

Und hier kommt der Jahresrückblick 2021

1. Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr? Eine 5. Wobei ich momentan sagen kann: Etwas graust es mir schon vor dem neuen Jahr. Und das liegt nicht an dem allseits beliebten Thema Corona.


2. Zugenommen oder abgenommen? Ich wiege mich seit diesem Sommer nicht mehr, da die Batterien der Waage leer sind und ich seit Monaten vergesse, neue zu kaufen. Laut der Jeans, die ich aktuell trage, würde ich sagen gleichbleibend (+ 2 Weihnachtsflugkilos).

3. Haare länger oder kürzer? Länger – dank Corona und allen möglichen Veränderungen, stört es mich nicht besonders, wieder recht lange Haare zu haben. Ich trage meist einen Pferdeschwanz und damit fahre ich gut.

4. Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Gleichbleibend schlecht. Eventuell ein wenig schlechter auf dem rechten Auge. Das müsste ich 2022 überprüfen lassen.


5. Mehr Kohle oder weniger? Erst deutlich weniger, gegen Mitte des Jahres deutlich mehr.

6. Besseren Job oder schlechteren? Zum Teil einen anderen Job, wenn der Ausgangspunkt ist, dass Signorino letztes Jahr mein einziger Job war. Ich bin mittlerweile froh, wieder einige Stunden arbeiten zu können.


7. Mehr ausgegeben oder weniger? Vermutlich mehr. Siehe Punkt 14.

8. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was? Einen Kita-Platz. Zwei neue Arbeitgeber (1xRömer, 1xIch). Die Erkenntnis, dass Wochenend-Reisen mit einem knapp 2-jährigen total anstrengend sind. Die Erkenntnis, dass es deutlich entspannter als jeder Wochenend-Trip ist, wenn der Römer und ich zeitgleich frei haben, aber das Kind in die Kita geht. Ich war selten so erholt wie in diesen drei Tagen Anfang Dezember.


9. Mehr bewegt oder weniger? Mit einem Kleinkind rennt man recht viel. Deswegen vermutlich mehr. Jetzt, wo er nicht mehr ganz so wild ist, eher weniger. Aber die Laufrad-Saison fängt bald an. Und hier läuft nicht nur das Kind, sondern auch die besorgten Eltern, vermute ich.


10. Anzahl der Erkrankungen dieses Jahr? Eine heftige (siehe Codice Rossoc Punkt 11). Dazwischen ein paar Mal Schnupfen.

11. Davon war für Dich die Schlimmste? Meine Codice Rosso Erkrankung. Bei Signorino war es diese hier.


12. Der hirnrissigste Plan? Die letzte Nacht in Albanien nicht im Hotel zu verbringen.

13. Die gefährlichste Unternehmung? Mir fällt keine ein.

14. Die teuerste Anschaffung? Keine Anschaffung im eigentlichen Sinn, aber vermutlich der Umzug mit all seinen Kosten (Neuanschaffungen, Umzugskosten, Renovierungakosten, etc.). Wobei die Autoreparatur ebenso eine Stange Geld gekostet hat. Als dann beides zusammenkam, sah unser Sparkonto etwas mager aus.


15. Das leckerste Essen? Vom Römer selbstgekocht. Wobei ich letztens im Seefeld* war. Das war auch klasse und der Service ist top!

16. Das beeindruckendste Buch? Robert Seethaler: Der Traffikant*. Wenn Fische fliegen lernen von der lieben Lore*. Ich fieberte jede Sekunde mit. Und vielleicht: Was man von hier aus sehen kann – Mariana Leky*. Aber generell kam ich nicht wirklich zum Lesen.

17. Der ergreifendste Film? Keinen. Signorino ging wie immer so spät ins Bett, dass für Filme keine Zeit blieb.

18. Der beste Song? Wir hören hauptsächlich Signorinos Liederauswahl. Sehr schön und durch ihn entdeckt, finde ich die Gruppe Haevn*. Und Andrea Bocelli, der mit seinem Sohn „Fall on me“* singt.


19. Das schönste Konzert? Okay, den Punkt sparen wir uns – wie immer.

20. Die meiste Zeit verbracht mit? Signorino, dem Römer, vermutlich Turtle.


21. Die schönste Zeit verbracht mit? Signorino, der Römer, Turtle.

22. Zum ersten Mal getan? Kita Eingewöhnung. Neue Reifen gekauft (ging ganz einfach).

23. Nach langer Zeit wieder getan? In einem Büro gearbeitet. Ein Studium aufgenommen. Prüfungen geschrieben.

24. Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Viel Privates.


25. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Das Leben ist lebenswert. Egal wie.

26. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe? Puh, da müsste man diesen „jemand“ fragen.

27. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Vermutlich die Wohnung, in der wir nun wohnen, die Turtle uns sehr unkompliziert verschafft hat.

28. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? Das Kind schläft. 😉 Oder einfach der Ausruf “Mama!”.


29. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe? Keine Ahnung, da müsste man wohl die anderen Personen fragen.


30. Dein Wort des Jahres? Neue Wohnung.

31. Dein Unwort des Jahres? Unverändert: Corona Virus. Werkstattkosten. Nembutal.

In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund, liebe Leser, und rutschen Sie entspannt ins neue Jahr 2022. 🥂💛

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Codice rosso

Jetzt ist es dann auch mal wieder gut!„, möchte ich dem Verantwortlichen, der für die Lebensprüfungen zuständig ist, entgegen schmettern. Nachdem Signorino sich einigermaßen erholt hatte, fing es bei mir an. Einen Tag später juckte die Nase. Als langjährige Stammleser*innen wissen Sie sicher, dass ich dann oft und gerne zu Samahan Tee* in rauen Mengen greife. So auch dieses Mal. Dieses ayurvedische Gebräu half mir schon das ein oder andere Mal dabei, eine fiese Erkältung gar nicht erst aufkommen zu lassen. Nun ist es leider so, dass der Tee sehr gut hilft, wenn sich einfach so eine Erkältung einschleichen will. Leider hilft der Tee gar nicht, wenn der Körper gestresst ist und Ihnen „Halt! Stop! So geht es nicht weiter. Ruhe bitte – und zwar sofort.“ entgegen(t)rotzt.** Und so kam es: Am Sonntag entwickelte sich ein stechender Schmerz zwischen rechtem Ohr und Hals, die Nase ging zu, sämtliche Laute nahm ich nur noch dumpf war und das Virus sammelte all seine Kraft, mich vollends flach zu legen. Das wusste ich aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht. Vielmehr ging ich davon aus, dass ich am Montag arbeiten könne. Business as usual, wenn Sie so wollen.

Zudem beschloss die Heizung und die Warmwasserversorgung Sonntagmittag ihren Dienst vollends einzustellen. Ich wunderte mich noch, warum das Wasser nur noch etwas mehr als lauwarm aus der Leitung rauschte, als ich mich mittags duschte. Selbst auf der heißesten Stufe des Wasserhahns blieb dieser stoisch der Meinung, dass „lauwarm“ das äußerste der Gefühle an diesem Tag war. Ich dachte nicht weiter darüber nach und wir rissen vor dem Spaziergang bei bestem Wetter die Fenster auf. Ziemlich dumm, wenn die Heizung ausgefallen ist. Aber das stellten wir erst nach dem Spaziergang fest.

Daheim angekommen, gingen wir davon aus, dass heute großer Familienbadetag ist. Von klein bis groß – alle werden heute gewaschen. Leider verriet uns das mittlerweile eiskalte Wasser sehr genau, dass heute alles möglich ist, aber kein Familienbadetag. Die Heizung war auf höchste Stufe aufgedreht, doch nichts gluckerte, nichts rauschte. Nur das kalte Metall suggerierte uns, dass der Ofen sprichwörtlich aus war.

Der Römer machte sich große Sorgen. Nicht etwa primär um uns, die wir krank waren. Vielmehr war er verzweifelt, da er am morgigen Montag arbeiten musste. „Non posso andare così. Puzzo come un’animale. [Ich kann so nicht gehen. Ich rieche wie ein Tier.]“ Und, gelinde gesagt, hatte er damit recht. Eine beißende Schweißwolke zog an mir vorbei, während er mich später umarmte und küsste. „Entschuldige, so lieb das gemeint ist, aber bitte nimm deine Arme herunter.„, war ein Satz, den ich ihm so noch nie sagen musste.

Also stiefelte er in die Küche, bediente sich der großen Plastikbox vom Möbelschweden, die erstaunlich dicht und erstaunlich temperaturbeständig ist und kochte Wasserkocher um Wasserkocher Heißwasser auf. Als die Box zu drei Vierteln gefüllt war, trug er sie ins Bad, holte sich einen Messbecher aus der Küche und mischte und panschte Heiß- mit Kaltwasser bis es die richtige Temperatur hatte, um sich ordentlich zu waschen. Signorino und ich schielten durch die Badezimmertür. Da saß unser Warmwasser-Alchemist in der leeren Badewanne. Auf dem Badezimmer Boden die enteignete Spielbox von Signorino und wusch sich mit einem hellblauen Baby-Waschlappen. Als er uns bemerkte, motzte er: „Dai, ragazzi. Un po‘ di privacy. [Kommt schon, Leute. Ein bisschen Privatsphäre.]“. Wir ließen sie ihm, diese Privatsphäre. Und was war ich froh, dass ich an diesem Tag bereits geduscht hatte. Signorino brauchte noch keine Dusche, denn er war erstaunlich geruchsneutral. Nur sein blondes Haar war etwas strähnig. Ich kämmte ihm diese zu einem flotten Seitenscheitel und er sah aus als würde er nur darauf warten, auf einem sehr ordentlichen Familienfoto des englischen Adels abgebildet zu werden.

Nachts beschlossen wir, dass bei diesen Temperaturen keiner alleine schlafen kann und sollte. Also quetschten wir uns alle in das 160 Zentimeter kleine Ehebett. Wir kuschelten uns unter die große Decke, die wir uns damals im römischen Viertel Testaccio gekauft hatten***. Der Kleine schlief super. Nur ein einziges Mal wachte er auf, stellte sich auf und holte sich die Wasserflasche selbstständig vom Kopfteil des Bettes. Dann lehnte er die Flasche an mich und schlief wieder ein. Ich hingegen schlief gar nicht. Trotz des Schmerzmittels pochten die Hals- und Ohrenschmerzen ohne Unterlass durch meinen Schädel. Wenn der Kleine die selbe Krankheit hatte wie ich jetzt, sind sechs Stunden Schreien am Stück relativ knapp bemessen. Ich ging nochmals ins Bad, nahm wieder Schmerzmittel, legte mich hin, schlief doch nicht ein, denn meine Nase war komplett dicht. Die Schmerzen blieben von dem Schmerzmittel komplett unbeeindruckt.

Am nächsten Morgen bat ich den Römer, Signorino in der Kita krank zu melden, bevor er zur Arbeit gehe. Vermutlich hätte Signorino an diesem Tag gehen können, denn er war fieberfrei und hustete nur noch ein wenig. Aber ich sah mich außer Stande ihn um 14:30 Uhr abzuholen, da ich mich unglaublich schwach fühlte. Einen Fußweg von 200 Metern hätte ich vielleicht noch hinbekommen, aber auf die andere Seite der Stadt mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, machte mein Körper definitiv nicht mit. Jede Zelle krisch vor Schmerzen und Abgeschlagenheit. Ein Glück schlief das Kind extra lang und auch ich konnte noch etwas Schlaf nachholen.

Gegen 11 Uhr standen wir auf und es war noch immer bitter kalt. Bereits am gestrigen Sonntag schrieb ich der Hausverwaltung eine E-Mail, dass die Heizung und das Warmwasser ausgefallen waren. Draußen hatte es vier Grad. Drinnen hatte es, mit viel Glück, noch eine Temperatur im zweistelligen Bereich. Ich zog uns an, als würden wir zum Skifahren aufbrechen wollen. Mit dicken Jacken und, in Signorinos Fall mit Schneehose, saßen wir am Frühstückstisch. Mir war bitterkalt, was vermutlich auch an meiner Erkältung lag. Egal wie warm ich mich einmummelte, mein innerster Kern heizte nicht mehr richtig. Anscheinend fiel auch hier die Heizung aus.

Signorino war fit und guter Laune. Fröhlich sprang er durch die Wohnung und war das mir bereits bekannte Energiebündel. Ich saß auf der Couch, konnte nichts essen und trinken, da mein Magen rebellierte und wurde stündlich schwächer. Um 13 Uhr schrieb ich dem Römer: „Amore, mir geht es sehr schlecht. Wenn du irgendeine Möglichkeit hast, vor 20 Uhr heimzukommen, so nutze sie.“ Der Römer schrieb um 13:30 Uhr: „Ich rufe dich gleich an.“. Doch dieses „gleich“, dass ich als „maximal in einer halben Stunde“ interpretierte, war ein italienisches „gleich“, dass bedeutet „wenn ich Zeit und Muße habe“. Signorino machte immer mehr Quatsch, ich konnte mich aber kaum mehr bewegen. Er kletterte auf Stühle, stellte sich auf diese und wackelte an der Lehne. „Signorino, nein! Du fällst runter! Geh sofort runter da!!“, versuchte ich ihn anzuweisen, doch Signorino wollte in diesem Augenblick kein Deutsch verstehen. Er lachte mich nur an (oder aus). Ich quälte mich hoch, hob ihn runter, nur, dass er Minuten später wieder auf dem selben Stuhl stand.

Während ich ihn vom Stuhl hob, schien mir, als würde die Heizung, die dahinterlag, lauwarm sein. Ich fasste sie an. Tatsächlich! Sie funktionierte wieder. Was für ein Glück! Ich zog Signorino die Daunenjacke und Schneehose aus. Im Nacken war er bereits etwas verschwitzt und seine Haare kringelten sich voller Elan. Ich hingegen fror. Sehr. Trotz steigender Temperaturen fühlte sich alles eiskalt an. Ich ließ alles an und holte mir noch eine Decke. Brrr!

Nochmals schrieb ich dem Römer, dass ich echt am Ende bin. Er solle bitte sofort heimkommen, da ich für die Sicherheit des Kindes nicht mehr garantieren könne. Doch das Telefon blieb stumm. So schrieb ich meiner Schwester Turtle. Und hier nahm die Geschichte Fahrt auf. Sofort erklärte sie sich bereit dazu, vorbeizukommen. Sie kaufte ein, mixte einen frischen Saft für mich und stand in wenigen Augenblicken vor der Tür, bepackt mit einem Lazarett an Dingen, die mir helfen sollten, wieder fit zu werden. Mir war immer noch schlecht und ich konnte nichts in meinen Magen befördern. Sie befahl mir, zumindest den Saft zu trinken. Zwei Gläser schaffte ich dank ihrer Anweisung. Während ich wie überfahren auf der Couch lag, spielte sie mit Signorino bis dieser müde wurde. Um 16:45 Uhr brachte ich ihn ins Bett und schlief fast selbst dabei ein. Ich raffte mich schließlich auf, ging ins Wohnzimmer und fragte Turtle, ob es für sie okay wäre, wenn ich mich auch hinlegen würde. Sie müsse natürlich nicht hier warten. Sie stimmte zu, packte ihre Turtle-Versorgungsstation ein und ich legte mich hin. Alle 20 Minuten hustete das Kind übers Babyphone und ich war wieder wach. Noch einmal schrieb ich dem Römer, dass er bitte dringend heimkommen solle, denn ich war am Ende. Nichts tat sich.

Gegen 18 Uhr stand ich auf. Der Römer rief an. Ich schilderte ihm meine missliche Lage, doch er nahm mich nicht ernst. Zwischen zwei Patiententerminen eingeschoben, schwafelte er etwas von „Dai! Forza! [Komm schon! Vorwärts!] Es sind nur noch zwei Stunden, dann bin ich daheim.„, sprachs und legte auf. Hätte ich die Kraft gehabt, mir in diesem Moment eine/n Fachanwält*in für Familienrecht zu suchen, glauben Sie mir, ich hätte es getan.

Letzter Exit für die Ehe?

Ich war dermaßen kraftlos, dass ich drei Versuche brauchte, um aus dem Bett aufzustehen, nur dass dein mein Kreislauf „Adieu! Bis später!“ jauchzte und dermaßen absackte, dass ich in den Sessel daneben plumpste. Signorino wachte zeitgleich auf. Krabbelnd (der Kreislauf!) bewegte ich mich ins Kinderzimmer. Ein fröhlicher, beinahe Zweijähriger guckte mich strahlend an. Fast schien es als würde er sagen „Und? Was machen wir jetzt?„. Natürlich wollte das Kind ins Wohnzimmer getragen werden. Ich versuchte ihm verständlich zu machen, dass ich so sehr schwankte wie eine Optimisten-Jolle auf hoher See. Er fing an zu weinen. Wir schwankten also ins Wohnzimmer zusammen. Er auf meinem Arm, lächelnd. Mein rechter Oberschenkel nahm auf schmerzhafte Art und Weise den Türrahmen mit. Mir war kotzübel und ich ließ mich mit Signorino auf das Sofa sinken. Sofort erwachten alle Lebensgeister in ihm. Er lief zum Tisch mit den Fressalien, die Turtle uns vorhin mitgebracht hatte. Er knabberte die Lebkuchen-Pappschachtel an, riss sie auseinander, versuchte sie zu öffnen und ließ sie letztendlich in der Ecke liegen. Dann sah er die Domino-Steine, probierte einen, mochte aber das Gelee und den Marzipan darin nicht und ließ zwei oder drei Steine auf dem Boden liegen. Die offene Tüte mit Taralli gefiel ihm besonders. Taralli um Taralli ließ er von der Kinderrutsche gleiten. Er hatte vermutlich den Spaß seines Lebens. Immer wieder, wann immer ein My an Kraft zurückkam, flüsterte ich mit schwacher Stimme „Signorino! Nein!„, doch es war ihm egal. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wann es mir jemals so schlecht ging, aber mein Gehirn war komplett im Eimer. Ein sausendes Geräusch belustigte in der Zwischenzeit meine Ohren. Ich schielte mit halb offenen Augen zu Signorino. Er räumte mit großer Freude den Bücherschrank aus. Buch um Buch legte er auf den Boden. Eines seines Urgroßvaters studierte er ein wenig und legte es geöffnet ab, so als wolle er sich die Stelle für später merken. Dann erinnerte er sich noch einmal daran, dass „auf den Stuhl klettern“ vorhin ein riesen Spaß war. Er kletterte also wieder hoch. Wäre er gefallen, dann hätte er sich den Kopf an der geriffelten 70er Jahre Heizung aufgeschlagen. Wild wippte er auf dem Sitzmöbel hoch und runter. Meine letzte Mutti-Kraftreserve aktivierte sich, hob mich hoch, ließ mich den kleinen Knirps greifen und absetzen, die Stühle wurden auf den Boden gelegt und ich sank wieder aufs Sofa. Das Ohrensausen wurde noch lauter, ich sah nur noch schwarze Punkte, alles drehte sich. Noch eine Stunde bis der Römer heimkam und ich wusste nicht, wie wir diese überstehen würden. Reden war kaum möglich, weil mein Mund sich trocken anfühlte und jegliche Muskeln im Tiefschlaf schienen. Meine Augen füllten sich mit Tränen der Verzweiflung und Wut. Signorino guckte mich besorgt an. Ich konnte dem Kind noch nicht einmal was zu essen machen, aber für sein Catering sorgte er schon selber. Er sah die offene Packung Schokoladenlebkuchen, griff hinein und biss fröhlich in das handtellergroße Süßgebäck. Schokoladenverschmiert grinste er mich an. Ich dachte nur daran, dass wir das irgendwie überleben müssen. Egal wie. Und wenn das bedeutet, dass er Schokolebkuchen isst bis ihm schlecht wird, ist das ein verhältnismäßig geringer Preis. Besser als einen Schädelbruch an der Heizung. Der kleine Kerl kam zu mir herüber und wollte mich mit einem Stück Lebkuchen füttern. Allein der Gedanke ließ meinen Magen rebellieren, was mitunter daran lag, dass ich morgens nur eine Spatzenportion Kekse aß. Ich presste meine Lippen aufeinander. Er drückte mir den Lebkuchen gegen die Lippen und Zähne. Ich schüttelte angewidert den Kopf. Er insistierte. So muss es sich für Signorino also anfühlen, wenn man ihm Hustensaft geben will, dachte ich. Langsam begann ich ihn zu verstehen. Ich guckte auf mein Handy. Der Römer hatte geschrieben: „Ich komme sofort nach Hause, amore mio (mein Schatz). Come state? [Wie geht’s euch?]“, traute er sich doch tatsächlich zu fragen. In meinem Kopf rasten alle erdenklichen Gemeinheiten, die ich ihm an den Kopf werfen wollte, wie auf einer Autobahn entlang. Dieser Kerl erdreißtet sich doch tatsächlich mich zu fragen, wie es uns geht? Lies doch einfach meine 445 Nachrichten davor, dann wüsstest du wie’s uns geht! Ich schrieb nichts, aber blockierte ihn trotzig. Warum ich das machte, erschloss sich mir im Nachhinein nicht. Wir wohnen zusammen, haben ein Kind zusammen, ein gemeinsames Konto und sind verheiratet. Was sollte es mir bringen, ihn bei einem Messenger-Dienst zu blockieren? Aber in meinem Zustand handelte ich nicht mehr logisch. Eine kleine Welle der Genugtuung schwappte durch meinen kranken Körper. „Nimm das, du blöder Römer. Ich habe dich blockiert!“

20 Minuten später klingelte es an der Wohnungstüre. Der Schlüssel steckte von innen, das heißt, er konnte nicht gleichzeitig aufsperren, sondern ihm musste geöffnet werden. Ich reagierte nicht, konnte nicht reagieren. Signorino guckte mich aufgeregt an. Er liebt Besuch. Es klingelte wieder an der Wohnungstüre. Gebeugt vor Schmerzen oberhalb des Steißbeines setzte ich vorsichtig Schritt um Schritt und stützte mich an der Wand ab. Signorino lief aufgeregt zur Türe, um mich herum und wieder zum Eingang. Ich öffnete, lehnte mich an die Wand, sah den Römer, hob abwertend eine Braue und quälte mich zurück auf die Couch. Er trat ein. Seine dunkelbraunen Lederschuhe klackerten auf dem Parkett. „Come state? [Wie geht’s euch?]“, wollte er nochmals wissen. Ich kochte innerlich, es brodelte richtig. So schlecht es mir ging, aber meine Wut bahnte sich ihren Weg, erbarmungslos wie glühend heiße Lava. Anscheinend hält der menschliche Körper noch eine extra Kraftreserve für im Stich gelassene Parteien in einer Beziehung bereit. Ich warf ihm, heiser, aber deutlich, alles an den Kopf, was sich in meinem Matschkopf noch finden ließ. Dann weinte ich vor Erschöpfung.

Betroffen guckte mich der Römer an und sprach schuldbewusst: „Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist. Natürlich wäre ich sofort nach Hause gekommen, hätte ich das gewusst.“

Verständnislos starrte ich ihn an. Was hätte ich denn tun sollen, außer stündlich bzw. halbstündlich von meiner kraftlosen Lage zu berichten? Soll ich einen Zeppelin anheuern, der vor seiner Arbeit auf und ab schwebt und auf dessen Außenhaut steht: „Deiner Frau geht’s miserabel. Komm nach Hause! Und zwar sofort!“? Vielleicht sollte ich nächstes Mal einen Festumzug aus indischen Elefanten und bengalischen Tigern organisieren, die ihm die Botschaft persönlich überbringen würden?

Ich antwortete nicht darauf, denn meine Kraft ließ nach. Stattdessen schloss ich die Augen. Ich hörte wie der Römer irgendetwas in einem Glas verrührte. Als ich die Augen aufschlug, stand er vor mir und gab mir das Gebräu. „Hier, bitteschön. Das musst du jetzt bitte trinken.“, wies er mich höflich an. Ich schüttelte den Kopf und verwies auf meine Übelkeit. „Komm schon, nur so wird es dir besser gehen.„, erklärte er mir. Schlückchenweise, aber trotzig, trank ich das Gebräu. Mein Magen rebellierte anfangs, riss sich aber dann zusammen. Schon stand der Römer wieder neben mir, nahm mir das Glas ab und maß Fieber. Das Fieberthermometer piepste lange und laut. Ohne daraufzuschauen, wusste ich, dass es uns mitteilen wollte, dass ich Fieber hatte. Und genau so war es. „Stai vermamente male. Non pensavo. [Dir geht’s wirklich schlecht. Das hätte ich nicht gedacht.]“, kommentierte der Römer die Anzeige des Fieberthermometers. Derweil hoffte ich, dass meine Kraft baldmöglichst zurückkam, um ihn an die Wand zu klatschen. Er begleitete mich ins Bett. Als mein Kopf das Kissen berührte, blinzelte ich noch zwei Mal und war dann weg. Im Land der Träume oder ohnmächtig. So genau lässt sich das nicht mehr rekonstruieren (😉). Eine Stunde später hörte ich Signorino, der an der Schlafzimmertüre kratzte und nölte. Immer wieder erklang ein glockenhelles „Mama!Mama!“ durch den Flur. Der Römer erklärte unserem Sohn, dass Mama schlafen muss, um bald wieder fit zu sein. Signorino war das egal. Er wollte nur zu Mama. Er weinte und quengelte solange bis der Römer ihn eintreten ließ. Sofort nahm der Kleine meine Hand und drückte sie gegen seine Wange. „Signorino! Pscht! La mamma sta male. [Signorino! Pscht! Der Mama geht es schlecht.]“ Ich blinzelte dem Sohn entgegen. Etwas benommen war ich noch, aber ich hatte keine Schmerzen mehr im unteren Rücken. Mein Ohr rauschte zwar noch leide wie sanfte Meerwellen, aber ich fühlte mich nicht mehr kurz vor der Ohnmacht. Krank fühlte ich mich, ja. Aber nicht so wie davor. Langsam setzte ich mich auf, atmete zwei, drei Mal tief durch und streichelte Signorino über den Kopf. „Come stai? [Wie geht’s dir?]“, fragte der Römer wieder. „Viel besser.“, antwortete ich. „Möchtest du aufstehen?“, wollte der Römer von mir wissen. Ich nickte. Er half mir hoch, doch ich benötigte nur noch wenig Hilfe, um ins Wohnzimmer zu gelangen. „Du musst etwas essen und, noch wichtiger, etwas trinken.„, wies der Römer mich an. Ich teilte ihm mit, dass ich keinen Hunger habe. Er insistierte. Also aß ich eine halbe Banane und trank zwei Gläser Wasser. Die Übelkeit war verflogen. Ein Glück!

Ich legte mich auf das Sofa. Der Römer setzte sich neben mich. „Okay, Frage!„, fing ich an. „Was zum Henker hätte ich denn sagen sollen, dass du deine Arbeit unterbrichst und heimkommst? Ich habe dich auf jede erdenkliche Art und Weise gebeten, angefleht, heimzukommen.„, erklärte ich ihm. „Aber in der Arbeit habe ich überhaupt keine Zeit, all deine Nachrichten zu lesen. Ich habe sie nur ab und an überflogen.“, erörterte er mir. Am liebsten hätte ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen, aber das war zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine gute Idee. „Okay, was soll ich nächstes Mal in so einer Situation tun, damit du heimkommst?“, wollte ich nun von ihm wissen. „Schreib doch einfach ‚codice rosso‘ [Alarmstufe Rot] und ich weiß Bescheid! Wenn wir dieses Codewort ausmachen, dann komme ich sofort nach Hause.„, schlug der Römer vor.

Ob dieses Bild einer leuchtend roten Anzeige mit Glühbirne darauf genügen würde, dass der Römer heimkommt?

Aha. So einfach wäre es gewesen. Wir hätten auch mal früher darüber reden können. Aber wem kommt das schon in den Sinn?

Gut, dass du mich hast. Dank mir geht’s dir wieder besser. Alleine könntest du vermutlich überhaupt nicht für dich sorgen.“, witzelte der Römer etwas unbeholfen. „Alleine hätte ich geschlafen und mich auskuriert. Das Problem war nicht ich, sondern unser aktiver Zweijähriger Sohn mit den vielen, kreativen Ideen. Ich kann leider nicht zu Signorino sagen: ‚Schatz, heute kuriert sich Mutti im Bett aus. Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid.‘ Stattdessen probierte Signorino alles aus. Alles! Es war einfach unglaublich gefährlich. Für ihn und für mich.„, klärte ich den Römer auf. Er guckte betreten auf den Boden. „Gut, dass wir jetzt das Codewort haben. Codice rosso! Non ti dimenticare! [Alarmstufe Rot! Vergiss es nicht!]“.

Nachwort: Signorino, den ich bereits in den letzten Zügen seiner Erkältung sah, erkrankte daraufhin nochmals. Also stellten wir uns wieder beim Kinderarzt vor, der uns einen detaillierten Plan mit auf den Weg gab, was zu tun sei. Ich erholte mich langsam, mit kleinen Rückschlägen, aber vielen Fortschritten. Der Kinderarzt wies uns an, Corona Schnelltests zu machen. Immerhin waren diese allesamt negativ. Dennoch war dieses Virus echt gemein! Nachdem Signorino und ich in den letzten Zügen dieser Krankheit waren, fing der Römer an. Samstag lag er wie eine platte Flunder im Bett und hatte die selben Schmerzen wie ich sie hatte. Folgerichtig hätte ich mir alleine in der Stadt einen schönen Tag machen sollen, während er minütlich geschrieben hätte wie schlecht es ihm ging. Aber ich bin kein Unmensch. Stattdessen hegte und pflegte ich meinen Ehemann mit Sanftpfoten. Nur kurz war ich vormittags unterwegs, um das Auto in Offenbach abzuholen. Nach 3 Wochen ohne unser Vehikel ist dieses Kapitel nun endlich auch abgeschlossen! 😃

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

** dies ist nicht bestätigt, sondern nur eine Theorie meinerseits.

*** Der Römer zog all sein Hab und Gut im Flugzeug um, als er damals nach Deutschland übersiedelte. Das heißt, jedes Wochenende flog er nach Frankfurt mit zwei großen Koffern. Meist waren Bücher oder Kleidung darin. Da die Wohnungen in Rom gerne möbliert vermietet werden, konnte er all das, was er nicht mehr brauchte, einfach in der Wohnung lassen. Die Ehedecke transportierte ich allerdings selbst, auch wenn sie den Großteil eines Koffers einnahm.

Der Freitagsrapport | KW31

Schockierend

Haben Sie jemals von der Tuskegee-Studie gehört? Ich muss zugeben, ich las diese Woche das erste Mal davon. Am Abend fragte ich den Römer, den ich als durchaus gebildet und informiert bezeichnen würde, ob er jemals davon gehört hatte und als er verneinte, erklärte ich ihm, um was es dabei genau ging. Auch er war äußerst schockiert, dass diese vor Rassismus triefende Studie an einer bestimmten PoC-Bevölkerungsgruppe von höchster, amerikanischer Stelle bis 1972 durchgeführt wurde.

Wen es interessiert wie ein Teil der armen, afroamerikanischen Landarbeiter „im Dienste der Wissenschaft“ hinters Licht geführt wurde und schlussendlich – im guten Glauben an eine Heilung – starb, der findet die Geschichte beispielsweise in diesem Artikel des Spiegels*. In diesem Bericht der Süddeutschen Zeitung* aus dem Jahr 2010 werden die weitreichenden Folgen, die auch im Hier und Jetzt spürbar sind, beschrieben.

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

ZweiPunktNull

Diese Woche erreichte mich eine Email der Universität, die besagte, dass meine Note für die erste Klausur eingetragen wurde. Vermutlich ahnen Sie, dass ich bis zum Erhalt dieser Email jeden Tag ungeduldig in das Notensystem meiner Universität blickte, um mich zu vergewissern, dass der Bearbeitungsstatus immer noch „in Bearbeitung“ anzeigte. Nach der Email, loggte ich mich aufgeregt in das universitätsinterne System ein und klickte auf die Notenübersicht. Ich war mir zwar sicher, dass ich bestanden hatte. Vermutlich aber nur mit Ach und Krach. „Oh.“, sagte ich als ich das Ergebnis erblickte. „Wie ist das denn passiert?„, fragte ich den Römer zweifelnd und zeigte auf die Note. „2.0 non è male, vero? [2,0 ist nicht schlecht, oder?]“, wollte der Römer von mir wissen, da er mit dem deutschen Notensystem immer noch nichts anfangen kann. „Das ist gut. Fantastisch. Wow! Und das habe ich in vier Wochen trotz Kind und Kegel geschafft? 85,55% von 100%. Cool!„, antwortete ich dem Römer, der sich mit mir freute. Ja, ohne den Römer und seine tatkräftige Vater-Sohn-Brunch-Unterstützung hätte ich das nicht geschafft. Und das Ergebnis ist genau die Motivation, die ich brauche, um nächste Woche im neuen Modul richtig durchzustarten.

Gut, das bin ich nicht ich, sondern der Römer beim damaligen Deutsch lernen. Aber irgendwie fand ich das Bild passend.

Dann flieg‘ halt nach Tirana

Nein, das habe ich natürlich nicht gesagt. Aber dennoch fliegt der Römer heute Abend ins gelobte Land. Alleine, versteht sich. Einerseits, weil er mir lang und breit erklärte, dass er mit uns (gemeint sind Signorino und ich) überhaupt keine qualitativ hochwertigen Gespräche mit seinen Eltern führen könne. Wenn Sie sich an den einen oder anderen Teil der Albanienchroniken erinnern, werden Sie vermutlich die Stirn runzeln, aber Wahrnehmung ist eben variabel und hängt vom Betrachter ab. Außerdem sei ihm die Verweildauer der einzelnen Familienbesuche deutlich zu kurz. Ständig wollen wir weiter. Deswegen sei die einzig sinnvolle Variante, dass er alleine fliegt. Aber unter uns, liebe Leser: Unzufrieden bin ich mit der Situation definitiv nicht. Am Freitagabend mit einem völlig überbuchten Flug mit Kleinkind irgendwann kurz vor Mitternacht im sommerlich heißen Tirana zu landen, von Ibrahim abgeholt zu werden, den Samstag mit lauter Familienbesuche zu überstehen und am Sonntag Mittag wieder heimzufliegen… Ich kann mir schöneres vorstellen. Beispielsweise mit Signorino im angenehm temperierten Frankfurt zu sitzen und auf Spielplätze zu gehen.

Neue Email-Adresse

Nicht wundern, es gibt eine neue Email-Adresse zu diesem Blog. Diese lautet: zwischentiberundtaunus@gmail.com. Ich dachte, ich schreibe es mal darnieder, dass auch Sie Bescheid wissen.

In diesem Sinne: Starten Sie gut ins Wochenende, genießen Sie dieses erste Augustwochenende und halten Sie die Ohren steif!

Was kalt gewordene Nudeln mit dem Frühling zu tun haben

Der Frühling ist da!

Und wissen Sie, wie ich zu dieser Erkenntnis gekommen bin? Nicht etwa durch die Schwärme an fröhlich zwitschernden Singvögeln, die sich hier und dort niederlassen. Auch nicht durch die ersten, zarten Maiglöckchen und Krokusse, die sich unbeirrt durchs Dickicht kämpfen.

Nein, nein. Es war ein so unverwechselbares Zeichen, dass es keinen Zweifel mehr an der Ankunft des Frühlings gab:

Wir kamen gerade von unserem Spaziergang am frühen Mittag. Just daheim angekommen, packte uns der Hunger. Ich setzte Nudelwasser auf, ließ eine Kinderhand voll Meersalz hineinrieseln und wartete bis sich das Wasser dazu bequemte, den Siedepunkt zu erreichen. Währenddessen guckte der Römer im Kühlschrank, welches Beiwerk der pasta integrale [Vollkorn Pasta] gerecht werden würde. „Mozzarella, basilico, pomodorini,….[Mozzarella, Basilikum, Kirschtomaten,…]“ zählte er nachdenklich auf. Dann drehte er sich mit einem breiten Grinsen zu mir um: „È arrivata la primavera. [Der Frühling ist da.]“Wie man das mit einem Blick in den Kühlschrank feststellen könne, fragte ich ihn. „Guarda! [Schau!]“ sagte er und zeigte entzückt auf die eben aufgezählten Nahrungsmittel. Ich konnte keinen Frühling in unserem Kühlschrank erkennen – und ich gab mir wirklich größte Mühe. Stattdessen schlug mir eine gähnende Leere und die damit verbundene Dringlichkeit, heute unbedingt noch einkaufen zu gehen, aufs Gemüt. „Ich seh‘ nix. Besonders keinen Frühling.“ antwortete ich trotzig. Ich fühlte mich vom Römer mehr als verspottet. „Als ob der Frühling sich plötzlich in unseren Kühlschrank breit macht. Das ist doch lächerlich.“ keifte ich, während ich die rohen Nudeln ins Wasser kippte.

„Amore! Non lo vedi? [Liebling! Siehst du das nicht?]“ fragte der Römer nun etwas bestimmter. Ehrlich gesagt, hielt ich ihn langsam, aber sicher für verrückt. Ich starrte ihn ausdruckslos an. „Abbiamo tutti gli ingredienti a casa per fare una pasta fredda! Altro non c’è.“[Wir haben alle Zutaten für eine pasta fredda zu Hause! Es gibt nichts anderes.]“ strahlte er mich fröhlich an. „E questo vuol dire che è arrivata la….[Und das bedeutet, dass er angekommen ist, der…]“

PRIMAVERA!!! [Frühling!!!]“ schrie ich auf als endlich der Groschen fiel. Aber natürlich! Wie konnte ich nur so blind sein, wenn der Frühling sich mir doch förmlich ins Gesicht sprang. Die pasta-fredda-Saison (kalte Pasta mit Tomaten und Mozzarella) hat begonnen. Und ich habe es nicht einmal erkannt. Als ob es ein eindeutigeres Zeichen für den Frühling gäbe!

Während die Germanen, wie der Römer uns nennt, die Grills und Smoker aus dem Keller schleppen, sie abdecken, reinigen und in großen Mengen Würstchen und Koteletts kaufen, so ist es in unserem italbanischen Haushalt die Zubereitungsart der Pasta, die sich den Jahreszeiten anpasst.

Die Erklärung dafür ist eine ganz einfache: Stellen Sie sich vor, Sie sind in Italien. Das Thermometer kratzt an der 35 Grad Marke. Die Stadt ist stickig und die Hitze ist drückend. Erst am späten Nachmittag setzt der frische Meereswind ein und bringt etwas Erleichterung. Doch es ist erst Mittag. Denken Sie in dieser Szenerie nun an einen dampfenden Teller Pasta vor sich. Würde Ihnen bei diesem Anblick das Wasser im Mund zusammenlaufen? Wohl eher nicht. Sie würden sich nach einer Abkühlung sehnen. Vielleicht aber auch nach einer Mahlzeit, die über ein paar Scheiben Wassermelone hinausgeht. Und tadaaaa! Hier kommt die pasta fredda ins Spiel. Doch machen Sie niemals den Fehler, die pasta fredda als italienischen Nudelsalat zu bezeichnen. Es sei denn, Sie ersehnen sich nach dem Status des „ospite non grata“*.

Sie sehen, noch eindeutiger als heute könnte sich der Frühling gar nicht nicht zeigen.

*ein nicht erwünschter Gast

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Letztens, da ist mir etwas Dummes passiert.

Ich kann Ihnen nicht einmal den genauen Moment nennen, in dem es passiert ist. Aber ich vermute er war irgendwann zwischen dem Entschluss „das Handy ordentlich zu desinfizieren“, dem Mangel an Desinfektionsmittel im Hause Farniente und der Überzeugung, dass Wasser und Seife es wohl auch tun sollten.

So schnappte ich mir mein Mobiltelefon, ein neueres Semester, und schrubbte es ordentlich mit Wasser und Seife ab. Liebevoll legte ich es in ein kuschelweiches Handtuch und tupfte es trocken. Es glänzte wie neu und funktionierte einwandfrei. Nichts anderes hatte ich erwartet, warb der Hersteller doch mit der Eigenschaft „wasserdicht“.

Dann sah ich auf der großen Kommode im Flur des Römers Handy. Und ab da nahm das Unglück seinen Lauf.

Es ist schon wahr, was man über Italiener im Allgemeinen und dem Römer im Speziellen sagt: Das Leben, die Liebe und alle sozialen Kontakte hängen von diesem kleinen, portablen Gerät ab. Ständig klingelt und piepst es, stets blinkt es penetrant und wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, leuchtet es wie ein Stadionscheinwerfer taghell im dunklen Schlafzimmer auf. Meist wird es dann vom eben eingeschlafenen Signorino fröhlich quiekend begrüßt.

Jedoch ist der Teufel ein Eichhörnchen. Nennen Sie es Schicksal, ich nenne es Dummheit. In meinem Tunnel aus Wasser, Seife und dem dringenden Bedürfnis, alle Mobiltelefone des Hauses zu desinfizieren, geschah es: Ich vergaß, dass des Römers Modell leider nicht wasserdicht ist. Großzügig seifte ich es ein, schrubbte jeden Knopf, spülte es mit lauwarmen Wasser ab und legte es ebenfalls in ein Handtuch. Als ich es abtupfte, leuchtete das Display noch in grellen Farben auf. Zufrieden legte ich es auf die Kommode im Flur und verschwand in die Küche.

Nach einigen Minuten hörte ich einen kläglichen Klingelton. Es hörte sich fast so an als würde Ligabue in seinem Lied „certe notti“, das gleichzeitig der Klingelton des römischen Telefons war, um Hilfe rufen. „Certe notti sei sveglio, o non sarai sveglio mai. Ci vediamo da Mario prima o poi“ [Bestimmte Nächte bist du wach, oder du wirst nie wach sein. Wir sehen uns bei Mario – früher oder später] krächzte Ligabue und ich glaubte nicht mehr daran, dass man ihn mit diesem scheppernden Sound jemals wieder „bei Mario“ sehen wird. Egal ob prima [früher/vorher] oder poi [später].

Der Römer begab sich just in diesem Augenblick zu seinem Telefon: „Ma che cavolo è?“ [Was zum Teufel ist das?] fragte er mit seinem um Hilfe schreienden Telefon in der rechten Hand. Fassungslos starrte er mich an. „Ma lo schermo…?“ [Aber der Bildschirm…?] wendete er sich überfordert an mich.

Oh.“ war meine dumpfe Antwort, die viel Raum für unbequeme Spekulationen ließ.

Der Römer tippte wie wild auf seinem Bildschirm herum, der nun in sehr schwachen Pastellfarben gehalten war. Schick sah das aus – aber passte so gar nicht zu den hektischen, roten Flecken in seinem Gesicht. „Das ist nicht dein ernst!? Du hast es jetzt aber nicht gewaschen, oder? Es ist hoffentlich nur eine temporäre Störung!“ brachte er unglaublich nervös hervor und sein Auge zuckte. „Ähm…also…“ wollte ich gerade erklären, doch er unterbrach mich mit einem wenig charmanten „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“

Ich schwieg, denn mir war es so unfassbar peinlich, dass ich keine Worte dafür fand.

Der Römer rannte aufgeregt durch die Wohnung. „Ich glaub’s nicht! Ich glaub’s einfach nicht. E‘ morto!!! [Es ist tot] Sie hat es umgebracht!“ schrie er theatralisch und ich hoffte, dass die Nachbarn nicht die Polizei angesichts dieses „Mordes“ rufen würden. Er legte seine Hände ins Gesicht und murmelte Unverständliches. „Meine Mutter wollte heute Abend anrufen! Mirko schickte mir eine Sprachnachricht. 11 Minuten lang!! 11!! Und jetzt ist alles weg. Alles!“ hörte ich seine Klagerufe durch die Wohnung schallen.

„Es gibt Schlimmeres, wirklich!“ sprach ich und merkte erst danach, dass jeder Satz zu viel für den labilen Römer in dieser prekären Situation war. „Schlimmeres?!“ keifte er und seine Stimme schlug Purzelbäume. „Was denn?! Ich bin abgeschnitten von der Welt! Niemand kann mich mehr erreichen. Was gäbe es denn da Schlimmeres, bitte?!“

Ich antwortete nicht, denn was hätte das auch in dieser Situation gebracht? Stattdessen packte ich Signorino in den Kinderwagen und wir machten einen sehr langen Spaziergang um der römischen Tragödie zu entgehen. „Er wird sich schon wieder beruhigen.“ flüsterte ich dem neugierig dreinblickenden Signorino ins Ohr während ich ihm die Mütze aufsetzte.

Etwas später, es war bereits Abend, guckte der Römer immer noch sehr grimmig. „Ich brauche ein neues Telefon!“ fing er ganz direkt an. „Hm….“ antwortete ich, weil ich die Äußerung hm als äußerst konfliktfrei empfand. „La situazione è seria. [Die Situation ist ernst] Non ci riesco a vivere così. [Ich kann so nicht leben] Jedes Mal schaue ich wieder auf den flackernden Bildschirm, nur um festzustellen, dass mich keine Menschenseele mehr erreichen kann. Nessuno. [Niemand]“ erklärte er weiter. „Hm…“ gab ich wieder von mir.

„Okay, so kann es nicht weitergehen. Wir brauchen eine Lösung! Bitte such folgendes:“ sagte er und nannte mir seine Vorgaben bestehend aus Marke, Farbe und Speicherplatz des zukünftigen Telefons. „Hm.“ antwortete ich wieder.

Ich recherchierte. „Ist weinrot keine Option? Es wäre 100 Euro günstiger!“ fragte ich ihn und merkte bereits mit dem Ausformulieren meiner Frage, dass in dieser Situation jede Frage einer Provokation für den Römer darstellte. Bevor er losmotzen konnte, rettete ich die Situation mit einem nüchternen: „Kleiner Scherz!“

„Non scherzare su certe cose. [Man scherzt nicht über sowas] Nicht in dieser Situation.“ kommentierte er düster.

Als mir meine Recherche zu langweilig wurde, da der Römer alles mit einem „No!“ [Nein!] oder „Anche no! [Auch nicht!] quittierte, begab ich mich auf einen virtuellen Spaziergang in den sozialen Netzwerk. Ein neues Statusupdate des Römers leuchtete auf: „Cari amici!“ [Liebe Freunde!], stand da, „Ich möchte euch mitteilen, dass mein Telefon heute leider von mir gegangen ist. Deswegen bin ich bis auf weiteres nur noch per Messenger oder über das Handy meiner Frau: 0******* erreichbar. Ciao.“ stand da – übersetzt in drei Sprachen, so dass es auch wirklich jeder verstehen konnte.

56 Freunde kommentierten es mit einem tränenden Smiley. 32 Likes gab es dafür und 40 Umarmungen mit Herz. Die einzige „Live-Reaktion“ kam von mir: ein hysterisches „BITTE WAS?!“ gefolgt von einem „Sag mal, hast du noch alle Latten am Zaun?! Du hast meine Handynummer ins Internet geschrieben?!“

Der Römer wollte gerade antworten, doch wurde von meinem klingelnden Handy unterbrochen. Eine mir unbekannte, italienische Nummer leuchtete auf. Ein Anruf über Whatsapp.

„Ich glaub es nicht!“ erhob ich entsetzt das Wort. Doch der Römer schnappte sich schon mein Telefon und antwortete! „Ah, ciao Nicolà! Sei tu! [Du bist es!] Scusa, [Entschuldige,] ich hab deine Nummer noch nicht im Handy meiner Gattin abgespeichert. Si, si, sto bene. [Ja, ja, mir geht’s gut] Non molto bene, ma bene. [Nicht super gut, aber gut.]“ flötete er ins Telefon und verschwand angeregt plaudernd im Schlafzimmer.

„Der benutzt jetzt nicht ernsthaft mein Handy für seine Angelegenheiten?“ fragte ich mich. Signorino guckte mich mit großen Augen an und lachte bejahend. Ich hob ihn hoch. „Meinst du wirklich?“ erkundigte ich mich bei ihm und er berührte meine Nase unter lautem Lachen. „Ich fürchte, du hast Recht. Dann muss deine Mama jetzt mal ganz schnell ein neues Handy für deinen Papa auftreiben, oder?“ Signorino kniff mir mit seiner kleinen Hand fest in die Backe. „Danke, Schatz. Das ist nett! Genau das hab ich jetzt gebraucht!“ antwortete ich ihm. Er lachte wieder.

Zusammen mit Signorino machte ich mich auf die Suche und bestellte ein Telefon. Auch die Expresslieferung klickte ich an, denn ich wollte die nächsten Tage und Wochen mein Telefon gerne für mich haben.

Doch für heute blieb das nur ein frommer Wunsch. Mein Telefon stand nicht mehr still. Auch nachdem ich den Römer angeraunzt hatte, dass er SOFORT meine Handynummer aus dem sozialen Netzwerk löschen sollte (BIST DU WAHNSINNIG?!?! war mein Originalsatz), kamen immer weitere Nachrichten und Anrufe rein. Freunde und Familie gaben sich untereinander meine Telefonnummer weiter.

Zwei Tage dauerte es bis sein neues Handy ankam. Meins hingegen bekam ich in diesen Tagen nur in sehr knapp bemessenen Zeitfenstern zu Gesicht. Der Haussegen hing nicht nur schief, nein, er stand Kopf.

Am dritten Tag, das Telefon war endlich da, installierte der Römer in Windeseile sein neues Gerät und informierte seine Freunde.

Leider waren diese deutlich weniger flexibel als gedacht und so landeten 2/3 der Anrufe weiterhin bei mir. Der Römer hing jetzt nicht nur an einem Telefon, nein, er hing jetzt an zweien. Ich bat ihn mehrmals eindringlich, dass er bitte seinen Anrufern mitteilen sollte, dass er auf meiner Nummer nicht mehr erreichbar ist, doch es stieß auf taube Ohren seitens seiner Freunde und Familienangehörigen.

Eine Lösung musste her. Ich ging in mich und grübelte.

„Aaaaaaaah!“ schoß es mir durch den Kopf und grinste.

Als erstes änderte ich mein Profilbild.

Fotoquelle: unbekannt

Dieses hier aus meinem Fotoarchiv wählte ich aus und den angezeigten Namen änderte ich auf „Rosemarie Bründlhuber-Gonzales“. Sobald ein Freund des Römers sowohl den Namen als auch das Foto ignorierte, antwortete ich per Sprachnachricht in tiefstem Bayerisch, dass die Nummer nun Rosemarie Bründlhuber-Gonzales gehörte und ich keinen Römer kennen würde. „Na, des sagt mir nix! Aber Ihnen noch an schena Tag! Es ist ja so tolles Wetter momentan. Gar nicht so trüb-herbstlich, gell?“ beendete ich meine Sprachnachricht. Darauf kam nichts mehr zurück.

Nach vier Tagen als Rosemarie Bründlhuber-Gonzales gab es keine unerwünschten Anrufe mehr. Auch Sprach- und Textnachrichten blieben aus.

Am fünften Tag fragte der Römer: „Kennst du eine Rosemarie Bründlhuber-Gonzales? Giuseppe meinte, er hätte mit dieser Dame Sprachnachrichten ausgetauscht? Aber das ist doch deine Nummer?“ Er zeigte mir seinen Bildschirm. „Amore ❤️“ war nun eine Frau im Badeanzug mitsamt ihren adretten Freundinnen.

Ich grinste. „Huch! Da kam wohl mein alter Ego zum Vorschein.“ lachte ich und streichelte über mein Handy. „Scheint funktioniert zu haben.“

„Und wie!“ bekräftigte mich der Römer. „Okay, Rosemarie, kannst du mir mein Ladegerät für’s Handy geben? Mein Akku ist schon wieder leer. Aber ich versteh nicht warum… so oft benutze ich es doch gar nicht?“

Hm.“ gab ich belustigt zurück und reichte ihm sein Ladegerät.

Pizzaphasen!

Pizzaphasen heißen sie, die Phasen, die bei uns kommen und gehen wie Ebbe und Flut. In Pizzaphasen kochen wir nicht. Nicht etwa, weil wir nicht wollen, nein, eher weil wir nicht können. Signorino ist in Pizzaphasen so anstrengend, dass wir ihn zu zweit mit Müh und Not bändigen können. Schlecht gelaunt, weinerlich, absetzen vom Arm ist ein Affront, der einem Weltuntergang gleicht.

In Pizzaphasen essen wir nicht nur Pizza, denn Abwechslung im Speiseplan ist wichtig und gesund. Wir essen auch Döner, Hühnchen, Burger, Thailändisch, Koreanisch, Georgisch, Schnitzel,… was unsere Nachbarschaft eben so hergibt.

Manchmal, wenn wir besonders müde und geschafft sind und nicht einmal mehr zur Dönerbude um die Ecke gehen können, dann tut es auch der mediterrane Mikrowellenreis, der mit mediterran so wenig gemeinsam hat wie der Römer mit einem kühlen Norweger. In Pizzaphasen scheint uns selbst eine pasta in bianco [Pasta mit Öl und Parmesan] unerreichbar wie eine momentane Übernachtung im Wellnesshotel.

Sie werden es schon an meiner detailverliebten Beschreibung erkannt haben: Wir sind wieder in einer Pizzaphase. Denn ein so großes Fachwissen gespickt mit Verzweiflung und Hoffnung auf ein Ende dieses Zeitabschnitts, gibt es nur in Pizzaphasen.

Zugegeben, der Name ist etwas irreführend, suchen wir doch meist nur noch Zuflucht und Zuspruch bei Reza, dem netten Besitzer des Dönerladens.

Er sieht uns schon weitem, wie wir müde mit dem endlich schlafenden Signorino die Straße entlang schlappen. Mein unordentlicher Dutt und des Römers wilde Lockenpracht manifestieren diesen Eindruck, sollten die dunklen Augenringe und der fahle Teint nicht ausreichen. Wir öffnen die große Glastüre und Reza schenkt uns ein Lächeln. „Zähne?“ ist das erste, was er sagt und wir nicken stumm.

„Vergeht. Schafft ihr.“ versucht er uns zu beruhigen und fängt an unsere Döner vorzubereiten, ohne dass wir auch nur ein Wörtchen sagen müssen wie wir sie gerne hätten. Er kennt uns – und wir ihn. Jemand, der fünf Kinder ganz allein mit seiner Frau groß gezogen hat, ohne jegliche Hilfe und unter schwersten Bedingungen, der kann in drei Wörtern ausdrücken, was andere nicht in breit angelegten Monologen schaffen.

Flink packt Reza uns noch 2 bis 4 Stücke Baklava ein. „Es muss immer eine gerade Zahl sein. In solchen Phasen kann die kleinste Unebenheit zur Explosion führen, wenn Eltern müde sind. Außerdem beruhigt die Süße des Baklavas und die Nüsse geben Kraft. Du kannst alles durchstehen mit genug Baklava – sogar fünf Kinder.“ Dann lacht Reza laut und steckt uns damit an. Signorino öffnet kurz seine Augen, schläft aber wie durch ein Wunder wieder ein.

Der Römer lehnt sich kraftlos an der Theke an. Reza klopft ihm aufmunternd auf die Schulter und lächelt wieder sein Reza Lächeln. Dann erklärt er: “Erstes Kind ist immer anstrengend. Wäre gut, wenn man mit zweitem Kind starten könnte. Aber beim zweiten Kind hat man das erste noch. Also wieder anstrengend. Aber 5. Kind ist gut. 1. und 2. Kind kann auf 5. Kind aufpassen.” Er grinst nun und packt unsere Döner feinsäuberlich in Alufolie ein. Wir lächeln und malen uns aus, wie es wohl mit fünf Kindern wäre. „Da pazzi! [Verrückt!] rutscht es dem Römer raus. “Soweit wird’s nicht kommen.” seufze ich geschafft und ziehe das Verdeck des Kinderwagens noch etwas weiter zu, damit Signorino ja nicht aufwacht. “Doch, doch. Ist Evolution. Kann man nicht aufhalten. Bist du mit dem Gröbsten durch bei Nummer 1, fehlt dir der Babygeruch, die kleinen Füße und Hände, das Kuscheln, Kiwikleiner Kopf mit Babyhaaren. Also machst du noch eins…und dann wieder eins. Und so weiter, und so weiter.” begründet Reza sehr überzeugend.

Nun lächelt der Römer müde. “Bist du guter Vater. Seh ich! Guckt dich Kind dauernd an, wenn mal wach. Ihr verbringt viel Zeit, oder?” fragt Reza den Römer. Der Römer nickt eifrig und grinst bei diesen schönen Reza-Sätzen wie ein Honigkuchenpferd.

Als wir zahlen wollen, macht uns Reza einen Elternpreis. “Kinder sind teuer und fressen einem alle Haare vom Kopf.“, er zeigt auf seine Halbglatze, „Frag mich!” sagt er zum Römer und schiebt ihm den Schein wieder über den Tresen. “Aber sie machen großen Spaß. Und bald werde ich Opa. Ist wie ElternPlus. Alle Vorteile, keine Nachteile. Freu ich mich schon sehr! Wird eine kleine Prinzessin.” Wir gucken ganz entzückt und der werdende Opa lächelt stolz.

Wir wünschen ihm alles Gute und er uns viele Nerven! „Tschüssi! Bis in zwei Wochen.“ verabschiedet Reza sich von uns und winkt. Er kennt uns. Denn Pizzaphasen kommen nicht selten, auch wenn sie von nun an Dönerphasen heißen sollte.

[Der Römer, der die Bedeutung des Namens Reza gegoogelt hat, ist ganz entzückt. Er bedeutet soviel wie „Zufriedenheit“ – und das passt wirklich sehr gut zu unserem Reza]