Der Freitagsrapport | KW31

Schockierend

Haben Sie jemals von der Tuskegee-Studie gehört? Ich muss zugeben, ich las diese Woche das erste Mal davon. Am Abend fragte ich den Römer, den ich als durchaus gebildet und informiert bezeichnen würde, ob er jemals davon gehört hatte und als er verneinte, erklärte ich ihm, um was es dabei genau ging. Auch er war äußerst schockiert, dass diese vor Rassismus triefende Studie an einer bestimmten PoC-Bevölkerungsgruppe von höchster, amerikanischer Stelle bis 1972 durchgeführt wurde.

Wen es interessiert wie ein Teil der armen, afroamerikanischen Landarbeiter „im Dienste der Wissenschaft“ hinters Licht geführt wurde und schlussendlich – im guten Glauben an eine Heilung – starb, der findet die Geschichte beispielsweise in diesem Artikel des Spiegels*. In diesem Bericht der Süddeutschen Zeitung* aus dem Jahr 2010 werden die weitreichenden Folgen, die auch im Hier und Jetzt spürbar sind, beschrieben.

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

ZweiPunktNull

Diese Woche erreichte mich eine Email der Universität, die besagte, dass meine Note für die erste Klausur eingetragen wurde. Vermutlich ahnen Sie, dass ich bis zum Erhalt dieser Email jeden Tag ungeduldig in das Notensystem meiner Universität blickte, um mich zu vergewissern, dass der Bearbeitungsstatus immer noch „in Bearbeitung“ anzeigte. Nach der Email, loggte ich mich aufgeregt in das universitätsinterne System ein und klickte auf die Notenübersicht. Ich war mir zwar sicher, dass ich bestanden hatte. Vermutlich aber nur mit Ach und Krach. „Oh.“, sagte ich als ich das Ergebnis erblickte. „Wie ist das denn passiert?„, fragte ich den Römer zweifelnd und zeigte auf die Note. „2.0 non è male, vero? [2,0 ist nicht schlecht, oder?]“, wollte der Römer von mir wissen, da er mit dem deutschen Notensystem immer noch nichts anfangen kann. „Das ist gut. Fantastisch. Wow! Und das habe ich in vier Wochen trotz Kind und Kegel geschafft? 85,55% von 100%. Cool!„, antwortete ich dem Römer, der sich mit mir freute. Ja, ohne den Römer und seine tatkräftige Vater-Sohn-Brunch-Unterstützung hätte ich das nicht geschafft. Und das Ergebnis ist genau die Motivation, die ich brauche, um nächste Woche im neuen Modul richtig durchzustarten.

Gut, das bin ich nicht ich, sondern der Römer beim damaligen Deutsch lernen. Aber irgendwie fand ich das Bild passend.

Dann flieg‘ halt nach Tirana

Nein, das habe ich natürlich nicht gesagt. Aber dennoch fliegt der Römer heute Abend ins gelobte Land. Alleine, versteht sich. Einerseits, weil er mir lang und breit erklärte, dass er mit uns (gemeint sind Signorino und ich) überhaupt keine qualitativ hochwertigen Gespräche mit seinen Eltern führen könne. Wenn Sie sich an den einen oder anderen Teil der Albanienchroniken erinnern, werden Sie vermutlich die Stirn runzeln, aber Wahrnehmung ist eben variabel und hängt vom Betrachter ab. Außerdem sei ihm die Verweildauer der einzelnen Familienbesuche deutlich zu kurz. Ständig wollen wir weiter. Deswegen sei die einzig sinnvolle Variante, dass er alleine fliegt. Aber unter uns, liebe Leser: Unzufrieden bin ich mit der Situation definitiv nicht. Am Freitagabend mit einem völlig überbuchten Flug mit Kleinkind irgendwann kurz vor Mitternacht im sommerlich heißen Tirana zu landen, von Ibrahim abgeholt zu werden, den Samstag mit lauter Familienbesuche zu überstehen und am Sonntag Mittag wieder heimzufliegen… Ich kann mir schöneres vorstellen. Beispielsweise mit Signorino im angenehm temperierten Frankfurt zu sitzen und auf Spielplätze zu gehen.

Neue Email-Adresse

Nicht wundern, es gibt eine neue Email-Adresse zu diesem Blog. Diese lautet: zwischentiberundtaunus@gmail.com. Ich dachte, ich schreibe es mal darnieder, dass auch Sie Bescheid wissen.

In diesem Sinne: Starten Sie gut ins Wochenende, genießen Sie dieses erste Augustwochenende und halten Sie die Ohren steif!

Was kalt gewordene Nudeln mit dem Frühling zu tun haben

Der Frühling ist da!

Und wissen Sie, wie ich zu dieser Erkenntnis gekommen bin? Nicht etwa durch die Schwärme an fröhlich zwitschernden Singvögeln, die sich hier und dort niederlassen. Auch nicht durch die ersten, zarten Maiglöckchen und Krokusse, die sich unbeirrt durchs Dickicht kämpfen.

Nein, nein. Es war ein so unverwechselbares Zeichen, dass es keinen Zweifel mehr an der Ankunft des Frühlings gab:

Wir kamen gerade von unserem Spaziergang am frühen Mittag. Just daheim angekommen, packte uns der Hunger. Ich setzte Nudelwasser auf, ließ eine Kinderhand voll Meersalz hineinrieseln und wartete bis sich das Wasser dazu bequemte, den Siedepunkt zu erreichen. Währenddessen guckte der Römer im Kühlschrank, welches Beiwerk der pasta integrale [Vollkorn Pasta] gerecht werden würde. „Mozzarella, basilico, pomodorini,….[Mozzarella, Basilikum, Kirschtomaten,…]“ zählte er nachdenklich auf. Dann drehte er sich mit einem breiten Grinsen zu mir um: „È arrivata la primavera. [Der Frühling ist da.]“Wie man das mit einem Blick in den Kühlschrank feststellen könne, fragte ich ihn. „Guarda! [Schau!]“ sagte er und zeigte entzückt auf die eben aufgezählten Nahrungsmittel. Ich konnte keinen Frühling in unserem Kühlschrank erkennen – und ich gab mir wirklich größte Mühe. Stattdessen schlug mir eine gähnende Leere und die damit verbundene Dringlichkeit, heute unbedingt noch einkaufen zu gehen, aufs Gemüt. „Ich seh‘ nix. Besonders keinen Frühling.“ antwortete ich trotzig. Ich fühlte mich vom Römer mehr als verspottet. „Als ob der Frühling sich plötzlich in unseren Kühlschrank breit macht. Das ist doch lächerlich.“ keifte ich, während ich die rohen Nudeln ins Wasser kippte.

„Amore! Non lo vedi? [Liebling! Siehst du das nicht?]“ fragte der Römer nun etwas bestimmter. Ehrlich gesagt, hielt ich ihn langsam, aber sicher für verrückt. Ich starrte ihn ausdruckslos an. „Abbiamo tutti gli ingredienti a casa per fare una pasta fredda! Altro non c’è.“[Wir haben alle Zutaten für eine pasta fredda zu Hause! Es gibt nichts anderes.]“ strahlte er mich fröhlich an. „E questo vuol dire che è arrivata la….[Und das bedeutet, dass er angekommen ist, der…]“

PRIMAVERA!!! [Frühling!!!]“ schrie ich auf als endlich der Groschen fiel. Aber natürlich! Wie konnte ich nur so blind sein, wenn der Frühling sich mir doch förmlich ins Gesicht sprang. Die pasta-fredda-Saison (kalte Pasta mit Tomaten und Mozzarella) hat begonnen. Und ich habe es nicht einmal erkannt. Als ob es ein eindeutigeres Zeichen für den Frühling gäbe!

Während die Germanen, wie der Römer uns nennt, die Grills und Smoker aus dem Keller schleppen, sie abdecken, reinigen und in großen Mengen Würstchen und Koteletts kaufen, so ist es in unserem italbanischen Haushalt die Zubereitungsart der Pasta, die sich den Jahreszeiten anpasst.

Die Erklärung dafür ist eine ganz einfache: Stellen Sie sich vor, Sie sind in Italien. Das Thermometer kratzt an der 35 Grad Marke. Die Stadt ist stickig und die Hitze ist drückend. Erst am späten Nachmittag setzt der frische Meereswind ein und bringt etwas Erleichterung. Doch es ist erst Mittag. Denken Sie in dieser Szenerie nun an einen dampfenden Teller Pasta vor sich. Würde Ihnen bei diesem Anblick das Wasser im Mund zusammenlaufen? Wohl eher nicht. Sie würden sich nach einer Abkühlung sehnen. Vielleicht aber auch nach einer Mahlzeit, die über ein paar Scheiben Wassermelone hinausgeht. Und tadaaaa! Hier kommt die pasta fredda ins Spiel. Doch machen Sie niemals den Fehler, die pasta fredda als italienischen Nudelsalat zu bezeichnen. Es sei denn, Sie ersehnen sich nach dem Status des „ospite non grata“*.

Sie sehen, noch eindeutiger als heute könnte sich der Frühling gar nicht nicht zeigen.

*ein nicht erwünschter Gast

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Letztens, da ist mir etwas Dummes passiert.

Ich kann Ihnen nicht einmal den genauen Moment nennen, in dem es passiert ist. Aber ich vermute er war irgendwann zwischen dem Entschluss „das Handy ordentlich zu desinfizieren“, dem Mangel an Desinfektionsmittel im Hause Farniente und der Überzeugung, dass Wasser und Seife es wohl auch tun sollten.

So schnappte ich mir mein Mobiltelefon, ein neueres Semester, und schrubbte es ordentlich mit Wasser und Seife ab. Liebevoll legte ich es in ein kuschelweiches Handtuch und tupfte es trocken. Es glänzte wie neu und funktionierte einwandfrei. Nichts anderes hatte ich erwartet, warb der Hersteller doch mit der Eigenschaft „wasserdicht“.

Dann sah ich auf der großen Kommode im Flur des Römers Handy. Und ab da nahm das Unglück seinen Lauf.

Es ist schon wahr, was man über Italiener im Allgemeinen und dem Römer im Speziellen sagt: Das Leben, die Liebe und alle sozialen Kontakte hängen von diesem kleinen, portablen Gerät ab. Ständig klingelt und piepst es, stets blinkt es penetrant und wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, leuchtet es wie ein Stadionscheinwerfer taghell im dunklen Schlafzimmer auf. Meist wird es dann vom eben eingeschlafenen Signorino fröhlich quiekend begrüßt.

Jedoch ist der Teufel ein Eichhörnchen. Nennen Sie es Schicksal, ich nenne es Dummheit. In meinem Tunnel aus Wasser, Seife und dem dringenden Bedürfnis, alle Mobiltelefone des Hauses zu desinfizieren, geschah es: Ich vergaß, dass des Römers Modell leider nicht wasserdicht ist. Großzügig seifte ich es ein, schrubbte jeden Knopf, spülte es mit lauwarmen Wasser ab und legte es ebenfalls in ein Handtuch. Als ich es abtupfte, leuchtete das Display noch in grellen Farben auf. Zufrieden legte ich es auf die Kommode im Flur und verschwand in die Küche.

Nach einigen Minuten hörte ich einen kläglichen Klingelton. Es hörte sich fast so an als würde Ligabue in seinem Lied „certe notti“, das gleichzeitig der Klingelton des römischen Telefons war, um Hilfe rufen. „Certe notti sei sveglio, o non sarai sveglio mai. Ci vediamo da Mario prima o poi“ [Bestimmte Nächte bist du wach, oder du wirst nie wach sein. Wir sehen uns bei Mario – früher oder später] krächzte Ligabue und ich glaubte nicht mehr daran, dass man ihn mit diesem scheppernden Sound jemals wieder „bei Mario“ sehen wird. Egal ob prima [früher/vorher] oder poi [später].

Der Römer begab sich just in diesem Augenblick zu seinem Telefon: „Ma che cavolo è?“ [Was zum Teufel ist das?] fragte er mit seinem um Hilfe schreienden Telefon in der rechten Hand. Fassungslos starrte er mich an. „Ma lo schermo…?“ [Aber der Bildschirm…?] wendete er sich überfordert an mich.

Oh.“ war meine dumpfe Antwort, die viel Raum für unbequeme Spekulationen ließ.

Der Römer tippte wie wild auf seinem Bildschirm herum, der nun in sehr schwachen Pastellfarben gehalten war. Schick sah das aus – aber passte so gar nicht zu den hektischen, roten Flecken in seinem Gesicht. „Das ist nicht dein ernst!? Du hast es jetzt aber nicht gewaschen, oder? Es ist hoffentlich nur eine temporäre Störung!“ brachte er unglaublich nervös hervor und sein Auge zuckte. „Ähm…also…“ wollte ich gerade erklären, doch er unterbrach mich mit einem wenig charmanten „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“

Ich schwieg, denn mir war es so unfassbar peinlich, dass ich keine Worte dafür fand.

Der Römer rannte aufgeregt durch die Wohnung. „Ich glaub’s nicht! Ich glaub’s einfach nicht. E‘ morto!!! [Es ist tot] Sie hat es umgebracht!“ schrie er theatralisch und ich hoffte, dass die Nachbarn nicht die Polizei angesichts dieses „Mordes“ rufen würden. Er legte seine Hände ins Gesicht und murmelte Unverständliches. „Meine Mutter wollte heute Abend anrufen! Mirko schickte mir eine Sprachnachricht. 11 Minuten lang!! 11!! Und jetzt ist alles weg. Alles!“ hörte ich seine Klagerufe durch die Wohnung schallen.

„Es gibt Schlimmeres, wirklich!“ sprach ich und merkte erst danach, dass jeder Satz zu viel für den labilen Römer in dieser prekären Situation war. „Schlimmeres?!“ keifte er und seine Stimme schlug Purzelbäume. „Was denn?! Ich bin abgeschnitten von der Welt! Niemand kann mich mehr erreichen. Was gäbe es denn da Schlimmeres, bitte?!“

Ich antwortete nicht, denn was hätte das auch in dieser Situation gebracht? Stattdessen packte ich Signorino in den Kinderwagen und wir machten einen sehr langen Spaziergang um der römischen Tragödie zu entgehen. „Er wird sich schon wieder beruhigen.“ flüsterte ich dem neugierig dreinblickenden Signorino ins Ohr während ich ihm die Mütze aufsetzte.

Etwas später, es war bereits Abend, guckte der Römer immer noch sehr grimmig. „Ich brauche ein neues Telefon!“ fing er ganz direkt an. „Hm….“ antwortete ich, weil ich die Äußerung hm als äußerst konfliktfrei empfand. „La situazione è seria. [Die Situation ist ernst] Non ci riesco a vivere così. [Ich kann so nicht leben] Jedes Mal schaue ich wieder auf den flackernden Bildschirm, nur um festzustellen, dass mich keine Menschenseele mehr erreichen kann. Nessuno. [Niemand]“ erklärte er weiter. „Hm…“ gab ich wieder von mir.

„Okay, so kann es nicht weitergehen. Wir brauchen eine Lösung! Bitte such folgendes:“ sagte er und nannte mir seine Vorgaben bestehend aus Marke, Farbe und Speicherplatz des zukünftigen Telefons. „Hm.“ antwortete ich wieder.

Ich recherchierte. „Ist weinrot keine Option? Es wäre 100 Euro günstiger!“ fragte ich ihn und merkte bereits mit dem Ausformulieren meiner Frage, dass in dieser Situation jede Frage einer Provokation für den Römer darstellte. Bevor er losmotzen konnte, rettete ich die Situation mit einem nüchternen: „Kleiner Scherz!“

„Non scherzare su certe cose. [Man scherzt nicht über sowas] Nicht in dieser Situation.“ kommentierte er düster.

Als mir meine Recherche zu langweilig wurde, da der Römer alles mit einem „No!“ [Nein!] oder „Anche no! [Auch nicht!] quittierte, begab ich mich auf einen virtuellen Spaziergang in den sozialen Netzwerk. Ein neues Statusupdate des Römers leuchtete auf: „Cari amici!“ [Liebe Freunde!], stand da, „Ich möchte euch mitteilen, dass mein Telefon heute leider von mir gegangen ist. Deswegen bin ich bis auf weiteres nur noch per Messenger oder über das Handy meiner Frau: 0******* erreichbar. Ciao.“ stand da – übersetzt in drei Sprachen, so dass es auch wirklich jeder verstehen konnte.

56 Freunde kommentierten es mit einem tränenden Smiley. 32 Likes gab es dafür und 40 Umarmungen mit Herz. Die einzige „Live-Reaktion“ kam von mir: ein hysterisches „BITTE WAS?!“ gefolgt von einem „Sag mal, hast du noch alle Latten am Zaun?! Du hast meine Handynummer ins Internet geschrieben?!“

Der Römer wollte gerade antworten, doch wurde von meinem klingelnden Handy unterbrochen. Eine mir unbekannte, italienische Nummer leuchtete auf. Ein Anruf über Whatsapp.

„Ich glaub es nicht!“ erhob ich entsetzt das Wort. Doch der Römer schnappte sich schon mein Telefon und antwortete! „Ah, ciao Nicolà! Sei tu! [Du bist es!] Scusa, [Entschuldige,] ich hab deine Nummer noch nicht im Handy meiner Gattin abgespeichert. Si, si, sto bene. [Ja, ja, mir geht’s gut] Non molto bene, ma bene. [Nicht super gut, aber gut.]“ flötete er ins Telefon und verschwand angeregt plaudernd im Schlafzimmer.

„Der benutzt jetzt nicht ernsthaft mein Handy für seine Angelegenheiten?“ fragte ich mich. Signorino guckte mich mit großen Augen an und lachte bejahend. Ich hob ihn hoch. „Meinst du wirklich?“ erkundigte ich mich bei ihm und er berührte meine Nase unter lautem Lachen. „Ich fürchte, du hast Recht. Dann muss deine Mama jetzt mal ganz schnell ein neues Handy für deinen Papa auftreiben, oder?“ Signorino kniff mir mit seiner kleinen Hand fest in die Backe. „Danke, Schatz. Das ist nett! Genau das hab ich jetzt gebraucht!“ antwortete ich ihm. Er lachte wieder.

Zusammen mit Signorino machte ich mich auf die Suche und bestellte ein Telefon. Auch die Expresslieferung klickte ich an, denn ich wollte die nächsten Tage und Wochen mein Telefon gerne für mich haben.

Doch für heute blieb das nur ein frommer Wunsch. Mein Telefon stand nicht mehr still. Auch nachdem ich den Römer angeraunzt hatte, dass er SOFORT meine Handynummer aus dem sozialen Netzwerk löschen sollte (BIST DU WAHNSINNIG?!?! war mein Originalsatz), kamen immer weitere Nachrichten und Anrufe rein. Freunde und Familie gaben sich untereinander meine Telefonnummer weiter.

Zwei Tage dauerte es bis sein neues Handy ankam. Meins hingegen bekam ich in diesen Tagen nur in sehr knapp bemessenen Zeitfenstern zu Gesicht. Der Haussegen hing nicht nur schief, nein, er stand Kopf.

Am dritten Tag, das Telefon war endlich da, installierte der Römer in Windeseile sein neues Gerät und informierte seine Freunde.

Leider waren diese deutlich weniger flexibel als gedacht und so landeten 2/3 der Anrufe weiterhin bei mir. Der Römer hing jetzt nicht nur an einem Telefon, nein, er hing jetzt an zweien. Ich bat ihn mehrmals eindringlich, dass er bitte seinen Anrufern mitteilen sollte, dass er auf meiner Nummer nicht mehr erreichbar ist, doch es stieß auf taube Ohren seitens seiner Freunde und Familienangehörigen.

Eine Lösung musste her. Ich ging in mich und grübelte.

„Aaaaaaaah!“ schoß es mir durch den Kopf und grinste.

Als erstes änderte ich mein Profilbild.

Fotoquelle: unbekannt

Dieses hier aus meinem Fotoarchiv wählte ich aus und den angezeigten Namen änderte ich auf „Rosemarie Bründlhuber-Gonzales“. Sobald ein Freund des Römers sowohl den Namen als auch das Foto ignorierte, antwortete ich per Sprachnachricht in tiefstem Bayerisch, dass die Nummer nun Rosemarie Bründlhuber-Gonzales gehörte und ich keinen Römer kennen würde. „Na, des sagt mir nix! Aber Ihnen noch an schena Tag! Es ist ja so tolles Wetter momentan. Gar nicht so trüb-herbstlich, gell?“ beendete ich meine Sprachnachricht. Darauf kam nichts mehr zurück.

Nach vier Tagen als Rosemarie Bründlhuber-Gonzales gab es keine unerwünschten Anrufe mehr. Auch Sprach- und Textnachrichten blieben aus.

Am fünften Tag fragte der Römer: „Kennst du eine Rosemarie Bründlhuber-Gonzales? Giuseppe meinte, er hätte mit dieser Dame Sprachnachrichten ausgetauscht? Aber das ist doch deine Nummer?“ Er zeigte mir seinen Bildschirm. „Amore ❤️“ war nun eine Frau im Badeanzug mitsamt ihren adretten Freundinnen.

Ich grinste. „Huch! Da kam wohl mein alter Ego zum Vorschein.“ lachte ich und streichelte über mein Handy. „Scheint funktioniert zu haben.“

„Und wie!“ bekräftigte mich der Römer. „Okay, Rosemarie, kannst du mir mein Ladegerät für’s Handy geben? Mein Akku ist schon wieder leer. Aber ich versteh nicht warum… so oft benutze ich es doch gar nicht?“

Hm.“ gab ich belustigt zurück und reichte ihm sein Ladegerät.

Pizzaphasen!

Pizzaphasen heißen sie, die Phasen, die bei uns kommen und gehen wie Ebbe und Flut. In Pizzaphasen kochen wir nicht. Nicht etwa, weil wir nicht wollen, nein, eher weil wir nicht können. Signorino ist in Pizzaphasen so anstrengend, dass wir ihn zu zweit mit Müh und Not bändigen können. Schlecht gelaunt, weinerlich, absetzen vom Arm ist ein Affront, der einem Weltuntergang gleicht.

In Pizzaphasen essen wir nicht nur Pizza, denn Abwechslung im Speiseplan ist wichtig und gesund. Wir essen auch Döner, Hühnchen, Burger, Thailändisch, Koreanisch, Georgisch, Schnitzel,… was unsere Nachbarschaft eben so hergibt.

Manchmal, wenn wir besonders müde und geschafft sind und nicht einmal mehr zur Dönerbude um die Ecke gehen können, dann tut es auch der mediterrane Mikrowellenreis, der mit mediterran so wenig gemeinsam hat wie der Römer mit einem kühlen Norweger. In Pizzaphasen scheint uns selbst eine pasta in bianco [Pasta mit Öl und Parmesan] unerreichbar wie eine momentane Übernachtung im Wellnesshotel.

Sie werden es schon an meiner detailverliebten Beschreibung erkannt haben: Wir sind wieder in einer Pizzaphase. Denn ein so großes Fachwissen gespickt mit Verzweiflung und Hoffnung auf ein Ende dieses Zeitabschnitts, gibt es nur in Pizzaphasen.

Zugegeben, der Name ist etwas irreführend, suchen wir doch meist nur noch Zuflucht und Zuspruch bei Reza, dem netten Besitzer des Dönerladens.

Er sieht uns schon weitem, wie wir müde mit dem endlich schlafenden Signorino die Straße entlang schlappen. Mein unordentlicher Dutt und des Römers wilde Lockenpracht manifestieren diesen Eindruck, sollten die dunklen Augenringe und der fahle Teint nicht ausreichen. Wir öffnen die große Glastüre und Reza schenkt uns ein Lächeln. „Zähne?“ ist das erste, was er sagt und wir nicken stumm.

„Vergeht. Schafft ihr.“ versucht er uns zu beruhigen und fängt an unsere Döner vorzubereiten, ohne dass wir auch nur ein Wörtchen sagen müssen wie wir sie gerne hätten. Er kennt uns – und wir ihn. Jemand, der fünf Kinder ganz allein mit seiner Frau groß gezogen hat, ohne jegliche Hilfe und unter schwersten Bedingungen, der kann in drei Wörtern ausdrücken, was andere nicht in breit angelegten Monologen schaffen.

Flink packt Reza uns noch 2 bis 4 Stücke Baklava ein. „Es muss immer eine gerade Zahl sein. In solchen Phasen kann die kleinste Unebenheit zur Explosion führen, wenn Eltern müde sind. Außerdem beruhigt die Süße des Baklavas und die Nüsse geben Kraft. Du kannst alles durchstehen mit genug Baklava – sogar fünf Kinder.“ Dann lacht Reza laut und steckt uns damit an. Signorino öffnet kurz seine Augen, schläft aber wie durch ein Wunder wieder ein.

Der Römer lehnt sich kraftlos an der Theke an. Reza klopft ihm aufmunternd auf die Schulter und lächelt wieder sein Reza Lächeln. Dann erklärt er: “Erstes Kind ist immer anstrengend. Wäre gut, wenn man mit zweitem Kind starten könnte. Aber beim zweiten Kind hat man das erste noch. Also wieder anstrengend. Aber 5. Kind ist gut. 1. und 2. Kind kann auf 5. Kind aufpassen.” Er grinst nun und packt unsere Döner feinsäuberlich in Alufolie ein. Wir lächeln und malen uns aus, wie es wohl mit fünf Kindern wäre. „Da pazzi! [Verrückt!] rutscht es dem Römer raus. “Soweit wird’s nicht kommen.” seufze ich geschafft und ziehe das Verdeck des Kinderwagens noch etwas weiter zu, damit Signorino ja nicht aufwacht. “Doch, doch. Ist Evolution. Kann man nicht aufhalten. Bist du mit dem Gröbsten durch bei Nummer 1, fehlt dir der Babygeruch, die kleinen Füße und Hände, das Kuscheln, Kiwikleiner Kopf mit Babyhaaren. Also machst du noch eins…und dann wieder eins. Und so weiter, und so weiter.” begründet Reza sehr überzeugend.

Nun lächelt der Römer müde. “Bist du guter Vater. Seh ich! Guckt dich Kind dauernd an, wenn mal wach. Ihr verbringt viel Zeit, oder?” fragt Reza den Römer. Der Römer nickt eifrig und grinst bei diesen schönen Reza-Sätzen wie ein Honigkuchenpferd.

Als wir zahlen wollen, macht uns Reza einen Elternpreis. “Kinder sind teuer und fressen einem alle Haare vom Kopf.“, er zeigt auf seine Halbglatze, „Frag mich!” sagt er zum Römer und schiebt ihm den Schein wieder über den Tresen. “Aber sie machen großen Spaß. Und bald werde ich Opa. Ist wie ElternPlus. Alle Vorteile, keine Nachteile. Freu ich mich schon sehr! Wird eine kleine Prinzessin.” Wir gucken ganz entzückt und der werdende Opa lächelt stolz.

Wir wünschen ihm alles Gute und er uns viele Nerven! „Tschüssi! Bis in zwei Wochen.“ verabschiedet Reza sich von uns und winkt. Er kennt uns. Denn Pizzaphasen kommen nicht selten, auch wenn sie von nun an Dönerphasen heißen sollte.

[Der Römer, der die Bedeutung des Namens Reza gegoogelt hat, ist ganz entzückt. Er bedeutet soviel wie „Zufriedenheit“ – und das passt wirklich sehr gut zu unserem Reza]

Signora Motzikova

*

Tun Sie es oder tun Sie es nicht?

Keine Sorge, Sie müssen mir diese Frage nicht beantworten. Bei uns ist es wie in einer guten Beziehung. Auch Geheimnisse muss man voreinander haben dürfen.

Aber um über den Römer und mich zu sprechen: Wir tun es. Nicht öffentlich, da genieren wir uns zu sehr. Obwohl, ab und zu ist es auch in der Öffentlichkeit passiert. Dann stieß ich den Römer meist unsanft mit dem Ellbogen in die Rippen und sssch-te ihn an.

Doch von vorne: Alles fing mit den Nachbarn oben an. Nette, kurz angebundene Herren, für die ich manchmal ein Päckchen annehme. Ich sollte den Nachnamen allein schon deswegen kennen, doch zu präsent ist ihr Eigenname, den sie von uns bekommen haben: Die TIRs, die sich wiederum in den kleinen und den großen TIR aufteilen.

Den Namen bekamen sie, weil sie uns sehr stark an eben diese erinnern.

So klebt doch das Schild mit der Aufschrift TIR an vielen italienischen LKW-Transporten: Transports Internationaux Routiers «trasporti internazionali su strada» [Internationaler Straßen Transport]

Und eins haben sie alle gemeinsam: Es sind sehr große, sehr schwere LKWs. Bevor sie jetzt mit „fat shaming“ kommen, möchte ich mich hiermit offiziell davon distanzieren. Denn der Römer war’s und hat ihnen den Namen gegeben. Beschwerden leite ich aber gerne weiter.

Zurück zu den TIRs: den großen TIR sieht man meist nur auf dem Balkon. Einmal in 3 Jahren hat er die Wohnung verlassen – mithilfe der Feuerwehr über den Balkon. Er musste ins Krankenhaus – und – nun ja – passte nicht durch’s Treppenhaus. Der kleine TIR ist dagegen eher im exekutiven Bereich tätig, kauft ein, macht Botengänge und kümmert sich auch sonst um alles.

Mit unseren seidenpapierstarken Wänden sahen wir uns gezwungen, ihnen Spitznamen zu geben. Sagen wir, um ihre Privatsphäre zu wahren.

Und genau das ist unsere dunkle, abgründige Seite: Wir geben unseren Nachbarn heimlich Spitznamen.

So auch geschehen vor 1,5 Jahren. Die Labradoodles sind ins Hinterhaus eingezogen. Herzige, übertrieben freundliche Menschen. Doch geistige Tiefe lässt sich bei Ihnen nicht erahnen. Eben ähnlich eines Labradoodles. Es mögen freundliche Tiere sein, wahrscheinlich auch intelligent (verzeihen Sie hier mein mangelndes Fachwissen über diese Hunderasse), ABER sie wirken so heiter und gleichzeitig nichtsahnend wie unsere Nachbarn. Sie, die Labradoodle Frau, könnte getrost ein „Influencer“ sein und er, der Labradoodle Rüde, macht „irgendwas mit Medien in einem Start-Up“.

Jedesmal wenn wir die Labradoodles sehen, begrüßt der Römer sie freundlich mit einem „Haaaaallo! Buongiorno!“ und haucht mir ein „Prendi la pallaporta la palla – molla la palla“ [Fang den Ball – bring den Ball – lass den Ball aus“] ins Ohr. Ich lächle dann verlegen und die Labradoodle Frau quietscht jedes mal vergnügt: „Iiiiich liebe Italienisch! Das ist so eine schöne Sprache!“ Der Römer lacht dann und nickt eifrig, während ich denke: „Na, wenn die wüsste!“

Letztens lies sich auch Turtle dazu hinreißen jemanden der Nachbarn zu taufen – incognito versteht sich. Ich erzählte ihr davon, dass ich ein Paket bei Torben abgeholt habe. „Wer ist das denn?“ fragte sie, eine ihrer selbstgemachten Zimtschnecken mampfend. „Mmh…der von dem Marketing Büro unten.“ versuchte ich es ihr zu erklären. „Aaaach! Der Rotfuchs von der Kifferbude!“ klarte sich ihr Gesicht auf. Der Römer prustete los: „Si! Il roscio! Grande, Turtle!“ [Ja, der Rotfuchs! Großartig, Turtle!] High Five! Beide schlugen ein und Torben hatte seinen Namen weg. „Il roscio“ ist er seitdem. Der Rothaarige von der Kifferbude.

Doch glauben Sie mir: Auch unsere Nachbarn haben es faustdick hinter den Ohren. Zum Beispiel Hubsi und Schnupsi, das flotte Mitvierziger Paar, das erst seit ein paar Wochen hier wohnt. Durch die stets gleichen, hochpreisigen Outdoor Jacken, die sie bei ihrer morgendlichen Nordic Walking Runde am Main tragen, erinnern sie mich eher an Vorort Idylle als an Großstadt. Und eben dieses Pärchen ist keinen Deut besser. Wann immer wir ihnen begegnen, höre ich ein leise gehauchtes „König Leonidas“ und „Svetlana Motzikova“. Am Anfang dachte ich, es sei ein Zufall, aber nein – mittlerweile kann man nicht mehr von Zufällen reden.

„Wie findest du es eigentlich, dass Hubsi und Schnupsi uns Namen gegeben haben?“ frage ich den Römer – mit dem nötigen Maß Empörtheit. „Die haben uns Namen gegeben? Quali sarebbero? [Welche wären das?]“ geht er neugierig darauf ein. „Also…du heißt „König Leonidas“ – und damit bist du echt gut weggekommen.“ fange ich an. „E tu? Come ti chiamano? [Und du? Wie nennen sie dich?]“ fragt er nun grinsend. Ich seufze und verdrehe die Augen. „Svetlana Motzikova!“

Der Römer kreischt los vor lachen. Sein Gepruste hallt durch die ganze Wohnung. „Svetlana Motzikova! È troppo forte! Geniale!“ [Svetlana Motzikova! Das ist zu gut! Genial!] Er lacht mittlerweile Tränen und muss sich abstützen. „Ja, ja, stütz dich nur ab….pfff!“ motze ich, halb eingeschnappt.

„Scusa, amore! Ich hätte nur nicht gedacht, dass Hubsi und Schnupsi so viel Fantasie und Humor haben. Fa troppo ridere [Das ist extrem lustig]. Ma una domanda: Perché ti chiamano Motzikova? [Aber eine Frage: Warum nennen sie dich Motzikova?]“ fühlt er mir auf den Zahn.

„Aaaach…eigentlich gibt es dafür keinerlei Grund. Ich habe Hubsi nur sanft (aber bestimmt) darauf hingewiesen, dass er nicht im Innenhof auf meinem Parkplatz parken darf. Es geht hier streng nach Seniorität. Darauf lege ich allergrößten Wert!“ erkläre ich ihm. „Aha….?!“, stellt der Römer fest, „…und weiter?“

Er kennt mich einfach zu gut und weiß, dass das nicht unsere einzige Begegnung war. „Außerdem habe ich Schnupsi erklärt, dass wir eine sehr ruhige Hausgemeinschaft sind und niemand um 13:30 Uhr bohren sollte. Auch nicht am Umzugstag. Das ist Signorinos Schlafenszeit und ich berufe mich auf die Hausordnung.“ ergänze ich spitz. Der Römer prustet wieder los. „Hast du es so erklärt? Proprio alla tedesca? [Genau so deutsch?]“ lacht er. „Ja.“ antworte ich knapp. „Dann hast du deinen Namen auch wirklich verdient, Signora Motzikova.“

Am nächsten Tag, Hubsi und Schnupsi kommen gerade von ihrer Nordic Walking Runde heim, halte ich ihnen mit einer großen Mülltüte bewaffnet die Tür auf, wünsche ihnen einen wunderschönen, guten Morgen und verwickle sie in einen heiteren Smalltalk über Nordic Walking. Der Römer, der die Szene mit Signorino beobachtet, fühlt sich sofort dazu berufen, diese Situation zu beurteilen. „Das war richtig nett, dass du ihnen zufällig die Tür aufgehalten hast. Sie müssen ja nicht wissen, dass du 10 Minuten am Türspion gewartet hast um sie abzupassen. Aber bevor du dir jetzt noch Nordic Walking Stöcke kaufst und mit ihnen eine Runde witzelnd durch den Park stöckelst, will ich dir sagen: mach dir keine Hoffnungen – den Namen behältst du auf alle Fälle, Svetlana Motzikova.“

Ich fühle mich ertappt, doch gebe schnippisch zurück: „Danke, ich trage es dennoch mit Fassung!“

„Non è che tu hai una scelta.“ [Es ist nicht so, als ob du eine Wahl hast] grinst der Römer.

*Bildquelle: Shutterstock

Si – am Arsc*

Bitte tun Sie mir den Gefallen und verurteilen Sie mich nicht auch noch. Ich fühle mich schon von ganz allein vom Schicksal betrogen. Wie ich nur ein Jahr später auf dem Boden herumkrieche und mit einem Tischstaubsauger glutenfreie Bio Maisstangen und Demeter zertifizierte Reiswaffeln mit Apfel-Mango Pulver einsauge, schäme ich mich über meine oft gehässigen Kommentare über die weit verbreitete Helikopter-Elternstaffel.

Wissen Sie, man macht sich so lange über Eltern lustig bis man selbst Kinder hat. Dann lacht sich das Schicksal ins Fäustchen und guckt mit einer großen Tüte Popcorn zu wie man so wird wie „die anderen“.

Plötzlich unterhält man sich über die Farbe und Beschaffenheit des Baby Stuhlgangs – während man isst. Man backt zuckerfreie Waffeln auf Bananenbasis (gar nicht mal so schlecht!) und jedes mal, wenn man in seinem chemie- und schadstofffreien Universum hockt und selbst gekochte Gemüsebällchen vom TÜV zertifizierten Babyhochstuhl schrubbt, steht der Römer hinter einem und sagt Schokolade kauend: „Als ob deine und meine Eltern so viel Aufwand betrieben hätten wie du! Bei all den Kindern wäre das auch gar nicht gegangen. Abgesehen davon hätte meine Mutter auch gar keine Zeit gehabt für solche Spielereien. Abbiamo mangiato la pappa – e basta. [Wir haben Brei gegessen – und das war’s] Wer den nicht wollte, der hat Pech gehabt. Irgendwann isst das Kind schon, wenn es Hunger hat.“

Ich blicke vom Boden auf, nachdem ich die Jagd nach dem letzten Krümel beendet habe und lasse den Staubsauger aufheulen. Das sollte Antwort genug sein. Doch der Römer verstand meine Drohung nicht.

Veramente, amore! [Wirklich, Schatz!] Wir sind so übervorsichtig. È assurdo! [Das ist absurd] Wir sollten uns einfach mal entspannen. Ganz besonders du, elicottera. [Helikopterfrau]“ setzt er seinen unerwünschten Monolog fort.

„Ok. Danke.“ antworte ich knapp und überprüfe nochmal, ob das Babyphone auch wirklich an ist.

„Zum Beispiel auch mit diesem Babyphone in unserer kleinen Wohnung. Sowas gab es bei uns gar nicht. Irgendeiner hat mich dann schon gehört, wenn ich laut genug geschrien habe. Wir versklaven uns für Signorino. O in altre parole: è troppo! [Oder mit anderen Worten: Es ist zu viel!]“ erklärt er – immer noch Schokolade kauend.

„Hm…“ gebe ich zurück. Durch das ständige Hinterherrennen und Verbote aussprechen an Signorino habe ich keine Energie mehr mich zu langen und breiten Diskussionen hinreißen zu lassen.

„Nein….Nein…Nein…Nein…Nein….Da…Da.“ tönt es aus dem Babyphone. Signorino ist wach. „Ah siehst du! Un’altra cosa! [Eine andere Sache!] Das erste Wort unseres Kindes ist nein, weil es das den ganzen Tag von dir hört. Vielleicht solltest du deine Sätze etwas positiver formulieren.“ kommentiert der Römer weiter und isst schlussendlich das letzte Stück Schokolade der Packung. Er knüllt das bunte Papier zusammen und versucht es in den Mülleimer zu werfen. Es gelingt ihm und er ruft laut jubelnd: „Siiiiiii!“

„Si am Arsch.“ murmle ich und gehe – genervt von seinen Ratschlägen – zu Signorino um ihn aus dem Bettchen zu befreien.

„Scusa? [Entschuldige?]“ fragt der Römer, doch ich war bereits im Schlafzimmer und auf meinem Erziehungsratgeber Ohr taub.

Später, am Nachmittag, gehen wir einkaufen, nachdem wir den Spaziergang mit Signorino beendet haben. Angekommen im großen Supermarkt begutachte ich das Gemüse. Ich greife nach einer Avocado und der Römer fragt mich, ob diese für Signorino sei. „Ja, ist im Angebot.“ gebe ich in den Einkauf vertieft zurück.

„BIST DU VERRÜCKT?!?!“ überschlägt sich seine Stimme. Ich gucke ihn irritiert an. „Die ist doch gar nicht BIO?!?!“ spricht’s, nimmt sie mir aus der Hand und legt sie zurück. „Damit kann gerne eine andere Mutter ihr Kind vergiften, aber nicht du. Du bringst den kleinen Kerl noch um.“ sagt er und fährt mit Signorino im Buggy schnurstracks in die Bio Abteilung. Dort zieht er sein selbst mitgebrachtes Obstnetz aus Bio-Baumwolle aus der Jackentasche und füllt unter allergrößtem Argwohn gegenüber den anderen Gemüsesorten eine Avocado ein. „Seit wann hast du ein eigenes Obstnetz?“ frage ich entgeistert. „Ach das….“ sagt er und denkt, ich würde nicht weiter nachhaken. Aber nicht mit mir, mein Freund! Nach einigen Sekunden des sinnfreien Herumstotterns, platzt es aus ihm heraus: „Ich bin einfach kein Fan davon, wenn das Gemüse meines Sohnes mit Plastik in Berührung kommt. È troppo pericoloso.[Das ist viel zu gefährlich] Da habe ich kein gutes Gefühl dabei. Wenn wir schon nicht regional kaufen, dann wenigstens bio!“

Ich grinse nur und sage: „Also mit diesem Obstnetz für unseren Sohn… Das hätte es früher bei uns nicht gegeben. Deine Mutter hätte das sicher nicht mitgemacht bei euch Kindern und -bei aller Liebe- wir sind so übervorsichtig, das ist doch ABSURD! Assurdo!! Wo wäre sie denn da hingekommen, wenn jeder ein eigenes Obstnetz gehabt hätte? Und BIO!!! Also nein, wir versklaven uns doch für unseren Sohn. Du solltest dich mal entspannen. Einfach mal alles ein bisschen sportlicher sehen. Und vielleicht solltest du auch einmal positiver auf andere Gemüsesorten und Anbauweisen herangehen. Du bist in letzter Zeit so negativ.“

Er funkelt mich an und setzt seinen Einkauf fort. Wir sprechen kein Wort, nur Signorino tönt „Nein, nein, nein, da, da, da.“ durch die Gänge.

„Zahlst du oder zahl ich, elicottero?“ frage ich ihn provozierend an der Kasse. Er rümpft nur seine Nase und holt seinen Geldbeutel heraus. „Und die Treuekarte nicht vergessen! Diese Woche gibt es achtfach Punkte.“ flöte ich. Er verdreht genervt die Augen und verstaut eine Packung Bio Maiswaffeln – demeter zertifiziert.

Daheim angekommen ruft er in Albanien an. Erstaunlich oft hört man das Wort „bio“ aus seinem Mund und dem Mund seiner Mutter. Als er auflegt, kommt er triumphierend auf mich zu: „Ha! Vedi! [Siehst du!] Alles war bio!“ Fragend blicke ich von Signorinos angekauten Bauklötzchen auf. „Ich habe gerade mit meiner Mutter telefoniert und alles war bio. Nur Obst und Gemüse aus eigenem Anbau bekam ich damals. Alles war frisch geerntet aus Omas Garten.“ erklärt er. „Aha. Na dann.“ gebe ich wenig interessiert zurück. „Ich wollte es dir nur sagen, weil du mich elicottero genannt hast. Und das bin ich nicht.“ weist er mich auf mein „Vergehen“ hin.

Ich lege einen Holzwürfel zur Seite, hole tief Luft und erkläre dann: „Schatz, nun sind wir doch mal ehrlich: Wir sind beide elicotteri – aus dem einfachen Grund, weil Signorino unser erstes und einziges Kind ist. Wir haben keinerlei Erfahrung und wollen alles perfekt machen. Hätten wir hier noch zwei andere Kinder herumhüpfen, wäre die Zeit auch deutlicher knapper um sich über solche Details Gedanken zu machen. Einigen wir uns einfach darauf, dass jeder von uns – auf unterschiedliche Art und Weise – ein elicottero ist.“

Va bene! [In Ordnung] Aber du etwas mehr.“ merkt er an. Wir müssen beide lachen. „Wenn du dich damit besser fühlst: sehr gerne!“ stimme ich zu.

Buon rientro al caos

„Guten Tag.“ schreibe ich – und lösche es gleich wieder.

Ein so lapidarer Gruß nach all diesen Wochen und (ich wage es kaum zu schreiben) Monaten? Nein. Das spiegelt unser Verhältnis nicht wieder. Sie, und ich, wir sind uns näher. Zusammen standen wir bereits in der Küche und wurden vom Römer unsanft zur Seite geschoben, während er versuchte, dass die Küche nicht vollends abfackelte.

Sie saßen gefühlt neben mir als ich mit dem stundenlang weinenden Signorino auf dem Bett saß und ihn kraftlos schuckelte.

Sie munterten mich auf, lachten mit mir Tränen und rückten mir den Kopf zurecht.

Wie falsch wäre es da, Sie mit einem einfachen „Guten Tag“ zu begrüßen? Gut ist der Tag natürlich. Das merken Sie allein schon daran, dass ich schreibe. Denn an schlechten Tagen blieben mir die Worte im Herzen stecken und bohrten sich immer tiefer und tiefer um noch mehr weh zu tun als nötig.

Doch jetzt, im Oktober, verblassen die Worte und Taten. Sie fallen wie Herbstblätter zu Boden und werden vom Matschwetter weggespült.

Jetzt im Herbst und Winter bin ich wieder ganz für Sie da. [Und Sie für mich!]

Zumindest hoffe ich das, denn wussten Sie, dass Babys verflucht schnell sind, wenn sie krabbeln? Und wussten Sie, dass wenn sie erst einmal krabbeln, recht schnell dazu übergehen, sich überall wagemutig hochzuziehen? Haben Sie auch gewusst, dass sie dann oft rückwärts umkippen – wie ein Brett – wenn man mal einen Moment nicht aufpasst? Und wenn sie kopfnickend diese Fragen beantworten, dann werden Sie einsehen, dass ich Sie brauche. Das hätte dem armen Kind, Signorino, die ein oder andere Beule erspart.

Der Römer sieht das anders. Aber der nennt mich seit Wochen nur „elicottera“ [angelehnt an das Wort elicottero – Helikopter]. Seit ich herausgefunden habe, dass Kinder zwar waghalsig sind, aber dennoch sehr weinerlich, wenn sie umkippen (was sie ständig tun), bin ich meist sehr achtsam und sehr nah an Signorino. Seitdem haben wir keinen Unfall mehr zu verzeichnen. Dafür muss ich das ständige, schelmische Grinsen des Römers ertragen. „Ma lui deve fare le sue esperienze.“[Aber er muss seine eigenen Erfahrungen machen] sagt er dann und fügt „Sonst lernt er es nie.“ an den Satz an. „Ja, ja.“ sage ich dann. Aber Sie wissen genauso gut wie ich, was ein „Ja, ja“ bedeutet.

Doch wir einigten uns auf einen Kompromiss. Der Römer ist der Teil unserer Elternkombo, der „das Kind mal machen lässt“ und es tröstet, wenn es das hundertste Mal hinfällt. Ich, in meiner Funktion als elicottera, fange das Kind auf, halte es, wenn es steht und bin am Abend platt, weil ich ständig hinterher laufe.

Sie sehen, es gibt nur eine einzige Begrüßung, die ich für uns gelten lasse: „Buon rientro al caos!“ [Willkommen zurück im Chaos] Alles andere wäre Untertreibung!

Für echte Römer m/w/d

Müde lächelnd lese ich einen sogenannten Lifestyle Blog. Die Überschrift des neuesten Artikels heißt: „Home away from home.“ Ich bekomme Pickel bei soviel schlechtem Marketing. Berichtet wird über ein x-beliebig austauschbares Hotel, das es erst seit kurzem gibt und gekennzeichnet wird der Artikel mit *Werbung (gesponsert).

Ich klappe den Laptop zu und schüttle den Kopf. „Home away from home…wie lächerlich.“ murmle ich und der Römer, der mit mir am großen Esstisch sitzt, guckt mich fragend an. „Na, ist doch so! Du kannst mir doch nicht erzählen, dass ein x-beliebiges, neues Hotel ein Zuhause, weit ab von Zuhause ist. Die wissen doch gar nicht, wie sich ein richtiges Zuhause anfühlt. Banausen!“ schimpfe ich.

Der Römer lächelt und sagt: „Ich zeig dir mal was…“ Er öffnet seinen Laptop und zeigt mir ein sehr kleines, zweigeschossiges Reihenhaus, hastig zwischen zwei Palazzi geworfen. Ein Schuhkarton, der sich mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit zwischen den „großen Häusern“ behauptet. “Roma….“ seufze ich. Er tätschelt mir die Schulter.

„Questo e‘ la casa lontana da casa [Das ist das Zuhause weit weg von Zuhause]. Für uns ist es kein Wellnessbereich in einem überteuerten, anonymen Hotel. Es ist keine überfüllte Bar, kein Hotelbett und kein Frühstücksbuffet. Für uns ist es Rom. Wir kommen in Fiumicino [einer der Flughäfen Roms] an und fühlen uns zu Hause. Wir nehmen den Regionalzug und er tuckert uns zur stazione di Trastevere [Bahnhof Trastevere]. Dann die Tram „numero otto“ [Nummer 8]und dann gehen wir die wenigen Schritte über unebene Pflastersteine nach Hause.“ Des Römers Beschreibung verwandelt sich in meinem Kopf zu einem Film und nicke verträumt.

„Und das schönste ist, dass unser „Zuhause“ immer ein anderes ist. Mal sind wir enttäuscht, weil es ein modriges Erdloch ist, aber meist sind wir positiv überrascht, weil wir einen richtigen Schatz finden. Rund um die Via San Francesco Ripa – da sind wir daheim, denn unsere zweite Heimat ist und bleibt immer Trastevere….“ ergänzt er seine Ausführung.

Ich räuspere mich: „…oder Testaccio.“

„Daiiii [Komm schon!], jetzt kommt der alte Streit wieder auf. Welches ist das schönste Viertel Roms? No, da lass ich nicht mit mir diskutieren! Es ist Trastevere. Basta!“ führt er sehr emotional aus. „Okay… für dich ist es Trastevere. Für mich ist es Testaccio. Es ist einfach ein ehrlicheres Viertel und kaum ein Tourist verirrt sich hierher. In Testaccio wohnen die richtigen Römer, so wie ich.“ erkläre ich ihm stolz.

„Ma no! [Aber nein!] Non iniziare, ti prego! [Fang nicht damit an, ich bitte dich!] Nur, weil ich damals die Wohnung in Testaccio hatte, macht dich diese nicht zu einer Römerin. No, sicuramente no! [Nein, sicherlich nicht] Ich habe IMMER in Trastevere gewohnt. Erst in der „Via Goffredo Mameli“, dann nach einigen Jahren wohnte ich im „Vicolo dei panieri“ und schlussendlich, auch berufsbedingt, musste ich nach Testaccio umziehen. Erst wohnte ich an der lauten Via Marmorata und wenig später bin ich dann in die Via Luca della Robbia gezogen.“ führt er sehr präzise aus.

„Berufsbedingt? Du bist lediglich 500 Meter von einem Stadtviertel ins angrenzende Stadtviertel gezogen! Allein die Flussseite ist eine andere. Gib doch nach all den Jahren endlich zu, dass du Testaccio schöner findest!“ mosere ich.

„Achwo! Ma il traffico! [Aber den Verkehr!] Den darf man nicht unterschätzen. Es hätte eeeewig gedauert in die Arbeit zu kommen.“ versucht er mich zu überzeugen.

„Ja, 20 Minuten zu Fuß.“ ergänze ich äußerst nüchtern. „Ma che!!! [Aber was!!!] Erano 25 minuti in macchina. [Es waren 25 Auto-Minuten] “ will er mir einreden.

„Aber wer fährt denn 1,5 Kilometer mit dem Auto, wenn er zu Fuß gehen kann?! Besonders in Rom?!“ frage ich nun ganz provokant.

„Amore mio, du unterschätzt die Temperaturen. Kannst du dir vorstellen, vollkommen verschwitzt an deinem Arbeitsplatz anzukommen? Io no! [Ich nicht!] Ich hatte keine andere Wahl als umzuziehen!“

Ich verdrehe die Augen und dränge darauf die Diskussion zu beenden, da wir uns nur im Kreis drehen.

Am Abend klappt der Römer neben mir wieder den Laptop auf und schiebt ihn mir unter die Nase! „Okay, genau das! Das können wir buchen!“ sagt er sehr knapp.

Das sehr kleine, sehr absurd wirkende Häuschen von vorhin strahlt auf einem Buchungsportal. „Ist gerade frei geworden! Und da wir momentan nicht nach Albanien fahren können und wir eine Woche überbrücken müssen bis wir nach Bayern fahren…. Hm, das wäre vielleicht keine schlechte Idee!“ Ich klicke die Bilder durch. Zwei Etagen. Eigener Patio, Wohnzimmer, Küche, zwei Schlafzimmer, zwei Bäder. Ich sehe schon den fröhlich glucksenden Signorino über den Fußboden krabbeln. Der Innenhof wäre perfekt, wenn Signorino im ersten Stock schläft, man aber noch gemütlich etwas draußen trinken will. Die Wohnung war umgeben von netten Restaurants und Bars – auch alles zum Mitnehmen, was uns mit Signorino sehr entgegen kam, da romantische Abendessen vorerst nicht möglich sind. 😉

„Wow! Das wäre perfekt! Lass mich noch kurz nach Flügen schauen und los geht’s.“ stimme ich seinem Vorschlag zu. Die Flüge stellen kein Problem dar und flugs ist die Unterkunft gebucht.

„Ich muss dir was sagen…“ fängt der Römer grinsend an.

Ich warte gespannt auf seine weiteren Ausführungen.

„Die Unterkunft ist in TRASTEVERE! Und sie hat dir gefallen. Also ist Trastevere doch der bessere Stadtteil. Und komm mir jetzt nicht mit „Das hab ich nicht gewusst.“ Du hast dir die Lage auf Google Maps sehr genau angeschaut.“

„Äääähm…aber…ja! Das war eine Ausnahme. Ich wollte dir einfach einen Gefallen tun.“ stottere ich etwas überrumpelt. „Ma che! [Aber was!] Ausnahme!“ triumphiert der Römer. „Das ist die Bestätigung!“

Ich gönne ihm die Genugtuung. Wir Bewohner von Testaccio sind großherzig und großzügig, was andere Meinungen betrifft. Das können wir auch sein, wissen wir doch, dass das beste Viertel Roms konkurrenzlos „Testaccio“ ist.

[Wenigstens bei einer Sache sind wir uns einig: Das beste Café/die beste Bar ist das Baylon Café in der Via San Francesco Ripa, Rom. Werbung – sehr zu meinem Leidwesen ungesponsert! 😔😉]

Audio – Bei Farnientes gibt’s heute Sushi

Liebe Leser,

ich habe meine Audiodatei schon einmal vor einigen Tagen hier gepostet. Es war und ist ein Herzensprojekt Ihnen meine Geschichten selbst vorzulesen.

Allerdings ist mir aufgefallen, dass ich die Komponisten der Eingangsmusik nicht nach Erlaubnis gefragt habe.

Also schrieb ich Oliver Astrologo und der apulischen Gruppe „Sciamaballà“ eine Email. Beide antworteten überaus nett und herzlich. Sie erlaubten mir die Nutzung ihres Stücks als Intro. [Das dazugehörige Video finden Sie hier: klick]

Deswegen, heute, nur für Sie noch einmal meine Lesung von „Bei Farnientes gibt’s heut Sushi“.

Bei Farnientes gibt’s heut Sushi

„Jetzt ist es passiert.“ werden Sie sagen während Sie die Überschrift lesen. „Ab jetzt wird sie uns jeden Tag erzählen, was es zu essen gibt. Irgendwann wird sie Wörter wie Foodie, Foodblog und Foodinspiration benutzen.“

Aber weit gefehlt, meine sehr verehrten Leser*innen! Vielmehr möchte ich Ihnen von einem, nein, von meinem Durchbruch erzählen. Es dauerte Jahre und nur durch mein unglaublich aufopferungsvolles Durchhaltevermögen habe ich es geschafft: Der Römer isst jetzt Sushi.

„Nichts besonderes.“ werden Sie mir mit Ihrem internationalen Gaumen antworten und währenddessen genüsslich ihre vietnamesische Phở schlürfen oder sich äthiopische Injera in den Mund schieben.

Aber ich halte ein „Oh doch!“ dagegen. Dazu muss ich ihnen eine Geschichte erzählen, die sich exakt so vor ein paar Jahren ereignet hat:

Als ich den Römer kennen lernte, war er ein begeisterter Fan der italienischen Küche. Das traf sich gut. Er wohnte schließlich in Rom. Doch wer nun erwartet, dass der Römer eine andere Landesküche außer der italienischen akzeptierte, den muss ich nun leider bitter enttäuschen. Es gab für ihn nur diese eine Küche.

Selbst in Albanien aß er zwar brav und ohne Widerworte das Festmahl, das seine Familie bei jedem Besuch auftischte, doch an Abenden, an denen er alleine Ausgang hatte, verschlug es ihn selbstredend in ein italienisches Restaurant. Wenn man ihn fragte, ob man etwas exotischeres essen könne, nickte er und schlug türkisch vor, denn Mezze und gegrillte Fleischspieße waren gerade noch so akzeptabel.

Die deutsch-österreichische Küche war ihm meist schon zu exotisch. Knödel wurden als „pane bagnato“ [nasses Brot] abgetan. Allerdings wurde ein hauchdünnes Kalbsschnitzel von ihm akzeptiert, da es dieses auch in der italienischen Küche unter dem wohlklingenden Namen „scaloppina milanese“ gab.

Und damit endete sein kulinarischer Horizont auch schon wieder.

Doch ich machte mir über dieses Thema nie viele Gedanken. Wenn wir uns sahen, dann waren wir meist in Rom und weniger in Frankfurt. Ich mag die italienische Küche und fand es vollkommen ausreichend mich von gegrilltem Fisch über Pizza bis hin zu cacio e pepe durch zu schlemmen.

Es war alles in bester Ordnung und wir hätten glücklich und verliebt bis ans Ende unserer Tage leben können, wäre da nicht unser erster, gemeinsamer Urlaub gewesen.

Das Reiseziel, Singapur und Bali, klang vielversprechend. Wir waren beide aufgeregt. Ich, weil ich hohe Erwartungen an diesen, unseren, ersten, gemeinsamen Urlaub hatte. Der Römer, weil er zum damaligen Zeitpunkt noch nie einen Fuß auf einen anderen Kontinent gesetzt hatte.

Im Flugzeug war alles ganz wunderbar. Man bot eine Auswahl an internationalen und asiatischen Gerichten an. Der Römer wählte begeistert die „internationale“ Küche, die aus insalata caprese [Tomate-Mozzarella] als Vorspeise und petto di pollo con purè (Hühnerbrust mit Kartoffelpüree) bestand. Ich hingegen war froh, die asiatische wählen zu können, wollte ich mich doch auf den Urlaub einstimmen.

In Singapur angekommen merkte man noch nicht viel vom römisch-kulinarischen Defizit. Am ersten Abend aßen wir frittiertes, einfaches Huhn und Reis. (pollo fritto con riso)

Generell galt: Alles, was einen italienischen Namen vorweisen konnte, wurde ohne Murren akzeptiert. Der Rest wurde verweigert, auch wenn das bedeutete in den Hungerstreik zu gehen.

Am zweiten Abend gingen wir in einen Foodcourt. Überall lachten uns kleine Buden an und jegliche, asiatische Gerichte wurden feilgeboten. Es war ein wahres Fest. Indisch dort, chinesisch da hinten, malaysisch links, usw., usw..

Ich setzte mich an ein Tischchen und bot dem Römer an, schon einmal zu gucken, was er essen möchte. Ich würde den Platz solange reservieren.

Der Römer stolzierte im Foodcourt umher, guckte sich alles genau an und verzog meist angewidert den Mund, bevor er seine Inspektion beim nächsten Stand fortsetzte.

Nach 20 Minuten, ich wartete mit knurrendem Magen auf meinem Platz, kam er zurück – mit leeren Händen. „Non trovo nulla qui! Fa tutto schifo.“ [Ich finde hier nichts. Es ist alles eklig.] sprach’s und ließ sich auf den Platz neben mir plumpsen. Ich guckte ihn irritiert – und hungrig – an.

„Und dafür hast du 20 Minuten gebraucht?“ fragte ich leicht genervt. „Vabbe, devo oppure vedere che c’è.“ [Ja gut, ich muss doch sehen was es gibt] antwortete er flapsig. Ich, ganz das allgemeine Wohl im Blick, bot ihm an, nochmal mit ihm gemeinsam zu schauen, ob es nicht doch was für ihn geben würde.

Wir gingen von Stand zu Stand und ich versuchte dem Römer das ein oder andere Gericht schmackhaft zu machen. „No.“ war seine andauernde und ernüchternde Antwort. Dazu schüttelte er vehement den Kopf. Ich atmete tief durch, da ich nicht wollte, dass dieser Urlaub gleich am Anfang zu einem Disaster werden würde.

Im Augenwinkel sah ich einen Dumpling Stand. Ich steuerte auf ihn zu. Der Römer trottete missmutig und hungrig hinter mir her. „Ah! Ravioli!“ erhellte sich sein Gesicht. „Buoni! Come sono?“ [Lecker! Wie sind die gemacht?] Der Römer, der damals sehr schlecht Englisch sprach, bat mich die Beschreibung zu übersetzen. „Mit Garnelen, vegetarisch oder mit Schwein!“ zählte ich auf. „Mmmh…buono! [Mmmh…gut] Ich nehme eine Portion mit Garnelen und eine vegetarische Portion.“ Ich bestellte die doppelte Menge für uns und nahm sie nach wenigen Minuten dankend in Empfang.

Angekommen am Platz war er höchst zufrieden mit seiner Wahl. „Veramente squisiti, questi ravioli.“ [Wirklich vorzüglich, diese Ravioli.] stellte er fest. „Sie heißen dumplings.“ erklärte ich ihm kauend. „Ah…dumpings! Fa oppure senso!“ [Ah…Dumpings! Das macht auf alle Fälle Sinn] bestätigte er mir. „Nein, nein, DUMP-L-INGS.“ wiederholte ich. „Ok…va bene. Basta che tu li sai pronunciare giuastamente.“ [Ok…in Ordnung. Es reicht, wenn du sie richtig aussprechen kannst] stimmte er mir zu.

An den darauffolgenden Tagen ernährten wir uns von „Dumpings“ und „Burger“. Weitere, kulinarische Versuche akzeptierte der Römer nicht. „Na, das kann ja was werden.“ dämmerte es mir – doch ich schob den Gedanken beiseite.

Nach einigen Tagen setzten wir unsere Reise fort. Es sollte nach Bali, Ubud um genau zu sein, gehen um dann – nach ein paar Tagen Aufenthalt – auf eine kleine Insel namens Gili Trawangan überzusetzen.

In Ubud angekommen machten wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem. „Nasi Goreng wird er wohl essen können.“ dachte ich. Weit gefehlt, denn es gab kein italienisches Pendant dazu. Mangels Auswahl bestellte ich es trotzdem für ihn. Als Vorspeise bestellte ich Hühner Satay Spieße.

Die Vorspeise empfing er mit großer Freude. „Mmmh…spedine al pollo.“ [Mmmh…Hühnerspieße.] lobte er und verschlang sie gierig. „Ma questo sugo di noci non centra nulla. Sarebbe stato meglio con un sugo di pomodoro.“ [Aber diese Nusssoße passt überhaupt nicht dazu. Eine Tomatensoße wäre besser gewesen]

Ich lächelte milde und tätschelte sein Knie.

Als die Hauptspeise kam, machte er große Augen. „Ma che cos’è?“ [Aber was ist das denn?] fragte er sichtlich entsetzt. „Nasi Goreng.“ flötete ich und wünschte ihm guten Appetit. Er stocherte lustlos in seinem Gericht herum. Ab und zu probierte er ein, zwei Reiskörner und geriet dabei so ins Schwitzen, dass er fast alle Knöpfe seines weißen Leinenhemds aufmachte. Dann tupfte er sich theatralisch den Schweiß von der Stirn und ächzte: „Troppo picante! No, non lo mangio!!“ [Viel zu scharf! Nein, das esse ich nicht!] Ich atmete tief ein und aus und rechnete in Gedanken nach wie viele Tage wir noch in diesem „Paradies“ verbringen müssten, bevor wir wieder heimfliegen konnten. „14.“ murmelte ich völlig resigniert als ich die Anzahl der restlichen Urlaubstage kalkuliert hatte. „Wie 14?“ fragte der Römer. „Ääähm….entschuldige, 140.000 Rupien kostet ein Gericht, glaub ich.“ versuchte ich mich aus der Situation zu retten. Der Römer trank seinen Softdrink und aß die traurige Grill-Tomate, die resigniert am Rand des Tellers lag.

Am nächsten Tag machte ich mich alleine auf die Suche nach einem internationalen Restaurant während der Römer hungrig im Pool plantschte.

Zum Glück wurde ich fündig. Nur wenige 100 Meter von unserer Unterkunft entfernt gab es ein vegetarisches Café. Es sollte von nun an unsere Stammlokalität werden. Jeden Tag – zweimal – bestellte der Römer eine Mezze Platte und verschlang sie meist zwischen zwei Atemzügen. Nachmittags gönnte er sich ein Stück Muffin oder tortina, wie er es nannte.

Mir graute es bereits vor Gili Trawangan. Wird man etwas Essbares dort finden? Oder wird er sich nur von Softdrinks, tortina und Toastbrot ernähren?

Ich sollte es noch früh genug herausfinden, denn die Reise ging am nächsten Tag los. Wir setzten mit der Fähre auf die kleine Insel über. Angekommen am Zielort streifte er durch die Speisekarte eines schönen Strandlokals… und… nichts…es gab rein gar nichts für ihn. Neidisch blickte ich zu einem niederländischen Pärchen hinüber… sie aßen ein traditionelles, indonesisches Gericht und wirkten sehr glücklich dabei. Neben mir saß der hungrige, italienische Trauerkloß und guckte böse, weil ihm die heimische Küche fehlte.

Ich bestellte mir „Phad Thai“. Der Römer wollte nur eine Zitronenlimonade und Satay Spieße – ohne Soße. Als das Essen kam, guckte er neidisch auf meinen Teller. „Che cos’è?“ [Was ist das?] fragte er interessiert. „Sembra come tagliatelle con gamberi. Buono!“ [Es scheint wie Bandnudeln mit Garnelen. Lecker!] beantwortete er sich die Frage selbst. „N…jaaaa… Willst du probieren?“ erwiderte ich hoffnungsvoll. „Ma si! Perchè no?“ [Aber ja, warum nicht?] antwortete er begeistert. Er steckte sich die erste Gabel voller Phad Thai in den Mund und ich wartete gespannt auf seine Reaktion. „Buonissimo!“ [Sehr lecker!] fiel sein Urteil aus. Erleichtert atmete ich auf.

Fortan aß er jeden Abend Phad Thai und jeden Mittag Satay Spieße. Andere kulinarische Ausflüge wagte er – wie immer – nicht. Seine kargen Essgewohnheiten zeichneten sich sehr schnell ab. Im Gesicht wurde er sehr hager und auch seine Hosen saßen von Tag zu Tag lockerer. Böse Zunge würden behaupten, er sah wie ein Schiffsbrüchiger aus, der aus unerfindlichen Gründen auf dieser Insel angespült wurde.

Auf dem Rückflug war er heilfroh, dass es eine eurasische Fluglinie war. Er stopfte sich mit Mezze, Hähnchenspießen und Baklava bis oben hin voll. Satt und glücklich schlief er ein und wachte erst in Istanbul wieder auf.

Auf dem Flug nach Rom erzählte er dem interessierten, italienischen Flugbegleiter sein kulinarisches Martyrium. Dieser nickte verständnisvoll und legte ihm mitfühlend eine Hand auf die dürre Schulter. Ich stellte mich indessen schlafend.

„Nie wieder.“ schwor ich mir in Rom. „Nie wieder gehe ich mit ihm auf eine Reise, die europäischen, nein, italienischen Boden verlässt.“

Doch es kam, wie es kommen musste. Er zog nach Deutschland – und fortan begann eine mehrjährige, geschmackliche Gewöhnungsphase für den Römer. Mittlerweile isst er gerne indisch, thailändisch, vietnamesisch und – so gar (aber das dauerte bis letztes Jahr im Dezember) rohen Fisch in Reis – oder Sushi, wie es korrekt heißt.

„Darf ich dich mal was fragen?“ wendete ich mich gestern an ihn während er mit seinen Stäbchen geschickt das Sushi in die Sojasauce tauchte. Er nickte bejahend und kaute zufrieden.

„Warum hast du fast 40 Jahre lang nur italienisch, albanisch und Mezze gegessen?“ erkundigte ich mich bei ihm.

„Es gibt einfach mehr italienische Restaurants in Rom als alles andere. Da hatte ich den Drang nicht, etwas Neues auszuprobieren. Mal aß ich ein Kebab, wenn ich von einer durchtanzten Nacht kam. Aber auch nur, weil alle italienischen Imbisse schon geschlossen hatten.“ antwortete er sehr ehrlich.

„Und jetzt? Wie findest du’s jetzt mit all den Möglichkeiten, die wir haben?“ hakte ich neugierig nach. „Gut. Wirklich! Aber die italienische Küche würde mir zum Überleben reichen.“ gab er grinsend zurück.

„Na dann! Finger weg von meinem Lieblings-Sushi.“ konterte ich. „Ti piacerebbe!“ [Das würde dir so passen!] hielt er dagegen und schob sich genüsslich eine Sushirolle in den Mund.