Sind Sie hier im Ort bekannt?

Es ist schon etwas her, dass mir ein lieber Kollege diese Geschichte erzählte. Heute ist sie mir wieder eingefallen und ich musste herzlich lachen.

Die Mutter des Kollegen ist Deutsche, der Vater Niederländer. Sie wohnen alle zusammen in Deutschland und der Vater spricht seit vielen Jahren ganz ohne Probleme Deutsch. Doch manchmal macht auch er noch Fehler.

So zum Beispiel, als Vater und Sohn (der Kollege) in einer fremden Stadt im Supermarkt waren. Sie hatten beide Hunger und der Vater, ganz unkomplizierter Holländer, wollte die Kassiererin des Supermarktes nach einem Restauranttipp fragen.

[Um sich die Kassiererin besser vorstellen zu können, gab der Kollege an, dass sie ca. Ende 20, Anfang 30 war, blauen Lidschatten mit rosa Lippenstift und bronzefarbenen Rougebalken kombinierte. Ihre künstlichen Wimpern, so die Vermutung des Kollegen, hatten den Modellnamen “Kehrbesen Deluxe”. Dazu hatte sie lange, pinke und (höchstwahrscheinlich) künstliche Nägel, die ihr gerade noch so erlaubten die Ware über das Band zu ziehen. Das blondierte und gewellte Haar trug sie offen, unterstrichen von Extensions, die über ihre Schultern bis fast zum Steißbein fielen.]

Der Vater, der nun endlich an der Kasse an der Reihe war, fing an sie mit seinem charmanten Akzent zu fragen: „Hallooo junge Frau, eine Frage: Sind Sie hier im Ort bekannt?!“

Die Verkäuferin guckte irriert, lief rot an und verstand nicht, dass der Vater danach fragen wollte, ob sie sich im Ort auskenne. „Also… kennen Sie hier ein Restaurant für uns zwei?“ fragte der Vater weiter. Für ihn war klar, dass sich die Frage auf seinen Sohn und sich bezog. Für die Verkäuferin wirkte es so, als würde der Vater sie anbaggern.

Knallrot und sichtlich aufgebracht gab sie zurück: „Ne! Ich bin nicht im Ort bekannt und kenne auch kein Restaurant für uns zwei!!“

Der Vater verstand die Welt nicht mehr. Sein Sohn musste laut lachen und konnte die Situation schließlich doch noch klären.

This is no dobre-dan-country

Sie sind stolz auf ihre Sprache, keine Frage. Über 7,6 Millionen Menschen sprechen Albanisch. Dieser erlesene Kreis von Albanisch Sprechern macht die Sprache wahrscheinlich so besonders.

Und das ist sie auch: ein ganz eigener Zweig der indogermanischen Sprachen gehört der albanische Sprache. Gelispelte Laute wie th und dh (und ja, da gibt es Unterschiede), gj das bei mir Krämpfe in der Zunge auslöst, ll-Laute, die zu Atemnot führen und ë das eigentlich eher ein ö ist, machen diese Sprache schwierig. Und von grammatikalischen Konstrukten möchte ich gar nicht erst anfangen. Deswegen beschränkt sich meine Konversation auch auf „Danke, gut! Und dir?“ und den üblichen Tageszeit abhängigen Grüßen.

Miremengjes oder Guten Morgen hätte man wohl im letzten Juli gesagt, so früh ging unser Flug nach Tirana. Es stand mal wieder eine Hochzeit an. Diesmal heiratete Toni, der Neffe vom Römer. Mit seinen 25 Jahren war er spät dran (für albanische Verhältnisse), aber was lange (höhö) wärt, wird endlich gut.

Wie manche meiner werten Leser wissen, arbeite ich bei einer deutschen Fluggesellschaft. Das bringt viele Vorteile mit sich, z.B. vergünstigte Flüge, FALLS (und hier kommt der Haken) noch Plätze frei sind. Nun, im Juli waren wenige Plätze frei. Um nicht zu sagen keine. Als wir online eingecheckt haben, schaute ich noch einmal nach den Passagier-Zahlen. Wenn wir nicht auf den Tragflächen mitfliegen wollten, dann wäre es eine glückliche Fügung wenn in letzter Minute ein (oder besser zwei) vollzahlende Passagiere ihren Flug verpassen würden oder aber stornieren.

Am Gate angekommen, drängte sich eine Menschentraube von reisewütigen Albanern. Juli. Ferienzeit. Jeder unbequeme, aber doch so moderne Sitzplatz in der Wartehalle war besetzt. Das sah nicht gut aus.

Als Mitarbeiter hat man die Möglichkeit einen „Jump Seat“ anzufragen. Dafür muss man sich in eine Liste eintragen und der Kapitän entscheidet, je nach ermessen, Auslastung und Gewichtsverteilung des Flugzeugs, ob er das genehmigen kann oder nicht.

Ich nahm meinen Mut zusammen und tigerte zu den Gate-Kollegen, die fleißig in ihrem PC rumhakten und schon äußerst gestresst wirkten. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf: „Einen wunderschönen guten Morgen!“ fing ich an. Die Kollegin blickte kurz auf. Lächelte. Das war ein gutes Zeichen. „Ganz schön viel Stress für euch heute, was?“ setzte ich fort. Erst einmal Mitgefühl zeigen. Dann mit der Bombe ins Haus fallen. „Ich bin Kollegin.“ machte ich mutig weiter. Nun wurde ich von oben bis unten gemustert. „Und ich wollte ganz lieb fragen, ob wir uns auf die Jump Liste setzen dürfen?“

Die Kollegin guckte verwundert. „Auf die Jump Liste? Der Flug geht nach Tirana!!“ gab sie irritiert zurück. „Ja, genau da wollen wir hin.“ Ich zeigte auf den Römer. „Sein Bruder heiratet.“ Ich lächelte. Naja, Bruder, Neffe, in diesem Moment nehme ich es mit der Wahrheit nicht so genau. „Ach, das ist ja schön.“ gab die Kollegin zurück und schob mir die Liste zu. „Einmal bitte alle Details eintragen. Ihr fliegt beide bei uns, oder?“ fragte sie lächelnd. „Ich ja, der Römer nur privat. Aber er ist Jump erfahren.“ Das letzte Detail dieses Satzes stimmte nicht, aber die Kollegen haben wohl kaum Lust jemand absolut unerfahrenen zu erklären, was er im Notfall zu tun hat. „Ach super. Ich ruf schon mal den Kapitän an. Ihr könnt Platz nehmen oder euch einen Kaffee holen. Das wird ein bisschen dauern.“ erklärte uns die Kollegin.

Der Römer hörte nur das Wort caffé und war Feuer und Flamme, die Anweisung der Kollegin zu befolgen. Nach einem Espresso später, zurück am Gate, mittlerweile mit einem wachen Römer, waren so gut wie alle Gäste eingestiegen. Wir warteten. Nachdem kein Gast mehr anstand und der, wie es schien, letzte Bus zum Flugzeug abgefahren war, wurden wir aufgerufen.

„Aaaaalso, ihr Süßen“, begann die mittlerweile sichtlich entspannte Kollegin, „für den jungen Mann haben wir einen Sitzplatz. Sogar einen Fensterplatz. Also ganz klasse! Für dich“, sie guckte nun mich an, „haben wir einen Jump Seat. Im Cockpit. Deinen Mitgliedsausweis hast du dabei?“ fragte sie. „Klar, der ist hier.“ antwortete ich und zeigte ihn vor. „Na super, dann bestell ich euch einen Bus und euch zwei Hübschen eine tolle, tolle Hochzeitsfeier in Dingens…ääh…Tirana.“ wünschte sie uns. Wir bedankten uns überschwänglich und gingen zum Bus.

Im Flugzeug angekommen bedankte ich mich bei der diensthabenden Crew für den Jump Seat. Im Cockpit wurde mir mein Sitz umgeklappt, ich zurrte mich fest und wir hielten einen sehr langen (1:30h) Smalltalk.

Ich bekam auch Kopfhörer um mitzuhören, was der Co-Pilot Stefan mit der Flugsicherung besprach. Wir flogen über Österreich, der Co-Pilot begrüßte die österreichische Flugsicherung mit einem herzlichen „Servus, Airline XY 123…„. In Kroatien angekommen begrüßte er die Flugsicherung mit einem freundlichen dobre dan – nicht ganz korrekt, aber man Verstand und schätzte den Gruß. Generell bleibt zu sagen, dass viele Piloten, die für’s Funken zuständig sind, gerne als Wertschätzung den landestypischen Gruß beim ersten Kontakt mit der neuen Flugsicherung benutzen. Also Buongiorno in Italien und Buenas dias in Spanien, usw..

Als wir dann in den albanischen Luftraum eintraten, begann der Co-Pilot wieder mit einem äußerst freundlichen dobre dan, gefolgt von unserer Flugnummer.

Ich guckte gespannt, wusste ich doch, dass dobre dan nicht nur der falsche Gruß ist, sondern auch noch, je nach Gesprächspartner, nicht gerade freundlich aufgenommen wird. Fünf quälende Sekunden passierte nichts. Als der Co-Pilot wieder anfangen wollte mit dobre dan kam eine Antwort von der albanischen Flugsicherung. Erst war nur ein Räuspern zu hören. Dann ein Schlucken und dann kam mit tiefer, ernster, akzentreicher Stimme: „Sir, this is no dobre-dan-country!!!“ Ich lachte Tränen. Stefan war sichtlich rot geworden und stammelte „Ääääh…ähhh….I mean, good morning….anyway… Airline XY 123…“ Und das Gespräch ging weiter.

Als er eine kurze Funkpause hatte, stammelte er: „Ich dachte, ganz Osteuropa sagt dobre dan oder zumindest etwas in der Art.“ Ich lachte. „Alle – bis auf Albanien. Sie sprechen keine slawische Sprache und deswegen sind sie no dobre-dan-country.“ antwortete ich. „Mensch, voll in die Nesseln gesetzt. Wie mach ich das wieder gut? Er scheint ja sehr nüchtern zu sein.“ gab Stefan zurück. „Sag doch beim Verabschieden einfach „Danke, Auf Wiedersehen“ auf Albanisch.“ wendete ich ein. „Okay, schreib mir das mal hier auf den Block. Das hört sich gut an. Wir müssen ja schließlich wieder zurückfliegen. Und bei meinem Glück wird es keinen Schichtwechsel geben.“ sagte der Co.

Ich notierte ihm „Faleminderit. Mirupafshim.“ übte ein paar Mal mit ihm und war sichtlich stolz als er es höflich zur Verabschiedung vortrug. Zurück kam ein erfreutes „Mirupafshim.“ Sie waren wieder Freunde.

Angekommen in Tirana wartete ich an der vorderen Tür des Flugzeugs auf den Römer. Neben mir die nette Kabinenkollegin und der Co Stefan, die beide den Gästen Auf Wiedersehen sagten. Stefan, mit seinen neuen Sprachkenntnissen, zauberte jedem Albaner ein Lächeln ins Gesicht als er sich bei ihnen auf Albanisch bedankte und verabschiedete. Als der Römer vorbeikam, hakte ich ihn unter, bedankte mich nochmal bei der Crew und verabschiedete mich. „Faleminderit. Mirupafshim.“ sagte Stefan augenzwinkernd.

Auf der Flugzeugtreppe sagte der Römer: „Siehst du, sogar der Co konnte zwei Wörter Albanisch. Das finde ich toll. Albanisch wird immer wichtiger.“ Ich musste grinsen: „Ja, den Eindruck habe ich auch….“

Albanien: S’ka problem

„Albanien? Jaja, irgendwo im Balkan. Die sprechen wie alle anderen da unten.“ Die Meinung hoert man gerne und oft. Klar, woher sollte man auch wissen, dass die Sprache so gar nichts mit den anderen slawischen Sprachnachbarn zu tun hat?

Es ist viel mehr eine eigene Sprache, die im Laufe der Zeit aus altgriechisch, lateinischen, türkischen, später italienischen und französischen Einflüssen ergänzt wurde. Die Albaner sind sehr stolz auf ihre Sprache, erwarten aber nicht, dass sie irgendwer außer ihnen lernen müsste. Vielmehr sind sie überglücklich, wenn man dann doch 1-2 Wörter kann, zeigt es doch, dass man sich interessiert.

Dennoch: Das wichtigste Wort ist nicht etwa Po (und hierbei ist nicht das Hinterteil eines Lebewesens gemeint, sondern es bedeutet schlichtweg Ja), sondern mirë (gut). Alles ist hier mirë. Es geht einem mirë. Einverständnis zeigt man mit mirë. Telefongespräche beendet man mit mirë. Gerne auch in der Kombination mit mirë, mirë, hajt. Auch wenn das Leben nicht immer mirë zu sein scheint, so ist die Grundeinstellung doch, dass sich die Angelegenheiten doch früher oder später zum Wohlwollen ändern. So könnte man sagen: Alles wird mirë am Ende.

Den zweithäufigsten Ausdruck bilden die beiden Wörter „s’ka problem“ (Kein Problem). Es gibt eigentlich nichts, was ein wirkliches Problem darstellen würde. Man findet für jede Aufgabenstellung eine Lösung. Und wenn man sie nicht alleine findet, dann kennt man jemanden, der wiederum jemanden kennt, der eine Lösung findet. Ein Land voller Probleme, in dem man dennoch den Ausdruck „s’ka problem“ wie eine weiße Flagge hervorhebt um zu symbolisieren, dass es irgendwie doch weiter geht – trotz Korruption, trotz mieser Politik, trotz Armut. „S’ka problem“ – wir kriegen das hin. Hier gibt es keinen Platz um zu verzweifeln. Wie in den letzten Jahrhunderten auch kommen die Albaner irgendwie durch. Ein Volk, das ständig von allen möglichen anderen Volksgruppen bedrängt wurde, aber trotzdem seine Sprache und seinen Dickkopf behält.

Zeit zu verschenken

Das Zeitgefühl eines jeden Menschen variiert. Wie variabel es jedoch sein kann, erfuhr ich allerdings erst mit dem Römer. „Ich bin nur schnell fünf Minuten im Bad.“ sagte der Römer und schlängelte sich an mir vorbei. Unter dem Arm eine bekannte, italienische Tageszeitung. Da hätte ich schon skeptisch werden sollen. Wurde ich aber nicht. Stattdessen dachte ich, halb zurecht gemacht im Hausflur: „Na gut. Was muss, das muss! Fünf Minuten sind fünf Minuten.“

Wie falsch ich doch damit liegen sollte. Er meinte keine deutschen fünf Minuten. Er meinte italienische fünf Minuten. Nach 15 Minuten klopfte ich. „Scusa, amore! Ma devo uscire. [Entschuldige, Liebling! Aber ich muss aus dem Haus]“ sagte ich zaghaft. „Si, si, un attimo.“ [Ja, ja, einen Moment.] kam zurück. „Ein Moment ist ein Moment. Also maximal eine Minute.“ Wie man sich nur zweimal innerhalb so kurzer Zeit täuschen kann, ist selbst mir ein Rätsel.

Nach einem weiteren Moment hörte ich ihn wie er die Zeitung umblätterte.

Besser spät als nie: Meine Skepsis war geweckt. Ich wartete drei Anstandsminuten und klopfte wieder. „Senti, [Hör mal] mit einem Moment meintest du einen italienischen Moment oder einen deutschen?“ fragte ich ihn mittlerweile leicht knurrend.

„Die Definition von Moment ist doch überall gleich.“ antwortete er gelangweilt und blätterte anscheinend wieder um.

„Ein Moment inkludiert im Deutschen nicht das 20-minütige Zeitung lesen im Bad während ich in fünf (!) echten, deutschen Minuten aus dem Haus muss. Ein Moment„, fuhr ich weiter fort, „ist ein kurzer Augenblick. Eine geringe Zeitspanne. Die Zeit, die es braucht, die Aktion, die du gerade ausführst, zu Ende zu bringen und dich dann den angeforderten Belangen zu widmen.“ erklärte ich ihm ausführlich.

„Si, sto per finire.“ [Ja, ich bin gerade dabei fertig zu werden] meckerte er und man hörte wie er die Zeitung beiseite legte.

Ich seufzte und setzte mich ins Wohnzimmer. Ich schrieb dem Anderen: „Es tut mir Leid, es wird etwas später. Rechne mit 10-15 Minuten. Die italienische Zeitangabe geht nicht einher mit meiner deutschen.“

Nach weiteren fünf Minuten kommt der Römer gut gelaunt aus dem Bad. „Also, ich weiß gar nicht, was du hast? Du stehst ja wirklich mit der Stechuhr vor der Tür und achtest haarklein darauf, dass es fünf Minuten sind. Fünf Minuten e‘ solo un detto. [Fünf Minuten sagt man doch nur so] Genau wie „einen Moment, bitte“. Das ist doch nur eine Floskel für „es kann noch dauern„.“

„Im Deutschen nicht!“ setzte ich ihm entgegen, mittlerweile im Bad angekommen und mich zu Ende schminkend. „Siete troppo precisi!“ [Ihr seid viel zu genau], gab der Römer zurück, „Deswegen seid ihr auch so angespannt. Zeit ist doch etwas fließendes, flexibles. Man darf sich auch überhaupt nicht ärgern, wenn jemand zu spät kommt. Er hat sicher seine Gründe. Du setzt dich einfach in ein Café und genießt das Vogelgezwitscher und die Sonne während du wartest. Du hast sozusagen, wartend, einen Moment Zeit geschenkt bekommen, nur für dich, ganz unerwartet. Ist doch toll?“

„So habe ich das noch nie gesehen.“ antwortete ich verdutzt. „Siehst du! Und jetzt hast du einen Moment Zeit geschenkt bekommen von mir und der Andere hat einen Moment Zeit geschenkt bekommen von dir.“ erklärte der Römer.

Mittlerweile fertig zurecht gemacht, nahm ich meine Tasche, zog meine Schuhe an und entgegnete: „Und jetzt bekommst du einen Moment Zeit geschenkt von mir. Nur du und der Abwasch. Genieß es, amore mio. A dopo! [Bis später]“

Zurück ließ ich einen verdutzten Römer. Zeit zu verschenken klappt gamz hervorragend.

Etwas Zeit in Vancouver – an der Dampfuhr.

Die Sprachpolizei

Der Römer ist gestresst. Das liegt daran, dass der Römer nächste Woche seine Deutschprüfung schreibt. Zwei Jahre haben wir nun auf den Moment hingearbeitet und nun ist der Tag also gekommen. Er wird sprachlich flügge sozusagen.

Als Muttersprachler hörte ich immer wieder wie schwierig Deutsch wohl sein mag, aber dass es so kompliziert ist, wollte ich nicht glauben. Am Anfang hielt ich noch locker mit: Adjektiv? Klar kenn ich das. Possesivpronomen? Facile. [Einfach] Trennbare Verben? Mein Spezialgebiet.

Doch nach und nach, je höher der Römer den europäischen Referenzrahmen hinaufstieg, desto mehr kam ich außer Puste. Plötzlich fragte er nach Temporal und Kausal Konnektoren. Er löcherte mich, warum ich in diesem oder jenem Satz ein Plusquamperfekt benutzte, wo doch ein Perfekt gereicht hätte. Er analysierte jeden Satz und fragte, warum ich „Das könnt‘ ich schon machen…“ sage, obwohl „Das könnte ich schon machen…“ korrekter wäre.

Verbesserte er mich im Italienischen, nahm ich das gerne an. Aber das kam so selten vor, weil er mich irgendwie immer verstand. Auch wenn es ein grober Verstoß gegen die italienische Grammatik war, war er meist zu faul mich in seiner Muttersprache zu verbessern.

Aber in meiner Muttersprache blühte er auf wie ich es vorher noch nie an ihm gesehen habe: Er war nicht nur die Grammatikpolizei, auch Wortschatz und Aussprache fielen in seine eigens gegebene Zuständigkeit. Mit der Neugier eines Kinder fragte er mich, warum man „Das Nudelwasser abgießen“ sagt, wo gießen doch eher eine Tätigkeit ist, die er mit Pflanzen in Verbindung bringt. Er fragte mich, warum ich Chemie (mit K ausgesprochen) sage und nicht, wie eigentlich korrekt CHemie (mit CH).

Jede bayerische Eigenheit, die ich mir über die Jahre behielt oder die mir mit der Zeit im Exil hier in Mitteldeutschland nicht mehr auffiel, mäkelte er an. Der Tisch wird bei ihm nicht zamgwischt, weil dieses Wort für ihn gar keinen Sinn ergibt. Der Tisch wird gesäubert – mit einem Lappen. Es wird auch keine Brezn beim Bäcker bestellt, sondern eine Brezl. Darauf legt er penibel wert, denn er möchte es ja korrekt lernen. Da darf ich mir keinen Fehler erlauben.

So kämpfen wir uns also Tag für Tag durch den Tag. Ich, die jegliche Grammatikregeln, die er penibel in seinem Kopf sortiert hat, ab und zu missachte und es wage ein Plusquamperfekt zu benutzen, wo es doch gar keinen Sinn ergibt und er, der er wie ein Kriminalkommissar jedes Verbrechen meinerseits gegen die deutsche Sprache verfolgt und mich sofort zur Strecke bringt.

Aber eines hab ich ihm voraus: Ich kenne alle Artikel und nutze sie in jedem der vier Fälle selbstsicher und bestimmt. Außer vielleicht morgens, wenn ich mir mit dem Butter eine Semmel schmiere und dabei vergesse, den Radio anzumachen… da nicht.. 00000