Vielleicht bringt Sylvie Meis meine Schwester zum Umdenken

Turtle will keine Hormontherapie machen. Und wenn, dann nur die halbe. Nicht die ganze.

Turtle will mit der ganzen Sache einfach nichts mehr zu tun haben. Blöderweise bleibt diese Geschichte wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang präsent. Doch sie will das Kapitel ein für alle mal abschließen. Ich kann das nachvollziehen. Wer würde nicht so schnell wie möglich in sein altes Leben zurück wollen? Aber geht das überhaupt nach all den Narben, die der Krebs hinterlassen hat?

Turtles Hormontherapie besteht aus zwei Komponenten: Einer Hormontablette, die sie 10 Jahre lang nehmen soll und einer Hormonspritze, die sie jeden Monat (zwei Jahre lang) verabreicht bekommt. Turtle sieht aber den Sinn hinter der Hormonspritze nicht. „Die Frauenärztin hat gesagt, dass sie das nicht logisch findet. Die hat damals in der Onkologie gearbeitet. Die muss es ja wissen.“ sagte sie.

Ich nickte, wie ich es immer tue um Zeit für einen klugen Satz zu gewinnen, der sie vielleicht doch noch überzeugt.

„Die Frauenärztin ist aber kein Teil deines Ärzteteams im Krankenhaus. Sicherlich macht sie einen tollen Job – da habe ich keine Zweifel. Dennoch kennen deine Ärzte im Krankenhaus deine Ausgangslage besser. Sie wissen ganz genau wie die Entwicklung war. Und das sicher besser als deine Frauenärztin. Du bist in einer Hoch-Risikogruppe, da du unter 35 warst, als der Krebs ausbrach.“

„Ja, ja, ein Risiko gibt’s doch immer. Und wenn’s vorbei ist, ist’s vorbei. Aber ich will nicht mehr. Das Kapitel Krebs ist jetzt geschlossen. Jetzt geht’s zurück in mein vorheriges Leben.“ erwiderte sie trotzig.

Ich überlegte lange. Sehr lange.

Ich schlug ihr einen Kompromiss vor: „Machen wir’s doch einfach so: Du gehst zu dem Beratungsgespräch im Krankenhaus. Dann hörst du dir das an und dann entscheidest du.“

Was ich jedoch wirklich dachte, war folgendes: „Du doofe Kuh! Jetzt bist du so weit gekommen und jetzt, genau JETZT gibst du dich mit 50% der genannten Therapiemöglichkeiten zufrieden? Spinnst du denn komplett? Dann hättest du dir doch gleich alles sparen können! Was ist eigentlich los mit dir?! Ja, du hattest Krebs und ja, sie haben dir die Brust abgenommen. Aber verdammt nochmal, du hast überlebt. Du bist geheilt und jetzt, wo es darum geht, dass du nie wieder diesen doofen, Hormon abhängigen Krebs bekommst, ist dir die Hälfte egal?!? Bist du eigentlich komplett bescheuert?!“

[Kurzer Exkurs: Vor einiger Zeit habe ich Turtle von diesem Artikel über eine junge Frau, Mutter von einer kleinen Tochter, erzählt, die ihren Krebs alternativ heilen wollte und innerhalb von sechs Monaten gestorben ist. Die Heilungschancen auf dem konventionellen Weg sahen sehr gut für sie aus. Diesen wollte sie aber nicht einschlagen.

„Jaaaa, die hat ein Kind. Die ist dazu verpflichtet, dass sie das macht, weil sie Verantwortung hat. Aber bei mir wäre es doch egal? Was habe ich denn?“ antwortete Turtle.

„Na ja, primär bist du für dich, deinen Körper und deine Seele verantwortlich. Dann hast du uns, deinen Partner und deine restliche Familie.“ hielt ich dagegen. „Das zählt ja nicht.“ gab sie zurück. Ich seufzte, müde von ihren immer gleichen Argumenten.]

Wieder gingen einige Tage ins Land. Ich hörte einen Podcast über Sylvie Meis. Sie erzählte über ihren Brustkrebs UND ihre Hormontherapie. Seit 10 Jahren ist sie Brustkrebs frei. Sie könnte eigentlich mit der Hormontherapie aufhören, sie verträgt es aber gut und möchte weitermachen, so sagt sie. Ich schickte meiner Schwester die Podcast Folge.

Sie war sofort Ohr. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sollte dieses Interview sie zum Umdenken bewegen, wäre mir das auch recht. Hauptsache sie denkt um!

11 Gedanken zu “Vielleicht bringt Sylvie Meis meine Schwester zum Umdenken

  1. Ach, schwierig …mein Papa hat den Krebs mit OP und Radiotherapie bekämpft . Er hatte immer Angst vor Chemo …von Chemo wäre er dünn …da kann man nix essen ( er war schon immer gerne rund ) nach 1 Jahr Krankenhaus war er krebsfrei für 3 Jahre …verändert hat ihn die Krankheit für immer …egal, was wir sagen und planen, antwortet er “ wer weiß, ob ich da noch lebe …” “ vielleicht sitzt ihr nächstes mal am Tisch ohne mich “ bla bla bla ….einmal Krebs, immer Krebs …so viele Male wünsche ich mir, meinen alten Papa wieder zu haben, mit dem wir immer viel und laut gelacht haben …jetzt ist er wieder im Krankenhaus, Krebs …wahrscheinlich die nächste OP mit Chemie – ach 😢

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