It is how it is, nä?

It is how it is, nä?

„Alt sind wir geworden.“ stellt der Eine fest, während wir uns beide in einem mannshohen, rahmenlosen Spiegel im Flur seiner Wohnung betrachten. Zwei fahle Gesichter starren uns neugierig an. Nase und Mund sind bereits mit einer FFP2 Maske bedeckt, die wie ein seltsam anmutender Kaffeefilter in unserem Gesicht thront.

Meine (in Eigenregie) viel zu dunkel gefärbten Haare habe ich mühsam in der hellgrauen Mütze verstaut. Ein paar unbeugsame Strähnen gucken dennoch heraus. Der Rest meiner Haarpracht ist heute früh eilig zu einem Dutt festgezurrt worden. Vor ein paar Jahren war es noch ein eleganter, andalusischer Dutt, der tief im Nacken saß. Heute sieht man, dass die elegante Südspanierin Mutter geworden ist. Alleinerziehende Mama von Vierlingen, wenn man ihrer Frisur Glauben schenken darf.

Auch die Haare meines besten Freundes stellen den Lockdown recht gut dar: Man verwahrlost langsam – aber stetig. Seine Haarpracht ist eindeutig zu lang. Ein Schnitt lässt sich kaum mehr erahnen und um das zu kaschieren benutzte er vermutlich zwei Hände voll Gel, welches nun traurig und schwerfällig in seinen Spitzen hängt und auch nicht so recht weiß, was es da soll.

„Schau mal! Diese Polster unter meinen Augen. Wahnsinn!“ jammere ich und schlinge mir zeitgleich den Schal um den Hals. Dann trete ich noch einen Schritt näher an den Spiegel heran um auch wirklich jedes Detail meines müden Gesichts zu erkennen.

„Lieber ein Polster als diese fiesen, dunklen Augenringe. Guck dir das mal an! Ist das noch kaffeebraun oder schon rabenschwarz? Nicht mal nach dem Neuseeland-Flug sah ich so aus.“ Sein Gesicht ist nun direkt neben meinem, nur wenige Zentimeter vom Spiegel entfernt.

„It is how it is, nää?!“ äffe ich unsere alte Englischlehrerin, Frau Schlesewitz, nach. Wir lachen beide lauthals, weil wir uns daran erinnern wie wir mit 19 Jahren in der Berufsschule in der Luisenstraße saßen. Er war der Neue in der Klasse. Dazu gehörte selbstredend, dass er sich in der ersten Stunde artig bei seinen neuen Mitschülern vorstellen musste. Danach durfte er sich in die Mittelbank der ersten Reihe setzen. Und dort hatte er nichts besseres zu tun als eine ganze Tafel Schokolade genüsslich zu frühstücken. Nicht etwa hastig, beschämt oder gar heimlich. Nein, nein. Mit großer Leidenschaft und aller Zeit der Welt schob er sich voller Muße Stück um Stück in den Mund. Der Vorgang dauerte zwei Schulstunden, was mich damals wie heute noch in Staunen versetzt. Wie kann ein Mensch nur so langsam eine Tafel Schokolade essen? Und wie kommt ein Schüler damit bei seinen strengen Berufsschullehrern Tag für Tag durch – ohne auch nur einen schiefen Blick zu ernten?

Zur Mittagspause an seinem ersten Tag kamen wir ins Gespräch. Daraus entwickelte sich schnell eine tiefe Freundschaft. Welche Wahl hätte man auch gehabt, wenn jemand einem nach zwei Monaten im Fastfood Restaurant gesteht, dass das Wochenende bei seiner Mutter „nicht so toll war“? Und mit „nicht so toll“ meinte er, dass seine Mutter ihm am Samstag gestanden hat, dass sie noch sechs Monate zu leben hätte. Krebs. Unheilbar. Er hat schon überall gestreut. Sie hat zu lang gewartet.

Mit 19 Jahren, noch grün hinter den Ohren, was antwortet man da schon? Nichts. Man sitzt da, schweigt und legt ihm eine Hand auf die Schulter, die Fingerkuppen noch teilweise vom krümeligen Salz der Pommes bedeckt . Nach einer Weile guckte er mich an und zitierte Frau Schlesewitz: „It is how it is, näää?“ Wir lachten, weil wir nicht wussten wie wir sonst dem Schmerz begegnen sollten.

Doch zurück zum Heute: Mühsam bücke ich mich um meine Schuhe zu binden. Dabei ächze ich wie der alte Golf seiner Mutter, den er meist nur im sechsten Gang fuhr. Fragen Sie mich nicht warum, denn das konnte selbst er mir nicht beantworten. „Jetzt stöööhnst du wieder wie ’ne alte Frau.“, zieht er mich auf, „Soll ich dir in den Mantel helfen oder schaffst du’s allein?“ Ich funkle ihn an. „Du brauchst gerade reden, mein Lieber. Mit deinen grauen Haaren wäre JETZT die Zeit zu „Indian Black Henna“ zu greifen. Nicht damals in der Berufsschule als du „südländischer“ aussehen wolltest. Stattdessen sahst du aus wie ein viel zu braver Buchhalter, der mit allen Mitteln versuchte, in einem Bollywood Film mitspielen zu können.“ Nun funkelt er mich an, denn diese Episode ist ihm heute noch unangenehm.

„Komm, Mutti, wir gehen zum Jaffna Basar* um dir dein Garam Masala zu kaufen.“ keift er und ich hake mich bei ihm ein.

Wir gehen hinaus ins kalte Frankfurt. Bahnhofsviertel. Sein Viertel. Nie wollte er woanders wohnen. Seit einem Jahr ist er stolzer Besitzer seiner Bahnhofsviertel-Schlappen und einer dazu passenden Eigentumswohnung.

Zusammen schlürfen wir die kalte, nasse Straße entlang. Als die Bordelle noch offen hatten, leuchtete hier eine Reklame nach der anderen. Deutlich mehr Leute waren unterwegs. Jetzt kauern nur ein paar, wenige Junkies in den Hauseingängen und versuchen sich vor dem kalten Schneeregen zu schützen. Nach ein paar wenigen, hundert Metern kommen wir an. Wir treten ein: links die Kochbananen, rechts die Schokoriegel.

„Bist du dir sicher, dass wir HIER richtig sind?“ frage ich ihn, denn nach einem Ort, wo ich Garam Masala kaufen kann, sieht es hier nicht aus. „Aber klar doch, wir müssen in den ersten Stock.“ antwortet er mir und schiebt mich vor sich her. „Bist du verrückt! Das ist doch das Lager da oben!“ versuche ich ihn von diesem irren Plan abzuhalten. Doch er schiebt mich weiter Richtung Treppe. Zwei Kassierer sagen etwas auf Hindi. „Guck, selbst die beiden Herren sagen, dass nur das Personal nach oben darf.“ versuche ich einen letzten Versuch. „Mäuschen, das war Hindi, was die beiden geredet haben. Das verstehst du doch gar nicht.“ verspottet er mich und wir kichern wie damals als wir kaum volljährig waren, uns aber schon so erwachsen gefühlt haben.

Oben angekommen eröffnet sich eine neue Welt: Säcke voller Reis jeglichen Typus, Gewürze, Kekse, Tee – eben alles, was man in einem großen, indischen Supermarkt erwarten würde, findet man hier. „Siehste!“ lobt sich der Eine und ich klopfe ihm anerkennend auf den Rücken.

Während ich nach meinem Gewürz suche, liest er alle 845.000 anderen Gewürze vor: „Indian Butter Chicken Masala“, „Biryana Gewürz“, „Biryana Gewürz mit Hühnchen“, „Tandoori Gewürz“, „“Dhaba Curry Gewürz“,…. „Ah, dieses hier ist für Aloo Matar.“ Er seufzt und guckt einen Moment sehr traurig. „Ab und zu, auch nach 10 Jahren, vermiss ich meine Mutter. Sie fehlt hier – und sie fehlt mir.“ gesteht er mir. Ich gucke ihn mitfühlend an und lege einen Arm um seine Schulter. Er atmet tief ein und aus. Dann guckt er mich an, wie sie oft mit seinem unvergleichlichen, spitzbübischen Gesichtsausdruck und lächelt unter seiner Maske: „It is how it is, näää! Hier ist dein Garam Masala. Und ein 25 Kilo Reissack. Das wird nur zusammen verkauft, steht hier. auf Hindi“ erklärt er mir bierernst. „Du hast doch wieder was im Tee gehabt, heute früh. Mindestens Cremelikör, wenn nicht etwas stärkeres. Deine Fahne rieche ich doch sogar durch die Maske durch.“ ziehe ich ihn auf. „Man muss sich das Leben auch schön trinken dürfen in diesen düsteren Zeiten.“ ironisiert er.

Nach dem wir gezahlt haben, begleitet er mich noch zum Bahnhof. „Nicht, dass du verloren gehst.“ sagt er und ich weiß, dass er sich meist mehr Sorgen um mich macht als meine eigene Mutter.

Meine S-Bahn fährt gerade ein als ich ihm noch schnell seine Packung Garam Masala in die Hand drücke, die ich in meiner Reise-Handtasche für ihn transportiert habe. „Das sieht auch aus als würden wir hier unten dealen.“ bemerkt er, während ich unauffällig versuche ihm das Gewürz in die Jackentasche zu schieben. Wir kichern hysterisch. „Vielleicht sind wir älter geworden, aber wir sind immer noch genau so dämlich wie damals in der Schule.“ stelle ich fest. Er grinst und drückt mich zum Abschied.

Der Eine. Seit mehr als einem Jahrzehnt teilen wir uns geschwisterlich den von ihm selbst gebackenen „Kriegsapfelkuchen“ nach dem Rezept seiner Urgroßmutter – und all die Freude, das Leid, die Schicksalsschläge und Lebensereignisse.

Keine Sekunde möchte ich ihn in meinem Leben missen.

*Werbung, unbezahlt

11 Kommentare zu „It is how it is, nä?

  1. Freundschaft ist das Beste überhaupt, danke für deine Geschichte ❣
    Zum Wildwuchs auf dem Kopf: Dass es gerade kalt ist bei euch und Mützenzeit, hilft sicher 😉…Trotzdem drücke ich die Daumen, vor allem den Friseuren, dass sie bald wieder öffnen dürfen.
    Ihr könnt sonst gern bei uns vorbeikommen!? Meine Friseuse Rosi bedient Herren und Damen, ich mach euch gern einen Termin. In Italien waren die Friseure nur im harten Lockdown im Frühjahr zwei Monate dicht, jetzt lässt man sie arbeiten, zu ihrem und unserem Glück. 💇‍♀️💆‍♀️

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    1. Die Kirsche auf dem übergrossen Eisbecher! ❤️

      Das könnte eine lukrative Geschäftsidee werden. Friseurtourismus! Ich kümmere mich gerne um Akquise (easy!) und Transport, wenn du dich um das Organisatorische kümmerst? 😄 So bringen wir zumindest die italienische Wirtschaft wieder in Schwung! 😃

      Es ist wirklich sehr trist hier – und ich habe großes Mitgefühl mit den Einzelhändlern, Friseuren, Kosmetikern,… eine Farce!

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      1. Sehr gerne.😉 Jeweils mit einer Übernachtung, so helfen wir auch den Hotels über die Runden. Hörte gerade, in Rom arbeiten gerade nur etwa 80 der 1200 Hotels, die meisten sind seit März geschlossen und eins von vieren wird nie wieder öffnen.😔

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      2. Es geht den Menschen wie den Leuten, will sagen, überall das gleiche … Habe heute dieses Video der verzweifelten Friseurin in Deutschland gesehen … wenn’s ans Eingemachte geht und das verdammte versprochene Geld nicht kommt. Da sind Durchhalteparolen einen Dreck wert. 😠

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      3. Worte kann man nicht essen – und sie zahlen dir auch nicht die Miete. Hier in Frankfurt spriest der illegale Haarschnitt im stillen Kämmerlein. Man gibt sich die Privatnummern unter der Hand weiter – und der junge Friseurazubi verdient sich was dazu in seiner 1Zi Whg…

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      4. So geht der Schuss in Sachen Hygiene wohl auch oft direkt nach hinten los. Ich drücke die Daumen, dass die Salons bald wieder öffnen, die waren schlieβlich entsprechend ausgestattet!

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