Unsortierte Bestandsaufnahme

Heute ist der erste Tag seit Abgabe meiner Hausarbeit im Dezember, an dem ich vormittags alleine zu Hause bin. Keiner ist krank (toi, toi, toi!), das Kind ging in die Kita und ich muss heute nicht in die Arbeit.

Holprig läuft es dennoch. Wir haben einen Ganztagesplatz für Signorino seit Februar, so dass ich fälschlicherweise davon ausging, dass das Kind schon irgendwie mitmacht. Es würde sich um 1,5 Stunden mehr handeln, die er nun in der Kita verbringen würde. „Würde“ deswegen, weil er nicht will. Er ist komplett aus dem Häuschen, weint viel, braucht wieder seinen Schnuller und will nur noch zu Hause bleiben. Nach Absprache mit den Erzieherinnen paddelten wir zurück, was bedeutet, dass wir für einen Vollzeitplatz zahlen, aber ihn abholen wie zuvor. Solange, bis er wieder „angekommen“ ist.

Generell ist momentan der Wurm drin, denn das Kind schläft nicht mehr. Das bedeutet, dass ich jede Nacht von 1 bis 5 Uhr bei ihm wache, mit der Betonung auf wachen. Er schläft, irgendwie, sich viel bewegend, neben mir. Zusammen sind wir wie die Sardinen in ein 90-Zentimeter-Bett gequetscht, während der römische Gatte alleine im Ehebett schlafen darf. Dabei ist es nicht so, als würde sich der Römer absichtlich rar machen. Vielmehr ist er der erste, der am Schauplatz des Geschehens, Signorinos Kinderzimmer, ankommt, sobald der Sprössling schreit und nach uns ruft. Doch Signorino lässt sich nicht vom Römer einlullen. Nur Mama wird im Kinderbett akzeptiert.

Und Mama? Ist meistens müde, verteilt 16 Stunden Arbeit auf 3-4 Bürotage aufgrund der Signorino’schen Kitaverweigerung und schmiert sich aktuell ihr Studium in die Haare. Man sagt Privatuniversitäten gerne nach, dass einem der Abschluss hinterher geworfen wird. Dem ist leider nicht so. Man muss sich tatsächlich hinsetzen und dafür lernen. War mir auch neu. 😉

Immerhin, in größter Müdigkeit, Signorino hatte ich kurz vorher in die Kita kutschiert, durfte ich feststellen, dass meine Söder’sche Hausarbeit korrigiert wurde. 9,77 von 10 Punkten darf sich durchaus sehen lassen. Am Ende der Arbeit stand ein Kommentar des Professors: „Herzlichen Glückwunsch zu dieser fulminanten Arbeit! Machen Sie weiter so. Alles Gute! Prof. XY“. Immerhin hat sich mein Aufwand gelohnt, auch wenn mein Professor den Vermerk „PR“ am Anfang neben meine Arbeit geschrieben hat. Nun ja, PR ist Journalismus definitiv nicht. Zumindest sollte es nicht so sein, aber bei 9,77 von 10 Punkten (ich erwähne es gerne nochmal!) will ich mal nicht so streng sein.

Vor lauter Freude war ich dementsprechend nicht mehr in der Lage, mich vormittags auszuruhen. Da ich aber über ein komplettes Matschgehirn verfüge, kümmerte ich mich als Übersprungshandlung um die Steuererklärung. Ein Datensatz fehlt mir noch, dann wäre dieses Thema auch erledigt.

Übrigens, weil ich gerade so am konzeptlosen Schreiben bin: Auditive Nachrichten lassen sich im Zustand mütterlicher Müdigkeit von meinem Gehirn nur schwerlich dekodieren, aber Autofahren klappt immer noch 1a. Heute verhinderte ich zwei Unfälle, bei denen ein Busfahrer und ein Offenbacher Luxusschlitten doch tatsächlich auf die Fahrbahn rollen wollten, ohne vorher zu gucken, dass meine Wenigkeit bereits am Anrollen war. Außerdem bremste ich geistesgegenwertig als eine Dame mit flottem Kurzhaarschnitt in der Farbe von Eichhörnchenfell die Fahrertür aufriss. Zack! Hatte ich gebremst und wir waren beide froh, dass ich das rechtzeitig tat. Das Eichhörnchen winkte entschuldigend, ich lächelte in meinen verwaschenen Kapuzenpullover. Wieder ein Menschenleben gerettet! Es kann so einfach sein. 😉

In diesem Sinne: Lassen Sie sich bitte nicht vom Winde verwehen. Seien Sie vernünftig und bleiben Sie im Haus, wenn Kleinwagen und Gartenstühle an Ihrem Fenster vorbeifliegen wie Blätter eines Werbeprospekts.

Und für all diejenigen, die ähnlich der Eichhörnchen-Frau gedankenverloren die Autotür aufreißen. Ich habe da etwas für Sie: Klick!

36 Kommentare zu „Unsortierte Bestandsaufnahme

  1. So viel Geistesgegenwart, bravo! Sogar fürs Steueramt reichte dein Grips noch (die 19.7 sind natürlich auch nicht zu verachten 😉 ). Dass Signorino das Schlafen nicht beherrscht, ist freilich nicht so gut. Was mag es sein, das seinem Schlafrhythmus so zusetzt? Es ist ja nicht nur für euch Erwachsene schlecht, sondern vor allem für ihn selbst, wenn er keinen ruhigen regelmäßigen Schlaf finden kann.
    Wir haben mit unserem 1-3jährigen Sohn immer von 12-1 nachts im Elternbett gespielt. Er wachte regelmäßig um Mitternacht auf, wir spielten mit ihm eine Runde, während er zwischen uns lag, dann schlief er ein, und wir konnten ihn in sein Bett tragen. Später gab es keine Schlafprobleme mehr. – In einer Kita war er nicht, sondern in unserem privaten Kinderladen (10-12 Kinder von 2-6), von wo er dreimal wöchentlich ein oder zwei Kinder mit nach Hause brachte und die anderen drei Tage woanders hin ging – aber nur, wenn er es auch wollte. Das entlastete mich sehr, denn ich war berufstätig und schrieb meine Doktorarbeit. Zum Glück hatten wir beide flexible Arbeitszeiten. Ich weiß nicht, ob irgendwas davon für euch zutrifft oder hilfreich ist?

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    1. Danke für das Lob, liebe Gerda. 🤩
      Wir vermuten und hoffen, es ist eine Signorino’sche Phase. Er will momentan, so scheint es uns, gerne ein Baby sein. Seinen Schnuller braucht er wieder, auf den Arm will er geschaukelt werden wie ein Baby, nachts will er nur neben mir schlafen, aber erstaunlicherweise nicht im Elternbett, sondern nur in seinem. Eine Phase, die ich mir erklären könnte, hätte Signorino ein Geschwisterchen oder wäre eines im Anmarsch. Aber nichts dergleichen ist der Fall. Irgendetwas “entwickelt” sich bei ihm und vermutlich freuen wir uns in ein paar Wochen über eine neue Fähigkeit, die er beherrscht oder vielleicht auch zwei neue Backenzähne.
      Danke,dass du deine Erfahrung mit mir teilst. Ich lerne immer viel daraus und schaue mir die ein oder andere Sache gerne davon ab. 😃 Das hilft mir sehr weiter. 🤩

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  2. Liebe Eva, tu doch einfach so, als müsstest(!) du studieren am Nachmittag. Signorino geht wie vorgesehen in die Kita. Punkt. Später, wenn du dann Journalismus oder PR 😉 oder was auch immer machst und Riesenerfolg damit hast, kannst du es ihm erklären und ich wette, er ist dann sogar stolz auf seine Mama.

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      1. Gehen tut vieles. Aber zum Glück sind diese Zeiten vorbei! Das große Pech der Kinder, damals wie heute, ist, dass sie die schwächsten und verletzlichsten Glieder unserer Gesellschaft sind. Sie können nicht gegen solche Methoden aufstehen oder es gar zur Anzeige bringen. Ich denke, dass genug Erwachsene ein Leben lang von ihrer Kindheit verfolgt werden, auch wenn sie es nicht zugeben würden. Wenn ich da an meine eigene Familie denke, insbesondere an meine Eltern und Großeltern, dann haben sich deren Eltern sicher an gängige Erziehungsmethoden gehalten, die aber keineswegs gut waren.

        In meinem Fall heißt das konkret: Was sind schon ein paar Wochen studien- und arbeitstechnisch kürzer treten im Vergleich zu einem ständig traurigen Kind, dass sich unwohl in der Kita fühlt und nicht hingehen will? Am Ende würden wir nur beide verlieren.

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      2. Ja. Ich fürchte sogar, es gäbe 3 Verlierer plus eine Anzahl Kindeskinder – eventuell. Ich hatte das Glück, keine Brechstangenmethodenelternteile zu haben; doch scheinen sie nicht auszusterben… Ihr ‚Opfer‘, das nunmal nicht zu umgehen ist, lohnt bereits in sehr naher Zukunft…

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      3. Wie wahr! Das ist tatsächlich ein Glück. Mir erscheint das auch so. Sie sprießen immer wieder wie Unkraut. 😕
        Danke für diese Aussichten. Wenn man in dieser Situation ist, das Kind unzufrieden, man selbst gestresst, ist man bisweilen leider blind und sieht nicht in die Zukunft. 😅 Doch Ihre Aussichten muntern mich sehr auf!

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      4. Ein, zwei Jährchen noch schätze ich, bis man eigene Bedürfnisse anmelden kann und nicht auf überfordertes Unverständnis stoßt – mit allen altersbedingten Einschränkungen… Gute Leute brauchen oft ein bißchen länger zum Lernen … die jungen meine ich 😉

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    1. Du hast vollkommen recht, liebe Anke. Die Erzieherinnen wissen, dass ich tatsächlich ein dezentes Problem habe, Arbeit und Studium zu organisieren in der knappen Zeit. Das Problem liegt vielmehr bei Signorino. Mit der Brechstangen-Methode scheint es nicht zu klappen. Er weint morgens, in der Kita, wenn ich ihn abhole… Deswegen versuchen wir es jetzt (zähneknirschend) mit der sanften Methode und wenn’s dann nicht klappt, wird er nach Albanien geschickt und kann mal gucken wie er sich mit seinen Cousinen im gleichen Alter versteht und verständigt. 😉 Schließlich sprechen diese nur Albanisch und er nur Italienisch und Deutsch. 😄😄

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      1. Ich drücke fest die Daumen, dass er sich bald (wieder) eingewöhnt, Freunde findet, und wenn die Mutti kommt, genervt ruft: „Was willst du denn, ich spiele gerade Dingsbums mit XY.“ 😉

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  3. Ja, der holländische Griff. Könnte viele vermeidbare Unfälle mit Rad- und Autofahrern verhindern, so man ihn denn nur einführte. Aber Respekt zu Deiner Arbeit. 9,77 ist so nah an einer 10 dran! Würde die Arbeit gerne einmal lesen, so Du mich ließest…

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