Tasse aus Tiranium

Endlich, endlich sind wir am Flughafen Tirana angekommen, um heimzufliegen. Nach einer Woche, in der ich die Hölle von unten, von der Seite und von oben gesehen habe. Nein, das ist keine Metapher. Sie können mir ruhig glauben, dass das Wort „Hölle“, wie ich es benutzt habe, überhaupt kein Vergleich zu dem darstellt, was ich mittlerweile als „Hölle“ bezeichnen würde.

Am Flughafen Tirana bin ich sprachlos, dass sich der Provinzflughafen in eineinhalb Jahren verdoppelt hat und dermaßen herausgeputzt wurde, dass ich ihn eher in Italien als in Albanien verortet hätte. Aber die Albaner verfügen über großartige Innendesigner – auch das darf man nicht außer Acht lassen. Nun denn, wir gehen an einem Flughafen-Café vorbei und dort sehe ich sie: Meine Olympiamedaille für all die Strapazen – eine Tasse mit dem Uhrenturm Tiranas.

Ich schicke den Römer vor. Er soll bitte fragen wie teuer die Tasse ist.

„25000 Lek – also 25€“, spricht der junge Angestellte des Cafés. Der Römer verschluckt sich. „Für eine einzige Tasse oder für alle, die dort stehen?!“, will er wissen.

„Für eine natürlich. Wenn du mich fragst, ist die Tasse nicht mehr als drei, vier Euro wert. Aber die Leute zahlen das. Und warum nicht davon profitieren?“, spricht der junge Albaner.

Der Römer guckt zu mir und übersetzt mir, was ich längst verstanden habe. „Es tut mir Leid, aber ich brauche diese Tasse. Es ist meine Olympiamedaille, dass ich diese Woche lebend überstanden habe.“, antworte ich und frage mich nicht eine Sekunde, wie absurd hoch der Preis ist. Nicht in dieser Situation. Eine Woche voller Höllenqualen – dafür möchte ich zumindest eine blöde Tasse, die vollkommen und absolut utopisch teuer ist.

Der Römer zückt zerknirscht seinen Geldbeutel. Der junge Kassierer nimmt das Geld entgegen und fängt an, die Tasse einzupacken. „Nicht, dass sie noch kaputt geht.“, schmunzelt er. „Ci mancarebbe. [Das würde uns noch fehlen!]“, raunt der Römer mir zu. Ich verziehe keine Miene und gucke dabei zu wie die Tasse eingepackt wird.

Stolz nehme ich meine Trophäe entgegen. Eine Tasse mit einem albanischen Uhrenturm. Ich verstaue sie vorsichtig in meinem Rucksack.

„Assurdo! [Absurd!]“, motzt der Römer wenige Schritte vom Café entfernt. Ich lächle sanft. „Nur Dumme zahlen so viel Geld für eine einfache Tasse!“, ergänzt der Römer. „Dumme, und Leute, die die Hölle überlebt haben.“, murmle ich.

Daheim angekommen, der Römer ist längst wieder auf dem Weg zurück nach Tirana, diesmal zum Glück ohne uns, starre ich die Tasse an: „25 Euro! Vollkommen absurd! Man muss schon wirklich wahnsinnig sein, um so viel für eine Tasse zu zahlen.“

Tasse für 25 Euro

Dann nehme ich einen großen Schluck aus der Tasse und lächle.

Endlich daheim.

P.S. Die liebe Anke hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass man mir gar keine Nachricht an die bei Kontakt hinterlegte E-Mail-Adresse schicken kann. Verzeihen Sie bitte – ich habe es nun geändert. Und herzlichen Dank, liebe Anke, dass du es mir mitgeteilt hast! 💚

P.P.S. Vielen herzlichen Dank für Ihre Beileidsbekundungen zum Tod meines Papas. 💚 Das weiß ich sehr zu schätzen.

14 Kommentare

  1. Was auch immer in den letzten Wochen geschehen ist – ich freue mich wieder von dir zu lesen 🫂
    Und gibt Tage, da muß Frau einfach eine Tasse haben. Auch wenn sie absurd teuer und nicht von Ritzenhof ist 😉
    🌈😘😎

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  2. Liebe Eva, leider geht aus deinem Text nicht so richtig hervor, was an Tirana jetzt so sehr Hölle war. Aber vielleicht ist das ja Absicht. Nein, bestimmt ist es Absicht, dass du nicht weiter ins Detail gehst, denn normalerweise sind deine Texte IMMER sehr verständlich.
    Was auch immer es ist, freut es mich, dass du dir die Tasse gegönnt hast und ich hoffe, sie bringt dir das, was der Preis zu wünschen lässt:
    Stets einen genussvollen Kaffee. 🙂
    LG Bea

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    • Liebe Bea,
      du hast vollkommen recht – es will nicht so recht Sinn machen. Ich bin immer sehr dankbar ob deiner klugen, bedachten Kommentare. 😃
      Mit “Tasse aus Tiranium” erzähle ich vom letzten Tag der Reise – als wir endlich am Flughafen sind, um dann im nächsten Beitrag ganz behutsam am 1. Tag der Reise (Dem nächtlichen Flug, etc.) einzusteigen. In kleinen Sequenzen erzähle ich in den nächsten Tagen bzw. in den kommenden Beiträgen wie denn diese “Hölle” aussah. Entschuldige bitte, ich hätte es auch schlichtweg in einer Vorschau erklären können. 😃
      Ganz liebe Grüße und der Kaffee schmeckt gleich nochmal so gut aus der unverschämt teuren Tasse 😉, Eva

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      • Puh, dann war ich ja nicht völlig daneben. Denn deinen LongBeitrag der Frau Brüllen las ich erst vorhin und habe dann dadurch, also durch dein PPS erst so ein wenig verstanden, worum es dir geht.
        Und nein, du musst nichts erklären. Mitunter macht es erst im Nachgang Sinn. Und das ist ja in deiner Situation mehr, als verständlich – da muss ja vieles erst sacken und verdaut werden. Von daher verzeih mir die blöde Nachfragerei. :-/
        Das man mit soviel negativem Input nicht an eine Vorschau denkt, ist mehr als verständlich. Da muss erstmal alles raus, egal wie!
        Liebe Grüße Bea 💕

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