Samstag – Am Bett meines Schwiegervaters

Teil 1

Als wir das große, schwere, bullige Auto kurz nach Mitternacht in der Hofeinfahrt parken, sehe ich bereits ernste, fahle Gesichter. Wie nächtliche Schatten tauchen sie aus immer anderen Winkeln des Hauses am Fenster auf, um dann – nach einem kurzen, prüfendem Blick nach draußen – wieder im Haus zu verschwinden.

Der Krebs hat zugeschlagen. Mein Schwiegervater Osman wird seinen 80. Geburtstag nicht überleben.

Ich schiebe eine zusammengerollte Kinderjacke unter den blonden Kinderkopf. Gleichmäßig atmend liegt Signorino auf der Rückbank des Autos. Der Vollmond scheint durch das Schiebedach und lässt den kleinen Menschen wie die Marmorstatue eines schlafenden Engels erscheinen. „Welch Brutalität doch in dieser Szene steckt.“, denke ich und sehe den Enkel selig schlafen, während der Großvater nur wenige Schritte entfernt mit dem Tod ringt.

So spielt das Leben und doch tut es weh.

Neffe Toni bleibt bei Signorino im Auto sitzen und wacht über ihn während wir ins Haus gehen.

Wenige Schritte hinter meinem Mann betrete ich die Holzveranda des zwei stöckigen Hauses. Es ist immer noch erstaunlich warm in dieser ersten Septembernacht in Kamez. Besorgte Gesichter begrüßen uns, ferngesteuert und in Gedanken, wie Marionetten. Sie sehen abgeschlagen aus. Seit Tagen wachen sie an der Seite ihres Vaters, Schwiegervaters, Mannes. Wir gehen auf leisen Sohlen in die erste Etage des Hauses und biegen ab ins Schlafzimmer meiner Schwiegereltern. Hier war ich noch nie. Wozu auch?

Ein kärglich eingerichteter Raum, weiß getüncht. Zwei 80cm-Betten stehen sich auf dünnen, schlaksigen Beinen gegenüber an der Wand. Der Römer tritt vor mir ein. Der Raum ist voll mit Neffen, Nichten und Geschwistern des Römers. Ich werde gebeten, mich auf das leere, andere Bett zu setzen. Eine dunkelgrüne, selbstgestrickte Tagesdecke liegt sorgfältig auf dem gemachten Bett. Es ist wohl das Bett meiner Schwiegermutter. Ob sie in diesem Bett schläft oder seit Tagen gar nicht, vermag ich nicht zu sagen und doch ahne ich die Antwort.

Ich starre auf die andere Wand, zum anderen Bett und erst jetzt trifft mich der Zustand meines Schwiegervaters mit voller Wucht. Ein schwer atmender, ausgezehrter Körper liegt dort, der nur durch ein dünnes, weißes Laken bedeckt ist. Das Leben in diesem Körper scheint nur noch auf kleinster Flamme zu lodern. Seine einst so haselnussbraune Haut sieht grünlich im grellen Licht der Glühbirne aus.

So sehr ich dem Römer eine Stützte sein will, so sehr erinnert mich sein Vater an den aufgebahrten Leichnam meines Vaters. Es ist, als hätten sich alle Schleusen eines Staudammes geöffnet. Tränen rinnen mir haltlos über mein Gesicht. Ich versuche dagegen anzukämpfen, aber es gelingt mir nicht. Die schneeweißen, vollen Haare, die an ein Adlerküken erinnerten, sind zu Hauf ausgefallen. Zurück bleibt ein dünnes Ästchen Mensch, das auf den letzten Atemzug hinarbeitet.

Meine Schwiegermutter betritt das Zimmer. Auch und besonders für sie will ich mich zusammenreißen. Ihr Mann Osman ist nicht tot. Warum sollte ich dann weinen?

So sehr ich es versuche, ich schaffe es nicht und schluchze bei der Begrüßung meiner Schwiegermutter wie ein kleines Kind. Sie setzt sich neben mich, streichelt mir übers Haar und hält meine Hand, wo doch sie Trost bräuchte und nicht ich. Behutsam reicht sie mir ein besticktes Taschentuch. „Sie sieht ihren Vater.“, flüstert sie in Richtung des Römers und er gibt mir wie ferngesteuert seine Hand.

Ich weiß nicht, was grausamer ist: Seinen Vater nur noch tot anzutreffen oder seinem Vater dabei zusehen zu müssen wie er langsam von dieser Welt scheidet?

Nach einiger Zeit stehen wir auf, werden direkt ans Bett meines Schwiegervater geführt und sein ältester Sohn Ibrahim sagt für seinen Vater an, wer nun neben ihm steht. Ein kurzes Lächeln huscht über Osmans Gesicht, nur um dann umso schmerzerfüllter weiter zu atmen. Ich lege meine Hand auf seinen knochigen Unterarm.

Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll, also schweige ich. Nach einiger Zeit werde ich von jemand anderem abgelöst. In Gedanken wünsche ich Osman eine gute Reise und weiß doch nicht, ob das der richtige Wunsch in so einer Situation ist.

Kurze Zeit später verlassen wir das Zimmer und gehen auf den Balkon. Dort sitzen ein paar Männer der Familie auf klapprigen Holzstühlen, die man eher in einer griechischen Taverne vermuten würde als hier auf dem Balkon. Sie rauchen, schweigen und starren in die dunkle, sternenklare Nacht. Ab und an wischt sich einer ungelenk mit dem Hemdsärmel ein Sandkorn aus dem Auge. Wenn einer von ihnen fertig ist mit seiner Zigarette, dann geht er zurück in das Zimmer meines Schwiegervaters, um wenig später mit nassen Augen zurückzukehren. Abermals steckt er sich eine Zigarette an und raucht schweigend, den glasigem Blick auf das Bergmassiv hinter Kamez geheftet.

Blick in die Berge, hinter Kamez.

In diesen Nächten wird viel geraucht und viel in die dunkle Nacht gestarrt. Noch ist er nicht da, der Tod. Noch sitzt er, vermutlich rauchend, auf einer anderen Veranda irgendwo in Albanien. Doch er wird kommen. Keiner weiß wann, aber jeder weiß, dass er hier auftauchen wird.

Solange wacht Osmans Familie an seinem Bett – bis man ihn schließlich gehen lassen muss.

(Fortsetzung folgt)

16 Kommentare

  1. Es ist grausam, und doch unausweichlich. Solange es dir gelingt, dich durch Aufschreiben ein wenig vom Geschehen zu distanzieren, ist es gut. Heute haben wir eine liebe Freundin beerdigt, sie wurde nur 58. Die Aussegnung fand in einer grossen schönen Kirche statt, sehr viele Menschen kamen, um Abschied zu nehmen, noch einmal in ihr Gesicht zu schauen, ihr noch einmal übers Haar zu streichen und den Kindern und Enkeln Trost zuzusprechen. Der Priester sagte zum Schluss der Liturgie noch ein paar schöne menschliche Worte. All das hat mich sehr angerührt und ich fragte mich mal wieder, wie ich wohl unter die Erde komme, wo ich nicht mal einer Religionsgemeinschaft angehöre … Tradition hat doch etwas sehr Tröstliches in schweren Stunden.

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    • Dein Kommentar hat mich sehr berührt, liebe Gerda und dein Verlust tut mir sehr Leid. 💚
      Wenn es nur die richtigen Worte geben würde, nachdem man jemanden verabschieden musste, dann würde ich sie dir gerne tröstend zur Seite stellen.
      Bei meinem Papa war es so, dass er zwar der Kirche angehörte, wir aber eine freie Trauerfeier haben wollten. Es war wunderbar friedvoll, die freie Trauerrednerin war einfühlsam und ich denke immer gerne an die Rede meines Bruders im Gedenken an meinen Vater zurück.
      Am Ende bleibt die Dankbarkeit, diesen fantastischen Menschen in seinem Leben gehabt zu haben.
      Du hast absolut recht – aber die Tradition kann auch zum Gefängnis werden. Ich habe es beim Römer beobachten dürfen und werde noch darüber berichten.
      Liebe Gerda, fühl dich fest gedrückt! 💚

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  2. Ich wünsche Dir ganz viel Kraft für diese schweren Zeiten, die Du und Deine Familie gerade durchmachen müsst. Es ist schwer, hier die richtigen Worte zu finden und deshalb bin ich um so mehr beeindruckt, wie es Dir gelingt, all das Erlebte und Erlittene in so schöne und liebevolle Worte zu packen. Ich hoffe und wünsche Dir von Herzen, dass Dir das Schreiben beim Verarbeiten hilft und etwas Trost spendet. Mein aufrichtiges Beileid und Mitgefühl und herzliche Grüße! Barbara

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  3. Es ist berührend, wie die Familie beieinandersteht und den Sterbenden auf dem letzten Weg begleitet. Und man schämt sich fast, weil das in „unserer hektischen Gesellschaft“ kaum noch möglich scheint. Du hast das sehr liebevoll geschildert. Was für eine schwere Zeit ihr da hattet. Alle lieben Wünsche für eine bald wieder glücklichere Zeit für eure Familien! Herzliche Grüße, Anke

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    • Liebe Anke, seit Tagen geistert dein Kommentar in meinem Kopf umher. Du hast vollkommen recht: Bei “uns” stirbt man hinter verschlossenen Toren. Der Tod macht Angst, ist unangenehm, schwer auszuhalten. Er wird ausgelagert, weil es unser Lebensmodell erfordert.
      In Albanien, vielleicht auch in (Süd-)Italien gehört er dazu: Es gibt keine Clusterbildung zwischen den Älteren, den Familien, den Singles. Und so gehört eben jeder und alle Phänomene dazu: Hochzeiten, Geburten, Todesfälle.
      Vielen, lieben Dank für deinen lieben, Gedanken anregenden Kommentar, liebe Anke und hab ein feines Wochenende!

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  4. Liebe Eva, mir fehlen vielleicht die richtigen Worte, verzeih. Aber du hast das so behutsam und dennoch so bildhaft beschrieben, dass ich den Eindruck hatte, dabei gewesen zu sein und auch ich musste mehrmals enorm schlucken, um nicht auch zu weinen…
    Nicht um deinen Schwiegervater, den ich ja gar nicht kenne, sondern wegen dieser Beschreibung, die uns ja früher oder später alle einholt und mitten ins herz trifft.
    Ich glaube, je älter man wird, um so mehr nimmt einen so etwas mit, weil man weiß, dass auch das Leben der eigenen Lieben endlich ist.
    Wichtig ist jedoch hier, dass ihr da wart, bei ihm. Deinem Schwiegervater nah und zeitgleich warst du auch deinem Vater noch mal sehr nah – verständlicher Weise.
    Das, was du da in so kurzer Zeit an Verlust erfahren hast, muss erst einmal eingeordnet, verarbeitet und akzeptiert werden und dafür wünsche ich dir und deiner Familie viel Kraft!
    Herzliche Grüße Bea

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    • Liebe Bea, vielen, lieben Dank für deinen liebevollen Kommentar. In der Situation wäre ich am liebsten schreiend davon gelaufen. Jetzt, wo einige Wochen ins Land gegangen sind, fand ich es wichtig, meinen Schwiegervater verabschieden zu können. Und, vielleicht klingt das absurd, die (vielleicht auch eigene) Endlichkeit nochmal zu sehen. Nichts ist von Dauer und doch habe ich den Eindruck, dass ich die wirklich wichtigen Dinge im Leben gerne mal auf später verschiebe (Telefonate mit der Familie, Treffen mit Freunden). Aber das einzige, was wir haben, ist das Jetzt.

      Liebe Bea, hab ein feines Wochenende und viele, liebe Grüße aus Frankfurt, Eva

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