Wer zählt, was zählt? Vom stillen Alltag der Frühförderung

Genau gegenüber der Frühförderstelle befindet sich der Hauptsitz einer Bank. Die Fensterscheiben des Glaspalastes sind verspiegelt. Vermutlich, um die Banker vor neugierigen Blicken zu schützen. Aber die Nachmittagssonne steht so tief, dass die Verspiegelung weitestgehend wirkungslos ist.

Zwei Welten hinter Glas

Durch die Fensterscheibe erkenne ich einen Meetinngraum und Männer im Anzug. Einer von ihnen hat das Jackett ausgezogen und trägt nur sein blütenweißes Hemd zur grauen Anzughose. Er redet gestenreich. Immer wieder zeigt er auf ein Whiteboard und zeichnet an.

Bild: KI

Ich hingegen sitze auf einem schlecht gepolsterten Plastikstuhl und warte auf mein Kind. Es ist irgendwo da hinten in einem der Therapieräume und referiert – vermutlich ebenso gestenreich wie der Banker – über Baustellen-Fahrzeuge.

Dabei versucht er einer Mitarbeiterin des Frühförderzentrums Bagger, Bulldozer, Abrisskran und Co näherzubringen. Das macht er in etwa so, als würde er in diesem Fach promovieren wollen.

Die Türen der Therapieräume, vor denen ich sitze, sind offen, so dass ich das Bankgebäude auf der anderen Straßenseite betrachten kann.

“Heeeeee” und Heldinnen

Gerade war hier ein autistisches Kind. Der Junge lief von Zimmer zu Zimmer und machte sehr laut “Heeeeee!”. Sein “Heeee” war einzigartig: Es hatte den vibrierenden Tonus einer Biene.

Seine Mutter erzählte, wenn sie es daheim gar nicht mehr aushält, muss sie sich Kopfhörer in den Gehörgang drücken. Denn das vibrierende “He” geht so stundenlang. Ihrem Mann reicht ein Kopfhörer. Sie brauche zwei.

Die beiden Therapeutinnen geben ihr Bestes. Selten habe ich zwei erwachsene Menschen mit solch einem Enthusiasmus singen und interagieren hören.

Bild: KI

Eigentlich sollte ich gar nicht zuhören. Aber außer der Szene mit dem Jungen, seiner Mutter und den Therapeutinnen passierte in diesem Gang nichts.

Ich hörte heraus, dass das langfristige Ziel der Therapeutinnen sei, dass das Kind vielleicht doch ein paar Wörter spricht. Aktuell “heeee-t” es nur.

Wieder fällt mein Blick zum Gebäude gegenüber: Die Diskrepanz zwischen dieser Welt hier und der Welt dort drüben im Glaspalast ist krass.

Banker oder Heilpädagogen.

Vermutlich geben beide täglich alles. Selbstverständlich sind nur die Erstgenannten richtig gut bezahlt. Die mit den Vorträgen. Die, die die Bank noch profitabler machen.

Die, die Familien unterstützen, sind vermutlich deutlich schlechter bezahlt. Die, die jeden Tag und vermutlich stundenlang “Heeee” hören und sich einen Ast abfordern und -fördern, damit aus dem “He” vielleicht doch noch ein ganzes Wort wird.

Schulter klopfen oder stille Bewunderung

Wieder betrachte ich das Meeting in der Bank: Der Mann im Hemd lacht jetzt. Jemand klopft ihm auf die Schulter.

Dann ist das Meeting vorbei. Die Leute lösen sich auf, trinken noch einen letzten Schluck Wasser, checken ihre Handys.

Hier auf meiner Seite des Fensters treten Mutter und Kind aus dem Therapieraum. “Danke!”, spricht die Mutter des Kindes. “Ich sehe echt Fortschritte. Und er freut sich jedes Mal auf die Stunde hier. Es tut ihm gut! Es hilft ihm. Und es hilft uns.”

Die beiden Therapeutinnen lächeln. Einer hängt eine wilde Strähne ins Gesicht. Es ist die Therapeutin, die dem Kind von Raum zu Raum gefolgt ist und es immer wieder animiert hat.

Dann ist es ruhig. Ganz ruhig.

“Morgen bin ich im Homeoffice. Ich muss den ganzen Tag Berichte schreiben.”, informiert die eine Therapeutin die andere.

Kein Schulterklopfen, kein Handychecken, kein letzter Schluck aus einem Wasserglas.

Nur stille Bewunderung meinerseits, die stumm wie eine schlecht platzierte Zimmerpflanze auf dem Gang sitzt und vermutlich gar nicht zuhören sollte.

“Dann bis Mittwoch!”, spricht die andere. Sie bleibt und tippt noch etwas in ihren Computer. Unten hupen Autos, bimmeln Straßenbahnen.

Ein Arbeitstag geht zu Ende.

Für die Banker dort drüber. Und für die Therapeutinnen hier.

21 Kommentare

  1. Über all dem Beobachten hast Du Signorino aber schon wieder mit nach Hause genommen? – Mir fiel die Diskrepanz zwischen den Arbeitsvollzügen, also jenen, die am Kunden, mit Menschen, mit den anderen interagieren und jenen, die interne Gesprächszirkel bilden und wenn, dann nur mit ihresgleichen von möglichst ähnlichen Institutionen die immer gleichen Themenkreise (drum die Kuchenform?) abschreiten schon öfters übel aufgestoßen.
    Noch hat Signorino die ganze Welt, in der es Bagger und Dinosaurier gibt, für sich…

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    • Aber natürlich! Wie könnte ich den Baustellen-Profi vergessen?
      So ist das. Oft stößt einem das auch auf, wenn die Entscheider die sind, die nicht am Kunden sind. Und die, die am Kunden sind, dürfen zwar fleißig Feedback geben. Aber berücksichtigt wird es nicht. 🤪
      Das stimmt und ein bisschen neidisch bin ich auch. Andererseits hatte ich auch damals meine Stofftier-Welt für mich. Alles hat seine Zeit im Leben.

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      • Echtes Feedback ist meist nicht das Gewünschte. Des Chefs Ideen als eigenen Wunsch zu äußern schon eher. Man stößt sonst rasch auf – nein, nicht Widerspruch, wenn man recht hatte. Mißachtung.

        Belastend für die Erzieherin, den Lehrer sind meist nicht die Kinder, wie zahlreich sie auch sein mögen. Sondern die Elterngespräche…

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  2. So trägt jeder mit seinem Job etwas dazu bei, dass das Leben rund läuft. Und beim einen rollt der Rubel da schon mal schneller aufs Konto, als beim anderen. Das ist nicht immer gerecht verteilt, aber finanzielle Grenzen müssen einfach existieren. Sonst würde ja jeder Schulabbrecher soviel verdienen, wie zum Beispiel ein Banker. 🙂

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    • Genau so ist das, liebe Bea. Alle geben ihr Bestes. Oder zumindest die meisten. Es gibt natürlich noch die, die komplett falsch in ihrem Beruf sind und das auch noch raushängen lassen. Gerne in Dienstleistungsberufen kommt diese Spezies vor. 🤪
      Hab‘s fein und liebe Grüße, Eva

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    • Ich denke, beide geben ihr Bestes. Nur die Letztgenannten bekommen die monetäre Wertschätzung und öffentliche Anerkennung. Die Therapeuten scheinen mir unsichtbar – vermutlich analog Pfleger und Krankenhauspersonal. Wenn man sie nicht in Anspruch nehmen muss, kriegt man nichts von ihrer harten Arbeit mit. Erst wenn es brennt, werden sie sichtbar.

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  3. Liebe Eva,
    Danke für die treffende Gegenüberstellung .
    Sicher können wir uns nicht im Ansatz vorstellen, welche Kraft, Sorgen und Nöte diese Kinder ihren Eltern bereiten und welche Hoffnungen die heilpädagogische Unterstützung hegt.
    Die Darstellung der zwei Welten ist Dir sehr gut gelungen
    Gewinnmaximierung, große Hebel in der Finanzwelt kann man sicher unterschiedlich bewerten.
    Doch beide haben für mich dennoch etwas gemeinsam, nämlich die Leidenschaft, die Überzeugung das Richtige, Beste zu tun!
    Die Liebe und der stetige Einsatz all ihrer Fähigkeiten beflügeln sie jeden Tag aufs Neue
    und haben einen Nutzen, der sie immer wieder bestätigt
    Schönen Sonntag , lg nach Frankfurt
    Meggie

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    • Liebe Meggie,
      treffender hättest du es nicht ausdrücken können. Genau, beide Welten geben ihr Bestes. Es macht die Welt rund. Und es läuft weder ohne die einen, noch ohne die anderen.
      Danke dir & das wünsche ich dir auch – vielleicht sogar mit dem ein oder anderen Eis, Eva

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  4. Es ist leider bei uns im Land so, das die „sytemrelevanten“ Berufe zwar zu Corona Zeiten Applaus erhalten haben, aber im allgemeinen schlecht bezahlt sind.

    Ungerecht? Ja!

    Änderbar? Wohl eher nicht. Weil Geld immer schon zu Geld gegangen ist.
    Gilt für mich auch nicht nur für Banker, sondern besonders für völlig überbezahlte Sportler.

    Was uns Zuschauern bleibt, ist vor den in sozialen, pflegenden und dienstleistenden Berufen arbeitenden den Hut zu ziehen und ihnen Respekt zu zollen.

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    • Du hast absolut recht, liebe Trude. Die systemrelevanten Berufe sind nahezu unsichtbar, wenn man das Glück hat, sie nicht in Anspruch nehmen zu müssen. Bei Corona wurden sie dann sichtbar und bekamen kurzzeitig Applaus.
      Genau so ist es: Anerkennung. Wenigstens von unserer Seite.
      Hab einen feinen Sonntagabend und liebe Grüße, Eva

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  5. Und wer weiß vielleicht ist der Vater des autistischen Kindes einer dieser Bänker auf der anderen Seite.
    Und sehr dankbar das es die Heilpraktiker gibt.
    Unsere Welten sund oft sooo verschieden und doch ist es eine.
    🌎

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