Vor’m Herrgott sind wir alle gleich

[Der Text hat viele bayerische Sätze – wer sich nicht durch die bayerische Version quälen will, was ich Ihnen dennoch ans Herz lege, findet die bereinigte, hochdeutsche Version am Ende des Textes – einfach runterscrollen]

Damals im Kindergarten gab es eine sehr beeindruckende Girlande. Eine Menschen- oder vielmehr Kinder-Kette, die Kinder aus allen möglichen Ländern zeigte. Sie hielten sich an den Händen und die Girlande hing im Eingangsbereich unseres Gruppenzimmers.

Damals wusste ich noch recht wenig von der Welt, aber wahrscheinlich verstand ich mehr als heute. Ich wusste nicht, dass Menschen in Kategorien eingeteilt werden aufgrund ihres Aussehens, der Ethnie, ihrer Sprache, ihres Kleidungsstils oder ihres Wohlstandes und dass man sie -je nachdem- besser oder schlechter behandelte. Ich spielte im Kindergarten am liebsten mit Laura, die sehr nett war und zwei blonde Zöpfe hatte und Angelo, der zwar gerade erst aus Italien kam und dementsprechend wenig Deutsch sprach, aber ein super Puppenvater war.

Meistens holte mich mein Opa vom Kindergarten ab, da meine Eltern noch im Büro waren. Recht genau kann ich mich an den Kommentar eines Nachbarns meines Opas erinnern. „Lossn Sie Ihr Enkelin mit de Türken spuin?“ fragte er meinen Opa während ich mit Abdul im Sandkasten spielte. „Herr Mayerhofer, genns (das sagte mein Opa immer), kümmern’s erna um Ihren Dreck!“ antwortete er. „I woits ja nua song. Net dass hinterher dann Probleme mit dena Türken gibt!“ antwortete Herr Mayerhofer. „Genns, schleichans earna! Und putzens lieba des Treppenhaus. De Woch san Sie droh!“ gab mein Opa zurück.

Später, in Opas Wohnung, bei Pichelsteiner und Brezen, fragte ich meinen Opa: Opa, was sind Türken?“ Ich war 5 Jahre alt. Für mich gab es keine Nationalitäten. Wir waren noch nie außerhalb Deutschlands im Urlaub und auch in Deutschland habe ich bis zum damaligen Zeitpunkt noch nie Bayern verlassen. „Des san Menschn von am andern Land, der Türkei. Und die wohnan jetzt hier mit uns.“ erklärte er. „Hm…“ sagte ich und schlürfte meinen Eintopf. „Und was ist der Unterschied zwischen denen und mir?“ löcherte ich ihn weiter. Ohne lange nachdenken zu müssen antwortete mein Opa: „Es gibt koan! Mir san olle vom Herrgott gmacht worrn. Loss dir nix erzähln von dem oiden Mayerhofer. Des is a Brauner!“ fügte er an. „Was ist ein Brauner?“ hakte ich nach. „Des san Menschen, die dir einredn woin, dass’s an Unterschied zwischen uns gibt. Des machan die desweng, damits de andern schlechter geht ois eana. Aber I sogs nomoi: Es gibt koan Unterschied zwischen uns olln. Am jüngsten Tag san ma alle gleich. Und dann lacht der Herrgott den Herrn Mayerhofer aus für so an Schmarrn. Und a Watschn kassiert er ah. Do bin I mir sicha! Woast, Mausal, du konnst song: Da Hans is a recht a Depp, weil er den Maibaum alloa klaun woit! Aber du konnst net song: Da Abdul is a rechter Depp, weil er net do geboren ist. Wichtig is, dass du dene Leid sogst, die so a Meinung hom, dass die olle Deppen san. Wenn’s mehra von dene gebn hätt, die amal wos gsagt hätten, damals, dann war der zwoate Weltkrieg und ois wos do passiert ist, net gwesen. Und des wär a feine Sach gworrn.“ Zufrieden mit seiner Erklärung schlürften wir ruhig unseren Eintopf weiter.

Als meine Mama mich abholen kam und im Auto fragte, was Opa und ich gemacht haben, fasste ich es für sie zusammen: „Opa sagt, braun tragen Nazis und Nazis sind schlecht. Die wollen nämlich, dass wir komisch von anderen Menschen wie dem Abdul denken und Unterschiede machen. Aber Opa sagt auch, der Herrgott macht keinen Unterschied zwischen uns. Und wer doch einen Unterschied macht, kriegt eine Watschn vom Herrgott. Wichtig ist, immer was zu sagen, wenn jemand so eine Meinung wie der Herr Mayerhofer hat, weil sonst gibt es Krieg. Und es wäre eine schöne Sache, wenn es keinen Krieg mehr gibt.“

Meine Mutter lächelte und sagte: „Da hat Opa dir aber was tolles beigebracht. Halt dich immer schön daran, denn Opa ist ein sehr schlauer Mann!“

Wissen Sie, auch mir will mein Gehirn ab und zu einen Streich spielen. Es will in einem unbeobachteten Moment Menschen in die Länder-Klischee-Kiste stecken. Imaginär hau ich mir auf die Finger und denke an den Satz meines Opas: „Vorm Herrgott san mir olle gleich! Und wer anders denkt, der kriegt a Watschn!“

[Hochdeutsche Version]

Damals im Kindergarten gab es eine sehr beeindruckende Girlande.Eine Menschen- oder vielmehr Kinder-Kette, die Kinder aus allen möglichen Ländern zeigte. Sie hielten sich an den Händen und die Girlande hing im Eingangsbereich unseres Gruppenzimmers.

Damals wusste ich noch recht wenig von der Welt, aber wahrscheinlich verstand ich mehr als heute. Ich wusste nicht, dass Menschen in Kategorien eingeteilt werden aufgrund ihres Aussehens, der Ethnie, ihrer Sprache, ihres Kleidungsstils oder ihres Wohlstandes und dass man sie -je nachdem- besser oder schlechter behandelte. Ich spielte im Kindergarten am liebsten mit Laura, die sehr nett war und zwei blonde Zöpfe hatte und Angelo, der zwar gerade erst aus Italien und dementsprechend wenig Deutsch sprach, aber ein super Puppenvater war.

Meistens holte mich mein Opa vom Kindergarten ab, da meine Eltern noch im Büro waren. Recht genau kann ich mich an den Kommentar eines Nachbarns meines Opas erinnern. „Lassen Sie ihre Enkelin mit den Türken spielen?“ fragte er meinen Opa während ich mit Abdul im Sandkasten spielte. „Herr Mayerhofer, ach kommen Sie, kümmern Sie sich um Ihren Dreck!“ antwortete er. „Ich wollte es nur anmerken. Nicht, dass es danach Probleme mit diesen Türken gibt.“ antwortete Herr Mayerhofer. „Los, gehen Sie! Und putzen Sie lieber das Treppenhaus. Diese Woche sind Sie dran!“ gab er zurück.

Später im Haus, bei Pichelsteiner (ein bayerischer Eintopf) und Brezeln, fragte ich meinen Opa: „Opa, was sind Türken?“ Ich war 5 Jahre alt. Für mich gab es keine Nationalitäten. Wir waren noch nie außerhalb Deutschlands im Urlaub, geschweige denn, außerhalb Bayerns. „Das sind Menschen aus einem anderen Land, der Türkei. Und sie wohnen jetzt hier zusammen mit uns.“ erklärte er. „Hm…“ sagte ich und schlürfte meinen Eintopf. „Und was ist der Unterschied zwischen denen und mir?“ löcherte ich ihn weiter. „Es gibt keinen. Wir sind alle von Gott erschaffen worden. Lass dir nichts vom alten Mayerhofer einreden. Er ist ein Nazi!“ fügte er an. „Was ist ein Nazi?“ hakte ich nach. „Das sind Menschen, die dir einreden wollen, dass es einen Unterschied zwischen uns gibt. Das machen sie, damit es den anderen schlecht geht. Aber ich betone es noch einmal: Es gibt keinen Unterschied zwischen uns allen. Vor dem jüngsten Gericht sind wir alle gleich. Und dann lacht Gott Herrn Mayerhofer aus für so einen Quatsch. Und eine Ohrfeige kassiert er dann auch. Da bin ich mir sicher. Weißt du, Mäuschen, du kannst sagen: Der Hans ist ein Depp, weil er den Maibaum allein klauen wollte. Aber du kannst nicht sagen: Der Abdul ist ein Depp, weil er nicht hier geboren ist. Wichtig ist, dass du den Leuten, die so eine Meinung haben, sagst, dass SIE alle Idioten sind. Wenn es mehrere dieser Leute gegeben hätte, die den Mund aufgemacht hätten, damals, dann wäre der zweite Weltkrieg und alles, was passiert ist, nicht passiert. Und das wäre eine gute Sache gewesen!“ erklärte er mir sehr ernst und schlürfte dann ruhig seinen Eintopf weiter.

Als meine Mama mich abholen kam und im Auto fragte, was Opa und ich gemacht haben, fasste ich es für sie zusammen: „Braun tragen Nazis und Nazis sind schlecht. Die wollen nämlich, dass wir komisch von anderen Menschen wie dem Abdul denken und Unterschiede machen. Aber Opa sagt, der Herrgott macht keinen Unterschied zwischen uns. Und wer doch einen Unterschied macht, kriegt eine Ohrfeige vom Herrgott. Wichtig ist, immer was zu sagen, wenn jemand so eine Meinung wie der Herr Mayerhofer hat, weil sonst gibt es Krieg. Und es wäre eine schöne Sache, wenn es keinen Krieg mehr gibt.“

Meine Mutter lächelte und sagte: „Da hat Opa dir aber was tolles beigebracht. Halt dich immer schön daran, denn Opa ist ein schlauer Mann!“

Wissen Sie, auch mir will mein Gehirn ab und zu einen Streich spielen. Es will in einem unbeobachteten Moment Menschen in die Länder-Klischee-Kiste stecken. Imaginär hau ich mir auf die Finger und denke an den Satz meines Opas: „Vor Gott sind wir alle gleich! Und wer eine andere Meinung hat, kriegt eine Ohrfeige.“

Reisen – damals und heute

Während ich das Kokosöl in meinem Mund hin- und herschiebe (probieren Sie Ölziehen einmal aus – das ist klasse!), denke ich nach.

„Schlafsack, zwei Schlafanzüge, Nestchen.“ kritzel ich auf meinen Zettel. Wann wurde Reisen eigentlich so kompliziert? Früher – genau vor einem Jahr – reichte mir ein Handgepäckskoffer zum Verreisen. Drei Tage – arbeitend – und es war nicht mehr als ein Rock, zwei Blusen, zwei Strumpfhosen, ein Halstuch (als Wechselklamotten der Uniform), eine klein zusammenfaltbare Daunenjacke, ein Schal, eine Hose, ein Rollkragenpulli, Unterwäsche, Kosmetiktasche, Schuhe, Mütze, Handschuhe, Socken. Fertig!

„7 Hosen, 3 Lätzchen, 7 Oberteile – wenn die Milch wieder rückwärts fließt.“ schreibe ich weiter. Wie schön war es damals, morgens ganz allein im Hotelzimmer zu sitzen und den ersten Kaffee zu genießen. Ganz in Ruhe im Kingsize Bett – nur ich und das Surren der Klimaanlage. Kein Geschrei, kein „Amoooooore, wo ist nochmal…?“. Das Bad war nie besetzt, denn es war mein Bad – wenn auch nur für eine Nacht.

„Windeln, Feuchttücher, Rescue Tropfen, Fläschchen, Milchpulver.“ krakle ich weiter auf meine Packliste. Hach, die erste Nachricht des Anderen, ob ich auch schon wach sei und wir gleich frühstücken wollen. Ich las sie während im Hintergrund eine amerikanische Morningshow über den Bildschirm flimmerte. Auf meinem großen und fluffig weichen Bett thronte ich wie die Königin New Yorks, würde es denn eine geben. „7 Uhr? Ich trinke noch meinen ersten Plörri (so schmeckt für uns amerikanischer Filterkaffee – wie Plörre!) Kaffee zu Ende. Dann fix duschen und ab zu Le Pain Quotidien?“ fragte ich. „Passt! Unten in der Lobby?“ kam kurz zurück. Ich schickte das „Daumen-hoch“ Zeichen und begab mich in die Dusche.

„Overall, Sonnenhut, Mütze, Nasentropfen,…“ führe ich weiter auf meiner Liste auf. Unten in der Lobby angekommen gab es eine riesige Umarmung für den Anderen. „Die Broadway Show war gestern genial. Ich hab den ganzen Morgen lang – also ab 5 Uhr – die Playlist auf und ab gehört.“ There’s a lot of favors // I’m prepared to do // You do one for Mama // She’ll do one for you.“ stimmte ich an. Die Zeilen hingen immer noch in meinem Kopf fest. Ich hakte mich bei ihm unter und wir schritten ins kalte New York hinaus.

„Mulltücher, Windelcreme, Mandelöl, Babyspüli…“ notiere ich weiter. Mir gefroren die Gesichtszüge. Der kalte New Yorker Wind blies mir ins Gesicht und ich wickelte den Schal noch ein weiteres Mal um meinen Hals. „Diesmal esse ich aber auf alle Fälle noch ein Schneeball-Gebäck – mit Sahne! Dann lieber keinen Cappuccino als dass ich nochmal diesem Gebäck nachtrauern muss.“ sagte ich zum Anderen und er lachte laut. Kältewölkchen kamen aus seinem Mund. „Ich nehme was für die schlanke Linie! Irgendein Chiasamen Gedöns.“ antwortete er mir und strich über seinen Bauch. „Als ob! Das sagst du JEDES MAL.“ gab ich sichtlich belustigt zurück.

„Söckchen – mindestens 7 Paar – er pinkelt sie ja öftermal an – Schnuller!! – Schnullerketter – Stoffdrache“ vermerke ich. Angekommen im Café warteten wir artig bei dem hübschen Schild „Please wait to be seated.“ Wir sind die einzigen Gäste. „Setzen Sie sich ruhig irgendwohin. Es ist noch nichts los. Ich bin gleich bei Ihnen.“ flötete die Kellnerin mit einem hübschen New Yorker Akzent. Wir lächelten und setzten uns. Als sie bei uns war, bestellten wir. Chiasamen Müsli wurde dabei mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen wurde es Avocado Toast mit Lachs und Ei.

„Beißring, Wechselklamotten, Kuscheltuch, Fieberzäpfchen…“ schreibe ich weiter. Wir aßen und unterhielten uns über Gott und die Welt. „Gehen wir gleich noch über die Brooklyn Bridge?“ fragte der Andere. „Aber klar doch! Bei 0 Grad und Eiswind mach‘ ich das am liebsten.“ gab ich zurück. Wir bezahlten, packten unsere Sachen und gingen tatsächlich über die Brooklyn Bridge. Es war eiskalt und ich spürte meine Oberschenkel zeitweise nicht mehr. „Wann ist eigentlich Pickup? (Abholzeit)“ hakte ich beim Anderen nach. „In drei Stunden.“ gähnte er. „Ich leg mich aber vorher nochmal hin. Sonst schaff ich die Nacht nicht.“ ergänzt er noch schnell. „Ich fürchte du hast keine Wahl. Wie viele Gäste habt ihr in der First Class?“ erkundigte ich mich bei ihm. „Voll!! Acht Leute!“ stöhnte der Andere. „Wow! Ganze acht!“ ärgerte ich ihn. Er knuffte mich in die Seite. „Davon kannst du in der Economy ja nur träumen.“ konterte er geschickt. „Ich bin eben eine Eco Stuse. Was soll ich machen?“ zwinkerte ich ihm zu.

„Wickeltasche, warmes Wasser, Thermoskanne, Schnulleretui.“ komplettiere ich meine Liste. „Hast du den Co Piloten gesehen? Der hat ja mal 100% was mit der Ollen aus der Business!“ lästerte der Andere. „Echt? Ich dachte, der wäre mit der Kollegin aus der First zusammen.“ ging ich darauf ein. „Ja! Auch!!!“ lachte der Andere. Wir gingen ein Stück schweigend nebenher und genoßen die letzten Meter bis zum Hotel. „Sagst du mir Bescheid, wenn du gleich runter in die Lobby fährst? Ich mag nicht mit den anderen warten. Die Kabinenchefin labert mir immer ein Ohr ab – Indien hier, Ayurveda da, Yoga dort. Ich hab doch nur einmal gesagt, dass ich einen Yoga Anfängerkurs mache. Meeeein Gott!“ bat ich den Anderen. „Aber klar doch! Schreib mir einfach kurz vorher.“ antwortete er. „Du bist der Beste!“ gab ich zurück. „Ich weiß!“ konterte der Andere zwinkernd.

Es ist anders zu verreisen – und sei es nur nach München. An tausend Dinge muss man denken. Signorino ist zu bespaßen und – bei dem morgendlichen Flug – auch der Römer, damit die Laune nicht ins Unermessliche sinkt. Ich vermisse meine Auszeiten vom Alltag (alias Arbeit), aber gleichzeitig genieße ich es, jede Nacht neben dem Römer und Signorino einzuschlafen. Ich genieße unsere Frühstückszeiten zusammen, unseren Tagesrhythmus, unsere kleinen Rituale. Doch irgendwann wird sich Mutti wieder in die Lüfte schwingen. Bis dahin bleibt mir die Erinnerung( und die Hoffnung, dass ich das bald wieder tun darf)!

Eine ganz direkte Frage

Seit einem Jahr kennen wir uns jetzt schon – oder noch länger, wenn Sie meine alten Blogs dazu zählen. In diesem Fall haben wir schon zwei (Blog-)Umzüge zusammen gestemmt. Es waren nicht nur Umzüge von einem Blog zum anderen, sondern viel mehr Umzüge von einer Lebensphase zur anderen. Da wird es an der Zeit, dass ich Ihnen nun intimere Fragen stelle. Die erste Verliebtheit unserer Beziehung ist vorbei und genau das gibt uns Raum uns noch besser kennen zu lernen.

Ich frage Sie ganz direkt und ungeniert:

Haben Sie sich Ihr Leben so vorgestellt wie es heute ist? Oder ging es in eine ganz andere Richtung? In eine bessere? In eine schlechtere? Haben Sie verwirklicht, was Sie vor Jahren wollten? Verwirklichen Sie sich vielleicht gerade? Und die allerwichtigste Frage: Sind Sie zufrieden mit dem Leben, das Sie jetzt haben?

Nehmen Sie sich ruhig einen Augenblick Zeit. Die Fragen sind nun wirklich nicht leicht zu beantworten. Lehnen Sie sich zurück, denken Sie nach, gehen Sie in sich.

In der Zwischenzeit werde ich Ihnen die Frage von meiner Warte aus beantworten.

Ich habe mir mein Leben teilweise so vorgestellt wie es heute ist. Mich lockte immer schon das Abenteuer, ich hätte aber nicht gedacht, den Mut zu haben als fliegendes Personal durch die Welt zu reisen. Mich macht froh und glücklich nie die „Sicherheit“ gewählt zu haben, sondern immer das Abenteuer. Mein ungeliebter, aber sehr stabiler Job musste daran glauben. Meine Eltern waren enttäuscht und wissen Sie, das mag nun kindisch klingen, diese Enttäuschung sagte mir, dass ich genau das Richtige mache. Denn ich machte das, was MICH glücklich macht. Nicht die anderen.

Mit meinem Mann gibt es viele Konflikte – aber fruchtbare. Und das ist der Unterschied zu meinen vorherigen Beziehungen. Wir bereichern uns mit unseren Meinungsverschiedenheiten. Es gibt keine Gewinner und keine Verlierer bei unseren Streitigkeiten, denn – so schmalzig das klingen mag – wir gewinnen beide: Neue Ansichten – neue Denkweisen – neue Ideen. Wir haben den großen Vorteil, dass wir 11 Jahre Altersunterschied haben. Denn er ist ruhiger, sieht viele Dinge anders, die ich in meinem Tatendrang übersehe oder mit Missachtung strafe. Ich hingegen stachle ihn an – motiviere ihn mit 40 Jahren seinen PhD zu machen, denn das ist sein Traum. Und Träume muss man verwirklichen.

Ich habe Freunde gefunden, die für mich die Wolldecke an kalten Tagen sind. Sie geben mir ein Zuhause, auch weit weg von Zuhause. Sie verstehen mich und sie geben mir das Gefühl, dass ich genau so in Ordnung bin wie ich bin. Sie sind nicht missgünstig, sie sind nicht auf ihren Erfolg aus, auch neidisch sind sie nicht. Sie unterstützen mich und oft bringen sie meine Gedanken in eine logische Reihenfolge, auch wenn diese in meinen Erzählungen zusammenhangloser nicht sein könnten.

Frankfurt als meine neue Heimat macht mich sehr glücklich. München erdrückte mich und raubte mir die Luft. Es war nicht meine Stadt, obgleich ich dort aufgewachsen bin. Frankfurt gibt mir Raum, lässt mich durchatmen und nimmt nicht alles so ernst. Frankfurt lässt mich mit meinen Nachbarn quatschen und nahm mich offen auf. Frankfurt bietet mir die Heimat, die ich nie hatte. Und sollte es mir langweilig werden, gibt es noch das Tor zur Welt: Den Flughafen.

Ich habe meinen Traum verwirklicht Italienisch sprechen zu können. Nun suche ich nicht mehr minutenlang nach Wörtern und denke über die Satzkonstruktion nach. Nein, ich kann Italienisch denken und sprechen gleichzeitig. Mir fehlen keine Wörter mehr. Und falls doch, kann ich sie umschreiben. Ziemlich gut für jemanden, der an der norditalienischen Uni nur einen A1.1 Kurs gemacht hat. Darauf bin ich stolz!

Ich habe mir das Muttersein ganz anders vorgestellt. Es ist schlichtweg wunderbar – wunderbar und anstrengend! Stellen Sie sich vor, Sie sind frisch verliebt. Für immer! Die ganze Gefühlsachterbahn mit diesem kleinen Minimenschen. Manchmal weinen Sie, weil sie Größe 56 aussortieren und wenn Sie das erste laute Lachen hören, heulen Sie vor Freude. Es ist mein Lieblingsgeräusch, wenn ich Signorino laut und grunzend lachen höre. Dieser kleine Mensch, dieser große Charakter, die Willensstärke und Unlust, manche Dinge zu tun. Die Liebe, die ich spüre, wenn mich nachts seine kleine Hand sucht. Diese großen, neugierigen Augen, die mich forschend angucken. Sein Lachen, wenn ihn der Römer „amore mio“ nennt. Sein Grinsen, wenn man ihm sagt, dass er heute aber besonders schick gekleidet ist. All das lässt mein Mutterherz überlaufen.

Ein Buch will ich immer noch schreiben. Im Ausland will ich immer noch wohnen – begrenzt oder unbegrenzt – das wäre mir egal. Mehr Geld würde ich gerne verdienen, aber wenn es gleichzeitig heißt, dass ich dann meine Lebenszeit verkaufen muss, da ich ständig arbeite, verzichte ich lieber darauf. Umziehen würde ich gerne in etwas größeres – gerne mit Garten. Vielleicht ein Eigenheim? Beginnen würde ich gerne ein Studium – darum kümmere ich mich gerade. Denn mit der Geburt meines Kindes kam gleichzeitig mein Ehrgeiz und meine Motivation zurück. Diplomatischer will ich werden. Wissen Sie, früher habe ich mir alles gefallen lassen und habe nie etwas gesagt. Mittlerweile sage ich etwas – schieße aber gerne über das Ziel hinaus. Ein diplomatischer Mittelweg wäre gut.

Mein Leben ist vielleicht nicht so wie ich es mir vor Jahren vorgestellt habe. Aber diese Version gefällt mir sehr viel besser. Denn ich sah mich eher mit einem sehr gesitteten Bayern in einem Münchner Vorort als mit einem italo-albanischen Feuerwerk in Frankfurt. Ich sah mich eher in einem biederen Bürojob als in einer reisenden Tätigkeit. Mit einem Auto sah ich mich eh – aber wer braucht das schon in Frankfurt? Man findet doch eh keinen Parkplatz. Und ich sah mich eher den anderen nickend zuzustimmen als für meine eigene Meinung einzustehen.

Verzeihen Sie mir die Ausdrucksweise, aber das Leben ist geil! Mir macht es Spaß, auch wenn es anstrengend ist. Und das Geilste ist: Es kam nie so wie ich es wollte. Sondern letzten Endes immer besser.

Was mir fehlt

Mir fehlt etwas. Nicht im gesundheitlichen Sinn – und dafür bin ich sehr dankbar. Mir fehlt auch kein Gegenstand. Mir fehlt ein Gefühl, ein Abenteuer, eine gewisse Freiheit, wenn Sie so wollen.

Mir fehlt der Geruch des Flugzeugs, wenn man morgens um 4 Uhr in den eiskalten Stahlvogel einsteigt. Müde taumelnd erklimmt man die Treppen, wissend, dass man das Flugzeug vorbereiten muss.

Mir fehlt der Flugzeugkaffee, den man noch schnell trinkt, bevor die Gäste kommen.

Mir fehlt das „Excuse me, I have a question! I have a connecting flight…“ das man von jedem zweiten Passagier bei Verspätungen hört.

Mir fehlt die Airline Basis.

Mir fehlen die kurzen Flüge nach Hamburg, bei denen jeder zweite Passagier drei Getränke ordert. Mir fehlt die Bitte des schnöseligen Economy Passagiers auf einer 25-minütigen Kurzstrecke nach grünem Tee.

Mir fehlt das hilflose Umgucken des zuletzt einsteigenden Passagiers, der sich im voll ausgebuchten Flugzeug umsieht, wo denn noch ein Plätzchen für seinen Schrankkoffer sein könnte.

Mir fehlen die russischen Einreisebeamten, die meinen Namen so aussprechen, dass ich ihn beim ersten Mal nicht verstehe. Mir fehlen ihre prüfenden Blicke, ob ich auch wirklich die bin, die ihnen streng im Ausweis entgegen starrt.

Mir fehlen die Flüge nach Italien. Rom, meist voller Amerikaner, Mailand, meist voller Banker. Neapel, meist voller Neapolitaner, die ich nicht verstehe. Venedig, meist voller Kreuzfahrttouristen, bereits in Segelschuhen als würden sie das Schiff allein nach Dubrovnik segeln.

Mir fehlen die Gäste, die einen Rollstuhlservice angemeldet haben und beim Aussteigen auf wundersamer Weise doch wieder mühelos gehen können.

Mir fehlen die Caterer, die einem die abgecaterte Schokolade der anderen Flugzeuge anbieten.

Mir fehlen die New Yorker Flugzeugreiniger, die immer schon ihr Fahrzeug von der hinteren Tür abgezogen haben und nun wollen, dass man die wahnsinnig schwere Boeing Tür in seinen schwindelerregenden High Heels schließt, in dem man sich 25 Meter über dem Abgrund rauslehnt und an der Tür zieht und zerrt bis einem ein zwei Meter großer Techniker zu Hilfe kommt.

Mir fehlt die Morgenroutine mit dem Anderen, die wir an der Westküste hatten. Das Frühstück bei Bacco in Seattle um 8 Uhr morgens. Unsere Idee von einer Kaffeehauskette, die wir „Plörry“ nennen, weil amerikanischer Kaffee genau das für uns ist: Plörre!

Mir fehlt Moskau. So gerne war ich in Moskau, so gerne habe ich die russischen Staatsbürger geflogen. So gerne war ich im Hotel, am Kreml, in der Stadt.

Mir fehlt Paris, Amsterdam, Seattle, Vancouver, Hamburg.

Berlin nicht. Berlin Flüge sind schrecklich. Die können einem nicht fehlen. 😉

Mir fehlen die Fluggäste, die fragen, ob ich Israeli sei. Der Nachname wirke so.

Mir fehlen die vielen Geschichten, die vielen Motive, warum Fluggäste reisen.

Mir fehlt der Abschiedsschmerz, den man oft in den Gesichtern der Fluggäste sehen kann.

Mir fehlt der Moment, in dem man Passagiere besser kennen lernt. Sie erzählen einem, warum sie beim Start weinten. Sie berichten von ihren Ängsten, ihren Sorgen, ihren Hoffnungen. Mir fehlen ihre Umarmungen am Ende des Fluges, weil man sich Zeit genommen hat für sie.

Mir fehlt das frühe Landen um 6 Uhr morgens, nachdem man die ganze Nacht durchgearbeitet hat.

Mir fällt das „Kommste? Gehste? Gut siehste aus!“ von Kollegen, wenn man müde über die Airline Basis schlappt.

Mir fehlt der Moment der Hoffnung (und Verzweiflung zugleich), wenn man viel zu viel im Ausland eingekauft hat und der Zoll – Gott sei’s gedankt – nicht da steht und kontrollieren will.

Mir fehlt das Flüge requesten, dass Freunde besuchen, dass Orte vermissen.

Mir fehlt das quirlige Einsteigen. Mir fehlen Fluggäste, die schon aufstehen, während wir noch zum Gate rollen.

Mir fehlt der Statusgast auf 1C, der im Notfall als Souffleur einspringt und „Hamburg“ flüstert, wenn der Kabinenchef vergessen hat, wo wir gerade sind.

Mir fehlen die vielen interessanten Gespräche unter uns Kollegen. Jeder kommt aus einem anderen Bereich, meist hatte jeder von uns auch einmal einen „richtigen Job“. Von (Tier-)Arzt*in bis Architekt*in, von PR Manager*in bis Yogalehrer*in, von Dr. Dr. bis Ethnolog*in – Sie finden alles bei uns an Bord. Sie wissen es nur nicht, weil Sie nur die Uniform sehen.

Mir fehlen die amerikanischen Kollegen, die im Sommer Europa unsicher machen und uns meist Geschenke mitbringen, wenn Sie mit uns fliegen.

Mir fehlt der Crewbus(fahrer), der uns über das Rollfeld braust.

Mir fehlt unsere Sicherheitskontrolle, bei der ich jedesmal hoffe, nur den Sprengstoff-Abstrich Test machen zu müssen und nicht das komplette Programm. Mir fehlen die Sicherheitsleute dort, die mir bei jedem zweiten Mal „Haaaalt! Dein Koffer!“ nachbrüllen, weil ich nur an mein Handgepäck denke.

Mir fehlt sogar das Briefing, die dumme Kollegin hinten links, die motzigen Gäste, die rutschige (weil vereiste) Fluggasttreppe im Winter. Ach, sogar der Frühstücksservice, den ich völlig übermüdet durchführe.

Mir fehlt das gemeinsame Flugrequesten mit Freunden. Das überhebliche „Ach ne – lass uns lieber nach New York fliegen! Boston hab ich schon Anfang des Monats im Plan.“

Mir fehlt meine billige Polyester Uniform, die vor Neid erblasst, wenn sie die italienischen Kollegen mit ihrem maßgeschneiderten Zwirn sieht, der jedes zweite Jahr (wenn nicht jedes) ausgetauscht wird.

Mir fehlt das völlig erschöpfte Einschlafen und das völlig geräderte Aufwachen. Das „Ankunftstag 😴😏“-Schreiben an Freunde, wenn sie fragen wie’s mir geht.

Mir fehlt alles.

Wissen Sie, so gut wie jeder von uns – in der adretten Uniform – hatte einmal einen „richtigen“ Beruf. Aber keiner war und ist so schön wie dieser. Wir machen es aus purer Leidenschaft. Das frühe Aufstehen, der Verzicht auf Familie und Freunde an besonderen Tagen, das Vermissen, das Alleinsein. Uns hat keiner dazu gezwungen. Denn für die meisten von uns ist es der schönste Beruf auf Erden.

Zu sehen wie sämtliche Fluglinien den Bach runtergehen tut weh.

Kommentare von irgendwelchen missgünstigen, zu Tode gelangweilten Mitmenschen zu lesen, die nichts besseres zu tun haben, als als außenstehender Hans Dampf die Lage zu beurteilen und den Firmen das Ende zu wünschen, sind mir egal. Denn wissen Sie, diese Menschen haben nie gefühlt und erlebt, was wir erlebt haben. Diese Menschen hatten immer nur einen billig austauschbaren Job – und keine Passion. Sie beschweren sich Montagmorgens, dass sie arbeiten müssen und sehnen bereits Montagmittags das Wochenende herbei.

Wir sehnen die Fliegerei herbei, wenn wir am Boden sind und unsere Familie, wenn wir fliegen.

Leonardo Da Vinci sagte es sehr treffend. „Wenn du das Fliegen einmal erlebt hast, wirst du für immer auf Erden wandeln, mit deinen Augen himmelwärts gerichtet. Denn dort bist du gewesen und dort wird es dich immer wieder hinziehen.“

Und so hoffen wir alle, dass wir wieder fliegen dürfen. Denn es fehlt mir, das Fliegen.

Italien – du Held!

Ich mag sie, die Italiener. Das ist kein Geheimnis. Italien wäre nicht Italien ohne seine Einwohner.

Wer mir schon länger folgt, der weiß, dass ich, seit ich denken kann in Südtirol (Italien – light sozusagen) meine Urlauber verbrachte. Ich war Au Pair im Norden Italiens, in Bergamo. Zurück in München bestritt ich meinen Arbeitsalltag auf Italienisch. Dann ging es in Hessens heimliche Hauptstadt – und von dort hinaus in die weite Welt. Dann lernte ich den Römer kennen, wir wohnten kurz in Rom, bevor es wieder zurück nach Deutschland ging.

Italien – du wunderbares Land. Die Menschen sind in Quarantäne, aber sie haben ihre Lebensfreude nicht verloren. Bilder und Videos gehen um die Welt wie Italien gemeinsam musiziert – von den Balkonen hoch über der Stadt. Sie tanzen, sie singen, sie trommeln und benutzen an Instrumenten, was sie daheim finden können. Sie applaudieren mittags um 12 Uhr für all die Helfer in der Not, die 3-4 Schichten arbeiten. Sie applaudieren für ihre Helden, wie sie sagen.

Sie sind ein Team und halten zusammen – das Volk mit dem Herz am rechten Fleck, der Lebensfreude auf der Zunge und dem Zusammenhalt, der unbändiger nicht sein könnte.

Italien, du wunderbare Perle. Vielleicht bist du gerade weggesperrt, vielleicht liegst du am Boden, aber glaube mir, sobald wir alle wieder reisen können, wir kommen dich besuchen! Wir schlendern über deine Piazzas, wir genießen deine Lebensfreude und wir helfen dir wieder auf die Füße: Als Touristen, als Besucher! Denn es ist das, was du brauchst, wenn die Normalität einkehrt.

Italien – du großes Vorbild! Stammi bene! Ci vediamo al piú presto possibile!

Italien und der Coronavirus – wer, wie, was?

Es wurde schon so viel berichtet und ich bin mir sicher, es wird in den nächsten Tagen und Wochen noch viel mehr darüber berichtet: Das böse C-Wort. Corona.

Gestern schrieb eine Kollegin im Arbeitsforum: „Jetzt machen die Italiener ihr Land dicht. Übertrieben! Aber langsam bekomme ich dennoch Panik… Muss man Angst vor Corona haben?“

Normalerweise kommentiere ich nicht, da man meist nach 2-3 Sätzen in unserem Forum angefeindet wird. (Ja, die ewig lächelnden Servicekräfte der Lüfte verbringen in den Foren die meiste Zeit damit, sich gegenseitig fertig zu machen…) Dennoch wollte ich Licht ins Dunkel bringen, da es in deutschen Artikeln meist verzehrt dargestellt wird.

Also angeschnallt und festgehalten. Die wilde Fahrt geht los:

Warum verhängt Italien überhaupt eine Ausgangssperre? Warum sollen alle Italiener 14 Tage daheim bleiben, alle Universitäten und Schulen sind mind. bis zum 04. April geschlossen, alle Kindergärten, alle Ämter, alles? Warum sind Cafés und Restaurants nur bis 18 Uhr offen? Ja, warum eigentlich?

Italiens Notaufnahmen und Intensivstationen haben ihr absolutes Limit erreicht. In vielen Städten, darunter Bergamo, wo ich unter anderem gelebt habe, müssen sich Ärzte entscheiden, WEN sie behandeln, da es nicht genug Kapazitäten gibt. Es sind Zustände wie im Krieg. Die Ärzte und Krankenschwestern, die eh schon am Ende sind, müssen über Leben und Tod entscheiden. Nun hat man sich in Italien folgendes überlegt. Alle werden dazu angehalten 14 Tage nicht aus dem Haus zu gehen. Warum? Nicht, weil Corona so unglaublich tödlich für die gesamte Bevölkerung ist. Aber es ist lebensgefährlich bzw. tödlich für einen Teil der Bevölkerung: Hauptsächlich ältere Mitmenschen und Menschen mit Vorerkrankungen. Folglich gibt es diese Ausgangssperre um den Virus nicht an diese Bevölkerungsgruppe zu übertragen, die dann gezwungen wären auf der Intensivstation behandelt zu werden. Je weniger Kontakt man hat, desto besser.

Um es zu veranschaulichen, möchte ich ein kleines Rechenbeispiel aufzeigen:

Es gibt ca. 60 Millionen Italiener. Sollten nur 0,5 % auf der Intensivstation behandelt werden, wären das 300.000 Italiener. Nun gehen wir aber gleichzeitig davon aus, dass sich Ärzte und Krankenschwestern NICHT infizieren und zwar gar keiner. Kein einziger. Selbst dann würden die Plätze nicht reichen. Es gibt etwas mehr als 5000 Intensivbetten, die betreut werden können. Der Großteil ist in den kritischen Regionen: 900 in der Lombardei, 700 in Venetien und 400 in der Emilia Romagna. Das wiederum heißt, dass es nur 5000 Corona infizierte in ganz Italien geben darf, die auf der Intensivstation behandelt werden müssten. Und hierbei gehen wir davon aus, dass NIEMAND anderes dort sein darf: Kein plötzlicher Notfall, kein Autounfall, nichts und niemand. Um das prozentual darzustellen, würde das bedeuten: weniger als 0,01 Prozent der Italiener dürfte erkranken, wenn niemand anderes an etwas anderem erkrankt wäre und ebenfalls auf die Intensivstation müsste.

[Quelle der Intensivbetten und der Verteilung in Italien: sky tg 24 – Quelle Einwohnerzahl Italien: de.statista.com]

Zum Vergleich: In Deutschland haben wir 28000 Intensivbetten [Quelle: dkgev.de] und ca. 81,5 Millionen Einwohner. Das sind demnach 0,035 % die so schwer erkranken dürften, dass sie auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Vorausgesetzt es gibt nur Corona Patienten und KEIN ANDERER in Deutschland braucht eine Betreuung auf der Intensivstation.

Es geht nicht darum, den Virus auszurotten. Es geht nur darum, den Ansteckungsprozess zu verlangsamen. Es gibt keine Versammlungen mehr, Reisen werden nur aus dringenden Gründen genehmigt (medizinischer/familiärer Notfall) etc.. Stars und Sternchen rufen dazu auf, daheim zu bleiben. Gestern war der Kontakt zwischen zwei Personen noch auf einen Meter vorgeschrieben. Heute sind wir bei 4,5 Meter.

Restaurants und Cafés haben keinen Ausschank mehr an der Bar. Der schnelle caffé zwischendurch fällt weg. Es wird bedient – an Tischen. Wenn sicher gestellt wird, dass zwischen den Gästen ein Abstand von einem Meter eingehalten wird.

Die Italiener nehmen zum Schutz der Einwohner die Erkrankungen ernst und wenn man mich nach meiner Meinung fragt, ist das absolut richtig. Natürlich werden wir nicht alle an diesem Virus sterben. Es werden nur sehr wenige sterben im Vergleich zur Gesamtbevölkerungszahl, ABER „sehr wenige“ sind bei 0,5 % der Italiener auch schon 300.000 Einwohner. Und das sind 300.000 zu viel.

In Deutschland liest man oft von „Panik mache“ und während wir noch diskutieren, ob Sportfans wirklich an dem Virus erkranken können (Bundesligaspiele – ja oder nein?), nehmen andere die Lage ernst.

Warum die Anzahl der Corona Infizierten in Italien so hoch ist?

Weil jeder und zwar wirklich JEDER getestet wird, der einen Verdacht hat.

Wie schaut’s damit in Deutschland aus?

Hier möchte ich ein Beispiel nennen. Mein Kollege wurde nach 14 Tagen informiert, dass auf seinem Dienstflug nach New York ein Corona infizierter Passagier in der Economy Class saß. Man möchte ihn informieren, dass er nun 14 Tage außer Dienst gestellt wird. Möchte er sich testen lassen, so kann er dies gerne tun. In besagten 14 Tagen, die zwischen seinem Flug und der Benachrichtigung seitens des Arbeitgebers vergingen, hatte er 2 Langstreckenflüge mit jeweils ca. 350 Passagieren und eine Kurzstreckentour mit 10 Flügen in Europa zu jeweils 150-200 Passagieren. Dazu kommt die Anzahl an Crewmitgliedern und die Anzahl der Personen, die er im Layover getroffen hat. Dazu Familie, Freunde und Bekannte, Caterer, Crewbusfahrer, Rampagenten,….

Wie dem auch sei: Bleibt mir gesund – passt auf euch auf – benutzt Seife (und wascht die Hände mindestens ein „Happy Birthday“-Lied lang – verzichtet auf Reisen und achtet auf euch!

Kurzes Lebenszeichen

Ein Lebenszeichen wollte ich doch einmal schicken. Ich bin besorgt um meine Kollegen und Freunde. Die Kurzarbeit kommt. 50% der Flüge werden gestrichen. Seit Tagen bekommt der Eine keinen Arbeitsplan. Seine Beförderung? 2 Tage davor abgesagt – nachdem er sich durch einen Monate langen Kurs quälte. Man ist jeden Tag auf Abruf und weiß nicht, wann man arbeitet und wenn ja wie lange. Vielleicht ist man abends daheim? Vielleicht in 5 Tagen? Besser, man hat momentan keine Familie und ist alleinstehend. Denn die Betreuungssituation zu organisieren, wenn man jeden Tag auf Abruf arbeitet, scheint fast unmöglich. Ich bin froh in Elternzeit zu sein, doch bange und hoffe mit den Kollegen und meinen Freunden, dass es irgendwann wieder bergauf geht. Die dicke Hummel (A380) ist wohl erst einmal am Boden…

Dieter sagte übrigens, dass mein Arbeitgeber schon ganz andere Krisen durchgestanden hat. Und egal was passiert, ich soll mich an die Ameisengeschichte erinnern: Die Ameise, die in Südamerika wohnt, träumt seit jeher von Afrika. Ein lang gehegter Traum! Der Mensch nimmt sie, steckt sie ins Flugzeug und die Ameise beschwert sich und schreit und hat Angst! Das Flugzeug ist laut, die Luft trocken, unbekannte Menschen, so weit oben über der Welt… sie will das alles nicht. Das Flugzeug landet nach einem langen, langen Flug. Die Türen gehen auf und die Ameise begreift: Sie ist in Afrika! Endlich!

Dieter sagt, wir sind die Ameise, Gott (oder das Universum oder an was man eben glaubt) ist der, der uns in das Flugzeug steckt. Wir begreifen vielleicht nicht, dass all die Strapazen uns ans Ziel bringen, aber hinterher, wenn wir in Afrika sind, dann verstehen wir, wozu der ganze Stress notwendig war! Und vielleicht hätte sich die Ameise mit der Erkenntnis lieber zurückgelehnt und einen Tomatensaft (oder was auch immer Ameisen trinken) bestellt und die Aussicht genossen, anstatt sich Sorgen zu machen.

Hätte es sich die Ameise mal gut gehen lassen!

Der Sohn einer Mutter

In meinem Leben wurde es mir einfach gemacht all die richtigen Entscheidungen für mein Leben zu treffen:

Ich bin das letzte von vier Kindern, verwöhnt von Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit. Auch wenn es viele Unstimmigkeiten zwischen meinen Eltern gab und gibt, wusste ich, im Notfall sind sie für mich da und holen mich schluchzend, frierend und verzweifelt ab. Sie sind meine Eltern. Egal was passiert. Als der Römer hierher gezogen ist und wir finanziell mehr als schlecht standen, boten sie uns an, uns unter die Arme zu greifen. Ich fragte nie danach. Sie waren einfach für uns da. Finanziell und emotional unterstützend. Als ich über den Römer herzog, wusch mir mein Vater den Kopf. Eine Ehe ist nicht nur Sonnenschein und 365 Tage im Jahr Schokoladeneis mit Sahne und Kirschen. Ich war sauer auf ihn, auf die Welt, aber dann verstand ich.

Es war mir ein leichtes durch ihre Unterstützung den richtigen Weg zu wählen. Weil ich in einer Familie mit Rückhalt aufgewachsen bin. Weil das Schicksal mich in diese Familie geschickt hat. Ich hatte Glück. Nicht mehr und nicht weniger. Viele meiner Entscheidungen sind nicht mein Verdienst. Es war eine glückliche Fügung Gottes.

Heute gingen der Römer und ich mit Signorino im Kinderwagen spazieren. Wir kauften Mineralsalze für den Kleinen (Bei Koliken und wer daran glaubt: Die Nummer 20 ist der heiße Tipp – und die Nummer 7). Die Kasse zeigte: 4,95 €. Wir kauften im Drogeriemarkt diverse Sachen ein: 42,89 €.

Wir gingen mit vollen Tüten nach Hause, ließen diese dort stehen und wollten noch eine Runde am Fluss spazieren gehen. Eben aus der Tür, 80 Meter von unserem Haus entfernt, kommt uns ein junger Mann entgegen. Mein Alter. Abgetragene, aber ordentlich gewaschene Kleidung. Ich nehme ihn gar nicht richtig war. Er geht an uns vorbei. Nach 5 Metern dreht er sich um, sagt zögernd „Entschuldigung,…“ in den grauen Winterhimmel. Er meint uns. Wir drehen uns um – Kinderwagen fest im Griff. Wir mustern ihn. Er trägt einen roten Kapuzenpulli, die Kapuze über das mittelbraune, kurze Haar gezogen. Schlank ist er, aber nicht hager. Eine khakifarbene Bomberjacke, Jeans, ein kantiges Gesicht. Markante Wangenknochen. Braune, verunsicherte Augen.

„Entschuldigung, ich weiß, ich will euch gar nicht lange aufhalten…nur… es ist…“ Er stockt. Er guckt uns verängstigt an. Sein Körper: angespannt. Wie ein scheues Tier steht er da. Ich lächle ihm aufmunternd zu. Er macht weiter. 5 Meter von uns entfernt. Er hat Angst näher zu kommen.

„Ich wollte nur fragen, wie das ist. Ob ich vielleicht nach einer Spende fragen kann… weil…“ Er will sich verlegen ins Haar fassen, doch da ist die Kapuze.

„Also es ist so… ich wurde vor drei Wochen aus dem Gefängnis entlassen und ich weiß, es ist doof nach einer Spende zu fragen. Aber ich weiß nicht, ob ihr sie kennt: Die Notunterkunft in der Schmidtstraße. Ich kann sie mir nicht leisten und die Nächte sind momentan eiskalt. Es ist nur so: Das Jobcenter zahlt noch nicht für mich, auch nicht für die Notunterkunft. Die verrechnet die Caritas direkt mit dem Arbeitsamt, aber da bin ich noch nicht freigeschaltet und jetzt muss ich Leute fragen, ob sie mir helfen können. Es ist Winter und es ist kalt. Im Sommer würde ich gar nicht fragen, aber ich wurde doch erst vor drei Wochen entlassen… und…“ Er redet viel zu schnell, rechtfertigt sich für Dinge und Situationen, wiederholt sich, er möchte jetzt wahrscheinlich überall sein, nur nicht hier, das Paar mit dem Kinderwagen fragend, ob sie helfen können.

Ich unterbreche ihn: „Darf ich dich fragen wie viel die Notunterkunft pro Nacht kostet?“ Ich lächle. Er soll keine Angst haben. Er muss keine Angst haben.

„2,50 Euro pro Nacht. Nur, die hab ich nicht. Ich kann’s mir nicht leisten.“ Er guckt betroffen. Wir gucken betroffen.

„Amore, hast du Scheine in deinem Geldbeutel? Ich habe keinen Geldbeutel mitgenommen.“ frage ich den Römer. Signorino liegt in der Zwischenzeit in seinem Kinderwagen, seelig schlummernd, geliebt und warm eingepackt an diesem kalten, grauen Tag. Der Römer nickt und kramt in seiner Tasche. 15 Euro – mehr haben wir leider nicht dabei.

Der Römer guckt mich an. Zögernd. Den jungen Mann. Mich. Das Geld. Unseren Sohn. Er geht zu dem armen Kerl.

„Hier. Für dich!“ und drückt ihm die 15 Euro in die Hand. Er klopft ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Das ist jetzt nicht euer Ernst? Ist das euer Ernst? Das sind sechs Nächte!! 6 Nächte!! Ihr verarscht mich, oder?“ Der junge Mann hat Tränen in den Augen. Ich auch.

„Nein, nein. Guck, dass du wieder auf die Beine kommst. Das Leben ist nicht nur hart und gemein. Wir drücken dir die Daumen. Wirklich!“ sage ich und meine es auch so.

„Danke.“ schnieft er und versucht sich zusammenzureißen. „Das hat noch nie jemand für mich getan.“

Der Satz trifft und hallt noch lange in meinem Kopf nach. „Das hat noch nie jemand für mich getan…“

Ich will ihn in dem Moment umarmen, aber ich trau mich nicht. Er ist der Sohn einer Mutter. Er war genauso ein unschuldiges Baby wie Signorino und steht nun auf der Straße und freut sich über 15 Euro als hätte sich ihm eine Welt eröffnet.

Nicht jeder hat Eltern wie meine oder die des Römers. Nicht jeder hat so viel Glück im Leben. Nicht jeder hatte eine Kindheit über die nur zusagen bleibt, dass sie „schwierig war“, weil die Eltern viel gestritten haben. Nicht jeder hatte das Glück, dass einem die Elten Werte und Normen vermittelt haben, die weit über die üblichen „Halte die Tür auf, wenn jemand hinter dir geht“ hinausgehen. Nicht jeder hat Eltern, die einen mit offenen Armen empfangen, würde man aus dem Gefängnis kommen. Nicht jeder wurde mit Liebe und Aufmerksamkeit in seinem Leben überhäuft.

Nicht jeder konnte die richtigen Entscheidungen in seinem Leben treffen.

Ich konnte. Der Römer konnte und hoffentlich kann auch der kleine Signorino.

Eine Entscheidung, die ich immer wieder treffen würde: „Hilf Menschen in Not, wenn du die Möglichkeit hast. Das ist deine Pflicht – als Christ, als Moslem, als Mensch.“ Ein Wert, den ich von meinen Eltern gelernt habe.

Du weißt nie, ob du jemals in seinen Schuhen steckst. Dann möchtest du keine abschätzigen Blicke ernten. Du willst kein Kopfschütteln von gut gekleideten Investment-Bankern sehen. Was sind schon 15 Euro für die gesunde Mittelschicht? Einmal Kaffee trinken und Kuchen essen gehen zu zweit? Ein Einkauf bei DM? Ein Zoobesuch?

Aber für ihn ist es vielleicht ein Hoffnungsschimmer. Hoffnung, dass nicht alles komplett scheiße ist. Hoffnung, dass sich das Kämpfen lohnt. Hoffnung, dass man nicht aufgeben darf.

Ich hoffe, der junge Mann kommt auf die Beine.

Denn am Ende ist jeder nur das Kind einer Mutter. Nie habe ich den Satz so gut verstanden wie jetzt. Jetzt, wo ich die Mutter von Signorino bin.

Happy Dschihad

Der Eine, noch immer brav im Dienst unseres Arbeitgebers, flog im Sommer nach Jeddah, Saudi Arabien. Er arbeitete als Kabinenpersonal in der Economy Class auf diesem Flug.

Jeddah Flüge sind bekannt dafür, dass sie voll sind mit muslimischen Pilgern. Es ist immer wieder schön anzugucken, wie alle westlich gekleidet das Flugzeug in Deutschland betreten und sich eine Stunde vor der Landung umziehen. Die Pilger, sogenannte Haddschis, ganz in weiß. Die Frauen, egal ob Haddschi oder nicht, sind ausgestattet mit einer Abaya, da dies die Vorschrift in Saudi Arabien ist. Wer keine hat, der muss sich mit Decken an Bord bedecken, da es eine Vorschrift ist und man nicht ohne Abaya aussteigen darf.

(Das Kabinenpersonal darf übrigens ohne Abaya aussteigen und benötigt bis ins Hotel keine Abaya. Erst im Hotel bekommen wir Leihabayas bzw. ich bin die Strecke so oft geflogen, ich hatte irgendwann meine eigene.)

Aber zurück zum Thema. Der Eine ist kulturell sehr interessiert, trägt einen arabischen Nachnamen, aufgrund seiner ersten Ehe mit einem Araber und ist überaus herzlich im Umgang mit seinem Lieblings-Kulturkreis.

Nur kann man das leider nicht von jedem der Kollegen behaupten. Viele sind sehr bemüht, kommen aber bei den Begrifflichkeiten durcheinander. So auch der Kollege auf seinem Flug:

Beim Aussteigen verabschiedete er jeden Pilger mit: “I wish you a happy Jihad!” Er wünschte also jedem Pilger einen fröhlichen, heiligen Krieg. Wenn man die andere Bedeutung nimmt, also die Bemühung der Muslime, sich moralisch und religiös richtig gegenüber Gott und den Mitmenschen zu verhalten, hat es schon wieder fast was spirituelles. 😄

Was er aber eigentlich sagen wollte: “I wish you a happy Haddsch”.

Arabisches Essen – das wäre auf alle Fälle einen Krieg wert. 😄