Arjeta – ein goldenes Leben

[Bis der dritte Teil der Albanienchroniken fertig gestellt ist, dachte ich, dass uns ein paar leisere Töne gut tun würden an diesem Sonntag. Die Geschichte entstand vor ein paar Monaten und ich veröffentlichte sie zuerst auf story.one. Arjeta war die Lieblingstante des Römers, die plötzlich und unerwartet an einem Hirnaneurysma starb.]

„Ein gnädiger Tod.“ sagte man viele Monate später als die Tränen bei den meisten längst versiegt waren. Die Rationalität hatte wieder die Kontrolle übernommen und drängte jegliche Melancholie in den Hintergrund.

Gebetet habe sie. So wie jeden Abend vor dem Zubettgehen. Als sie die letzten Worte aussprach und sich langsam vom türkisen Gebetsteppich erhob, löste sich der Knoten des weiße Kopftuch und rutschte über ihre Stirn. Sie trug das Tuch, das ihre weißen, langen Haare bedeckte, nicht nur aus religiösen Gründen. Vielmehr trug sie es aus Pflichtbewusstsein der Tradition ihres Landes gegenüber. Mit ihren, von Pigmentflecken übersäten Händen griff sie nach dem Tuch. Doch in dem Moment, in dem sie den Knoten im Nacken festzog, fiel sie einfach um.

Eilig wurde sie ins Krankenhaus gebracht. Man versuchte gar nicht erst den Krankenwagen zu rufen, denn die Straßen sind schlecht und auf die Krankenwagen ist kein Verlass. Besim, ihr Sohn, fuhr den alten Benz. Neben ihm saß sein Vater Agron und starrte mit leerem Blick in die Nacht. Auf der Rückbank lag seine bewusstlose Frau, die schwer atmete. Ihr Kopf war im Schoß ihrer Enkelin gebettet.

Agron wollte nicht weinen, denn da, wo noch Hoffnung besteht, weint man nicht. Stakkatoartig tastete sich sein schwerer Blick an der vorbeifliegenden Umgebung voran. Wie viele Male ist er bereits mit seiner Gattin diese Straße entlang gefahren? Und wie viele Male wird er sie, mit ihrer Hand in seiner, noch entlang fahren?

Drückend still war es im Auto. Man hörte nur das Schluchzen der Enkelin, die um ihre Großmutter bangte. Immer wieder streichelte sie ihrer Oma über das weiße Haar.

Im Krankenhaus ging alles ganz schnell. Es war noch nicht zu spät. Die Ärzte handelten rasch, spritzten und verkabelten die Patientin. So lag die alternde Dame drei Tage in einem Krankenhausbett, tief versunken im Koma und überwacht von Apparaten und medizinischen Personal.

Sie lebte.

70 Jahre sei kein Alter zum Sterben, redete Agron jede Nacht aufs Neue auf Gott ein. Er lag dabei allein im großen, schweren Ebenholzbett. Ein Geschenk seiner Eltern zur Hochzeit des damals so jungen Paares. Händeringend versuchte er Erklärungen zu finden, warum die Zeit seiner Frau noch nicht gekommen sei. Nächtelang wirkte er mit akribisch ausgearbeiteten Argumenten auf Gott ein. Er sei schließlich älter als sie, erklärte er Gott in der darauffolgenden Nacht. Man solle lieber ihn nehmen. Seine Frau würde auf Erden dringender gebraucht werden als er.

Doch Agrons Gott schien nicht nach Seniorität zu handeln. Am vierten Tag nahm er seine Gattin an sich.

Fast 400 Leute kamen zur Beerdigung Arjetas, Agrons Frau. Man sagte später, dass es ungewöhnlich für eine Frau dieses Alters sei, dass so viele Weggefährten zu einer Beerdigung kommen. Normalerweise sei das nur der Fall, wenn einer von den Jungen im Viertel zu schnell fuhr und es nicht überlebte.

Doch so ungewöhnlich war es nicht. Arjeta hatte für jeden stets ein offenes Ohr. Eine mütterliche, fast schon goldene Wärme strahlte sie aus. Nie hörte man sie schlecht oder gar abfällig über jemanden reden. Sie war eine von den wenigen Personen auf dieser Welt, die so pur und rein wie frisches Bergquellwasser war.

Ihren Namen hatte sie ihrer Großmutter zu verdanken. Sie bestand darauf, das Kind Arjeta zu nennen. Der Name bedeutet “goldenes Leben“. Diesen Wunsch gab sie ihrer Enkelin mit auf den Lebensweg. Er ging in Erfüllung.

April Weisheiten

Nehmen Sie niemals einen Ratschlag von Personen an, die Sie nicht ohnehin danach fragen würden. Dies gilt auch für Ihren albanischen Schwager B., der zwar ein grandioser Geschäftsmann ist, aber von bilingualer Kindererziehung so viel Ahnung hat wie ein Regenwurm von induktiver Statistik.

Eva Farniente, die ungefragt einen Tipp von Schwager B. bekam, der da lautete, dass man mit einem Kind nicht mehr als eine Sprache sprechen dürfe, andernfalls werde es so überfordert sein, das es kläglich im Leben scheitern werde.

Ob diese SUP bilingual aufgewachsen sind, weiß ich leider nicht. Aber es sieht trotzdem nach einer Menge Spaß aus.

Frankfurt und Corona – ein Erfahrungsbericht

[Prolog: Die Überschrift verrät es: Es geht um Frankfurt und meine Erfahrungen im Umgang mit Corona. Lesen Sie den Artikel nicht, wenn Sie a) von dem Virus die Nase voll haben b) sich nicht ärgern wollen über die Unvernunft Ihrer Mitmenschen und c) eine seichte, fröhliche Geschichte mit Happy End erwarten. Und sagen Sie hinterher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.]

Sie wissen, ich bin der größte Fan der heimlichen Hauptstadt Hessens. Die Einwohner sind deutlich entspannter und redefreudiger als die wortkargen Münchner. Die Stadt bietet viele schöne Ecken und die Lebensqualität ist sehr hoch.

Doch mit einer Pandemie kann diese Stadt definitiv nicht umgehen.

Turtle, die rüstige Hotline-Hessin und der kostenpflichtige Schnelltest

Seit gestern Abend hat Turtle einen trocknen, sehr heftigen Reizhusten und Schüttelfrost. Am Wochenende war sie in Bayern bei unseren Eltern und verbrachte viel Zeit in den Zugabteilen der deutschen Bundesbahn. Da Vorsicht besser als Nachsicht ist, rief sie bei der Corona Hotline ein. Nach einer halben Stunde Wartezeit nahm eine rüstige Hotline-Hessin ab. Turtle schilderte ihr das Problem, ihre Symptome und bat um Information, wie sie jetzt verfahren sollte. Die rüstige Hotline-Hessin antwortete, dass das streng genommen keine Corona Symptome seien und sie sich keine Sorgen machen brauche. Dann wollte sie das Gespräch beenden. Doch Turtle insistierte, dass sie gerne mehr Informationen haben möchte. Die rüstige Hotline-Hessin erklärte Turtle daraufhin: „In der Uniklinik in Frankfurt können Sie einen Coronatest machen. Aber nur von 9-12 Uhr. Doch mit IHREN SYMPTOMEN wird man Sie vielleicht gar nicht dran nehmen, wenn die Gefahr besteht, dass sie Corona haben.“ Turtle war verwirrt, sagte die rüstige Hotline-Hessin doch eben, dass Turtles Symptome nicht auf Corona hindeuten würden. Turtle beschloss, dass sie bei der Hotline nicht weiterkommen würde, bedankte sich und legte auf.

Dann rief sie bei ihrem Hausarzt an. „Nein, Coronatests bieten wir gar nicht an. Aber eine Krankschreibung kann ich Ihnen ausstellen.“ erklärte ihr die nette Arzthelferin. Immerhin ein erster Erfolg. Turtle informierte sich daraufhin über die kostenlosen Schnelltests, die angeblich überall angeboten werden. Doch Fehlanzeige! Am Ende rief sie bei der AIDS-Hilfe an, die ganz in ihrer Nähe ist, da sie Coronatests anbieten. Man empfahl ihr einen Schnelltest. 40 Euro. Sie könne gleich vorbeikommen.

Der Test war negativ. Turtle hustet immer noch, düste ins Büro, nahm die wichtigsten Ordner und USB Sticks mit und beantragte Homeoffice für morgen und übermorgen. Von der Krankschreibung braucht sie keinen Gebrauch machen.

Hafenpark-Partys und Schlechtwetter-Polizisten

Sehr ärgern musste ich mich auch über diesen Artikel, der sich vor unserer Haustür abspielte. Jugendliche, die im Hafenpark feierten und deren Party von der Polizei Frankfurts schlussendlich unterbunden wurde. Dabei gilt mein Ärger allein der nachlässigen Staatsgewalt. Mittlerweile verzeichnen wir hier in Frankfurt das dritte, sonnige Wochenende. Dazwischen gab es vermehrt sehr frühlingshafte, angenehme Tage. Und an all diesen Tagen, egal ob unter der Woche oder am Wochenende, spielten sich immer wieder die ewig gleichen Szenen ab: Menschenmassen, die sich dicht an dicht durch den Hafenpark und am Main entlang schoben, Horden von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, die sich am Skatepark vergnügten. Keiner davon trug jemals irgendeine Art von Maske. Erwachsene und Jugendliche bildeten Menschentrauben, picknickten und tranken. Wer nun eine oder mehrere, patrouillierende Polizeistreifen vermutet, der irrt sich. Es kontrollierte bis zu diesem Wochenende niemand.

Denn dann löste die Polizei „Partys von feiernden Jugendlichen“ auf, nachdem man wochenlang die staatlichen Augen verschlossen hatte. Ob dabei der Grundsatz „Besser spät als nie“ noch anzuwenden ist?

Seit diesem Wochenende zeigt die Polizei rund um den Hafenpark und am Main regelmäßig Präsenz. Gestern Nachmittag, 8 Grad, leichter Niesel, windig und bewölkt, waren mindestens vier Polizeiautos anzutreffen. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass Menschentrauben und Massen an Spaziergängern bei diesen Temperaturen eher unwahrscheinlich sind.

Alles in allem ärgere ich mich über die Doppelmoral der Stadt Frankfurt. Bei begründetem Verdacht kann man sich nicht testen lassen oder man darf selbst tief in die Tasche greifen. Gleichzeitig schieben sich bei Sonnenschein seit Wochen maskenlose Menschenmassen am Main entlang ohne jegliche Polizeipräsenz.

Dass eine Stadt aus diversen Einwohnergruppen mit unterschiedlichen Auffassungsgaben besteht, sollte einer Regierung bewusst sein. Dass „Vater Staat“ aber hier ins Spiel kommen sollte um auf seine „Kinder“ aufzupassen, halte ich für selbstverständlich. Allein auf die Vernunft der Bewohner Frankfurts zu pochen, ist in etwa so als würde ich auf die Vernunft meines einjährigen Sohnes pochen, wenn ich ihm eine volle Packung Kekse in die Hand drücke und sage: „Aber nur einen, dann ist Schluss.“

Frau Keifflingers Sonntagsruhe

So stellt sich Frau Keifflinger ihre Sonntage vor

Es mag vielleicht an meiner römisch-katholischen Erziehung liegen. Vielleicht aber auch am Bundesland Bayern, das einem kontinuierlich einschärfte, dass der Sonntag heilig ist und man – um Gottes Willen – niemanden geschäftlich anruft.

Denn am 7. Tag sollst du ruhen.

Seltsamerweise ist in Hessen dieses Gesetz gänzlich außer Kraft gesetzt. Hier werden Bewerbungsgespräche, wie es scheint, grundsätzlich nur am Sonntag geführt(sic!). Rückrufe unter der Woche von einem potentiellen Arbeitgeber? Wo denken Sie hin! Das wäre zu banal. Zum guten Ton gehört es hier, den potentiellen Arbeitnehmer an einem Sonntag anzurufen.

Zugegeben: Für mich hörte die Sonntagsregel spätestens mit meinem Schichtdienst auf (und mit Schichtdienst meine ich nicht Signorino, sondern das Flugbegleiterleben). Dennoch rebelliert meine innere Hausfrau etwas, wenn es jemand wagt sonntags geschäftlich anzurufen. Frau Keifflinger, so nennt sich meine innere, bayerische Hausfrau, ist dann äußerst grantig. „Barbaren! Ois Barbaren!“ schimpft sie zeternd und zieht ihre geblümte Kittelschürze zurecht.

Der Römer in diesem Haushalt ist etwas nüchterner. Er guckt nur auf sein Handy, sieht den Anrufer und murmelt ein erstauntes „La domenica?!“ [Sonntags?!] Dann geht er gut gelaunt ans Telefon und redet mit dem Gegenüber so, als wäre es montags oder dienstags.

Man sieht, in Hessen herrschen andere Gesetze. Frau Keifflinger wird sich schon noch integrieren.

Ihnen einen schönen Sonntag ohne Anrufe von potenziellen und realen Arbeitgebern.

Das Leben meines Großvaters

Ich weiß dein Geburtsdatum auswendig. Doch deinen Todestag weiß ich nicht, obwohl er sich unaufhaltbar jährt. Irgendwann im März ist es geschehen, in einer Klinik in Bad Aibling.

Die Nähe zu den Bergen, das hätte dir sicher gefallen. Die Maschinen, die ihre Arbeit machten, dabei vehement pumpten und piepten, wohl weniger. Mitten in der Nacht bist du von uns gegangen. Daran erinnere ich mich noch, denn morgens rief mein Vater bei mir an.

Der Tag deiner Beerdigung war ein milder Märztag. Selbst der Himmel putzte sich heraus. Geschmückt war er mit ein paar wattigen Wolken, die sich gleichmäßig verteilten.

Die Kiesel der Friedhofsallee knirschten unter unseren feinen Winterschuhen als wir von der Aussegnungshalle zu deinem letzten Ort gingen. Wahrscheinlich war dein Sarg hellbraun. Aber so ganz genau weiß ich es nicht mehr. Viele Leute waren da. Das hätte dir gefallen. Jeder von uns sollte eine kleine Schaufel Erde auf deinen Sarg werfen. Die schwarz gekleideten Zaungäste um uns herum schauten sich den Vorgang mit ernster Miene an. Der Pfarrer hangelte sich routinemäßig von Gebet zu Gebet. Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zu Staub.

Am nächsten Tag betrachteten wir die Blumenkränze an deinem Grab. Man sah, dass du in vielen Vereinen warst. Dein liebster war der Spielhahnjäger Verein, Gebirgsjäger. Deine Division als du mit 19 Jahren nach der Lehre einrücken musstest. Dein bester Freund fiel ein Jahr später durch eine Granate. Du standest nur wenige Meter von ihm entfernt. Ein Granatsplitter grub sich in deine rechte Hand und verkapselte sich. Bis zu deinem Tod hast du den Splitter unter deiner Haut getragen. Gut sichtbar, gut spürbar. Loswerden wolltest du ihn nie. Es war deine Geschichte.

Bis ins hohe Alter wachtest du nachts oft schreiend auf. Außer deinen vier Kriegsgeschichten, die du uns Enkeln ab und an zum Besten gabst, wolltest du nie über diese Zeit sprechen. Diese vier mussten reichen, denn alle anderen Erinnerungen aus dem Krieg waren unaussprechlich.

Konditor wärst du gerne geworden, verrietst du mir als ich ein Schulpraktikum machen musste. Stattdessen wurdest du Lehrling in der Bank. Ein Glücksfall für einen Burschen, der in einer Baracke neben der Glaserei geboren wurde.

Zwei Tage nach deiner Rückkehr aus dem Gefangenenlager standest du wieder in der Bankfiliale. Froh warst du um dieses kleine Stück Normalität. Die damaligen Kunden haben dich erst gar nicht erkannt, so ausgemergelt warst du. Mehrere Jahre in Gefangenschaft hinterlassen ihre Spuren.

Doch ein Schlitzohr warst du schon immer. Als du in Gefangenschaft so schwach warst, dass dir alles egal war, hast du alles auf eine Karte gesetzt. „Malaria“, antwortetest du dem russischen Arzt auf die Frage was dir fehle. Ob es Mitleid war, dass er deine Freilassung abstempelte? Noch Jahrzehnte später rätseltest du.

Lieber Opa, ich möchte deinen Todestag gar nicht auswendig wissen, weil du für mich durch diese Erinnerungen nicht lebendiger sein könntest.

Zuerst erschienen auf story.one.

Februar Weisheit.

Alles im Leben hat einen Sinn. Außer, dass der Paketbote meine dringend benötigte Kontaktlinsen Bestellung ausgerechnet bei der Nachbarin abgegeben hat, die grundsätzlich nie daheim ist. Das war absolut sinnlos.

Eva Farniente, zum fünften Mal in drei Tagen vor der verschlossenen Nachbarstür stehend, kurzsichtig, aber langatmig.

Ein kurzer Sonntagsgedanke.

Ein kurzer Sonntagsgedanke.

Es gibt ein Gedicht, dass ich in jungen Jahren lernen musste. Noch heute verfolgt mich die erste Zeile, wann immer ich die Zeitung (virtuell) aufschlage:

Es ist schon wahr: nichts wirkt so rasch wie Gift!

Der Mensch, und sei er noch so minderjährig,

ist, was die Laster dieser Welt betrifft,

früh bei der Hand und unerhört gelehrig.

Die Ballade vom Nachahmungstrieb – Erich Kästner

Auch 90 Jahre später ist diese Zeile aktueller denn je.

Im Leben der Anderen

Das Leben der Mitmenschen ist deutlich einfacher zu leben als das eigene… oder etwa nicht?

Wenn ich zum Beispiel Turtles Leben hätte, wäre ich taff. Aber so richtig. Ein wahrhaftes Powerweib wäre ich. Meinen ungeliebten, aber neuen Job würde ich mit wehenden Fahnen verlassen. Die Kündigung hätte ich schon längst auf den Tisch des Chefs geknallt und ihm klipp und klar gesagt, dass ich ohne Einarbeitung nicht weiterkomme und -mache. Meine Tasche hätte ich gepackt und wäre erhobenen Hauptes aus dem Bürokomplex spaziert. Abwarten wäre keine Option gewesen – vielmehr eine Beleidigung hinsichtlich meiner Arbeitsleistung.

Turtle wartet ab – und begnügt sich mit der nicht vorhandenen Einarbeitung bei immer größeren Forderungen des Chefs.

Im Leben vom Anderen würde ich Sport machen – und zwar konstant. Mindestens dreimal die Woche. Ich würde 30 Kilo abnehmen, langsam aber zielgerichtet, denn jammern alleine würde meine Kilos nicht schmelzen lassen. Meine Ernährung würde ich umstellen, fitter werden, weniger oder gar keinen Alkohol trinken. Überall, wo es Treppen gibt, würde ich Treppen steigen – statt den Aufzug zu benutzen oder mich bequem auf die Rolltreppe zu stellen. In kleinen Schritten hätte ich sehr große Erfolge.

Der Andere hingegen hadert und geht mal mehr, mal weniger zum Sport. Mal fastet er und achtet auf die Ernährung, dann wieder lebt er im Süßigkeitenland und bestellt Pizza en masse. Abnehmen ist sein Dauerthema – und doch gelingt es ihm nicht.

Im Leben des Römers würde ich mehr Arbeitsstunden verlangen und ein höheres Gehalt. Ich würde meinem Arbeitgeber sagen, dass Überstunden zeitnah bezahlt werden müssen und ich in einem gesuchten Beruf arbeite. Wenn Sie nicht spuren, dann würde ich mir einen anderen Arbeitgeber suchen. Man muss ihnen schon das Messer auf die Brust setzen: Mehr Stunden – oder ciao kakao! Knallhart muss man sein – und das Betriebsklima wäre mir auch egal. Man kann nicht nur von einem gutem Betriebsklima leben. Meine treuen Patienten folgen mir sicher in die neue Praxis.

Der Römer bleibt, weil ihm das Betriebsklima wichtiger ist als der große Rubel.

Im Leben der anderen Mütter würde ich auch bei Dauerregen rausgehen – das Kind braucht schließlich frische Luft. Ich würde die Regenhülle des Kinderwagens festmachen, mich regenfest anziehen und hinaus in den kalten Eisregen stapfen, der mir ins Gesicht peitscht.

Ich bleibe jedoch bei Dauerregen lieber in der warmen Stube.

Ich würde für den Römer und mich viel öfter kochen – und keine Pizzaphasen haben. Wenn ich für Signorino koche, dann kann ich doch gleich problemlos für uns mitkochen.

Stattdessen kommen und gehen sie wie Ebbe und Flut: Die Pizzaphasen.

Drei Mal die Woche würde ich meinen Beckenboden trainieren. Was ich heute nicht an Muskeln aufbaue, bekomme ich morgen auch nicht wieder zurück. Yoga würde ich machen, sobald Signorino schläft. Viel weniger im Internet surfen würde ich eh. Die gewonnene Zeit würde ich nutzen um an meinem ersten Buch zu schreiben. Ein Roman – klar.

Stattdessen überlebe ich die Tage, die durch die holprigen Nächte so anstrengend sind. (Aber immerhin: Wir haben uns gebessert von besch*ssen auf nicht gut)

Wenn ich das Leben eines anderen hätte, würde ich Signorino sofort in die Kita schicken. Trennungsschmerz muss er lernen – und ich auch. Ich würde auf keinen Fall den finanziellen Gürtel enger schnallen um bei ihm daheim zu bleiben. Nein, stattdessen würden wir eine größere Wohnung suchen – davon hätte Signorino schließlich auch etwas. Generell würde ich der Luftfahrtbranche den Rücken kehren, da sie viel zu unstet ist. Egal ob Passion oder nicht – die Abfindung würde ich bereitwillig nehmen und dann postwendend verschwinden. Im Job kann man nicht immer nach Leidenschaft handeln. Es geht auch ums Geld verdienen!

Stattdessen bleibe ich daheim, wir schnallen den Gürtel enger und ich hoffe, es geht mit der Luftfahrtbranche irgendwann wieder bergauf.

Im Leben eines anderen würde ich schneller und einfacher verzeihen, mehr lachen und weniger weinen. Ich würde keine Ungerechtigkeit, auch nicht die kleinste, dulden. Ich würde stets im Hier und Jetzt leben und mir über das Morgen keine Gedanken machen. Ich würde Dinge sofort akzeptieren, die ich nicht ändern kann und gleichzeitig alles zum Guten ändern, wenn ich denn nur das Leben eines anderen hätte. Ich würde im richtigen Moment die richtigen Dinge sagen und im falschen Moment besonnen schweigen. Ich wäre stets ich und gleichzeitig die beste Version von mir selbst. Es gäbe keine Tage, in denen ich mich und meine Gedanken nicht ertragen könnte. Im Leben eines anderen bin ich mit mir zu 1000% im Reinen. Zweifel würde ich haben, aber sofort wegmeditieren – auf dass sie im Nichts verpuffen. Die alten Geschichten und Wunden der Vergangenheit würden nicht mehr an mir nagen. Stets wäre ich gerecht, würde jeden Anflug von Ungerechtigkeit meinerseits bemerken und im Keim ersticken.

Im Leben der Anderen ist’s doch ganz einfach richtig zu handeln und eine einfache Lösung zu finden.

Und einfach klingen meine Tipps für all die anderen Leben. Ganz leicht umzusetzen sind sie. Da bin ich mir sicher.

Doch wenn es so wirklich so einfach wäre, dann hätten die anderen es doch schon längst gemacht, oder?

Schlussendlich ist nichts so einfach wie es scheint. Das Leben der Anderen wäre ein Leichtes für mich. Doch gleichzeitig fällt mir meines schwer? Ja, weil niemand meinen Weg gehen muss – und niemand meinen Weg je gegangen ist. Genauso verhält es sich mit den anderen. Ich bin deren Weg nicht gegangen – und werde ihren Weg nie gehen (müssen). Begleiten werde ich ihn, aber niemals selbst beschreiten.

Wenn’s denn so einfach ist, dann leb doch dein Leben so als wär’s das der Anderen!

Traummann mit Macken

„Bitte jammern Sie leise!“ möchte ich der jungen, blonden Dame im Bürgeramt (= KVR, Bürgerbüro, Gemeinde; jeder Ort hat einen anderen Namen) zuraunen, doch die Pausen, in denen sie Luft holt, sind rar gesät. Zu allem Überfluss ist meine Reaktionsfähigkeit durch akuten Schlafentzug auch noch stark verlangsamt. Eine ungute Kombination, wenn Sie mich fragen.

Schrecklich sei das alles, sagt sie und seufzt ein bemerkenswert bemitleidenswertes Seufzen. Und überhaupt, sie sei erst 29. Da wären andere schon verheiratet und hätten ein Kind.

„Ja, ich zum Beispiel.“, denke ich und möchte die Hand heben, „Rede weniger, reise mehr und irgendwann bleibt schon einer an dir kleben wie ein Insekt an einem gefräßigen Sonnentau. Er wird dein Klagelied über das Leben, die schreckliche Bowl mit den steinharten Falafel Bällchen und dem arroganten Kellner in der Taunusstraße schon ertragen.“ Ich erschrecke etwas über meinen unangebracht arroganten und zynischen Gedanken – doch schiebe es darauf, dass mein Gehirn im stickigen Bürgeramt mit Maskenpflicht nicht genug Sauerstoff bekommt.

Dennoch räuspere ich mich um ein passiv-aggressives Statement zu setzen. Mehr traue ich mich nicht. Doch sie bemerkt es eh nicht. Besser so, denn in Wahrheit bin ich genervt und fasziniert zugleich von dem, was sie da seit Minuten am Telefon von sich preisgibt.

Sie heißt Sofia und telefoniert mit ihrer Freundin Leonie. Das haben wir neugierigen Beihörer schon in den ersten Minuten ihres Telefonats klären können. Ihre Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Sofia sehr viel redet ohne Luft holen zu müssen, Leonie sie im Gegenzug dafür nicht unterbricht und ihr zustimmt… oder mit einem Ohr zuhörend ein Klatschmagazin liest. So genau konnte ich es noch nicht herausfinden.

Ihre Dates, sagt sie, seien überhaupt nicht mehr die selben. Schwierig sei das alles. Sie seufzt erneut und man fühlt sich bei jedem weiteren Seufzer dem Weltuntergang wieder ein Stückchen näher. Wäre sie doch nur bei Markus geblieben. Er war der Richtige: gut aussehend, ein Gentleman, ein paar Jährchen älter (aber nicht so alt, dass die Leute anfangen würden zu tuscheln), geschieden, hatte eine Firma. Schlichtweg ein Traummann!

Leider gab es da diesen Mangel, der ihr das Leben schwer machte.

„Sicher die Exfrau.“ mutmaße ich in meinen Gedanken. „Oder die Kinder, die sie nicht akzeptieren. Männer mit Altlasten – das ist sicher nicht so einfach. Moment! Hatte sie überhaupt etwas über Kinder gesagt? Ach, sicher hat Markus Kinder. Zumal, jemand, der….“

Doch meine Gedanken werden harsch unterbrochen, denn es ging weiter in ihrem Text. „Ja, Leonie. Er tut es immer noch!!! Ich weiß doch auch nicht wie ich es ansprechen soll, dass es mir unangenehm ist. Ich fühle mich einfach unwohl dabei!“ Sie seufzt wieder und ich will bereits mitseufzen, konzentriere mich aber lieber auf meine Wartenummer, die hoffentlich nie bei dieser interessanten Unterhaltung auf dem Bildschirm auftaucht.

Ja, es war nicht mehr zu leugnen: Ich brannte bereits lichterloh – aus Neugier, Faszination und zu langen Wartezeiten im städtischen Amt. Jede Telenovela würde ich in diesem Moment links liegen lassen um zu erfahren, was Markus‘ dunkles Geheimnis ist.

Glücklicherweise lies ihre Antwort nicht lange auf sich warten.

„Weißt du, ich bin ja keine 14 mehr. Natürlich bin ich aufgeklärt. Zumindest würde ich mich als aufgeklärte Person bezeichnen. Meine Eltern haben auch mit mir darüber geredet. Wir haben zwar nicht lang und breit darüber diskutiert, aber zumindest die grundsätzlichen Fragen wurden geklärt.“ erzählt sie weiter und strich sich eine blonde Strähne aus dem mutlosen Gesicht.

„Sicher Sadomaso! Das machen doch jetzt alle.“ denke ich und rolle mit den Augen. „Aber ja doch. Da suchst du nach einem Gentleman, alles scheint perfekt und dann sollst du ihn auspeitschen. Oder noch schlimmer: Er dich! Man kann noch so aufgeklärt sein – ich wäre da auch restlos überfordert. Seit es da diese Bücher und diesen Film im Kino gab, drehen alle durch. Besonders, weil…“

Sie seufzt wieder und ich spitze die Ohren, weiß ich doch bereits, dass jeder neuer Seufzer einen neuen Monolog ihrerseits für das Publikum – mich – bereit hält.

„Du hast Recht. Ich werde ihm sagen, dass ich nicht so eine bin.“ sagt sie halbherzig entschlossen und ich feuere sie in Gedanken an: „Richtig so! Sag, dass dir sowas nicht gefällt! Du findest definitiv einen Besseren. Es gibt auch Markusse, die Sadomaso Praktiken komplett daneben finden.“

„Ich kann das einfach nicht. Natürlich habe ich mich eingelesen, aber wie viel kann man schon aus einem schnellen Onlineartikel für sich herausziehen? Ich bin total überfordert.“ ergänzt sie.

„Klar – wäre ich auch. Zumal ich überhaupt keinen Gefallen an sowas finden würde. Ich versteh dich, Sofia aus dem Bürgeramt.“ spreche ich ihr in Gedanken Mut zu.

„Hm… es gefällt mir definitiv. Das ganze Drumherum, die feinen Leute, die schummrige Beleuchtung. Das imponiert mir sehr. Dennoch weiß ich, dass ich dort nicht hingehöre. Weißt du, mein Papa sagt immer: Ein Esel, der sich wie ein Zebra anmalt, bleibt am Ende immer noch ein Esel.“ [*]

Sie atmet tief aus und wischt sich mit der Handoberfläche über die feuchtgewordenen Augen.

Mittlerweile finde ich sie richtig nett, diese Sofia aus dem Bürgeramt. Und: ich kann sie verstehen. Ein Sadomaso Swingerclub – da kann er noch so fein sein – da wäre ich sowas von raus. Ich würde meine Beine in die Hand nehmen und rennen! Arme Sofia! So bezaubernd kann er gar nicht sein, als dass ich meine Grundwerte verkaufen würde.

In diesem Moment leuchtet meine Wartenummer auf dem großen Bildschirm auf und ich erhebe mich in Zeitlupe, krame nach einem Taschentuch und will es ihr im Vorbeigehen geben.

Zu meinem großen Glück setzt sie ihre Geschichte fort: „Ja, du hast Recht, Leonie. Ich sage es ihm einfach. Was bringt es mir, mich zu verbiegen? Markus, werde ich sagen, ich fühle mich unwohl in einem französischen Sternerestaurant. Das Besteck überfordert mich und den Knigge kann ich nicht so schnell lesen um den Ansprüchen dort gerecht zu werden. Meine Eltern haben mir zwar die Grundlagen wie man mit Messer und Gabel umgeht, gezeigt, nicht aber wie das ganze Chichi in einem Restaurant dieser Klasse funktioniert. Dann werde ich eine theatralische Pause machen und ihm klar sagen, was ich von ihm erwarte: Markus, wenn du wieder mit mir liiert sein willst, dann müssen wir auch in ein normales Restaurant gehen können. Dieses leckere, persische Restaurant im Bahnhofsviertel zum Beispiel. Genau so werde ich’s machen.“

„Die Nummer 9345, bitte!!! Letzte Chance für die 9345!!!“ schreit es aus dem Beamtenzimmer. Schnell packe ich das Taschentuch weg und eile an Sofia vorbei.

„Alles okay bei Ihnen?“ fragt mich die nette Verwaltungsfachangestellte kurz darauf. Ich muss auf sie wirken wie das Kaninchen vor der Schlange. „Äääh…ääähm…ja. Irgendwie schon.“ Ich muss lachen und schäme mich zugleich für meine Interpretation Sofias Leben betreffend. „Hier erlebt man noch richtige Geschichten bei Ihnen.“ gebe ich perplex von mir. „Oh ja, da sagen Sie was. Bücher könnte ich über meine Arbeit hier schreiben.“ Ich nicke begeistert. „Das glaube ich Ihnen auf’s Wort.“

[*Der Römer, der die Geschichte bereits vorab lesen durfte, möchte darauf hinweisen, dass ein ägyptischer Zoo das Sprichwort mit dem Esel und dem Zebra wortwörtlich nahm. Hier z.B. können Sie den Artikel lesen: *klick*]

Vor’m Herrgott sind wir alle gleich

[Der Text hat viele bayerische Sätze – wer sich nicht durch die bayerische Version quälen will, was ich Ihnen dennoch ans Herz lege, findet die bereinigte, hochdeutsche Version am Ende des Textes – einfach runterscrollen]

Damals im Kindergarten gab es eine sehr beeindruckende Girlande. Eine Menschen- oder vielmehr Kinder-Kette, die Kinder aus allen möglichen Ländern zeigte. Sie hielten sich an den Händen und die Girlande hing im Eingangsbereich unseres Gruppenzimmers.

Damals wusste ich noch recht wenig von der Welt, aber wahrscheinlich verstand ich mehr als heute. Ich wusste nicht, dass Menschen in Kategorien eingeteilt werden aufgrund ihres Aussehens, der Ethnie, ihrer Sprache, ihres Kleidungsstils oder ihres Wohlstandes und dass man sie -je nachdem- besser oder schlechter behandelte. Ich spielte im Kindergarten am liebsten mit Laura, die sehr nett war und zwei blonde Zöpfe hatte und Angelo, der zwar gerade erst aus Italien kam und dementsprechend wenig Deutsch sprach, aber ein super Puppenvater war.

Meistens holte mich mein Opa vom Kindergarten ab, da meine Eltern noch im Büro waren. Recht genau kann ich mich an den Kommentar eines Nachbarns meines Opas erinnern. „Lossn Sie Ihr Enkelin mit de Türken spuin?“ fragte er meinen Opa während ich mit Abdul im Sandkasten spielte. „Herr Mayerhofer, genns (das sagte mein Opa immer), kümmern’s erna um Ihren Dreck!“ antwortete er. „I woits ja nua song. Net dass hinterher dann Probleme mit dena Türken gibt!“ antwortete Herr Mayerhofer. „Genns, schleichans earna! Und putzens lieba des Treppenhaus. De Woch san Sie droh!“ gab mein Opa zurück.

Später, in Opas Wohnung, bei Pichelsteiner und Brezen, fragte ich meinen Opa: Opa, was sind Türken?“ Ich war 5 Jahre alt. Für mich gab es keine Nationalitäten. Wir waren noch nie außerhalb Deutschlands im Urlaub und auch in Deutschland habe ich bis zum damaligen Zeitpunkt noch nie Bayern verlassen. „Des san Menschn von am andern Land, der Türkei. Und die wohnan jetzt hier mit uns.“ erklärte er. „Hm…“ sagte ich und schlürfte meinen Eintopf. „Und was ist der Unterschied zwischen denen und mir?“ löcherte ich ihn weiter. Ohne lange nachdenken zu müssen antwortete mein Opa: „Es gibt koan! Mir san olle vom Herrgott gmacht worrn. Loss dir nix erzähln von dem oiden Mayerhofer. Des is a Brauner!“ fügte er an. „Was ist ein Brauner?“ hakte ich nach. „Des san Menschen, die dir einredn woin, dass’s an Unterschied zwischen uns gibt. Des machan die desweng, damits de andern schlechter geht ois eana. Aber I sogs nomoi: Es gibt koan Unterschied zwischen uns olln. Am jüngsten Tag san ma alle gleich. Und dann lacht der Herrgott den Herrn Mayerhofer aus für so an Schmarrn. Und a Watschn kassiert er ah. Do bin I mir sicha! Woast, Mausal, du konnst song: Da Hans is a recht a Depp, weil er den Maibaum alloa klaun woit! Aber du konnst net song: Da Abdul is a rechter Depp, weil er net do geboren ist. Wichtig is, dass du dene Leid sogst, die so a Meinung hom, dass die olle Deppen san. Wenn’s mehra von dene gebn hätt, die amal wos gsagt hätten, damals, dann war der zwoate Weltkrieg und ois wos do passiert ist, net gwesen. Und des wär a feine Sach gworrn.“ Zufrieden mit seiner Erklärung schlürften wir ruhig unseren Eintopf weiter.

Als meine Mama mich abholen kam und im Auto fragte, was Opa und ich gemacht haben, fasste ich es für sie zusammen: „Opa sagt, braun tragen Nazis und Nazis sind schlecht. Die wollen nämlich, dass wir komisch von anderen Menschen wie dem Abdul denken und Unterschiede machen. Aber Opa sagt auch, der Herrgott macht keinen Unterschied zwischen uns. Und wer doch einen Unterschied macht, kriegt eine Watschn vom Herrgott. Wichtig ist, immer was zu sagen, wenn jemand so eine Meinung wie der Herr Mayerhofer hat, weil sonst gibt es Krieg. Und es wäre eine schöne Sache, wenn es keinen Krieg mehr gibt.“

Meine Mutter lächelte und sagte: „Da hat Opa dir aber was tolles beigebracht. Halt dich immer schön daran, denn Opa ist ein sehr schlauer Mann!“

Wissen Sie, auch mir will mein Gehirn ab und zu einen Streich spielen. Es will in einem unbeobachteten Moment Menschen in die Länder-Klischee-Kiste stecken. Imaginär hau ich mir auf die Finger und denke an den Satz meines Opas: „Vorm Herrgott san mir olle gleich! Und wer anders denkt, der kriegt a Watschn!“

[Hochdeutsche Version]

Damals im Kindergarten gab es eine sehr beeindruckende Girlande.Eine Menschen- oder vielmehr Kinder-Kette, die Kinder aus allen möglichen Ländern zeigte. Sie hielten sich an den Händen und die Girlande hing im Eingangsbereich unseres Gruppenzimmers.

Damals wusste ich noch recht wenig von der Welt, aber wahrscheinlich verstand ich mehr als heute. Ich wusste nicht, dass Menschen in Kategorien eingeteilt werden aufgrund ihres Aussehens, der Ethnie, ihrer Sprache, ihres Kleidungsstils oder ihres Wohlstandes und dass man sie -je nachdem- besser oder schlechter behandelte. Ich spielte im Kindergarten am liebsten mit Laura, die sehr nett war und zwei blonde Zöpfe hatte und Angelo, der zwar gerade erst aus Italien und dementsprechend wenig Deutsch sprach, aber ein super Puppenvater war.

Meistens holte mich mein Opa vom Kindergarten ab, da meine Eltern noch im Büro waren. Recht genau kann ich mich an den Kommentar eines Nachbarns meines Opas erinnern. „Lassen Sie ihre Enkelin mit den Türken spielen?“ fragte er meinen Opa während ich mit Abdul im Sandkasten spielte. „Herr Mayerhofer, ach kommen Sie, kümmern Sie sich um Ihren Dreck!“ antwortete er. „Ich wollte es nur anmerken. Nicht, dass es danach Probleme mit diesen Türken gibt.“ antwortete Herr Mayerhofer. „Los, gehen Sie! Und putzen Sie lieber das Treppenhaus. Diese Woche sind Sie dran!“ gab er zurück.

Später im Haus, bei Pichelsteiner (ein bayerischer Eintopf) und Brezeln, fragte ich meinen Opa: „Opa, was sind Türken?“ Ich war 5 Jahre alt. Für mich gab es keine Nationalitäten. Wir waren noch nie außerhalb Deutschlands im Urlaub, geschweige denn, außerhalb Bayerns. „Das sind Menschen aus einem anderen Land, der Türkei. Und sie wohnen jetzt hier zusammen mit uns.“ erklärte er. „Hm…“ sagte ich und schlürfte meinen Eintopf. „Und was ist der Unterschied zwischen denen und mir?“ löcherte ich ihn weiter. „Es gibt keinen. Wir sind alle von Gott erschaffen worden. Lass dir nichts vom alten Mayerhofer einreden. Er ist ein Nazi!“ fügte er an. „Was ist ein Nazi?“ hakte ich nach. „Das sind Menschen, die dir einreden wollen, dass es einen Unterschied zwischen uns gibt. Das machen sie, damit es den anderen schlecht geht. Aber ich betone es noch einmal: Es gibt keinen Unterschied zwischen uns allen. Vor dem jüngsten Gericht sind wir alle gleich. Und dann lacht Gott Herrn Mayerhofer aus für so einen Quatsch. Und eine Ohrfeige kassiert er dann auch. Da bin ich mir sicher. Weißt du, Mäuschen, du kannst sagen: Der Hans ist ein Depp, weil er den Maibaum allein klauen wollte. Aber du kannst nicht sagen: Der Abdul ist ein Depp, weil er nicht hier geboren ist. Wichtig ist, dass du den Leuten, die so eine Meinung haben, sagst, dass SIE alle Idioten sind. Wenn es mehrere dieser Leute gegeben hätte, die den Mund aufgemacht hätten, damals, dann wäre der zweite Weltkrieg und alles, was passiert ist, nicht passiert. Und das wäre eine gute Sache gewesen!“ erklärte er mir sehr ernst und schlürfte dann ruhig seinen Eintopf weiter.

Als meine Mama mich abholen kam und im Auto fragte, was Opa und ich gemacht haben, fasste ich es für sie zusammen: „Braun tragen Nazis und Nazis sind schlecht. Die wollen nämlich, dass wir komisch von anderen Menschen wie dem Abdul denken und Unterschiede machen. Aber Opa sagt, der Herrgott macht keinen Unterschied zwischen uns. Und wer doch einen Unterschied macht, kriegt eine Ohrfeige vom Herrgott. Wichtig ist, immer was zu sagen, wenn jemand so eine Meinung wie der Herr Mayerhofer hat, weil sonst gibt es Krieg. Und es wäre eine schöne Sache, wenn es keinen Krieg mehr gibt.“

Meine Mutter lächelte und sagte: „Da hat Opa dir aber was tolles beigebracht. Halt dich immer schön daran, denn Opa ist ein schlauer Mann!“

Wissen Sie, auch mir will mein Gehirn ab und zu einen Streich spielen. Es will in einem unbeobachteten Moment Menschen in die Länder-Klischee-Kiste stecken. Imaginär hau ich mir auf die Finger und denke an den Satz meines Opas: „Vor Gott sind wir alle gleich! Und wer eine andere Meinung hat, kriegt eine Ohrfeige.“