Gegenüber unserer Wohnung steht ein unscheinbarer Wohnblock. Es sind Wohnungen einer städtisch geförderten Wohnungsbaugesellschaft.
Kurzum: Massivbau aus den 70er Jahren, kein Luxus, aber funktional und günstig.
Dort lebt eine Mischung aus Familien mit Kind(ern), Pensionisten und jungen Paaren. Menschen, die in Frankfurt zu humanen Preisen wohnen wollen.
Beinahe monatlich zieht dort jemand ein und aus. Es sind schließlich einige Wohnungen, die bewohnt werden wollen.
Väter im Blaumann
In letzter Zeit ziehen ziemlich häufig junge Paare ein.
Das ist schön.
Das ist traurig.
Für das junge Glück ist es schön, in die erste, gemeinsame Wohnung zu ziehen.
Aber für die älteren Herren im Blaumann und dem Karohemd, die immer ein paar Schritte entfernt stehen, ist es traurig.
Diese Herren sind allesamt Väter. Gestandene Männer, graues oder gar kein Haar mehr, etwas Bauchansatz. Anpackende Persönlichkeiten. Das sieht man gleich.
Sie fahren hinter dem Möbelwagen her, in dem das junge Paar sitzt. Routiniert parken sie ihre Kombis in der Straße ein.
Sie kommen aus Dieburg, Langen, Koblenz und manchmal auch aus Aschaffenburg oder Hanau.
Und sie helfen dem jungen Paar. Werkzeugkiste in der Hand. Bleistift hinterm Ohr. Den Meterstab in die Seitentasche des Blaumanns geklemmt.
Sie reden nicht viel, aber packen an. Bauen auf, schrauben zusammen, parken um, hieven und schleppen Möbel. Sie haben Filzgleiter dabei und Rollen für die Möbel, damit das Parkett nicht verkratzt.
Sie wissen, wie die elektrische Hebebühne des Möbelwagens funktioniert. Sie halten auch mal kurz den Straßenverkehr auf, wenn etwas Schweres über die Straße zum Haus getragen werden muss.
Und während das Paar noch über Wandfarben diskutiert oder die Zimmerpflanzen in die Wohnung trägt, bewachen sie den offenen Möbelwagen. Die Großstadt hat eben ihren Ruf.
Die unsichtbare Liebe der Väter
Und ich, auf der anderen Straßenseite, sehe etwas, dass die Söhne und Töchter nicht sehen.
Da steht ein stummes „Ich liebe dich“ im Blaumann. Ganz leise steht es da auf der Straße und regelt den Verkehr, damit ein Esstisch über die Straße getragen werden kann. Das unsichtbare „Ich liebe dich“ misst aus, trägt Dekokugeln und Werkzeugkoffer in die neue Wohnung und hat den passenden Inbusschlüssel dabei.
Dieses Liebesbekenntnis eines Vaters an sein Kind sehe ich jetzt, wo ich keinen Vater mehr habe.
Damals, als es ihn noch gab, war ich blind dafür.
Gefühlsohnmacht einer Generation
Mein Papa kam aus einer Generation, die weder „Ich liebe dich“, noch „Ich bin stolz auf dich“ zu seinen Kindern gesagt hat. Es gab keine Gefühle, die in seiner Welt eine Berichtigung hatten, außer Wut und seltener auch Freude.
Wut durfte sein. Wut war ein berechtigtes Gefühl. Ein männliches, vermutlich.
Alle anderen Gefühle hatten keine Berechtigung und somit gab es sie nicht.
Doch mein Papa half bei meinem Umzug. Er kam mit zu meiner Wohnungsbesichtigung. Er holte mich nach einer Trennung aus der gemeinsamen Wohnung, die ich mit meinem Expartner bewohnte, im Kombi ab. Es war Weihnachten und eine verdammt lange, schweigsame Fahrt.
Mein Papa war ein grandioser Schweiger. Vermutlich war das seine größte Stärke. Zu schweigen, wenn der Karren im Dreck steckte.
Beinahe zwei Jahrzehnte später weiß ich, dass ich das „Ich liebe dich“ des besagten Expartners verloren hatte. Aber neben mir saß ein „Ich liebe dich, mein Kind, und bin für dich da“ und steuerte sicher und präzise seinen Kombi auf alleengesäumten Landstraßen durch die bayerische Provinz.
Was mein Papa fühlte, als er mich und meine hastig gepackte Reisetasche ins Auto einlud, weiß ich nicht. Er sprach, wie gesagt, nie über seine Gefühle. Dass mein Papa, in seinem Kombi, für mich da war, war ein sehr lautes „Ich liebe dich“, das ich nicht sehen konnte.
Ich mach’s mal anders!
Heute bin ich Mutter. Heute weiß ich, wie diese „Ich liebe dich‘s“ aussehen können.
Ich weiß aber auch, dass meine Liebe für meine Kinder nicht stumm bleiben soll. Täglich sage ich Signorino und Bianco, wie sehr ich sie liebe und wie wertvoll sie sind.
Ich möchte nicht, dass sie erst nach meinem Ableben merken, wie wichtig sie mir waren.
Denn ja, das schmerzt.
Es gab viele „Ich liebe dichs“ von meinem Vater. Und ich erkannte kein einziges davon.
Liebe sind Taten – und keine Worte
Heute ist sein dritter Todestag. Heute weiß ich, dass er es nicht aussprechen konnte. Heute weiß ich, dass seine Liebe Taten waren – und keine Worte. Seiner Generation wurden die Gefühle abgesprochen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Heute weiß ich, dass die Dinge, die wir tun, lauter sein können, als die Dinge, die wir sagen.
Heute sehe ich‘s.
Damals nicht.
Leiser Abschiedsschmerz
Genau wie dieser Sohn oder diese Tochter des Vaters im Blaumann, der auf der anderen Straßenseite steht und den Möbelwagen bewacht.
Sein erwachsenes Kind drückt den Vater zum Abschied. Nur ganz kurz, nur flüchtig. Er oder sie müssen weiter: Möbel aufbauen, Dinge einräumen. Die große Freiheit in der Stadt genießen.
Der Vater drückt sein Kind eine Sekunde zu lang. Das erwachsene Kind reißt sich los, rennt über die Straße zum neuen Partner.
Der Vater schleicht zum Kombi. Der Kopf, der vorhin noch so stolz war, hängt etwas nach unten. Lautlos steigt er ein, startet den Motor und fährt los. Nach Dieburg, Langen oder Koblenz. Vielleicht auch nach Aschaffenburg oder Hanau.
Er wird vermutlich schweigen auf der Heimfahrt auf der A3.
Manchmal ist ein „Ich liebe dich, mein Kind“ auch gehen lassen.

Il tuo post mi ha toccato il cuore: anch’io sono figlia di genitori che non dicevano ‚ti voglio bene‘ ma facevano i fatti. 🌹
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Grazie di cuore, cara Luisella. 💛
Alla fine pesano i fatto più delle parole. 🌷 La difficoltà e‘ sicuramente capire questa espressione d‘amore fra genitori e figli. Tanti saluti da Francoforte!
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Liebe Eva, du hast das, was auch ich kennengelernt habe, so eindrucksvoll beschrieben, dass mir die Tränen kamen, samt einer fetten Gänsehaut. 💞💕💗
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Liebe Bea,
danke für dein schönes Kompliment. 💛Manchmal sind Taten größer als Worte. Mir ist die Erkenntnis über das Unausgesprochen etwas zu spät gekommen. Viele Grüße aus dem herbstlichen (Sommer?!? Wo bist du?!) Frankfurt, Eva
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❤️
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❤️
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Liebe Eva,
jetzt hast du mich zum weinen gebracht.
Mein Vater hatte das ausdrücken seiner Gefühle wahrscheinlich im Russlandfeldzug, wo ihm die Zehen im Schützengraben abgefroren sind, verlernt.
Aber er war immer für mich da, wenn wir ihn brauchten.
Und den Stolz, der aus seinen Augen sprach, als er mich vor dem Altar an meinen Mann übergeben hat, kann ich nicht in Worte fassen.
Danke für diesen schönen Beitrag.
Trude
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Liebe Trude,
es freut mich sehr, dass dir mein Beitrag gefällt und vielen Dank, dass du deine Erinnerungen teilst. 💛 Was du über deinen Vater schreibst – das Verstummen durch das Erlebte, aber zugleich der Stolz in seinen Augen, als er dich zum Altar führte – haben mich sehr berührt. Die Liebe war immer da – nur sie konnte nie in Worte gegoßen werden. Umso schöner, dass er sie dir durch Taten zeigte und du sie erkannt hast.
Hab einen feinen Sonntag und liebe Grüße, Eva
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Wunderbar beschrieben, liebe Eva. Eine Hommage an eine missverstande Generation. Liebe Grüße Lore
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Danke dir, liebe Lore. Besser hätte ich es nicht zusammenfassen können. 😃 Viele, liebe Grüße, Eva
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Wunderschön geschrieben. So tief und so wahr.
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Danke dir, liebe Sonja. Dein lieber Kommentar freut mich sehr! 💛
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Vielen Dank für diesen berührenden Text, da kamen mir auch kurz die Tränen. Auch mein Vater konnte dieses Gefühlsdings nicht, und meine Mama erst jetzt ein bisschen wo sie schon mehr auf meine Hilfe angewiesen ist. Jetzt dankt sie mir manchmal mit ungelenken Worten, dass ich mich um sie kümmere und ich sag, du hast dich ja auch immer um mich gekümmert und dann weinen wir beide ein bisschen. Bei meiner achtzehnjährigen Tochter versuche ich, es besser zu machen aber klappt auch nicht immer. Ich denke aber sie weiß, dass ich sie liebe.
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Lieber Herr ICE-Fahrer,
danke für Ihren wunderbaren Kommentar. Wie viel Liebe und Verbundenheit zwischen den Zeilen steht – zwischen Eltern und Kindern, zwischen Generationen – das rührt mich wiederum zu Tränen. 💛
Dass Sie versuchen, es anders zu machen, zeigt, wie sehr Sie reflektieren und wie tief Ihre Liebe zu Ihrer Tochter ist.
Danke für Ihre Zeilen und viele Grüße aus Frankfurt, Eva
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Dein Text geht so schön ins Herz. ❤️
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Vielen, lieben Dank! Ich musste beim Beobachten der Väter beim Umzug und beim Verfassen des Textes auch ein paar mal ein Taschentuch benutzen.
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Ach – das hast du wirklich wirklich schön geschrieben. Ich bin jetzt ein bisschen traurig, aber gut traurig. Danke
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Das hast du sehr schön ausgedrückt. Vielen, lieben Dank! 🤩
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Liebe Eva,
Deine Geschichte ging mir ins Mark, so traurigschön beschrieben, die Kriegsväter und -mütter gaben es an die Generation nach ihnen weiter, sie taten definitiv ihr Bestes, mehr ging nicht, und wir als Nachfolge Generation kannten es ebenso nicht wirklich anders, Gefühle durften keinen Platz haben und finden, sensible Kinder hatten es besonders schwer, damit zurecht zu kommen. Erst jetzt im fortgeschrittenen Alter erkennt man selbst, welche Defizite auch wir noch auf der Gefühlsebene erlebt haben, umso schöner ist es, wenn man es spät, aber nicht zu spät überhaupt erst mal erkennt und bei der jungen Generation und deren Kindern all die Liebe ausdrücken darf, die so lange unterdrückt werden musste. Es ist nie zu spät, sich das zu „trauen“. Den jungen Eltern wünsche ich, dass sie ihren Kindern täglich zeigen und vor allem auch bewusst aussprechen, wie lieb sie ihre Kinder haben, wie stolz sie auf sie sind, auch wenn es mal Ärger im Alltag geben sollte. Spätestens beim Zu Bett Gehen der Kinder darf und sollte diese Herzensliebe „präsent sein, das schönste und wertvollste „Betthupferl“ sein.
LG
salveocampus
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Liebe Salveocampus,
vielen Dank für deine mitfühlenden Zeilen. Schöner kann man es nicht ausdrücken: Es ist nie zu spät, um Gefühle auszudrücken. Und: Keiner macht(e) es absichtlich.
Viele, liebe Grüße, Eva
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Schön und ergreifend geschrieben.
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Danke dir, lieber Tom!
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Liebe Eva, das ist sehr schön, danke. Ich musste an dieses Buch denken (für die Kleinen)
https://www.dtv.de/dtv-verlagsgesellschaft-mbh-co.-kg/weisst-du-wo-die-liebe-wohnt-/76363
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Liebe Frau Life Science,
herzlichen Dank! Was für ein bezauberndes Buch. Das kaufe ich sofort für die Kinder (und mich 😉). Je früher die Kinder lernen, wo Liebe drinsteckt, desto besser. 😃 Herzliche Grüße!
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