Das zehnte Türchen des germanoitalbanischen Adventskalenders

[Die Auflösung von Tag 9 finden Sie wie immer am Ende]

Fakt Nummer 10

Haben Sie sich schon einmal den Fuß gebrochen? Eine unschöne Geschichte, oder?

Auch mir ist es passiert. Wie ich es angestellt habe, erkläre ich Ihnen hier:

Ich hatte ein schönes WG Zimmer im Zentrum Frankfurts. Da ich meist beim Römer in Rom war, reichte mir das kleine Zimmer, falls ich doch einmal eine Schulung oder Frühdienst hatte.

Es war Februar, grau in grau. Gleich sollte meine Schwester Turtle vorbeikommen und wir wollten einen Kaffee zusammen trinken gehen. Ich saß in der großen Wohnküche unserer Wohnung. Wie schon seit meiner Jugend hockte ich im Fersensitz auf einem Stuhl, weil das meine Lieblingsposition war. Leider schliefen dabei ab und zu meine Füße und Beine ein. Heute hatte ich Glück: Nur der linke Fuß schlief tief und fest. Der rechte war quietschfidel. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, denn Turtle wollte in 5 Minuten da sein. Warten bis Fuß und Bein aufwachen? Ach ne! Ich ging also schnell Richtung Küchentür, stolperte über meinen Fuß und hörte ein Geräusch als würde ein Ast durchbrechen. Sofort wurde mir schwarz vor Augen und ich fühlte mich als müsste ich mich übergeben. Ich stützte mich an der Wand ab und ließ mich langsam auf den Boden gleiten. „Das wird doch jetzt nichts Ernstes sein, oder?“ fragte ich mich am Boden sitzend. Ich kramte nach meinem Telefon in meiner Hosentasche. Letzter Anruf, Turtle. Ich klickte drauf. „Turtle, ich glaube, ich habe mir weh getan.“ jammerte ich und war zwischen Lachen und Weinen. „Okay, in einer Minute steh ich vor deiner Tür.“ Ich stand auf, hangelte mich an der Wand entlang und wartete an der Wohnungstür. Außer mir war niemand zu Hause. Turtle klingelte, ich machte auf und ihr Blick fiel auf meinen Fuß. „Oh.“ war ihre knappe Antwort. „Das ist ja recht geschwollen. Kannst du auftreten?“ fragte sie mich. „Ganz schlecht. Was meinst du? Muss ich ins Krankenhaus?“ wollte ich ihre Meinung wissen. „Ja, besser ist das.“ gab sie zurück.

Wir fuhren ins Krankenhaus, ich wurde geröntgt und man sah recht deutlich, dass der 5. Mittelfußknochen glatt durchgebrochen und Nummer 4 angebrochen war. Sofort bekam ich einen Gips, Schmerzmittel und Thrombosespritzen. Operiert musste es glücklicherweise nicht werden.

Der Römer konnte am Telefon gar nicht fassen, dass ich mir daheim, in der Küche, auf geradem, trockenen Boden den Fuß gebrochen habe.

Tja, was meinen Sie? Bin ich so ein Genie oder war es doch nur eine erfundene Geschichte?

Fortsetzung der großen Albanienreise von Tag Nummer 9

Reiseland: Albanien – Mentalität und Erfahrungen aus meiner Sicht

Getränke

Um Gottes Willen, bitte trinken Sie kein Wasser, wenn Sie eingeladen werden. Ich habe es (mal wieder), ausprobiert und hätte dem Gastgeber auch ebenso gut ins Gesicht spucken können. Red Bull* – it is! Dieser pappsüße Energiedrink sollte das Getränk Ihrer Wahl sein. Das liegt daran, dass es das teuerste, nicht alkoholische Getränk in Albanien ist und wie wir gelernt haben: Für den Gast nur das Beste und Teuerste! Wer den Gastgeber nur dezent beleidigen will, der trinkt einen Espresso (der geht bekanntlich immer) oder einen Softdrink. Aber bitte niemals, niemals Wasser!

Küsschen links, Küsschen rechts

Die junge Generation können Sie getrost mit Küsschen links und Küsschen rechts oder einer Umarmung begrüßen. Die ältere, männliche Generation bitte nicht. Geben Sie artig die Hand und fallen Sie dem 55jährigen Schwager bei einer Hochzeit nicht um den Hals. Auch nicht, wenn Sie schon mehrere Urlaube mit ihm und seiner Familie verbracht haben. Das Erdloch, in das Sie versinken möchten, weil fortan auf dieser Veranstaltung getuschelt und gelacht wird, kann gar nicht so schnell ausgehoben werden wie Sie es sich in diesem Moment wünschen würden.

Religion

Erwähnen Sie beim Römer nicht, dass er nur Moslem ist, weil seine Vorfahren Steuern sparen wollten. Auch wenn Sie eventuell Recht haben, man muss auch wissen, wann man schweigen muss. Bis zum Ende des Kommunismus war jede Art von Religion untersagt. Kirchen und Moscheen wurden zu Lagerhallen und Ställen umfunktioniert. Man betete heimlich und unbemerkt im Keller und brachte seinen Enkeln leise flüsternd bei Kerzenschein bei wie man betet. Mittlerweile darf jeder seinen Glauben ausleben wie er möchte. Das spiegelt sich auch in den Moscheen und Kirchen wieder, die friedlich nebeneinander stehen. Sowohl muslimische als auch christliche Feste sind Feiertage in Albanien. Man respektiert und achtet sich. Wichtiger als die Religion ist für die Albaner, dass ein Albaner eine Albanerin heiratet. Welche Konfession sie/er nun hat, ist Nebensache.

Kopftuch

Ja, Kopftücher werden getragen. Doch eher selten aus religiösen Gründen. Viel mehr aus Tradition. Ihnen werden in Albanien meist ältere Frauen mit schwarzen oder weißen Kopftüchern begegnen. Die Farben wiederum sind dann doch Religionen zugeordnet: Schwarz tragen die Christen, weiß die Muslime. Meine Schwiegermutter sieht zum Beispiel ganz entzückend aus mit ihrem weißen Kopftuch, dass den langen silbergrauen, französischen Zopf verbirgt. Es rutscht ihr immer wieder etwas herunter und sie bindet es stündlich drei Mal neu.

Albanistan

Ja, die Albaner wissen, was die meisten von ihnen denken: „Diebe, Drogenschmuggler, Autoschieber, Frauenhändler, Kriminelle.“ Einmal sagte der Römer nach der x-ten Job-Absage: „Ich mag nicht mehr. Die denken doch eh alle, ich komme aus Albanistan.“ Und genau dieser Satz brachte es, zum Leidwesen der -stan-Länder, auf den Punkt. Ja, viele denken und dachten (mich eingeschlossen), dass dieses Land hochgradig kriminell ist. Sie erwarten zahnlose Bettler oder Mafiosi mit schweren Goldkettchen, wenn sie am Flughafen ankommen. Aber glauben Sie mir: Dieses Land ist wahnsinnig facettenreich, offen, herrlich lustig (vielleicht auch nur für mich), gastfreundlich und interessant, weil es diese wunderbaren Einwohner hat, die es eben zu dem machen, was es ist. Albanien ist nicht Albanistan – es ist eine Perle am Mittelmeer, die nur von einigen, wenigen Angeheirateten und ein paar Abenteurern entdeckt wurde. Einerseits würde ich mir wünschen, dass es so bleibt. Andererseits würde ich den Albaner einen nachhaltigen Tourismus wünschen, der vielleicht dem ein oder anderen Wohlstand erlaubt. Verstehen Sie mich richtig: Es gibt Arme und Reiche in diesem Land, aber die Schere geht zu weit auseinander. Und das ist sehr schade!

Die Küche

Fleisch! Fleisch! Ach, und Fleisch! Vegetarier werden liebevoll toleriert. Für sie findet man schließlich Schafskäse, Börek, Reis, Gemüse und Obst aus dem Garten, auch gekochte Eier und was der Kühlschrank sonst noch so hergibt. Veganer werden freundlich in der Wildnis ausgesetzt. Sie könnte man es wohl zusammenfassen. Das Land am Mittelmeer bietet neben Fleisch auch Fisch, der besonders im Charli Max Marina Restaurant* in Durres herausragend schmeckt.

Lebensmittelvergiftung

Ja, auch in Albanien sollte „peel it, boil it, cook it or forget it!“ gelten. Besonders im Hinterland kann es einem passieren, dass einen Skanderbegs Fluch ereilt.

Ein befreundeter Italiener, der eine Albanerin geheiratet hat, sagte mir einmal: „Weißt du, ich bin weitgereist. Von Südamerika über Asien bis nach Australien. Aber nie in meinem Leben hatte ich so eine Lebensmittelvergiftung wie in Albanien.“

Und das kann ich so unterschreiben.

In Tirana hatte ich nie Probleme. Egal, wo wir gegessen haben, es war immer gut und an meinen mitteleuropäischen Verdauungstrakt angepasst. Aber im Hinterland, in Korça, sah ich dem Tod ins Auge nach einer Pizza mit viel Käse. Nur durch die großzügige Bakshish Gabe meines Schwagers an der Rezeption des Krankenhauses, bekam ich eine lebenserweckende Infusion. Die Fischsuppe danach, die mir mein Schwager aufschwatzte, war dann wiederum kontraproduktiv, aber irgendwie schafften wir es nach Tirana. (Die Geschichte tippe ich ihnen mal extra ab)

Krankenversorgung

Die gute Nachricht zu erst: Jeder, egal ob Tourist oder Staatsbürger, wird kostenlos medizinisch behandelt. Die schlechte Nachricht ist: Die Qualität ist nicht immer die gewohnte Mitteleuropäische. Wenn man einen gebrochenen Fuß hat, ist man sicher auch dort gut aufgehoben, solange der Bruch nicht zu kompliziert ist. Tirana verfügt unter anderem über gute Privatkrankenhäuser wie das American Hospital mit vielen, meist italienischen Ärzten. Und hier ist das Problem: Wer genug Geld hat, kann sich diesen Luxus leisten. Auch wer eine Auslandskrankenversicherung hat, wird dort bestens behandelt. Die einfache Bevölkerung kann nur beten und hoffen, dass es schon irgendwie klappen wird.

Krankenhäuser außerhalb der Hauptstadt können schon sehr in die Jahre gekommen sein. Dazu sind sie auch sehr überlastet mit Patienten.

Ich denke, es spricht für sich, wenn der albanische Premierminister sich bei einem Herzproblem lieber in die Charité nach Berlin* ausfliegen lässt.

Autofahren

Wer sich wirklich einen Mietwagen nehmen will (so wie ich!), der sollte besser auf der Hut sein. Auf einem kurzen Abschnitt von Gjiri i Lalzit zur nächstgelegenen, größeren Hauptstraße liefen mir vor’s Auto: Zwei Hunde, eine rollende Wassermelone vom Fruchtstand, eine Schafherde hinter einer Kurve, Badegäste mit lebensgroßen Gummikrokodil auf dem Weg zum Strand und ein betrunkener Greis auf einem Fahrrad. Wer sich das Fahrtraining nach dem Führerschein sparen will, sollte definitiv einen Mietwagen in Albanien buchen und am lebenden Objekt üben. Wer in Tirana Auto fahren will, der sollte tiefenentspannt sein. Wie Sie wissen, bin ich weit davon entfernt und bahnte mir fluchend, kreischend, hupend und betend den Weg durch diese Stadt. Der Römer bremste entweder imaginär mit, kommentierte mit „madre mia!“ oder drohte mit Scheidung und sofortigem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung. Als er dann noch „Amore, go with the flow!“ kommentierte, hielt ich am Skanderbeg Platz an, warf ihn aus dem Auto, drehte eine extra Runde bis ich mich beruhigt hatte und holte ihn wieder ab.

Hochzeiten

Wer das Glück hat auf einer albanischen Hochzeit eingeladen zu sein, sollte grelle Farben mit viel Glitzer tragen. Hohe Plateau Schühchen sind kein Vergehen, sondern gern gesehen. Der Friseurbesuch gehört zum guten Ton, das Make-Up sollte von einem Make-Up-Artist gemacht werden, der Sie so verwandelt, dass Sie sich hinterher nicht mehr erkennen. Und: Bitte am Schmuck nicht sparen!

Da ich weder zum Friseur gehe, noch zum Make-Up-Artist, bekomme ich einen „Ausländerbonus“.

Wer nicht tanzt, wird solange aufgefordert bis er sich zähneknirschend dazu bereit erklärt. Wer nicht freiwillig will, der wird auf die Tanzfläche gezogen. Und dann wird der Pogonishte Tanz getanzt bis die Hochzeit für beendet erklärt ist.

Ein Garant für gute Laune ist bei meiner Familie übrigens der Napoloni Song. Auch wenn die Stimmung zu einer Talfahrt anzusetzen scheint, wird mit diesem Lied die Partyrakete gezündet und die Laune der Gäste geht steil bergauf!

Auch bei privaten, innerdeutschen Autofahrten kann man damit dem eingeschnappten Römer eine Freude machen. Er würde es nie zugeben, aber er entspannt sich sofort und summt fröhlich mit.

Hier kommen meine Geheimtipps für albanische Hochzeiten:

  1. Wer, wie ich, bei der Schrittfolge Schwierigkeiten hat, den Rhythmus aber gut halten kann, der trägt ein extra langes Kleid. Vorteil: Keiner sieht die Füße, die wirr durch die Gegend stolpern. Es hat mich drei albanische Hochzeiten gekostet, diesen Trick für Sie herauszufinden!
  2. Nehmen Sie sich hautfarbene Ohrenstöpsel mit. Die Musik ist so laut, dass ich selbst in meinen wildesten Diskozeiten weniger Ohrensausen hatte. Noch zwei Tage danach werden Sie ein lautes, penetrantes Summen hören.
  3. Wer das große Glück hat einen noch sehr kleinen Signorino zu haben, darf gänzlich daheim bleiben. Die Lautstärke und der Trubel sind zu viel für die Kleinsten.

Auflösung von Tag 9

Na, wer hat’s gewusst? Die Geschichte ist tatsächlich passiert – nur leider nicht mir, sondern meiner Lehrgangskollegin. Sie können sich nicht ausmalen wie neidisch wir, der Andere und ich, waren. Und sie bestätigte mehrmals, dass sie namentlich von ihm angesprochen wurde. Hach!

*Werbung unbezahlt

Das neunte Türchen im germanoitalbanischen Adventskalender

[Die Auflösung von Tag 8 finden Sie wie immer am Ende]

Fakt Nummer 9

Es war einer meiner ersten Flüge auf Kurzstrecke. Obwohl ich bereits vier Monate auf einem Langstreckenflugzeug flog, war ich dennoch aufgeregt, da die Kurzstrecke für mich komplettes Neuland war. Wir flogen an Tag 2 meiner Tour nach Mailand Malpensa. Die Gäste stiegen aus, die netten Damen und Herren vom Putztrupp machten das Flugzeug wieder ansehnlich und der Co-Pilot holte caffè für die ganze Crew irgendwo in der Nähe unseres Gates. Nach einem kurzen Turnaround sollten wir wieder zurück nach Frankfurt, um dann weiter nach Warschau zu fliegen und dort zu nächtigen.

Kurz bevor das Cleaning Personal fertig war, kam ein äußerst aufgeregter Stationsmanager an Bord: „Ragazze! [Mädels] Heute ist euer Glückstag!“ posaunte er heraus. „Auf 1C wird gleich ein berühmter US-Schauspieler einsteigen, der hier in der Nähe ein Haus hat.“ Mir fiel die Kinnlade herunter und ich brachte keinen Ton mehr heraus. Die Purserette nickte selig. „Na, dann schick ihn mal zu uns oder steigt er als letzter Gast ein?“ Der Stationsmanager lächelte: „Esatto! [Genau] Herr X steigt mit seinen beiden Bodyguards am Ende ein um den Einsteigevorgang nicht zu behindern.“

Ich zitterte vor Aufregung. Die Kabinenchefin bemerkte es sofort und schenkte mir ein Glas Wasser ein. „Alles gut. Er ist ein Gast – wie jeder andere auch.“ Das beruhigte mich nicht wirklich.

Die Gäste stiegen ein. Wir begrüßten jeden sehr freundlich. Da die Passagiere nicht wenig Handgepäck dabei hatten, musste ich zusammen mit den Passagieren ab dem letzten Drittel des Einsteigevorgangs Koffer-Tetris in der Kabine spielen. Letztendlich passte irgendwie dann doch alles. „Boarding completed.“ schalltes es durch den Metallvogel. Ich ging nach vorne Richtung Cockpit. Fragend guckte ich die Purserette an. Sie verwies mit ihrem Blick auf Sitzplatz 1C.

Ich folgte ihrem Blick und sah ihn. Wow! Ein Bild von einem Mann im dunklen Rollkragenpullover und gut sitzender Anzughose. Er las gerade. „Jetzt habe ich alles erlebt, was ich jemals erleben wollte. Von mir aus kann ich jetzt glücklich sterben.“ murmelte ich gedankenverloren. „Ne, ne, du! Erst beendest du noch die 5 Tagestour mit mir.“ scherzte meine Chefin.

Da wir eine sehr kleine Businessclass mit einer Hand voll Passagieren hatten, durfte ich direkt in der Economy Class anfangen zu arbeiten. Das wiederum war mir sehr recht, denn ich war äußerst nervös.

Als ich in der Touristenklasse fertig war, zog ich meinen Getränkewagen zurück in die Bordküche. Gerade wollte ich alles abbauen, da nahm mir meine Vorgesetzte die zu verstauende Flasche aus der Hand. „Ne, ne, lass mal. Räum du mal lieber in der Businessclass ab.“ Ich lief rot an. „Im ernst?“ stotterte ich. „Warum? Habt ihr das nicht im Grundlehrgang gelernt?“ zog mich die Purserette auf und zwinkerte. „Doch, aber ohne US-Schauspieler.“ flüsterte ich peinlich berührt. „Ja, dann machst du jetzt genau das, was du gelernt hast. Nur eben mit Schauspieler!“ antwortete sie mir und schob mich in die Kabine.

Verdammt! Herr Schauspieler hatte fertig gegessen. Ich näherte mich und fragte höflich und stotternd, ob ich abräumen darf. „Oh, thank you, Miss Farniente. It was delicious!“ Ich lächelte und völlig diffuse Gedanken rasten durch meinen Kopf: „Nicht umfallen! Nicht ohnmächtig werden! Er hat mich gerade mit Namen angesprochen. (KREISCH!!) Kann mich mal jemand kneifen? Ah, ich sterbe! Nicht ohnmächtig werden! Nicht stolpern!“

In der Küche musste ich mich erst einmal setzen. „Und?“ fragte die Purserette belustigt. Ich grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Er hat mich mit Namen angesprochen.“ säuselte ich. „So machen das echte Gentlemen. Und er, my dear, ist einer der alten Schule.“

Der restliche Flug verlief ereignislos. Immer wieder erhaschte ich einen Blick auf den Schauspieler durch den geschlossenen Vorhang und drehte mich schnell weg. Er sollte sich schließlich nicht beobachtet fühlen. (Hihi!)

Als wir in Frankfurt am Gate ankamen, gab er sowohl meiner Chefin als auch mir die Hand: „Miss Langer, Miss Farniente! Thank you for the excellent service you provided on this flight. Have a wonderful day!“ [Frau Langer, Frau Farniente! Vielen Dank für den exzellenten Service auf diesem Flug. Ihnen einen wundervollen Tag!]

Die Purserette antwortete höflich für uns beide. Ich hingegen grinste dämlich. Was für ein Flug!

Was meinen Sie? War das ein Höhenflug meiner Fantasie? Oder doch ein wahres Märchen?

Reise Nummer 9

Auch heute geht es noch ohne Hilfe des Einen in Sachen Reisen.

Es geht in den Südosten Europas: Nach Albanien.

Flugzeit (ab Frankfurt): 2 Stunden

Taxikosten: Vom Flughafen Nene Tereza (Mutter Teresa) ins Stadtzentrum kostet ein Taxi 20 Euro. Man kann natürlich in der Landeswährung Lek zahlen, aber auch Euros (oder US Dollar) sind gern gesehen.

Währung: In einigen Restaurants und Geschäften kann man in Euro zahlen, da es eine stabile Währung ist. Dennoch empfiehlt es sich, sich Lek am Geldautomaten zu holen, da der Europreis immer etwas höher als der Lek Preis ist.

Bevor wir zu den Sehenswürdigkeiten, den Hotels und Restaurants übergehen, wollte ich mit Ihnen über meine Erfahrungen des Exoten am Balkan sprechen.

Gastfreundschaft und Service

Ich habe selten ein so gastfreundliches und hilfsbereites Volk wie das albanische kennengelernt. Sie sind authentisch herzlich und geben ihr letztes Hemd. Wenn man Hilfe braucht, kennen sie immer irgendeinen, der irgendeinen kennt, der einem helfen kann. Die Gastfreundschaft ist tief im Kanun, dem Gewohnheitsrecht der Albaner, verankert. Tatsächlich gibt es diverse Geschichten während des 2. Weltkrieges, in denen Albaner lieber ihr Leben gaben, als dass sie einen jüdischen Gast auslieferten.

Nun trifft diese Eigenschaft auf Albaner im Privatleben definitiv zu. Nicht aber auf den Service in Hotels und Gaststätten. Dieser mag oft arg reserviert, äußerst schüchtern und manchmal auch arrogant wirken. Meist sind es junge Burschen, die in Restaurants arbeiten. Es wirkt wie „gewollt, aber nicht gekonnt“. Wer mit einem Schweizer Servicestandard (Sie merken, mein Lieblingsland, wenn es um ausgezeichneten Service geht) nach Albanien kommt, sollte besser beide Augen zudrücken.

Die Sprache

Bitte, bitte, bitte erwähnen Sie nie vor einem Albaner, dass er eine slawische Sprache spricht. Sie könnten genauso gut seine Mutter beleidigen und seine Schwester als „hässliche Kuh“ betiteln. Die Albaner betonen immer und immer wieder, dass sie vom edlen Volk der Illyrer abstammen. Sie sind definitiv keine Slawen! Und somit haben sie im indogermanischen Sprachenbaum einen eigenen Ast, der albanisch heißt. Wenn Sie nun behaupten möchten, dass Albanisch Einflüsse aus dem Italienischen und dem Alt-Griechischen hat, so wird Ihnen ein Albaner höflich (aber bestimmt!) antworten, dass die eben genannten Sprachen wohl eher Einflüsse aus dem Albanischen haben. Ich habe es für sie ausprobiert! Vertrauen Sie mir ruhig. Loben Sie stattdessen die Einzigartigkeit dieser Sprache mit dem amerikanisch anmutenden R. Wer in der Lage ist in seiner Aussprache ein dh von einem th zu unterscheiden, verdient ein großes Lob. Und wer qen (Hund) fehlerfrei aussprechen kann, verdient die sofortige Ehreneinbürgerung in Albanien. Und nein, das q wird nicht als qu ausgesprochen. Das wäre auch zu einfach.

Der Nationalheld

Sie kommen nicht um ihn rum: Gjergj Kastrioti oder den meisten unter dem Namen Skanderbeg bekannt. Er war ein albanischer Fürst, der sich den Osmanen entgegenstellte und mutig gegen sie kämpfte. Nebenbei war er auch ein Sprachtalent und konnte sechs Sprachen fließend. Viele Sprachen sprechen zu können ist wohl eine albanische Krankheit.

Geboren ist Skanderbeg in Kruje, einer Stadt unweit von Tirana. Dort kann man noch heute in der Festung (mit Blick auf’s Meer, aber nur wenn Sie ganz genau gucken) viel über ihn lernen und erfahren. Wenn Sie Glück haben, können Sie auch alle 100 Meter einen Cousin des 4.-15. Grades des Römers kennenlernen. Wir hatten 2018 dieses Glück und begegneten 5(!) Cousins allein beim Aufstieg zur Festung.

In Rom gibt es übrigens eine große Skanderbeg Statue. Sie steht auf der Piazza Albania in Testaccio. Unweit davon entfernt, lebte der Römer. Ob er sich aus Heimweh oder aus Nationalstolz die Wohnung in unmittelbarer Nähe zur Piazza Albania gesucht hat, ist nicht überliefert.

Ich – auf der Festung Skanderbegs.

Die Mentatlität

Nun, sagen wir es wie es ist: Nicht nur einmal habe ich mich mit albanischen Freunden vom Römer angelegt, weil Emanzipation zwar ein schönes Wort ist, jedoch wird am Ende des Tages gemacht, was der Herr des Hauses sagt. Bei weitem sind nicht alle Albaner so, aber ich konnte feststellen, dass besonders die Albaner, die niemals Albanien verlassen haben, weit weg vom Thema Emanzipation sind. Geheiratet wird früh, meist mit Anfang 20. Das liegt auch daran, dass Beziehungen zwischen jungen Leuten offiziell nur existieren dürfen, wenn sie verlobt sind. Ansonsten sind sie vor den Eltern geheim zu halten. Wer sich dem frühen Heiraten widersetzt, wird komisch beäugt, so wie meine Nichte Elda, die lieber in ihre Bildung investiert und in Mailand studiert.

Familie

Wer nun glaubt, dass albanische Frauen zwar früh heiraten und dementsprechend früh Kinder bekommen, dafür aber recht ungebildet sind, der täuscht sich. Das Kind hat eine Legion an Betreuungspersonen: Von der Oma (der Mutter der jungen, albanischen Frau) über Tanten, Schwestern, Uromas und nicht selten Ur-Uromas. Die junge Mutter studiert einfach weiter, denn für den Sprössling ist, auch ganz ohne Kitas, gesorgt. Erziehung ist ein generationsübergreifendes Projekt. Das Paar, das weit weg von der Familie in einer Großstadt lebt und das Kind in die Kita geben muss? Undenkbar!

Genauso undenkbar sind Altenheime. Es wird als Schande angesehen, wenn Sie Ihre Mutter oder Ihren Vater im Heim betreuen lassen. Die alte Regel in Albanien besagt: Der jüngste Sohn (mit seiner Familie) betreut Mama und Papa, die bei ihm im Haus wohnen. Da die Töchter der alternden Eltern zu ihren Ehemännern ziehen, können sie sich zwar um ihre Eltern kümmern, nicht jedoch mit ihnen zusammen wohnen. Natürlich ist es mittlerweile nicht mehr so engstirnig wie damals. Auch Eltern ziehen zu ihren Töchtern. Oder der zweitjüngste Sohn wohnt mit seiner Familie und den Eltern zusammen, weil der jüngste Sohn lieber mit seiner deutschen Frau in Frankfurt wohnt. Aber prinzipiell besteht dieses ungeschriebene Gesetz.

Familien sind hier, besonders bis Ende des Kommunismus, extrem groß. Cousins und Cousinen werden in Grade unterteilt. Der erste Grad wird behandelt wie ein eigener Bruder oder eine eigene Schwester. Cousins und Cousinen gibt es in allen Altersklassen: Vom gestandenen Mann/Von der gestandenen Frau bis zum Säugling.

Signorino (mit seinem knappen Jahr) ist beispielsweise der jüngste Sprössling der römisch-albanischen Familie. Sein ältester Cousin 1. Grades ist 45 Jahre alt. Sie können sich folglich ausmalen, dass die römische Schwester mit 40 Jahren bereits Oma ist und die römische Mutter mit knackigen 70 Jahren bereits Uroma.

Verwandte im Ausland

Es gibt kaum eine Familie, die keinen Verwandten im Ausland hat: Meist in Italien, den USA oder der Schweiz. Aber auch in Deutschland oder Österreich gibt es sie: Die Auslandsalbaner. Man erkennt sie häufig schon am Nachnamen: Die Endung -(a)j oder -i verrät sie, sowie die Verwendung von -xh und-gj. (Istrefi, Prelaj, Xhiaj, Gjokaj). Wenn Sie mit dem Nachnamen Xhiaj (Aussprache: Schi-ai) übrigens in ein römisches Krankenhaus eingeliefert werden, ruft das Personal „Signor Xiai?! Signor Xiai?!“ durch’s Zimmer und erwartet eher einen schmächtigen Asiaten als einen bärtigen, grummeligen Albaner.

Die albanischen Männer

Jemand trug mir einmal diesen Satz zu und ich fand ihn, besonders im Bezug auf den Römer und seine weitläufige Familie, sehr passend: „Die deutschen Männer möge es als Angestellte zu arbeiten, da sie wie Hunde sind. Aber wir Albaner, wir sind Katzen. Wir müssen unser eigener Chef sein.“ Natürlich ist der Satz mit einem gewissen Augenzwinkern zu betrachten, aber es ist sicherlich ein wahrer Kern an dieser Geschichte. Die Albaner sind ungern angestellt. Lieber sind sie ihr eigener Chef und treffen ihre eigenen Entscheidungen. Was noch hinzu kommt: Die wahnsinnige Dickköpfigkeit. Nein, ein Albaner weicht keinen Millimeter von seiner bereits getroffenen Meinung ab. Eher schläft er im Kartoffelkeller als dass er seine Meinung ändert. Sollte er nach Wochen doch seine Meinung ändern, kann er sich entweder nicht mehr daran erinnern oder er verkauft Ihnen Ihre Meinung als seine Meinung.

Albanische Autos

Der deutsche Automobilhersteller mit dem Stern ist ein Garant für Qualität und Langlebigkeit. Heiß begehrt ist diese Automarke im Land der blutroten Fahne. Da die Autos nicht so viel Elektronik vorweisen wie die, der anderen Marken, ist es ein leichtes Ersatzteile zu bekommen. Bei anderen Marken kann es zu einer mehrwöchigen Wartezeit kommen. Übrigens: So viele Luxuskarossen wie in Tirana habe ich selten in meinem Leben gesehen. Sie sehen die neuesten Modelle durch Albaniens Städte düsen. Meist sind die Autos importiert aus Deutschland oder Österreich.

Es sei günstiger, so hat es mir mein angeheirateter Neffe erklärt, die Autos in Deutschland zu kaufen, abzuholen und damit bis nach Albanien zu düsen, dort dann noch einmal Zollgebühren und Einfuhrsteuern zu zahlen, als dass Sie das gleiche Auto in Albanien kaufen.

Auflösung von Tag 8

Sie haben ja Recht und haben super Argumente geliefert:

Sonja sagte, dass jemand mit medizinischen Fachkenntnissen so etwas bemerken würde. Anke bemerkte, dass ein Sportler nun wirklich nicht die Risikogruppe sei. Miss to Bee glaubt die Geschichte (und liegt damit richtig), aber nicht am Hochzeitstag (düdüm). Doch genau so war’s. Die römische Gallenblase verstopfte uns auch den Hochzeitstag. Nachdem der Römer aus dem Krankenhaus entlassen wurde, sollte er einen Termin zum Entfernen ausmachen. Das fand er „schwachsinnig“. Sie können sich denken, was darauf folgte: Ein Versuch der Selbstmedikation, der absolut daneben ging. Dann ein erneuter Besuch im Krankenhaus und schließlich eine Hau-Ruck-Operation. Man sagt, dass medizinisches Fachpersonal die schwierigsten Patienten seien. Beim Römer kann ich das bestätigen.

Ich war damals schon ein Trendsetter und trug Maske. Man vermutete einen Norovirus beim römischen Patienten, deswegen musste man mit Schutzanzug und Maske in sein Zimmer.