Das zehnte Türchen des germanoitalbanischen Adventskalenders

[Die Auflösung von Tag 9 finden Sie wie immer am Ende]

Fakt Nummer 10

Haben Sie sich schon einmal den Fuß gebrochen? Eine unschöne Geschichte, oder?

Auch mir ist es passiert. Wie ich es angestellt habe, erkläre ich Ihnen hier:

Ich hatte ein schönes WG Zimmer im Zentrum Frankfurts. Da ich meist beim Römer in Rom war, reichte mir das kleine Zimmer, falls ich doch einmal eine Schulung oder Frühdienst hatte.

Es war Februar, grau in grau. Gleich sollte meine Schwester Turtle vorbeikommen und wir wollten einen Kaffee zusammen trinken gehen. Ich saß in der großen Wohnküche unserer Wohnung. Wie schon seit meiner Jugend hockte ich im Fersensitz auf einem Stuhl, weil das meine Lieblingsposition war. Leider schliefen dabei ab und zu meine Füße und Beine ein. Heute hatte ich Glück: Nur der linke Fuß schlief tief und fest. Der rechte war quietschfidel. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, denn Turtle wollte in 5 Minuten da sein. Warten bis Fuß und Bein aufwachen? Ach ne! Ich ging also schnell Richtung Küchentür, stolperte über meinen Fuß und hörte ein Geräusch als würde ein Ast durchbrechen. Sofort wurde mir schwarz vor Augen und ich fühlte mich als müsste ich mich übergeben. Ich stützte mich an der Wand ab und ließ mich langsam auf den Boden gleiten. „Das wird doch jetzt nichts Ernstes sein, oder?“ fragte ich mich am Boden sitzend. Ich kramte nach meinem Telefon in meiner Hosentasche. Letzter Anruf, Turtle. Ich klickte drauf. „Turtle, ich glaube, ich habe mir weh getan.“ jammerte ich und war zwischen Lachen und Weinen. „Okay, in einer Minute steh ich vor deiner Tür.“ Ich stand auf, hangelte mich an der Wand entlang und wartete an der Wohnungstür. Außer mir war niemand zu Hause. Turtle klingelte, ich machte auf und ihr Blick fiel auf meinen Fuß. „Oh.“ war ihre knappe Antwort. „Das ist ja recht geschwollen. Kannst du auftreten?“ fragte sie mich. „Ganz schlecht. Was meinst du? Muss ich ins Krankenhaus?“ wollte ich ihre Meinung wissen. „Ja, besser ist das.“ gab sie zurück.

Wir fuhren ins Krankenhaus, ich wurde geröntgt und man sah recht deutlich, dass der 5. Mittelfußknochen glatt durchgebrochen und Nummer 4 angebrochen war. Sofort bekam ich einen Gips, Schmerzmittel und Thrombosespritzen. Operiert musste es glücklicherweise nicht werden.

Der Römer konnte am Telefon gar nicht fassen, dass ich mir daheim, in der Küche, auf geradem, trockenen Boden den Fuß gebrochen habe.

Tja, was meinen Sie? Bin ich so ein Genie oder war es doch nur eine erfundene Geschichte?

Fortsetzung der großen Albanienreise von Tag Nummer 9

Reiseland: Albanien – Mentalität und Erfahrungen aus meiner Sicht

Getränke

Um Gottes Willen, bitte trinken Sie kein Wasser, wenn Sie eingeladen werden. Ich habe es (mal wieder), ausprobiert und hätte dem Gastgeber auch ebenso gut ins Gesicht spucken können. Red Bull* – it is! Dieser pappsüße Energiedrink sollte das Getränk Ihrer Wahl sein. Das liegt daran, dass es das teuerste, nicht alkoholische Getränk in Albanien ist und wie wir gelernt haben: Für den Gast nur das Beste und Teuerste! Wer den Gastgeber nur dezent beleidigen will, der trinkt einen Espresso (der geht bekanntlich immer) oder einen Softdrink. Aber bitte niemals, niemals Wasser!

Küsschen links, Küsschen rechts

Die junge Generation können Sie getrost mit Küsschen links und Küsschen rechts oder einer Umarmung begrüßen. Die ältere, männliche Generation bitte nicht. Geben Sie artig die Hand und fallen Sie dem 55jährigen Schwager bei einer Hochzeit nicht um den Hals. Auch nicht, wenn Sie schon mehrere Urlaube mit ihm und seiner Familie verbracht haben. Das Erdloch, in das Sie versinken möchten, weil fortan auf dieser Veranstaltung getuschelt und gelacht wird, kann gar nicht so schnell ausgehoben werden wie Sie es sich in diesem Moment wünschen würden.

Religion

Erwähnen Sie beim Römer nicht, dass er nur Moslem ist, weil seine Vorfahren Steuern sparen wollten. Auch wenn Sie eventuell Recht haben, man muss auch wissen, wann man schweigen muss. Bis zum Ende des Kommunismus war jede Art von Religion untersagt. Kirchen und Moscheen wurden zu Lagerhallen und Ställen umfunktioniert. Man betete heimlich und unbemerkt im Keller und brachte seinen Enkeln leise flüsternd bei Kerzenschein bei wie man betet. Mittlerweile darf jeder seinen Glauben ausleben wie er möchte. Das spiegelt sich auch in den Moscheen und Kirchen wieder, die friedlich nebeneinander stehen. Sowohl muslimische als auch christliche Feste sind Feiertage in Albanien. Man respektiert und achtet sich. Wichtiger als die Religion ist für die Albaner, dass ein Albaner eine Albanerin heiratet. Welche Konfession sie/er nun hat, ist Nebensache.

Kopftuch

Ja, Kopftücher werden getragen. Doch eher selten aus religiösen Gründen. Viel mehr aus Tradition. Ihnen werden in Albanien meist ältere Frauen mit schwarzen oder weißen Kopftüchern begegnen. Die Farben wiederum sind dann doch Religionen zugeordnet: Schwarz tragen die Christen, weiß die Muslime. Meine Schwiegermutter sieht zum Beispiel ganz entzückend aus mit ihrem weißen Kopftuch, dass den langen silbergrauen, französischen Zopf verbirgt. Es rutscht ihr immer wieder etwas herunter und sie bindet es stündlich drei Mal neu.

Albanistan

Ja, die Albaner wissen, was die meisten von ihnen denken: „Diebe, Drogenschmuggler, Autoschieber, Frauenhändler, Kriminelle.“ Einmal sagte der Römer nach der x-ten Job-Absage: „Ich mag nicht mehr. Die denken doch eh alle, ich komme aus Albanistan.“ Und genau dieser Satz brachte es, zum Leidwesen der -stan-Länder, auf den Punkt. Ja, viele denken und dachten (mich eingeschlossen), dass dieses Land hochgradig kriminell ist. Sie erwarten zahnlose Bettler oder Mafiosi mit schweren Goldkettchen, wenn sie am Flughafen ankommen. Aber glauben Sie mir: Dieses Land ist wahnsinnig facettenreich, offen, herrlich lustig (vielleicht auch nur für mich), gastfreundlich und interessant, weil es diese wunderbaren Einwohner hat, die es eben zu dem machen, was es ist. Albanien ist nicht Albanistan – es ist eine Perle am Mittelmeer, die nur von einigen, wenigen Angeheirateten und ein paar Abenteurern entdeckt wurde. Einerseits würde ich mir wünschen, dass es so bleibt. Andererseits würde ich den Albaner einen nachhaltigen Tourismus wünschen, der vielleicht dem ein oder anderen Wohlstand erlaubt. Verstehen Sie mich richtig: Es gibt Arme und Reiche in diesem Land, aber die Schere geht zu weit auseinander. Und das ist sehr schade!

Die Küche

Fleisch! Fleisch! Ach, und Fleisch! Vegetarier werden liebevoll toleriert. Für sie findet man schließlich Schafskäse, Börek, Reis, Gemüse und Obst aus dem Garten, auch gekochte Eier und was der Kühlschrank sonst noch so hergibt. Veganer werden freundlich in der Wildnis ausgesetzt. Sie könnte man es wohl zusammenfassen. Das Land am Mittelmeer bietet neben Fleisch auch Fisch, der besonders im Charli Max Marina Restaurant* in Durres herausragend schmeckt.

Lebensmittelvergiftung

Ja, auch in Albanien sollte „peel it, boil it, cook it or forget it!“ gelten. Besonders im Hinterland kann es einem passieren, dass einen Skanderbegs Fluch ereilt.

Ein befreundeter Italiener, der eine Albanerin geheiratet hat, sagte mir einmal: „Weißt du, ich bin weitgereist. Von Südamerika über Asien bis nach Australien. Aber nie in meinem Leben hatte ich so eine Lebensmittelvergiftung wie in Albanien.“

Und das kann ich so unterschreiben.

In Tirana hatte ich nie Probleme. Egal, wo wir gegessen haben, es war immer gut und an meinen mitteleuropäischen Verdauungstrakt angepasst. Aber im Hinterland, in Korça, sah ich dem Tod ins Auge nach einer Pizza mit viel Käse. Nur durch die großzügige Bakshish Gabe meines Schwagers an der Rezeption des Krankenhauses, bekam ich eine lebenserweckende Infusion. Die Fischsuppe danach, die mir mein Schwager aufschwatzte, war dann wiederum kontraproduktiv, aber irgendwie schafften wir es nach Tirana. (Die Geschichte tippe ich ihnen mal extra ab)

Krankenversorgung

Die gute Nachricht zu erst: Jeder, egal ob Tourist oder Staatsbürger, wird kostenlos medizinisch behandelt. Die schlechte Nachricht ist: Die Qualität ist nicht immer die gewohnte Mitteleuropäische. Wenn man einen gebrochenen Fuß hat, ist man sicher auch dort gut aufgehoben, solange der Bruch nicht zu kompliziert ist. Tirana verfügt unter anderem über gute Privatkrankenhäuser wie das American Hospital mit vielen, meist italienischen Ärzten. Und hier ist das Problem: Wer genug Geld hat, kann sich diesen Luxus leisten. Auch wer eine Auslandskrankenversicherung hat, wird dort bestens behandelt. Die einfache Bevölkerung kann nur beten und hoffen, dass es schon irgendwie klappen wird.

Krankenhäuser außerhalb der Hauptstadt können schon sehr in die Jahre gekommen sein. Dazu sind sie auch sehr überlastet mit Patienten.

Ich denke, es spricht für sich, wenn der albanische Premierminister sich bei einem Herzproblem lieber in die Charité nach Berlin* ausfliegen lässt.

Autofahren

Wer sich wirklich einen Mietwagen nehmen will (so wie ich!), der sollte besser auf der Hut sein. Auf einem kurzen Abschnitt von Gjiri i Lalzit zur nächstgelegenen, größeren Hauptstraße liefen mir vor’s Auto: Zwei Hunde, eine rollende Wassermelone vom Fruchtstand, eine Schafherde hinter einer Kurve, Badegäste mit lebensgroßen Gummikrokodil auf dem Weg zum Strand und ein betrunkener Greis auf einem Fahrrad. Wer sich das Fahrtraining nach dem Führerschein sparen will, sollte definitiv einen Mietwagen in Albanien buchen und am lebenden Objekt üben. Wer in Tirana Auto fahren will, der sollte tiefenentspannt sein. Wie Sie wissen, bin ich weit davon entfernt und bahnte mir fluchend, kreischend, hupend und betend den Weg durch diese Stadt. Der Römer bremste entweder imaginär mit, kommentierte mit „madre mia!“ oder drohte mit Scheidung und sofortigem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung. Als er dann noch „Amore, go with the flow!“ kommentierte, hielt ich am Skanderbeg Platz an, warf ihn aus dem Auto, drehte eine extra Runde bis ich mich beruhigt hatte und holte ihn wieder ab.

Hochzeiten

Wer das Glück hat auf einer albanischen Hochzeit eingeladen zu sein, sollte grelle Farben mit viel Glitzer tragen. Hohe Plateau Schühchen sind kein Vergehen, sondern gern gesehen. Der Friseurbesuch gehört zum guten Ton, das Make-Up sollte von einem Make-Up-Artist gemacht werden, der Sie so verwandelt, dass Sie sich hinterher nicht mehr erkennen. Und: Bitte am Schmuck nicht sparen!

Da ich weder zum Friseur gehe, noch zum Make-Up-Artist, bekomme ich einen „Ausländerbonus“.

Wer nicht tanzt, wird solange aufgefordert bis er sich zähneknirschend dazu bereit erklärt. Wer nicht freiwillig will, der wird auf die Tanzfläche gezogen. Und dann wird der Pogonishte Tanz getanzt bis die Hochzeit für beendet erklärt ist.

Ein Garant für gute Laune ist bei meiner Familie übrigens der Napoloni Song. Auch wenn die Stimmung zu einer Talfahrt anzusetzen scheint, wird mit diesem Lied die Partyrakete gezündet und die Laune der Gäste geht steil bergauf!

Auch bei privaten, innerdeutschen Autofahrten kann man damit dem eingeschnappten Römer eine Freude machen. Er würde es nie zugeben, aber er entspannt sich sofort und summt fröhlich mit.

Hier kommen meine Geheimtipps für albanische Hochzeiten:

  1. Wer, wie ich, bei der Schrittfolge Schwierigkeiten hat, den Rhythmus aber gut halten kann, der trägt ein extra langes Kleid. Vorteil: Keiner sieht die Füße, die wirr durch die Gegend stolpern. Es hat mich drei albanische Hochzeiten gekostet, diesen Trick für Sie herauszufinden!
  2. Nehmen Sie sich hautfarbene Ohrenstöpsel mit. Die Musik ist so laut, dass ich selbst in meinen wildesten Diskozeiten weniger Ohrensausen hatte. Noch zwei Tage danach werden Sie ein lautes, penetrantes Summen hören.
  3. Wer das große Glück hat einen noch sehr kleinen Signorino zu haben, darf gänzlich daheim bleiben. Die Lautstärke und der Trubel sind zu viel für die Kleinsten.

Auflösung von Tag 9

Na, wer hat’s gewusst? Die Geschichte ist tatsächlich passiert – nur leider nicht mir, sondern meiner Lehrgangskollegin. Sie können sich nicht ausmalen wie neidisch wir, der Andere und ich, waren. Und sie bestätigte mehrmals, dass sie namentlich von ihm angesprochen wurde. Hach!

*Werbung unbezahlt

19 Kommentare zu „Das zehnte Türchen des germanoitalbanischen Adventskalenders

      1. Dann weißt du wie es mir geht. 😂😂
        Mein Mann hat auch kein Führerschein, aber Albaner lernen anders als wir Deutschen. Wir gehen in die Fahrschule. Einem Albaner genügt es völlig A) Einmal in seinem Leben ein Auto gesehen zu haben und B) Beifahrer zu sein. Diese Erfahrungen reichen aus um absolut alles besser zu wissen. Manchmal versuche ich meinen Mann dazuzubekommen, seinen Führerschein zu machen, aber seltsamerweise lehnen leidenschaftliche Beifahrer sowas ja ab. 🤔

        Gefällt 1 Person

      2. Nein! 😳 Ich bin im gleichen Club! 😳 Der Römer hat zwar einen albanischen Führerschein, kann aber nicht Auto fahren. Ich vermute, unser Signorino fährt besser Auto.
        ABER, wie du schreibst, ständig Tipps parat als passionierter Beifahrer. 😄 Klar, 40 Jahre Beifahrer Erfahrung – das prägt!

        Ich warte schon sehnsuchtsvoll auf einen Artikel, den du über Albaner schreibst. 😍😄

        Gefällt mir

      3. Bei meinem sind es 42 Jahre Erfahrung. Ich leide mit dir.
        Ein Artikel über Albaner, dass wär was, aber im Moment habe ich mir selbst, trotz Baby, versprochen, erst wieder zu Bloggen, wenn ich meine Kurzgeschichte fertig geschrieben habe. Die wartet darauf gedruckt zu werden. 😂

        Gefällt 1 Person

      4. Ach du liebe Zeit! Dazu musst du sagen, ihr kennt euch ja schon viel länger! 😄
        Was für ein schönes Projekt! Mit Baby (und dem Rest der Bande) sicher eine Herausforderung! 😳 Aber du schaffst das. Da bin ich mir sicher!

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s