Meine Schwester Turtle

Meine Schwester Turtle ist fünf Jahre älter als ich. Als ich geboren wurde, schubste ich sie unweigerlich vom Thron des Nesthäkchens und das verzieh sie mir bis zu meiner Volljährigkeit nicht. Meistens ignorierte sie mich, was ich schrecklich fand, war ich doch die Aufmerksamkeit von allen andere gewöhnt. Wenn ich mal wieder in ihr Zimmer marschierte um sie zu fragen, ob sie mit mir malen wollte, schmiss sie mich in hohem Bogen raus.

Meine Schwester Turtle nahm ich als Eigenbrötler wahr. Meistens wollte sie ihre Ruhe. Selbst in der Familie wusste man nicht viel von ihr – eine Ausnahme bildete meine große Schwester Ova. Ihr vertraute sie sich an. Als sie Anfang 20 war zog sie in die Stadt am Main und studierte. Man bekam nicht viel von ihr mit. Wenn ich den Einen besuchte, der bereits dort wohnte, trafen wir uns meist ein Stündchen auf einen Kaffee. Das reichte auch, denn wir hatten uns nicht wirklich viel zu sagen. Dann düste sie wieder auf ihrem Rad ab. Und jeder lebte sein Leben weiter.

Meine Schwester Turtle hasste ihr Studium, war aber eine der besten. Sie arbeitete als studentische Hilfskraft für den Professor und dieser schlug vor, sie solle unbedingt promovieren. Doch sie hatte ihren eigenen Kopf. Sie beendete ihren Masterstudiengang und beschloss, dass sie erst einmal eine Pause braucht. Sie machte eine Weltreise. Diese begann mit sechs Monaten Rom und drei Monaten London und wurde dadurch zur Europa Reise. Dennoch tat sie, was sie sich zuvor in den Kopf gesetzt hatte. Sie reiste.

Meine Schwester Turtle beendete letztes Jahr ihre Weltreise und zog bei unserer Schwester Ova ein. Ova, damals noch Mutter von nur einem Kind, glücklich verheiratet, Reiheneckhaus, hatte noch ein Zimmer mit Bad frei. Für Turtle. Bis sie sich wieder orientiert hatte und auf eigenen Beinen stehen konnte. Im Gegenzug kümmerte sich Turtle liebevoll um Ovas Sohn, unseren Neffen. Dann wurde Ova zum zweiten Mal schwanger.

Nach drei Monaten in Ovas Haus mit Ovas Familie bekam Turtle die Diagnose Brustkrebs. „Ich muss mit dir reden. Wann kann ich dich sehen?“ stand auf dem Handy-Bildschirm an einem Abend im Juli letzten Jahres. Ich dachte an alles: ungeplante Schwangerschaft von einer Urlaubsbekanntschaft, ein neuer Partner, plötzlich eine andere, sexuelle Orientierung. Alles. Nur nicht an das. Ich rief sie an. „Ich wollte es dir eigentlich nicht am Telefon sagen, aber ich [sie stockte] habe Brustkrebs. Links. Er ist schon ziemlich weit.“ Ich schluckte und antwortete: „Okay. Brustkrebs. Das überlebst du. Keine Sorge. Wir kriegen das hin.“ Wir redeten und ich bemühte mich um Sachlichkeit. Allein, dass die Panik nicht überhand nahm. Wochen nach diesem Telefonat gestand sie mir, dass ich die einzige war, „die so cool reagiert hat“ und nicht sofort panisch wurde. Daraufhin verstand sie, dass das schon andere überlebt haben und sie das auch schaffen kann. „It’s no big deal.“ dachte sie sich nach diesem Telefonat. Obwohl es das war. Auch für mich.

Meine Schwester Turtle wollte bei Ova bleiben, doch sie war überfordert mit der Situation, mit der Schwangerschaft im fortgeschrittenen Stadium und mit ihrem kleinen Sohn. Sie machte sich die Entscheidung nicht einfach, konnte nächtelang nicht schlafen und gab am Ende erschöpft und unter Tränen zu, dass sie das nicht schafft. Die Phase der Chemo wäre in der Zeit gewesen, in der ihre Tochter zur Welt kommen sollte. Also wartete Turtle und suchte nach Ferienwohnungen und Möglichkeiten im Süden Deutschlands zu bleiben. Ich rief sie an und redete mit ihr: „Komm zurück in die Stadt am Main. Hier hast du 10 Jahre gewohnt, hier sind wir, hier sind deine Freunde. Hier ist dein Herz. Wir helfen dir. Wir sind für dich da. Aber komm zurück zu uns.“

Meine Schwester Turtle zog zurück in die Stadt am Main und fand eine kleine Wohnung. Unsere Eltern unterstützten sie finanziell. Oder wie mein Papa unter Tränen sagte: „Mir ist das Geld so egal. Das wichtigste ist, dass mein Kind gesund wird. Wir zahlen für sie. Das ist gar keine Frage. Das ist eine Selbstverständlichkeit.“ Sie begann die Chemo und kämpfte sich durch. An einem Dienstag im Frühherbst rasierte sie sich ihre Haare ab und war seitdem nur noch mit ihrer rosa-melierten Mütze unterwegs. Sie wollte keine Perücke, denn es war wie es war. Sie konnte es im Moment nicht ändern.

Der Römer und ich gaben ihr Rückendeckung und sie tat alles um gesund zu werden. Tage- und wochenlang ging es ihr mies. Entweder war ihr übel, sie war ausgelaugt oder hatte massive Schlafstörungen. Meistens auch alles zusammen. Sie wollte die Chemo abbrechen und hatte keine Lust mehr, doch wir ermutigten sie, gaben ihr Anreize und hielten sie bei Laune. Sie machte weiter.

Im Februar nahmen sie ihr die linke Brust komplett ab. Sie weinte als sie allein in dem kalt wirkenden Raum stand und man ihr anzeichnete, wo die Brust entfernt werden sollte. Als es vorbei war, fuhren wir zu ihr ins Krankenhaus. Meine kleine, zerbrechlich wirkende Schwester in diesem riesen Krankenbett, umgeben von Infusionen, Zugängen und Schläuchen. Sie lächelte als sie uns sah. Ihre Stimme war ganz leise und sie musste ihre Sätze immer wieder unterbrechen, weil ihre Stimme versagte.

Ich hatte am nächsten Tag eine Geschäftsreise. Fünf Tage, in denen ich sie allein lassen musste. Es ging nicht anders. Mit Gewissensbissen verabschiedete ich mich. Der Römer beruhigte mich damals, denn er versprach sie jeden Tag zu besuchen. Und das tat er. Er kochte für sie, er unterhielt sich mit ihr, er hielt sie bei Laune. Das wiederum beruhigte mich und mein Gewissen. Sie verstand mich und versicherte mir, alles ist bestens.

Danach brauchte sie eine Krankenhaus Pause und fuhr mit ihrem Partner (sie führen eine Fernbeziehung, das heißt er kann nicht immer hier sein) in den Urlaub. Im Raum stand die Frage, ob sie der Bestrahlung zustimmen soll oder nicht. Wir versuchten sie nicht zu überzeugen. Was hätte das auch gebracht? „Egal wie du dich entscheidest, wir stehen hinter dir.“ sagten wir ihr. In der Zwischenzeit kamen die Laborergebnisse. Es konnte keine einzige, Krebs befallene Zelle mehr gefunden werden. Zur Bestrahlung rieten die Ärzte trotzdem.

Sie entschied sich dafür und kämpfte sich durch. Sie bekam Probleme mit den Schleimhäuten, sie war unausgeglichen und ängstlich. Wir taten unser bestes.

Am letzten Tag der Bestrahlung wollten wir feiern. Sie rief heulend an und sagte das Treffen ab. Sie schafft das alles nicht, schluchzte sie ins Telefon. Sie wollte niemanden sehen. Ich hatte Angst um sie und fuhr zu ihr. Unter einem Vorwand gelang es mir in die Wohnung zu kommen. „Ich will nicht mehr Leben. Ich will nicht mehr. Ich hab schon meine Schlaftabletten gesucht. Aber ich finde die doofen Dinger nicht. Dann hab ich mir überlegt mich einfach mit dem Fön in die Badewanne zu legen. Ich hätte auf die scheiß Chemo verzichten sollen. Es wäre einfacher gewesen zu sterben.“

Überzeugen half nichts, also fing ich an über dies und das zu reden. Über den Sinn des Lebens, über ihren Kampfgeist, über ihre Stärke. Währenddessen spülte ich ihr Geschirr, denn ich wusste einfach nicht wohin mit mir. Ich schnitt ihr Erdbeeren klein und sie musste mir versprechen welche zu essen. Ich fütterte sie wie ein Kleinkind. „Das ist das erste, was ich seit 24 Stunden esse. Aber die sind lecker.“ sagte sie, schon etwas fitter. Nachdem sie 500 Gramm Erdbeeren verschlungen hatte, gingen wir raus in die Sonne. Im botanischen Garten fuhr sie langsam runter. Ihr Freund rief an. Das half. Er war gerade auf Zypern. Sie entspannte sich beim Klang seiner Stimme. Wir kauften Pizza und aßen zusammen mit dem Römer. Ich hätte sie nicht heimgeschickt, wenn sie nicht stabil gewesen wäre. Sie musste mir versprechen sich nichts anzutun. Das tat sie. „War ’ne dumme Idee von mir. Vorher meine ich. Als du mich gerettet hast.“ sagte sie am Ende des Abends.

Meine Schwester Turtle ist nun krebsfrei. Sie hat überlebt. Dem Krebs zum Opfer fiel ihre linke Brust. Stellenweise ihr Stolz, ihre Selbstsicherheit, ihr Kampfgeist, ihre Freude. Doch sie überlebte. Sie hat es geschafft. Mittlerweile wurde aus uns die „kleinste Selbsthilfegruppe“ der Welt, denn wir vertrauen uns alles an. Jeden Tag schreiben wir und helfen uns, wo wir können. Meine Schwester Turtle ist ein Kämpfer. Sie ist mein ganz persönlicher Held.

11 Gedanken zu “Meine Schwester Turtle

  1. Diese Geschichte geht unter die Haut. Ich fürchtete die ganze Zeit, du schreibst einen Nachruf … Und nun das! Ich freu mich so für deine Schwester und dich. 🙂 Was für ein großartiges Beispiel für den Wert einer Familie. Alles Gute für euch!

    Gefällt 3 Personen

  2. deine schwester kann sich glücklich schätzen, dass sie dich an ihrer seite hat. genau solche menschen geben kraft und lassen einen nicht aufgeben. bin sehr froh, dass sie es geschafft hat.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für deinen wunderbaren Kommentar! ❤️ Das wichtigste sind doch Freunde u. Familie, die Mantra-artig wiederholen: “WIR geben nicht auf. Wir schaffen das!”
      Und ich bin froh, dass sie den größten Teil hinter sich hat. 😃😊🎉

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s