Gute Nacht

Es sind die stillen, die feinen Momente, die uns im Leben weiterbringen. Nicht die lauten, in denen man kaum sein eigenes Wort versteht.

Es sind die einsamen, nächtlichen Stunden, wenn alles schläft, die einem ermöglichen die Seele aufzuräumen. Draußen läuft seit Stunden keiner mehr herum, alle schlafen tief und fest in ihren Betten, doch einem selbst, warum auch immer, bleibt der Schlaf verwehrt. So steht man auf, im Schlafanzug, schlüpft in die warmen Hausschuhe, wandert durch’s Haus – ganz ohne Plan was auf diesen Moment folgen soll.

Die Pantoffeln tragen einen in die Küche. Für Kaffee ist es schon zu spät, für ein schlichtes Glas Wasser zu kühl in der Wohnung, aber für Tee könnte es keine bessere Zeit geben. Man setzt das Wasser auf, öffnet behutsam die Teeschatulle und hat endlich einmal Zeit all die Teesorten in Ruhe anzuschauen. Grüner Tee, Schwarzer Tee, Pfefferminztee? Zu laut für diesen einsamen Moment. Früchtetee? Zu aufgeregt. Melisse? Danach hatte ich gesucht. Melisse soll es also sein.

Behutsam wählt man eine Tasse aus. Exemplare aus längst vergangenen Zeiten, die ganz weit hinten im Regal stehen, lächeln einem aufmunternd zu. Wo warst du all die Jahre, meine liebste Pinocchio Tasse? Mit Bedacht packt man den Teebeutel aus, lässt ihn in die Tasse gleiten und stellt sicher, dass die Schnur auch gut befestigt ist. Das sprudelnde Wasser ergießt sich in einer flüssigen Bewegung in dem Gefäß. Leise tickt die Küchenuhr. Tick Tack, Tick Tack, Tick Tack. Sie hat keine Eile, wie es einem untertags scheint. Stoisch verrichtet sie ihre Arbeit. Ohne mahnende Worte. Die digitale Anzeige des Backofens erhellt den Raum nur so viel, dass man nicht komplett blind in der Küche ist. Der Teebeutel wird entfernt. Das Licht ist aus. Doch die Hand kennt die Wege, die sie zum Honig und zu den Löffeln führen. Routiniert lässt man einen Löffel voller Honig, goldgelb und klebrig, in die Teetasse sinken. Leise, aber doch mit einem hellen Klingen hier und dort rührt man um. Drehung um Drehung verschmilzt der Honig mit der hellen Flüssigkeit.

Im Wohnzimmer angekommen, den Tee fest in beiden Händen, steht man am großen Fenster, die Stadt liegt einem zu Füßen. Wolkenkratzer scheinen nie zu schlafen. Stets sind die Firmenlogos und Schriftzüge beleuchtet. Wachsam um keine Sekunde zu verpassen. Die Straßenlaternen stehen wie Soldaten da – der Wind fegt ein paar Blätter durch die Straße. Menschenleer ist es da unten. Doch was ist das? Ein weiteres Licht brennt in unserer Straße. Ein kleines Fenster – 100 Meter zu meiner linken – 1. Stock. Man sieht niemanden. Ob es wohl vergessen wurde? Oder absichtlich angelassen? Vielleicht ein Student, der hektisch auf den letzten Metern seine Master-Arbeit tippt – noch nicht sicher, ob er das Spiel gegen die Zeit gewinnen kann? Vielleicht eine junge Mutter, die versucht ihr doch so waches Kind zum Schlafen zu überreden? Vielleicht eine Nachteule, die während des Tages weder die Ruhe noch die Muße findet, all ihre doch so fundamentalen Gedanken abzutippen?

Ich schlürfe meinen Tee. Die Nacht war mir schon immer die liebste Zeit. Ruhig ist sie, einnehmend, beherrschend. Gleichzeitig liebevoll umarmend, kühl, aber nicht distanziert. Aufregend. Gibt sie doch all die Gedanken Preis die man untertags hektisch weggeschoben hat oder für die keine Zeit waren.

Die Nacht lässt mich nicht gruseln und schaudern – sie offenbart mir Geheimnisse – über mich. Flüsternd erzählt sie mir, dass man nachsichtiger sein soll. Mit sich, mit anderen, mit der eigenen Kindheit, der Gegenwart, der Zukunft. Leise ermahnt sie mich, dass man nicht immer gleich kämpfen muss. Man kann Sachen auch einfach einmal abwarten. Diplomatisch sein. Mühsam versucht sie mir zu erklären, dass ich vielleicht nicht jede Entscheidung von meinen Mitmenschen verstehen kann, dass sie mir aber versichern kann, dass meine Mitmenschen sich viele Gedanken darüber gemacht haben. „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist“ haucht sie mir zu und streichelt mir über die Wange.

Ich versuche mir all die Weisheiten zu merken. Doch langsam werden meine Augen schwer. Die Nacht, sie lullt mich ein und begleitet mich zurück ins Bett. Sanft breitet der Schlaf seine Flügel über mir aus und wir heben ab – ins Land der Träume.

Gute Nacht.

2 Gedanken zu “Gute Nacht

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