Igor

Igor und ich kennen uns schon eine ganze Weile. Also, wenn man in seinem Metier von „ganzer Weile“ sprechen kann. Vor Igor war es Alexej, Bardhi und Mariusz. Natürlich nicht alle gleichzeitig – so eine bin ich nicht. Schön nacheinander!

Igor ist groß, hat breite Schultern und starke Arme. Die braucht er in seinem Job auch, denn ohne würde es schwierig werden.

Igor klingelt, wie es nur Igor tut. Er klingelt nicht sanft, nicht kurz, nicht berechenbar: Igor fällt buchstäblich mit der Tür ins Haus. Er hat Temperament – und kaum Zeit, deswegen klingelt er Sturm. Immer.

Mein Mann weiß von uns. Jeden Morgen sage ich ihm, ob Igor kommt oder nicht, so dass er die Tür aufmachen kann, wenn ich unter der Dusche bin. Denn Igor zu verpassen ist unangenehm. Für den selben Dienst stehen Sie dann mal gut und gerne 20 Minuten an.

Der Römer weiß auch, dass es nicht immer Igor ist. Manchmal ist es auch Dariusz oder Mehmet, je nach Firma. Aber meistens Igor. Man zahlt je nach Angebot. Mal 4,99 €, mal 5,99 € (aber immer mit Schutz!) – oder, wenn es mal etwas mehr ist: 16,39 €. Wenn man es ohne Schutz möchte, dann kostet es auch schon mal weniger: Meist nur 3,79 € für sehr wenig oder, wenn man etwas größeres geplant hat 4,39€.

Man zahlt nicht an Igor direkt, man zahlt an Unternehmen, die wiederum mit meinem Geld für Igor zahlen.

Momentan trägt Igor Maske und Handschuhe. Was sich vor Monaten noch wie ein Fetisch angehört hätte, ist nun Gang und Gäbe. Igor fasst so viel an – in der ganzen Stadt – da ist es für ihn das Mindestmaß an Selbstschutz.

Meist hat Igor wenig Zeit. Klar, ich bin nicht die einzige Kundin. Unzählige Kunden zählt Igor zu seinem Kundenstamm. Oft auch gleich mehrere im selben Haus.

Zwischen Mann und Frau macht er keinen Unterschied. Er bedient sie gleichermaßen. Und meist fragt er auch nach dem Namen. Das finde ich sehr nett wie er „NAME?!?!“ herzlich bestimmt nuschelt. Mittlerweile macht er das natürlich nicht mehr. Wer seine Dienste 3-4 Mal die Woche in Anspruch nimmt, den kennt er.

Der Schuft weiß auch: Wenn die anderen Kunden nicht daheim sind, dann bin ich daheim. Und dann bittet er mich für sie „anzunehmen“. Ich nehme an, denn ich weiß, dass Igor viele Kunden und wenig Zeit hat. Den Nachbarn kann ich es ja dann weitergeben, was mir Igor gegeben hat.

Wenn es ein bisschen schwerer ist, und auch das kommt vor, dann packt Igor auch mal richtig an. Dann braucht er ein Hilfsmittel, denn ohne geht es dann nicht mehr, sonst würde er sich auf Dauer beim Physiotherapeuten einschreiben können.

Gerade in diese Zeit ist Igor wichtiger denn je. Früher bin ich auch mal gerne an Ort und Stelle gegangen um dasselbe zu empfangen, was mir Igor jetzt bietet. Aber mittlerweile finde ich es schöner, wenn Igor es mir gibt.

Ohne ihn hätte ich ganz schön Probleme und wäre wohl dauerhaft verspannt.

Ein Glück gibt es Igor, der uns all die Windeln und Feuchttücher bringt, die Kaffeekapseln und Babyschlafsäcke.

Danke, Igor! Und danke an alle anderen! Ihr seid klasse!

9 Gedanken zu “Igor

  1. Pfiffig geschrieben! 😀
    Ich kenne zwar keinen Anbieter für Kaffeekapseln und Windeln, der eigene Auslieferer beschäftigt, aber ich brauche ja auch weder das eine noch das andere.
    Wir haben einen ganz normalen Paketboten, und der heißt Achim. Er wurde am selben Tag und im selben Krankenhaus geboren wie mein ältester Sohn, ich kenne ihn also sein ganzes Leben. Und ich mag ihn auch, ganz egal was er bringt. 🙂
    So, jetzt aber die Wäsche … *undwech*

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Nachtgewand | La Deutsche Farniente

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