Heute koche ich!

Was für Sie klingen mag wie ein einprägsamer Titel eines gelungen Kochblogs (keine Sorge, ich ändere meinen Blognamen nicht schon wieder!), ist in Wahrheit eine Drohung – wenn man dem Römer Glauben schenken darf.

Würde er diesen harmlos scheinenden Satz heute noch einmal hören, er würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: „Mamma mia, sempre questa donna!“ [Mamma mia, immer diese Frau!]

Trotzdem habe ich das dringende Bedürfnis Ihnen die ganze Geschichte von vorne zu erzählen, denn Sie verstehen mich. Da bin ich mir sicher!

Etwas Grundlegendes über mich sollten wir zuerst klären: Ich bin kulinarisch gesehen sehr kreativ. Täglich finden mich neue Kochideen und möchten in die Tat umgesetzt werden. Nur gibt es da ein Problem: Ich bin in der Küche vollkommen talentfrei oder um es mit anderen Worten zu sagen: Mein größter Erfolg ist und bleibt eine pasta fredda – ein italienischer Nudelsalat.

Heute war es wieder soweit: Eine neue Idee fand mich. Wie ich gedankenverloren durch einen italienischen Kochblog stöberte, sah ich es: Mein Rezept! Es trug den melodisch klingenden Namen polpette di melanzane al sugo [Auberginen Frikadellen in Tomatensoße]

Ein kurzer Blick in den Kühlschrank genügte. Es war alles vorhanden. Zumindest dachte ich das zu diesem Zeitpunkt noch. Denn wäre mein kurzer Blick ein langer Blick gewesen, wäre mir sogleich aufgefallen, dass zwei Zutaten fehlten: Eier und Parmesan. Fundamentale Geschmacks- und Konsistenzsäulen in diesem Rezept.

Aber hätte mich diese Lappalie davon abgehalten das Rezept postwendend umzusetzen? Wohl nicht! Denn „Improvisation“ ist mein zweiter Vorname.

So machte ich mich also an die Arbeit.

Schritt 1: Tomatensugo kochen. Dazu benötigt man passierte Tomaten , Zwiebeln, Zucker (ja, das kam mir auch spanisch vor), Salz, Pfeffer und Basilikum.

Hm…die sofortige Zubereitung des Sugos erschien mir nicht sinnvoll. Er würde doch nur herumstehen und damit Platz rauben, der in der eh schon kleinen Küche bereits Mangelware war.

Ich vertagte Schritt 1 auf später.

Dass Gerichte an Geschmack gewinnen, je länger sie köcheln, wusste ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht. So ging ich sehr von mir selbst überzeugt zu Schritt Nummer 2 über.

Schritt 2: Würfeln Sie die Auberginen und geben Sie sie in ein Sieb. Bestreuen Sie sie großzügig mit Salz, damit sie an Flüssigkeit verlieren.

Das erschien mir sinnvoll. Während ich die Auberginen würfelte, tauchte der Römer hinter mir auf. „Madre mia!!! Le dita!!“ [Meine Güte! Die Finger!!] rief er. Ich beobachtete das Messer wie es nur wenige Millimeter neben meinen Fingerkuppen entlang schnitt. „Kein Grund zur Sorge“, sagte ich sehr cool, „ich mache das immer so!“ Der Römer nahm mir das Messer aus der Hand. „Wenn du es immer so machst, dann machst du auch immer etwas falsch. È un miracolo che non è mai successo qualcosa!“ [Es ist ein Wunder, dass nie etwas passiert ist] Als er die Auberginen fertig gewürfelt hatte, nahm ich ihm das Messer aus der Hand. „Danke, aber ich komme nun allein zurecht.“ sagte ich sehr schnippisch. Ich platzierte die Würfel in einem Küchensieb und fing an sie mit Salz zu bestreuen. Und während ich so bestreute und meinen Gedanken nachging, hörte ich den Römer schon wieder: „Ma che stai facendo? [Was machst du denn da?] Soviel Salz vertragen die Auberginen doch gar nicht! Und warum das grobe Meersalz?!“ Ich guckte auf die Auberginenwürfel. In meiner Tagträumerei versalzte ich die Auberginen sprichwörtlich. „Viel hilft viel!“ erklärte ich ihm sehr selbstbewusst, doch er wusch bereits die Auberginen um sie von meinem Salzgestöber zu befreien. Er trocknete sie kurz auf einem Küchentuch und streute mit einer geschickten Handbewegung feinkörniges Meersalz auf die Würfel. Gerade soviel, dass sie ins Schwitzen kamen.

Schritt 3: Drücken Sie nun das Wasser leicht aus den Auberginen. Anschließend erhitzen Sie das Öl in einem Topf. Danach frittieren Sie die Auberginenwürfel bis sie goldgelb sind.

Nachdem die Auberginenwürfel ein Teil ihres Wassers ausgeschwitzt hatten und ich sie danach ausdrückte (Sie glauben gar nicht wie viel Wasser in so einem Gemüse ist!) stand die Königsdisziplin an: Das Frittieren.

Während ich das Sonnenblumenöl großzügig in den Topf goß, stand der römische Paul Bocuse schon wieder neben mir. „STOOOP!!“ schrie er plötzlich als der Topf erst halbvoll war. „Jahaaaa“ antwortete ich genervt. „Basta così. [Das reicht so!] Das ist mehr als genug Öl!“ unterwies er mich fachmännisch.

Nach einer Pause fragte er sichtlich erheitert: „Du willst also wirklich frittieren?“ „Ja, so steht’s im Rezept.“ antwortete ich nüchtern und konzentriert. „Ma sei scema? [Bist du verrückt?] Du kannst doch kaum ein Toastbrot unfallfrei zubereiten und jetzt willst du frittieren?“ machte er sich über mich lustig. Ich atmete tief ein. „Arroganter Hamel!“ dachte ich und sagte es auch. Er guckte mich fragend an. Das Wort Hamel fehlte ihm wohl im Wortschatz. „Nichts, nichts.“ säuselte ich. „Weißt du, nur weil DU dich noch nicht an das Thema Frittieren getraut hast, heißt das nicht, dass ich es nicht versuchen kann.“

Der Römer grinste, wünschte mir in bocca al lupo [Viel Glück] und täuschte an zu gehen. Doch er war zu neugierig wie das Experiment enden würde. Deswegen schaffte er es nur bis zum Türrahmen und lehnte nun lässig dagegen.

Ich ließ mich nicht irritieren. Mutig erhitzte ich das Öl, fuhr nochmal mit den Händen durch die Auberginenwürfel und schüttete sie dann alle gleichzeitig in den kleinen Topf. Sie glauben gar nicht wie das spritzt und schäumt!

Aaah!! Porca puttana! [Das übersetzte ich Ihnen besser nicht]“ schrie der Römer.

Mein Gott, kann dieser Mann denn nicht einmal zufrieden sein?

„Schnell, schnell, du brauchst einen Schaumlöffel! Küchenrolle! Einen Teller! Das verbrennt dir doch sofort auf Stufe 9!“ Während ich mich noch suchend nach den gewünschten Utensilien umblickte, hatte er bereits alles im Bruchteil einer Sekunde zusammengesucht, den Temperaturregler auf kleine Flamme gestellt und seihte bereits die goldgelben Auberginenwürfel ab. „Puh! Das war knapp!“ reagierte er sehr gestresst. Ich guckte ihn verdutzt an. „Ging doch nochmal alles gut!“ lächelte ich während ich die goldgelb glänzenden Würfel betrachtete. Der Römer tupfte sich indessen den Schweiß von der Stirn.

Schritt 4: Vermengen Sie die frittierten Auberginenwürfel mit dem geriebenen Parmesan, den Semmelbrösel, dem Ei, den passierten Tomaten und dem Basilikum.

Nichts leichter als das. Während ich versuchte alles zu mischen, fiel es mir auf: Der Römer hatte das letzte Ei heute Mittag gegessen. „Mortacci tua!“ fluchte ich.

Aber ich wäre nicht ich, würde ich nicht exzellent improvisieren können. „Ein bisschen mehr Tomatensoße und es sollte klappen.“ redete ich mir ein. Also ertränkte ich die Auberginenwürfel in eben dieser. Streute eine Packung Semmelbrösel auf die Maße, die nun arg flüssig geworden war und wollte gerade den Basilikum hinzufügen, als ich aus dem Off schon wieder die Stumme des Römers vernehmen konnte: „Ma che cos’è? Stai facendo un insalata?“[Aber was ist das denn? Machst du gerade einen Salat?] fragte er grinsend. Ich räusperte mich, denn soviel Unverschämtheit lässt selbst mich nicht kalt.

Voller Selbstbeherrschung antwortete ich dann: „Nein, amore mio. Diese Pflanze nennt man Basilikum und sie ist Bestandteil der polpette.“ Kaum hatte ich meinen Satz ausgesprochen, drängte er mich bereits zur Seite, entfernte die Basilikumblätter vom Stängel und schnitt sie hauchdünn. „Du kannst doch keinen ganzen Baum in den Teig mischen. Basilikum muss man kleinschneiden, damit es sein Aroma versprüht. Er soll dich am Gaumen kitzeln! Es frischer machen! Luftiger! Es wird doch kein sorbetto al basilico [Basilikum Sorbet]“ erklärte er mir sehr fachmännisch.

„Das wäre ja auch kalt.“ glänzte ich zynisch mit meinem Wissen.

Er überließ mir den Teig. Die ganze aufgestaute Wut auf diesen Besserwisser machte es zu einem regelrechten Kinderspiel diesen Teig zusammenzukneten. Und wie ich knetete! „So ein Klugschei*er! Arroganter Hamel!“ murmelte ich vor mich hin.

Als ich den geriebenen Parmesan hinzufügen wollte, merkte ich, dass er in unserem Kühlschrank nicht zugegen war. Ich verwechselte ihn bei meiner vorherigen Zutatenvisite schlichtweg mit dem Pecorino.

Mehr als ein Schulterzucken rief auch dieses Problem nicht in mir hervor. Ich rieb ihn sehr fein und wollte ihn gerade untermischen, als ich zum wiederholten Male eine Stimme vernahm.

Der Römer – wie sollte es auch anders sein: „Ma è scritto parmeggiano, non pecorino!“ [Aber hier steht Parmesan, nicht Pecorino!] merkte der Römer an, während er auf die Stelle im Rezept deutete. „Ja, ich weiß. Aber ich dachte, ich improvisiere!“ erklärte ich ihm. Einen Teufel werde ich tun und ihm mitteilen, dass ich nicht genau geschaut habe als ich die Zutaten im Kühlschrank kontrolliert habe.

„Improvisieren? Du? Dazu braucht man Erfahrung! Fantasie! Passione [Leidenschaft]!“ neckte er mich. „Hab ich alles und jetzt rutsch zur Seite. Dieses Rezept verlangt nach Pecorino!“ motzte ich und schob ihn aus der Küche.

Schritt 5: Formen Sie Bällchen und platzieren Sie im Inneren einen kleinen Würfel Mozzarella. Danach panieren Sie die Bällchen mit Semmelbrösel.

Das krieg ich hin! Kein Problem. Ich versuchte Bällchen zu formen, doch der Teig klebte zäh zwischen meinen Handflächen. Der Römer kam wieder vorbei, angeblich um ein Fläschchen für Signorino zuzubereiten, und guckte mich belustigt an. „Aqua. Tiepida.“ [Wasser. Lauwarm.] merkte er süffisant im Vorbeigehen an. „Ja, kannst du dir nehmen. Gläser sind im oberen Küchenschrank.“ teilte ich ihm kühl mit. „No! Du sollst deine Hände mit lauwarmen Wasser befeuchten. Dann kannst du die Bällchen besser formen.“ ergänzte er mit seiner arroganten Küchenchef-Art. „Hmpf…“ hmpfte ich. „Geht schon.“

Als er die Küche verlassen hatte, versuchte ich seinen Trick und siehe da: Es klappte wunderbar. Doch gar nicht so doof, dieser Römer.

Schritt 6: Frittieren Sie nun die Bällchen bis sie goldgelb sind.

Das ist einfach. Das habe ich gerade eben schon gemacht.

Doch ich lernte aus meinem Fehler: Ich stellte eine niedrigere Temperatur als vorhin ein! Erst warf ich ein Bällchen in den Topf, dann nochmal 2, dann kam mir ein Gedanke und ich suchte etwas im Küchenschrank. Danach warf ich nochmal 3 Bällchen rein.

Der Römer – diesmal mit einem satten Signorino auf seinem Arm – stand in der Tür. „Was wird das denn wieder?“ fragte er in seinem Besserwisser Ton. „Nichts. Ich werfe Bällchen ins heiße Öl.“ erklärte ich schnippisch. „Si, lo vedo. [Ja, das sehe ich] Aber warum sind manche fast schwarz und andere fast roh?“ fragt er entsetzt. „Ääähm…“ brachte ich hervor.

Ich guckte in den Topf. „Oh!“ entfuhr es mir.

Da hatte ich schon Signorino auf dem Arm und wir wurden gebeten, das Spektakel von weitem zu betrachten. „Per la sicurezza di tutti!“ [Für die Sicherheit aller] hörte ich noch.

Der Römer seihte wieder ab, warf die besonders schwarzen polpette in den Müll und ließ dann die übrigen, noch zu frittierenden Bällchen in das heiße Öl gleiten. „Ist das das Rezept?“ fragte der Römer sehr höflich. „Ja!“ antwortete ich schuldbewusst. Der Römer lächelte mich aufmunternd an und rettete, was noch zu retten war. Signorino hielt mir seine Spielzeug-Raupe vor die Augen und guckte mich erwartungsvoll an. Wir gingen ins Wohnzimmer. Ich legte Signorino auf seiner Krabbeldecke ab und deckte den Tisch.

Nach 20 Minuten konnten wir essen. Traumhafte, wolkenähnliche polpette alle melanzane dampften auf den Tellern. Es roch himmlisch! Der würzige Sugo unterstrich den vollmundigen Geschmack des Käses.

„Ti piace?“ erkundigte sich der Römer. „Ja! Sehr gut. Ausgezeichnet.“ erklärte ich zufrieden zwischen zwei Bissen. „Hai fatto bene, amore mio. [Das hast du gut gemacht, mein Schatz] Der Pecorino war eine super Idee.“ lobte der Römer mich. Ich errötete, wusste ich doch, dass er die meiste Zeit meine Fehler ausgebügelt hatte und wir nur deswegen diese traumhaften Frikadellen genießen konnte. „Ma la prossima volta, che dici, proviamo una ricetta insieme?“ [Aber nächstes Mal, was meinst du, probieren wir ein Rezept zusammenzukochen?] wendete er sich ganz scheinheilig an mich. „Okay.“ knickte ich ein. „Aber ich suche es aus!“

Er lächelte und küsste mich auf die Backe. „D’accordo. Ma niente fritto!“ [Einverstanden! Aber nichts Frittiertes!]

19 Gedanken zu “Heute koche ich!

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