Frankfurt und Corona – ein Erfahrungsbericht

[Prolog: Die Überschrift verrät es: Es geht um Frankfurt und meine Erfahrungen im Umgang mit Corona. Lesen Sie den Artikel nicht, wenn Sie a) von dem Virus die Nase voll haben b) sich nicht ärgern wollen über die Unvernunft Ihrer Mitmenschen und c) eine seichte, fröhliche Geschichte mit Happy End erwarten. Und sagen Sie hinterher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.]

Sie wissen, ich bin der größte Fan der heimlichen Hauptstadt Hessens. Die Einwohner sind deutlich entspannter und redefreudiger als die wortkargen Münchner. Die Stadt bietet viele schöne Ecken und die Lebensqualität ist sehr hoch.

Doch mit einer Pandemie kann diese Stadt definitiv nicht umgehen.

Turtle, die rüstige Hotline-Hessin und der kostenpflichtige Schnelltest

Seit gestern Abend hat Turtle einen trocknen, sehr heftigen Reizhusten und Schüttelfrost. Am Wochenende war sie in Bayern bei unseren Eltern und verbrachte viel Zeit in den Zugabteilen der deutschen Bundesbahn. Da Vorsicht besser als Nachsicht ist, rief sie bei der Corona Hotline ein. Nach einer halben Stunde Wartezeit nahm eine rüstige Hotline-Hessin ab. Turtle schilderte ihr das Problem, ihre Symptome und bat um Information, wie sie jetzt verfahren sollte. Die rüstige Hotline-Hessin antwortete, dass das streng genommen keine Corona Symptome seien und sie sich keine Sorgen machen brauche. Dann wollte sie das Gespräch beenden. Doch Turtle insistierte, dass sie gerne mehr Informationen haben möchte. Die rüstige Hotline-Hessin erklärte Turtle daraufhin: „In der Uniklinik in Frankfurt können Sie einen Coronatest machen. Aber nur von 9-12 Uhr. Doch mit IHREN SYMPTOMEN wird man Sie vielleicht gar nicht dran nehmen, wenn die Gefahr besteht, dass sie Corona haben.“ Turtle war verwirrt, sagte die rüstige Hotline-Hessin doch eben, dass Turtles Symptome nicht auf Corona hindeuten würden. Turtle beschloss, dass sie bei der Hotline nicht weiterkommen würde, bedankte sich und legte auf.

Dann rief sie bei ihrem Hausarzt an. „Nein, Coronatests bieten wir gar nicht an. Aber eine Krankschreibung kann ich Ihnen ausstellen.“ erklärte ihr die nette Arzthelferin. Immerhin ein erster Erfolg. Turtle informierte sich daraufhin über die kostenlosen Schnelltests, die angeblich überall angeboten werden. Doch Fehlanzeige! Am Ende rief sie bei der AIDS-Hilfe an, die ganz in ihrer Nähe ist, da sie Coronatests anbieten. Man empfahl ihr einen Schnelltest. 40 Euro. Sie könne gleich vorbeikommen.

Der Test war negativ. Turtle hustet immer noch, düste ins Büro, nahm die wichtigsten Ordner und USB Sticks mit und beantragte Homeoffice für morgen und übermorgen. Von der Krankschreibung braucht sie keinen Gebrauch machen.

Hafenpark-Partys und Schlechtwetter-Polizisten

Sehr ärgern musste ich mich auch über diesen Artikel, der sich vor unserer Haustür abspielte. Jugendliche, die im Hafenpark feierten und deren Party von der Polizei Frankfurts schlussendlich unterbunden wurde. Dabei gilt mein Ärger allein der nachlässigen Staatsgewalt. Mittlerweile verzeichnen wir hier in Frankfurt das dritte, sonnige Wochenende. Dazwischen gab es vermehrt sehr frühlingshafte, angenehme Tage. Und an all diesen Tagen, egal ob unter der Woche oder am Wochenende, spielten sich immer wieder die ewig gleichen Szenen ab: Menschenmassen, die sich dicht an dicht durch den Hafenpark und am Main entlang schoben, Horden von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, die sich am Skatepark vergnügten. Keiner davon trug jemals irgendeine Art von Maske. Erwachsene und Jugendliche bildeten Menschentrauben, picknickten und tranken. Wer nun eine oder mehrere, patrouillierende Polizeistreifen vermutet, der irrt sich. Es kontrollierte bis zu diesem Wochenende niemand.

Denn dann löste die Polizei „Partys von feiernden Jugendlichen“ auf, nachdem man wochenlang die staatlichen Augen verschlossen hatte. Ob dabei der Grundsatz „Besser spät als nie“ noch anzuwenden ist?

Seit diesem Wochenende zeigt die Polizei rund um den Hafenpark und am Main regelmäßig Präsenz. Gestern Nachmittag, 8 Grad, leichter Niesel, windig und bewölkt, waren mindestens vier Polizeiautos anzutreffen. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass Menschentrauben und Massen an Spaziergängern bei diesen Temperaturen eher unwahrscheinlich sind.

Alles in allem ärgere ich mich über die Doppelmoral der Stadt Frankfurt. Bei begründetem Verdacht kann man sich nicht testen lassen oder man darf selbst tief in die Tasche greifen. Gleichzeitig schieben sich bei Sonnenschein seit Wochen maskenlose Menschenmassen am Main entlang ohne jegliche Polizeipräsenz.

Dass eine Stadt aus diversen Einwohnergruppen mit unterschiedlichen Auffassungsgaben besteht, sollte einer Regierung bewusst sein. Dass „Vater Staat“ aber hier ins Spiel kommen sollte um auf seine „Kinder“ aufzupassen, halte ich für selbstverständlich. Allein auf die Vernunft der Bewohner Frankfurts zu pochen, ist in etwa so als würde ich auf die Vernunft meines einjährigen Sohnes pochen, wenn ich ihm eine volle Packung Kekse in die Hand drücke und sage: „Aber nur einen, dann ist Schluss.“

15 Kommentare zu „Frankfurt und Corona – ein Erfahrungsbericht

  1. Es ist nicht mehr mein Deutschland, das ich in den ersten Jahren in Italien nicht hoch genug loben konnte, dafür, dass alles so perfekt funktioniert und gut geregelt wäre. Jetzt schüttele ich viel zu oft mein greises Haupt.🙆‍♀️🙍‍♀️
    Aber „Spaß“ beiseite: Wie ist das denn in Ffm mit der Maskenpflicht? Gilt die nicht überall im Freien oder zumindest in der Stadt?
    Deiner Schwester gute Besserung! Wie doof, sich bei jedem Husten so arg Sorgen machen zu müssen.😥

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    1. 😄 Du kratzt doch kaum an der 30. 😉
      Es mag regionale Unterschiede geben. Die Bayern unter Marco Soda haben das wohl sehr gut im Griff. Aber hier…
      Es gilt die Maskenpflicht in der gesamten, erweiterten Innenstadt (Alleenring genannt) und am Main. Es hält sich nur keiner daran. Die Polizei zeigt seit diesem Wochenende Präsenz, das war’s aber auch. Maskenlose werden nicht angesprochen. Man geht davon aus, dass die Maskenlosen sich bei der Polizeipräsenz automatisch an die Maskenpflicht halten. Aber der Grundsatz auf die Vernunft des mündigen Bürgers zu pochen, geht komischerweise nicht auf. 🤨
      Danke dir. 💛 Sie ist sehr glücklich nun Homeoffice durchgesetzt zu haben aufgrund ihres Reizhustens. 😄
      Liebe Grüße nach Italien💛

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      1. Von Vernunftbürgern ist ja leider auch nie die Rede, das hat wohl seine Gründe. Und mit dem berühmtberüchtigten Gehorsam ist es auch nicht mehr weit her. Irgendwie bröckeln die Stereotypen spätestens seit Corona. Es hieß immer als Witz: Verbiete den Italienern etwas, wenn du willst, dass sie es tun. Dabei empfinde ich sie jetzt viel disziplinierter als manche Deutsche. Mein persönlicher Eindruck und natürlich keinesfalls zu verallgemeinern. Zum Glück, im Fall von Deutschland.
        Liebe Grüße und bleibt gut behütet, ähm, bemundschutzt, schön gesund!

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      2. 😄 Wie Recht du hast. Ich empfinde die Italiener spätestens seit dieser Krise als äußerst diszipliniert. Ein Freund des Römers, ein poliziotto Roms, hat auch kaum von Vorfällen und Verstößen zu berichten.
        Immerhin hat diese Pandemie einen großen Vorteil: Sie lädt zum Umdenken der Klischees ein. 😄
        Liebe Grüße, viel Gesundheit & viele grüne Zonen (man darf ja noch träumen…)

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    1. Dann ist das wohl ein allgemeines Phänomen. Immerhin klappt das mit den Tests besser. Ein Lichtblick!

      Wie ich mit Anke in einem der Kommentare schrieb, halte ich die Italiener mittlerweile für deutlich vernünftiger im Umgang mit der Pandemie im Vergleich zu uns.

      Es bleibt uns nichts anderes übrig als die wenigen, noch vorhandenen Nerven zu bewahren und weitere Runden im Pandemie Karussell zu drehen.

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  2. Jetzt muss ich die Frankfurter doch mal in Schutz nehmen, vor allem die Jugendlichen. Die haben schon seit einem Jahr einen nervenaufreibenden Wechsel aus schlecht funktionierendem „Distanzunterricht“ und Schule vor Ort in kleinen Gruppen, mit Maskenpflicht im Unterricht, ständigem Lüften auch bei Minusgraden, Sportunterricht als Theorieveranstaltung (weil der Kultusminister Bedenken hat, dass sie bei echter Bewegung nicht versichert wären). Und alles, was normalerweise Spaß macht, wie Ausflüge und Klassenfahrten, findet nicht statt. Geburtstage werden mit gemeinsamen Computerspielen statt mit wilden Parties gefeiert.
    Trotzdem finden Abschlussprüfungen statt, auf die viele Jugendliche nicht gut vorbereitet sind, und die Frage, wie es weitergeht, ist in diesem Jahr besonders schwer. Sucht mal einen Ausbildungsplatz, wenn Firmen Kurzarbeit haben und Infoveranstaltungen nur virtuell stattfinden!
    Ich habe viel Verständnis dafür, dass manche dann beim ersten schönen Wetter mal aufdrehen. Und die meisten tun es ja trotzdem nicht!
    Dass die Polizei erst gar nichts tut und dann massiv einschreitet, ist allerdings wirklich der falsche Weg.

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    1. Liebe Frau C, danke für den konstruktiven Kommentar, bei dem
      ich Ihnen eingeschränkt Recht gebe. 😃 Ich habe größtes Verständnis für die Jugendlichen in dieser Zeit. Die Pubertät an sich ist per se schon anstrengend, wenn dann auch noch all die Pandemie Einschränkungen dazu kommen, stelle ich es mir als eine fast nicht auszuhaltende Situation vor. Mein Anliegen mit meiner Erfahrung war viel mehr an die Staatsdiener gerichtet. Nur auf die Vernunft der Menschen zu pochen, halte ich für leichtsinnig. Wir sind alle Individuen und genau so individuell ist unsere Auffassung von Vernunft. Hauptsächlich bin ich massiv enttäuscht wie der Staatsapparat einschreitet oder eben auch nicht. Am Anfang gar nicht, bis es eben eskaliert im Hafenpark, nur um dann Präsenz zu zeigen, an nasskalten Regentagen, an denen garantiert die Wenigsten spazieren gehen.

      Es bleibt nur zu hoffen, dass wir bald wieder in ein geregeltes Leben zurückkehren können, wie auch immer dieses aussehen mag.

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  3. Meine Klischees über Studenten haben sich seit Corona mehr als verfestigt. Ich wohne in einem Multikulturellen Viertel mit sehr hohen Studenten Aufkommen. Sogar die ganz alten Omis mit Kopftuch tragen Masken und halten brav voneinander Abstand. Die Studenten feiern eine Party nach der anderen und treffen sich in Scharen auf Spielplätzen(!) zum gemeinsamen Workout. Natürlich ohne Masken, dass ist ja völlig klar. Ich bin froh das meine Kids nicht mehr im Spielplatz Alter sind, sonst müsste ich stundenlang einen mit möglichst langweiliger Ausstattung suchen.
    Gestern dann in der lokalen Zeitung die dramatische Schlagzeile: Warum sinkt die Ansteckungsrate nicht?
    Tja, ich hätte da eine Vermutung…

    Liebe (und leicht grimmige) Grüße🌹

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    1. Ich finde es so extrem, wie die Mitbürger damit umgehen: Die einen halten sich strikt daran und meiden jeden Kontakt, was wahrlich nicht leicht fällt. Die anderen pfeifen auf alles und benehmen sich als wären wir im Jahr 2018. Allein nach über einem Jahr noch Mitbürger zu sehen, die die Maske unter der Nase tragen, lässt mich Migräne vom Kopfschütteln bekommen.

      Sehr schön ist aber, dass man die Regierung, seine Mitmenschen und auch sein Land gleich viel besser kennenlernt und einschätzen kann.

      Liebe, durchhaltende Grüße und bleibt gesund 💛

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  4. Vernunft wird leider offenbar überbewertet. Zumindest hat man den Eindruck, wenn man sich so umschaut. Warum haben einige asiatische Länder zum Teil recht gut im Griff? Das könnte an der Disziplin liegen, mit denen sie Masken tragen – und an den drakonischen Strafen, wenn man sich nicht an die Regeln oder an die Quarantäne hält. Und hierzulande? Da ist in der Fußgängerzone im Münchner Zentrum Maskenpflicht und ein Drittel der Leute hält sich nicht dran. Und keiner unternimmt was. Ich bin sehr genau, was Social Distancing und AHA-Regeln betrifft und in meinem Taxi führe ich ein strenges Masken-, Desinfektionsregiment. Das letzte mal, dass ich privat mehr als eine Person auf einmal getroffen habe, war im August und wir waren zu dritt. Langsam aber sicher fühle ich mich… pardon!… verarscht!

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    1. Du sprichst mir aus der Seele. Mich überkommt eine solche Wut, wenn ich daran denke wie viele, viele Leute seit Monaten in Kurzarbeit sind, man alle Maßnahmen befolgt, Geschäfte, Taxis etc. sich auf eigene Kosten mit Masken, Plexiglasscheiben und Desinfektionsmittel ausstatten, dann am Ende doch schließen müssen, nur dass all die lockeren Maskenverweigerer ihren Bedürfnissen nach Nähe, Festen und Freiheit nachgehen können. Man fühlt sich nur noch für blöd verkauft. In Frankfurt schließen reihum die kleinen Geschäfte, Bars, Cafés und werden auch nicht wieder aufmachen. Stattdessen sitzen die Leute hier dicht an dicht am Main und genießen ihre ach so bürgerliche Vernunft. Die Polizei schreitet nicht ein.

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      1. Wir haben hier auch ein paar Hotspots: entlang der Isar, Gärtnerplatz, Wedekindplatz. Da wird Party gemacht, mal hundert, mal mehr auf engstem Raum. Im Englischen Garten verläuft es sich besser… Gehe ich in den nahen Westpark, dann wünsche ich mir so einen Elektrostab, wie sie ihn in Schlachthöfen haben. Und wenn mir dann wieder so ein Jogger in den Nacken hustet… Brrrrrzzzzzllll!!!… und dann hat er gelernt, dass das keine 1,50 Meter Abstand waren. Das schöne Café am See darf nur „to go“ verkaufen – und dann gehen die Leute ganze fünf Schritte weiter und quetschen sich auf der nächsten Parkbank zusammen und hinterlassen dabei noch jede Menge Müll. Und dann beschweren sie sich, dass die Infektionszahlen nicht runtergehen obwohl die Gastronomie zu ist. Offenbar greift Covid-19 zuerst das Hirn an!

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      2. 😄😄 Das hat schon was von Grünwald Comedy! Brrrrzzl! 😄

        Ich vermute, es liegt am Sauerstoffmangel durch die Maskenpflicht. Was ich dir von Passagieren an Bord meines Arbeitgebers erzählen könnte, wo der Sauerstoff nun auch nicht wuhuuu ist,…. 😄

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