Die Albanienchroniken – Teil 5: Ein morgendlicher Disput, Nasenstreicheln im Krankenhaus und ein Rumpelstilzchen zwischen High Heels und Miniröcken

Meine Nachtruhe war um 07:15Uhr schlagartig vorbei. Wie Sie längst wissen, fällt diese Uhrzeit für mich unter die Kategorie „Mitten in der Nacht“, Unterkategorie „Körperverletzung“.

Wer meinen verdienten Schönheitsschlaf störte? Die albanischen Nachbarn, die neben unserer Ferienwohnung residierten. Dabei fing es harmlos, aber gleichzeitig unüberhörbar, an: Um 7:15 Uhr wurden, wie es schien, sämtliche Tassen, Teller und Pfannen aus den Schränken gezogen und gegeneinander geschlagen. Eventuell wurde auch gekocht und der Tisch gedeckt. So genau konnte ich es, schlaftrunken wie ich war, nicht eruieren. Selbst mit einem Kopfkissen, das ich auf das freiliegende Ohr gepresst hatte, konnte ich den Lärm noch immer hören. Um nicht nur meine auditive Wahrnehmung zu reizen, beschloss man in der Nachbarwohnung, auch eine penetrante, olfaktorischen Komponente einzusetzen. Ein Geruch von stark frittierten Eiern verbreitete sich über die Klimaanlage und ergoss sich in meinem Schlafgemach. Mir wurde etwas flau im Magen. Um 7:30 Uhr begaben sich alle Familienmitglieder der Nachbarwohnung an den Esstisch, der anscheinend direkt an der Wand, hinter der ich schlief, stand. Das Gespräch plänkelte lustlos dahin, bis es eine abrupte Wendung gab. Scheinbar aus dem Nichts wurde der Ton des weiblichen Parts zunehmend gereizter und aggressiver. Ich griff zu einem zweiten Kissen. Schnell merkte ich, dass ich mir auch noch die Bettdecke über den Kopf ziehen musste, um den schnell anschwellenden Geräuschpegel zu dämpfen. Da ich unter zwei Kissen und einer Decke nur schwerlich Luft bekam, war ich gezwungen wieder zurückzurudern und mit einem einzigen Kissen auszukommen.

Derweil begann Frau Nachbarin zu brüllen als würde sie auf einer geschäftigen Großbaustelle stehen und nicht neben ihrem Mann im Esszimmer sitzen. Und was sie ihrem Gatten nicht alles um die Ohren haute. Zugegeben, ich verstand nicht jedes Detail. Aber am Ende rief sie, dass sie keine Arbeitsstelle habe. Das tat mir einerseits sehr Leid, weil ich durchaus wusste, was das für Konsequenzen nach sich zog. Andererseits sah ich bei ihrer Stimmgewalt großes Potenzial für eine Stelle als Marktschreierin auf dem pazari i ri, dem neuen Markt Tiranas. Ihr Gegenüber, vermutlich ein Mann, schwieg die ganze Zeit über. Vielleicht äußerte er sich auch, aber wenn, hatte er eine sehr zarte Fistelstimme, die ich durch die Wand und aufgrund meines Kissens auf dem Ohr nicht vernehmen konnte. Da ich mir in meinem Kopf bereits einen bärtigen, schweigsamen Albaner um die 50 Jahre ausgemalt hatte, dessen Bauch mein Vater getrost als „Hendlfriedhof“ bezeichnen würde, passte die Fistelstimme für mich nicht in meine Vorstellung. Deswegen schloss ich daraus, dass er höchstwahrscheinlich einfach schwieg. Und darin war er ganz schön gut. Vermutlich auch ein Talent, dass man zu Geld machen konnte. Aber ich war hier, hinter meiner sicheren Schlafzimmerwand, nicht die albanische Berufsberatung, sondern nur die peinlich berührte Nachbarin, die zum damaligen Zeitpunkt bevorzugt hätte zu schlafen, anstatt diesem lärmintensiven Monolog zuzuhören. Nach weiteren zehn Minuten, in denen er schwieg und sie weiter brüllte, hörte man schwere, ruhige Männerschritte. Wenig später knallte die Wohnungstür ins Schloss. Er war wohl gegangen. Danach war es still in der anderen Wohnung. Nach weiteren fünf Minuten setzte ein aggressiver Abspülvorgang in der Nachbarwohnung ein. Dazu drehte meine temporäre Nachbarin albanische Liebeslieder auf, die lautstark die Irren und Wirren einer verlorenen Liebe besangen.

In meinem Bett war ich hingegen so aufgebracht ob diesem unerwarteten Streit, der so früh morgens stattfand, dass ich hellwach war. Gleichzeitig war es mir auch ein bisschen unangenehm, so hautnah in eine Ehestreitigkeit hineingeschlittert zu sein, die nicht die Meine war. Allein der Gedanke, dass die Nachbarn von meiner Existenz gar nichts wussten, beruhigte mich etwas. Wer würde auch eine Deutsche im Pyjama hinter der Küchenwand vermuten? Ich schälte mich aus dem Einzelbett und tappte in das Doppelzimmer des römischen Vater-Sohn-Duos. Auf dem Weg dorthin beschloss ich, nie wieder darauf zu bestehen, eine Signorino freie Nacht im anderen Schlafzimmer haben zu wollen. Dabei dachte ich doch tatsächlich, dass meine Nachtruhe durch die Abwesenheit Signorinos deutlich ausgeprägter wäre. Aber der Teufel ist ein Eichhörnchen!

Wie erwartet schliefen die beiden männlichen Familienmitglieder. Eng umklammernd – wie die Ertrinkenden – lagen sie im Bett. Der Große schnarchte leise, der Kleine atmete dafür etwas lauter. In einer fließenden Bewegung legte ich mich dazu. Doch von der Erschütterung meiner, vermutlich doch nicht so fließenden Bewegung erwachte Signorino. Keine zwei Minuten später rollte er zu mir hinüber und begrüßte mich mit „Mamamamama“. Ich gab ihm zu verstehen, dass unsere Nacht um 8 Uhr noch nicht vorbei sei. Das wiederum wollte der willensstarke Sohn nicht akzeptieren und unterhielt uns so lange, bis zumindest ich entnervt aufgab und aufstehen wollte. Der Römer wollte noch ein bisschen liegen bleiben. Signorino hielt das für keine gute Idee und drückte ihm immer wieder, laut lachend, den angespeichelten Schnuller gegen die Schläfe.

1:0 für Signorino. Wir standen alle drei auf, frühstückten gestrige Croissants und tranken Tee und Kaffee. Nach dem Frühstück erhob sich der Römer, griff zu seinem Telefon und kümmerte sich um den wichtigsten Punkt auf der Tagesagenda: Er rief beim deutschen Krankenhaus [Spitali Gjerman oder einfach German Hospital] an, um einen Termin zum PCR-Test, den wir für die Rückreise benötigten, auszumachen. Gewohnt höflich begrüßte er sein Gegenüber am Apparat und trug sein Anliegen vor. Ob die Information richtig sei, dass man den Test im deutschen Krankenhaus machen könne, wollte er wissen. „Po. [Ja.]“. antwortete die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung knapp. Sehr schön, bemerkte der Römer, wir würden dann gegen 16 Uhr bei Ihnen sein. „Hmmmm….!“ machte die Stimme und wirkte nicht besonders glücklich mit diesem Vorschlag. Dann bediente sich die Krankenhausmitarbeiterin einer Taktik, die ich schon oft bei meiner albanischen Familie beobachten konnte. Aus Höflichkeit verneinte man nicht direkt, so wie ich es in Deutschland machen würde. Nein, vielmehr drückte man es deutlich diplomatischer aus. So sagte die Stimme also: „Ich empfehle Ihnen bis 14 Uhr im deutschen Krankenhaus zu sein. Danach wird es sehr, sehr schwierig einen solchen Test durchzuführen.“ Der Römer quittierte diese Empfehlung mit einem zweimaligen „Mire [Gut]“. Dann bedankte er sich, wünschte der Dame noch einen schönen Tag und verabschiedete sich freundlich.

Wir beschlossen diesen Punkt der Tagesordnung sogleich vollständig zu erledigen. Zwanzig Minuten später verließen wir das Haus. Im Treppenhaus begegnete uns ein bärtiger Mann mit einem großen, runden Bauch, der auf unsere Etage zusteuerte. Er wirkte mürrisch. Mit seiner tiefen, basslastigen Stimme grüßte er uns. „Ha!“, rief ich aus, als er aus unserem Sichtfeld verschwunden war, „Er hat doch keine Fistelstimme! Er war einfach nur schweigsam. Genau so habe ich ihn mir vorgestellt.“ Dann grinste ich zufrieden in mich hinein. Der Römer guckte mich verwirrt an, sparte sich aber eine Rückfrage und überging meinen Kommentar galant.

Von dem gestrigen Spaziergang hatten wir anscheinend nichts gelernt und so nahmen wir abermals den Buggy mit. Schön blöd! Der Bürgersteig war nicht für Gegenstände mit Rollen geeignet. Wer transportiert werden möchte, soll seine Verwandtschaft bemühen oder zumindest einen charmanten Taxifahrer. Der Römer wollte Zweiteres vorschlagen, aber seine stoische Sparbrötchen-Gemahlin bestand darauf, „die paar Meter“ zu gehen. Nach einem fünfzehnminütigen Marsch, in denen man seinen Blick nicht eine Sekunde vom Boden abwenden konnte, wollte man keinen Knöchelbruch riskieren, kamen wir an. Schweißnass, mit einem 15 Kilo Kleinkind auf der Hüfte, musste ich mich kurz vor dem Krankenhaus sammeln, um wieder in meinen normalen Atemrhythmus zu finden. Der Römer grinste hämisch, hatte er doch nur den zusammenfaltbaren Buggy in der Hand. „Guarda che il taxi non avrebbe costato più di 3 euro. [Schau, das Taxi hätte nicht mehr als 3 Euro gekostet.]“ sprach er nun, als wir vor unserem Ziel standen. „Drei Euro?“ wollte ich fassungslos wissen. „Si! [Ja!] Aber du hast gleich abgewunken. Und ich weiß wie du bist, wenn ich insistiere.“ flötete er. Ein Glück legte sich mein Fokus recht schnell auf die Menschentraube, die vor dem Krankenhauseingang wartete. Eine Maske hatte selbstredend keiner auf. Der Römer versuchte indessen zu verstehen, ob der Menschenauflauf wartete, um eintreten zu dürfen oder einer anderweitigen Tätigkeit nachging, die sich uns nicht erschloss. Letztlich beschloss er, einfach zum Eingang zu stolzieren. Halbherzig entschuldigend bahnte er sich seinen Weg durch die Ansammlung, was mit einem nun ausgefalteten Buggy, erstaunlich schnell und effizient vonstatten ging. Signorino und ich folgten der Schneise, die er hinterließ. Kurz darauf stolperten wir ins Krankenhaus. Was sich hier für ein Anblick bot, lässt mich bis heute staunen:

Linkerhand war die große Rezeption. Primär aus Dekorationszwecken, wie es schien, hatte man eine Plexiglasscheibe installiert, die halb hoch den Plebs von den Krankenhausangestellten trennen sollte. Die Plexiglasabgrenzung endete auf Höhe meines Kinns. Nun muss ich sagen, dass ich als hochgewachsen in Albanien gelte, obwohl ich keine 1,70m groß bin. Für die meisten weiblichen und alternden Albaner endete diese Scheibe vermutlich auf Augenhöhe. Hinter dieser Coronaschutzmaßnahme saßen einige, junge, gut geföhnte Damen. Sehr adrett anzusehen! Nur verhinderte die akkurate Föhnfrisur vermutlich die richtige Trageordnung der Maske. Es war wie eine schlecht gemachte Werbung, in der die Bundesregierung darauf aufmerksam machte, wie die Maske nicht zu tragen wäre. Die orange-blondierte Außenwelle trug sie an einem Ohr. Der Rest hing schlaf nach unten, als wäre es ein übergroßer, sehr eigenwilliger Ohrring. Der kurze, lockige Bob klemmte die Maske kurzerhand unters Kinn, da sie beim Sprechen störte. Die hellbraunen Blocksträhnen waren schon etwas fortschrittlicher unterwegs. Unter der Nase, aber den Mund bedeckend. Fast richtig!

Der Römer meldete uns, mit Signorino auf dem Arm, an. Ich kniete mich kurz nieder, desinfizierte mir flink wie ein Wiesel die Hände, drückte noch einmal den Nasensteg meiner FFP2 Maske ordentlich zurecht und beschloss fortan nur noch selten, und wenn dann sehr flach, zu atmen. Mal wieder wurde nach unseren Pässen verlangt. Diese wurden kopiert und wieder an uns ausgehändigt. Während der Römer die Formalien klärte, schnappte ich mir Signorino und wir beobachteten die ankommenden und weggehenden Menschen. Es war wie eine sehr lustig anzuguckende Kleinkunstbühne, die sich vor uns auftat: Eine gut gestylte Frau um die 40 stöckelte ins Krankenhaus. Sie trug natürlich keine Maske, dafür einen feuerroten Lippenstift, der ihren mediterranen Teint vorzüglich unterstrich. Als sie schon fast an der Rezeption vorbei war, fiel ihr selbst (!) auf, dass wahrscheinlich das Tragen einer Maske in dieser Szenerie angebracht wäre. Flott tippelte sie zurück zur Rezeption und äußerte ihr Anliegen. „Ach, Sie haben keine Maske? Das ist mir gar nicht aufgefallen.“ bemerkte der kurze, lockige Bob. Was ironisch klingen mochte, war definitiv nicht so gemeint. Es war ihr und allen anderen tatsächlich nicht aufgefallen. Man gab der gut gestylten Krankenhausbesucherin eine OP-Maske. Diese bedankte sich und eilte in die Kardiologie.

Wenig später schlürfte ein Ehepaar herein. Man konnte mit einem Blick erkennen, dass nicht nur sie der Risikogruppe angehörten, sondern vermutlich auch schon ihre Kinder (und eventuell Kindeskinder). Tattrig steuerten sie Richtung Rezeption. Der Greis mit dunkler Schiebermütze hatte seine Gattin im schwarzen Kleid, der dunklen Strumpfhose und dem weißen Kopftuch untergehakt. Natürlich trug keiner von beiden eine Maske. Sie fragten auch nach keiner, dafür grüßten sie die Rezeptionskräfte sehr freundlich bevor sie in die Urologie einbogen. Die hellbraunen Blocksträhnen und die orange-blondierte Außenwelle grüßten freundlich zurück und widmeten sich sofort wieder ihrem Gespräch, das höchstwahrscheinlich private Motive hatte. An der Körperhaltung der beiden Damen und den fest umklammerten Kaffeebechern konnte man ablesen, dass es sich um Beziehungs-, wenn nicht sogar Eheprobleme, handelte. Die Lage war ernst. Wer würde in diesem fesselnden Gespräch schon auf eine Maskentragepflicht in Krankenhäusern bestehen wollen? Es gab schließlich dringlichere Probleme.

Der kurze, lockige Bob schob dem Römer den Patientenkugelschreiber zu, der vermutlich seit langem kein Desinfektionsmittel mehr gesehen hatte. Der Römer guckte pikiert, zog seinen silber-schwarzen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Lederjacke und unterschrieb damit. „So ist es doch schon gleich viel sicherer.“ kommentierte er seine Geste und zwinkerte dem braunen, lockigen Bob zu. Dieser guckte ihn an wie ein Auto. Die orange-gefärbte Außenwelle, die sich offensichtlich aus der Diskussion der Beziehungsprobleme gelöst hatte, bat uns, auf der Sitzbank am Ende des Ganges Platz zu nehmen und dort zu warten. Wir würden dann aufgerufen werden.

Dem war auch so. Nach zwei Minuten wurde der Römer zum PCR-Test gebeten. Nach einer weiteren Minute kam er heraus und flüsterte mir ins Ohr, dass er die Dame schon vorgewarnt hatte, dass ich nur Englisch sprechen würde. Ich bedankte mich und eilte in den Testraum. Freundlich grüßend wurde ich auf einen Stuhl platziert. Ich nahm meine Maske ab. Die junge Dame streichelte mit einem Wattestäbchen sanft meinen inneren Nasenflügel, bevor sie es in einem durchsichtigen Röhrchen versenkte. Dann holte sie sich ein neues Wattestäbchen und kraulte damit liebevoll meine Mandeln. Ich wunderte mich etwas über die Sanftheit des Testverfahrens, hatte doch Turtle mir vorab mitgeteilt, dass das medizinische Fachpersonal normalerweise mit den Wattestäbchen bis zum Gehirn durchbohren würde. Doch ich hinterfragte die Situation nicht weiter. Ich bedankte mich und wünschte der Dame noch einen schönen Tag.

Beim Rausgehen erklärte ich dem Römer, dass der Abstrich überhaupt nicht unangenehm war. Er grinste und lieferte postwendend die Erläuterung zu meinem Eindruck. Das habe die Dame extra so gemacht, habe sie ihm erklärt. Denn schließlich wusste sie vom Römer, dass wir in Frankfurt wohnen und dahin zurück wollten. Und deswegen touchierte sie unsere Nasenschleimhäute und Mandeln nur leicht, denn wenn wir nur Überträger seien, aber keinerlei Symptome hätten, so wäre der Test negativ. Wäre die Corona-Erkrankung aber fortgeschritten, so würde der Test positiv resultieren. „Im Ernst?!“ presste ich aufgebracht heraus. „Das geht doch nicht!“ Der Römer tätschelte mir die Schulter. „Seh’s doch positiv. Wenigstens können wir noch zurückreisen, sollten wir positiv sein.“ erwiderte der Römer. Ich verstummte und beschloss, dass wir uns in fünftägige Quarantäne begeben würden, auch wenn Familienbesuche im Ausland nicht als quarantänepflichtig im Bundesland Hessen angesehen werden. Danach würden wir uns einem echten Test unterziehen, der über das liebkosen der Nasenschleimhäute hinausging.

Nach unserem kurzweiligen Krankenhausaufenthalt gingen wir zurück zum Sheshi Skënderbej, dem Hauptplatz Tiranas. Da unser Ziel nur wenige hundert Meter entfernt lag, beschlossen wir, auf eine Taxifahrt verzichten zu können. Der Römer trug Signorino, ich schulterte dafür den zusammengefalteten Buggy, der spätestens auf dem großen, tadellos gepflasterten Hauptplatz wieder zum Einsatz kommen würde. Von weitem konnte ich bereits eine kleine Zeltstadt erahnen, die an einem Ende des Platzes aufgebaut war. Davor standen sehr elegante, gold-blaue Wartestühle, die vermutlich eine Leihgabe der angrenzenden Oper waren. Die Zeltstadt stellte sich als Impfzentrum heraus, das zwar wenig besucht schien, aber dafür umso besser organisiert war. Der Römer verriet mir, dass Albanien ganz schön Tempo in Sachen Impfung machte, denn es wird jeder, verfügbare Impfstoff verimpft. Darunter auch chinesische und russische Fabrikate. Während wir das Impfzentrum mit einigen Metern Abstand beobachteten, düste Signorino über die Steinplatten. Immer wieder hielt er an, als müsste er eigenhändig die Fliesen nachjustieren und klopfte mit dem Hammer mehrmals prüfend darauf. Dann stand er lachend auf und lief vor Freude jauchzend davon. So ging das eine ganze Stunde lang.

Nachdem uns das Kind einigermaßen ausgepowert erschien, beschlossen wir beim Restaurant Panevino* gegenüber des prächtigen Maritim* Hotels vorbeizuflanieren. Es war Zeit zum Mittagessen und hier würden wir sicher fündig werden. Als wir an diesem italienischen Restaurant ankamen, fragte der Römer den jungen Kellner, ob sie die Option „zum Mitnehmen“ anbieten würden. „Zum Mitnehmen? Klar! S’ka problem. [Kein Problem.]“ Wir bestellten Spargelrisotto für den kleinen Farniente, Steak und Gemüse für uns Großen. Währenddessen war der Außenbereich des Restaurants gut besucht. Auch Innen saßen einige, illustre Gäste aus dem albanischen Funk und Fernsehen. Es dauerte ca. 20 Minuten, in denen wir abwechselnd Signorino hinterherjagten, während der andere Erziehungsberechtigte gemütlich seinen caffè trinken konnte. Das Kind, das wir vor wenigen Minuten noch als „ausgepowert“ bezeichnet hatten, war nun wie durch Zauberhand putzmunter. Es heizte durch den Außenbereich, einer von uns immer in seinem Windschatten. Alles war aufregend und neu. Insbesondere die Treppen kurz vor der großen Straße, wo wir ihn mehrmals vor Schlimmeren bewahren mussten. Beim Zahlen entschuldigten wir uns für das aufgedrehte Kind. „Ach woher!“ winkte der junge Kellner ab. „So ein liebes Kind. Sie wissen gar nicht, was hier alles für Kinder ankommen.

Auf dem Nachhauseweg fotografierte ich ein paar riesige Ostereier. Man sah, dass der (mittlerweile wiedergewählte) Premierminister Edi Rama nicht nur vormaliger Bürgermeister von Tirana, sondern auch ein begnadeter Künstler war. Erst als ich die Fotos auf meinem Handy kontrollierte, erinnerte ich mich daran, dass gerade Ostern war. Weitab von allem konnte man das schon einmal vergessen.

Daheim angekommen erfreuten wir uns an der wunderbaren Küche des Panevino. Das Fleisch, trotz eines 15minütigen Transportweges, verlor nicht ein My an Geschmack. Es war auf den Punkt gebraten. Die dazugehörende Soße, sowie das Gemüse, das man getrost als al dente bezeichnen konnte, rundeten unser Menü ab. Das Kind flitzte immer wieder um den Esstisch unserer Ferienwohnung und holte sich sein Spargelrisotto löffelweise ab. Doch dann, von einem Moment auf den anderen, hatte irgendwer schlagartig den Stecker des Kindes gezogen und zack – lehnte es seinen schwer gewordenen Kopf an mein Knie und schloss stehend die Augen. Ich schlang das letzte Stück Fleisch herunter und brachte den bereits dösenden Signorino sogleich ins Bett.

Als ich aus dem Schlafzimmer kam, zog der Römer gerade seinen zweiten Schuh an. Er müsse auf Streifzug, begründete er seine Ausgehwilligkeit. „Aha.“ gab ich kurz zurück und wartete amüsiert auf den Grund seines Streifzuges. Nun, er brauche ein Antibiotika, für das er in Deutschland erst mühsam zum Arzt müsse, um sich ein Rezept ausstellen zu lassen. Hier in Albanien sei es nur eventuell rezeptpflichtig, eventuell aber auch nicht. „Hast du mal wieder eine, deiner berühmten Selbstdiagnosen gestellt?“ wollte ich schelmisch grinsend wissen. Er nickte bestätigend. Außerdem würde sich unser minimaler Vorrat an Windeln und Feuchttücher dem Ende zu neigen. Aha, bemerkte ich wieder. Ich vermutete hinter seinem plötzlichen Tatendrang weder die Apotheke, noch die beinahe aufgebrauchten Hygieneartikel des Kindes. Vielmehr spekulierte ich auf einen Universitätsdekan, der zufällig einer seiner engsten Freunde war und sicher zum caffè in ruhiger Atmosphäre bat. Noch einmal wies ich darauf hin, dass Freunde nicht zur Familie 1. und 2. Grades gehörten und somit, laut Gesetz, eine Quarantäne in Deutschland anstünde. Von meinem Plan, so oder so, eine fünftägige Quarantäne einzuschieben, erwähnte ich nichts. Nein, nein! Ich würde mich täuschen. Er kann mir versichern, dass er nur zur Apotheke und zum Supermarkt gehen würde. Jetzt müsse er aber wirklich los. Ciao, amore! Und schon war er aus der Haustür.

Nach dreißig Minuten war er zurück. In der Hand hielt er eine kleine Plastiktüte, die mit einem Firmenemblem einer Apotheke bedrückt war. Hinter dieser Plastiktüte war eine viel größere Plastiktüte zu erkennen, aus der ein Päckchen Feuchttücher ragte. Er hatte nicht gelogen. Denn in 30 Minuten schaffte es selbst der Römer nicht, noch einen Espresso mit seinem guten Freund Eli zu trinken.

Und? War die Packung Antibiotika rezeptpflichtig?“ wollte ich vom Römer wissen. „Si e no. [Ja und nein.]“ gab der Römer zurück. „Eigentlich schon, aber die nette Apothekerin und ich unterhielten uns über dieses Medikament und wir waren uns beide einig, das es so ein schwacher Allrounder war, dass man damit nichts schlimmes anstellen könne. Deswegen gab sie mir das Schächtelchen auch ohne Rezept. Sie erkannte an meinen fachspezifischen Ausführungen, dass ich wusste, was ich da tun würde.“ Ich sagte nichts. Was hätte ich auch sagen sollen? Er wird schon wissen, was er tut. Außerdem schaffte er es, bis zu unserem Kennenlernen vor einigen Jahren, ohne meine klugen Ratschläge zu überleben.

Am späten Nachmittag beschlossen wir einen Ausflug in den städtischen Park zu machen. Was für eine dämliche Idee! Wir mussten dazu das Ausgehviertel Blloku durchqueren. Bässe wummerten aus den Boxen diverser Shisha-Bars. Viele top gestylte Damen und Herren standen vor den Bars und Cafés auf dem Gehsteig, der zwar diesmal kinderwagenfreundlich war, aber wir dennoch unsere liebe Mühe hatten, den ganzen High Heels und Sportschuhen auszuweichen. Eine Maske zählte, Sie ahnen es, wie immer nicht zu den Accessoires, mit denen sich die Damen und Herren schmückten. Als wir endlich den Park erreichten, witterte Signorino seine Chance und gebot auszusteigen. In aller Ruhe setzte er sich auf den Steinboden und klopfte passioniert darauf herum. Sofort wollten wir ihn wegzerren, denn nur wenige Meter von uns entfernt endete der Radweg. Doch Signorino weigerte sich lautstark und schaltete gekonnt in die Einstellung „Zementsack“. Kreischend und um sich tretend, trugen wir ihn die Anhöhe hoch, was sehr schweißtreibend und nervenaufreibend war. „Er wird sich schon beruhigen.“ redeten wir uns gegenseitig Mut zu und sollten uns damit sehr irren. Auf dem Hügel angekommen, klopfte er wieder Steinfliesen. Da es keine Radfahrer gab, setzten wir uns auf die Holzbank neben Signorinos Arbeitsstelle. Dies nahm er zum Anlass, ruckartig aufzustehen und wegzulaufen. Der Römer hetzte hinterher, packte Signorino, setzte ihn wieder neben der Bank ab, nur dass er dann wieder einige Minuten später außer Sichtweite gelangte. Es war ein überaus anstrengendes Spiel bis wir beschlossen heimzukehren. Das wiederum gefiel Signorino gar nicht. Unter lautem Geschrei gab er uns zu verstehen, dass er weder getragen werden wollte, noch bereit war, in den Kinderwagen zu steigen. Er steigerte sich so in seinen Wutanfall hinein, dass wir ein kreischendes, unhandliches Kleinkind durch das Ausgehviertel trugen. Der Vorteil war, dass die Damen und Herren vor den Bars auswichen, was mich wunderte, denn das Geschrei konnte man bei den lauten Bässen leicht überhören. Ungefähr auf der Hälfte der Strecke drehte er so durch, dass er es schaffte, sich zu Füßen einer High Heels Trägerin im knappen Minirock zu setzen und neben ihr Steine zu klopfen. Wir ließen ihn eine Minute gewähren, so dass er sich beruhigen konnte, um ihn dann weiter nach Hause zu tragen. Natürlich flippte er wieder aus. So ging das fortan weiter, bis wir nach 40 Minuten schweißgebadet zu Hause waren. Dort beruhigt er sich und schaltete wieder in die „lebhaftes, aber weitestgehend zufriedenes Kleinkind“-Einstellung. Es war 19:55 Uhr. In 5 Minuten setzte, wie jeden Abend, die Ausgangssperre ein. Was für ein Tag!

Der nächste Tag ist bereits der letzte Teil dieser Albanienchroniken. Für mich war das persönlich der anstrengendste Tag, an dem ich die Stunden bis zu unserer Abreise zählte. Seien Sie gespannt auf Teil 6, wie ich meine Ehe anzweifle und die albanische Gelassenheit nicht mehr ertrage. 😉

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6 Kommentare zu „Die Albanienchroniken – Teil 5: Ein morgendlicher Disput, Nasenstreicheln im Krankenhaus und ein Rumpelstilzchen zwischen High Heels und Miniröcken

    1. Vielen Dank, lieber Tom. 😃 Ich hoffe, dich nicht im letzten Teil enttäuschen zu müssen. Er handelt hauptsächlich davon, dass ich gerne Teller an Wände knallen würde. 😅
      Aber ich bin gespannt auf dein Feedback nach dem letzten Teil. 😉

      Gefällt 1 Person

  1. Nun ist euer Sohn langsam in dem Alter wo es wieder losgeht mit den netten Kommentaren 2.0

    »Wie? Der ist noch nicht trocken? Also unser Horst-Attila brauchte schon mit XY Monaten keine Windel mehr.«

    »Und das Zweite ist unterwegs, ja?«

    »Der schläft doch nicht mehr bei euch im Bett, oder?«

    »Bloß nicht nachgeben. Las den schreien, der kommt schon von ganz alleine.«

    Liebe Grüße 🌹

    Gefällt 2 Personen

    1. Oh, da sagst du was. 😄 Nach 2.0 (und evtl. 3.0 – Teile der Familie hoffen auf Zwillinge) wurde bereits gefragt, da war der Ableger noch keine 6 Monate alt.

      Dann wurde bemerkt, dass er mit 9(!) Monaten immer noch nicht in der Kita sei. Das wäre längst überfällig.

      Dass er bei uns im Bett schläft, weiß glücklicherweise keiner. Sonst wäre das das nächste Thema.

      Und auch das Schreien lassen, war bereits Thema. 🥴

      Ein Thema hat mir noch gut gefallen: Der Römer erzählte seiner Mutter, dass ich ein WE zu meinem Vater fahren würde. Ohne Kind. Sie war völlig verdattert und fragte erst einmal, wer Signorino dann die Windeln wechseln würde. Als das geklärt war, redete sie dem Römer ein, dass das Kind dann ein Wochenende durch schreien würde und ich meinen Demenz kranken Vater lieber nicht besuchen sollte. 🤪

      Seltsamerweise kommen die meisten Erziehungstipps dennoch von den albanischen Herren der Familie.

      Ich habe fast den Eindruck, dass du nicht nur ein Liedchen davon singen kannst, sondern gleich mehrere Alben. 😉

      Liebe Grüße 💛

      Gefällt 2 Personen

      1. Von albanischer Seite kommt nie was, sehr zu meiner Freude. Mein Mann hat sich auch um die drei Jungs gekümmert, als ich in Paris Urlaub gemacht hab. Die haben nur um Urlaubsfotos gebeten.
        Als ich damals zum ersten Mal auf meine Schwiegermutter traf, war ich sehr nervös. Es hängt ja oft das Eheglück an einer guten oder schlechten Beziehung zu der Schwiegermutter. Als ich ankam meinte sie nur:„Pass auf, ich habe sieben Kinder großgezogen. Wenn du etwas wissen möchtest, dann frag. Ansonsten bist du die Mutter und du machst deine eigenen Erfahrungen.“
        Ich fand das total cool. Da habe ich schon ganz andere Storys von Freundinnen über Horror Schwiegermutter gehört.
        Am meisten genervt hat meine eigene Familie und wenn meine Mutter immer Hellseherin spielen und das Geschlecht (Todsicher!!!) vorausgesagt hat, hätte ich jedesmal meinen Kopf gegen die Wand knallen können.

        Sie lag übrigens jedesmal falsch.😂

        Liebe Grüße 🌹

        Gefällt 2 Personen

      2. Wow, du hast ja eine klasse Schwiegermutter 😍 (und einen klasse Mann, nicht nur pretty, sondern auch unterstützend😉). Obwohl, bei den Schwiegereltern darf ich mich auch nicht beschweren. Die sind beide sehr angenehm und lieb. 🌷

        Sieben Nachkommen ist anscheinend die beliebteste, albanische Kinderanzahl. Meine Schwiegermutter hat auch sieben Kinder. 😅

        🤣 Oh nein! Na, da hat sie sich ja ganz schön geirrt. Dieses Geschlechterraten finde ich so affig.

        Liebe Grüße 💛

        Gefällt 1 Person

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