Vom Frühling, Albanien und meinem kalten Espresso

[Zusammenhanglose, wenig geistreiche Gedanken, abgetippt. Nehmen Sie’s nicht auf die Goldwaage!]

Was ist das für eine seltsame Zeit? Die Mehrheit der Grünflächen sind immer noch braun-grau dominiert. Aber doch, ein paar mutige Krokusse, ein paar Osterglocken und ein paar von diesen Weißen, die immer den Kopf hängen lassen und deren Name ich immer vergesse, kämpfen sich mit stoischem Starrsinn durch das Braun-Grau und recken und strecken ihre Köpfe Richtung Sonne, als ob sie das Weltgeschehen gar nichts anginge. Und genau so ist es: Die Bäume schlagen aus, erste, feine Knospen wachen langsam auf. Selbst mein Garten, den ich momentan auf der Fensterbank züchte, wacht langsam auf. Die Sonne scheint zumindest den Granatapfelsamen und eine Chilli-Pflanze davon überzeugt zu haben, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist, zu erwachen und zu erwachsen. Von der divenhaften Zitrone schreibe ich lieber nicht, denn diese hat sich dazu entschlossen, dass sie wohl nicht in diesen unsteten Zeiten aufwachen möchte. Alles hat seine Zeit im Leben. Die Zeit der Zitrone ist anscheinend (noch) nicht gekommen.

Der Frühling pirscht sich an. Ein Neuanfang der Natur. Der ewige Kreislauf. Ob die Natur ihren Neuanfang selber wählen kann? Vermutlich nicht. Sie hat keine Wahl. Und damit schließt sich der Kreis zu den großen Kriegsverbrechen dieser Welt. Als ob hier jemand die Wahl gehabt hätte. Mitnichten. Und doch, es geht immer weiter. Irgendwie wird’s schon werden.

Der Römer erzählte mir gestern von seiner Großmama. Eine kluge, starke Frau, die viele Töchter und nur einen Sohn gebar, der sich auch noch in den Kopf setzte, eine von den Muratis zu heiraten. Die Muratis hatten nicht das beste Ansehen im kleinen, albanischen Bergdorf im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Wenn überhaupt arbeiteten die Männer als Kopfgeldjäger. Doch meist machten sie nicht einmal das. Nur die Frauen, die schufteten. Fleißige Damen jeglichen Alters. Deswegen willigte man schließlich doch ein, dass der Sohn eine Murati heiraten dürfe. Sie würde schon wissen, was harte Arbeit bedeutete, musste man doch die männlichen Verwandten durchfüttern. Aber Sie sehen, ich schweife ab in eine Erzählung, die an Karl Mays Romane erinnert, aber doch der Wahrheit entspricht.

Wie dem auch sei, die römisch-albanische Großmutter erzählte, dass die österreichisch-ungarischen Besatzer überaus freundliche Leute waren. Als sie am kleinen Bergdorf vorbeikamen, das den schnellsten Weg nach Tirana bot (damals, jetzt ist dort ein künstlicher Stausee), winkten sie freundlich und marschierten Richtung Hauptstadt. „Mein Gott!“, dachte ich noch, „Was muss die Frau alt gewesen sein, wenn sie angibt österreichisch-ungarischen Truppen begegnet zu sein.“ Dann tat ich das, was ich in solchen Fällen immer tue. Ich tippte flink ein paar Suchbegriffe in eine Suchmaschine ein und fand heraus, dass die Truppen im 1. Weltkrieg tatsächlich präsent in Albanien waren. Lesen Sie sich das ruhig einmal durch. [Klick] Die Albaner*innen empfanden die Besatzung sogar als überwiegend positiv, eben so wie die römisch-albanische Großmutter. Jetzt werden die Österreicher*innen unter Ihnen mich vermutlich bei dieser Aussage kreuzigen, aber die Österreicher*innen sind nun mal die entspannteren Deutschen Alpenbewohner.

Im Hintergrund sehen Sie die Sophienkathedrale Kiews. Dieses Foto entstand während des ESC 2017 als die ganze Stadt feierte, wir mittendrin.

Dazu fällt mir gleich noch einmal etwas ein. Am 28. November ist Albanischer Unabhängigkeitstag. Nach über 500 Jahren Unterdrückung durch das osmanische Reich rief man am 28. November 1912 die Unabhängigkeit Albaniens aus. Nur der Römer schreibt jedes Jahr an diesem Tag in den sozialen Netzwerken den immer gleichen Beitrag: „Unabhängigkeitstag in Albanien. Nur ich leide noch unter der deutschen Besatzung.“ Jedes Jahr ein Kracher bei seinen Freunden. Bei mir befindet sich der Witzfaktor eher im gemäßigten Bereich.

So, jetzt mache ich mich mal wieder daran und studiere etwas. Medienprozesse: Medienrecherche und -konzeption. Ich kann mich nicht einmal über das Thema beschweren, da ich es sehr interessant finde. Oder hätten Sie gewusst, für was der Begriff ARD steht? Ich löse schnell auf, denn mein Espresso wird kalt und, wie geschrieben, ich muss lernen, um ein weiteres Examen zu absolvieren: Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschlands. „Pah!“, werden Sie sich denken. „Ein Glück hat der liebe Gott Abkürzungen erfunden.“ Oder können Sie sich vorstellen, Ihrem/Ihrer Partner*in zu sagen: „Schatz, die Tagesschau kommt gleich. Schalte bitte die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland ein?“ Sehen Sie! Am Ende findet man für alles eine Lösung. Irgendwie. Aber bitte möglichst flott.

15 Kommentare zu „Vom Frühling, Albanien und meinem kalten Espresso

    1. Absolut! So ein Handwerk hat einfach Hand und Fuß. 😄 Mittlerweile nehmen die Muratis allerdings Abstand von diesem Berufsbild. Dass die Männer der Familie Murati immer noch nichts tun, ist allerdings geblieben. Auch im italienischen Ausland. Die 30jährigen Cousins des Römers lassen lieber Mama arbeiten. 🤪

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