Einkommensnachweis

Das Verfahren, den Römer zum Germanen zu machen, läuft seit Oktober 2020. Wann immer sich das dafür zuständige Regierungspräsidium bei uns meldet, ist der Gatte schon flattrig im Hausflur. Noch im Lift reißt er den amtsgrauen Umschlag auf und sobald er die Türe aufgesperrt hat, ruft er bereits im Wohnungsflur „Amore, quelli del passaporto mi hanno mandato una lettera.“ [Schatz, die vom Pass(amt) haben mir einen Brief geschickt.]

Nach meiner obligatorischen Frage, was in dem Brief stehen würde, kommt das ebenso obligatorische Schulterzucken. „Beamtendeutsch.“, antwortet der Römer resigniert und drückt mir den Brief in die Hand. Sogleich setze ich mich hin und lese mir den Brief durch.

Doch es geht immer nur um eines: Mehr Unterlagen. Diese sollen gerne vorbeglaubigt, ganz beglaubigt, übersetzt, apostilliert, gestempelt, unterschrieben, vom Notar eigenhändig verpackt, zugeklebt, beschriftet und auf einer weißen Stute, die nicht älter als 5,4 Jahre alt ist bei Vollmond überbracht werden.

Am Ende des ersten Briefes stand der Zusatz:

„Bitte legen Sie einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Auch den Ihrer Ehefrau.“

Das taten wir natürlich. Die Monate verstrichen. Alle Unterlagen waren wie vorgegeben eingereicht. Ein neuer Brief flatterte ins Haus. Selbe Szene. Das Regierungspräsidium habe die Unterlagen geprüft und sie würden die Unterlagen nun zu allen relevanten, staatlichen Instanzen weiterleiten. Am Ende des Briefes wurde noch vermerkt:

„Bitte legen Sie einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Zu unserer Entlastung schicken wir Ihre zuletzt eingereichten Einkommensnachweise zurück.“

Wir machten einen Termin im Bürgeramt aus, ließen erneut Einkommensnachweise beglaubigen und schickten sie nach Darmstadt. Die Zeit verstrich. Ein neuer Brief des Regierungspräsidiums erreichte uns nach Monaten. Dieser teilte uns mit, dass der Römer einen germanischen Pass bekommen könne, solange sein Herkunftsland ihn aus der jetzigen Staatsbürgerschaft entlassen würde. Am Ende stand der obligatorische Satz:

„Bitte legen Sie zu den geforderten Dokumenten einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Zu unserer Entlastung schicken wir Ihre eingereichten Einkommensnachweise zurück.“

„Ma che cavollo! [Aber was für ein Unding!] Wie viele denn noch?“, wollte der Mann von mir wissen. Ich zuckte mit den Schultern. „Ist halt so.“, sprach ich. Was soll ich mich auch aufregen? So sind die Regeln für Passanwärter in diesem Land.

“Produziert in Albanien.” kann eben auch manchmal eine Bürde sein.

Ein paar Tage verstrichen. Mein Mann schrieb mir eine Nachricht und schickte mir ein Foto der wöchentliche Einkaufsliste weiter. Er fragte, ob ich nach der Arbeit einkaufen gehen könne.

Ich schrieb zurück: „Nach ausführlicher Prüfung der Einkaufsliste, bitte ich um einen aktuellen Einkommensnachweis. Den Einkaufszettel der letzten Woche schicke ich Ihnen zu meiner Entlastung zurück.“

„Non fa ridere.“ [Das ist nicht lustig.], antwortet der Mann trocken.

Ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott wahrlich nicht zu sorgen.

29 Kommentare zu „Einkommensnachweis

  1. I feel you. Bei uns geht es darum, die kleinen Nachfahren, die offiziell Germanen sind, auch zu haben Nafris zu machen. Was man da alles braucht, um erst mal zur ersten Audienz ins Algerische Konsulat zu gelangen ist Wahnsinn. Und ob es ihnen dann reicht, ist eine andere Frage. Man nenne hier nur Geburtsurkunden mit Uhrzeit, die neu zu beantragen waren so wie die Kenntnis der Blutgruppen, die wir von der Kleinsten nicht haben, da bei ihrer Geburt nicht die Blutgruppe bestimmt wurde.

    Nun, die Spiele sind eröffnet.

    Euch von ganzem Herzen alles Liebe und Gute und ein baldiges erfolgreiches Ende dieser unmöglichen Zeremonie.

    Fühl dich umarmt ❤️ 🌷 ❤️

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    1. Wow, DAS ist erst eine Aufgabe. Anscheinend gibt es, je nach Land, keine Begrenzung der Bürokratie, sondern es wird immer noch wilder. 🙈 Ich wünsche euch einen positiven und vor allem schnellen Ausgang, so dass eure Mädels bald Doppelstaatlerinnen werden können. 😃
      Alles Liebe an euch! 💛

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      1. Vielen lieben Dank ❤️ erst einmal reicht mir der deutsche Kinderreisepass und Visa zur pünktlichen Zeit, denn im September wollen wir zur algerischen Familie fliegen. Mein Mann will natürlich alles auf einmal, was ich einerseits verstehen kann, denn andererseits ist es ein großer Aufwand für uns, nach Frankfurt zu reisen. Aber ich sage immer, alles kommt zur richtigen Zeit.

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      2. Ich glaube, wir haben den selben Typus Mann: Alles zur gleichen Zeit – und zwar möglichst schnell und ohne Aufwand. 😄
        Das ist ja lustig, dass euer Konsulat hier ist. Das albanische ist in München. Vielleicht sollten wir tauschen? 😉

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  2. Jedenfalls besteht Hoffnung. Zu meiner Zeit durften mit „Ausländern“ verheiratete deutsche Frauen nicht mit so viel Nachsicht rechnen. Sie sollten gefälligst dem geliebten Mann in dessen Heimat folgen. Erst die Kämpfe der mit Ausländern verheirateten Deutschen (Frau Almanazre) änderten das.

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  3. Hehehe, das wird wohl zum geflügelten Wort werden! 😁
    Was die Schreiben der Behörden betrifft: Ist das Zermürbungstaktik oder Usus? 🤯 Ich finde es hier in der Schweiz ja schon eine Zumutung, aber DE scheint das Formulardesaster noch zu toppen!

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    1. Ich glaube, es ist beides, um zu sehen wie sehr der Anwärter zur Einbürgerung tatsächlich an der Staatsbürgerschaft interessiert ist. 😄 Schlimmer geht anscheind immer. Wenn du dir den Kommentar von Jeanette und ihren Töchtern durchliest, ist bürokratisch noch viel Luft nach oben. Immerhin hat der Staat noch nicht nach der römischen Blutgruppe gefragt. 🙈

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    1. 😄 Das wäre auch eine Idee. Aber dann fängt der Schriftverkehr erst richtig an. “Im Schreiben vom XY wies ich sie darauf hin, dass…. Bitte reichen Sie umgehend die Unterlagen ein, sonst keine einer Einbürgerung nicht zugestimmt werden.” 🙈

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    1. Genau, Die Beglaubigung ist dem Regierungspräsidium besonders wichtig. 🙈
      Die Italienische wollte er nie. Das wäre vermutlich einfacher gewesen zwecks Unterlagen und allem. Dafür will er jetzt die Deutsche. Sonst hätten wir den ganzen Aufwand gar nicht gehabt. 🙈

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      1. 😄 Ui! Das wäre spannend. Du dürftest ja sogar Doppelstaatlerin sein. Wir würden alle mit dir mitfiebern im italienischen Bürokratie-Dschungel und uns an deinen Geschichten erfreuen. Wenn ich da an deine Konsulatsgeschichte in Mailand zurückdenke… 😄

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      2. Genau. Noch besser war damals die Heiratsbürokratie, als die Dokumente aus Deutschland irgendwo in Rom liegen geblieben waren … Das muss ich mir gut überlegen, mich nochmal in ein ähnliches Abenteuer zu stürzen. Die Geschichten für den Blog sind natürlich ein verlockendes Argument.😂

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  4. Die Bürokratie, ich muß immer einmal wieder eine Lanze für sie brechen, hat die Willkürherrschaft und die Korruption früherer Jahrhunderte schwieriger gemacht. Wenn auch, das erfahren wir gelegentlich, nicht verunmöglicht.
    Also wäre sie ja an und für sich eine feine Sache… Und man bemüht sich in D ja auch: es wurde sogar ein paarmal ein Bierdeckelformular und ein Ministerium für Entbürokratisierung (zur Abschaffung des Formulars xyz reichen sie bitte die aufgefüllten Formulare a – z in dreifacher Ausfertigung, davon n, ü, q beglaubigt, ein…) angeregt. Das ist doch schon mal was!
    Freilich kann die zur Entscheidung unwillige Behörde (bewilligen soll sie nicht, ablehnen kann sie nicht, weil sie zu Recht verklagt werden wird, obwohl die Chefs das so wollten…) sich einfach ein wenig, tja, bürokratisch anstellen. Was z.B. dazu führt, dass man Leute, die gerne mal untertauchen, alleine schon wegen der Schwierigkeiten so gut wie nie, die, die einer geregelten Arbeit nachgehen, ganz gerne mal ausweist. Ohne deswegen schon böswillig zu sein!
    Freilich hat auch der Gesetzgeber entdeckt, dass es Lücken gibt, durch die u.a. Ausländer, also ganz normale solche, keine Verbrecher – die sind schwierig zu kriegen, siehe oben – schlüpfen können. Oder auch andere Antragsteller. Also muß man die Gesetze und Verordnungen so anpassen, dass so etwas nicht so einfach geht – wo kämen wir sonst hin! Da kämen ja Hinz und Kunz oder wie immer das anderswo heißt, daher!
    Wie gesagt, wer sich gleich in die Illegalität begibt, hat manchmal bessere Chancen. Die anderen, die sind verdächtig. Dem Beamten in der Behörde? Ja, vielleicht auch. Aber dem Gesetzgeber, dem Abgeordneten, der doch weiß, wie man, nun, sagen wir mal, sich an billigen Masken dumm und dämlich verdient, schwarze Koffer spazierenträgt oder anderswo an der eben doch recht gut geölten Korruptionsmaschinerie mitverdient, alles Dinge, die seine Wählbarkeit nicht im geringsten beeinflussen. Was soll denn der von ganz normalen, anständigen, meist gesetzestreuen Bürgern und solchen, die es werden wollen, halten?

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    1. Absolut richtig. Die Bürokratie, trägt sie auch manchmal sonderbare Blüten, hat ihre Richtigkeit. Auch in dieser Passangelegenheit. Denn jemand, der nichts zu verstecken hat, hat auch wenig Probleme, all diese Dokumente zu beschaffen, scheint es auch mühsam. Auch, um eine Nutzehe zu verhindern, deren alleiniges Ziel die Staatsbürgerschaft ist, ist es sicher ein ordentliches oder zumindest sichereres Mittel als noch vor 30-40 Jahren. Ich erinnere mich an die brasilianische Mutter einer Freundin, die nach 6 Monaten den deutschen Pass ohne viele Nachfragen bekommen hat.
      Doch muss ich sagen, nach 2 Jahren, dies mag auch der Corona-Krise geschuldet sein, endet irgendwann die Geduld, selbst bei mir, wo ich das Glück hatte, mit einem geboren worden zu sein.

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