Donauwalzer im Halb-Stunden-Takt

Es ist Freitagnachmittag und ich steige in Passau in den ICE90. Als ich in der 2. Klasse Jacke und Rucksack abstreife und die beiden Dinge im Gepäckfach verstaut habe, lasse ich mich auf meinen reservierten Gangplatz plumpsen. Mein Blick fällt auf die gut lesbare Anzeige, die über der Türe des Großraumabteils prangt. „Sie befinden sich im Zug ‚Donauwalzer’. Der nächste, planmäßige Halt ist Plattling.“ Zum ersten Mal in meiner Zuggast-Laufbahn fällt mir auf, dass der ICE nicht einfach nur eine Zugnummer hat, sondern einen richtigen Namen. „Donauwalzer“ klingt wirklich sehr schön. So schwungvoll, so elegant, ja, beinahe poetisch. Und: Der Name macht beinahe Sinn, verkehrt der Zug doch zwischen Linz (AT) und Dortmund. Immerhin führt das erste Stück der Zugfahrt an der Donau entlang.

Da es für mich im „Donauwalzer“ nicht wirklich viel zu tun gibt, schweifen meine Gedanken ab: Ich überlege, wie man die Strecke von Frankfurt am Main nach München nennen könnte? “Isar-Spießer“, „Geschäftlhuber“ (eine Verschmelzung der Wörter „Geschäft“ und des bayerischen ‚G’schafftlhuabas‘, Wichtigtuer) oder „Vom-Feldmann-zum-Reiter-in-dreieinhalb-Stunden“ (an Anlehnung der beiden Oberbürgermeister Frankfurts und Münchens). Ich grinse und eh ich an weitere, pfiffige Zugnamen denken kann, bleibt mein Gehör an dem Gespräch meiner Sitznachbarn auf den Plätzen links von mir kleben.

Das ältere Ehepaar, das nur vom Gang getrennt von mir sitzt, lässt ihren scheinbar erfolgreichen Linz-Urlaub Revue passieren. Sie berichten sich gegenseitig noch einmal von den schönsten Momenten und verstecken hier und da ein Witzchen in ihren Ausführungen. Nun fahren sie zurück nach Dortmund, höre ich aus dem Gespräch heraus. „Oh, das ist aber auch eine ganze Ecke.“, denke ich und da mir langweilig ist, recherchiere ich, wie lange die Zugfahrt für das Dortmunder Ehepaar noch dauern wird. Von Passau aus sitzen die beiden noch knappe 8 Stunden im Zug. Das erfordert sicher ein gewaltiges Sitzfleisch. Gerade rollt der Zug aus Passau los, da unterbricht der männliche Part des älteren Paares das Gespräch und schiebt seinen Hemdsärmel etwas nach hinten, um auf seine goldene Armbanduhr mit dem rehbraunen, gemaserten Lederarmband zu gucken.

„Margot, wir verlassen Passau mit fünf Minuten Verspätung.“, informiert der Fahrgast seine Gattin ernst, die neben ihm am Fenster sitzt. Sie seufzt resigniert. „Dass die Züge in Deutschland aber auch nie pünktlich sein können! Andere Länder kriegen es doch auch hin.“, spricht er weiter und Margot nickt eifrig. „Ja, Walter. Eine Schande ist das!“

Wenn Sie mich fragen, ist fünf Minuten Verspätung absolut im Toleranzrahmen. Schließlich ist ein Zug ein durchaus komplexes Verkehrsmittel, das abhängig von anderen Zügen, Signalen, Passagieren, Personal, Schienen, beizeiten auch dem Wetter und Was-nicht-alles ist.

„Margot, das lässt mir keine Ruhe. Ich rufe Petra an, dass wir uns in Dortmund verspäten.“, spricht Walter eindringlich und lässt sich das Mobiltelefon von seiner Gattin Margot reichen. Er tippt ein wenig umher und hält sich das Handy ans Ohr. „Ja? Hallo? Petra? Vati hier! Sag Markus bitte, dass unser Zug Verspätung hat. Wir kommen fünf Minuten später in Dortmund an. Er braucht sich also nicht hetzen, wenn er uns abholt. Ja…. ja….ich halte dich auf dem Laufenden, Petra. Bis dann! Mach’s gut!“

Eine halbe Stunde vergeht, in der ich etwas planlos in meinem Tablet herumklicke. Zügig erreichen wir den nächsten Halt Plattling. Ich merke, wie die Herrschaften neben mir immer fahriger werden. Walter guckt mehrmals auf die Uhr, während Plattlinger und Nicht-Plattlinger aus- und zusteigen. Nach wenigen Minuten Halt schließen sich die Türen des ICEs und er rollt los.

„ACHT Minuten Verspätung! Wenn das so weiter geht, kommen wir in Dortmund mit mindestens zwei Stunden Verspätung an.“, mutmaßt Walter entzürnt. Margot bekräftigt ihn heftig nickend in seiner Annahme. Mir erscheint Walters Verspätungs-Vorhersage etwas utopisch, aber meine Bahn-Erfahrung ist nicht wirklich ausgeprägt, deswegen will ich nicht darüber urteilen.

„Margot, ich rufe die Kinder nochmal an. Es wäre mir unangenehm, wenn unser Schwiegersohn so lange am Dortmunder Hauptbahnhof auf uns warten müsste.“ Margot reicht ihm abermals wortlos das Mobiltelefon.

„Was soll man machen?“ steht auf dieser Mauer und so ganz genau weiß ich das auch nicht.

„Ja? Petra? Vati nochmal. Ja, ja! Alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen. Ich wollte dir nur mitteilen, dass wir mittlerweile acht Minuten Verspätung haben. ACHT! Genau! Sag Markus bitte, dass er acht Minuten später losfahren kann. Ja… ja… genau, ich halte dich auf dem Laufenden. Bis dann, mein Liebling!“, spricht Walter ins Telefon und gibt es an Margot zurück.

„Hoffentlich wird Petra nicht an jedem Bahnhof angerufen.“, denke ich noch und beginne einen Film anzuschauen, den ich vorab heruntergeladen habe. Nach einer weiteren halben Stunde erreichen wir Regensburg. Auch hier geschäftiges Aus-, Zu- und Umsteigen der Passagiere. Neugierig schiele ich zu Walter und Margot. Tatsächlich fixiert Walter bereits seinen Chronographen. Wie zuvor pfeift der Schaffner, die Türen schließen sich und wir setzen uns langsam in Bewegung.

„Mittlerweile sind wir bei zwölf Minuten, Margot!! Zwölf! Unpünktlich bis zum Gehtnichtmehr!“, teilt Walter Margot mit und scheint aufgebracht. Walters Gattin schüttelt resigniert den Kopf. Ein Glück waren die beiden in Österreich und nicht in Albanien, schießt es mir durch den Kopf. Sie würden durchdrehen, jedoch das Minutenzählen im hunderter Bereich perfektionieren.

„Ruf doch nochmal die Kinder an!“, weist Margot ihren Gatten an und reicht ihm unaufgefordert das Telefon. „Petra? Ja, ich bin’s nochmal, Vati. Genau, wir sitzen noch immer im Zug. Ich wollte dir nur ausrichten, dass wir Regensburg mit einer zwölfminütigen Verspätung verlassen haben. Korrekt… nur, dass du Markus nochmal kurz informieren könntest, dass er sich am Dortmunder Hauptbahnhof nicht die Beine in den Bauch steht. Wunderbar, Liebling. Ja, wir rufen an, wenn wir mehr wissen, keine Sorge!“, höre ich Walter ins Telefon sprechen. Danach gibt er das Telefon an Margot zurück.

Ich lächle in mich hinein und gucke meinen Film weiter. Bis zum Halt Nürnberg ist er überaus spannend. Doch meine Mitreisenden, Margot und Walter, werden am Bahnhof Nürnberg deutlich spannender, weswegen ich abermals den rechten Kopfhörer aus dem Ohr nehme. Mein Blick schweift wie zufällig zu Margot und Walter, die in ihrer gewohnten Pose auf ihren Sitzen sitzen. Walter blickt dabei auf die Armbanduhr. Margot guckt besorgt auf den Bahnsteig. Dann schließen sich die Türen und wir fahren los.

Blick auf den Frankfurter Hauptbahnhof. Von Aschaffenburg dauerte es noch ein gutes Stück nach Frankfurt.

„16 Minuten, Margot!!!“, ruft Walter empört und Margot weist ihn mit einem “Pscht” auf seine etwas zu leidenschaftliche Lautstärke hin. „16 Minuten!“, flüstert Walter nun sehr laut und Margot reicht Walter wortlos das Mobiltelefon. „Ja, Petra?! Genau, Vati schon wieder. Wir sitzen in Nürnberg. NEIN! NEIN! Im Zug in Nürnberg. Ja, immer noch in unserem Zug. Der Satz ist mir jetzt blöd über die Lippen gekommen. Also, wir sitzen in unserem Zug und – Achtung, Petra- das ist wichtig: Wir haben sechzehn Minuten Verspätung! Sech-zehn! Eine absolute Unverschämtheit der deutschen Bahn. Aber darum soll es nicht gehen. Wichtig ist, dass du Markus bitte Bescheid gibst… Ja… [murmelt] Aha…er ist immer noch in der Arbeit… genau, ruf ihn in der Arbeit an und sag Bescheid, Kind…. Richtig, dass er nachher nicht so lange in Dortmund warten muss. Das kostet ja alles Parkgebühren! Wunderbar, mein Liebling. Bis dann. Tschüss!“, informiert Donau-Walter seine Tochter Petra.

Aus purem Interesse und reiner Neugier recherchiere ich abermals in der Bahn-App, wie lange es von Nürnberg bis Dortmund dauern wird. Die Antwort finde ich sehr schnell: Noch 6 Stunden. Dann frage ich mich, wie oft Walter seine Tochter noch anrufen wird und finde auch diese Antwort, die mehr eine Vermutung ist, in der App: Neun Mal, denn es sind noch neun Haltestellen bis Dortmund. Immerhin: Jetzt ist noch die bessere Zeit für Petra, denn wir halten bis Koblenz nur stündlich. Ab dann wird es happig mit einem 15 bzw. 30 Minutentakt.

Mir fällt ein, dass der ICE hinter Nürnberg meist einige Zeit wettmachen kann. Vielleicht sogar 16 Minuten Verspätung? Und wenn das der Fall wäre, stellt sich die Frage, ob Walter seine Tochter über die Verfrühung informieren wird? „Mein Gott, ist das spannend hier im ICE.“, stelle ich im Stillen für mich fest und widme mich wieder meinem Film, der nur halb so spannend ist wie meine Mitreisenden.

Nach einiger Zeit tritt ein freundlicher Bahnmitarbeiter auf. Er kontrolliert die Fahrkarten und gibt Auskunft zur Verspätung. Ein junger Mann spricht ihn an, ob er seinen Anschlusszug in Würzburg wohl erwischen wird und der nette Bahnrepräsentant antwortet: „Auf jeden Fall erwischen Sie Ihren Anschluss. Wir haben einige Minuten gut gemacht und nur noch vier Minuten Verspätung. Das schaffen Sie ganz sicher. Keine Sorge.“ Walter guckt zweifelnd auf seine Armbanduhr, um die Aussage des Kontrolleurs zu überprüfen. Sie scheint zu stimmen, doch seine Stirnfalten bleiben weiterhin in Alarmbereitschaft.

Als wir in Würzburg einrollen und die Fahrgäste aus- und einsteigen, begutachtet Walter abermals seinen Zeitmesser. „Willst du nicht Petra informieren, dass wir nur noch vier Minuten Verspätung haben?“, will Margot von Walter wissen als wir losrollen. „Ja, du hast recht, Margot. Besser ist das. Nicht, dass Markus davon in letzter Minute erfährt. Es wäre ihm sicher furchtbar peinlich, zu spät zu kommen.“, antwortet Walter und seine Gattin reicht ihm das Handy.

„Petra? Vati am Apparat. Wir sind gerade aus Würzburg losgefahren und haben nur noch vier Minuten Verspätung. Vielleicht könntest du Markus sagen, dass er doch ein bisschen eher losfährt? Ich weiß, das kommt jetzt überraschend. Markus hat sich sicherlich schon auf die spätere Abholzeit eingestellt, aber der Zug hat Zeit aufgeholt. Wenn du willst, rufe ich ihn in der Arbeit an und teile es ihm mit. Oder ist er schon daheim? …. (murmelt) immer noch in der Arbeit… gut… [Petra spricht einen längeren Dialog, Walters Augen weiten sich] Ach, du hast unsere Verspätung noch gar nicht weitergegeben? [Leicht entsetzt] UND WANN WOLLTEST DU DAS TUN? In knapp fünf Stunden sind wir in Dortmund!!! Markus muss sich doch darauf einstellen können!? Wir rufen dich seit Stunden munter an und du gibst unsere Infos einfach nicht weiter. Petra, ich sage dir das in aller Deutlichkeit: So unzuverlässig haben Mutti und ich dich nicht erzogen. [Pause, Petra spricht wieder etwas länger] Ja, das möchte ich auch hoffen. Ruf Markus sofort an! Meeting hin oder her. Zu unserer Zeit hätte es freitags um halb sechs Uhr nichts mehr zu besprechen gegeben in der Arbeit, aber das ist wohl eure Generation. Man schnackt einfach gerne über dies und das im beruflichen Kontext, während man sich privat nichts mehr zu sagen hat. Ich sehe die Entwicklung überaus kritisch an. [Petra spricht wieder] Wunderbar, mein Schatz. In 45 Minuten sind wir in Aschaffenburg. Wir rufen dich an, wenn wir von Aschaffenburg losrollen. Okay, bis dahin!“. Walter gibt Margot das Telefon zurück und schüttelt fassungslos den Kopf. „Kannst du dir das vorstellen, Margot? Petra hat ihren Mann noch nicht einmal über unsere Verspätung informiert? Seit Stunden rackern wir uns ab und versuchen ihr eine möglichst genaue Lageeinschätzung per Telefon zu übermitteln und sie nimmt es auf die leichte Schulter. Nächstes Mal sagen wir Kirsten Bescheid. Die ist deutlich zuverlässiger.“, spricht Walter auf dem Weg nach Aschaffenburg empört. Margot kommentiert: „Zwei Töchter- und beide sind so unterschiedlich. Dabei haben wir sie doch genau gleich erzogen. Ich schreibe Markus lieber noch eine SMS mit der aktuellen Verspätung. Nicht, dass Petra unsere Nachrichten wieder nicht an Markus weitergibt.“

Sehr zu meinem Bedauern musste ich in Aschaffenburg umsteigen, sonst hätte ich Ihnen berichten können, ob Walter an allen sieben, noch verbleibenden Zwischenhalten nach Dortmund bei seiner Tochter Petra angerufen hat, um sie über die aktuelle Verspätung zu informieren. Und, ob Margot an jedem Bahnhof zusätzlich noch eine SMS an Markus verfasst hat. Aber ich vermute, die Antwort lautete ja. Vielleicht wäre Petra gar nicht so unglücklich, wenn ihre Schwester Kirsten die Abholung der Eltern nächstes Mal koordinieren würde.

15 Kommentare zu „Donauwalzer im Halb-Stunden-Takt

    1. Ich vermute, die leidtragende war Petra, während Markus von all dem Trubel sicher nicht allzu viel mitbekommen hat. Das Unterhaltungsprogramm, das das Ehepaar bot, war jedoch erste Klasse im Donauwalzer. 🤩

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