Samstag: Flamingobacken in Golem

[Vorspann verpasst? Hier geht’s lang]

In Albanien ist die Hupe kein Warnzeichen, sondern ein anerkanntes Kommunikationsmittel. Und kommuniziert wird bekanntlich viel auf Albaniens Straßen.


Auch unser Taxifahrer bildet hier keine Ausnahme. In seinem Touran* hat ihn mein Schwager Besim irgendwo in den Straßen Kamez’ ausgegraben. Er sei ein Bekannter der Familie und übernehme kleinere Fahrdienste. Mit einem Bündel Lek, welches ihm Besim wie zufällig durchs Fahrerfenster reicht, ist er durchaus gewillt, auch größere Fahrdienste zu übernehmen. Zum Beispiel bis ans Meer, nach Golem, das sich etwas unterhalb der Küstenstadt Durrës befindet.

Nach wenigen Momenten im Auto des Fahrers wird klar: Er kommuniziert gerne und viel mit seiner Hupe. Dem weißen SUV zum Beispiel, der auf die Bundesstraße einbiegen will, wird mit zwei kurzen Hupern gemorst, dass wir, der dunkle Touran, deutlich schneller sind als er es vielleicht vermuten möge. Deswegen solle er bitte warten bis wir vorbeigerast sind. Der bärtige Fahrer des weißen Audis* nimmt’s gelassen, wartet artig und biegt, nachdem wir passiert haben, mit quietschenden Reifen auf die Straße ein.

Als wir nach einigen Kilometern im Stau stehen und die Ambulanz sich bemerkbar macht, weist unser Fahrer den rechten Fahrstreifen darauf hin, dass sie doch bitte Platz machen sollen. In seiner Hup-Morse-Sprache sieht das dann so aus: Zwei Mal kurz , kurze Pause – ein Mal kurz – zwei Mal kurz – kurze Pause – ein Mal kurz. Und siehe da, die Autos machen Platz. Der Rettungswagen kommt durch. Ob es sein Verdienst war oder doch die schrille Sirene des Krankenwagens? So ganz weiß ich die Frage nicht zu beantworten, aber ganz unbeteiligt war er wohl nicht am zügigen Durchkommen der Rettungskräfte. 


Während wir im Stau warten, bemerkt der Fahrer, dass wir offenbar auf die falsche Spur gesetzt haben und sich die rechte Spur deutlich schneller bewegt als die unsrige. Aus dem Nichts zieht er auf die andere Spur und informiert während des Vorgangs den Kleinwagen, vor dem er einscheren will. Er tut dies mit einem lauten Hupen. Der Kleinwagen bremst während des langsamen Rollens auf der rechten Spur ab und lässt unseren Fahrer passieren. Klar – wir haben schließlich auch das größere Auto und nur darum geht’s in Albanien.

Ja, das Recht der Vorfahrt staffelt sich in Albanien primär nach Größe und Image der Vehikel. Sollten zwei Fahrzeuge der selben Größenkategorie angehören, unterteilt sich die Kategorie noch einmal nach Automarke: Ein Mercedes* hat grundsätzlich Vorfahrt in allen Bereichen und Lebenslagen. Deutsche Fabrikate stehen über andersländischen Automarken. Und: je aktueller und neuer das Auto-Modell, desto wertiger ist es auf Albaniens Straßen. Auf der sicheren Seite sind Sie definitiv mit einem deutschen Fabrikat, groß wie eine Münchner Studentenwohnung. Dabei spielt die Kilometerzahl, Unfallfreiheit und Funktionalität des Autos eine eher untergeordnete Rolle. Wenn Sie sich fragen, wie so viele teure Automarken auf Albaniens staubigen Straßen herumkurven können, dann ist die Antwort, dass Tachostände jenseits der 180.000 Kilometer-Grenze und mittelgroße Unfälle, die das Auto bereits erlebt hat, das Fahrzeug erst interessant machen. Warum? Wegen des günstigen Einkaufspreises natürlich. Und gute und günstige Mechaniker gibt es zu Hauf in Albanien. Mit viel Kreativität und Improvisationsvermögen machen sie das kaputteste Auto wieder flott.

Schließlich kann ich mir erklären, warum wir so lange im Stau standen. In Schrittgeschwindigkeit stolpern wir am Autounfall vorbei. Ein Blechschaden – mehr nicht. Am interessantesten Punkt des Geschehens bringt unser Fahrer sein Fahrzeug zum Stehen, würgt den Motor ab und betrachtet aufmerksam die Szene. Neugierig und wortreich analysiert er das Geschehen, zählt durch wie viele Autos letztendlich beteiligt waren (3!) und ob die Fahrer tendenziell eher jünger oder älter (eher jünger!) waren. Außerdem fachsimpelt er, immer noch im stehenden und alles blockierenden Auto, wer wem wo und wie aufgefahren sein muss, dass so ein großer Blechschaden entstanden ist. Wir stehen mittlerweile so lange, dass sich ein Polizist erbost umdreht und uns wegscheucht wie lästige Fliegen. „Ist ja schon gut! Man wird ja nochmal gucken dürfen.“, mault unser Fahrer, hupt ein kurzes „Okay“, dreht den Schlüssel im Zündschloss und tritt das Gaspedal durch. Auf der leeren Bundesstraße rauschen wir Richtung Meer.

Nun sind wir an dem Punkt der Reise angelangt, an dem der Fahrer nicht mehr weiter weiß und sich voll und ganz auf die Navigationskünste des Römers verlassen muss. Ich muss ein bisschen Schmunzeln als der Römer im Brustton der Überzeugung angibt, dass er natürlich und dank seines Smartphones wisse, wie wir zur Strandunterkunft kämen. Grinsend denke ich bei diesem Satz: „Lass ihn mal machen. Wie soll man eine Kompetenz entwickeln, wenn man nie üben darf?“

Zugegeben, ich bin nicht die Fahrerin des Autos und profitiere davon, dass er üben kann, ohne dass ich mich ärgern muss. Gespannt sitze ich auf der Rückbank und beobachte wie der Römer auf dem Beifahrersitz Anweisungen gibt. Nach der siebten, halbgaren Indikation meines Gatten biegen wir in eine schmale Gasse ein. Es reicht nicht, dass sie nur schmal ist, nein! Die Wände sind auch noch mit allerhand aufblasbaren Schwimmtieren behangen, die zum Verkauf für die vorbeiflanierenden Strandbesucher:innen angeboten werden. Ich frage mich ernsthaft, ob dies wirklich eine Straße für Autos ist. Mir erscheint es absolut nicht so. Dem Fahrer auch nicht. Aber der Römer besteht darauf, dass unsere Strandunterkunft sich ganz sicher am Ende dieser Straße befinden müsse. Fluchend schiebt der Fahrer Schwimmtier um Schwimmtier mit seinem Touran zur Seite. Die Verkäufer, die sich rettend mit dem Rücken an die Wand pressen, starren uns entsetzt an. Manche laufen schreiend hinter uns her und ich rutsche immer tiefer in den Sitz bis ich schließlich auf Signorinos Augenhöhe ankomme. Signorino guckt mich mit seinen großen, grünen Augen erstaunt an. Da es in diesem Augenblick ziemlich laut quietscht, dreht er seinen Kopf ruckartig zur Fensterscheibe.

“Mama, da ist ein Flamingo.”, stellt der Nachwuchs fest. Er hat recht. Ein knallpinker, aufblasbarer Flamingo drückt seine Backe an die Fensterscheibe bis er verschwindet und von einem Krokodiltorso abgelöst wird. Das Geräusch erinnert mich an eine fast trockene Duschwand, die unter lautem Quietschen mit einem Duschabzieher abgezogen wird.

Pinkes Federvieh, das irritiert guckt. Ja, so in etwa guckten wir auch zurück.

Der Römer lässt sich nicht beirren. „Hier muss es gleich sein – das Strandhaus.“, versichert er dem angestrengt lenkenden Fahrer immer wieder. Am Ende der Straße angekommen, finden wir uns auf der Strandpromenade wieder, die ganz sicher nicht für Autos ausgelegt ist. Neugierige Passanten mustern die dunkle Familienkutsche, in der wir sitzen. Ich verberge meinen Kopf in Signorinos Schulter und lache lautlos, aber mit bebendem Rücken, vor mich hin. Die Szene ist so absurd, so kurios und die römischen Navigationskünste so vorhersehbar, dass ich mich dermaßen zusammen reißen muss, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. „Aber Google* sagt, dass es hier sein muss.“, murmelt der Römer in Gedanken. Ein Passant klopft an die Fahrerscheibe und zeigt dem Fahrer den Vogel. Stocksauer fixiert der arme Fahrer den Römer mit seinem Blick. „Irgendwie seltsam. Das muss doch hier sein!“, murmelt der Römer und schiebt immer wieder die Karte auf seinem Smartphone hin und her. Dabei bemerkt er gar nicht wie die Ohren des Fahrers immer röter und die Augen immer größer werden. Vor Wut kochend fordert der arme Mann vom Römer die Telefonnummer des Vermieters unser Strandunterkunft ein. Er steigt aus, läuft wild gestikulierend ums Auto, telefoniert hektisch und beinahe schreiend. Der arme Kerl tut mir echt Leid. Ich weiß ganz genau, was er durchmacht.

Schnell tippe ich die Adresse ein. Nein, hier, wo wir uns jetzt befinden, sind wir definitiv falsch. Es sind noch 1,8 Kilometer bis zu unserer Destination, zeigt mein Handy an. „Der Kerl von eurer Unterkunft weiß auch nicht, wo wir gerade sind.“, keift der Fahrer als er wieder zurück ins Auto steigt. Ich übernehme. So sage ich dem Römer auf Deutsch und Italienisch, wo wir hinmüssen. Er soll lediglich übersetzen und das kann er sehr gut.

Die schlechte Nachricht ganz am Anfang: Wir müssen uns wieder durch allerhand aufblasbares Gummigetier aus dieser Gasse zur Hauptstraße kämpfen. Signorino, der bereits die Tiere vom Hinweg kennt, begrüßt sie nun herzlich als sie sich wieder an die Fensterscheibe schmiegen. „Hallo Krokodil! Aber wo ist der Flamingo? Ah da! Tschüss Flamingo! Oh, hallo Schwimmreifen! Woher kommst du denn?“

Der Fahrer flucht, hupt immer wieder kurz, um Passanten zu verscheuchen, die uns entgeistert anstarren. Schließlich haben wir es geschafft: Wir sind zurück auf der Hauptstraße. Dieser folgen wir eineinhalb Kilometer, biegen auf eine andere, aber durchaus für Autos geschaffene Straße ein, um dann nochmals abzubiegen. Dort wartet ein älterer Herr auf uns und winkt: Artur – der Besitzer der Unterkunft. Wir sind endlich angekommen.

Als der Fahrer unsere Koffer auslädt, sich mit Handschlag beim Römer verabschiedet und davon braust, hupt er noch ein Mal kurz. Es heißt wohl: Auf Nimmerwiedersehen!

Endlich an der Strandunterkunft: Blick von Garten Richtung Meer.

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

20 Kommentare

  1. Liebe Eva, so sehr ich mich in die Situation hineindenken- und dadurch mitfühlen kann, was du/ihr da erlebt. Nein, durchlebt. Nein, überlebt habt, genauso sehr musste ich auch schmunzeln. :-)))
    Du hast eine so herrlich ansteckende & mitreißende Art zu schreiben, mach da was drauß!!!!
    Danke fürs Teilen und herzliche Grüße Bea 🤗

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    • Liebe Bea, vielen, lieben Dank! ❤️ Das freut mich ganz besonders. Und umso mehr freut mich, dass du uns gedanklich Gesellschaft geleistet hast als der Flamingo die Scheibe knutschte. 😄
      Hab einen feinen Sonntagabend und liebe Grüße, Eva

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  2. Herrlich! 😂 Abenteuerurlaub nennt man das, liebe Eva. Wie ein Pauschaltourist mit Shuttlebus vom Flughafen zum Hotel zu fahren ist langweilig. Lieber den Gatten navigieren lassen, der sich auskennt. Und Signorino war, so klingt es, auch begeistert und bei bester Laune. Wo gibt es schon Autoscheiben knutschende Flamingos zu bestaunen? In keinem Zoo der Welt! Danke, dass du uns auf diese Tour mitgenommen hast. Liebe Grüße!

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  3. In der Türkei herrscht die gleiche Straßenverkehrsordnung 😉
    Eine ähnliche Straße haben wir mal auf Kreta mit dem Motorrad erwischt.
    Als wir anhielten um zu wenden und uns entschuldigen wollten, erklärte uns ein altersschwaches Männlein auf deutsch das es da wirklich lang ging. Und so erreichten wir dann wirklich unser Ziel 😂🤣
    🌈😘😎

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