Ein Mann – (s)eine Grapefruit

“Die 8,5kg Grapefruits stehen bei den Nachbarn. Bei Karastova oder Karakova? Ich verwechsle sie immer. Na ja, wie dem auch sei: Sie stehen bei einem von den beiden.”, schreibe ich dem Römer via Messenger-Dienst. Dann gucke ich sicherheitshalber noch einmal auf die Benachrichtigungskarte der Post. „Leider waren Sie nicht zu Hause. Ihr Paket liegt bei Nachbar…. Karakova.“, steht auf der gelben Postkarte. Ah, ja! “Karakova.”, ergänze ich meine Nachricht an meinen Mann, damit er weiß, bei wem von den beiden die Zitrusfrüchte abgegeben wurden.

“Scusa?! [ital. Entschuldige, dt. Wie bitte?!]”, fragt der Mann zurück. “Ja, ‘tschuldige, ich hatte die Benachrichtigungskarte der Post nicht gleich zur Hand als ich dir schrieb. Bei Karakova liegen sie.”, antworte ich ihm und schicke ein Bild der gelben Benachrichtungskarte als Beweis mit. “Cosa? [Was?]”, hakt der Mann nach. Die Texte des Mannes sind so knapp, man möchte meinen, dass er einen Handytarif hat, bei dem er pro Buchstabe bezahlen muss. “Die Grapefruits!”, hacke ich sichtlich genervt ins Telefon. “Che cos’è? [Was ist das?]”, kommt nun von dem, der die Bestellung aufgegeben hat. “Na, die Früchte, die du wolltest.”, gebe ich ins Textfeld ein. Dieses Pingpong-Spiel der Textnachrichten wird zunehmend anstrengender. Das denkt wohl auch mein Mann, denn -zack – nun geht er offline.

Ob ich etwas Falsches geschrieben habe? „Die Früchte, die du wolltest“ klingt in meinen Augen unverfänglich. Nach wenigen Minuten ist der Gatte wieder online und tippt wieder. Vielleicht hat er auch nur Buchstaben und Satzzeichen per Prepaid-Karte auf seinem Handy nachladen müssen? Wer weiß das schon so genau bei seinen knappen Antworten.

“Pompelmo!”, schreibt er nun und setzt hinter das Wort ein mahnendes Ausrufezeichen, das den Ein-Wort-Satz beendet. Keine Grapefruits, keine Früchte, nein Pompelmo – Ausrufezeichen!

Ist es nun ein Pompelmo, ein Pomelo oder eine Grapefruit?

“Nein, pompelmi sind es nicht. Die wären ja so groß wie Melonen.”, widerspreche ich meinen Gatten. “Doch, sono pompelmi.”, beharrt der Römer auf seiner Aussage. Das deutsche ‚Doch‘ schreibt er immer, wenn er meine Aussage harsch widerlegen will. Auf Italienisch würde man “invece si”, also in etwa “jedoch ja” sagen, aber das ist klingt zu lieblich, wenn man seinem Gesprächspartner verständlich machen will, dass er sich ganz gewaltig irrt. Das ‚Doch’ ist so präzise und messerscharf, dass es jeden Zweifel in zwei Hälften teilt.

Also suche ich ‚pompelmo’ in der Bilder-Suche meines Webbrowsers.

Man möchte ja meinen, dass man nach 8 Jahren bilingualer Beziehung an dem Punkt angekommen ist, an dem keine überraschenden Vokabeln mehr vorkommen. Aber weit gefehlt!

Derweil spuckt die Bildersuche das Ergebnis aus: Bilder von aufgeschnittenen Grapefruits, Grapefruits am Baum, Grapefruitsaft und was nicht alles an, werden angezeigt. Dann wird der Römer wohl recht haben und die Grapefruit heißt ‚pompelmo‘.

Aber was war dann noch mal ein Pomelo? Ich suche weiter. Eine Pampelmuse klärt mich das Internet auf. Und warum kann man es dann nicht Pampelmuse nennen, wenn es doch eine ist? Vermutlich geht der Name Pampelmuse nicht in die Sternstunde des Zitrusfruchtmarketings ein. Und so brachte die Union der Deutschen Zitrusfrucht-Händler (oder wie auch immer der Zusammenschluss besagter Berufsgruppe heißen mag) den Namen Pomelo ins Spiel. Eben so, wie man sich unter Giovanni einen dunkelgelockten und überaus attraktiven Südländer vorstellt, während das deutsche Pendant Johannes zwar ein wohlklingender Name ist, aber eher Beständigkeit und Sicherheit suggeriert. Bei Zitrusfrüchten setzt man wohl auf das erste Attribut: Leidenschaft statt Sicherheit. Dolce vita, statt deutscher Winter. Ein Pomelo gegen den Winterblues, wenn Sie so wollen.

“Anscheinend sprechen wir von der selben Frucht.”, lasse ich nun den Römer wissen. Ich nenne sie Grapefruit, er nennt sie Pompelmo.

Dennoch ändert diese Erkenntnis nichts an der Tatsache, dass die 8,5kg Box Grapefruits aus dem Süden Italiens bei Nachbar Karakova steht. Und irgendwer muss sie dort holen.

In diesem Fall vermutlich der Besitzer dieser sizilianischen Goldstücke, mein Mann. Seit 3 Monaten macht er eine Grapefruit-Kur. In irgendeiner Medizinerzeitschrift hat er gelesen, solange man keine Medikamente einnehmen müsse, könne man bei seiner medizinischen Vorgeschichte mit dem Konsum von Grapefruits wahre Wunder bewirken. Mein Mann konsumiert die Grapefruit am liebsten als frisch gepressten Saft.

Nun ja, was soll ich sagen: Seitdem ist das Siebkörbchen der Küchenspüle permanent mit Grapefruitfasern verstopft. Und raten Sie mal, wer Küchenbeauftragte ist? Ja, genau. Ich! Ein Teil des Jobs der Küchenbeautragten ist es, dieses Siebkörbchen zu leeren und zu reinigen. Mir dreht sich jedes Mal der Magen um. Aber die Grapefruit soll ja Gewichtsreduzierungen begünstigen. Ich habe da so eine leise Vermutung, woran das liegt…

Dennoch, es gibt auch Positives zu berichten: Der Gatte hat seit seiner Grapefruit-Kur keine Migräneattacken mehr. Auch sonst ist er energiegeladener, was wir den sizilianischen Pompelmi zuschreiben. Völlig uneigennützig beteilige ich mich ab und an an dieser Südfrüchtekur, in dem ich um ein Gläschen voll des orange-roten Saftes bitte. So kann ich berichten, dass ich seitdem jegliche, mehrfach-mutierte Kindergarten-Viren erfolgreich abgewehrt habe. Klar, mal ein Halskratzen hier oder Ohrenschmerzen dort, aber dass ich flach liege oder mich schniefend und triefend durch die Wohnung schleppen muss, ist bis jetzt nicht der Fall. Wenn der Preis dafür ist, Grapefruits in Süditalien kiloweise zu bestellen, dann soll mir das recht sein.

„Vado io, quando sto a casa. [Ich gehe zu den Nachbarn, wenn ich daheim bin]“, schreibt der Mann in der Zwischenzeit zurück. Ich atme erleichtert auf und tippe ein erfreutes „Okay, gerne“. In einem großen Mehrfamilienhaus auf die Suche nach einem 8,5 Kilo-Paket Grapefruits, also pomelo… nein, halt…pompelmo zu gehen – da kann ich mir weitaus schöneres vorstellen. Zum Glück hat der Mann dank seiner Pompelmo-Kur extra viel Energie, um sich auf die Suche nach seinen Schätzen zu machen. 😉

8 Kommentare

    • Das freut mich sehr, liebe Ira. 😃 Pompelmo… Pompelmi… solange es keine Pampelmuse ist, sind wir auf einem guten Weg. 😄 Liebe Grüße und einen angenehmen Start ins Wochenende, Eva

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  1. Währe Wunder sagt man neuerdings der Grapefruit nach. Ob’s stimmt, wer weiß. Mein Opa hat immer gesagt: „Durch Einbildung kann man sterben“ … Ich wünsche Deinem Römer natürlich das genaue Gegenteil mit ”sehr gut” davor. Liebe Grüße Lore 🍊

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