Generation App-Support

Vorab: Generations-Bashing gibt es vermutlich schon so lange wie es Generationen gibt.

So schrieb bereits Aristoteles: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ (Aristoteles, 384-322 v. Chr.)

Mir liegt es fern, mich über die jungen Menschen, die nach mir geboren wurden, zu beschweren. Aber wundern, ja, wundern werde ich mich doch dürfen?

Letzte Woche nahm ich ein Paket für zwei verschiedene Nachbarn an. Nicht ganz freiwillig, aber der Paketbote guckte so nett und schleppte mir noch dazu mein großes Drogeriepaket in mein Stockwerk. Wer wird ihm also die Bitte abschlagen können, für die lieben Nachbarn Pakete anzunehmen? Ich sicher nicht.

Ganz so groß war das Paket nicht.

Das Gesetz der Rezeprozität schlug zu. Wie du mir, so ich dir. Also musste ich die beiden Päckchen wohl annehmen.

Erläuternd muss ich erwähnen, dass wir in einem mittelgroßen Mietshaus wohnen. Rechnen Sie mit fünf Wohnungen pro Stockwerk à fünf Stockwerke und dazu noch zwei Wohnungen im Erdgeschoss. Es wohnen also einige Parteien in unserem Haus. Die älteren Hasen Nachbarn kenne ich alle. Doch mindestens ein Mal im Monat zieht irgendwer ein oder aus. Meist unbemerkt und so kriege ich gar nicht mit, dass es irgendwo im Haus neue Nachbarn gibt. Ehrlicherweise ist es mir auch egal. Es tangiert mich schließlich kaum.

Nachbar A, für den ich das Paket annahm, machte das, was alle Nachbarn bis jetzt machten: Er schlappte ins Erdgeschoss, klingelte an der Eingangstür des Hauses und fragte durch die Gegensprechanlage, in welchem Stockwerk wir wohnen würden, damit er sein Paket in Empfang nehmen könne.

Einfach nur bei “Römer” klingeln.

So machen wir das alle. Eine einfache, logische und effektive Methode an sein Paket zu kommen, wie ich finde.

Nachbarin B ist Mitte 20, wohnt seit einem Jahr in unserem Mietshaus und hat einen ganz anderen Ansatz.

Also, wirklich ganz anders. Sagen wir, ihre Generation ist eine Generation, die nicht besonders stark in der direkten Kommunikation mit Mitmenschen und ohne Medien ist.

Zum Glück (für sie) haben wir eine Hausverwaltungs-App. Man kann sie nutzen, muss sie aber selbstverständlich nicht nutzen. Lustlos habe ich sie vor zwei Jahren heruntergeladen und seitdem nicht mehr von meinem Handy gelöscht. Über die App kann man z. B. kaputte Rauchmelder melden und die passenden Handwerker werden von der Hausverwaltung noch am gleichen Tag beauftragt. Manchmal schreibt ein Nachbar ans digitale, schwarze Brett, ob bei den anderen auch die Heizung ausgefallen sei.

Die App-Push-Benachrichtigungen habe ich ausgestellt, denn wie gesagt, ich habe andere Dinge im Leben zu tun als mich darum zu kümmern, was meine Nachbarn für Anliegen haben. Was ich nicht wusste (und auch gruselig finde): Man kann Nachbarn anscheinend direkte Nachrichten über die App schicken. Aber dazu kommen wir gleich.

Heute machte ich unseren Briefkasten auf und fand eine handgeschriebene Notiz: “Hey du!”, stand da und ich wunderte mich etwas darüber, wer mich handgeschrieben duzt. “Du hast letzte Woche ein Paket für mich angenommen. Ich hab dir bereits eine Nachricht über die App geschrieben, aber du reagierst leider nicht. Kannst du mir entweder eine Notiz in den Briefkasten legen und vermerken, in welcher Wohnung und auf welchem Stockwerk du wohnst oder kannst du mir sagen, wie wir die Paketübergabe gestalten können? Vielen Dank! Nachbarin B”

Ich musste ein bisschen schmunzeln. Da macht sich jemand die Arbeit, erst eine Nachricht in der App zu schreiben (die ich erstmal mehrere Minuten suchen musste), um dann schließlich eine handgeschriebene Nachricht in meinen Briefkasten zu werfen, in der sie sich um die Übergabemöglichkeiten ihres Pakets erkundigt. Der einfachste Weg, meines Erachtens, wäre doch einfach, bei uns zu klingeln, wenn sie doch eh schon an den Briefkästen ist?

Ich schnappte mir ihr Paket, stiefelte in den 4. Stock und -Achtung- klingelte an ihrer Haustüre, um ihr das Paket persönlich zu übergeben. Sie bedankte sich und ich schmunzelte weiter in mich hinein.

Bin ich so einfach gestrickt und nehme gerne den direkten Weg oder habe ich die Digitalisierung verpasst und sollte in Zukunft auch den komplizierten Weg nehmen, um möglichst wenig Kontakt zu meinen Mitmenschen zu haben?

Ach, ich weiß nicht. Jeder macht eben wie er kann. Und ihr Lösungsansatz ist eben auch ein Ansatz. Ob er nun besser oder schlechter ist als meiner, vermag ich nicht zu beurteilen. Er erscheint mir nur etwas umständlich und etwas arg digitalisiert. So, als wäre ich ein Roboter oder eine Packstation, aber kein Mensch, bei dem man einfach klingeln kann.

Jeder Jeck ist anders! Diese Affen leben zB gerne im Schnee. Ich vermeide Schnee, wo ich kann.

Na ja, wie dem auch sei: Es war sehr interessant, zu sehen, wie andere denken.

Das größte Störgefühl bei dieser Zettelfreundschaft war für den Römer übrigens, dass sie uns duzt, wo sie uns doch gar nicht kennt und auch das Alter nicht einschätzen kann.

Aber die junge Frau könnte auch seine Tochter sein – aber nicht meine. Vielleicht möchte er deswegen mit Respekt behandelt werden? 😉

17 Kommentare

  1. Liebe Eva, so wirklich verstehe ich dein Problem gerade nicht. :-/ Lag es nicht daran, dass du die Push-Benachrichtigung deaktiviert hast?
    Oder war es das duzen?
    Das ist ja inzwischen Gang- und Gebe, dank des englisch sprachigen Einflusses.
    Ich stehe gerade auf dem Schlauch! :-/
    Denn ich kriege auch die Kriese, wenn ich ein Paket annehme und nicht weiß, in welcher Etage der Besitzer wohnt und wäre froh, eine solche App zwecks Kommi zu haben. 🙂
    By the way: Gut, dass du das Wort Hasen durchgestrichen hast, ich fühlte mich im ersten Moment schon fast persönlich angesprochen! :-D))))
    Viele liebe Grüße Bea 😘

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    • Liebe Bea,
      nein, nein, es ist kein Problem. Vielmehr wunderte ich mich über den Lösungsansatz der Nachbarin. Ich empfand ihren Weg (erst in der App schreiben, dann 3 Tage auf Antwort warten, dann einen Zettel schreiben, dann wieder auf Antwort warten) als etwas aufwendig und zeitraubend (für sie), wenn sie doch einfach unten an der Haustür klingeln kann. Dann kann sie “Hallo, du hast ein Paket für mich angenommen. In welchem Stockwerk bist du denn?” sagen und ich verrate es ihr flux. Somit wäre dieser ganze digitale Weg und das Zettelschreiben in einer Minute abgehandelt gewesen.
      Ich finde die Funktion der direkten Nachricht an die Nachbarn ein bisschen gruselig, muss ich gestehen. Vielleicht liegt’s daran, dass ich lieber direkten Kontakt habe als meinen Nachbarn Textnachrichten zu schicken. Aber wie immer gilt: Jeder Jeck ist anders. Der Weg der jungen Nachbarin ist absolut nicht verkehrt. Für mich wäre er nur zu umständlich. 😉

      😂😂😂 Zum Glück hab ich die “Hasen” nochmal durchgestrichen. 😄
      Hab einen feinen Wochenendspurt und liebe Grüße, Eva

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      • Ich verstehe es noch immer nicht, liebe Eva und schildere dir mal meine Beispiele.:
        Ich wohne in der 2. von vier Etagen und kenne namentlich lediglich die Partei direkt über und unter mir und auf jeder Etage sind zwei Wohnungen. (Also 5 Fremde)
        Wenn ich dann ein Paket annehme, kann ich entweder durchs ganze Haus stiefeln um zu gucken, wem das Paket gehört und anschellen, wenn jemand zu Hause ist, oder runtergehen und schellen. Da die Menschen aber nicht da sind (sonst hätten sie ihr Paket ja selbst angenommen), liegt es dann erstmal bei mir. (Ich komme abends meist erst spät nach Hause und muss morgens früh wieder raus, daher nehme ich auch sehr ungern Pakete an) Und der, dem es gehört, weiß u.U. von nichts, da bei Abgabe nicht immer auch eine Karte in den Briefkasten des Adressaten geworfen wird.
        Von daher finde ich diese Hausgemeinschafts-App eher hilfreich. 🙂
        Da könnte ich dann reinschreiben: Habe Paket von xy angenommen, kann im Zeitfenster xy in der 2. Etage abgeholt werden.
        Abschließend gebe ich dir dahingehend natürlich recht: Jeder Jeck ist (durch seine Erfahrungen bedingt also) anders! 🙂
        Hab ein schönes Wochenende ohne viel Paketkram 🙂
        Liebe Grüße Bea 🤗

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      • Liebe Bea, ich verstehe deine Schilderung, wundere mich aber immer noch über das Vorgehen der Nachbarin, denn a) die App ist nicht verpflichtend. Ich nutze sie nicht und gucke auch nie rein, es sei denn, die Hausverwaltung schreibt. Dann bekommt man eine E-Mail. Schreibt Nachbarin XY, dann bekommt man keine Nachricht, b) sie kann natürlich davon ausgehen, dass wir genauso arbeiten wie sie – also 9-to-5-mäßig, aber trotzdem habe ich bis jetzt JEDEN Nachbarn abends antreffen können. Wenn nicht an Tag 1, dann an Tag 2. c) Ich persönlich – aber das darf jeder machen wie er will – würde einfach schnell klingeln, wenn ich die Benachrichtungskarte sehe, die der DHL-Bote in meinem Beisein für sie ausgefüllt hat. Wenn der Nachbar nach zwei Klingelversuchen nicht aufmacht, na, dann kann ich ihm immer noch eine Nachricht schreiben. d) Wenn ich Pakete annehmen, erwarte ich vom eigentlichen Empfänger, dass er sie hier abholt. Wenn zwei Wochen lang nichts geschieht, dann mache ich mich auf die Suche nach ihm im Haus. Aber auch mit meiner Klingelmethode und nicht über eine App, die keiner nutzt.
        Mein Störgefühl wird dadurch ausgelöst, dass man in die App schreibt, dann eine Woche auf Antwort wartet, um dann einen Zettel zu schreiben. Hätte sie einfach geklingelt, dann wäre das Thema in 2 Sekunden vom Tisch gewesen.
        So oder so, ich glaube, da sind wir uns einig, nimmt keiner gerne Päckchen für (unbekannte) Nachbarn ein, weil es meist ein riesen Hickhack ist. 😄 Und wann klingeln die Nachbarn dann? Ja, genau, wenn man in der Badewanne liegt.
        Das wünsche ich dir auch, liebe Bea! 💚 Vielen Dank (auch für den immer interessanten Austausch mit verschiedenen Blickwinkeln, ich finde das unglaublich bereichernd!), Eva

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  2. Mit dem Duzen hätt ich kein Problem. Mit dem Rest – ziemlich.

    Ich weigere mich mittlerweile seit Jahren, Teil des Geschäftskonzepts von Amazon und Co zu sein. Ich nehme keine Pakete mehr für Nachbarn an. (Ich bestelle auch selbst so gut wie nie etwas online.)

    Um es auszuschildern: Dass Amazon so viel billiger sein kann als der lokale Handel, liegt unter anderem an der Überlegung: Wenn wir nicht unmittelbar zustellen können, ist ein Nachbar das gratis Zwischenlager für uns.

    Da spiel ich nicht mehr mit.

    Umso absurder für mich, dass junge Menschen nicht verstehen, dass es eine gewisse Distanz zwischen Nachbarn gibt.

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    • Das unterschreibe ich dir sofort, lieber Chris. Ich mache es auch sehr, sehr ungern.

      In diesem Fall war es DHL, aber am Ende des Tages ist es ja die gleiche Geschichte. Leidtragende sind die Boten, die 4,50€ bekommen und das Paket einfach nur irgendwie loswerden wollen, um keine 12h-Schichten zu fahren. Ich versuche mittlerweile auch alles vor Ort zu kaufen, nur bei Drogerie-Großbestellungen und ohne Auto bin ich dann doch ganz froh, dass geliefert wird.

      Na ja, mein Learning ist, nächstes Mal zu sagen, dass wir in den Urlaub fahren (oder auswandern 😄) und deswegen das Paket nicht annehmen können.
      Liebe Grüße und komm gut ins Wochenende, Eva

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  3. Ich kann dich so gut verstehen,
    wieso klingelte die Dame nicht einfach?
    Da fällt mir ein.
    Ich musste mir noch nie in 25 Jahren ein Paket beim Nachbarn abholen.
    Immer nur andersherum.
    Ist hier aber schon lange her.
    Ich erkläre den Boten immer dass ich nachher nicht mehr zu Hause bin.
    Stimmt meistens auch.

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  4. Das Problem beginnt dann, wenn wir digitalen Medien einen gewissen Raum geben und diesen mit einer Erwartungshaltung verknüpfen. Mit dem Absenden einer digitalen Nachricht war für die Nachbarin klar, dass Du sie empfangen und gelesen haben MUSST. Und nun bedenke ihre Verzweiflung, dass Du nicht in gewünschter Art und Weise reagiert hast. Wo doch alles so einfach wäre… Allerdings liegt da auch die Täuschung. Die meisten digitalen Medien sind eben nicht so verbindlich, wie die Leute oft meinen. Eine Nachricht auf Facebook kann mich erreichen, muss es aber nicht. Auf ein „Hey Du, ich habe Dir über XY eine Nachricht geschickt und Du antwortest nicht!“, kann man eigentlich nur so reagieren: „Hab ich doch! Liegt im Park beim großen Baum unter einem Stein. Selber schuld wenn Du nicht nach siehst!“

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    • Ihre Realität ist vermutlich eine andere als die meine. Ob es generationsbedingt ist? Für mich war klar, dass die Nachbarin klingeln wird. Eine Appnachricht kam gar nicht in meiner Welt vor. In ihrer Welt war’s vermutlich genau andersherum.
      Nächstes Mal schreibe ich ihr deine Antwort in die App, sofern ich es rechtzeitig lese. 😄 Der Vorschlag gefällt mir sehr gut.

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  5. Also ich verstehe diesen Ansatz der Nachbarin auch nicht, finde es aber sehr lustig. Hier in der Straße geht man klingeln.

    Aber ich habe im Kontakt mit der sehr jüngeren Generation festgestellt, dass man da echten Kontakt nicht so gern mag und so manches lieber anonym über Technik erledigt. So mit „Legen Sie das Paket um 11:37 Uhr vor die Tür und gucken Sie auf keinen Fall, wer das abholt“. Und dann hörst du um 11:38 ein Zwuuuuusch und hast eine positive Bewertung in irgendeiner App, die du vorher nie genutzt hast. Aber niedlich sind sie schon.

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    • Genau, ich glaube, es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass man einfach beim Nachbarn klingelt und fertig?

      Ich musste sehr lachen & so es macht natürlich Sinn. So scheint es mir auch. 😄😄

      Immerhin weiß sie jetzt, dass ihre Nachbarin so “lame” (sagt man das als Jugendwort noch?! 😄) ist, dass sie keine Apps liest.

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  6. Das mit dem Duzen finde ich auch befremdlich. Vielleicht liegt es daran, dass ich das als fast Siebzigjährige nicht wirklich mag, von Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe – bei uns herrscht ein sehr reger Mieterwechsel – geduzt zu werden, als hätten wir die Schulbank zusammen gedrückt oder seien miteinander verwandt. Und so manche der jungen Leute sind wirklich etwas seltsam. Aber waren wir das in unseren jungen Jahren in den Augen der Älteren nicht auch? 😉

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    • Das ist sehr treffend beschrieben: Genau, man hat ja nicht die Schulbank zusammen gedrückt. Ich empfinde es auch als befremdlich, aber es ist anscheinend normal bei der sehr jungen Generation. Ob es evtl. aus dem Englischen übernommen wurde, wo “Sie” und “du” das gleiche Wort ist?

      Das stimmt. Jede Generation bringt ihre Eigenheiten mit. Die Zeit ist eben im Fluss und im Wandel. Das macht es vermutlich auch so spannend!

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