Ein Schnipsel voll Liebe

Die Liebessprache meines Vaters war vielleicht die einer Generation: Zeitungsartikel für die Lieben heraustrennen und auf den Tisch legen.

Später dann, als wir Kinder nicht mehr daheim wohnten, brachte er sie uns mit oder ließ sie von meiner Mutter mitbringen.

„Papa hat noch einen Artikel im Merkur für dich gefunden.“, sagte meine Mutter dann und gab mir den Zeitungsartikel, der in einer Klarsichthülle verpackt war.

Erst jetzt, in meinen Dreißigern, verstehe ich diese Geste. Es war ein „Ich denk an dich“, während er die Zeitung las. Diese las er jeden Morgen.

Und erst durch einen Patienten des Römers erkannte ich die Bedeutung hinter der Geste:

Der Patient, der wöchentlich beim Römer ist, war Geschäftsführer eines großen deutschen Unternehmens. Er ist verheiratet, in etwa so alt wie mein Papa heute wäre (75+) und kinderlos.

Während der einstündigen Behandlung unterhalten sich der Römer und sein Patient jede Woche über das Weltgeschehen. Sie mögen und schätzen sich sehr.

Jedes Jahr bekommen wir an Weihnachten eine sehr schöne Weihnachtskarte von ihm und seiner Frau. Ich freue mich immer riesig, auch wenn ich die beiden nur aus Erzählungen kenne.

Und alle paar Wochen bekommt der Römer einen ausgeschnittenen Zeitungsartikel des Patienten. Es geht meist um etwas, bei dem er an den Römer denken musste. Verpackt in Klarsichtfolie. Ausgeschnitten aus der FAZ.

Beim ersten Mal hatte ich einen Kloß im Hals. Die Geste kannte ich doch. Sie erinnerte mich an meinen Papa, der nie „Ich hab dich lieb“ sagen konnte.

Aber er schnitt passioniert Zeitungsartikel für uns Kinder aus, half beim Umzug, organisierte uns ein Auto. All solche Dinge. Stille Gesten.

Und er fehlt mir – auch nach drei Jahren. Die Wunde ist nicht mehr taufrisch, aber sie bleibt wohl für immer offen.

Ich hätte noch so viele Fragen gehabt, noch so viel sagen wollen. Ja, über einen ausgeschnittenen Zeitungsartikel würde ich mich heute sehr freuen. Aber heute ist‘s zu spät.

So ist das mit der Zeit und den Lieben: Sie vergeht und eh man sich versieht, ist einer nicht mehr da.

Wenn man nur alles so festhalten könnte wie einen Zeitungsartikel in Klarsichtfolie.

10 Kommentare

  1. Wie schön, dass du durch diesen Patienten die Sprache der Liebe deines Vaters für dich nun erkannt hast. Niemals hat man genug gesagt, wenn der Tod kommt. Vieles sagt man erst danach. Aber das kommt schon auch an die richtige Adresse, liebe Eva, und stellt richtig, was nicht verstanden wurde.

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    • Deinen Kommentar werde ich mir gut merken, liebe Gerda. „Niemals hat man genug gesagt, wenn der Tod kommt. Vieles sagt man erst danach.“ Ich hoffe, es kommt an die richtige Adresse. Er wird es schon verstehen im Jenseits. Eine guten Wochenstart, liebe Gerda!

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  2. Meine Mutter hatte das auch teilweise gemacht für mich. Interessant, hatte es nie so gesehen wie du. Danke für deine Sicht, das hilft mir vielleicht meine Mutter ein bisschen zu verstehen.

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  3. Was für ein rührender Beitrag, liebe Eva. Und weißt du was, ich hätte einen ähnlichen schreiben können. Mein Vater war auch ein Zeitungsartikelausschneider. Für die ganze Familie, aber insbesondere für mich. Und als ich schon in Italien wohnte, hob er sie eben in einem großen Briefumschlag auf, bis wir uns sahen. Ich selbst schicke manchmal Online-Artikel an meine Töchter weiter, von denen ich denke, dass sie sie interessieren, es ihnen Freude macht, sie zu lesen. Leider werden solche Links schnell übersehen und vergessen. Die Zeitungssauschnitte warteten geduldig, bis man Zeit hatte zum Lesen.
    Ich glaube übrigens auch, was Gerda sagt. Ihre Liebe und unsere Dankbarkeit leben weiter! Danke für deinen anregenden Text und herzliche Grüße!

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