Es glitzert im Bürgeramt

Etwas irritiert, fast könnte man den Blick auch als Ekel deuten, versucht die Beamtin des Bürgeramtes etwas von ihrer Hand zu wischen. Das Gesicht ist verzogen.

„Schleim! Das ist sicher Schleim!“, schießt es meinem Mann durch den Kopf, wie er mir später berichten wird. Ich hingegen betrachte sie und dann den fröhlich kauenden Bianco, der seine Breze genießt. Mein Fokus ist diffus. Der kontinuierliche Schlafmangel ist Schuld.

„Glitzer! Hier ist überall Glitzer.“, spricht die Beamtin und versucht, den Glitzerregen von ihrem Schreibtisch zu bekommen. Es ist ganz feiner, silbrig glänzender Glitzer. So klein wie Stecknadelköpfe. Und diese rieseln langsam aus unserer mitgebrachten Dokumentenhülle heraus.

„Oh Gott!“, rufe ich erstaunt und auch etwas überrumpelt.

Eine Glitzerexplosion im Bürgeramt. Und das aus unserer Dokumentenhülle.

„Entschuldigung! Äääh… das muss von unserem Großen sein.“, stottere ich und versuche hektisch den Glitzer von dem zu ersetzenden Pass zu bekommen.

Mit spitzen Fingern gibt mir die Angestellte die Hülle zurück. „Ne, ne, das ist schon okay. Es ist nur… Wir scannen hier auch wichtige Sachen ein – auch Bilder – und wenn Glitzer draufkommt, dann haben wir ein Problem.“, erklärt sie mir den Hintergrund.

Ein Arbeitsplatz, bei dem mitgebrachter Glitzer ein echtes Problem darstellt. Man macht sich ja keine Vorstellung von den Herausforderungen der jeweiligen Berufe!

Und das meine ich ganz ernst. Haben Sie sich mal gefragt, ob man in Ihrem Beruf eine Klarsichthülle voll Glitzer mitnehmen und ausleeren könnte, ohne dass Betriebsabläufe darunter leiden?

In meinem Metier könnte man das durchaus. Der Fluggast, der auf dem Glitzersitz säße, wäre sicher irritiert, aber man könnte ihn vermutlich mit einem Reinigungsgutschein einfangen. Dazu müsste man sicher ein Spezial-Cleaning bestellen, aber grundsätzlich können Sie eine Hülle voll Glitzer im Flugzeug verteilen. Zumindest steht nichts gegenteiliges in den Beförderungsbedingungen.

Aber im Bürgeramt geht das nicht.

Zu allem Übel bin ich auch noch die Schuldige. Ich habe diesen Glitzerregen im Bürgeramt Frankfurt verursacht.

Das kam so: Heute Morgen fand ich in der Eile keine Klarsichthülle. Und so schnappte ich mir die Hülle des Kindergarten-Kunstwerks des Filius.

Wer achtet schon darauf, dass sie mit Glitzer verziert ist?

Zumal wir ganz andere Probleme hatten: Denn wir standen bereits an der S-Bahn-Haltestelle als wir merkten: „Mist, Passfotos (also die QR-Codes) vergessen!“

Vor ein paar Jahren hätte mich das total aus dem Konzept gebracht. Heute ist das anders. Kinder stumpfen eben ab, wenn es um spontane Planänderungen geht. Routiniert gucke ich ins Terminbuchungssystem des Bürgeramtes und buche eben einen neuen Termin, etwa 30 Minuten später.

Immerhin hatten wir beim zweiten Versuch alle Unterlagen dabei. Und Glitzer. Den hatten wir auch als blinden Passagier im Gepäck.

Aber wer ahnt schon, dass im Bürgeramt nicht gilt: „Wenn dich dein Leben langweilt, streu Glitzer drauf.“

Obwohl… irgendwie ist der Grundsatz schon wahr. Denn mit Glitzer war richtig was los auf dem Schreibtisch. Langweilig war bei dieser Passbeantragung niemanden.

Ein Kommentar

  1. Hier ist jetzt schon alles digitalisiert. Keine Klarsichthüllen mit oder ohne Glitzer, kein Bürgeramt, keine vergessenen Fotos, keine Dokumente. Nur ein Account und ein Password. Ich habs grad heute, als es um die Neuausstellung des Personalausweises und die fällige Verlängerung des Führerscheins ging, erlebt. Ob ich das gut finde? Jein. Es ist bequem. Aber: Es ist auch ein sehr doofes Gefühl zu wissen, dass alle Daten meines Lebens an einem Ort zusammenfließen. Braucht nur jemand zu knacken, dürfte leicht sein. Vom übergriffigen Staat ganz zu schweigen.

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