Killing him softly – ein Abenteuerbericht

[Teil 1 finden Sie hier]

Die Überraschung folgte für den Römer am Dienstagmorgen um 5 Uhr. “Mi viene a vomitare. [Mir ist übel.]”, raunte der Gatte in die Dunkelheit, sprintete aus dem Schlafzimmer, schloss auf dem Weg zum Bad noch eben die Kinderzimmer-Tür (man will das Kind schließlich nicht wecken), eilte in das zu klein geratene Bad und erbrach sich.

Ausgerechnet er, der mir am Tag zuvor noch erzählte, dass er sich nie und nimmer, oder falls doch, nur in aller größter Not erbrechen würde. So gesehen letztmalig im Jahr 2016 in Albanien, als er Steindatteln aß. Eine Delikatesse aus dem Mittelmeer, die ihm eine ordentliche Muschelvergiftung bescherte. Doch dieses längst vergangene Erlebnis hielt ihn nicht davon ab, seinen Monolog fortzusetzen: Wir, dann zeigte er auf Signorino und mich, hätten ja einen äußerst schwachen Magen. In unserem aalglatten Industriestaat wäre gar kein Platz für Viren und Bakterien, die der Körper kennenlernen könne. Aber im Süden hätte sein Körper schon alles gesehen. A-L-L-E-S. Seine ausladenden Gesten unterstrichen seinen Monolog, den er mit dem Satz beendete, dass er alles vertilgen könne, ohne auch nur Aufzustoßen. „Bis auf Steindatteln…“, murmelte ich sehr leise und grinste in mich hinein.

Derweil interessierte sich die Magen-Darm-Grippe herzlich wenig für sein Geschwätz vom Vortag. Vielmehr vertikutierte sie den Römer mit einer solchen Inbrunst, dass jegliche Lebenskraft aus ihm herausgeschleudert wurde. Um 05:30 Uhr stolperte er kraftlos und kaltschweißig zurück ins Schlafzimmer. Ich blinzelte ihm entgegen. Er hielt mir sein Mobiltelefon vor die müde Nase. „Kannst du meinen Kolleg*innen bitte schreiben, dass ich heute nicht komme? Ich habe all meine Deutschkenntnisse soeben in der Toilette versenkt.“, erklärte er mir auf Italienisch. „Das kann ja dann nicht so viel gewesen sein.“, dachte ich, verbot mir jedoch jeden laut geäußerten Galgenhumor. Dem Gatten ging es wirklich miserabel. Somit setzte ich mir als liebende und fürsorgliche Ehefrau meine Brille auf, tippte eine schmissige Nachricht, so schmissig man eben um 5:30 Uhr morgens sein kann, und las sie dem Römer vor. Fälschlicherweise interpretierte der Römer die Situation so, dass wir gleich noch eine Lektion „Deutsch – Wortschatzerweiterung“ besprechen sollten: „Che vuol dire ‚Mich hat’s erwischt?‘ [Was bedeutet ‚Mich hat’s erwischt?‘]“, fragte er gequält. Ich übersetzte es behelfsmäßig mit „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.].“ „Aha.“, sprach er. Ich las ihm die restliche Textnachricht vor. „Che vuol dire „Über der Kloschüssel hängen? [Was bedeutet „Über der Kloschüssel hängen?“]“, wollte er nun wissen. „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.]“, übersetzte ich wieder. „Und warum schreibst du das dann zwei Mal?“, wollte er von mir wissen. „Amore, es ist 5:30 Uhr morgens. Deine Kolleginnen und Kollegen werden die Nachricht schon verstehen. Details können wir gerne morgen klären. Gute Nacht!“, beendete ich den Vokabeltest. „Gute Nacht!“, sprach der Römer. Ich drehte mich um und versuchte wieder in den Schlaf zu finden. Als mir das beinahe gelang, sprach der Römer in die Dunkelheit. „Ma io adesso sto bene [Aber jetzt geht es mir gut.]. Was meinst du? War es falsch mich sofort krank zu melden? Ich habe nun wirklich nichts mehr im Magen, was ich noch ausspucken könnte.“, erörterte der Römer mir seinen Gedankengang. „Anfängerfehler.“, dachte ich und murmelte im Halbschlaf: „Warte doch erstmal ab. Normalerweise ist es mit ein Mal Erbrechen nicht getan.“ Der Römer versuchte mir nun verständlich zu machen, dass er sich schon viel fitter fühlte und sich jetzt ärgerte, dass er sich krank gemeldet hatte.

Einmal so optimistisch in die Zukunft zu blicken wie der Römer, das wäre mein Lebensziel. Aber vermutlich komme ich dort nie an.

Ob der Römer eine Zweitwohnung in der Nähe hat?

„Pazienza! [Geduld!]“, grummelte ich und guckte auf die Uhr. 6:10 Uhr. Nur zehn Minuten nach unserem Gespräch lief der Römer wieder aus dem Schlafzimmer. Ich hörte ihn erbrechen. „Siehste! Sag‘ ich doch.“, dachte ich noch, schielte wieder auf die Uhr und mir wurde bewusst, dass ich in einer Stunde aufstehen muss. Ich klopfte leise an die Badezimmertür. Zwischen zwei Kötzerchen teilte ich dem Römer mit, dass ich auf die Couch umziehen werde, um noch etwas Schlaf zu erhaschen. Sollte er etwas brauchen, könne er es gerne jetzt sagen, auch ein Laut würde mir genügen, oder aber ins Wohnzimmer kommen. Er spuckte wieder, ächzte aus dem letzten Loch und sagte dann, dass er momentan nichts brauche. Ich zog ins Wohnzimmer um. Dann beschloss ich, angesichts der Tatsache, dass auch Signorino nicht wirklich fit war, dass wir alle daheim bleiben würden. Ich meldete mich in der Arbeit krank und versuchte einzuschlafen. Das gelang mir nicht wirklich, weil das Wohnzimmer zur langsam erwachenden Allee lag, wo fleißig Schüler*innen und Eltern vorbeirollten und trollten, laut schnatternd und sich anscheinend auf den Tag freuend. Ich seufzte und schlürfte zum Römer.

Wie ein überfahrener Kaugummi lag er auf dem Bett und atmete gequält. Ich fragte, ob ich kurz auf Toilette könne oder er zu tun habe. Es sei nicht dringend. „Vai!Vai! [Geh ruhig!]“, ermutigte mich der Römer. Als ich in das schmale Zimmer eintrag, lag feinsäuberlich ein flauschiges Handtuch auf dem eiskalten Fliesenboden. Der Gatte macht es sich anscheinend gerne gemütlich, wenn er sich schon in einer so prekären Situation befindet. Oder aber, er bediente sich einem alten germanischen Brauch, der meist im Ausland praktiziert wird: Das Reservieren eines Ortes, gerne nah an einem Gewässer, und oftmals in Form einer Sonnenliege in einer großen Ferienanlage, um der Rekreation von Körper und Geist zu dienen. Wer sein Handtuch als erstes in den frühen Morgenstunden auf die vom Sonnenlicht verblichene Liege klatschte, hatte den ganzen Tag den besten Platz am Pool sicher. Dieser Lokus war also reserviert. Ich beeilte mich, schnell wieder davon zu kommen. Nicht, dass der Besitzer des Handtuchs mich noch bei der Hotelleitung melden würde. Als ich fertig war, breitete ich das kuschelige Handtuch wieder so aus, wie ich es vorgefunden hatte.

Wenig später, der Römer verschwand zwischenzeitlich wieder im Bad, erklärte mir der Gatte, dass es eine selten dämliche Idee war, dieses Seelachsfilet am vorherigen Abend zu vertilgen. Denn während er über der Kloschüssel hing, der Fisch sich den Verdauungs-Ganges Richtung Himalaya nach oben arbeitete, wurde ihm gleich doppelt schlecht beim Geruch des verdauten Fisches. Vielleicht hätte ich ihm konsequenterweise Hákarl, isländischen Gammelhai, anbieten sollen, versehen mit dem Hinweis, dass das ein erprobtes, skandinavisches Hausmittel bei Übelkeit sei. Schließlich wollte er mich noch am Vortag davon überzeugen, dass mir ein Seelachsfilet wieder zu neuen Kräften verhelfen würde. Doch so gemein konnte ich nicht sein, denn woher sollte ich in Frankfurt auf die Schnelle einen Gammelhai herbekommen? So hielt ich den Mund und streichelte dem Römer mitfühlend über den Rücken.

Lange konnte der Römer hingegen nicht den Mund halten. Vielmehr benutzte er ihn, um zum Frühstück Zwieback und Tee zu inhalieren. “Zu schnell, zu viel. Das wird nicht gut getan.”, sprach ich in die Knusper- und Schlürfgeräusche des Römers. “Man muss doch wenigstens versuchen, dass man wieder zu Kräften kommt.”, unterwies mich der Gatte. “Almeno provarlo!! [Wenigstens versuchen!!]”, sagte er mit Nachdruck. Nun, sein Versuch endete, Sie ahnen es, im kleinsten Zimmer der Wohnung, auf dem Lokus, der tatsächlich so klein ist, dass sie nicht bei geschlossener Tür über der Kloschüssel hängen können. So kann die ganze Familie diesem riesen Spektakel beiwohnen. Immerhin, man kann stehend nicht umfallen, sollte man widererwartend ohnmächtig werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Signorino meldet sich aus dem Kinderzimmer. Er war wach, gut gelaunt und sein erstes, morgendliches Wort war „Schoko-Ku[chen]?“. Es ging ihm bestens. Ich bereitete, sehr zu seinem Verdruss, keinen Schokokuchen, sondern Haferbrei vor. Immerhin färbte ich ihn mit etwas Kakaopulver schokoladig dunkel. Man tut als Mutter eben was man kann.

Um 09:15 Uhr klingelte das Telefon. Es rief die Signorino’sche Erzieherin an. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Kind noch nicht als fehlend gemeldet. Es war per se nicht krank, aber auch nicht topfit. Eben wie die Mutter. Doch sie hatte gar nicht im Sinn, mich zurechtzuweisen, dass das Kind nicht krankgemeldet wurde. Vermutlich lag das daran, dass die Abwesenheitsmeldequote (was für ein Wort!) bei 50-60% der Eltern liegt. Die restlichen bleiben stumm wie die Fische und sagen eben nicht Bescheid, dass das Kind nicht zur Kita kommt. Alles kann, nichts muss. Man kennt es ja. Sie rief an, um mir mitzuteilen, dass man heute und morgen einen Mangel an Vollzeitkräften habe. Alle seien krank. Woran sie erkrankt waren, konnte ich mir in den lebhaftesten Farben ausmalen. Man würde deswegen nur eine beschränkte Öffnungszeit der eh schon eingeschränkten Corona-Öffnungszeit anbieten können. Sie hoffe, dass mir das keine Probleme bereiten würde. „Ach woher!“, winkte ich ab. Was ist schon eine zerbrochene Teetasse inmitten eines Erdbebens, Stufe 8? Die Erzieherin bedankte sich für mein Verständnis. Ich bedankte mich für ihre Disponibilität und hoffte, dass sich der Rest der Erzieherinnen wacker halten würden. Denn wenn die Öffnungszeiten der Kindertagesstätte noch weiter eingeschränkt werden würden, könnte ich ebenso gut vor der Kita warten, bis ich den jungen Mann eine halbe Stunde später wieder einsammeln und mit nach Hause nehmen konnte.

Das Kind verbrachte den Vormittag mit für ihn (und vermutlich alle lebhaften 2jährigen) völlig untypischesm auf der Couch/auf dem Teppich/auf der Rutsche Liegen. Das Köpflein und der Oberkörper schienen so schwer, dass oft nur noch die Beine standen. Der Rest lehnte irgendwo dagegen. So verbrachten wir den Vormittag lesend und ab und an Cartoons guckend. Das Kind war zufrieden, aß und trank gut, und ließ sich ausgiebig bekuscheln, was ein eher rares Event in unserem Haus darstellt. Ab und an erhob Signorino seinen schlappen Körper und wollte Papa besuchen. Er tapste ins Schlafzimmer, fand einen fahlen Römer im Bett vor, bei dessen Anblick mir wieder der Gammelhai in den Sinn kam, so elend sah er aus und versuchte den ältesten Wohnungsbewohner mit Legos aus der Reserve zu locken. Immer mal wieder öffnete der vor sich hin siechende Römer ein Auge und murmelte im Halbschlaf „Si, si, papà è qui. [Ja, ja, Papa ist hier.]“. Dann fielen ihm die schweren Augenlider wieder zu und er schnarchte ein bisschen. Das ließ Signorino nicht gelten. Entfernen lassen wollte er sich auf keinen Fall. Wo kämen wir denn da hin? Er erklärte dem Römer „PapaLegoJa!“ und dieser öffnete wieder mühselig ein Augenlid. Irgendwann wurde es Signorino zu bunt. Er rief den Partynotstand aus. Ja, Sie lesen richtig. Aus dem nichts rief das Kind „Party! Party!“ und nahm die römische Hand, die aus dem Bett ragte. „Pscht! Signorino! Papa will schlafen.“, flüsterte ich und versuchte das Kind aus dem Schlafzimmer zu zerren. Doch er blieb beharrlich stehen und klammerte sich am Bett fest. „Party! Party!“, rief das südländische Partymodell wieder. Der Römer öffnete wieder ein Auge. „Su! [Hoch!]“, sprach der Sohn nun in seinem feinsten Italienisch. Er wollte ins Bett gehoben werden. „Komm, Signorino, wir müssen jetzt gehen. Papa geht’s nicht gut.“, sprach ich nun etwas vehementer. Das Kind wurde ernst. „Nooh! Nooh! [Nein! Nein!]“, sprach es empört und sehr Deutsch akzentuiert mit langem O aus. Su [Hoch] wolle er, aber dalli. Der Römer hob ihn ins Bett. Und so setzte sich unser Nachwuchs neben den Römer, eine Hand in den dunklen Locken seines Papas, die andere auf seinen Kleinkinder-Oberschenkeln ruhend. Er bewachte den maladen Papa und hatte nicht vor zu gehen.

An Mambo Mambo Mambo war trotz Partyausruf nicht zu denken.

So ging ich in die Küche, kochte Kamillentee für den Mann, stöpselte eine Warmflasche zusammen und brachte ihm beides. Den Tee stellte ich unerreichbar für Signorino auf dem Fensterbrett ab. Dann kochte ich für Signorino etwas zu Mittag. Erst als ich mit einem dampfenden Teller Nudeln ums Eck kam, verließ der Sohn seinen angestammten Platz. Er aß einen halben Teller, gähnte und bekam ganz kleine Augen. Ich brachte ihn ins Bett.

Nach anderthalb Stunden wachte Signorino wieder auf. Ich hatte dem Gatten gerade Salzbrezeln ohne Salz gebracht. Signorino lief schnurstracks ins Schlafzimmer, entdeckte die Salzbrezeln und aß sie, während er seinen Vater musterte. Als er die kleine Schüssel vertilgt hat, kletterte er ins Bett und setzte sich neben den komatösen Vater. Wieder lag seine kleine Hand in den dichten, dunklen Wellen des Mannes. Er grinste. „Papa ‚putt? [Ist der Papa kaputt?]“, wollte er nun wissen. Ich nickte. „Richtig kaputt.“, antwortete ich dem Kind. Er streichelte Papa nochmals durch die dunklen Haare, holte sein liebstes „Stofftier“, den Kinderstaubsauger, und legte ihn neben Papas Kopf. Hoffentlich dachte der Mann nicht, dass ich ihm den Staubsauger dort hin legte, als nette Erinnerung. Doch der Gatte verschlief den ganzen Tag. Erbrechen musste er nicht mehr. Die nächsten, beiden Tage war er sehr wackelig unterwegs, aber schlussendlich erholte er sich wieder. Doch von uns dreien traf es den Gatten definitiv am schlimmsten.

Fazit: Anscheinend kannte sein südländischer Körper alle Viren und Bakterien, außer dieses Magen-Darm-Virus der aalglatten Industrienation. 😉

Killing me softly – Ein Abenteuerbericht

Momentan komme ich nicht wirklich zum Schreiben auf meinem Blog. Zu sehr hinke ich in der Uni nach. Zu sehr belüge ich mich selbst, dass eine Teilzeitstelle, 85% der Kindererziehung und ein Studium „total gut“ unter einen Hut zu bringen sind. Es ist als würde man krampfhaft versuchen, viel zu viele Jonglierkeulen gleichzeitig in der Luft zu halten. Ständig droht eine abzustürzen, man hechtet zu ihr, rettet sie, aber dann kommen zwei andere Jonglierkeulen, die kurz davor sind mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden zu knallen.

Doch darum soll es heute nicht gehen. Viel mehr geht es heute um meine Notizen des Monats Februar. Das Kind brachte uns ein Geschenk in Form einer Magen-Darm-Grippe mit nach Hause. Wie wir das überlebten, schildere ich Ihnen hier. Doch seien Sie gewarnt: Ein Magen-Darm-Infekt ist nichts für eine blühende Fantasie und einen schwachen Magen:

Aufbügel-Bild auf meinem Pulli. Bildlich dargestellt, was ich über diese Magen-Darm-Grippe denke.

Es scheint ein eisernes Naturgesetz zu sein, dass Mütter die Krankheit ihres Kindes einige Tage später durchleben müssen, um beurteilen zu können wie schlimm es wirklich für den Nachwuchs war. Im Verkauf würde man vermutlich sagen „Nur wer das Produkt, oder in unserem Fall die Krankheit, gut kennt, kann es überzeugend verkaufen.“ Der Römer und ich, da bin ich mir sicher, könnten Ihnen die Krankheit perfekt verkaufen, so viel „Produkterfahrung“ konnten wir sammeln. 😉

Am Sonntag um 8 Uhr fing es an. Mir war speiübel. Ich wankte ins Bad, ging auf Toilette, wankte wieder zurück ins Bett und wartete darauf einzuschlafen, aber die Übelkeit hatte dermaßen die Überhand gewonnen, dass es mir unmöglich war, in den wohlverdienten Schlaf zurückzufinden. Um 09:00 Uhr tapste das Kind ins Elternzimmer, wobei es an diesem Wochenende Elter-Zimmer heißen müsste, denn der Römer war in Albanien, um seine Familie zu besuchen. Signorino gebot mir, dass er zu frühstücken wünsche. Ich folgte ihm und wir frühstückten zusammen, wobei er mit großer Begeisterung drei Scheiben Nusskuchen verdrückte und ich an meinem Kamillentee nippte. Der Tee brachte nicht den gewünschten Effekt, denn die Übelkeit wurde schlimmer und schlimmer. Ich legte mich auf die Couch, machte den Fernseher für das Kind an und hoffte, dass die Übelkeit gleich vorbei sein würde und wir normal in den Tag starten könnten.

Signorino interessierte sich überhaupt nicht für den Fernseher. Stattdessen animierte er mich zum Lego spielen. Ich setzte mich schwerfällig auf den Boden, nahm zwei Lego-Steine in die Hand, zog einen roten Plastikeimer zu mir heran und erbrach den kompletten Kamillentee hemmungslos. Das Kind guckte mich mit weit aufgerissenen Augen panisch an und krisch aus voller Lunge, als es mich in seinen roten Sandkasteneimer würgen und erbrechen sah. Ich versuchte ihn zu beruhigen, aufzublicken, zu lächeln, „Mama geht’s gut, Schatz.“ zu sagen, doch Sie kennen es vielleicht: Ein Kötzerchen bleibt nie alleine. Man hat mehrmals das Vergnügen. Das Kind schrie immer lauter, immer aufgeregter. Ich tat mein Möglichstes ihn zwischen meinem Erbrechen zu beruhigen, doch er war so panisch und ich so beschäftigt, meinen Mageninhalt loszuwerden, dass meine beschwichtigenden Worte im roten Sandkasten-Eimer verhallten. “Hoffentlich war’s das jetzt.”, dachte ich, als mein Magen wirklich alles losgeworden war, was ihm scheinbar auf der Magenschleimhaut brannte. Aber mein Verdauungsorgan hatte anderes im Sinn.

Es war 10 Uhr Vormittags. Um 16:20 Uhr sollte der Flug des Mannes in Frankfurt landen. Mit einer flotten Einreise würde er nicht vor 17 Uhr daheim sein. Noch sieben Stunden. Mein eh schon flauer Magen wurde noch flauer. Uff! Durchatmen. Wir schaffen das.

Ich informierte den Mann via Messenger-Dienst über meinen Zustand. Er las die Nachricht und antwortete nicht. Jetzt war mir nicht nur schlecht, ich war wütend und wusste nicht wie ich den Tag überleben sollte. Ausruhen und halb tot vor dem Fernseher liegen war dank Signorino keine Option. “Danke für deine lieben Nachrichten!!!!”, schrieb ich dem Mann 30 Minuten später. Jedes einzelne Ausrufezeichen hinter dem Text gab dem Mann einen Hinweis darauf, in welcher Eskalationsstufe meiner Wut ich mich gerade befand. Diesmal war es Stufe 4 von 5. Postwendend antwortete der Römer. “Scusa, amore [Entschuldige, Liebling!]! Uns wäre fast ein LKW aufs Auto geknallt, aber Ibrahim reagierte blitzschnell. Zum Glück ist nichts passiert. Aber das geschah genau zu dem Zeitpunkt, als ich deine Nachricht las. Danach war ich so geschockt, dass ich alles vergaß.” Mich wunderte das gar nicht. Also, dass ein LKW ungebremst auf Ibrahims Kutsche knallen wollte. Wer den Verkehr in Albanien kennt, der wundert sich allenfalls um die niedrige Unfallquote. “Mir geht’s wirklich dreckig.”, schrieb ich dem Mann. Er versprach so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, könne aber den Flugplan der Airline auch nicht beeinflussen. Ich schickte ihm einen grünen Übelkeitssmiley als Antwort. Die Situation war zum Kotzen. Das empfand auch mein Magen so.

Ich legte das Handy beiseite und erbrach wieder. Mehrmals. Das Kind weinte und schrie, wollte mir den Eimer entreißen und schlug mit der flachen Hand fest auf meinen Rücken. Oh Mann! Was für eine erbärmliche Situation. Ich beruhigte den vor Panik schreienden Signorino, nahm ihn in den Arm und erklärte ihm, dass es Mama nicht so gut gehe, aber die Situation unter Kontrolle sei. Letzteres war gelogen. Nichts war unter Kontrolle. Wir guckten seit zwei Stunden Peppa Wutz und ich spuckte mir die Seele aus dem Leib.

Um 12:30 Uhr verdonnerte ich das Kind zum Mittagschlaf. Eine andere Lösung, um die Zeit bis zur Ankunft des Römers zu überbrücken, sah ich nicht. Zum Glück schlief Signorino schnell ein. Ich auch, so erschöpft war ich. Doch nach zwanzig Minuten erwachte ich wieder, da über uns, wie jeden Sonntagmittag (!), eine Singparty unter Freunden stattfand. Unsere grandiosen Nachbarn Nina und Tobi (mit Baby) hielten und halten „Singen mit Freunden an einem Sonntag“ für ein Grundrecht. Sollen die Nachbarn sich doch einfach an ihren schiefen Lagerfeuertönen erfreuen. Das Kind schlief, toi, toi, toi, weiter. Ich ging in unser Schlafzimmer, spuckte auf dem Weg dorthin wieder, steckte das Babyphone ein und legte mich hin. Sofort schlief ich ein. Dann hämmerten Nina und Tobi. Sie hämmerten einen Nagel in die Wand. Oder mehrere. Auf alle Fälle war ich zu kraftlos gegen die Wand zu schlagen. Ich ertrug es. Und nahm mir vor, sobald ich wieder fit sei, ihnen klar zu machen, dass ich sonntags keinen Mucks hören will, der über Zimmerlautstärke hinausgeht, sonst schalte ich die Hausverwaltung ein. Vermutlich würde ich es netter ausdrücken, aber in dem Moment, gefangen in meinem Elend, spürte ich genau das.

Das Kind erwachte nach zwei Stunden Mittagschlaf. Normalerweise weckte ich Signorino früher, denn abends geht er sonst nicht ins Bett, aber ich war um jede freie Minute dankbar. Ich hob ihn aus dem Bett. Eine Seite seiner Hose war bräunlich. Vermutlich das geschmolzene Schokoladen-Eis, das ich ihm vorhin gab, um ihn zu beruhigen und zu beschäftigten. Nun ja. Wie sich nur einige Augenblicke später herausstellte hatte das Kind Durchfall. “Oh Mann! Oh Mann!”, würde das Kind jetzt sagen. Und „Oh Mann! Oh Mann!“ war die Situation tatsächlich. Unter Würgen wechselte ich die Windel, den braun-feuchten Body, wusch das Kind mit einem Waschlappen, zog es an und erbrach mich abermals. Das Kind krisch, Sie ahnen es, ich bemühte mich, es zu beruhigen, aber es beruhigte sich erst wieder, als ich mir den Mund ausspülte und auf allen Vieren auf das Sofa kroch.

Zwanzig Minuten später hörte ich ein Geräusch als würde jemand eine halbvolle Ketchup-Tube ausdrücken. Es war Signorino. Er guckte verwundert und grinste dann. „Oh Nein! Bitte nicht schon wieder.“, dachte ich an unsere Windelwechsel-Aktion von eben zurück. In meiner geistigen Umnachtung machte ich den Fehler, ihn hinzulegen und so verteilte sich die Masse bis zum Hals. Wortwörtlich. Ich fluchte, würgte, wechselte, wischte und rieb das Kind mit einem frischen Waschlappen ab. Dann bezog ich das Kind neu. Neuer Body, neues Oberteil, neue Hose, neue Socken. Alles neu! Am liebsten hätte ich seine alten Klamotten verbrannt, doch ich warf sie bei 95 Grad in die Waschmaschine.

Turtle, die an diesem Tag zu den Spät-Aufstehern gehörte, bot sich an, vorbeizukommen. Allerdings musste sie erst einen Corona-Test machen, denn, so waren die Regeln im Februar, sonst dürfe sie nicht Bahn fahren . Ich war besorgt, dass sie unseren Magen-Darm-Infekt als Gastgeschenk mitnahm, sollte sie uns besuchen.

Ich guckte auf die Uhr: Es war 12:30 Uhr. Das Flugzeug Richtung Albanien hatte bereits in Frankfurt abgehoben, um den Römer in einigen Stunden einsammeln zu können. Ich bedankte mich bei Turtle für Ihre Hilfe und erklärte ihr, dass ich Angst hätte, dass sie ebenfalls das Magen-Darm-Virus bekäme. Sie wollte sich nicht abbringen lassen von ihrem Besuch. Ich insistierte. Nach einiger Zeit willigte sie ein, dass sie daheim bleiben würde.

Ich wankte ins Bad. Leider musste ich auf dem Klo thronend abermals würgen. Ein Glück ist die Toilette so klein, dass man bequem ins Waschbecken spucken konnte, während man auf dem Lokus sitzt. Genau zu dieser Zeit tapste Signorino vorbei, erblickte seine würgende, auf der Toilette sitzende Mutter mit heruntergelassener Hose und schrie wie am Spieß. Wer kann es ihm verdenken? Das sind vermutlich Bilder, die man nur schwerlich vergisst. Er wollte mich sofort von der Toilette wegziehen, was wahrlich keine schlaue Idee war. Ich klammerte mich mit einer Hand an der Kloschüssel fest, mit der anderen Hand versuchte ich den panischen Signorino auf Abstand zu halten und dazwischen ging ich meinem Bedürfnis zu Erbrechen nach. Das Kind wurde immer panischer, je länger der Vorgang dauerte. Er war vollkommen durch den Wind. Nach jedem Schwall beruhigte ich den kleinen Mann. „Alles gut, Liebling. Mama geht’s nur nicht so gut heute. Keine Sorge.“ Meine Sätze beruhigten weder ihn, noch mich. Erst als ich mich nassgeschwitzt und wacklig – Erbrechen ist echt anstrengend – vom WC erhob, beruhigte sich Signorino langsam, zitterte aber dennoch wie Espenlaub. Er schniefte noch eine ganze Weile und hielt meine Hand fest umklammert, so als ob ich jeden Moment zu Staub zerfallen würde. Mir tat das alles furchtbar Leid. Mit aller Kraft versuchte ich fortan meinen Brechreiz zu unterdrücken, damit das Kind beruhigt sein würde. Wie ein zertretener Kaugummi lag ich auf dem Sofa, während das Kind fernschaute. Schamerfüllt muss ich zugeben, dass es das an diesem Tag seit Stunden tat. Ich fühlte mich unglaublich mies. Innerlich wie äußerlich. Ich war ein Wrack.

Die Zeit verging irgendwie. Ich weiß bis heute nicht, wie dieses „irgendwie“ aussah, denn alles lag in einem dichten Nebel.

„Was soll man machen?“, fragte ich mich nicht nur ein Mal…

Um 17:02 Uhr hörte ich Schritte im Hausflur. Sie eilten zu unserer Wohnungstür. Ich betete, dass es mein ausgeflogener, und eben wieder eingeflogener Gatte war und ja, immerhin diesmal wurden meine Gebete erhört. Der Römer marschierte im Stechschritt in die Wohnung. Signorino flippte aus vor Freude und warf sich in die römischen Arme. Alles, was für mich zählte, war nur noch der Überlebenswille, so dass jeglicher Kontrollzwang in weiter Ferne war. Unter normalen Umständen hätte ich gerufen: „Bitte wasch dir erst die Hände nach so einer Reise. Wer weiß, was du alles angefasst hast!“. Doch so jammerte ich nur ein „Endlich bist du da! Ich dachte, die Zeit vergeht nie!!“. Ich schlürfte an Vater und Sohn vorbei, den roten Kindereimer unter meinen Arm geklemmt, und legte mich ins Bett. Sofort nickte ich ein. Signorino wollte das so aber nicht gelten lassen und kam ins Schlafzimmer. Er stand neben meinem Kopf, legte seinen Kopf nur wenige Millimeter neben meinem Kopf ab und erzählte etwas. Ich streichelte seinen Blondschopf, empfahl ihm, ins Bett zu krabbeln und lächelte ihn müde an. Schnell wie der Blitz kletterte er über den Sessel ins Bett und setzte sich neben meinen Kopf. Dann begann er zu singen. Erst „Zum Geburtstag viel Glück“, dann seine ganz eigene Version des „ABCs“, um dann die richtigen Gassenhauer wie „Tschu Tschu Wa“ und „Certe Notti“ rauszuhauen. Mein Kopf dröhnte, mir war übel, aber es war ein schöner Gedanke seinerseits, mein Elend musikalisch auflockern zu wollen. „Signorino, vieni qua![Signorino, komm her!]“, rief der Römer und erklärte dem Sohn, dass ich schlafen müsse. Das war der Sigorino’schen One-Man-Coverband aber ganz egal. Er blieb sitzen und sang aus voller Brust weiter. Mittlerweile ging er zu den langsameren Nummern wie „La Le Lu“ und „Nina Na Na Nina Nu“ über, denn er merkte, dass ich die fetzigeren Lieder nicht so wertschätzen konnte wie das ein guter Sänger von seinem Publikum erwarten würde. Nach einiger Zeit gelang es dem Römer, Signorino aus dem Schlafzimmer zu locken. Vermutlich hat er dem kleinen Kerl mindestens einen „Igel“ [Schoko-Riegel] versprechen müssen, damit er seine angestammte Position auf der Bühne, neben meinem Kopf, verließ.

Dreißig Minuten später kam das Kind wieder bei mir im Schlafzimmer vorbei. An Schlafen war somit nicht zu denken. Ich schleppte mich gebeugt ins Wohnzimmer, platzierte mich wie der sterbende Schwan auf der Couch, bat den Römer um eine Schüssel (für Notfälle) und lag dort, als würde ich den Tod, bereits hinter dem Vorhang stehend, erahnen können. Alles war mir zu laut, zu hell und zu viel. Der Römer bot mir an, Pasta in Bianco zu kochen. Eine furchtbar liebe Geste, aber Nudeln in Öl und Parmesan ertränkt, waren das letzte, was mein Magen aufnehmen wollte. Denn generell wollte mein Magen gar nichts aufnehmen. Weder Wasser, noch Zwieback, noch Salzstangen. Er wollte sich primär erst einmal beruhigen. Das erklärte ich dem Römer, der meinte, ich solle einfach in kleinen Schlucken trinken und in kleinen Bissen essen. Ich würgte bei dem Gedanken, musste aber nicht spucken. Dennoch: Ich blieb bei der Null-Diät.

Als Signorino ins Bett ging, zwang der Römer mich wenigstens ein Nanogramm eines Zwiebacks zu essen. Ich knabberte daran wie ein traumatisiertes Kaninchen. Nach 1,5 Stunden hatte ich ein Viertel des Zwiebacks weggeknabbert und legte ihn zur Seite. Kraftlos schleppte ich mich ins Bett. Es wird schon werden, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

Um 01:30 Uhr wachte ich auf. Ich ging ins Wohnzimmer. Mein Gang war immer noch gebeugt, aber etwas agiler als noch vor einigen Stunden. Mein Magen knurrte. „Komm mir jetzt bloß nicht so.“, feixte ich mein labiles Verdauungsorgan an. Ich knabberte an einem Zwieback. Draußen tobte ein Sturm. Dann trank ich in kleinen Schlucken Wasser. Er blieb drin. Nach einer Stunde ging ich zurück ins Bett. Mein Körper tat mir vom Kopf bis zum Rücken immer noch sehr weg.

Um 07:30 Uhr meldete sich der römische Wecker. Ich machte Tee, Kaffee für den Römer und bereitete ein Marmeladenbrot für Signorino vor. Dann weckten wir das Kind. Wie immer war Signorino „not amused“. Er frühstückte, wir zogen ihn an, die männlichen Farnientes verließen das Haus und dann geschah etwas, dass mir seit zwei Jahren nicht mehr passiert ist. Ich legte mich ins Bett und schlief einfach so ein. An einem Montagvormittag. Es ist nicht so, als hätte ich nie die Gelegenheit gehabt, dies auszuprobieren. Doch normalerweise lag ich mit weit aufgerissenen Augen im Bett und konnte doch nicht wieder einschlafen, aber diesmal nickte ich einfach weg.

Um 12:30 Uhr erwachte ich wieder. Es fühlte sich surreal an, so spät aufzustehen. Ich war fit. Nicht topfit, aber fit. Der Römer brachte gegen 16:00 Uhr den Nachwuchs nach Hause und ich aß eine Haferflockensuppe.

Natürlich war ich noch auf Schonkost. Man will ja nicht gleich übertreiben. Abends bot mir der Römer ein Stück Seelachsfilet zu meinen trockenen Reis an. Ich winkte unter größter, akut auftretender Übelkeit ab. Aber ein Fischfilet sei doch etwas exquisites, versuchte er mir den ollen Fisch schmackhaft zu machen. Es muss wohl in der Familie liegen, dass man Personen, die gerade eine Magendarm-Grippe überstehen, gerne einen Fisch vorsetzt. Zuletzt tat das nämlich der römische Schwager am Ohrid-See, als sich mein Mageninhalt in den weiten der albanischen Steppe ergoss und er ein vorzügliches Fischrestaurant im Hinterland anfuhr. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Römer unterbrach meine Gedanken an das Fischrestaurant am Ohrid-See. „Ich bin nur froh, dass ich diesmal verschont geblieben bin von eurer Magen-Darm-Grippe.“, stellte er, seinen Fisch kauend, fest. Er sollte sich arg täuschen….

[Fortsetzung folgt]

Ein denkwürdiger Tag

Ich weiß nicht, was Sie gestern um 13:27 Uhr gemacht haben und vermutlich wissen Sie das auf die Minute genau auch nicht, aber ich habe zur genannten Uhrzeit meine wissenschaftliche Hausarbeit bei der Universität hochgeladen. Überpünktlich wie die Maurer, drei Tage vor meinem selbst gesetzten Abgabeschluss. Dass ich den gesetzten Abgabeschluss zwischen Oktober und Dezember drei Mal verschoben habe, kehre ich an dieser Stelle großzügig unter den Tisch. Am Ende zählt eben nur das Ergebnis, welches im besten Fall im Februar veröffentlicht wird. Ob die Universität mein schnittiges Dr. Markus Söder Thema auch so pfiffig finden wird? Ich werde es Ihnen berichten, oder aber: Es unter den Tisch kehren – zu meinen verstrichenen Abgabeschluss-Daten. 😉

Symbolbild: Ein Lernender (Römer).

Dabei muss ich erwähnen, dass ich gestern Morgen absolut nicht damit gerechnet hätte, etwas abzugeben – außer meiner Seidenpapier starken Nerven. Der Mann, der immer zur Arbeit geht, egal in welchem Zustand, meldete sich gestern früh erst bei mir und dann bei seinem Arbeitgeber krank. Wenn Sie sich auf eines beim Römer verlassen können, dann ist es, dass er selbst auf dem Arbeitsweg angeschossen, noch zur Arbeit humpelt und seine Stunden abarbeitet. Aber heute hatte er migränebedingte Kopfschmerzen, die ihn zwangen, seinen Arbeitgeber über sein Fernbleiben der Arbeitsstelle zu informieren. Das wiederum hieß für mich, nicht er würde Signorino zur Kita bringen, sondern ich. Also machte ich mich in aller Eile zurecht, ging vor ungewohnter Dienstags-Aufregung drei Mal aufs Töpfchen, nur, dass der Römer sich dann in die Jacke schmiss und auch zur Kita mitkommen wollte. Trotz intensiver Bemühungen meinerseits und dem Hinweis, dass er am besten im Bett aufgehoben ist, insistierte er. Also fuhren wir zu dritt zur Kita und brachten das Kind in eine sichtlich leere Betreuungsstätte. Dabei ist es nicht dem vorweihnachtlichen Reiseverkehr zu den Verwandten geschuldet, dass die Kitakinder der Einrichtung fernblieben. Vielmehr erreichte mich am Montagmittag eine E-Mail, dass die beiden Nachbargruppen in Corona bedingte Quarantäne mussten. Ein Glück gab (und gibt) es keinen Fall in Signorinos Gruppe (toitoitoi). Dennoch lassen viele Eltern ihr Kind bereits daheim, um nichts zu riskieren. Da wir eh nirgendwo hinfahren, schickten wir das Kind trotzdem. Trotz alledem würde eine x-tägige Weihnachts-Quarantäne nicht auf meiner Weihnachtswunschliste zu finden sein.

Als wir Signorino um 09:20 Uhr abgegeben hatten, fuhr ich den Römer und mich wieder nach Hause. Der Römer frühstückte, ich tippte nervös Nichtssagendes in den PC, weil ich mich bei seinen Frühstücksgeräuschen nicht konzentrieren konnte. Dann ging der Herr des Hauses schlafen und mein nichtssagendes Getippe wurde endlich von wissenschaftlich fundierten Aussagen abgelöst. Bis 12:55 Uhr klimperte ich geschäftig auf der Tastatur meines PCs umher bis ich zufrieden auf „speichern“ klickte. Geschafft!

Nach einem zwanzigminütigen Anfall meinerseits, in dem ich die Prüfungsplattform meiner Uni verfluchte, gelang es mir doch noch meine Arbeit hochzuladen. Währenddessen schaufelte ich hektisch Ravioli in mich hinein, die der bereits erwachte Mann uns zubereitet hatte. Um 13:27 Uhr war es dann vollbracht. Ich war ein freier Mensch – bezogen auf dieses abgelegte Modul. Und meine Freiheit kann und konnte ich auch nur unter Vorbehalt genießen. Wer weiß, ob ich das Modul bestanden habe? Immerhin hatte ich jetzt genug Zeit, den Römer zu betrachten. Er sah nach seinem Schläfchen gleich viel gesünder aus. So voller Farbe im Gesicht und einem halbwegs zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Um 14 Uhr wollte der Römer wieder mitfahren, um Signorino abzuholen. Als wir ankamen, kümmerten sich zwei Erzieherinnen um zwei Kinder. Mehr Kinder waren nicht (mehr) im Gruppenraum. Das Kind war dennoch froh, abgeholt zu werden und hüpfte uns in Strumpfhose entgegen. Als alle angezogen, verpackt und verladen im Auto saßen, fragte ich den Römer, ob wir noch kurz nach Frankfurt-Oberrad fahren könnten, denn dort würde ich gerne Gratis-Pflanzen abholen. Er willigte ein und auch Signorino hatte nichts dagegen. Klar, der kleine Kerl hatte auch noch ein Butterbrot in der Hand, an dem er geschäftig nagte. In Oberrad angekommen wurden Fahrerin und Beifahrer auch nur ein einziges Mal und ganz kurz laut, weil der Römer mein Handy auf die Mittelkonsole legte, es prompt in einer engen Kurve auf meine Seite fiel und ich panische Angst hatte, dass es sich unter dem Gas- oder, noch schlimmer, Bremspedal verfangen würde. „Ma che! [Ach was!]“, trotzte der Beifahrer ohne Fahrerfahrung. Meine Hypothese lag außerhalb seiner Vorstellungskraft. Wie so vieles, was mit dem Fahren und Führen von Kraftfahrzeugen zu tun hat. „Fahr halt einfach rechts ran.“, empfahl er mir flapsig auf der dreispurigen Fahrbahn im frühen Berufsverkehr, wobei sich linkerhand eine Tram vorbeiquetschte und rechts Offenbacher Sportwagen an uns vorbeizogen. Ich motzte irgendetwas, wobei der Römer meinen meist gehassten Satz überhaupt darauf antwortete: „Du – fahr einfach! Ich mach den Rest.“ Dieser Satz lässt eine ungeahnte Aggression in mir aufsteigen. Das ist gar nicht in Worte zu fassen, was dieser unverschämte, römische Imperativ mit mir macht. Dazu muss ich ergänzend erwähnen, dass ich mich jedes Mal frage, was denn dieser besagte „Rest“ ist, von dem der Römer als Beifahrer spricht und um den er sich immerzu kümmern will? Meint er damit, dass er Schnittchen und kühle Getränke serviert? Einmal feucht durch die Fahrerkabine feudelt? Die Fenster putzt? Ich weiß bis heute nicht, welche verantwortungsvolle Aufgabe ein Beifahrer hat, von der ich in all den Jahren nichts mitbekam. Doch, Moment. Eine Aufgabe gibt es: Wenn wir zum Supermarkt fahren und in dessen Tiefgarage parken, ist es seine Aufgabe, das Parkticket vom Auto bis zur Tiefgaragenausfahrt in der Hand zu halten und es mir zum richtigen Zeitpunkt auszuhändigen, während ich versuche, nicht zu nah und nicht zu weit von der Säule, die unser Parkticket entgegen nimmt, anzuhalten. Wobei die Aufgabe mir das Ticket auszuhändigen auch von der Mittelkonsole äußerst gewissenhaft erledigt wird.

Pflanzen auf dem Fensterbrett. Die erste auf dem Bild wurde mir überlassen, weil die ehemalige Besitzerin dachte, ich hätte einen grünen Daumen. Na, wenn die gewusst hätte, dass ich passive, florale Sterbebegleitung ausübe, dann hätte sie sie vermutlich behalten.

Doch zurück zum Oberrader Verkehrsmanöver: Irgendwann und irgendwie schaffte ich es dann, ohne Handy, dass sich unter den Pedalen verfing, in eine unscheinbare Einfahrt und friemelte das Handy aus dem Fußraum. „Hier! Festhalten“, pflaumte ich den Römer an und drückte ihm mein Handy in die Hand. Dann entriss ich es ihm sogleich wieder, weil ich nachschauen wollte, wo wir hier überhaupt waren. Die Landkarten-App gab mir an, dass wir nur 200 Meter von unserem Zielort entfernt waren. Ich ließ das Auto (aus Sicherheitsgründen) in der Einfahrt stehen, sprintete die Straße entlang und hüpfte in den 1. Stock, um die Pflanzen von einer netten Kleinanzeigen-Dame abzuholen. Da ich privat zwar einen halbwegs grünen Daumen habe, in der Arbeit aber den Tod der ein oder anderen Pflanze auf meinem Konto verbuchen muss (darunter einen unkaputtbaren Kaktus und einen Bogenhanf🙈), brauchte ich Ersatz, damit mich mein Chef nicht wegen floralem Todschlags entlässt. Ich holte also eine Tüte neuer Leidensgenossen in einem gepflegten Wohnhaus ab und hoffte, dass diese grünen Freunde nach einer kurzen Zeit bei mir schlussendlich auch im Büro überleben werden. Im Auto angekommen verstaute ich meine Tragetasche sicher im Fußraum der Rückbank und ließ den Motor an. Von der Rückbank kam ein leises, aber im Fahrtverlauf immer lauter werdendes „Iiiigel!!“. Der Nachwuchs wollte einen Riegel, aber konnte das dazugehörige R noch nicht aussprechen. Egal – sein Wunsch kam trotzdem bei uns an. Der Römer kramte in meinem Rucksack, doch dort war kein Riegel zu finden. „Du hast vergessen, Riegel in deinen Rucksack zu füllen.“, unterrichtete mich der Römer. „Und du hast nicht einmal einen Geldbeutel dabei. Wird sicher ganz schön kalt, wenn ich dich hier an der Ecke rauslasse und du heimläufst.“, konterte ich. Der Römer maulte etwas nach. „Trotzdem haben wir keinen Riegel für das Kind.“, wiederholte er. Ich nickte. Noch 2,5 Kilometer nach Hause. Er wird schon nicht durchschreien. Auf Höhe des Frankfurter Hauptbahnhofes brüllte Signorino so laut „Iiigel!!!“, dass ich den Römer anwies, ihm das Päckchen gefriergetrocknete Erdbeeren zu geben. „Gesunde Chips für Kinder.“ stand auf der Packung. Ich wusste auch, warum sie so gesund waren. Durch ihren unangenehmen, sauren, aber naturbelassenen Geschmack lässt jedes Kind freiwillig von diesen Chips ab und isst lieber den eigenen Jackenärmel. Doch in der Not war uns jedes Mittel recht, dass ein paar Augenblicke lang das laute Brüllen im Auto unterband und uns sicher und konzentriert durch den Stadtverkehr kommen ließ. Signorino schniefte und brüllte immer noch. „Sicher?“, fragte der Römer. Wir wussten beide, dass diese Erdbeeren seit Wochen im Auto mitfuhren und Signorino diesen Snack bis jetzt jedes Mal verschmähte. Aber was hatten wir jetzt noch zu verlieren? Er tobte eh schon unaufhörlich. Im Gutleutviertel angekommen verstummte das Kind und kaute zufrieden saure Erdbeerchips. Sogar ein „Mmmh.“ kam aus dem Fond des Autos. Irgendjemand hatte uns wohl heimlich das Kind in der Kita ausgetauscht. Wir nahmen die plötzliche Ruhe dankend an und freuten uns über die letzten, ruhigen Meter bis wir von Signorino mehrmals aufgefordert wurden „Tschu Tschu Wa“ zu singen. Nach 500 Metern war der Spuk vorbei. Wir rollten in die Hofeinfahrt. Laut singend. Das Kind war selig. Wir beinahe heiser.

Daheim angekommen leerte ich zwei Packungen Riegel in meinem Rucksack aus. Sicher ist sicher, denn die Packung mit den gefriergetrockneten Erdbeeren war nun leer.

Von der Frankfurter Polizei eingebuchtet

[Dieser Text ist am letzten Donnerstag entstanden und handelt vom letzten Mittwoch, nur, dass Sie sich nicht wundern, warum wir Signorino am Samstag in die Kita schicken. 😉]

Gestern fing der Tag hervorragend an. Ich kam gut aus dem Bett (das will ja was heißen!), frühstückte Kekse über einem Topf kochenden Haferbreis, den ich nebenher beaufsichtigte, damit die Milch nicht überkochen möge. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist das eigentlich das Abbild einer Doppelmoral: Die Mutter isst heimlich Kekse in der Dämmerung, während sie das gesunde Haferflocken-Frühstück für den Sohn kocht, der empört protestieren würde, wüsste er, dass ich nur wenige Augenblicke vor seinem Erwachen, Kekse in rauen Mengen gegessen hatte. „Ich muss schließlich nicht mehr wachsen.“, rechtfertigte ich mich vor mir selbst. „Außerdem habe ich einen so niedrigen Blutdruck, dass ich ohne ordentlich gesüßte Kekse vielleicht schon in wenigen Augenblicken umkippen würde. Mein Frühstück ist eine lebenserhaltende Maßnahme. Ja, genau, so ist das.“, log ich es mir schlussendlich zurecht und nickte bestätigend. Als der Brei fertig war und auf dem Tellerchen abkühlte, machte ich mich für den arbeitsfreien Tag zurecht. In Italien würde man mein Makeup „acqua e sapone“, Wasser und Seife, nennen. Und genau aus diesen beiden pfiffigen Hilfsmitteln bestand mein ganzes Beautyprogramm. Nachdem ich mich in meine Lieblingskombi aus T-Shirt, Jeans und Cardigan geworfen hatte, weckte ich das Kind. Es frühstückte das schnöde, aber gesunde Porridge. Wir kämpften uns durch die Morgenroutine. Danach verpackte ich Signorino artgerecht im angesagten Zwiebellook und wir fuhren los.

So hätte mein Lieblingsfrühstück ausgesehen, aber wir sind hier schließlich nicht bei „Wünsch dir was!“.

Als ich den Sohn in der Kita abgegeben hatte und wieder im Auto saß, dachte ich an den Einkauf, der dringend zu erledigen wäre. Normalerweise bestreiten wir diesen zu dritt und ohne Auto, aus dem einfachen Grund, dass zwei Erwachsene (und ein Kinderwagen-Unterkorb) mehr schleppen können als ein Erwachsener alleine. Der große Nachteil ist jedoch, dass es ein ständiges Gerenne und Gedrängel durch die engen Supermarktgänge ist. Leider wissen wir nie vorher, ob und wann die „Bombe Signorino“ hochgeht und kreischend mitteilt, dass er keine Lust mehr auf Einkaufen hat. Diese Szene vor Augen, setzte ich den Blinker links und bog ins Gewerbegebiet ab. Beim Discounter angekommen, lag mir die Gemüseabteilung zu Füßen. Ach, was sage ich! Der ganze Supermarkt wartete nur darauf, von mir alleine erobert zu werden. Alles war aufgefüllt, verfügbar und ansprechend präsentiert. Ein paar Handwerker und zwei Mütter, eine mit und eine ohne Kind, schwirrten durch die langen, beigen Gänge. Ganz in Ruhe überlegte ich mir, was wir an Lebensmitteln für diese Woche benötigen würden. Und, ich hatte sogar die Zeit, in den Aktions-Angeboten zu stöbern. In der Regel zieht mich der Römer in dieser Abteilung immer weiter. „Nein, das brauchen wir nicht!“, zischt er dann entnervt. Sehr zu meinem Leidwesen hat er meistens recht. Doch gestern gab es keinen Römer, der mich weiterzerren hätte konnte und so legte ich freudig Plätzchenformen in den Einkaufswagen. Wir hatten nämlich wirklich keine zu Hause. Bei der Auswahl der Ausstecher (es gab verschiedene Sets), hatte ich, so ganz alleine, tatsächlich die Ruhe über geeignete und ungeeignete Plätzchenformen zu sinnieren. Am Ende entschied ich mich für das Set mit den Glocken-, Stern- und Rautenausstechern und bewahrte mich damit vor einem Fehlkauf. Denn mein erster Griff ging zu den Schneeflockenformen. Hätte ich nicht genügend Zeit gehabt, darüber nachzudenken und abzuwägen, ich hätte Ihnen spätestens im Dezember todunglücklich von der Farce einer Schneeflockenform berichtet. All die kleinen Verästelungen, aus denen der Butterplätzchenteig möglichst in einem Stück herauskommen sollte, hätten mich vermutlich in den Wahnsinn getrieben.

An der Kasse ließ ich zwei Handwerker mit ihren gut gefüllten Brotbeuteln vor. Sie bedankten sich überschwänglich. Meinen Wocheneinkauf zu scannen würde schließlich deutlich länger dauern als drei Brötchen in die Kasse einzutippen. Wegen meinem Wocheneinkauf sollte niemand seine wertvolle Pausenzeit opfern und deswegen später nach Hause kommen. Zeit ist schließlich nicht unbegrenzt verfügbar. Außer für mich, in diesem Augenblick im Supermarkt. Denn ich hatte die Ruhe weg.

Im Regen spazierte ich zum Auto und fuhr nach Hause. Dort machte ich mich nach langen Monaten* an mein zweites Studienmodul. Langsam wie eine Schnecke kam ich voran. Es sind sechs Aufgaben zu erledigen, die aus drei bis vier Teilaufgaben bestehen. Gestern schaffte ich in drei Stunden Aufgabe 1a). Es war deprimierend und ziemlich ernüchternd. Aber so ist es jetzt eben. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen – und meine Hausarbeit.

Um 13:55 Uhr dachte ich darüber nach, ob ich die S-Bahn oder das Auto zur Kita nehmen sollte. Da es fürchterlich kalt regnete, entschied ich mich für die bequeme Variante und somit für das Auto. Denn mit einem nassen Kind (und ganz ohne Kinderwagen, da die S-Bahn Stationen nicht barrierefrei sind) S-Bahn zu fahren, versetzte mich in ein Gefühl der Beunruhigung, weil ich daran dachte, dass Signorino sicher sofort wieder krank werden würde und Krankheiten bedeuten bei ihm 7-10 Tage Dauerbetreuung daheim, was durchaus machbar ist, aber jedesmal mit einer langen Diskussion, wer der Erziehungsberechtigten wann wie daheim bleibt, einhergeht. Ich schlängelte mich also im sich aufheizenden Auto die langgezogene Einfahrt herunter, fuhr in den Torbogen ein, bereit, auf die Allee abzubiegen, doch….

…rien ne va plus. Nichts ging mehr! Die Polizei stand vor mir. Wobei hier primär das Polizeiauto gemeint ist, das mich sprichwörtlich einbuchtete. Denn dieses Auto parkte so in der Einfahrt, dass ich nicht die geringste Chance hatte, mit meinem Auto aus der Einfahrt zu fahren. Ich guckte ganz genau ins Polizei-Auto – es war unbemannt und unbefraut. Ein rascher Blick auf die Uhr verriet mir: Für die S-Bahn-Variante war es bereits zu spät, denn bis ich rückwärts unsere Einfahrt-Tatzelwurmstraße hinaufkriechen würde, das Auto wieder auf seinen Platz stellen, zur S-Bahn rennen und darauf bangen würde, dass diese einfährt, wäre es bereits 15 Uhr bis ich schließlich an der Kita angekommen wäre. Die Abholzeit ist leider auf 14:30 Uhr eingegrenzt. In diesem Augenblick wusste ich mir nicht anders zu helfen, als meine erkältete Schwester Turtle** anzurufen. Ich schilderte ihr die Lage. Sie riet mir, mich direkt mit der Polizei in Verbindung zu setzen. „Polizei Frankfurt“ tippte ich in die Suchmaschine und mir wurde die Nummer des Polizeipräsidiums angezeigt. Sofort rief ich an. Ich schilderte der netten Dame am Telefon mein Problem und sie antwortete knapp: „Moment, ich verbinde Sie zur zuständigen Wache.“ Dann tutete es, noch ehe ich mich bei ihr bedanken konnte. Und es tutete, und tutete. In jedem anderen Fall hätte ich nach dem 24 Mal Tuten aufgelegt, doch ich hatte eine dringende Mission, die da lautete, Signorino halbwegs rechtzeitig von der Kita abzuholen. Nach einer Minute Dauer-Getute ging ein junger Mann ans Telefon. Ich schilderte ihm mein Problem. „Ah ja, das sind die Kollegen, die einen Einsatz in der Hausnummer 31 haben.“ , klärte er mich auf. Ich zeigte Verständnis, wies aber nochmals daraufhin, dass ich Signorino nicht unbegrenzt in der Kita lassen konnte. „Sehen Sie das Nummernschild des Polizeiautos? Dann kann ich die Kollegen direkt informieren.“, fragte mich der freundliche Polizist am Telefon. „Äh…Momentchen. Ich steige kurz aus. Ja, da ist es: WI für Wiesbaden und dann die AB 1234.“, antwortete ich und ein dicker Regentropfen tropfte mir in den Nacken. „Ich gucke, was ich tun kann. Tschüss!“, verabschiedete sich der Frankfurter Polizist. Währenddessen rief ich in der Kita an und teilte der Erzieherin mit, dass es mir furchtbar Leid tue, aber ich bin von der Polizei sprichwörtlich festgesetzt worden. Ich komme in jedem Fall so schnell ich kann. Man zeigte Verständnis und lachte etwas über die Situation. Nach fünf Minuten kam ein Polizist in meinem Alter ums Eck. Seine Haare am Oberkopf waren zu einem neckischen Pferdeschwänzchen zusammengefasst worden. Die Seiten waren bis auf wenige Millimeter kahlrasiert. „Was es nicht alles gibt!“, sagte ich verwundert zu mir selbst und meinte diesen doch recht ungewöhnlichen Haarschnitt für einen Polizisten. Vermutlich bin ich etwas antiquiert, wenn es um meine Vorstellung eines typischen Polizisten geht, aber so einen mutigen Haarschnitt hatte ich bei einem Beamten noch nie beobachten können. Er winkte mir kurz zu, um zu signalisieren, dass er da ist und sogleich wegfährt. Ich winkte lächelnd zurück, um zu zeigen, dass ich das gut finde. Sofort fuhr er den blau-grau-neongelben Polizeibus zur Seite. Ich konnte endlich zur Kita. In einigen Streckenabschnitten fuhr ich etwas schneller als gesetzlich vorgegeben, aber da die Polizei mich höchstselbst ausbremste, fand ich das vertretbar. Um 14:35 Uhr, 5 Minuten nach der normalen Abholzeit fuhr ich in den Innenhof der Kita ein, hechtete die Treppen zu den Gruppenräumen hoch, zog mir mit einer Hand die Maske übers Gesicht und später über Mund und Nase und klopfte schweißgebadet an der Gruppen-Tür. „Entschuldigen Sie… die Polizei… hielt mich fest. Also mein Auto… nein, anders: Sie parkten mich ein.„, hechelte ich. „Kein Problem. Sie hatten ja angerufen.“, flötete die Erzieherin. Signorino erkannte mich jetzt erst und lief freudestrahlend auf mich zu. Das Butterbrot, das er in der Hand trug, presste er überschwänglich gegen meinen Mantel. Während ich den kleinen Kerl eilig anzog, erzählte mir seine Erzieherin von seinem Tag. Ich bedankte und verabschiedete mich, trug den Mini-Farniente durch den Novemberregen zum Auto und schnallte ihn an. Erst an der Ampel vorm Städelmuseum, an dem unsere Rückfahrt vorbeiführte, fiel mir auf, dass das Kind noch immer seine Hausschuhe anhatte. Demnach weilten seine Straßenschuhe in der Kita. Nochmal umdrehen? Lieber nicht. Da das Kind nur ein einziges Paar Straßenschuhe in seiner Größe hatte, musste ich unbedingt das Paket bei den Nachbarn abholen: Dort sind – hoffentlich – geeignete Übergangs- bzw. Winterschuhe in seiner Größe enthalten.

Für die S-Bahn war es dann doch schon zu spät.

Der Nachmittag plätscherte so dahin. Um 16 Uhr kam der Römer heim, der sich beklagte, dass er sich noch immer krank und schwach fühlte. „Dann bleib doch bitte morgen zu Hause.„, versuchte ich ihn zu überzeugen. „Nein, nein, es geht schon. *Hust* *Schnief* Außerdem haben die Patienten bereits seit Wochen und Monaten Termine und außerdem sind bereits zwei Kollegen krank.“, rechtfertigte er sich. Ohne den Römer würde die Welt untergehen, dachte er. Nun denn, dann soll er weiter an diese Mär glauben. Während er sich einen Espresso machte, erinnerte ich ihn daran, dass ich heute unbedingt beim Online-Yoga mitmachen wollte und musste.*** Er nickte. Aber das wisse er doch. Um 20:30 Uhr könne ich ganz getrost den Yogakurs zelebrieren. Er würde Signorino ins Bett bringen. Ich blieb unbesorgt und vertraute darauf, dass das hinhauen würde. Ein blöder Fehler!

Gegen 18 Uhr holten wir Pakete beim Kiosk von Herrn Al Bagashi ab. „È un chiacchierone. [Er ist eine Quasseltante.]“, sagte genau der richtige Römer und teilte mir damit seine Meinung über Herrn Al Bagashi mit. „Deswegen gehe ich auch so gerne zu ihm. Das ist nicht nur ‚Päckchen abholen, unterschreiben, raus.‘, sondern das ist gute Unterhaltung.“, erklärte ich dem Römer. Doch er wartete lieber vorm Laden. Signorino wollte hingegen unbedingt mit rein. „Oh! Ein junger Mann! Challo, mein Kleiner.“, grinste Herr Al Bagashi. „Sie können hier lassen als Pfand für Pakete. Ich nehme!“, führte er weiter lachend aus und zeigte auf Signorino. „Er schreit aber recht viel.„, erzählte ich ihm augenzwinkernd. „Kein Problem! Onkel Ali (=Herr Al Bagashi) hat 10 Kinder. Schreien macht mir nichts.“, winkte er gelassen ab, „10 Kinder! Wow!„, antwortete ich mit großen Augen. „Ist ein großer Segen – aber viel Arbeit. Ich habe acht Mädchen und zwei Jungen. Dieser hier [zeigt auf einen jungen Mann] ist meiner. Und der da ist Sohn von Schwester.“, führte er weiter aus. Die beiden Teenager grinsten verlegen und starrten auf den Boden. „Und alle arbeiten bei Ihnen mit?„, fragte ich neugierig. „Ach woher: Nur essen, schlafen, spielen! Ich armer Mann muss den ganzen Tag arbeiten.“, sprach‘s und lachte am Ende laut. „So, jetzt habe ich Frage: Wie alt ist dein Kind?“, wollte er von mir wissen. „Beinahe zwei Jahre alt.„, gab ich zurück. „Aaaah! Kann er Traubenzucker essen?„, hakte Ali Al Bagashi nach. „Er liebt Traubenzucker.„, bestätigte ich. „Chier, Kleiner! Traubenzucker. Kommst du zu Onkel Ali – von mir kriegst du immer Süßes.„, sprach er und Signorinos Patschehand griff sofort zur Verpackung. „Kinder sind ein Segen, oder? Viel Arbeit, viele Nerven, die man verliert, aber auch viel Freude.“, erörterte er mir. Ich nickte. Sein Sohn hielt mir das Display zum Unterschreiben für die Annahme des Paketes entgegen. „Das stimmt, Herr Al Bagashi.“, antwortete ich, als ich mich nicht mehr auf meine Unterschrift konzentrieren musste. „Am Ende ist mit Kindern wie Treueprogramm von Supermarkt. Dauert bisschen bis man Prämie bekommt, aber dann freut man sich umso mehr. Und ganz wichtig: Prämien werden nicht regelmäßig ausgezahlt: Mal kommt später, mal kommt gar nicht und dann kommen alle Prämien der letzten Jahre auf einmal. Ist so mit Kindern. Muss man Geduld haben!“, teilte er seine Erkenntnis mit mir. Ich lächelte. Wer 10 Kinder hat, hat das System vermutlich besser verstanden als ich es jemals verstehen werde. Ich bedankte mich bei ihm – für die Annahme des Paketes und das nette Gespräch. „Sehen wir uns sicher nochmal diese Woche. Kommst du immer zwei Mal die Woche vorbei. Weiß ich jetzt schon.„, verabschiedete er sich und ich war verwundert wie genau er seine Kund*innen bereits nach wenigen Wochen kannte.

Am Abend räumte ich Signorinos Zimmer auf, rollte die Yoga-Matte aus und stellte den Bildschirm so, dass ich ihn stehend und liegend sehen konnte (ein Tipp von Turtle). Dann begann der Kurs – und das Gebrüll. Penelope, die Yoga Lehrerin, sprach davon, dass wir zu Beginn eine Meditation machen werden. Es meditierte sich nur sehr mittelmäßig, denn ich hörte den Römer mit Signorino (und umgekehrt) streiten. Der Kleine war müde, der Große vermutlich auch und das gipfelte in einem Dauergeschrei und -gebrülle. Von Deeskalation hatte der Römer vermutlich noch nie gehört und die Situation eskalierte, während ich in meinen Bauch und dann in meinen Brustkorb einatmen sollte, um dann wieder über den Brustkorb und Bauch auszuatmen. „Nein, das ist dein gutes Recht auch als Mutter Zeit für dich zu haben.“, redete ich mir ein und meditierte angespannt. Bei den Sufi-Kreisen hielt ich es nicht mehr aus. Ich zog mich eilig hoch, öffnete die Kinderzimmertür, dann die Türe zum Wohnzimmer. „Sagt mal, Leute, seid ihr irre?“, motzte ich die beiden Farnientes an. Verdutzt betrachteten mich beide. Der Kleine war im Gesicht noch rot vom Schreien. „Er will den Pyjama nicht anziehen.„, erklärte mir der Römer. „Dann versuche ihn abzulenken! Freunde, ich habe jetzt Yogakurs. Ein Mal! Ein einziges Mal will ich etwas für mich tun und ihr brüllt hier nur rum.“ Der Kleine nahm diesen Satz zum Anlass, schniefend auf mich zuzulaufen. Hilfesuchend klammerte er sich an mein Bein. „Ach Signorino. Schau mal, wie müde du bist. Du musst jetzt schlafen!„, teilte ich ihm mit, beugte mich zu ihm herunter und umarmte ihn. Er wollte nicht mehr loslassen. Der Römer holte genervt sein Handy hervor und scrollte durch irgendetwas, vollkommen unwichtiges. „So, Mutti würde jetzt gerne zurück zu ihren Sufi-Kreisen.„, sagte ich und setzte dem Römer Signorino auf den Schoß. Dann stolzierte ich zurück. Der Yogakurs befand sich im Vierfüßler-Stand und imitierte abwechselnd eine Katze und dann eine Kuh. Das konnte ich. Während ich vom Katzenbuckel in den Kuhrücken glitt, fing das Geschrei wieder von vorne an. „No, ti ho detto che non si può fare. [Nein, ich habe dir gesagt, dass man das nicht machen kann.]“, motzte der Römer Signorino an. Dann hörte man die Wohnzimmertüre, die sich öffnete und kurz darauf wieder schloss, gefolgt von der Schlafzimmertür. Der Kleine brüllte. „Du musst jetzt ins Bett!“, keifte der Römer und goß mit dieser Information vermutlich nur Öl ins Feuer. Dann hörte man hektisches Umhergetrampel, gefolgt von Gemurmel. „Schnuller?!“, „Flasche?!„, fragte der Römer ins Nichts. Der Kleine weinte noch immer. Dann wurde die Tür hinter mir aufgestoßen. „Scusa, amore, dov’è il ciuccio? [Entschuldige, Schatz, wo ist der Schnuller?], wollte der Römer von mir wissen, während die Yogalehrerin den „herabschauenden Hund“ erklärte. „Keine Ahnung.„, knurrte ich bereits wie ein zum Römer hinaufschauender Hund. „Vabbè, lo troverò. [In Ordnung, ich werde ihn finden.], antwortete der Römer achselzuckend und ich fragte mich, warum er dann in meiner Yogastunde nervt, wenn er ihn „schon finden wird“. Der Kleine pochte jetzt an die Türe. „Nein, die Mama möchte nicht gestört werden.“, erklärte der Große dem Kleinen schnippisch. Ich verdrehte die Augen im herabschauenden Hund. Dann war kurz Ruhe und ich wähnte mich in Sicherheit. Anscheinend wurde der Schnuller gefunden, die Wasserflasche aufgefüllt, es ging ins Bett. Nach fünf Minuten begann das Geschrei wieder von vorne. Die beiden Farnientes stritten sich. Nach 10 Minuten, in der Yogafigur „Das Kind“, heulte der Kleine so schlimm, dass ich wutentbrannt ins Schlafzimmer stürmte. „Sagt mal, Freunde! Was ist denn eigentlich los?“, brüllte ich nun fuchsteufelswild. „Lui ha iniziato. Voleva uscire dal letto. [Er hat angefangen. Er wollte aus dem Bett klettern.]“, versuchte sich der Römer zerknirscht herauszureden. Der Kleine richtete sich auf, kletterte über den Römer, richtete sich wieder auf und stürzte schniefend in meine Arme. „Echt, Leute!!„, presste ich genervt hervor. „So, du [ich zeige auf den Römer] – raus! Und du [ich zeige auf Signorino] gehörst jetzt dringend ins Bett.“, befahl ich. Der Große wollte noch etwas von „Aber dein Yogakurs!“ sagen, doch ich schmiss ihn hochkant aus dem Schlafzimmer. Nach 20 Minuten schlief das Kind. Der Yogakurs war vorbei.

V… wie Versuch’s nochmal! Vielleicht klappt es nächste Woche mit dem Yoga Kurs.

Im Wohnzimmer angekommen, guckte der Römer ziemlich beschämt. „Entschuldige, aber heute war Signorino wirklich schwierig.“, versuchte sich der Römer zu entschuldigen. „Er ist jeden Abend so, wenn man ihn nicht rechtzeitig ins Bett bringt.“, antwortete ich nüchtern. „Aber du hast gesagt, um 21 Uhr geht er ins Bett.“, verteidigte sich der Römer. „Aber das Kind ist doch kein Roboter. Er war anscheinend schon eher müde. Die Anzeichen sieht man doch.“, gab ich resigniert zurück. „Er hat halt viel gebrüllt.„, kommentierte der Römer etwas überfordert. „Ja, das ist ein Anzeichen, dass er ins Bett muss. Sag mal, seit wann lebst du eigentlich bei uns, als dass dir das noch nie aufgefallen ist?„, wollte ich wissen. Der Römer guckte schuldbewusst. „Okay, nächste Woche klappt es ganz bestimmt, dass ich Signorino ins Bett bringe.„, wollte er mich nach einer langen Pause aufmuntern. Ich nickte ernüchternd. Ja, ganz bestimmt.

*In der studentischen Leerlauf-Zeit las ich zwar ab und an ein Skript, aber „studieren“ würde ich es nicht nennen.

**Da half sie mir letzte Woche noch in der Not und anscheinend reichte das bereits aus, sie anzustecken. Sie hat mittlerweile die selbe Erkältung wie wir.

*** Turtle und ich hatten bereits vor 1,5 Jahren den Yogakurs gebucht, der einmal stattfand und dann kam Corona. Wir meldeten uns noch zwei Mal für einen Präsenzkurs an, der dann abgesagt wurde, um schließlich das Online-Format zu nutzen. Beim ersten Termin lag ich flach. Beim zweiten, gestrigen Termin, lag Turtle flach. Aber ich wollte unbedingt teilnehmen.

Die perfekte Antwort auf die Frage nach einem zweiten Kind

Bei der Wohnungsübergabe ist mir ein Coup gelungen und das ganz ohne, dass ich diesen fokussiert hätte. Einer der mir bis dahin vollkommen unbekannten Anwesenden bemerkte, dass die neue Wohnung mit einem Kind perfekt sei, jedoch beim zweiten Kind recht eng werden würde. Dabei grinste er dämlich und zwinkerte den Römer an. Ich antwortete gelassen und ohne viel darüber nachzudenken: „Kein Sorge. Wir können keine Kinder mehr bekommen.“ Wobei dieser Satz keineswegs auf die biologischen Voraussetzungen abzielen sollte. Viel mehr verbarg sich hinter dem Satz unsere geistige Grundhaltung und unser erhöhter Bedarf an Freiheit.

Doch die Reaktion meines Gegenübers war bemerkenswert. Er wurde hochrot und fing an zu stammeln: „Oh. Entschuldigung. Die Aussage war auch irgendwie dumm. Verzeihung! Ich habe einfach nicht darüber nachgedacht…“ Ich, mir der perfekten Antwort gar nicht bewusst, beschwichtigte: „Ach, das ist doch vollkommen okay. Aber ein zweites Kind wird es einfach nicht geben.“ Dabei lächelte ich aufmunternd. Unser Gegenüber verstummte komplett und starrte den hellen Laminatboden an. Solange, bis sich ein anderer Punkt in der Wohnungsübergabe anbahnte und er in dieser Sache aktiv werden musste.

Zurück im Auto ging mir das Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Das lag unter anderem daran, dass ich es in seiner ganzen Dimension gar nicht verstanden hatte. Erst nach und nach dämmerte es mir, dass mein im Affekt ausgespuckter Satz die perfekte Lösung für die Anspielungen oder direkten Fragen nach weiterem Nachwuchs war.

Falls Sie sich an diesem Satz bedienen wollen: Bitte gerne! Ich habe es für Sie getestet und erhebe kein Urheberrecht auf diese Antwortvariante. 😉

Da war Signorino noch klein und der Römer noch jung. 😉

Wie man in Frankfurt einen Kita-Platz findet

Es war Mitte Dezember, 2019. Signorino war wenige Stunden alt und schlief neben mir im Krankenhausbett. Ich registrierte ihn bei diversen Kitas im Umkreis, was in Frankfurt über die Onlineplattform „Kitanet“ geregelt wird. „Ha,“, dachte ich, „wer ist schon so genial und meldet sich am Tag der Geburt des Kindes an?“ Das Schicksal prustete vermutlich los, denn in einigen Städten melden sich Eltern bereits weit vor der Geburt ihres Nachwuchses an. Zum Glück ist das in Frankfurt nicht möglich.

Dann hielt ich ein Jahr die Füßchen still, denn schließlich waren wir online registriert. Zeitgleich begannen die ersten, zarten Stimmen im Bekanntenkreis, die sich im Verlauf des ersten Jahres zu einem stimmgewaltigen (und ziemlich nervigen) Orkan formierten. „Seid ihr verrückt? Ihr müsst bei den Kitas anrufen, Emails mit Ostergrüßen schicken, Kitas besichtigen! So findet ihr nie einen Platz.“ erklärte uns die überragende Mehrheit der Eltern. Nur ein einziger Vater, ein tiefenentspannter Mann um die 40, erklärte uns, dass er sich ebenfalls nur online registriert hatte, ruhig abwartete und kurz vor seinem Wunschtermin von einer Kita kontaktiert wurde. Ohne Ostergrüße, Besichtigungen und einer Zeremonie zu Ehren des Gottes der Kindertagesstätte. Unsere anderen Bekannten zweifelten diese Version stark an. Eine Mutter tat es unter einem lauten Wortschwall als „unwahrscheinlichen Einzelfall“ ab. Somit stand es bei den Elternaussagen 5 zu 1.

Die ersten, zarten Januartage dieses Jahres verbrachte ich damit, zu recherchieren wie man jetzt noch an einen Kita-Platz in Frankfurt kommen könnte. Auf der offiziellen Internetseite stand, dass man „Tage der offenen Tür“ wahrnehmen solle. Ich musste bei diesem Punkt erst einmal laut loslachen. Wir befanden uns mitten in einer Pandemie ungeahnten Ausmaßes. Wenn es momentan etwas in Kitas geben würde, dann waren das „Tage und Wochen der geschlossenen Tür“. Denn schließlich waren die meisten Eltern dazu angehalten, ihr Kind daheim zu betreuen und das bereits seit Monaten.

Ich klickte weiter durch die Internetseite und stolperte über einen anderen Punkt. Er hieß „Vergabe der Kita-Plätze“. Dort las ich, dass es nicht nach Anmeldezeitpunkt, sondern nach Sozialplan ginge. Mist! Meine erste Amtshandlung, nachdem Signorino wenige Stunden alt war, war also für die Katz. Aber natürlich ist diese Regel absolut richtig. Selbstredend sollte ein alleinerziehender Elternteil an erster Stelle bei der Vergabe der Kita-Plätze stehen.

Ich schloss die Seite und gab etwas in eine Suchmaschine ein. Daraufhin fand ich den sehr ambitionierten Blog einer Frankfurter Mutter von drei Kindern. Sie lobpreiste ihre große Erfahrung mit Kitas und der dazugehörigen Anmeldung bereits im Einleitungstext. Weiter im Artikel berichtete sie über einen genauen Schlachtplan und schilderte wie man sich einen Betreuungsplatz in Frankfurt verschaffen könne. Dazu gehörten Kitabesichtigungen im Säuglingsalter, regelmäßige Anrufe bei der Kita-Leitung und Emails mit Fotos des Kindes, um stets präsent zu sein. Damit habe sie bei allen drei Kindern einen herausragenden Erfolg verzeichnen können. Mir drehte sich der Magen um! Nein, das kann ich nicht. Nein, das bin ich nicht. Ich will keine Ostergrüße an Kitas mit Fotos meines Sohnes schicken. Ich klickte auf das kleine X im rechten, oberen Bildschirmrand und klappte den Laptop zu. Aus den Augen, aus dem Sinn.

So verstrichen die Monate bis mich irgendwann erneut die Panik packte. Zugegeben, sie packte mich, weil mich eine automatische Email der Kitaplattform zwölf Wochen vor dem gewünschten Starttermin erreichte. Dort standen erneut Tipps wie „Nutzen Sie unbedingt die Tage der offenen Tür“ oder „Nehmen Sie gerne bereits vorab Kontakt zu den Kitas auf“. Außerdem riet mir diese Email dazu, den Suchradius zu erhöhen und regelmäßig in der Restplatzbörse zu gucken. Als ersten Schritt informierte ich mich in der Restplatzbörse. Puh, alle freien Plätze lagen in den Vororten. Jeden Tag im Auto dreißig Minuten hin- und zurückzufahren im Berufsverkehr? Nein, danke! Dann meldete ich das Kind in anderen Stadtteilen an und schrieb in der Kommentarfunktion einer jeden Kita: „Gerne auch Halbtagesplatz, Mutter arbeitet ab Dezember wieder als Flugbegleiterin“. Am darauffolgenden Tag erzählte ich dem Römer äußerst aufgeregt vom Kita Dilemma. Die irrationale Panik hatte mittlerweile Regie in meinem Kopf übernommen. Mein Gatte war, wie es nicht anders zu erwarten war, sehr gelassen. „Si, si, non ti preoccupare. [Ja, ja, keine Sorge.]“ winkte er ab und lehnte sich mit dem Rücken gemütlich gegen die Stuhllehne, während er interessiert in einem sozialen Netzwerk surfte.

Klasse Tipp, danke auch. Ich war aber besorgt! Sehr sogar. Deswegen bat ich ihn inständig, mir das Kind an zumindest einem Vormittag abzunehmen, damit ich mich durch die Kitas telefonieren konnte. Er willigte ein und es passierte von beiden Seiten – nichts. Die Vormittage verstrichen meist viel zu schnell und mein Telefonvorhaben verschwand irgendwo zwischen der Wäsche, Aufräumen, Putzen, den Keller ausräumen und das Auto zum TÜV bringen. Unter matschigen Marmeladenbrotstückchen, die ich nach unserem sehr späten Frühstück gegen 11 Uhr vom Boden kratzte, geriet meine Telefonaktion vollends in Vergessenheit.

Ein paar Wochen später bäumte sich noch einmal meine Kita-Panik auf. Doch der Römer erstickte sie im Keim: „Amore, versuch‘ doch einfach den Sachen mit Gelassenheit zu begegnen. Es wird sich schon alles finden.“

Was hatte ich schon zu verlieren? Wenn ich keinen Kitaplatz zum Juni finden würde, dann vielleicht im Herbst und wenn es im Herbst nicht klappen sollte, dann vielleicht im Winter. Bis Februar 2022 hatte ich immerhin noch Resturlaub.

Nachdem ich nicht konsequent genug für meine eigene „Stress-Methode“ war und alles, was blieb, nur die ständige Anspannung war, entschied ich mich dazu, die römische Methode auszuprobieren. „Tranquilla. [in etwa: Nur mit der Ruhe.] säuselte der Römer, während wir meist schon im Auge des Stress-Sturms standen. „Andrà tutto bene.“ [Es wird alles gut.] schob er dann noch nach, lächelte und widmete sich wieder einer anderen Aufgabe. Gut, ganz so einfach machte ich es mir nicht. Ich wollte zwar gerne Gebrauch von der römischen Methode machen, brauchte aber, um mich vollends zu entspannen, einen Plan B. So bin ich gestrickt. Das kriege ich nicht aus meiner DNA. Zumindest eine grobe Aussicht wollte ich haben, falls alles in die Binsen ging. Denn „Abwarten und Tee trinken“ ist eine Sache, aber es wirklich so auszuleben wie vom Römer angedacht, ist eine komplett andere. Am zweiten Schritt der römischen Variante, „In letzter Sekunde improvisieren – und das mit größter Gelassenheit zelebrieren“, scheitere ich meistens kolossal. Bei mir brennen alle Sicherungen durch, wenn ich nicht in Ruhe Zeit habe, über die bestmöglichste Variante nachzudenken, so dass ich dann tatsächlich zu dem kopflosen Huhn werde, für das mich der Römer ab und an hält.

So dauerte es ein paar Tage bis ich die Zeit fand, mir einen Plan B zu überlegen: Sollte die römische Methode nicht klappen, werde ich 1.) ab November die deutsche Methode versuchen und alle Kitas abklappern/anrufen, 2.) notfalls meine Elternzeit verlängern müssen, um das Kind dann eventuell mit drei Jahren direkt in den Kindergarten zu schicken. Hier rechnete ich mir größere Chancen aus, da man Kinder erst ab 1,5 Jahren für den Kindergarten in Frankfurt registrieren kann. Das wäre immerhin noch nicht zu spät.

Als mein grober Schlachtplan stand, stieg ich in die römische Methode ein, was mir, als rastloser Mensch, recht schwer fiel. Ich wartete ab. Wann immer sich meine gestresste Agathe, die ökologisch-korrekte Nordendmutter mit dem Lastenfahrrad, meldete und mir eindringlich ins Gewissen redete, dass das doch irre sei, sich um überhaupt nichts zu kümmern, beschwichtigte ich sie mit den Worten, dass man das wie eine Meditation behandeln müsse. Dann zitierte ich noch eine Kalenderblattseite „Alles kommt zur Rechten Zeit in dein Leben. Du musst nur Geduld haben!“ Meine innere Agathe tobte. Passiv-aggressiv, versteht sich. Sonst sehr auf die angemessene, friedvolle Kommunikation vertrauend, rastete sie jetzt komplett aus: „Wir sind in FRANKFURT!! Du findest mit dieser Einstellung nie einen Kita-Platz. Bist du von allen guten Geistern verlassen? Als ob, ohne Vorstellung, ohne vorheriges Telefonat, ohne Email-Grüße von Signorino, dich IRGENDWER anrufen wird – außer vielleicht der psychosoziale Notdienst!“ Ich ignorierte sie, schließlich war ich jetzt zu einer fleischgewordenen, weiblichen Version des Römers geworden. Gelassen schlappte ich in die Küche und machte mir einen Espresso. Signorino nahm derweil das Wohnzimmer auseinander. Ich lächelte entspannt und legte mir noch einen Cantuccio auf den Espressountertassenrand. In aller Ruhe setzte ich mich an den Tisch, beobachtete Signorino wie er dreihundert verschiedene Bauklötzchen durch die Gegend warf, und rührte einen halben Löffel voll Zucker in die fast schwarze Flüssigkeit. Es fehlte nur noch, dass ich auf die Erdumdrehung vertraute, die den Zucker schon verrühren würde. Aber das fand selbst ich, die lockere Römerin, affig.

So verstrichen die Tage und Wochen. An einem Donnerstag Ende März waren wir am Flughafen, um nach Albanien zu fliegen. Genau an diesem Donnerstag rief Frau Det an. Das hörte ich allerdings nicht, was daran liegen mag, dass ich mit Signorino unzählige Runden am Flughafen drehte. Das stets laufende Kleinkind betrieb Gatehopping und wir sorgten für sehr gute Unterhaltung zwischen den wartenden Passagieren.

Als ich kurz vor Boarding auf mein Telefon blickte, erspähte ich zwei entgangene Anrufe. Frankfurter Nummern. Ich vermutete, es wäre mein Zahnarzt, der mir mitteilen wolle, dass die nächste, ungeliebte Prophylaxe anstünde. Vorsichtshalber googelte ich die Nummer. Die Suchmaschine teilte mir mit, dass die Telefonnummer einer Frankfurter Kita gehöre. Alles fiel mir aus dem Gesicht: Klappte die römische Variante etwa doch? Ich klickte auf die Kategorie „Anrufbeantworter“ und hörte ihn ab. Die Computerstimme schaltete sich ein: Heute, 9:37 Uhr, dann ging die Ansage über zu einer sympathischen Stimme: „Hallo Frau Farniente, hier ist Frau Det von der Kita. Wir hätten einen Platz für Signorino. Bitte rufen Sie bis 12:00 Uhr zurück, sonst muss ich den Platz anderweitig vergeben.“ Geschockt guckte ich auf die Uhr. Es war bereits 11:30 Uhr. Die Bodenmitarbeiter befanden sich in den letzten Zügen, um zeitig mit dem Boarding zu beginnen. Ich gab dem Römer, der mittlerweile mit dem rennenden Kleinkind beschäftigt war, zu verstehen, dass ich ein dringendes Telefonat führen müsse. Zwei Gates weiter fand ich eine ruhige Ecke. Irgendwo zwischen Herren- und Damentoilette, rief ich Frau Det zurück. Es tutete zweimal, dann hob sie ab. Eindeutig übernahm jetzt die ambitionierte, innere Agathe. Mein Redeschwall ergoss sich über Frau Det. Nachdem ich fertig geredet hatte, fragte sie höflich: „Sind Sie denn interessiert an dem Platz?“ In diesem Moment fragte ich mich, ob irgendein Elternteil jemals nein sagen würde. Überschwänglich bejahte ich und fügte hinzu, dass das einem 6er im Lotto nahekäme. Zumal ich mir weder die große Hafenrundfahrt gegönnt hatte, um Kitas zu besichtigen, noch jemals irgendwo angerufen hatte. Ich hab mich einfach im Online-System eingetragen und gewartet. Aber das wissen Sie ja bereits. Frau Det erklärt mir den Ablauf und sagte, dass ich mir am kommenden Donnerstag die Räumlichkeiten angucken könne. (Ich dachte für mich: Solange auf dem Kita-Hof keine Drogen verkauft oder gedealt würden, wäre jede Kita für mich Recht. Obwohl, wir befanden uns in Frankfurt. Selbst das könnte man in späteren Lebensläufen noch als Berufserfahrung im „Sales Department“ deklarieren. )

Ich bestätige den Termin. Donnerstag! Wunderbar. Im Hintergrund wurde Herr Ramirez lautstark in Deutsch, Englisch und Spanisch zu Gate Z22 gebeten, denn der Flug nach Cancun würde gleich den Boardingprozess beenden. Ich brüllte dagegen an und hoffte, dass mich Frau Det verstünde. Und das tat sie, denn sie fügte noch hinzu: „Kommen Sie mit Kind und medizinischer Maske!“ Klaro, das sollte ich hinkriegen. Notfalls würde ich auch im pinken Einhornkostüm mit Holzclogs kommen, wenn mir das einen Kita-Platz verschaffen würde.

Am darauffolgenden Donnerstag war es dann soweit. Wir besichtigten die Kita. Frau Det, eine überaus freundliche, herzliche Person, zeigte mir die Räumlichkeiten. Die zwei Erzieherinnen seiner zukünftigen Gruppe, waren ebenso anzutreffen. Zwei resolute, aber äußerst angenehme Damen, die aussahen, als würden sie bei keinem Trotzanfall der Welt mehr mit der Wimper zucken. Man zeigte mir außerdem den Balkon, die Außenanlage und die Wickelmöglichkeiten. Dann gingen wir ins Elterngesprächszimmer. Frau Det erklärte mir alles mit sanfter, ruhiger Stimme. Viele Ausflüge würde man in dieser Kita machen. Aber das fiel Corona leider zum Opfer. Man arrangiere sich, so gut es ginge, erklärte sie. Man sah Frau Det an, dass auch sie und ihr Team an dieser Situation deutlich zu knabbern hatten. Am Ende des Gesprächs, sagte Frau Det: „Überlegen Sie es sich gerne in Ruhe. Besprechen Sie es mit Ihrem Partner, ob Sie Ihren Sohn hier in die Kita geben wollen und melden Sie sich gerne morgen.“ Ich nickte und antwortete: „Frau Det? Darf ich auch gleich „Ja“ sagen? Ich habe so einen guten Eindruck, ich bin mir sicher, dass mein Mann damit einverstanden ist.“ Warum sollte er auch nicht einverstanden sein? Er hätte die Kita eh nicht besichtigen können aufgrund der Pandemie und musste auf mein Urteil vertrauen. Frau Det lachte bei meiner prompten Zusage. „Aber natürlich! Wunderbar. Wir freuen uns!“ Ich guckte auf Signorino. „Wir auch!“. Das Händeschütteln ließen wir aus. Corona.

Als Frau Det uns zehn Minuten später verabschiedete, ich Signorino anzog und wir aus dieser Hinterhofoase an die große Straße gespült wurden, musste ich grinsen. Verrückt! Die römische Methode funktionierte – und das ganz ohne Stress und Anstrengung.

Nun stand es bei den Elternaussagen immerhin 5 zu 2.

Ein katastrophal schöner Ausflug

Wir haben gestern einen sehr schönen Ausflug gemacht. Es war schrecklich!

Wobei der Ausflug an sich und die wundervolle Landschaft ganz besonders reizend waren. Nur wir, wir machten ihn zu einer Katastrophe. Alles fing mit einem leeren Scheibenwischer-Wischwasser-Tank an. Ich, als alleiniger und somit hauptverantwortlicher Fahrer, wollte und musste ihn, aus einem inneren Zwang heraus, unbedingt auffüllen. Der Römer, als lässiger Beifahrer, winkte ab. Wortwörtlich sagte er: „Maaa no! [Aaaber nein!] Wir schütten mit einer Plastikflasche etwas Wasser auf die Windschutzscheibe und das Problem ist gelöst.“ Seine südliche Gelassenheit traf auf meine starrsinnige Gewissenhaftigkeit, was dazu führte, dass sogleich mein fantasievolles, aber überängstliches Katastrophen-Center in meinem Kopf aktiviert wurde. „Und was machen wir, wenn ich das Wischwasser ADHOC brauche, weil ein anderer Verkehrsteilnehmer meine Windschutzscheibe plötzlich verdreckt? Ein Traktor zum Beispiel! Oder ein LKW?“ Der Römer lachte. Wann sei das denn jemals passiert, wollte er von mir wissen. Ich zählte ihm vier Szenarien in den letzten zwölf Jahren auf, wobei zwei davon geflunkert waren. „Andrà tutto bene! [Es wird alles gut gehen!] Können wir jetzt losfahren? Signorino ist schon ganz müde.“ bat er und zog sich die dunkle Lederjacke über. Doch ich rührte mich nicht vom Fleck. Entweder wir fahren mit Wischwasser, oder aber das Auto bewegt sich keinen Millimeter von seinem Parkplatz. Der Römer guckte genervt, aber bemerkte rasch, dass der Fahrer des Autos das Hoheitsrecht hatte. Er knickte ein und wir holten Wischwasser an der Tankstelle. Mit Hilfe einer Videoanleitung lernte ich, wie ich überhaupt die Motorhaube öffnen konnte. Seit wir ein Auto haben, also seit letztem September, war dieser Vorgang nie von Nöten. Auch das Scheibenwischwasser reichte bis Mai dieses Jahres. Doch irgendwann musste es wohl zur Neige gehen. Warum das allerdings ausgerechnet heute passieren musste, erschloss sich mir nicht wirklich.

In der Videoanleitung wurde mir vom schwäbisch sprechenden Manfred in der dunkelgrauen Latzhose, sehr freundlich und kompetent gezeigt, dass man den Tank für das Kühlwasser bloß nicht mit dem Wischwasser verwechseln sollte. Sein grauer Schnauzer bebte, als er mir diesen Hinweis gab. Er meinte es wohl ernst. Dann rückte er sich die große Brille mit dem Goldrand zurecht und guckte fürs Video noch einmal ganz genau, welcher Tank der Richtige war. Die Kamera zoomte erst an den falschen Tank. Ein großes, feuerrotes X erschien und das Video wurde mit einem dröhnenden Laut untermalt, als hätte man gerade gesicherte Ware aus dem Drogeriemarkt stehlen wollen. Dann fokussierte die Kamera auf den richtigen Tank. Ein leuchtend grüner Haken erschien. Manfred drehte sich um und hielt lächelnd seinen Daumen in die Kamera. Ja, das musste der richtige Tank sein.

Der Römer und ich standen vor der offenen Motorhaube, während Signorino durch den Innenhof tollte. Während ich noch Manfreds Tipps bewunderte, riss der Römer bereits die hellblaue Abdeckung vom Wischwassertank und setzte sofort an, die gekaufte Flüssigkeit einzufüllen. „Nein!!!!“ schrie ich, wollte ich doch noch einmal ganz sicher gehen, dass das auch wirklich der richtige Tank war. Schließlich hatte mich Manfred eindrücklich gewarnt! „Ma che?! [Aber was?!] Das ist ganz sicher der richtige Tank!“ plusterte sich der römische Gatte in seiner Lederjacke auf. Ich kontrollierte noch einmal, verglich das Video mit der Realität und gab die Erlaubnis zum Einfüllen. „Tel‘ho detto. [Ich hab‘s dir doch gesagt.]“ maulte der Römer und ich beschloss seinen Satz zu überhören. Dann fuhren wir los.

Mittlerweile darf der Römer auch wieder auf dem Beifahrersitz sitzen, denn das Kind ist groß genug, das es mit dem Kopf nach vorne gerichtet fahren darf. Das wiederum bedeutet, dass Signorino, der es hasste mit Blick nach hinten befördert zu werden, nicht mehr beim Autofahren weint. Dafür schreit er jetzt bei jeder Kurve begeistert „Wow!!!“. Ob das ein Lob ist, dass ich die Kurve noch gekriegt habe oder ein ironischer Kommentar, kann ich Ihnen nicht sagen. Da er charakterlich eher nach dem Römer kommt, liegt die Vermutung nahe, dass es letzteres ist. Dazu kommentiert er jedes Auto, das uns überholt, mit einem, diese Aktion hinterfragenden „Hmmm?!?“. Ein bisschen fühlt es sich mit den männlichen Farnientes so an, als würde ich in einer nie enden wollenden Fahrprüfung sitzen. Der Kleine ist dabei der Fahrprüfer, der im Fond sitzt, während der Große der Fahrlehrer ist, der jede kleinste Aktion seines Schülers (also mir!) sofort und umfassend kommentiert. Nur, dass mein römischer Fahrlehrer sein Leben lang Beifahrer war und äußerst selten am Steuer saß.

Wir befanden uns mittlerweile irgendwo zwischen Frankfurter Hauptwache und Frankfurter Hauptbahnhof. Blöderweise fiel unsere Abfahrtszeit in die Mittagsschläfchenzeit unseres Sprösslings. Statt wie gewohnt einfach einzuschlafen, beobachtete Signorino all meine fahrerischen Manöver. An schlafen war bei dieser aufregenden Fahrt nicht zu denken. Schließlich kutschiert Mutti nicht jeden Tag die ganze Bande durch Frankfurt.

Nach einer sehr lang erscheinenden Fahrt erreichten wir schlussendlich unser Ziel. Leider waren die Parkmöglichkeiten schon sehr ausgeschöpft. Eine etwas intensivere Suche im Straßengewirr Schwanheims, einem Stadtteil Frankfurts, später, fanden wir doch noch ein freies Fleckchen für unser Auto. Doch just in diesem Moment fing es an zu regnen. Dicke, schwere Tropfen prasselten gegen unser Schiebedach und die Scheiben. Signorino fing an zu motzen, weil er natürlich nach dieser Autofahrt und unter Inanspruchnahme seiner völligen Konzentration schrecklich müde war. Der Römer schlug genervt vor, sogleich wieder nach Hause zu fahren. No, no! [Nein, nein!] Das klart nicht mehr auf, da sei er sich sicher, sprach er, sehr von seinen meteorologischen Fähigkeiten überzeugt.

Ich wollte meinen Kopf gegen das Lenkrad schlagen. „Entschuldige, amore mio!“, erwiderte ich knurrend, „Aber ich fahre euch doch nicht durch die ganze Stadt, um dann beim kleinsten Schauer wieder heimzugurken.“ Der Römer schüttelte bedauernd den Kopf und klopfte gegen die Scheibe. Er sehe keine andere Möglichkeit, antwortete er traurig. Ganz schwarz sei der Himmel. Nein, da ist er sich sicher, das klart heute nicht mehr auf. Ich atmete tief durch, reichte eine Flasche Wasser an den quengelnden Ableger und bat den Römer, sich in den Fond zu seinem Ableger zu gesellen. Er wollte empört insistieren, doch meine Begründung kam derart aus der Pistole geschossen, dass er keine Möglichkeit dazu hatte. Ruhig erklärte ich ihm, dass Signorino sicher noch zehn Minuten durchhalten könne, wenn er ihm auf dem Handy das Kinderlied Aramsamsam vorspielen könne. Mürrisch machte der Römer die Beifahrertür auf und schlüpfte in einem Bruchteil einer Sekunde in die hintere Autotür. Da saßen sie, die zwei Farnientes, und guckten fröhliche Kinderliedervideos. Das vormals laute Prasseln der Tropfen wurde schon beim zweiten Lied schwächer.

Ich sah meine Chance gekommen! Rasch stieg ich aus, öffnete den Kofferraum und klappte den Kinderwagen auf. Dann teilte ich dem Römer durch den Kofferraum mit, dass er Signorino die Jacke anziehen könne. Leise murrend tat er wie ich ihm gesagt hatte. Dann stieg er aus. Ein dicker Tropfen traf seine gestylten Locken. Verärgert guckte er gen Himmel, dann zu mir. Nein, bei diesem Regen könne er keinen Spaziergang machen. Es würde nichts helfen. Wir MÜSSEN wieder heim. Ich schüttelte vehement den Kopf. Guck doch, es hat aufgehört zu regnen, wiederholte ich nochmals. Er blickte noch einmal übellaunig zum Himmel. Sehr weit südlich konnte man sogar einen Streif hellblauen Himmels erahnen. Wortlos packte er den quengelnden Signorino in seine olivfarbene Karosse. Als es wieder leicht anfing zu tröpfeln, installierte ich die Regenhülle des Kinderwagens. Signorino beschwerte sich. Der Römer, dessen Naturlocken anscheinend aus Zucker bestanden, flüchtete fluchend ins Auto. Ich machte mit der monströsen Regenhülle einfach weiter und konzentrierte mich auf meinen Atem, der immer gepresster wurde. Sobald das maulende Kind verstaut war unter seiner Regenfolie, spannte ich einen Schirm auf und brachte ihn an die römische Autotür. Dort konnte ich einen übellaunigen Römer mit verschränkten Armen erkennen. Trotzig starrte er nach vorne. Ich klopfte an die Scheibe und der Römer öffnete das Fenster einen Spalt breit. „Du willst unbedingt diesen Spaziergang machen, oder?“ knurrte er. Ich nickte und murmelte ein „Wenn wir schon einmal da sind…“ Er schnappte sich den Schirm, ich mir Signorino und wir stapften los. Ich bat den Römer, noch einmal auf seinem Mobiltelefon zu schauen, wie der genaue Weg zur Schwanheimer Düne lautete. Er guckte nach und fand – nichts. „Wie? Die Wegbeschreibung findest du hundertprozentig bei einer Suchmaschine!“ sprach ich und auch mein Ton wurde genervter. „No! Non c‘è. [Nein! Die gibt‘s nicht.]“ versicherte mir der Römer. Ich ließ mir das Handy zeigen. „SCHWANheimer Düne!! Nicht SCHWEINheimer Düne.“ korrigierte ich seine Eingabe und hielt ihm sein Telefon hin. „Ah, mi sembrava già un po‘ strano. [Ah, es erschien mir schon etwas komisch.] Ein Schwan scheint auch deutlich eleganter zu sein als ein Schwein. Aber man weiß ja nie – hier in Deutschland.“ Er lachte über seinen eigenen Scherz. Ich nicht.

Das Kind schrie mittlerweile richtig laut, weil es so übermüdet war. Der Römer kämpfte sich durch die Kinderwagenregenhülle und fischte Signorino aus dem Buggy. Dieser ließ sich dankbar herausnehmen und kuschelte sich an die Lederjacke seines Vaters. Ich fuhr derweil den Kinderwagen. Der Römer trug den müden Ableger. „Nie wieder!“ dachte ich. „Nie wieder mache ich mit euch beiden einen Ausflug.“ Signorino schlief während meinem Gedanken ein und der Römer bemerkte: „Das ist aber schön hier an der Schweinheimer Düne.“ Ich musste lachen. „Schwan!!! Schwanheimer Düne.“

Nach weiteren fünf Minuten legten wir den dösenden Signorino in den Buggy. Er verschlief den kompletten Ausflug. Immerhin tankten wir etwas frische Luft und erfreuten uns an der schönen Landschaft. Der Himmel zog auf, als wir durch die Natur spazierten, und die Sonne lachte vom Himmel. „Bella, questa gità! [Schön, dieser Ausflug!] Gut, dass wir nicht heimgefahren sind.“ stellte der Römer am Ende des Ausfluges fest. Ich nickte müde. Ja, hier an der Schweinheimer Düne ist‘s wirklich schön.

Aber nächstes Wochenende bleiben wir lieber daheim.

P.S. Nicht nur die Schwanheimer Düne ist ein Grund zur Freude, nein, auch mein letzter Teil der Albanienchroniken ist endlich fertig. 😃 Und ja, ich bin ein bisschen stolz, dass ich es endlich geschafft habe, den letzten Teil fertig zu stellen. Nachdem ich ihn lektoriert habe, wird er selbstverständlich veröffentlicht.

Pizzaphasen!

Pizzaphasen heißen sie, die Phasen, die bei uns kommen und gehen wie Ebbe und Flut. In Pizzaphasen kochen wir nicht. Nicht etwa, weil wir nicht wollen, nein, eher weil wir nicht können. Signorino ist in Pizzaphasen so anstrengend, dass wir ihn zu zweit mit Müh und Not bändigen können. Schlecht gelaunt, weinerlich, absetzen vom Arm ist ein Affront, der einem Weltuntergang gleicht.

In Pizzaphasen essen wir nicht nur Pizza, denn Abwechslung im Speiseplan ist wichtig und gesund. Wir essen auch Döner, Hühnchen, Burger, Thailändisch, Koreanisch, Georgisch, Schnitzel,… was unsere Nachbarschaft eben so hergibt.

Manchmal, wenn wir besonders müde und geschafft sind und nicht einmal mehr zur Dönerbude um die Ecke gehen können, dann tut es auch der mediterrane Mikrowellenreis, der mit mediterran so wenig gemeinsam hat wie der Römer mit einem kühlen Norweger. In Pizzaphasen scheint uns selbst eine pasta in bianco [Pasta mit Öl und Parmesan] unerreichbar wie eine momentane Übernachtung im Wellnesshotel.

Sie werden es schon an meiner detailverliebten Beschreibung erkannt haben: Wir sind wieder in einer Pizzaphase. Denn ein so großes Fachwissen gespickt mit Verzweiflung und Hoffnung auf ein Ende dieses Zeitabschnitts, gibt es nur in Pizzaphasen.

Zugegeben, der Name ist etwas irreführend, suchen wir doch meist nur noch Zuflucht und Zuspruch bei Reza, dem netten Besitzer des Dönerladens.

Er sieht uns schon weitem, wie wir müde mit dem endlich schlafenden Signorino die Straße entlang schlappen. Mein unordentlicher Dutt und des Römers wilde Lockenpracht manifestieren diesen Eindruck, sollten die dunklen Augenringe und der fahle Teint nicht ausreichen. Wir öffnen die große Glastüre und Reza schenkt uns ein Lächeln. „Zähne?“ ist das erste, was er sagt und wir nicken stumm.

„Vergeht. Schafft ihr.“ versucht er uns zu beruhigen und fängt an unsere Döner vorzubereiten, ohne dass wir auch nur ein Wörtchen sagen müssen wie wir sie gerne hätten. Er kennt uns – und wir ihn. Jemand, der fünf Kinder ganz allein mit seiner Frau groß gezogen hat, ohne jegliche Hilfe und unter schwersten Bedingungen, der kann in drei Wörtern ausdrücken, was andere nicht in breit angelegten Monologen schaffen.

Flink packt Reza uns noch 2 bis 4 Stücke Baklava ein. „Es muss immer eine gerade Zahl sein. In solchen Phasen kann die kleinste Unebenheit zur Explosion führen, wenn Eltern müde sind. Außerdem beruhigt die Süße des Baklavas und die Nüsse geben Kraft. Du kannst alles durchstehen mit genug Baklava – sogar fünf Kinder.“ Dann lacht Reza laut und steckt uns damit an. Signorino öffnet kurz seine Augen, schläft aber wie durch ein Wunder wieder ein.

Der Römer lehnt sich kraftlos an der Theke an. Reza klopft ihm aufmunternd auf die Schulter und lächelt wieder sein Reza Lächeln. Dann erklärt er: “Erstes Kind ist immer anstrengend. Wäre gut, wenn man mit zweitem Kind starten könnte. Aber beim zweiten Kind hat man das erste noch. Also wieder anstrengend. Aber 5. Kind ist gut. 1. und 2. Kind kann auf 5. Kind aufpassen.” Er grinst nun und packt unsere Döner feinsäuberlich in Alufolie ein. Wir lächeln und malen uns aus, wie es wohl mit fünf Kindern wäre. „Da pazzi! [Verrückt!] rutscht es dem Römer raus. “Soweit wird’s nicht kommen.” seufze ich geschafft und ziehe das Verdeck des Kinderwagens noch etwas weiter zu, damit Signorino ja nicht aufwacht. “Doch, doch. Ist Evolution. Kann man nicht aufhalten. Bist du mit dem Gröbsten durch bei Nummer 1, fehlt dir der Babygeruch, die kleinen Füße und Hände, das Kuscheln, Kiwikleiner Kopf mit Babyhaaren. Also machst du noch eins…und dann wieder eins. Und so weiter, und so weiter.” begründet Reza sehr überzeugend.

Nun lächelt der Römer müde. “Bist du guter Vater. Seh ich! Guckt dich Kind dauernd an, wenn mal wach. Ihr verbringt viel Zeit, oder?” fragt Reza den Römer. Der Römer nickt eifrig und grinst bei diesen schönen Reza-Sätzen wie ein Honigkuchenpferd.

Als wir zahlen wollen, macht uns Reza einen Elternpreis. “Kinder sind teuer und fressen einem alle Haare vom Kopf.“, er zeigt auf seine Halbglatze, „Frag mich!” sagt er zum Römer und schiebt ihm den Schein wieder über den Tresen. “Aber sie machen großen Spaß. Und bald werde ich Opa. Ist wie ElternPlus. Alle Vorteile, keine Nachteile. Freu ich mich schon sehr! Wird eine kleine Prinzessin.” Wir gucken ganz entzückt und der werdende Opa lächelt stolz.

Wir wünschen ihm alles Gute und er uns viele Nerven! „Tschüssi! Bis in zwei Wochen.“ verabschiedet Reza sich von uns und winkt. Er kennt uns. Denn Pizzaphasen kommen nicht selten, auch wenn sie von nun an Dönerphasen heißen sollte.

[Der Römer, der die Bedeutung des Namens Reza gegoogelt hat, ist ganz entzückt. Er bedeutet soviel wie „Zufriedenheit“ – und das passt wirklich sehr gut zu unserem Reza]

Ultimo Ratio: Badewanne!

Es ist Sonntag. Die Nacht war kurz – oder lassen Sie es mich präzisieren: für eine Minderheit der Familie war sie gar nicht erst existent.

Wenn Signorino schlief, schnarchte der Römer in einer unerhörten Lautstärke. Wenn der Römer leise schlummerte, wandelte Signorino halb wach im Bett umher, wollte meine Hand mal im Gesicht, dann wieder auf seiner Brust, dann gar nicht mehr. Er rollte sich, begab sich in die beliebte Position „der Seestern“ mit seinen Füßchen in meinem Gesicht oder lies sich schlafend auf mich plumpsen. Es war zum verrückt werden.

Indessen wartete der Römer selig schlafend auf seinen Einsatz um seinen Lautstärkeregler wieder hochzufahren. Die perfekte Bühne für seinen brummenden Auftritt bot sich natürlich nur, wenn das Kind endlich in die Schlafparalyse geglitten war.

Müde schlürfte ich am nächsten Morgen ins Bad. Signorino befand sich in Obhut des Römers. Mein Blick fiel auf die Badewanne. „Ob es jemand merken würde, wenn ich mir einfach ein Bett in der Badewanne bauen würde? Zwei Handtücher dienen als Kissen, der Bademantel als Decke und ich könnte eine weitere halbe Stunde unbemerkt schlummern. Zur Tarnung würde ich den Duschvorhang zuziehen. Der Römer würde beim Anblick des geschlossenen Vorhangs nur wieder denken, dass ich einen neuen Ordnungsfimmel habe und dann….“ Noch ehe ich mich den weiteren Details hingeben konnte, kratzte es leise an der Tür. Mangels Haustier konnte es nur bedeuten, dass Signorino dem Römer entwischt ist. Sein pädagogisch wertvolles Betreuungskonzept besteht unter anderem auch aus „Zeitung lesen“ oder „am Handy scrollen“. Ich seufzte und öffnete die Tür. Ein fröhlicher Signorino guckte mich grinsend an. Ich hob ihn hoch und brachte ihn zurück zum Römer.

„Dein Kind ist abgehauen.“ sagte ich und er blickte nur kurz von seinem Handy auf. „Ma lui giocava!! [Aber er spielte!!]“ gab er empört zurück, so als ob das zehn Monate alte Kind durch eine ausgeklügelte List ausgebüchst wäre. Ich nickte kurz und schlich in die Küche. Während ich darauf wartete, dass die Kaffeemaschine endlich aufheizen würde, fiel mein Blick auf die zwei großen Wäscheberge. „90 Grad – weiß“ und „40 Grad – bunt“ türmten sich in schwindelerregenden Höhen vor dem großen Haushaltsschrank. Wenn man die beiden zusammen schieben würde, dann würde das ein wunderbar kuscheliges Bett ergeben. Ob man mich hier suchen würde? Wahrscheinlich nicht. Wer vermutete schon eine erwachsene, nüchterne Frau eingekuschelt auf zwei Wäschebergen? „Ob ich es versuchen sollte?“ fragte ich mich, doch im selben Augenblick hörte ich den Römer aus dem Wohnzimmer schreien: „AAAAAMORE! Un po‘ di giaccio ed un caffé, per favore!“ [Schatz! Ein bissschen Eis und einen Espresso, bitte!]

Bei dem Blick aufs Thermometer erübrigte sich die Frage, ob er nur sehr umständlich einen Caffè Shakerato bei mir bestellen wollte. Ich brachte ihm eine kalte Kompresse aus dem Kühlschrank – eingewickelt in ein Küchenhandtuch und nahm den schluchzenden Signorino in Empfang. „Non lo so come ha fatto lui. [Ich weiß nicht wie er das gemacht hat.] Auf einmal dotzte er mit dem Kopf gegen die Couch und als ich dachte, dass er nun nicht weiter fallen könnte, dotzte er weiter mit dem Hinterkopf auf den Teppichboden. Ich habe nur einen Moment weggeschaut, da war es schon passiert.“ erklärte mir der Römer wild gestikulierend. Sein Handy, dass in seiner rechten Hand aufleuchtete und sein dazugehöriger, ellenlanger Kommentar auf einer sozialen Plattform lies mich das das Gegenteil vermuten. „Ma il caffé?!“ [Aber der Espresso?!] hakte der Römer nach. Meine Vergesslichkeit gegenüber seiner Espressobestellung schockierte ihn mehr als der Sturz seines Sohnes. Ich guckte ihn genervt an. „Prioritäten.“ murmelte ich und hielt die Kompresse vorsichtig an Signorinos Stirn. „Alles muss man hier selber machen.“ motzte der Römer und stiefelte theatralisch in die Küche.

Wenig später kam er mit zwei caffé zurück. „Entschuldige, es gab nur noch deca…[entkoffeinierten Espresso] – ma non fa nulla. [aber das macht ja nichts] Am Montag kaufe ich neuen Kaffee.“ säuselte er fröhlich. „….ma non fa nulla.“ [Aber das macht nichts.] wiederholte ich in meinen Gedanken und beschloss, dass es auch nichts machen würde, wenn ich heute alleine auf der Couch schlafen würde. Sollen sie doch gucken, wo sie bleiben.

Ich bereitete das restliche Frühstück zu und brachte es an den Tisch. Signorino zappelte aufgeregt in seinem Hochstuhl hin und her. Das erste Stück Marmeladenbrot erreichte ihn und er stieß ein erleichtertes „Mjam“ aus. Während ich ihn fütterte, mampfte der Römer angeregt seine italienischen Kekse und trank seinen Espresso mit allergrößter Muße. Als er damit fertig war, streckte und reckte er sich, guckte zu uns hinüber und stellte fest: „Visto che ci dura ancora un bel po‘, io mi ristraio ancora. [Da es bei euch anscheinend noch ein bisschen dauert, lege ich mich nochmals hin.] Ich hab heute Nacht so unruhig geschlafen.“ Noch eh ich empört antworten konnte, war er schon abgerauscht. Einzig seine Kekskrümel und seine leere Espressotasse zeugten von seinem Gastspiel am Frühstückstisch.

Ich schüttelte den Kopf – trank meinen italienischen Kaffee Hag und begann mit der Grundreinigung des Tisches, Signorinos, des Hochstuhls und der Glasvitrine hinter Signorino. Danach saugte ich Marmeladenbrot-Stücke ein und legte mich erschöpft auf den Teppichboden. Von links hörte ich ein heiteres „Da da“ und spürte eine winzige Hand, die sich auf meinem Brustkorb abstützte. Noch eh ich aufblicken konnte, versank eine andere Hand forsch in meiner Magengrube. „Signorino. Au! Nein!“ presste ich hervor, da spürte ich schon ein Knie in einer meiner Rippen. „Nein. Nein. Nein.“ wiederholte das Kind. „Ich bin ein lebendes Klettergerüst. Na toll!“ dachte ich und verfluchte den Römer, der sicher schon schlummernd im warmen Bett lag.

Nach weiteren 40 Minuten erschien der feine Herr Farniente gut gelaunt mit einem „Ci voleva“ [Das habe ich jetzt gebraucht] auf den Lippen. „Alles gut bei dir?“ fragte er, als er mich auf dem Rücken liegend mit dem auf mir herumturnenden Signorino sah.

„Ich bin müde, habe heute Nacht nicht geschlafen. Meine Augen fallen zu und Signorino klettert seit 40 Minuten auf mir herum. Gleichzeitig habe ich keinerlei Kraft mich zu bewegen. Jede Zelle meines Körpers ächzt nach Schlaf und du legst dich hin und döst! Ich will keinen entkoffeinierten Kaffee, keine Wäscheberge, keinen Kompressendienst am Kind. Ich will einfach nur in der Badewanne schlafen ohne das jemand an der Tür kratzt. Ist das denn zu viel verlangt?“ ergoß sich mein Jammerschwall auf den verstrubelten Römer. „Amore, dann sag doch was! Ma sto io col bambino [Aber ich kann doch beim Kind sein]. Leg dich hin – solange du willst.“ redete der Römer beruhigend auf mich ein und half mir hoch. „Brauchst du noch ein zweites Kissen? Ohrenstöpsel? Eine Wärmflasche?“ sorgte er sich um mich – oder wohl eher um mein geistiges Wohlbefinden. „Nein, danke.“ antwortete ich weinerlich und schleppte mich mit letzter Kraft ins Bett.

Nach wunderbaren drei Stunden Schlaf kehrte ich erholt und mental geordnet zurück. „Das war zauberhaft.“ schwärmte ich und lächelte sanft. „Nein. Nein. Nein.“ begrüßte mich Signorino lachend. „Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht. Ich war wirklich besorgt als du gesagt hast, dass du in der Badewanne schlafen willst. Da wusste ich: adesso basta! [Jetzt reicht’s] Lei deve dormire. [Sie muss schlafen] Aber…sag mal, hattest du das wirklich ernst gemeint mit der Badewanne?“ wollte er neugierig wissen.

„Ach nein, nein. Das wäre ja verrückt!“, entkräftete ich meine vorherige Aussage, „Ich war wohl sehr müde.“

Dem Römer genügte diese Antwort und er erklärte mir irgendetwas Zusammenhangloses über die Autobahnbezifferung in Deutschland.*

Einen Teufel werde ich tun und ihm meine „ultimo ratio“ im Kampf gegen den Schlaf verraten. Sollen sie mich doch überall suchen – friedlich in der Badewanne schlummernd vermuten sie mich garantiert nicht.

[*Der Römer meint, es könnte Sie auch interessieren, deswegen hier für Sie vom Römer: Eine ungerade Nummer tragen alle Autobahnen in Deutschland, die in Nord-Süd-Richtung führen (beispielsweise die A1); gerade Nummern bekommen alle, die in West-Ost-Richtung verlaufen (etwa die A 4).]

Si – am Arsc*

Bitte tun Sie mir den Gefallen und verurteilen Sie mich nicht auch noch. Ich fühle mich schon von ganz allein vom Schicksal betrogen. Wie ich nur ein Jahr später auf dem Boden herumkrieche und mit einem Tischstaubsauger glutenfreie Bio Maisstangen und Demeter zertifizierte Reiswaffeln mit Apfel-Mango Pulver einsauge, schäme ich mich über meine oft gehässigen Kommentare über die weit verbreitete Helikopter-Elternstaffel.

Wissen Sie, man macht sich so lange über Eltern lustig bis man selbst Kinder hat. Dann lacht sich das Schicksal ins Fäustchen und guckt mit einer großen Tüte Popcorn zu wie man so wird wie „die anderen“.

Plötzlich unterhält man sich über die Farbe und Beschaffenheit des Baby Stuhlgangs – während man isst. Man backt zuckerfreie Waffeln auf Bananenbasis (gar nicht mal so schlecht!) und jedes mal, wenn man in seinem chemie- und schadstofffreien Universum hockt und selbst gekochte Gemüsebällchen vom TÜV zertifizierten Babyhochstuhl schrubbt, steht der Römer hinter einem und sagt Schokolade kauend: „Als ob deine und meine Eltern so viel Aufwand betrieben hätten wie du! Bei all den Kindern wäre das auch gar nicht gegangen. Abgesehen davon hätte meine Mutter auch gar keine Zeit gehabt für solche Spielereien. Abbiamo mangiato la pappa – e basta. [Wir haben Brei gegessen – und das war’s] Wer den nicht wollte, der hat Pech gehabt. Irgendwann isst das Kind schon, wenn es Hunger hat.“

Ich blicke vom Boden auf, nachdem ich die Jagd nach dem letzten Krümel beendet habe und lasse den Staubsauger aufheulen. Das sollte Antwort genug sein. Doch der Römer verstand meine Drohung nicht.

Veramente, amore! [Wirklich, Schatz!] Wir sind so übervorsichtig. È assurdo! [Das ist absurd] Wir sollten uns einfach mal entspannen. Ganz besonders du, elicottera. [Helikopterfrau]“ setzt er seinen unerwünschten Monolog fort.

„Ok. Danke.“ antworte ich knapp und überprüfe nochmal, ob das Babyphone auch wirklich an ist.

„Zum Beispiel auch mit diesem Babyphone in unserer kleinen Wohnung. Sowas gab es bei uns gar nicht. Irgendeiner hat mich dann schon gehört, wenn ich laut genug geschrien habe. Wir versklaven uns für Signorino. O in altre parole: è troppo! [Oder mit anderen Worten: Es ist zu viel!]“ erklärt er – immer noch Schokolade kauend.

„Hm…“ gebe ich zurück. Durch das ständige Hinterherrennen und Verbote aussprechen an Signorino habe ich keine Energie mehr mich zu langen und breiten Diskussionen hinreißen zu lassen.

„Nein….Nein…Nein…Nein…Nein….Da…Da.“ tönt es aus dem Babyphone. Signorino ist wach. „Ah siehst du! Un’altra cosa! [Eine andere Sache!] Das erste Wort unseres Kindes ist nein, weil es das den ganzen Tag von dir hört. Vielleicht solltest du deine Sätze etwas positiver formulieren.“ kommentiert der Römer weiter und isst schlussendlich das letzte Stück Schokolade der Packung. Er knüllt das bunte Papier zusammen und versucht es in den Mülleimer zu werfen. Es gelingt ihm und er ruft laut jubelnd: „Siiiiiii!“

„Si am Arsch.“ murmle ich und gehe – genervt von seinen Ratschlägen – zu Signorino um ihn aus dem Bettchen zu befreien.

„Scusa? [Entschuldige?]“ fragt der Römer, doch ich war bereits im Schlafzimmer und auf meinem Erziehungsratgeber Ohr taub.

Später, am Nachmittag, gehen wir einkaufen, nachdem wir den Spaziergang mit Signorino beendet haben. Angekommen im großen Supermarkt begutachte ich das Gemüse. Ich greife nach einer Avocado und der Römer fragt mich, ob diese für Signorino sei. „Ja, ist im Angebot.“ gebe ich in den Einkauf vertieft zurück.

„BIST DU VERRÜCKT?!?!“ überschlägt sich seine Stimme. Ich gucke ihn irritiert an. „Die ist doch gar nicht BIO?!?!“ spricht’s, nimmt sie mir aus der Hand und legt sie zurück. „Damit kann gerne eine andere Mutter ihr Kind vergiften, aber nicht du. Du bringst den kleinen Kerl noch um.“ sagt er und fährt mit Signorino im Buggy schnurstracks in die Bio Abteilung. Dort zieht er sein selbst mitgebrachtes Obstnetz aus Bio-Baumwolle aus der Jackentasche und füllt unter allergrößtem Argwohn gegenüber den anderen Gemüsesorten eine Avocado ein. „Seit wann hast du ein eigenes Obstnetz?“ frage ich entgeistert. „Ach das….“ sagt er und denkt, ich würde nicht weiter nachhaken. Aber nicht mit mir, mein Freund! Nach einigen Sekunden des sinnfreien Herumstotterns, platzt es aus ihm heraus: „Ich bin einfach kein Fan davon, wenn das Gemüse meines Sohnes mit Plastik in Berührung kommt. È troppo pericoloso.[Das ist viel zu gefährlich] Da habe ich kein gutes Gefühl dabei. Wenn wir schon nicht regional kaufen, dann wenigstens bio!“

Ich grinse nur und sage: „Also mit diesem Obstnetz für unseren Sohn… Das hätte es früher bei uns nicht gegeben. Deine Mutter hätte das sicher nicht mitgemacht bei euch Kindern und -bei aller Liebe- wir sind so übervorsichtig, das ist doch ABSURD! Assurdo!! Wo wäre sie denn da hingekommen, wenn jeder ein eigenes Obstnetz gehabt hätte? Und BIO!!! Also nein, wir versklaven uns doch für unseren Sohn. Du solltest dich mal entspannen. Einfach mal alles ein bisschen sportlicher sehen. Und vielleicht solltest du auch einmal positiver auf andere Gemüsesorten und Anbauweisen herangehen. Du bist in letzter Zeit so negativ.“

Er funkelt mich an und setzt seinen Einkauf fort. Wir sprechen kein Wort, nur Signorino tönt „Nein, nein, nein, da, da, da.“ durch die Gänge.

„Zahlst du oder zahl ich, elicottero?“ frage ich ihn provozierend an der Kasse. Er rümpft nur seine Nase und holt seinen Geldbeutel heraus. „Und die Treuekarte nicht vergessen! Diese Woche gibt es achtfach Punkte.“ flöte ich. Er verdreht genervt die Augen und verstaut eine Packung Bio Maiswaffeln – demeter zertifiziert.

Daheim angekommen ruft er in Albanien an. Erstaunlich oft hört man das Wort „bio“ aus seinem Mund und dem Mund seiner Mutter. Als er auflegt, kommt er triumphierend auf mich zu: „Ha! Vedi! [Siehst du!] Alles war bio!“ Fragend blicke ich von Signorinos angekauten Bauklötzchen auf. „Ich habe gerade mit meiner Mutter telefoniert und alles war bio. Nur Obst und Gemüse aus eigenem Anbau bekam ich damals. Alles war frisch geerntet aus Omas Garten.“ erklärt er. „Aha. Na dann.“ gebe ich wenig interessiert zurück. „Ich wollte es dir nur sagen, weil du mich elicottero genannt hast. Und das bin ich nicht.“ weist er mich auf mein „Vergehen“ hin.

Ich lege einen Holzwürfel zur Seite, hole tief Luft und erkläre dann: „Schatz, nun sind wir doch mal ehrlich: Wir sind beide elicotteri – aus dem einfachen Grund, weil Signorino unser erstes und einziges Kind ist. Wir haben keinerlei Erfahrung und wollen alles perfekt machen. Hätten wir hier noch zwei andere Kinder herumhüpfen, wäre die Zeit auch deutlicher knapper um sich über solche Details Gedanken zu machen. Einigen wir uns einfach darauf, dass jeder von uns – auf unterschiedliche Art und Weise – ein elicottero ist.“

Va bene! [In Ordnung] Aber du etwas mehr.“ merkt er an. Wir müssen beide lachen. „Wenn du dich damit besser fühlst: sehr gerne!“ stimme ich zu.