Elda geht ins Ausland!

[Der erste Teil ist hier zu finden….]

„Und? Was kam raus?“ belagerte Elda den Römer. Ihre Stimme überschlug sich förmlich. „Er überlegt sich’s. Das war das Beste, was ich rausschlagen konnte.“ antwortete der Römer wahrheitsgemäß. Sie legte ihr Köpfchen mit den dunklen Locken schräg. Ihre Augen guckten nach oben. Ihren Mund verzog sie zu einem Schnütchen. Spätestens hier wusste man, warum Besnik wollte, dass seine adrette Tochter nicht ins Ausland geht.

„Na ja, aber er hat nicht jo [nein] gesagt.“ bemerkte sie. „Auch nicht po [ja], aber eben auch nicht jo [nein]!“

Der Römer musste lachen. „Wenn er etwas absolut nicht will, dann sagt er sofort nein. Du kennst ihn! Und dann ist auch nichts daran zu rütteln. Aber er sagte, er überlegt sich’s. Das ist ein gutes Zeichen. Ich werde warten bis er bereit ist. Du bist Besniks einzige Tochter. Er braucht Zeit sich an den Gedanken zu gewöhnen.“ erklärte der Römer ruhig.

Drei quälend lange Tage für Elda gingen ins Land. Sie versuchte sich abzulenken, aber man merkte ganz genau: Sie war nicht bei der Sache. Ihre Mutter vermutete, dass sie verliebt sei. In gewisser Weise stimmte das auch: Sie war verliebt in den Gedanken ins Ausland zu gehen. Womöglich nach Übersee? Singapur? Oder gar London? Sie wischte den Gedanken weg. „Bloß keine Hoffnungen machen!“ befahl sie sich. Nicht, dass sie wieder im öden Tirana fest saß. Das monotone „biep“ der Kasse, immer wenn sie einen Artikel über den Scanner zog, machte sie in diesen Tagen besonders aggressiv. Klar, es ist der Supermarkt ihres Vaters, wo sie aushalf, wann immer es ging. Aber das konnte doch wohl kaum ihr Leben sein? Sie hatte Wirtschaft studiert. Sie hatte einen Bachelor. Sie wollte raus! Raus aus Albanien. So wie die meisten ihrer Verwandten: Die Zogus haben’s gut, die sind damals nach Amerika. Die Muratis in die Schweiz. Die Xhiajs, Lilas und Kastratis sind alle gesammelt nach Italien. Nur sie, sie war gefangen in Albanien.

Nach drei Tagen klingelte das Telefon des Römers. Besnik stand in großen Lettern auf dem Display. „Alo?“ unterbrach die Stimme des Römers das Klingeln des Telefons. „Po…. Po…Po… Ciao. [Ja….Ja…Ja… Tschüss]“

„Amore mio, was hältst du davon, wenn wir heute bei Besnik essen?“ fragte er mich – pro forma. Dass das Abendessen schon längst beschlossen war, war selbst mir klar. „Kein Problem.“ gab ich grinsend zurück. „Es geht ja schließlich um Elda und ihre Zukunft.“ Der Römer musste lachen: „Esatto!“ [Genau] sagte er.

Um 20 Uhr traten wir in Besniks neugebautem Haus ein. Wir kannten es noch nicht und er führte uns stolz herum. „Hier ist die Etage von Toni [seinem Sohn] und seiner Frau.“ zeigte er uns. Wunderschön war diese. Die Innenarchitekten hatten ganze Arbeit geleistet. „Das hier ist unsere Etage. Flora [die Schwester des Römers und die Frau von Besnik] hat sich etwas florales gewünscht.“ erklärte er uns. Eine geschmackvolle Blümchentapete zierte die große Wand hinter dem gemeinsamen Ehebett. Überall waren florale Elemente eingearbeitet. Es sah bezaubernd aus. Verspielt, aber nicht zu kitschig. Wir nahmen den Lift um noch eine Etage höher zu gelangen. „Und hier ist…“ er stockte. „Eldas Zimmer…also ihre Etage…also falls sie uns mal besuchen kommt.“ Man sah ihm an, dass ihn sein eigener Satz mitten ins Herz traf. Der Römer und ich guckten verwirrt. „…Falls sie uns mal besuchen kommt.“ hallte es in unseren Köpfen nach.

„Wie? Falls?“ nutzte der Römer die Gunst der Stunde um gleich zu fragen was Sache ist. „Ich habe darüber nachgedacht. Als Vater habe ich eine gewisse Verpflichtung meiner Tochter gegenüber. Bei ihrer Geburt habe ich mir geschworen, dass sie die allerbeste Ausbildung genießen soll, die es gibt. Also ist es wohl an der Zeit, meine eigenen Interessen hinten anzustellen. Sie soll im Ausland studieren.“ erklärte er mit traurigem Blick.

„Das ist ja ganz fantastisch!“ gab der Römer zurück. „Du wirst sehen, dass es absolut die richtige Entscheidung war.“

„Wer studiert im Ausland?“ hörte man eine Stimme aus dem Off. Elda!

„Du!“ antwortete der Römer noch vor Besnik. Sie flippte aus vor Freude. Stürmisch umarmte sie ihren Vater Besnik, ihre Mutter Flora, den Römer und mich. „Ich kann es gar nicht glauben!! Papa!!! Danke!!!“ Ihre Augen schäumten über vor Freude. Flora freute sich für ihre Tochter, doch gleichzeitig liefen ihr dicke Tränen über die Wange. Ihr kleines Mädchen… ins Ausland? Wann war sie denn so schnell groß geworden?

Besnik erhob das Wort: „Es gibt jedoch eine Bedingung!“

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Elda geht ins Ausland?

Des Römers liebste Nichte, Elda, beschloss, dass es nun an der Zeit ist, die erste, in Albanien groß gewordene Frau in der Familie zu sein, die allein im Ausland studierte. Ihren Bachelorabschluss hatte sie schon in der Tasche – jetzt war der Zeitpunkt gekommen, den Master zu machen.

Sie brachte die Idee zuerst beim Römer hervor. Ihren Onkel zu überzeugen, war nicht gerade schwer. Aufgewachsen in Rom, war er Feuer und Flamme, dass seine „kleine“ 22jährige Nichte im Ausland studieren sollte. Am Ende des Gesprächs presste sie ihre Lippen aufeinander und sagte: „Sag mal, dajë (Onkel – mütterlicherseits), könntest du es meinem Vater sagen?“ Sie guckte ihn mit großen, Adria blauen Augen an. Er lachte. „Ja, ich kann’s versuchen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dein Vater seine einzige Tochter ins Ausland gehen lässt zum studieren…also… puh…die ist gering.“ antwortete er wahrheitsgemäß.

Am nächsten Tag traf er sich mit Besnik, Eldas Vater. Bei einem Espresso saß man in Besniks Bar und unterhielt sich. Ganz vorsichtig schnitt der Römer das Thema an. „Sag mal, Besnik, Elda sollte ihren Master machen. Ein Bachelor allein bringt ihr ja nun nichts.“ Besnik nickte. Ihm war die erstklassige Ausbildung seiner Tochter sehr wichtig. „Aber an der Universität von Tirana… du weißt ja wie es ist! Man bekommt nur die besten Posten, wenn man zufällig die Tochter des Dekans ist. Für die anderen bleiben auch nach einem Masterstudiengang wenig Perspektiven übrig.“ Besnik runzelte die Stirn, musste aber zustimmen. „Im Ausland wäre das anders. Dort hätte man mehr Möglichkeiten. Gerade wenn es um ihren Studiengang, Wirtschaft, geht. Und guck mal, wie sich das in einem Lebenslauf macht, wenn deine Tochter im Ausland studiert hat. Das wäre eine ganz andere Qualifikation. Du legst doch immer soviel Wert auf eine angemessene Ausbildung. Das wäre ihre Chance!“

Besnik starrte dem Römer lange in die Augen. Ich, als stiller Beisitzer, dachte nur: „Entweder er wirft jetzt den Tisch um und zieht wutentbrannt ab oder er fängt an zu weinen. Da sich letzteres als albanischer Mann nicht schickt, wird es wohl ersteres werden.“

Es kam nur ein Laut aus Besniks Mund: „Hm!“ Ja, man kann „Hm!“ mit einem empörten Ausrufezeichen am Ende intonieren. Es war auch kein grübelndes „Hmmm…“, vielmehr ein „Hm!“ das diesen abstrusen Gedanken wegzuwischen versuchte. Seine einzige Tochter! Im Ausland! Womöglich noch allein! Und überhaupt: Was sollen die Leute denken? Er schickt doch seine Tochter nicht ins Ausland. Nein, nein! Das kommt nicht in Frage! Das alles lag in seinem „Hm!“. Und seinem Blick. Durchdringende, braune Augen, die gar nicht mehr so warm lächelten wie sie es sonst immer tun.

Doch der Römer wäre nicht der Römer, wenn er hier aufgeben würde. „Erinnerst du dich noch als ich klein war und du meine Schwester getroffen hast? Ihr habt mich als Alibi benutzt, dass ihr euch heimlich sehen könnt. All die Jahre habe ich dieses Geheimnis für mich behalten. 35 lange, lange Jahre…. Niemand weiß davon. Vielleicht solltest du dir das mit Elda nochmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.“ Oha. Der Römer griff zu einer richtigen Granate. Der Kampf ist eröffnet, dachte ich nur.

Besnik starrte ihn an. Schockiert. Klar, er war seit 30 Jahren mit der Schwester der Römers verheiratet, sie hatten zwei Kinder, doch wäre es unschön, wenn seine hochgeschätzten Schwiegereltern das nun herausfinden würden. Was würden sie von ihm denken? Von ihrer Tochter?

„Ich überleg’s mir….“ sagte er. „Sprich mich in zwei, drei Tagen nochmal darauf an. Aber währenddessen behältst du Stillschweigen. Über alles! Besonders über deine verrückte Idee und diese Geschichte von damals!“

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This is no dobre-dan-country

Sie sind stolz auf ihre Sprache, keine Frage. Über 7,6 Millionen Menschen sprechen Albanisch. Dieser erlesene Kreis von Albanisch Sprechern macht die Sprache wahrscheinlich so besonders.

Und das ist sie auch: ein ganz eigener Zweig der indogermanischen Sprachen gehört der albanische Sprache. Gelispelte Laute wie th und dh (und ja, da gibt es Unterschiede), gj das bei mir Krämpfe in der Zunge auslöst, ll-Laute, die zu Atemnot führen und ë das eigentlich eher ein ö ist, machen diese Sprache schwierig. Und von grammatikalischen Konstrukten möchte ich gar nicht erst anfangen. Deswegen beschränkt sich meine Konversation auch auf „Danke, gut! Und dir?“ und den üblichen Tageszeit abhängigen Grüßen.

Miremengjes oder Guten Morgen hätte man wohl im letzten Juli gesagt, so früh ging unser Flug nach Tirana. Es stand mal wieder eine Hochzeit an. Diesmal heiratete Toni, der Neffe vom Römer. Mit seinen 25 Jahren war er spät dran (für albanische Verhältnisse), aber was lange (höhö) wärt, wird endlich gut.

Wie manche meiner werten Leser wissen, arbeite ich bei einer deutschen Fluggesellschaft. Das bringt viele Vorteile mit sich, z.B. vergünstigte Flüge, FALLS (und hier kommt der Haken) noch Plätze frei sind. Nun, im Juli waren wenige Plätze frei. Um nicht zu sagen keine. Als wir online eingecheckt haben, schaute ich noch einmal nach den Passagier-Zahlen. Wenn wir nicht auf den Tragflächen mitfliegen wollten, dann wäre es eine glückliche Fügung wenn in letzter Minute ein (oder besser zwei) vollzahlende Passagiere ihren Flug verpassen würden oder aber stornieren.

Am Gate angekommen, drängte sich eine Menschentraube von reisewütigen Albanern. Juli. Ferienzeit. Jeder unbequeme, aber doch so moderne Sitzplatz in der Wartehalle war besetzt. Das sah nicht gut aus.

Als Mitarbeiter hat man die Möglichkeit einen „Jump Seat“ anzufragen. Dafür muss man sich in eine Liste eintragen und der Kapitän entscheidet, je nach ermessen, Auslastung und Gewichtsverteilung des Flugzeugs, ob er das genehmigen kann oder nicht.

Ich nahm meinen Mut zusammen und tigerte zu den Gate-Kollegen, die fleißig in ihrem PC rumhakten und schon äußerst gestresst wirkten. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf: „Einen wunderschönen guten Morgen!“ fing ich an. Die Kollegin blickte kurz auf. Lächelte. Das war ein gutes Zeichen. „Ganz schön viel Stress für euch heute, was?“ setzte ich fort. Erst einmal Mitgefühl zeigen. Dann mit der Bombe ins Haus fallen. „Ich bin Kollegin.“ machte ich mutig weiter. Nun wurde ich von oben bis unten gemustert. „Und ich wollte ganz lieb fragen, ob wir uns auf die Jump Liste setzen dürfen?“

Die Kollegin guckte verwundert. „Auf die Jump Liste? Der Flug geht nach Tirana!!“ gab sie irritiert zurück. „Ja, genau da wollen wir hin.“ Ich zeigte auf den Römer. „Sein Bruder heiratet.“ Ich lächelte. Naja, Bruder, Neffe, in diesem Moment nehme ich es mit der Wahrheit nicht so genau. „Ach, das ist ja schön.“ gab die Kollegin zurück und schob mir die Liste zu. „Einmal bitte alle Details eintragen. Ihr fliegt beide bei uns, oder?“ fragte sie lächelnd. „Ich ja, der Römer nur privat. Aber er ist Jump erfahren.“ Das letzte Detail dieses Satzes stimmte nicht, aber die Kollegen haben wohl kaum Lust jemand absolut unerfahrenen zu erklären, was er im Notfall zu tun hat. „Ach super. Ich ruf schon mal den Kapitän an. Ihr könnt Platz nehmen oder euch einen Kaffee holen. Das wird ein bisschen dauern.“ erklärte uns die Kollegin.

Der Römer hörte nur das Wort caffé und war Feuer und Flamme, die Anweisung der Kollegin zu befolgen. Nach einem Espresso später, zurück am Gate, mittlerweile mit einem wachen Römer, waren so gut wie alle Gäste eingestiegen. Wir warteten. Nachdem kein Gast mehr anstand und der, wie es schien, letzte Bus zum Flugzeug abgefahren war, wurden wir aufgerufen.

„Aaaaalso, ihr Süßen“, begann die mittlerweile sichtlich entspannte Kollegin, „für den jungen Mann haben wir einen Sitzplatz. Sogar einen Fensterplatz. Also ganz klasse! Für dich“, sie guckte nun mich an, „haben wir einen Jump Seat. Im Cockpit. Deinen Mitgliedsausweis hast du dabei?“ fragte sie. „Klar, der ist hier.“ antwortete ich und zeigte ihn vor. „Na super, dann bestell ich euch einen Bus und euch zwei Hübschen eine tolle, tolle Hochzeitsfeier in Dingens…ääh…Tirana.“ wünschte sie uns. Wir bedankten uns überschwänglich und gingen zum Bus.

Im Flugzeug angekommen bedankte ich mich bei der diensthabenden Crew für den Jump Seat. Im Cockpit wurde mir mein Sitz umgeklappt, ich zurrte mich fest und wir hielten einen sehr langen (1:30h) Smalltalk.

Ich bekam auch Kopfhörer um mitzuhören, was der Co-Pilot Stefan mit der Flugsicherung besprach. Wir flogen über Österreich, der Co-Pilot begrüßte die österreichische Flugsicherung mit einem herzlichen „Servus, Airline XY 123…„. In Kroatien angekommen begrüßte er die Flugsicherung mit einem freundlichen dobre dan – nicht ganz korrekt, aber man Verstand und schätzte den Gruß. Generell bleibt zu sagen, dass viele Piloten, die für’s Funken zuständig sind, gerne als Wertschätzung den landestypischen Gruß beim ersten Kontakt mit der neuen Flugsicherung benutzen. Also Buongiorno in Italien und Buenas dias in Spanien, usw..

Als wir dann in den albanischen Luftraum eintraten, begann der Co-Pilot wieder mit einem äußerst freundlichen dobre dan, gefolgt von unserer Flugnummer.

Ich guckte gespannt, wusste ich doch, dass dobre dan nicht nur der falsche Gruß ist, sondern auch noch, je nach Gesprächspartner, nicht gerade freundlich aufgenommen wird. Fünf quälende Sekunden passierte nichts. Als der Co-Pilot wieder anfangen wollte mit dobre dan kam eine Antwort von der albanischen Flugsicherung. Erst war nur ein Räuspern zu hören. Dann ein Schlucken und dann kam mit tiefer, ernster, akzentreicher Stimme: „Sir, this is no dobre-dan-country!!!“ Ich lachte Tränen. Stefan war sichtlich rot geworden und stammelte „Ääääh…ähhh….I mean, good morning….anyway… Airline XY 123…“ Und das Gespräch ging weiter.

Als er eine kurze Funkpause hatte, stammelte er: „Ich dachte, ganz Osteuropa sagt dobre dan oder zumindest etwas in der Art.“ Ich lachte. „Alle – bis auf Albanien. Sie sprechen keine slawische Sprache und deswegen sind sie no dobre-dan-country.“ antwortete ich. „Mensch, voll in die Nesseln gesetzt. Wie mach ich das wieder gut? Er scheint ja sehr nüchtern zu sein.“ gab Stefan zurück. „Sag doch beim Verabschieden einfach „Danke, Auf Wiedersehen“ auf Albanisch.“ wendete ich ein. „Okay, schreib mir das mal hier auf den Block. Das hört sich gut an. Wir müssen ja schließlich wieder zurückfliegen. Und bei meinem Glück wird es keinen Schichtwechsel geben.“ sagte der Co.

Ich notierte ihm „Faleminderit. Mirupafshim.“ übte ein paar Mal mit ihm und war sichtlich stolz als er es höflich zur Verabschiedung vortrug. Zurück kam ein erfreutes „Mirupafshim.“ Sie waren wieder Freunde.

Angekommen in Tirana wartete ich an der vorderen Tür des Flugzeugs auf den Römer. Neben mir die nette Kabinenkollegin und der Co Stefan, die beide den Gästen Auf Wiedersehen sagten. Stefan, mit seinen neuen Sprachkenntnissen, zauberte jedem Albaner ein Lächeln ins Gesicht als er sich bei ihnen auf Albanisch bedankte und verabschiedete. Als der Römer vorbeikam, hakte ich ihn unter, bedankte mich nochmal bei der Crew und verabschiedete mich. „Faleminderit. Mirupafshim.“ sagte Stefan augenzwinkernd.

Auf der Flugzeugtreppe sagte der Römer: „Siehst du, sogar der Co konnte zwei Wörter Albanisch. Das finde ich toll. Albanisch wird immer wichtiger.“ Ich musste grinsen: „Ja, den Eindruck habe ich auch….“

Eine albanische Tradition

Es gibt sie wohl in jedem Land: die kleinen, feinen Traditionen und Verhaltensweisen, die andere Kulturen zum Kopfschütteln, Schmunzeln oder zum Stirn kräuseln bringen. So auch hier!

Als mein Pinkeltest noch nicht einmal trocken war, war die erste Anweisung des werdenden Vaters (nachdem er realisiert hat, dass er einen kleinen Nachfahren gezeugt hat): „Wir müssen es meiner Mutter sagen.“ Da ich noch etwas unsicher war, bat ich ihn darum, noch mindestens ein oder besser zwei Frauenarzttermine abzuwarten. Meine Angst war, dass unser kleines, binationales Liebesprodukt nur ein Windei sein könnte. In der achten Schwangerschaftswoche hielt er es nicht mehr aus. Er müsse es JETZT seiner Mutter sagen. Und zwar sofort!

[Dazu vielleicht ein kleiner Exkurs, warum die Nachricht so überraschend und freudig ist. In Albanien bekommt man Kinder mit Anfang 20. Alle aus seiner Familie hielten sich daran, außer der Römer. Er studierte lieber, genoß, mal mit, mal ohne Beziehung, sein Leben in Rom. Als er Mitte 30 war, traf er mich. Nun, mit fast 40, wird er endlich Vater. Nichts ungewöhnliches in unserem Kulturkreis. In Albanien aber schon. Seine nur zwei Jahre ältere Schwester ist nämlich schon Großmutter. So dachte man also in Albanien, der Römer wird nie Vater. Deswegen ist die Nachricht über seine Vaterschaft wie Weihnachten und Bayram an einem Tag – nicht die Normalität, aber kommt vor. Nun aber zurück zur Geschichte:]

Wenn es denn so wichtig ist, dann lassen wir die Bombe platzen. Ohne weiteres hätte man den Freudenschrei meiner Schwiegermutter – auch ganz ohne Telefon – von Albanien nach Deutschland hören können. Als sie sich wieder einigermaßen eingekriegt hatte, die ersten Freudentränen getrocknet waren und sie wieder sicher auf den Beinen stand, senkte sich ihre Stimme mysteriös: „Mein liebes Kind, wem, außer mir, hast du es schon gesagt? Doch nicht etwa deinen Brüdern?“ Ihre Stimme bebte beim letzten Satz.

Der Römer verneinte. Sie sei die erste, die von dieser glücklichen Fügung wüsste. „Aaaah! Shumë mirë! [sehr gut!] Bitte sag es niemanden. Ich möchte persönlich die frohe Botschaft an die Familie überbringen.“ Er versprach hoch und heilig, dass er es niemanden sagen wird.

Nachdem Telefongespräch erklärte er mir alles. Sichtlich irritiert fragte ich ihn: „Warum sollst du denn niemanden davon erzählen? Ist das wieder so ein albanischer Aberglaube?“ Er grinste. „Nein, also jein… also ja. Schon irgendwie.“ fing er an. „Also, das ist so: In Albanien wird derjenige reich beschenkt, der sehr, SEHR gute Nachrichten überbringt. Meine Mutter geht also nun von Haus zu Haus und erzählt es meinen Geschwistern, ihren Geschwistern, den Geschwistern meines Vaters, sämtlichen Cousins und Cousinen. Und jede Familie muss ihr eine Kleinigkeit schenken um die gute Nachricht zu erfahren.“ Ich musste laut lachen. Meine Schwiegermutter, der Fuchs.

Wie es schien, machte sie sich sofort an die Arbeit. Mein Schwiegervater berichtete später, dass sie zum Friseur ging, ihre Haare frisch ondulieren lies, ihre besten Kleider anzog und ihn sofort als Fahrer einspannte – natürlich in seinem besten Anzug. Vorher musste er den alten, dunklen Mercedes noch gründlichst waschen und polieren lassen. Währendessen setzte sie sich ans Telefon und informierte schon einmal alle, dass sie gleich vorbeikommen würde. Es würde außerordentlich gute Nachrichten geben. Das Telefon diente natürlich nur dazu, dass die Sippschaft genug Zeit hätte sich um ein ordentliches Geschenk zu bemühen. Denn nichts anderes erwartete meine Schwiegermutter von ihrer Verwandtschaft.

Dann ging die wilde Fahrt los. Sie fingen bei ihrem ältesten Sohn, dem großen Bruder des Römers, an und klapperten alle in Albanien lebenden Verwandten ab. Auf der Rücksitzbank, so erzählte mein Schwiegervater später, häuften sich die Geschenke. Meine Schwiegermutter lächelte zufrieden. Als sie ihre „tour de cadeaux“ [Geschenketour] beendet hatten, war meine Schwiegermutter längst noch nicht fertig. Nun galt es alle Verwandten in Italien, Griechenland, der Schweiz und den USA zu informieren. Sie machte sich sofort ans Werk. Denjenigen, die nicht via Telefon erreicht werden konnten, schickte sie eine Email oder wies ihren Enkel an, er solle eine Sprachnachricht schicken mit der Bitte zurückzurufen. Es sei dringend!

Noch Wochen später trudelten Pakete in verschiedenen Größen und von verschiedenen Werten ein. Es wurden liebevoll bestickte Tischwaren und teure Kristallserviettenringe geschickt. Man besorgte teure, Schweizer Schokolade, man stellte liebevolle Pakete aus exquisiten Pastasorten und selbstgemachten Nudelsaucen zusammen. Es war ein Fest!

Als wir Wochen später in Albanien ankamen, wurden wir in ihre private Kammer geführt. Sie glich einem Showroom von Macy’s. Mit Bedacht wurden uns all die Geschenke und Glückwünsche präsentiert. Hier verstand ich auch, warum meine Schwiegermutter so erpicht darauf war, dass sie die guten Nachrichten verbreiten konnte. Und man bloß nichts verraten sollte. Denn gute Nachrichten werden teuer bezahlt. Nicht etwa an uns, die werdenden Eltern. Wir spielen hier keine Rolle. Sondern an die oder den glücklichen, der diese überbringt.

Albanien: Ich bin gleich da

Im Juli beginnt sie und hält bis August: die Albaner-Wanderung. Von überall auf der Welt strömen sie ein um ihre Verwandten, Freunde und Bekannten zu sehen. Die Straßen sind voll mit – hauptsächlich italienischen und Schweizer Kennzeichen – dazwischen ein paar griechische, deutsche und ein paar mazedonische. Natürlich erfreut sich Albanien – besonders in diesem Jahr – an einem Hoch an Touristen.

Doch an dem Schimpfen am halboffenen Autofenster hört man meist kein Deutsch (außer von mir) oder Italienisch, sondern Albanisch. Die, die in Übersee wohnen (und das sind einige – schließlich leben die meisten albanischen Staatsbürger nicht auf albanischem Staatsgebiet) werden eingeflogen. Mit der ganzen Familie.

So auch der Freund des Römers, Arbi. Er lebt in New York mit seiner Familie, seit 8 Jahren haben sie sich nicht mehr gesehen, standen aber immer in Kontakt.

Nun ruft also besagter Arbi an, er sei ganz in der Nähe der Hauptstadt. Ob man sich vielleicht auf einen Kaffee treffen möchte? „Oh ja!“ sagt der Römer entzückt. „Ein Kaffee wäre toll! Wir haben uns viel zu erzählen.“ Er sei gleich da, antwortet Arbi.

Mir ist bewusst, dass „gleich“ ein dehnbarer Begriff ist. Schließlich habe ich im Kindesalter auch immer „gleich“ mein Zimmer aufgeräumt – sehr zum Ärger meiner Mutter. Hatten wir doch eine so ganz unterschiedliche Definition von „gleich“ hatten.

Doch ein „albanisches gleich“ ist sehr dehnbar. Eine Stunde später ruft der Römer ihn an. „Wo bist du ?“ fragt er. „Auf der Autobahn zwischen Shkodër und Tirana. Ich kann die Stadt schon fast sehen.“ antwortet Arbi.

Dann sollte es ja nicht mehr allzu lang dauern, denke ich. Ein Trugschluss! Wenn jemand auf der Autobahn zwischen Shkodër und Tirana ist (ca. 100km – Fahrtzeit 2-2,5h) seien Sie sich sicher, liebe Leser, er ist entweder noch gar nicht losgefahren, in einer komplett anderen Stadt, die noch weiter weg ist, oder gerade erst kurz hinter Shkodër. Aber definitiv sieht er nicht die Hauptstadt. Auch nicht fast.

So vergingen also Stunde um Stunde, stets mit Arbi im Kontakt, der versicherte, „er sei gleich da“. Wenn jemand also „gleich da ist“, geht man nicht einfach ins Museum oder nett einen Kaffee trinken oder bummeln – würde man meinen. In Albanien können Sie das. Keine Sorge. Sie können auch bis zu ihren Schwiegereltern in einen Vorort von Tirana fahren, dort beim benachbarten Schwager im Pool plantschen, sich duschen, die Haare beim Friseur machen lassen und sich dann erst mit besagtem Freund treffen. Keine Sorge! Notfalls sind Sie einfach „gleich da“, wenn der Freund schon wartet.

Zwischendurch ging der Römer im benachbarten Café was mit seinem anderen Freund Afrim trinken. Der lachte nur als der Römer sich beschwerte, dass er seit 2 Stunden wartete. „Der Stau! Das kann man nicht einschätzen. Entweder du nimmst es gelassen oder du lässt es. Du kannst Albanien nicht ändern. Du musst dich verändern.“ sagt er.

Nach 4 Stunden war der Freund da. Sie sahen sich eine Stunde und erzählten, was es neues gibt. Ich war genervt. Wäre ich doch lieber zu meinen Schwiegereltern oder zum Schwager in den Pool gehüpft. Das werde ich auch das nächste Mal tun.

Denn dann „sind wir gleich da“, wenn jemand wartet. Ich werde dann noch eine weitere Stunde im Pool plantschen bis meine Lippen ganz blau sind, bei meiner Schwiegermutter Börek essen und mich mit meinen Neffen im Garten tollen. Und dann, ja dann, werden wir losfahren.

In die Knie gezwungen

Da schaukelt man nichts ahnend vom Supermarkt zurück, eine kleine Einkaufstüte in der Hand, schon wird man in die Knie gezwungen.

Zack, da war ich – eben noch aufrecht stehend – schon auf meinen Knien. Erst dotzte das linke Knie unsanft auf, dann das rechte, etwas sanfter. Außer ein paar Kiesel, die sich durch den Stoff gebohrt haben, ist nichts festzustellen.

Ganz panische Mutter, die ich bin (😉), machte ich mir natürlich Sorgen um den kleinen Bambino in seiner Fruchtblase. Der Römer half mir auf, besorgt, und wir stiegen die 3 Stockwerke hoch ins Feriendomizil am Meer. Schummrig war mir nicht.

Sogleich wurde ich von meinem ganz persönlichen medizinischen Fachpersonal (alias der Römer) auf die Couch verfrachtet und er fing an, mich an den Knien mit Desinfektionsmittel abzutupfen. „Hast du Schmerzen?“ fragte er immer wieder. „Nein, nein, ich bin egal. Aber meinst du dem Baby geht’s gut?“ fragte ich immer wieder. „Non ti preoccupare [Keine Sorge]. Dem Baby ist nichts passiert. Du bist in Zeitlupe auf die Knie. Das schüttelte das kleine Wesen in dir vielleicht etwas durch, mehr aber auch nicht.“

Ich tat das, was man nicht tun sollte: Ich googelte. Plazentaablösung! Fehlgeburt! Sofort ins Krankenhaus! waren die ersten Schlagwörter, die da auftauchten. Der Römer versuchte mich zu beruhigen. Während ich auf der Couch nach weiteren, schrecklichen Forumsbeiträgen suchte, ging bei Bambino die Post ab. Er zappelte und drehte sich, boxte und knuffte. „Alles gut, er bewegt sich!“ teilte ich dem Römer mit. „Solange du keine Schmerzen hast, keine Flüssigkeit oder Blut verlierst, dir nicht schwindelig, schlecht oder sonst irgendwas wird, ist alles in Ordnung. Wirklich!“ versuchte es der Römer weiter.

„Na gut, ich glaube dir.“ sagte ich schließlich. „Sei einfach ein bisschen vorsichtiger. Sonst müssen wir dich in Luftpolsterfolie einschweißen.“ sagte der Römer lachend. „Na gut… ich versuch’s.“

Und ich dachte, die Autofahrt ans Meer ist das gefährlichste in diesem Land. Ne, ne, meine Tollpatschigkeit ist das Risiko hier.

Na dann, auf fröhliche 10 Tage am Meer.

Pflaster für 8 Cent

Ich kann’s ja doch nicht lassen und tippe meine Erfahrungen schnell ab, bevor ich sie vergesse.

Albanien macht mir Spaß. Albanien ist anders. Herrlich anders.

Gestern haben wir ein Pflaster für mich gebraucht (die neuen Schuhe…). Da wir alles mitgenommen haben, außer Pflaster, mussten wir diese natürlich fix in der Apotheke kaufen. „Wie sagt man nochmal Pflaster auf Albanisch?“ fragte der Römer, der ab und an eine seiner Muttersprache im Sprachengewirr verliert. Ich guckte ihn mit großen Augen an, bin ich doch froh „Guten Morgen“ halbwegs fehlerfrei auszusprechen.

„Okay, ich krieg’s schon hin!“ sagte er um sich selbst Mut zu machen. Wir traten in die Apotheke ein. Er beschrieb, was wir benötigten. Es ging etwas hin und her wegen der Größe der Pflaster. Es wurden uns diverse Modelle vorgeführt (Wasserfest, rund, länglich) und diverse Packungen geöffnet und wieder verschlossen. Es glich in diesem Moment mehr einem indischen Stoffgeschäft als einer Apotheke. Als wir uns auf Größe und Funktion der Pflaster geeinigt hatten, fragte der Römer: „Und? Wie viele brauchen wir?“ Ich guckte ihn verdutzt an. „Muss man nicht die ganze Packung kaufen?“ entgegnete ich.

„No, no! Pflaster sind sehr kostspielig in Albanien. Du kannst sie auch einzeln kaufen. Wir nehmen vier Stück. Das hört sich doch gut an!“ antwortete er mir.

„40 Lek, bitte.“ sagte die Dame. Ich rechnete im Kopf um. 32 Cent war mein Ergebnis. Also 8 Cent für ein Pflaster. Da kann man nicht meckern.

Als wir aus der Apotheke traten und wieder ins hektische Tirana gespült wurden, fragte ich: „Aber KANN man eine ganze Packung kaufen?“

„Klar, aber wer braucht denn schon eine ganze Packung?“ gab der Römer zurück.

Na gut, wo er Recht hat. 😄😄

Abgemeldet

Ihr Lieben,

ich verabschiede mich. Nicht für immer, keine Sorge. Es geht für ein paar Wochen ans Meer. Man möchte meinen Italien, aber nein, in die andere Heimat des Römers: Nach Albanien. Nicht, weil es schick, en vogue oder gerade im Trend ist, sondern weil sämtliche Familienmitglieder des Römers ihren Sommerurlaub dort verbringen. Und die stolzen Großeltern meine Babykugel betrachten wollen. Keine Sorge – auch hier wird es Tipps geben, die mir der Römer aber nicht übersetzt. So sind wir verblieben. Also lächle und winke ich drei Wochen lang und freue mich auf die Nichten und Neffen des Römers, die ich schon ewig nicht mehr gesehen habe. Ich freue mich auf die albanische Herzlichkeit, auf’s Meer, auf die „kriegen-wir-schon-irgendwie-hin“-Mentalität (S’ka problem – kein Problem – ist der meist benutzte Satz, wenn es um Anliegen der Gäste geht), auf laue Nächte und all das viel zu süße Lokum, dass einem von der Gastgeberin gereicht wird, wann immer man ein Haus betritt und jemanden besucht.

Bis dahin, macht’s euch nett und bis bald