Steuererklärung auf römisch

Wie unschön Steuererklärungen sind, wissen Sie sicher. Als mündige, erwachsene Bürger hatten Sie sicher mehr als einmal das Vergnügen aktiv oder passiv in den Steuerdschungel einzutauchen.

Es wird Sie vielleicht erstaunen, aber seit ich Mutter eines kleinen Signorinos bin, kümmere ich mich sehr gerne um die Steuererklärung. Fast möchte ich soweit gehen und Ihnen leise flüsternd verraten, dass ich mich bereits seit Anfang 2020 auf die 2021 fällige Steuererklärung freue. Nicht etwa, weil ich auf eine Rückzahlung hoffe. Wobei ich einer Rückzahlung generell nie abgeneigt bin. Nein, nein, viel mehr, weil ich ein paar ungestörten Stunden nicht abgeneigt bin. Nur ich, mein Computer, die giftgrüne Mappe mit dem hübschen Wort „tasse“ (Steuern) auf dem Einband und eine schöne Tasse Tee.

Es sind wahre Mußestunden. Doch wie es mit der Ruhe und Entspannung oft so ist, früher oder später kommt jemand, der sie Ihnen streitig machen will.

Am Montag war es, als mir der Römer die Lohnsteuerbescheinigung 2020 auf den Schreibtisch legte. Ich lächelte zufrieden, wusste ich doch, dass nun die Zeit reif war für einen ungestörten Nachmittag in meiner ganz privaten Steueroase. Der Römer indessen hatte die nicht minder wichtige Aufgabe, mir jegliche Störungen, egal wie süß und tapsig sie sind, vom Leibe zu halten. Steuererklärungen erfordern eine größtmögliche Portion an Konzentration, Akkuratesse und Spürsinn. Gegen eine schöne Tasse Tee und ein paar italienische Kekse ist dennoch nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil, sie sind dem Ergebnis sogar zuträglich, möchte ich behaupten.

Während ich die giftgrüne Mappe aufschlug um schon einmal die Rechnungen zu sortieren, nahm das Unglück Fahrt auf. „Scusa amore, mi potresti far vedere come si fa?„[Entschuldige, Schatz, aber könntest du mir zeigen wie man das macht?] durchbrach der Satz des Römers die sich langsam ausbreitende Ruhe. Ich guckte ihn höchst irritiert an, bekam ich es doch mit der Angst zu tun, meine Mußestunden abgeben zu müssen.

Die Steuererklärung?“ fragte ich und kannte doch bereits die Antwort. „Esatto. Mi interessa.“ [Genau. Das interessiert mich.] gab der Römer neugierig zurück und guckte mir über die Schulter. „Puh…das ist einfacher gesagt als getan. Jahre, ach was, Jahrzehnte hat es mich gekostet, überhaupt einen ungefähren Plan zu haben, wie das alles von Statten geht. Turtle zum Beispiel, machte extra eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten, so kompliziert schien es ihr. Und mittlerweile versucht sie sogar Steuerberaterin zu werden, weil sie immer noch nicht recht weiß wie es funktioniert.“ versuchte ich ihm durch massive Abschreckung die Idee auszureden. „C’è lo possiamo provare.“ [Wir probieren es trotzdem.] sprach der Römer überzeugt. Ich nickte nur langsam und starrte auf meinen ungeöffneten Teebeutel. „Oase der Entspannung“ stand auf ihm, doch ich glaubte ihm nicht mehr so recht.

Heute Abend dann? Wenn Signorino schläft? Anders geht’s ja nicht. Einer muss auf ihn aufpassen und normalerweise mache ich die Steuern alleine, während du aufpasst. Einfach wird das eh nicht, aber….“ versuchte ich die Sache komplizierter zu machen als sie ist. Er unterbrach mich mit einem „stasera“ [heute Abend]. Dann drehte er sich um und ging in die Küche um sich dem Bräunungsgrad der Cannelloni im Ofen zu widmen.

Abends, Signorino schlief bereits seit dreißig Minuten, fanden wir uns dicht an dicht vor dem grellen Bildschirm ein. Weder eine Kanne Tee, noch Kekse waren auf meinem Schreibtisch, denn Gemütlichkeit würde bei diesem Thema heute garantiert nicht einziehen. Der Römer stellte seinen entkoffeinierten Espresso auf den Tisch und verrührte etwas Zucker in der dunkelbraunen Flüssigkeit. Ich kaute stattdessen nervös auf meinem Minzkaugummi herum. Dann griff ich beherzt zur giftgrünen Steuermappe und schlug sie auf. „Fürs Erste würde ich dich bitte, einfach nur unsere persönlichen Daten in dieses Programm einzutippen. Fang gerne mit dir an: Name, Anschrift, Beruf, Steuernummer,…“ zählte ich auf und vertiefte mich demonstrativ in eine Rechnung. „Okay, facile. [Okay, einfach.]“ gab er zurück und tippte los. Ich schielte immer mal wieder zu ihm und guckte, was er tippte. Nachdem er seinen Namen, unsere Straße und schlussendlich den Ort ausgefüllt hatte, guckte er mich fragend an. Mit zusammengekniffenen Augen dachte er angestrengt nach. Dann wandte er sich wieder dem Computer zu und tippte eine 6 ein. Wieder guckte er auf und fixierte mich fragend. „Jaaaaa?“ wollte ich wissen und guckte von meiner Rechnung hoch. „Il CAP è 6….e poi?“ [Die Postleitzahl ist 6….und dann?]“ erkundigte er sich bei mir. „Amore, wir wohnen seit dreieinhalb Jahren hier!“ gab ich beunruhigt zurück. Noch eh ich ihn fragen konnte, wie er seit Jahren Behördengänge und Bestellvorgänge absolvierte, hatte er die Antwort bereits in einer Suchmaschine gefunden. Siegessicher lächelte er mich an. „Man muss nur wissen, wo es steht.“ murmelte der Römer während er sich wieder seiner Aufgabe widmete. Nach einer Weile stand er auf, ging zu seinem Geldbeutel, holte seine Krankenkassenkarte und guckte sie kurz an. Dann tippte er los. Ich fragte mich seit wann das Steuerprogramm nach der Versichertennummer fragte. Aber, zugegeben, allzu vertraut bin ich mit den neuen Gesetzesänderungen nicht.

Ok, manca una ciffra.“ [Ok, es fehlt eine Ziffer.] stellte der Römer nach mehrmaligem Kontrollieren fest. Ich drehte mich zu ihm und guckte, was er eingegeben hat. „Woher hast du denn die Steueridentifikationsnummer? Die steht doch in dem großen Ordner. Oder weißt du sie etwa auswendig?“ hakte ich verwundert nach. „Ma è scontato. C’è sempre scritto sulla tessera sanitaria.“ [Aber das ist selbstverständlich. Schon immer steht diese auf der Krankenkassenkarten.] gab er etwas hochmütig zurück. „Seit wann?“ fragte ich nach während ich die Karte hin- und herdrehte und danach suchte. „Amore! Die Versichertennummer IST die Steuernummer. Die beiden sind identisch.“ erklärte er mir zunehmend genervter. Ich runzelte meine Stirn und zwei dicke Furchen bildeten sich zwischen meinen Augenbrauen. „Das wäre mir neu.“ sprach ich kurz und suchte im Internet mehr Informationen über seine These. Wenn es eine Änderung dieses Kalibers gegeben hätte, hätte doch das Finanzamt oder die Krankenkasse einen Informationsbrief geschickt? Ich wühlte in dem gut gefüllten Ordner mit der Aufschrift „Finanzkram“.

Schließlich fiel mir die Steueridentifikationsnummer in die Hände. Ich verglich sie mit der Versichertennummer der Krankenkasse. Nein, die beiden hatten rein gar nichts gemeinsam. Außer natürlich, dass sie aus wild zusammengewürfelte Ziffern bestanden. Die Krankenkasse nahm sich das Recht heraus, ihre Nummernfolge mit einem neckischen Buchstaben zu versehen. Langsam schüttelte ich meinen Kopf und gab dem Römer den Brief mit der Steueridentifikationsnummer, damit er sich noch einmal vergleichen konnte. „Strano. In Italia c’è scritto ovunque il codice fiscale*.“ [Komisch. In Italien steht überall die Steuernummer.] klärte er mich auf. „Aaaaah!“, jetzt fiel der Groschen auch bei mir, „In Italien!! Sag das doch gleich. Wir haben in Deutschland für alles eine eigene Nummer.“ Desillusioniert und verwirrt guckte mich der Römer mit seinen großen, blauen Augen an. „Germania è un paese molto strano. [Deutschland ist ein sehr seltsames Land.] Wo die Deutschen praktisch denken könnten, tun sie es nicht. Und wo sie es tun, braucht man es nicht.“ Nach diesem Satz tippte er die richtige Steueridentifikationsnummer ein, streckte sich und gähnte. „Mi sembra che dura un botto di tempo. [Es scheint mir, als würde das ewig dauern.]“ gab er nun zu und gähnte noch etwas lauter und übertriebener. „Amore, ich schätze deinen Einsatz sehr. Aber du nimmst mir schon so viel ab – die Steuererklärung musst du mir nicht auch noch abnehmen.“ versuchte ich ihm sein Vorhaben ein letztes Mal auszureden. „Hai raggione. Non posso fare sempre tutto io. Grazie, amore. [Du hast Recht. Ich kann nicht immer alles machen. Danke, Schatz.]“ gab er mir Recht und küsste mich auf die Stirn. Ich lächelte, dann streckte ich mich und gähnte ebenso herzhaft wie der Römer vor wenigen Momenten. „Morgen mach ich das. Heute bin ich schon zu müde.“ verkündete ich und erntete ein verständnisvolles Nicken vom Römer.

Am nächsten Vormittag stand eine dampfende Tasse „Oase der Entspannung“ vor mir. Die zweifarbigen Kekse waren griffbereit auf einem Tellerchen angerichtet. Zufrieden klappte ich den Laptop auf, während ich im Hintergrund den Römer hörte wie er mit Signorino schimpfte. Anscheinend hatte er Klopapier in einem unachtsamen Moment geklaut, zerrissen und überall auf dem Weg in die Küche verteilt. Lautstark fluchte und rief der Römer nach dem flüchtenden Kleinkind. Ich seufzte selig. „Na, dann wollen wir mal. Die Steuernummer müsste so stimmen…. Erster Punkt: Beruf!“ Während ich unsere Berufsbezeichnungen eintippe, lächelte ich, denn schließlich hatte ich meine Mußestunden des Jahres zurückgewonnen. Wie es schien, für immer.

*codice fiscale – die italienische Steuernummer – oder wie der Römer sagt: „Senza sei morto in Italia. [Ohne bist du tot in Italien]“ Nichts läuft ohne die Steuernummer. Ein Bankkonto eröffnen? Aber klar doch, wie lautet denn die Steuernummer? Denn ohne italienische Steuernummer gibt es kein Bankkonto, keine (Kranken-)Versicherung, kein nichts. Jeder gute Italiener oder in Italien lebende weiß sie auswendig – und wenn nicht, dann kann er die Nummer mit einem schnellen Blick auf seine Krankenkassenkarte abrufen. Wer keine beantragen möchte, aber einen codice fiscale auf die schnelle braucht, kann sich auf einigen Internetseiten schnell und gratis den codice fiscale berechnen lassen.

Wurmstichige Tage.

Wurmstichige Tage.

Momentan ist irgendwie der Wurm drin.

Mehrere Beiträge habe ich, die ich gerne niederschreiben würde. Es geht um Outdoorjacken und Sperrmüll. Natürlich handelt jede einzelne auch vom Römer. Dazwischen philosophiere ich über Metalltonnen, Marillenröster und dem Süßspeisen-Freitag meines Großvaters.

Aber meinen Sie, irgendwer lässt mich hier in Ruhe meine Gedanken zu Ende denken oder sie gar liebevoll in Worte verpacken? Mit nichten! Stattdessen unterbricht der Römer meine Gedanken regelmäßig mit wertvollen Informationen über gesehene und für gut befundene Tanzvideos der deutschen Polizei. Dazu kommt natürlich noch der kleine Farniente, der gerne meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt (und natürlich auch bekommt!).

Gewiss bin ich schon auf die Idee gekommen, den Römer mit Signorino zu beschäftigen und andersherum. Meist endet es nach fünf Minuten so: „Amooooooore! Lui si sta lamentando!“ [Schatz! Er beschwert sich gerade!] wird mir der vor Wut schnaubende Signorino in die Hände gedrückt. Dann verschwindet der Römer erst einmal für einen längeren Zeitraum im Bad: 20 Minuten ungestört scrollen verpackt in einem Toilettengang. Doch es springt auch wieder etwas dabei für mich raus: Neue, erheiternde Videoempfehlungen und Gedanken zur politischen Lage.

Außerdem gibt es noch zu berichten, dass Signorino mittlerweile geht. Drei Schritte an einem guten Tag, fünf Schritte an einem grandiosen Tag. Nach vollbrachtem Kunststück, dass ich mit vielen euphorischen „Jaaa! Sehr gut!“-Rufen quittiere, lässt er sich auf die Knie sinken und krabbelt, da ihm Gehen zu langsam erscheint. Die Kombination aus Krabbeln, Gehen und sich am Küchenschrank entlang hangeln, mag zwar kinderlose, gleichgeschlechtlich liebende Freunde wie dem Anderen freudig aufschreien lassen, mich lässt es die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Aber nur eine Nanosekunde, denn mit Händen über dem Kopf lässt sich der gerade stürzende Signorino schlecht auffangen. Und er stürzt oft. Meist glimpflich und ohne Drama, das muss man ihm lassen. Wenn er allerdings einen Bauchplatscher in den leeren Wäschekorb macht, den Mutti unachtsam und gedankenverloren auf dem Wohnzimmerboden abgestellt hat, schreit er doch überaus laut.

Zugegeben, als Rabenmutter musste ich erst einmal lachen aufgrund des ulkigen Bildes, das er abgab. Doch ich schaltete, ganz profimäßig, sofort in den tröstenden Sh-Sh-Sh-alles-wieder-heil-Tröst-Modus um. Langsam, ganz langsam, versiegte dann auch der reißende Fluss Krokodilstränen, die Signorino wie ein Rasensprenger produzierte.

Ansonsten bin ich sehr froh, dass Sie, liebe Leser, fleißig schreiben. Denn lesen ist so viel einfacher und schneller als selbst zu schreiben. Das wollte ich Ihnen schon lange mitteilen! Danke, dass Sie so viele, exzellente Beiträge schreiben. Ich würde sonst verrückt werden, sehe ich doch seit Wochen niemanden mehr.

In diesem Sinne: Wünschen Sie mir Glück, dass die männlichen Farnientes sich doch wieder zusammenraufen, wie man so schön sagt und ich endlich meine Artikel abtippen kann!

Bleiben Sie gesund und führen Sie sich ruhig vor Augen: Auch diese Krise ist endlich. Genau wie der Risottoreis, der sich dazu entschlossen hat, genau heute, an einem durchwachsenen Sonntag, enden zu wollen, wo ich doch schon die getrockneten Pilze eingeweicht habe. Aber das ist eine andere Geschichte…

Das 15. Türchen im germanoitalbanischen Adventskalender

[Die Auflösung von Tag 14 finden Sie, wie immer, ganz unten]

Fakt 15

Der Römer hat keinen Führerschein. Also, doch, irgendwie schon. Doch lassen Sie mich von vorne anfangen:

Der Römer machte mit 18 Jahren seinen Führerschein. Da ihm das alles zu lange dauerte in Italien (Fahrpraxis? Theorie? Nein danke!), flog er nach Albanien und nach ein paar, wenigen Fahrstunden, einer kleinen Theorieprüfung und ein bisschen bakshish hatte er seine Fahrerlaubnis in der Hand. Danach, auch dem Umstand geschuldet, dass er in Rom kein Auto brauchte, fuhr er nie wieder.

Nun ist es so, dass albanische Führerscheine in Italien problemlos anerkannt werden.

Die Jahre vergingen. Er wurde irgendwann 30 Jahre alt ohne jemals wieder hinter dem Steuer eines Fahrzeugs gesessen zu sein. Doch die fixe Idee ein Auto zu besitzen kam ihm in den Sinn. Mit 30 Jahren wäre nun die richtige Zeit. Außerdem schien ihm die Strecke von Trastevere (sein damaliger Wohnort) nach Testaccio (zur Arbeit), dem benachbarten Stadtteil, per pedes deutlich zu weit. Er kaufte sich ein hübsches, italienisches Auto und dachte, die Fahrpraxis käme von allein. Da er dennoch einen leichten Zweifel an seiner Fahrkunst hatte, kaufte er vorsichtshalber ein Auto mit Automatikgetriebe. Das bisschen Lenken wird keine Schwierigkeit darstellen, dachte er. Zwei Mal versuchte er sein Glück und steuerte das Auto durch die holprigen Straßen Roms. Nass geschwitzt kam er im anderen Stadtteil an und hatte den ganzen Tag Angst vor der Rückfahrt. Er steuerte das Vehikel abends wieder zurück, aber fragen Sie nicht wie. Nach diesen Versuchen stand das Auto noch 6 Monate vor seiner Tür und setzte Rost an. Dann verkaufte er es.

Hier in Deutschland ist die Rechtslage so, dass ein albanischer Führerschein nur die ersten sechs Monate gültig ist. Danach muss er die Führerscheinprüfungen (theoretisch und praktisch) erneut in Deutschland ablegen. Nachdem wir drei Mal auf einem Supermarkt Parkplatz außerhalb Frankfurts geübt haben und er meinen damaligen Kleinstwagen über den Parkplatz hüpfen ließ, dazu aber dem Auto die Schuld gab, ist er nun passionierter Beifahrer. Und wie es sich für einen Beifahrer ohne Fahrpraxis gehört: Er weiß nicht wovon er redet, gibt aber gerne und oft Tipps.

Den Führerschein möchte er nicht machen. Er wartet lieber bis Deutschland seine Fahrerlaubnis irgendwann anerkennt. Wenn es soweit ist, kaufe ich ihm einen elektrisch betriebenen Krankenfahrstuhl bis 25 km/h. In mein Auto setzt sich der Kerl auf alle Fälle nicht ans Steuer!

Was meinen Sie? Ist die Geschichte wahr, dass sich jemand ohne Fahrpraxis ein Auto in Rom kauft? Oder ist die Geschichte meiner blühenden Fantasie entsprungen?

Reise 15

Weihnachten vor Jahren wurde ich aus der Bereitschaft angerufen. „Frau Farniente, Sie Glückspilz, es geht für Sie nach Nagoya, Japan. In 1,5 Stunden geht’s los. Viel Spaß!“ kündigte mir die nette Einsatzleiterin meines Arbeitgebers an. „Mensch, ich Glückspilz.“ dachte ich zynisch und zog meine Uniform an.

Heute geht es für uns nach, na? Nagoya! Genau!

Flugzeit ab Frankfurt: 11 Stunden 25 min

Taxikosten ab Nagoya Flughafen ins Stadtzentrum: ca. 14500 Yen (114 Euro circa)

Sehr schön war das Hotel Hilton Nagoya*. Die Zimmer sind für japanische Verhältnisse geräumig, die Klobrille beheizt, außerdem spielt sie Geräusche (Ich hätte tagelang auf dieser Toilette sitzen können). Sehr schön war die liebevolle Hoteldekoration zu Weihnachten. Eine riesige, winterliche Zuglandschaft wurde aufgebaut und auch hier hätte ich stundenlang Zeit verbringen können.

Da ich aber den inneren Drang hatte, auch etwas von Nagoya zu sehen, wagte ich mich aus dem Hotel. Dort werden Fahrräder kostenlos verliehen und wir düsten durch die Stadt. Unser Ziel war klar: Das Nagoya Castel* sollte es sein.

In flotten 25 Minuten waren wir dort. Zur Kirschblütenzeit wäre es sicher noch einmal ein anderes Farbenspiel und eine andere Atmosphäre gewesen, aber auch so war dieses Schloss sehr beeindruckend.

Auch die Penis Maske überzeugte mich. 😉

Übrigens, wer am Sakae Bus Terminal, Oasis 21 genannt, vorbeikommt, der kann hier wortwörtlich eislaufen gehen.

Und wo wir schon einmal hier sind, können wir gleich ins Running Sushi Restaurant NIGIRI NO TOKUBE @ OASIS 21 [Adresse:  1 Chome-11-1 Higashisakura, Higashi Ward, Nagoya, Aichi 461-0005, Japan] gehen. Ausgezeichnete Qualität, frischer Fisch, schöne Auswahl – was will man mehr?

Nachdem wir nun endgültig das kulturelle Programm abgehakt hatten, gingen wir zum angenehmen Teil über: Es ging zum 100-Yen-Laden (=1 Euro Laden) Daiso*. Hier finde ich immer etwas: von der beheizbaren Augenmaske über Geburtstagsdekoration bis hin zu schönen Tellern und Tassen. Stundenlang könnte ich hier Zeit verbringen.

Doch irgendwann habe auch ich es aus dem Laden geschafft und bin gleich wieder in den nächsten reinspaziert: Uniqlo. Was sich nach Waschräumen einer Hochschule anhört, ist ein sehr schöner Bekleidungsladen. In Japan ist die Qualität noch einmal um einiges besser als in Deutschland. Meine ultraleichten Daunenjacken habe ich noch heute. Um sich die Steuern erstatten zu lassen, würde ich Ihnen raten, ihren Reisepass immer mitzuführen.

Abends kann ich Ihnen, weit von der Stiefelspitze, ein italienisches Restaurant empfehlen: Die Antica Osteria Bacio. Ausgezeichneter Service, ansprechende Präsentation, italienischer Geschmack, der wirklich die toskanische Kochkunst nach Japan bringt. Es lohnt sich, wenn es nicht immer Sushi oder Ramen sein muss. Geführt wird die Antica Osteria von einem Italiener, der eine Japanerin geheiratet hat.

Auflösung von Tag 14

Bei mir wäre die Antwort klar gewesen: Rom statt einer Weltreise? Aber klar doch! Auch gerne ein Leben lang. 😉

Aber ist jemand noch so verrückt wie ich? Vielleicht jemand mit den gleichen Genen? Sie hatten für das Ja und Nein die tollsten Begründungen gefunden. Die Antwort lautet: Ja! Wir haben die große Rom-Leidenschaft von unserem Vater geerbt, der Rom seiner Aussage nach, vergöttert. Deswegen konnte sich Turtle von dieser Stadt auch nicht lösen. Noch heute träumt sie von ihrem Leben dort – in ihrem superattico (einer Wohnung in der obersten Etage), mit altem Lift und Dachterrasse.

Si – am Arsc*

Bitte tun Sie mir den Gefallen und verurteilen Sie mich nicht auch noch. Ich fühle mich schon von ganz allein vom Schicksal betrogen. Wie ich nur ein Jahr später auf dem Boden herumkrieche und mit einem Tischstaubsauger glutenfreie Bio Maisstangen und Demeter zertifizierte Reiswaffeln mit Apfel-Mango Pulver einsauge, schäme ich mich über meine oft gehässigen Kommentare über die weit verbreitete Helikopter-Elternstaffel.

Wissen Sie, man macht sich so lange über Eltern lustig bis man selbst Kinder hat. Dann lacht sich das Schicksal ins Fäustchen und guckt mit einer großen Tüte Popcorn zu wie man so wird wie „die anderen“.

Plötzlich unterhält man sich über die Farbe und Beschaffenheit des Baby Stuhlgangs – während man isst. Man backt zuckerfreie Waffeln auf Bananenbasis (gar nicht mal so schlecht!) und jedes mal, wenn man in seinem chemie- und schadstofffreien Universum hockt und selbst gekochte Gemüsebällchen vom TÜV zertifizierten Babyhochstuhl schrubbt, steht der Römer hinter einem und sagt Schokolade kauend: „Als ob deine und meine Eltern so viel Aufwand betrieben hätten wie du! Bei all den Kindern wäre das auch gar nicht gegangen. Abgesehen davon hätte meine Mutter auch gar keine Zeit gehabt für solche Spielereien. Abbiamo mangiato la pappa – e basta. [Wir haben Brei gegessen – und das war’s] Wer den nicht wollte, der hat Pech gehabt. Irgendwann isst das Kind schon, wenn es Hunger hat.“

Ich blicke vom Boden auf, nachdem ich die Jagd nach dem letzten Krümel beendet habe und lasse den Staubsauger aufheulen. Das sollte Antwort genug sein. Doch der Römer verstand meine Drohung nicht.

Veramente, amore! [Wirklich, Schatz!] Wir sind so übervorsichtig. È assurdo! [Das ist absurd] Wir sollten uns einfach mal entspannen. Ganz besonders du, elicottera. [Helikopterfrau]“ setzt er seinen unerwünschten Monolog fort.

„Ok. Danke.“ antworte ich knapp und überprüfe nochmal, ob das Babyphone auch wirklich an ist.

„Zum Beispiel auch mit diesem Babyphone in unserer kleinen Wohnung. Sowas gab es bei uns gar nicht. Irgendeiner hat mich dann schon gehört, wenn ich laut genug geschrien habe. Wir versklaven uns für Signorino. O in altre parole: è troppo! [Oder mit anderen Worten: Es ist zu viel!]“ erklärt er – immer noch Schokolade kauend.

„Hm…“ gebe ich zurück. Durch das ständige Hinterherrennen und Verbote aussprechen an Signorino habe ich keine Energie mehr mich zu langen und breiten Diskussionen hinreißen zu lassen.

„Nein….Nein…Nein…Nein…Nein….Da…Da.“ tönt es aus dem Babyphone. Signorino ist wach. „Ah siehst du! Un’altra cosa! [Eine andere Sache!] Das erste Wort unseres Kindes ist nein, weil es das den ganzen Tag von dir hört. Vielleicht solltest du deine Sätze etwas positiver formulieren.“ kommentiert der Römer weiter und isst schlussendlich das letzte Stück Schokolade der Packung. Er knüllt das bunte Papier zusammen und versucht es in den Mülleimer zu werfen. Es gelingt ihm und er ruft laut jubelnd: „Siiiiiii!“

„Si am Arsch.“ murmle ich und gehe – genervt von seinen Ratschlägen – zu Signorino um ihn aus dem Bettchen zu befreien.

„Scusa? [Entschuldige?]“ fragt der Römer, doch ich war bereits im Schlafzimmer und auf meinem Erziehungsratgeber Ohr taub.

Später, am Nachmittag, gehen wir einkaufen, nachdem wir den Spaziergang mit Signorino beendet haben. Angekommen im großen Supermarkt begutachte ich das Gemüse. Ich greife nach einer Avocado und der Römer fragt mich, ob diese für Signorino sei. „Ja, ist im Angebot.“ gebe ich in den Einkauf vertieft zurück.

„BIST DU VERRÜCKT?!?!“ überschlägt sich seine Stimme. Ich gucke ihn irritiert an. „Die ist doch gar nicht BIO?!?!“ spricht’s, nimmt sie mir aus der Hand und legt sie zurück. „Damit kann gerne eine andere Mutter ihr Kind vergiften, aber nicht du. Du bringst den kleinen Kerl noch um.“ sagt er und fährt mit Signorino im Buggy schnurstracks in die Bio Abteilung. Dort zieht er sein selbst mitgebrachtes Obstnetz aus Bio-Baumwolle aus der Jackentasche und füllt unter allergrößtem Argwohn gegenüber den anderen Gemüsesorten eine Avocado ein. „Seit wann hast du ein eigenes Obstnetz?“ frage ich entgeistert. „Ach das….“ sagt er und denkt, ich würde nicht weiter nachhaken. Aber nicht mit mir, mein Freund! Nach einigen Sekunden des sinnfreien Herumstotterns, platzt es aus ihm heraus: „Ich bin einfach kein Fan davon, wenn das Gemüse meines Sohnes mit Plastik in Berührung kommt. È troppo pericoloso.[Das ist viel zu gefährlich] Da habe ich kein gutes Gefühl dabei. Wenn wir schon nicht regional kaufen, dann wenigstens bio!“

Ich grinse nur und sage: „Also mit diesem Obstnetz für unseren Sohn… Das hätte es früher bei uns nicht gegeben. Deine Mutter hätte das sicher nicht mitgemacht bei euch Kindern und -bei aller Liebe- wir sind so übervorsichtig, das ist doch ABSURD! Assurdo!! Wo wäre sie denn da hingekommen, wenn jeder ein eigenes Obstnetz gehabt hätte? Und BIO!!! Also nein, wir versklaven uns doch für unseren Sohn. Du solltest dich mal entspannen. Einfach mal alles ein bisschen sportlicher sehen. Und vielleicht solltest du auch einmal positiver auf andere Gemüsesorten und Anbauweisen herangehen. Du bist in letzter Zeit so negativ.“

Er funkelt mich an und setzt seinen Einkauf fort. Wir sprechen kein Wort, nur Signorino tönt „Nein, nein, nein, da, da, da.“ durch die Gänge.

„Zahlst du oder zahl ich, elicottero?“ frage ich ihn provozierend an der Kasse. Er rümpft nur seine Nase und holt seinen Geldbeutel heraus. „Und die Treuekarte nicht vergessen! Diese Woche gibt es achtfach Punkte.“ flöte ich. Er verdreht genervt die Augen und verstaut eine Packung Bio Maiswaffeln – demeter zertifiziert.

Daheim angekommen ruft er in Albanien an. Erstaunlich oft hört man das Wort „bio“ aus seinem Mund und dem Mund seiner Mutter. Als er auflegt, kommt er triumphierend auf mich zu: „Ha! Vedi! [Siehst du!] Alles war bio!“ Fragend blicke ich von Signorinos angekauten Bauklötzchen auf. „Ich habe gerade mit meiner Mutter telefoniert und alles war bio. Nur Obst und Gemüse aus eigenem Anbau bekam ich damals. Alles war frisch geerntet aus Omas Garten.“ erklärt er. „Aha. Na dann.“ gebe ich wenig interessiert zurück. „Ich wollte es dir nur sagen, weil du mich elicottero genannt hast. Und das bin ich nicht.“ weist er mich auf mein „Vergehen“ hin.

Ich lege einen Holzwürfel zur Seite, hole tief Luft und erkläre dann: „Schatz, nun sind wir doch mal ehrlich: Wir sind beide elicotteri – aus dem einfachen Grund, weil Signorino unser erstes und einziges Kind ist. Wir haben keinerlei Erfahrung und wollen alles perfekt machen. Hätten wir hier noch zwei andere Kinder herumhüpfen, wäre die Zeit auch deutlicher knapper um sich über solche Details Gedanken zu machen. Einigen wir uns einfach darauf, dass jeder von uns – auf unterschiedliche Art und Weise – ein elicottero ist.“

Va bene! [In Ordnung] Aber du etwas mehr.“ merkt er an. Wir müssen beide lachen. „Wenn du dich damit besser fühlst: sehr gerne!“ stimme ich zu.