Gute Aussichten

Wissen Sie, welches Bild sich mir bietet, wenn ich aus dem Fenster blicke, während ich auf dem Sofa liege wie eine französische Muse, die nur darauf wartet von einem aufstrebenden Künstler gemalt zu werden?

Ahornbäume und viel Himmel. Ist das nicht bezaubernd? Davor starrten wir auf Betonklötze und parkende Autos. Und nun das!

Wenn Sie genau hinsehen, erspähen Sie auf dem Fensterbrett auch die Wasserwaage und die zusammengeknüllten Vorhänge, die nur darauf warten, an der Wand zu wirken. Doch einen Augenblick müssen sie sich noch gedulden, schließlich brauchen auch wir eine kleine Pause.

Haben Sie einen feinen Samstag! Und wenn Sie in den Baumarkt fahren: Lassen Sie mir bitte etwas Wandfarbe übrig. Schließlich muss die „alte“ Wohnung renoviert werden und da der Römer ab Montag wieder Vollzeit ackert und ich mehr Zeit zu haben scheine, bin ich wohl an der Reihe, die Wohnung zu tünchen.

Kein Warmduscher!

Ha! Gestern erzählte ich Ihnen noch etwas schamerfüllt, dass ich ein eingefleischter Warmduscher bin. Doch ist die Not erst noch so groß, dann werden selbst verwöhnte Großstadtkatzen zu wilden Luchsen. Gut, das war jetzt etwas bildlich gesprochen und biologisch eher wenig bis gar nicht korrekt formuliert, denn eine Katze wird nicht einfach zu einem Luchs, selbst wenn sie sich das noch so sehr wünschen möge. Aber Sie verstehen mein Beispiel schon!

Als ich dem Römer heute sagte, dass ich in den Ring, respektiv die Dusche, steige, wollte er mich abhalten, indem er Geschichten aus seiner Jugend auspackte. Nein, sagte er, das würde er mir nicht raten. Als Jugendlicher habe er sich einmal in den Bergen Albaniens im eiskalten Gebirgsbach gewaschen, mit dem Ergebnis, dass seine Gaumenmandeln und Lymphknoten vier Tage lang angeschwollen waren. “Warmduscher!”, sprach ich und schnappte mir entschlossen ein Handtuch. Dann murmelte ich etwas von Russ*innen, die sich in die sibirische Taiga flüchteten und dort, fernab der Zivilisation und dem dazugehörigen Warmwasser, lebten. “Du bist in Oberbayern groß geworden und nicht in der sibirischen Taiga. Warmwasser gab es in Bayern vermutlich en masse. Dein Körper ist das kalte Wasser doch gar nicht gewohnt.”, frotzelte der Römer. Pff! Wenn der wüsste, wie kalt und hart so mancher, oberbayerische Winter war, dann würde er aber ganz schnell, ganz bescheiden werden.

Mutig zog ich in den Kampf. Noch motivierter dem Römer zu beweisen, dass ich hart wie eine alte Brotkruste bin. Erst wusch ich meine Haare. Das ging ganz gut, da Haare, außer an der Wurzel, über keinerlei Kälte- oder Wärmeempfinden verfügen. Dann kam der Körper an die Reihe. In 0,487 Millisekunden pflegte ich meinen Körper, so gut er eben in dieser kurzen Zeitspanne zu pflegen war. Es war kalt, eiskalt und für eine Sekunde entwich mir ein kurzer, spitzer Schrei. Doch dann erinnerte ich mich wieder an mein Mantra: Ich bin kein Warmduscher!

Beim Abtrocknen wickelte ich mich in drei Schichten Handtücher und einen Bademantel ein. Ich sah aus wie eine vollschlanke Matrone. Der Römer lachte, als er mich in meinem Aufzug, noch etwas bibbernd vor Kälte, ins Wohnzimmer tapsen sah. „Hai finito? [Bist du fertig?]“, wollte er wissen und grinste schelmisch. Ich nickte, hob das Kinn ein bisschen mehr und stolzierte an ihm vorbei, um mir einen warmen Tee zu machen. Als ich in der Küche strandete, sah ich einen halb vollen Eimer kochenden Wassers und einen Topf, der gerade damit beschäftigt war, kaltes Wasser auf dem Herd zum Kochen zu bringen. „Was ist das denn?“, schrie ich ins Wohnzimmer. „Mein Duschwasser!„, dröhnte es zurück aus dem Wohnzimmer. Wenige Augenblicke später stand der Römer hinter mir. „Und das soll WIE funktionieren?„, wollte ich von ihm wissen. „Man mischt das heiße Wasser mit dem kalten und so übergießt man sich piano piano [nach und nach].“, erklärte mir der römische Bademeister. „Na dann…„, kommentierte ich sein Vorhaben. Indessen kochte das Wasser und er schüttete den zweiten Topf in den blauen Eimer. „Io me ne vado. [Ich geh‘ dann mal.]“, ließ der Römer mich wissen und schleppte den Eimer in unsere Nasszelle. Was seine und meine Dusche gemeinsam hatten, war der eine kurze Schrei, der durch die Wohnung hallte. Er schüttete sich aus Versehen einen Teil des heißen Wassers über den großen Zeh, berichtete er mir später. Danach gab es keine größeren Unfälle mehr. Fröhliche Platsch- und Spritzlaute, sowie ein beschwingt gesummtes Lied konnte man aus dem Badezimmer vernehmen. 20 Minuten später kam der zufriedene Römer aus der Dusche. Im Gegensatz zu mir, zitterte er nicht.

Es war 12:41 Uhr und irgendwie hatten wir beide den Waschvorgang überlebt. Auch, wenn ich offiziell bewiesen hatte, kein Warmduscher zu sein.

Seit 15:25 Uhr gibt es wieder heißes Wasser, so viel man tragen und verbrauchen kann. Beim nächsten Mal warte ich vielleicht noch etwas länger ab, ob das Warmwasser nicht doch noch zurückkehrt. Oder noch bessser: Ich friere für den nächsten Heißwasserstreik eines ein, damit wir es beim nächsten Mal nur noch auftauen müssen. 😉

Gekritzel an der S-Bahn Station Konstablerwache “Mambo Mambo Mambo”. Und ja, das war es auch unter der Dusche. Bei den Temperaturen kam es einem Mambo sehr nahe.

Parkwächter Krause

Flott fahre ich durch die Toreinfahrt in unseren lang gezogenen Innenhof, der sich an unseren neuen Wohnkomplex schmiegt. Vorbei an den Kombis und Kleinwagen, parke ich in meinem eigenen Winkel, der locker für zwei Autos reichen würde. Dieser Parkplatz, linker Hand begrenzt vom Zaun zu den Nachbar-Mülltonnen und rechter Hand von der Tiefgarageneinfahrt umschlossen, ist ein wahrer Glückstreffer. Schwungvoll steige ich aus. Der Römer, mindestens genauso schwungvoll, schnallt bereits Signorino ab. Neben mir, auf Höhe der Knie, taucht ein kahl geschorener, birnenförmiger Kopf auf. Ich gucke nach unten, denn das Grundstück der Nachbar-Wohnanlage liegt etwas tiefer. “Guten Tag.”, grüße ich den mich musternden Kopf und schnappe mir rasch meine Handtasche. “Morsche! [Guten Morgen!]”, antwortet der glatzköpfige Mitfünfziger auf Hessisch, dessen enges, schwarz-weißes Leibchen sich um seinen ausladenden Bauch dehnt und streckt.

Ein Hinweis vorab: Gerne können Sie den Dialog auch auf dem Dialekt Ihrer Wahl, der am besten zu einem Parkplatz-Hilfssheriff passen würde, lesen. Im Original spielte er sich auf Hessisch ab, wobei mein Teil auf Hochdeutsch gesprochen wurde:

Parkwächter Krause (PK): Wohnen Sie hier?

Ich: Ja.

PK: Ist das Ihr Parkplatz?

Ich: Ja.

PK: Haben Sie den gemietet?

Ich: Ja.

PK: Das heißt, Sie zahlen dafür?

Ich (mittlerweile etwas verwirrt von diesem überraschenden Verhör): Ähm… ja.

PK: Gut, weil ich würde Ihnen raten, dass Sie an der vorderen Wand Ihres Parkplatzes so ein KFZ-Schildchen anbringen, dass das auch wirklich Ihrer ist. Sonst parkt jemand anderes auf Ihrem Parkplatz und dann gibt’s sicher ein großes Geschrei.

Ich: Ein Nummernschild meinen Sie?

Er: Ja, genau.

Ich: Ok, danke. Heute ist unser erster Tag hier. Aber ich erledige das gerne in den nächsten Tagen.

PK: Ja, nur, weil Ihre… also die [sucht das passende Wort] Vor… die Vormenschen, die Ihren Parkplatz vorher hatten, also die, mit dem metallic-blauen Mazda Mx3* mit dem Kennzeichen MG – AB 1234 , die haben ein Mal den Ärger gehabt und deswegen sind wir hier alle vorsichtig geworden!

Ich (erstaunt, dass er das Autokennzeichen der Vormieter, den Autotyp und die Farbe auswendig weiß, während ich mehrere Minuten und absolute Ruhe brauche, um mich an all diese Details meines eigenen Autos zu erinnern – ich nicke langsam): Ja… das verstehe ich.

PK: Ja, nicht dass sie mit Ihrer 5 Meter Kutsch’ keinen Parkplatz finden. Dann ist das Geschrei groß.

Ich (lächle gequält): Das stimmt.

PK: Ich will Sie auch zu nichts nötigen. Weil MIR ist das vollkommen egal (zeigt auf sich und winkt ab), ob Sie jetzt ein Schildchen dranschrauben oder nicht. Aber es kann passieren, dass jemand anderes ansonsten auf Ihrem Parkplatz parkt, weil der das nicht weiß und dann denkt “Ah, der ist frei!”, weil Sie eben kein Schildchen angebracht haben!

Ich: Ja, da haben Sie recht.

PK: Wie gesagt, MIR ist das ganz egal. Ich sag’s Ihnen nur.

Ich: (schaut sich auf der Parkfläche um; jeder einzelne Parkplatz ist mit Schildern markiert) Ja… ähm…danke.

Wir entfernen uns vom Auto. Der Römer zeigt auf die Schilder-Allee und lacht: “Die Predigt hält der wohl jedem neuen Mieter.”

Schild: “Bekannt aus dem Internet” – Ob ich diese Schildaufschrift wählen sollte?

*keine Werbung, aber Sie ahnen es: Ich muss es als solche kennzeichnen.

SauerEI

Und ich sage noch zum römischen Gatten im heimischen Supermarkt: „Du, lass uns lieber zehn Eier (statt sechs) nehmen, die halten länger.“ Das war der erste Fehler einer langen Anreihung an falsch getroffenen Entscheidungen.

Den zweiten Fehler beging ich an der Kasse, als ich dem Römer mit folgendem Satz entlasten wollte: „Amore, gib‘ mir mal lieber die schweren und sperrigen Sachen. Ich lege sie in den Unterkorb des Kinderwagens. Das macht keinen Sinn, dass du alles schleppst.“

Den dritten Fehler machten wir, der Römer und ich, zusammen. Wir waren der Meinung erst die große Einkaufstasche zu entleeren. Danach würden wir in aller Ruhe den Unterkorb ausräumen. Doch Signorino kümmerte sich schon von ganz alleine um den Unterkorb. Erst zog er den 4er Pack Joghurt hervor. Sogleich knüpften wir ihm den Joghurt ab, dachten aber im angeregten Gespräch nicht weiter als bis zum Joghurt-Quartett. Dass im Kinderwagenkörbchen noch andere Artikel auf Signorinos großen Auftritt warteten, kam uns nicht in den Sinn. Daraufhin zog er den Toast hervor und hüpfte damit fröhlich ins Wohnzimmer. Ja, gut. Den würden wir gleich nachher einsammeln, denn bis jetzt weiß er nicht, wie sich der Klippverschluss öffnet.

Somit wären wir bei Fehler Nr. 4 angelangt. Wir vergaßen einerseits, dass im Unterkorb noch Eier lagerten. Andererseits unterhielten wir uns so leidenschaftlich, dass wir – nach Joghurt und Toast – nicht weiter verifizierten, was sich tatsächlich noch im Korb des Kinderwagens befand.

Irgendwann hörte man ein sich in äußerst kurzen Abständen wiederholendes „FLATSCH!“-Geräusch. Ich nahm es nur als Randgeräusch zur Kenntnis, während ich den italienischen Hartkäse einräumte. Der Römer nahm es deutlich bewusster wahr, drehte sich um und schrie: „AAAAH! Figlio mio! Figlio mio! [Mein Sohn! Mein Sohn!]“ Figlio nostro [Unser Sohn] hatte 10 Eier aus ihrem Kartonagen-Zuhause ins Freie katapultiert. Eines überlebte. 9 breiteten sich im Wohnungsflur aus. Der Römer transportierte den jungen Mann, laut schimpfend, ab. Ich wischte derweil die Eierpampe auf. Dazu braucht man übrigens, falls Sie sich die Frage stellen, eine 3/4 Küchenpapierrolle für 9 Eier.

Am Ende war ich dennoch heilfroh, dass der Flurteppich bereits ins neue Heim transportiert wurde. Signorino guckte noch sehr lange sehr betreten. Erst eine Banane lockte ihn wieder aus der Reserve. Schließlich fühlte er sich nach einem halben Vanillepudding später wieder bereit, im Reich der Rabauken zu schalten und walten.

Der Freitagsrapport | KW 29

Nie darf ich was mit Freunden machen!

Nein, er dürfe abends nie ausgehen und generell, nie würde er seine eh schon wenigen Freunde zu sehen bekommen. Was sich anhört wie ein nöliger Teenager, war in Wirklichkeit der offensichtlich benachteiligte Römer. Dann sprach er sein Hauptargument aus: „Und überhaupt, das letzte Mal war ich im Oktober 2020 beim Essen mit Freunden.“ Ich kannte die Corona-Amnesie bereits von anderen Personengruppen in meinem Umfeld und erinnerte den Gatten höflich daran, dass das kein Wunder sei, schließlich war jegliche Art der Gastronomie in den Wintermonaten bis zum Sommer geschlossen. Er war derjenige, der im März fröstelnd herausposaunte, dass er sich mit niemanden mehr außerhalb der warmen Wohnung treffen wollen würde, denn es wäre alles nur zum Mitnehmen und diese Art des Treffens würde nun mal gegen seine südländische Natur gehen. Doch ein Happy End fand sich noch für den armen Römer: Er nutzte die Innengastronomie und traf sich mit zwei Freunden, während ich das Kind eine halbe Stunde eher ins Bett schickte und mich entspannte. Win win auf allen Seiten.

Mezze gab es beim Römer zwar nicht, sondern er war in einer französischen Käse-Bar (was es nicht alles gibt!?). Immerhin hat er seine Freunde gesehen.

Dieser Weg wird kein leichter sein…

dachte ich mir diese Woche, als ich den Römer dazu nötigte mit mir die beiden Bücherschränke im Wohnzimmer auszusortieren. Relativ einfach konnte ich mich von etlichen Büchern trennen. Das lag unter anderem daran, dass ich dazu überging, mir den Namen und eine Kurzzusammenfassung des Inhalts der Bücher zu notieren und auf einer Liste abzuspeichern. Natürlich durfte der Großteil der Bücher bleiben, aber ein Drittel habe ich stolz (und etwas wehmütig) aussortiert und verkauft. Der Römer hatte den gleichen Auftrag. Der Verkauf von italienischen Büchern stellt sich zwar generell als schwierig heraus, doch bis zum Verkauf kam er gar nicht. Jegliche Bücher waren ihm von Nutzen. Meist fingen seine Sätze mit „Aber wenn ich dann mein Doktorat mache, dann werde ich das sicher brauchen, weil…“ an. Dieses Doktorat, das er gerne machen würde, scheint mir bei der Anzahl der dafür benötigten Bücher dermaßen komplex und interdisziplinär zu sein, dass es vermutlich einige Jahrzehnte benötigt, um erfolgreich umgesetzt zu werden. Das Ende vom Lied war, dass der Römer schnell bei der Hand war, MEINE Bücher auszusortieren, solange seine davon unberührt blieben. Somit ist der vorläufige Verkaufsstand des Bücherregals: 30% meiner Bücher und etwa 1% der Bücher des Römers, wobei das eine Prozent aus vier Deutschgrammatik Büchern, Stufe B2 – C1, besteht. Wenn wir so weitermachen, passt mein Hab und Gut in zwei Umzugskartons. Die Umzugskisten des Römers werden jedoch das gesamte Wohnzimmer ausfüllen. Vielleicht sollte ich ihm sagen, dass jeder seine eigenen Kisten transportieren muss?

Wie sich mein Leben momentan anfühlt

Umzug, neuer Job, Studium und natürlich Kind und Mann. Alle zerren an einem wie diese Hunde an ihrem Herrchen. Doch beschweren möchte ich mich absolut nicht. So viel wie in diesem Jahr schaffte ich in den letzten fünf Jahren nicht.

Die Empfehlung der Woche

Ich hörte gestern einen Podcast der Zeit-Serie „Verbrechen“. Dort stellen Sabine Rückert und Andreas Sentker jede Woche einen anderen Kriminalfall vor und beleuchten ihn von allen Seiten. Gestern stolperte ich über die Folge „Der Fluch des letzten Willens“. Es geht um eine ältere Dame, deren Mutter vor Jahrzehnten an Demenz erkrankte. Sie fand diesen Zustand der Mutter und die „Aufbewahrung“ im Heim (wir stellen uns ein Pflegeheim in den 80er Jahren vor) so bedrückend und niederschmetternd, dass sie verfügte, sollte sie jemals an Demenz erkranken, man möge ihr bitte Sterbehilfe leisten. Dann erkrankte sie tatsächlich. Und sie wurde getötet – obwohl sie ihre Meinung inzwischen geändert hatte.

Was mich an dieser Podcast Folge so nachdenklich stimmte, ist, dass wir Menschen unser Sein über unseren Intellekt definieren. Die Dame verfügte, dass sie im dementen Zustand nicht mehr leben wolle, da dieser Zustand ihr nicht mehr lebenswert erschien. Gleichwohl war sie aber im stark dementen Zustand nicht unzufrieden mit ihrem Status. Und sie war immer noch ein Mensch mit Gefühlen. Obgleich sie vermutlich nichts mehr mit einer Tageszeitung anfangen konnte, so empfand sie dennoch Freude an einer warme Tasse Kakao. Allein der Anspruch verschob sich. Man muss allerdings dazu sagen, dass sie den Zeitpunkt überschritten hatte, in dem sie sich bewusst war, in welchem Zustand sie sich befand.

Diese Folge sei all jenen empfohlen, die sich aus dem Schwarz-Weiß-Denken der Demenz lösen möchten und bereit sind, sich auf einen anderen Blickwinkel einzulassen. [Hier geht’s zum Podcast]

In eigener Sache

Diese Woche veröffentlichte ich einen passwortgeschützten Artikel. „Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?“, schrieb mir Lore einmal dazu. Recht hat sie natürlich! Liebe Leser, haben Sie keine Scheu nach dem Passwort zu fragen. Manche Themen veröffentliche ich lieber unter einem Passwort, da man nie weiß, wer über den eigenen Blog stolpert und ich ungern durch mein heiß geliebtes Hobby einschneidende Nachteile davon tragen möchte. Eine Email an info@zwischentiberundtaunus.com reicht vollkommen aus.

Ein passwortgeschützter Artikel – bildlich dargestellt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende, starten Sie gut in diese letzte Juli-Woche 2021 und bleiben Sie gesund und munter.

Soziale Medien anstatt sozialer Werte

Ellen steht hinter mir an der Supermarktkasse. Neben ihr steht ihre namenlose Freundin. Woher ich weiß, dass Ellen so heißt, wie sie eben heißt, liegt daran, dass die Namenlose den Vornamen ihrer Freundin bei jedem erneuten Gesprächseinfall fast herauskreischt. Derer gibt es viele, meist aber relativ seichte, wie mir scheint. Vielleicht liegt mein vernichtendes Urteil des Gesprächsniveaus der beiden, jungen Frauen auch daran, dass ich zu einer Zeit aufgewachsen bin, in der man noch ein Festnetz Telefon mit Wählscheibe hatte. Erst 1996 hatte mein Vater ein oberschenkelknochengroßes Mobiltelefon mit einer ellenlangen Antenne. Aber ich schweife ab….Zurück zu Ellen und der Namenlosen. Letztere stellt meist ein „Boa“ vor den Vornamen Ellen, bevor sie ihrer Freundin wieder einen weiteren, wenig geistreichen Einfall mitteilen muss. Derweil schlängelt sich eine recht lange Kundenschlange vor Kasse 1 bis zu den Tiefkühltruhen, in denen der Blattspinat cool vor sich hin meditiert. Kasse 2 ist auch auf, aber auch dort akkumuliert sich eine Menschentraube samstagnachmittäglichen Ausmaßes. Mehr Besetzung des Kassenpersonals wurde für diesen Tag um 16:06 Uhr anscheinend nicht eingeplant. Wobei ich nicht unerwähnt lassen will, dass Kasse 3 bei unserem Betreten des Supermarktes hastig schließen musste. Ein probiotischer Anschlag hatte sich anscheinend vor dem Joghurtregal ereignet, weswegen der rothaarige Auszubildende, der sich bis dahin als flotter und höflicher Akteur an Kasse 3 bewiesen hatte, zum Tatortreinigen verdonnert wurde. Solche Notfälle sind in Dienstplänen vermutlich nur schwerlich einzuplanen und deswegen stehen wir hier vor der Supermarktkasse, als würden wir auf den einfahrenden Regionalzug nach Niederwalluf warten.

Mein römischer Gatte befindet sich derweil noch in der Tiefkühlabteilung, um zu verifizieren, ob unser Lieblingseis immer noch ausverkauft ist oder ob bereits ein „Restock“, wie man so schön auf frankfurterisch englisch sagt, stattgefunden hat.

Boa, Ellen!”, quietscht die Namenlose schon wieder, “Weißt du noch wie wir mal bei Insta* Werbung für dieses mega ätzende Getränk gemacht haben? Irgendwas mit Vitamin C? Boa, voll die Verarsche für die Follower, die das gekauft haben.” Die Namenlose kichert unangenehm schrill und wirft ihr langes, blondes Haar nach hinten. Ellen prustet ebenso los und klopft anerkennend auf die Schulter der Namenlosen. Ich drehe mich kurz um, um die Instagram Schönheiten zu begutachten. Hübsche Mädchen in Sport-BHs und engen Leggings mit Camouflage-Aufdruck. Ich muss zugeben, dass der Tarn-Aufdruck in der Großstadt auch absolut Sinn macht. Besonders, wenn sie so einen Quatsch bewerben und dafür Geld kassieren. Vermutlich müssen sich die beiden Schönheiten öfter vor ihren Frankfurter Followern in die Büsche flüchten, um von ihnen nicht gelyncht zu werden.

Ich rücke in der Schlangenchoreographie einen Schritt nach vorne und lege meine Ware auf das Kassenband. Signorino versucht währenddessen im Kinderwagen alle Papiertüten unter der Kasse hervorzuziehen. Er scheint ziemlich beschäftigt, als ich den Kinderwagen hektisch in die Gegenrichtung lenke und gleichzeitig mit der rechten Hand den Basilikum und drei glitschige Tüten Mozzarella aufs Band werfe. Mein Manöver gelingt. Die Papiertüten bleiben heil und an ihrem angestammten Platz unter dem Kassenband. Nur Signorino scheint mit der Situation unzufrieden zu sein und protestiert laut. Unbeirrt lade ich weitere Artikel aufs Band und beruhige Signorino.

Hinter mir rollt eine ältere Frau mit Rollator an. Sie will zwischen Ellen, der Namenlosen und mir einscheren. Der Korb des Rollators ist knallvoll. Schlaffes Möhrengrün hängt heraus. Ellen dreht ihr Sportwässerchen in der schmalen Hand und zupft sich einen Fussel von den olivgrün gemusterten Sport Leggings. “Boa, ne! Ich will nicht, dass die Alte sich hier vordrängelt. Haaaallo?! Die soll sich hinten anstellen, so wie wir!“, regt sich Ellen auf. Die Namenlose nickt eifrig. Ihre großen, goldenen Kreolen klimpern zustimmend. Dann steigt sie in das nölige Gezeter mit ein. Die beiden Instagram-Schönheiten drängen sich dicht hinter mir, damit die ältere Dame keine Chance hat, einzuscheren.

Ich stolziere zum Anfang meiner Einkäufe auf dem Band und schiebe sie mit dem Warentrenner auf einen Rutsch nach hinten, so dass nun eine große Lücke zwischen den Einkäufen des Vordermanns und meinen Einkäufen entstanden ist.

“Entschuldigung, die Dame?! Kommen Sie bitte vor mich. Ich habe Ihnen etwas Platz auf dem Kassenband gemacht.”, spreche ich in Richtung der älteren Dame. Dann schere ich mit dem Kinderwagen nach hinten aus und flöte ein “Sorry, ich muss mal eben die Dame vor mich lassen. Man kann sich gar nicht vorstellen, was es heutzutage für seltsame Leute gibt, die gar keine Rücksicht mehr auf die ältere Generation nimmt!” Ich lächle zuckersüß unter meiner Maske und streichle Signorino über den blonden Kopf. “Was hat die gerade gesagt? Boa, Ellen?! Echt jetzt?!”, zischt die Namenlose.

Der Römer kommt angetrabt – vollbeladen mit Eis. Gefühlt verdoppelt sich unsere Einkaufsmenge gerade. “Permesso! [Entschuldigung!]”, tönt er und drängt sich an der Schlange vorbei. Dann klatscht er seine Eisladung auf das Kassenband. “Amore, das war alles im Angebot. Deswegen habe ich jetzt ein bisschen mehr genommen. Wer weiß, wann hier wieder aufgefüllt wird.“ , erklärt er mir.

Vielleicht ein guter Ratschlag für Ellen?

Ellen und die Namenlose bekommen tennisballgroße, vor Unverständnis schäumende Augen. Gleichzeitig fällt den beiden jegliche Mimik aus dem gebräunten Gesicht. Dabei wollten sie doch nur ihr Sportwässerchen bezahlen.

Hätten die beiden mal lieber auf soziale Werte als auf social media gesetzt, dann hätte ich sie selbstredend vorgelassen. 😉

*Instagram (absolut keine Werbung für diesen Verein)

Wie Eltern Kinderkrankheiten durchstehen

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ sagt man, oder schöner, weil ursprünglicher: „lupus est homo homini.“ Ein Halbsatz, der von einer Komödie von Titus Maccius Plautus übernommen wurde, leitet meist einen sozialkritischen Artikel ein, werden Sie denken. Aber nein, liebe Leser! Vielmehr beschreibt es den Umgang zwischen dem Römer und mir, wenn Signorino krank ist.

Ein Glück passiert das nicht so häufig. Das erste und letzte Mal hatte unser Ableger Fieber als Nebenwirkung einer der zahlreichen Impfungen im ersten Lebensjahr. Wir wussten, woher es kommt. Wir gaben ein schmerzstillendes Zäpfchen. Das Kind beruhigte sich. Die Nacht war holprig. Das Leben plätscherte, unberührt davon, einfach so weiter.

Doch diesmal war es anders: Am Donnerstag, dem Feiertag, fing es an. Das Kind war wärmer als sonst. Als Mutter und lebendes Fieberthermometer erkenne ich die geringste Veränderung der kindlichen Körpertemperatur. Meine Messung erfolgt meist durch einen flüchtigen Kuss auf die Signorino’sche Stirn. Eine andere Messtechnik ist eine klebrige, einen Moment zu lange verweilende, kindliche Patschehand an meiner Wange. So teilte ich dem Römer sofort meine Beobachtung mit, während wir am Rand des Sandkastens saßen. Der Römer starrte seine nackten Zehen in den offenen Schuhen an und fragte sich vermutlich, wie er mit seinem akkurat gebügelten Leinenhemd und den Bermudashorts auf dieser dreckigen Sandkastenbegrenzung Platz nehmen konnte. „Ancora?! [Schon wieder?!] Das sagst du immer.“ , antwortete er und klopfte etwas Sand von seiner beigen Hose. „Er scheint doch ganz fit zu sein.“, schilderte er daraufhin seinen Eindruck. Aufmerksam beäugten wir jeden Tapser des kleinen Farnientes, der eifrig eine grüne Kindergießkanne durch die Sandkiste warf. „Jaaa….aber irgendetwas ist anders.“, äußerte ich meinen mütterlich geleiteten Verdacht. Der Römer bestand darauf, abzuwarten. Klar, was hätten wir auch machen sollen? Es war Feiertag. Und besonders faktenbasiert war meine, vom Instinkt geleitete, Vermutung eben auch nicht. Außerdem war es sommerlich-warm draußen. Dazu sprang das Kind wie ein Perpetuum mobile über den weitläufigen Spielplatz. Am Ende war es vielleicht nur der schwül-warmen Außentemperatur geschuldet, dass ich den Eindruck hatte, er wäre wärmer als sonst.

Nach einiger Zeit sammelten wir das überall verteilte Sandspielzeug ein und trotteten zur römischen Pizzeria des Vertrauens. Dort angekommen schnackten wir eine Runde mit Daniele, dem Pizzabäcker und gerieten bei der Rückkehr nach Hause in den ersten, sommerlichen Platzregen des Jahres. Dabei lagen zuerst die Pizzen im Kinderwagen und Signorino weilte auf dem Arm des Vaters, da er seinen Buggy als momentan unzumutbar beurteilte. Dann ächzte die Armmuskulatur des Römers nach einem Kilometer unter dem Gewicht des Kindes. Er bestand darauf, dass das Kind in den Kinderwagen gehörte. Die drei, deutlich leichteren Pizzen sollten stattdessen auf dem römischen Arm weilen. Dieser Gedanke wurde mit großem Unverständnis seitens Signorinos aufgenommen. Doch der Römer gewann. Im feucht-warmen Gewitter flüchteten wir nach Hause. Signorino war bei diesem Spurt lediglich von ein paar, wenigen Tropfen getroffen worden. Dies war in allererster Linie seiner wasserdichten Plastikhülle über dem Buggy zu verdanken. Wir Erwachsenen trieften vor Regenwasser als wir daheim angekommen waren. Rasch assistierten wir dem lautstark zeternden Signorino beim Kleiderwechsel. Auch wenn die Anziehsachen des Kindes kaum nass waren, so bestand ich dennoch darauf, den Ableger vorsichtshalber in den hellblauen Schlafanzug zu verfrachten. Als wir ihn umzogen, bemerkte der Römer das vorhin von mir geäußerte Phänomen: „Non lo so, ma… [Ich weiß nicht, aber…] das Kind ist irgendwie wärmer als sonst.“ Ich ersparte uns allen mein obligatorisches „Hab‘ ich dir doch gesagt.“ und nickte nur sehr besorgt. Ja, irgendwie schien die Körpertemperatur des Kindes etwas höher als sonst zu sein. Nach dem Essen brachten wir Signorino planmäßig ins Bett. Recht schnell schlief er ein.

Der Römer und ich widmeten uns unserer Feierabendbeschäftigung, die daraus bestand, dass ich die chaotische Ablage aller angesammelten Briefe der letzten sechs Monate sortierte und er in einem Fachbuch las. Doch ich konnte kaum die ersten Briefe von Ende Mai 2021 abheften, als das Kind lautstark krisch. Routiniert ging ich ins Schlafzimmer, bewaffnet mit einer Flasche Wasser, und war noch so naiv zu glauben, dass er gleich wieder einschlafen würde. Vermutlich war das auch mein Glück! Denn hätte ich gewusst wie die Nacht verlaufen würde, wäre ich als Nichtraucher wohl mit quietschenden Reifen „Zigaretten holen“ gefahren. Ich versorgte den jungen Mann mit Wasser, gab sicherheitshalber noch etwas Zahn-Gel auf den Schnuller und begann das Kind in den Schlaf zu singen. Sogleich fielen die müden Äuglein zu, nur um Sekunden später wieder aufzuleuchten. Ähnlich wie zwei große Stadionscheinwerfer funkelten sie im Halbdunkeln. Dies wurde von einem sirenenhaften Schreien untermalt. Als nicht mehr ganz neue Mutter stürzte ich mich ins „Troubleshooting“ und begann meine eigens konzipierte Liste abzuarbeiten. Nichts half! Kein schnulziges Musikvideos wie sonst, kein Schnuller, kein Kuscheln, keine akrobatische Nummer, in der ich singend mit einem Elefanten und einem rosa Einhorn jonglierte. Stattdessen schrie das Kind aus vollem Halse. Es wurde auch nicht müde. Ganz im Gegenteil! Immer mehr brüllte es sich in Rage. Nach dreißig Minuten erfolgloser Fehlerbehebung und einem leichten Surren auf meinem rechten Ohr, wusste ich nicht mehr weiter. Zeitgleich wurde der Römer durch eine göttliche Fügung (oder Signorinos ohrenbetäubendes Geschrei) ins Schlafzimmer geleitet. In die Hand hatten ihm die Götter ein Fieberthermometer und ein dazugehöriges Zäpfchen gedrückt, wie es schien. „Ja…ja… mach mal!“ brüllte ich gegen das kindliche Geschrei an. Der Römer desinfizierte das Fieberthermometer und unter lautem Gekreische maßen wir Fieber bei dem kleinen, kreischenden und knallroten Bündel. 37.9 °C zeigte das Thermometer an. Erhöhte Temperatur. Aber das Kind schien Schmerzen zu haben, also schickten wir das Zäpfchen auf seine Reise, was mit einem sich windenden Kind wahrlich nicht einfach war. Nach einer viertel Stunde beruhigte sich der kleine Kerl und das Kreischen verwandelte sich in ein herzzerreißendes Wimmern.

Mein römischer Gatte und ich waren nervlich und körperlich stark angeschlagen. Durchgeschwitzt bis auf das Unterhemd saßen wir auf dem Sofa. Der gequält wirkende Minimensch drückte sich gegen meinen Oberkörper und hielt mit beiden Händen meine rechte Hand ganz fest. Er schniefte und jammerte dabei. Es war mittlerweile Mitternacht.

Nach einer Weile legten wir ihn erneut schlafen, was uns, vermutlich durch das Fieberzäpfchen, recht rasch gelang. Erschöpft schliefen wir, den kleinen Mann wie zwei Klammern flankierend, ein. Nach zwanzig Minuten weckte uns ein ohrenbetäubender Lärm. Die Signorino’sche Sirene war wieder aktiviert worden und er schrie und schrie. Wieder gingen wir zum Troubleshooting über, versuchten alles vom fehlenden Schnuller bis zum Öffnen des Schlafsackes. Kekse wurden gebracht, dann Wasser, kurz darauf lauwarmer Kamillentee, doch er ließ sich nicht beruhigen. Es wurde geschukelt, gesungen, selbst das blinkende, laute Spielzeugauto wurde ausgepackt. Doch es war zwecklos! Nach einer Stunde durchgehendem, körperlich schmerzendem Plärren, fingen wir Eltern an, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen. Wir warfen uns spitze Kommentare vor die Füße, die nur zum Zweck hatten, von unserer absoluten Hilflosigkeit abzusehen. „Jetzt guck doch mal bei Google* nach, was das sein könnte!“, motzte ich den Römer an. Das Kind bebte und heulte unverändert weiter. Der Römer folgte meinem dämlichen Kommentar, nachdem er merkte, dass eine Diskussion mit einer aufgebrachten Mutterfurie zwecklos erschien. Er gab irgendetwas mit „febbre“ [Fieber] „bambino“ [Kind] und „non smette di strillare“ [hört nicht auf zu schreien] ein. Dann wischte er wenig überzeugt einige Minuten durch die Suchergebnisse und legte schlussendlich das Handy weg. „Das ist doch alles Quatsch!! Als ob Dr. Google eine ordentliche Diagnose stellen könnte!!“ schmetterte er mir entgegen. Ich, immer noch absolut ohnmächtig in der Situation mit dem kreischenden Signorino, der sich partout nicht beruhigte, verfing mich in einem gepfefferten Wortschwall, der nur zeigte, wie überfordert und wenig rational ich in einer Ausnahmesituation war. Denn natürlich hatte der Römer vollkommen Recht! Dr. Googles Diagnosen sind zwar gut gemeint, nicht aber gut gemacht.

In meinem Tunnel aus Erschöpfung und Verzweiflung ließ ich mir das Handy geben. Das Kind, das immer noch aus voller Lunge brüllend versuchte, in mich zu kriechen, erschien mir noch etwas wärmer als vorhin. Ich nahm die Sache selbst in die Hand und suchte im Internet nach Diagnosen. Der Römer stand einfach nur neben uns. Was hätte er auch tun sollen? Es gab nichts zu tun außer das Geschrei Signorinos auszuhalten. Während ich panisch und aufgebracht nach jedem Strohhalm, den mir die Suchmaschine ausspuckte, griff, riss sich der Römer los und desinfizierte erneut das Fieberthermometer. „Hirnhautentzündung?!“, sprach ich erschrocken in die Nacht. Na klar, die Symptome passten alle! „Das ist doch vollkommen unwahrscheinlich! Signorino ist einfach nur müde und hat Fieber.“, antwortete der Römer ernst. Er nahm mir den nach Luft schnappenden und immer noch plärrenden Signorino ab, der daraufhin komplett ausrastete. Keiner durfte ihn von seiner Mutter trennen. „Was machen wir jetzt? Fahren wir ins Krankenhaus?“, wollte ich vom Römer wissen. Mittlerweile schrie das Kind seit zweieinhalb Stunden durch, ohne dass es auch nur einen Hauch seiner Stimmgewalt einbüßte. Bereits als Säugling war das seine große Stärke, aber ich war mir sicher, dass wir diese Phase bereits hinter uns gelassen hatten. „Wir ziehen uns mal an und setzen uns ins Auto. Nimm sicherheitshalber die Krankenkassenkarte von Signorino mit!„, übernahm der Römer das Ruder. Ich lief immer noch wie ein kopfloses, panisches Huhn durch die Wohnung. Ein brüllender Säugling ist eben ein ganz anderer Katalysator in einer fiebrigen Situation als ein ruhig vor sich hin fieberndes Kind. Ich streifte mir irgendein Oberteil über, das vermutlich dem Römer gehörte. Aber in dieser Situation, um zwei Uhr nachts, waren meine modischen Ansprüche absolut nichtig. Dazu hüpfte ich in eine Hose, deren alleiniger Besitz schon mehr als zweifelhaft war. Angezogen wirkte sie noch etwas lächerlicher als in meiner Hand. Aber auch das war mir vollkommen egal! Ich wollte nur, dass unser Ableger endlich, endlich aufhörte zu schreien. Denn ich verstand meine eigenen Gedanken nicht mehr.

„Autoschlüssel, Hausschlüssel, Krankenkassenkarte, Wasser für Signorino?“, fragte der Römer stakkatoartig. Ich nickte wie in Trance. Ja, ja. Alles da. Hastig rissen wir die Wohnungstür auf. Das Kind schniefte einen Moment und guckte sich im dunklen Hausflur um. Dann eilten wir zur Haustüre und waren im Freien. Signorino drehte seinen Kopf neugierig in alle Richtungen, musterte den weißen Sportwagen der Labradoodle-Nachbarn und den silbrig glänzenden Grill der Nachbarn. Er war so mit Gucken beschäftigt, dass er vermutlich komplett vergaß, dass er seit mehreren Stunden durchschrie wie am Spieß. Irritiert gingen wir zum Auto. Das Kleinkind ließ sich genügsam anschnallen und gluckste, als ich den Motor des Autos startete. Der Römer saß bei ihm im Fond und hielt seine warme Hand. Es war zwei Uhr dreißig morgens. Außer ein paar jugendliche E-Roller Fahrer und wenige Autos, die ungehindert durch die Innenstadt glitten, schlief Frankfurt den Schlaf der Gerechten. „Und jetzt? Ins Krankenhaus ist doch auch irgendwie doof jetzt, oder?“, interessierte mich die Meinung des Römers. „Secondo me, basta di fare un giro. [Ich glaube, es reicht eine Runde im Auto zu drehen.]“, sprach der Römer. Wir fuhren von Ost nach West. Von West nach Nord und dann in den Süden Frankfurts. So lernte ich, dass es momentan eine Baustelle auf der Bockenheimer Landstraße gab. Außerdem wurde das furchtbar hässliche Gebäude am Opernplatz 2, schräg gegenüber der Alten Oper, abgerissen. Staunend fuhr ich uns durch eine Stadt, die mir vollkommen unbekannt schien. Vermutlich ist es wahr, dass man mit einem Kleinkind nur im eigenen Stadtviertel umher zirkelt.

Als ich beinahe einen rot-weißen Leitkegel auf der Straße übersah, beschloss ich, dass es jetzt an der Zeit wäre, heimzukehren. Innerlich betete ich, dass der Parkplatz vor der Tür noch frei wäre. Ansonsten müsste ich das Auto um diese Zeit in die 700 Meter entfernte Tiefgarage bringen und dazu hatte ich am frühen Morgen wirklich überhaupt keine Lust. Langsam rollte ich unsere Wohnstraße entlang und sah, dass mein vorheriger Stellplatz direkt unter unserem Wohnzimmerfenster immer noch unbesetzt war. Juhu! Wenn jetzt noch das Kind schlafen würde, wäre das eine wirklich erfolgreiche Fahrt gewesen. Aber nein! Das Kind war noch wach. Immerhin war es gefestigt genug, als dass es wieder ab und an gluckste und nicht mehr ohrenbetäubend krisch. Der Römer nahm den kleinen Menschen aus seinem Autositz und trug ihn ins Haus. Ich blieb noch einen Moment im Auto sitzen, lehnte meinen schwergewordenen Kopf gegen das Lenkrad und atmete tief durch. Ob ich einfach hier schlafen könnte? Wahrscheinlich war der römische Ehemann dagegen und auch das Kind würde sich wieder die Seele aus dem Leib brüllen.

Ich nahm meine Tasche, sperrte das Auto ab und ging ins Haus. Ein kleiner, rotbackiger Signorino begrüßte mich und gähnte herzhaft. Es war beinahe vier Uhr. Wir schliefen ein, wurden aber im weiteren Verlauf der Nacht alle vierzig Minuten von einem schrillen Signorino-Schrei geweckt, der bald darauf wieder einschlief.

Um acht Uhr war die Nacht vorbei und wir am Ende. Ich rief die Kita an und teilte mit, dass Signorino heute definitiv nicht eingewöhnt werden würde. Am Ende des Gesprächs wünschte ich ein geruhsames Wochenende. Dann rief ich den Kinderarzt an und mir fiel beinahe das Telefon aus der Hand, als die freundliche Anrufbeantworterstimme flötete, dass das Praxisteam den Brückentag zum Anlass nahm, erst am Montag wieder die Praxistüren zu öffnen. „Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie alles Gute und hoffen, Sie haben ein angenehmes Wochenende.“ , zwitscherte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich legte auf und fragte mich, ob der letzte Satz pure Bosheit oder kristallklare Ignoranz war? Wenn jemand an einem Freitagmorgen beim Kinderarzt anrief, dann würde er das wohl nicht tun, weil er über seine geruhsamen Wochenend-Pläne plaudern will. Sicherlich mochte es auch hier einige, wenige Ausnahmen geben. Aber ich hier hatte ein fieberndes Kind! Außerdem bin ich eine unerfahrene und deswegen panische Mutter eines Einzelkindes!

Ich informierte mich, ob es einen ärztlichen Bereitschaftsdienst gäbe. „Male.“ [Schlecht.]“ murmelt der Römer, während er über meine Schulter guckte und das leidende Kind schaukelte und schuckelte. Ja, wirklich male. Der Bereitschaftsdienst würde sich zu seiner Bereitschaft erst ab 16 Uhr bekennen. Ich atmete lange aus. Dann griff ich nach einem letzten Strohhalm. Wer vier Kinder groß gezogen hatte, der würde sicher auch einen Tipp für den fiebernden Enkel und die panische Tochter haben. Ich rief meine Mutter an. Und siehe da: Wie nicht anders zu erwarten war, hatte sie nicht nur einen Tipp, sondern einen bunten Strauß voller Lösungen parat. Wir befolgten ihren Crashkurs zum Thema „krankes, fieberndes Kind“ und hielten uns strikt an ihre Vorgaben. Bereits am Nachmittag ging es Signorino besser. Er trank wieder etwas regelmäßiger, außerdem aß er ein wenig Brot und, das war noch viel wichtiger, das Fieber ging langsam zurück.

Die darauffolgende Nacht war, dank eines intensiven Nachtschrecks, noch einmal herausfordernd. Diesmal half auch keine frische Luft mehr. Letztendlich hielt ich das Signorino’sche Geschrei neben mir einfach aus, während er wütend die Wasserflasche und seinen Gladiatioren-Bär durchs Schlafzimmer warf. Aus lauter Verzweiflung versuchte ich mit ruhiger Stimme ein Kinderbuch vorzulesen. Ob es dabei mir mehr half oder ihm, weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir uns beide beruhigten. Ich etwas schneller als er. Nach etwa einer Stunde und vierzig Minuten Dauergeschrei aus voller Lunge entspannte sich der Ableger und schluchzte nur noch ab und an. Er wachte zwar im 30 Minutentakt jammernd auf, aber kuscheln reichte ihm vollkommen. Nur der körperliche Kontakt zu mir durfte bloß nicht abreißen, sonst ging die Sirene wieder los. Am nächsten Morgen war das Fieber weg und die erhöhte Temperatur ebenfalls.

Der Römer und ich lagen uns am Morgen erschöpft und geschafft in den Armen. „Wie andere Leute mehr als ein Kind haben können, bleibt mir ein Rätsel.“ flüsterte mir der Römer ins Ohr. „Für mich ist das Thema eh durch. Ich schaffe pro Leben nur ein Kind.“ Dann umarmten wir uns nochmal ganz fest. Der Römer gab mir einen Kuss auf die Wange. Doch sogleich schob sich eine kleine Hand zwischen das römische und mein Knie und zwei grün-blaue Augen blitzten uns schelmisch an. „MamaPapa!“ maunzte Signorino, ließ sich auf den Boden plumpsen und klopfte mit einem Holzkochlöffel auf den Teppich. MamaPapa machten sich einen dritten Kaffee und gähnten sehr lange und intensiv.

Leider reichen meine Lateinkenntnisse für meine, aus dieser Krankheit gewonnene Weisheit nicht aus, aber der Satz geht in etwa so: Der Elter ist dem Elter ein Wolf, insbesondere, wenn das Kind seit Stunden wie am Spieß schreit.

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Erstaunliche Szenen aus dem Zoo

Wir waren gestern im Zoo und haben gelernt, dass wir es erst wieder in einem halben Jahr mit Signorino im Zoo versuchen werden. Die Tiere haben ihn überhaupt nicht interessiert. Nicht ein My! Nur mit seinem Holzhammer wollte er auf dem Sandpistenweg hämmern. Danach hämmerte er noch am Gehege der Ziegen. Dabei war das Holz des Zauns deutlich interessanter als die Ziegen, die neugierig ihren Kopf durch die dunklen Holzlatten streckten. Selbst der struppige Paarhufer verstand nicht, warum Signorino nicht auf ihn abfuhr, so wie er es von den restlichen Kinder gewohnt war. Aus lauter Mitleid tätschelte der Römer den Ziegenkopf. Dankbar streckte die Ziege ihm ihre komplette Flanke entgegen, damit sie noch mehr gestreichelt werden konnte.

Dann lief Signorino davon und eine wirklich schöne Szene spielte sich daraufhin ab. Dazu muss ich Ihnen vorab mitteilen, dass ich diese Eigenart habe, Signorino diverse, immer wechselnde Spitznamen zu geben. Es ist wohl ein väterlicherseits vererbter Tick, denn von eben diesem habe ich diese seltsam anmutende Marotte. Sein gestriger Spitzname war Mörpls. Fragen Sie mich bitte nicht nach dem versteckten Sinn oder gar der Bedeutung, denn auf diese Fragen kann ich Ihnen beim besten Willen nicht antworten.

So brüllte ich also dem flüchtenden Signorino seinen tagesaktuellen Namen hinterher.

MÖÖÖÖRPLS! MÖÖÖÖRPLS! MÖÖÖRPLS!! SIGNORINO!! Kannst du bitte mal einen Moment stehen bleiben?!“ schallte meine Stimme vorbei am Ziegengelände.

Ein älteres Ehepaar, vermutlich begleitende Großeltern, standen unweit von mir entfernt. Er im hellblauen Karohemd, hellbeige Weste, beige Stoffhose. Sie trug eine Capri-Jeans und eine lachsfarbene Leinenbluse. Darüber einen über die Schulter gelegten und vor der Brust verknoteten, cremefarbenen Pullover. Beide guckten sich irritiert an, als sie den vermeintlichen Namen des Kindes von mir laut rufend hörten.

Er beugte sich zu seiner Frau und bemerkte viel zu laut, während ich vorbeihaste: „Mörpls-Signorino? Ingrid, hast du das gehört? Die Kinder von heute bekommen auch immer idiotischere Namen.“ Ingrid drehte sich zu Signorino und mir um, denn mittlerweile hatte ich den kleinen Kerl eingeholt. Wir standen immer noch in Hörweite, aber das schien Ingrid nicht zu bemerken.„Mörpls-Signorino!“, spuckte sie entrüstet aus und musterte mich dabei ganz genau. „Und wir dachten, der Name Alea-Estelle wäre schon eigenwillig. Walter, da sind wir richtig gut weggekommen mit unserem Enkelkind. Denk mal an die armen Großeltern von Mörpls!“

Ich zog den protestierenden Signorino am Arm Richtung Kinderwagen. „Komm, Mörpls-Signorino, wir gehen zu deinem Vater!“, sprach ich ernst und kicherte erst, als ich aus Ingrids und Walters Sichtfeld verschwunden war.

Hinter verschlossenen Türen

Ich schlüpfe in meinen linken Schuh, binde ihn zu und komme in einer schnellen Bewegung wieder in den Stand. „Okay, wir können los.“, sage ich, schnappe mir meine Tasche und gehe einen Schritt auf den Römer zu. „Si, un attimo. [Ja, einen Moment.]“, antwortet dieser. Das Kind ist im Buggy, der Römer vollständig angezogen und ich bin ebenso ausgehfein. „Auf was warten wir denn?“, will ich neugierig von ihm wissen. Er steht wie angewurzelt da und bewegt sich keinen Zentimeter. „Auf nichts.“, erwidert er knapp. Doch immer noch macht er keine Anstalten zur Türklinke zu greifen und die Wohnungstüre zu öffnen. Ich warte einige Sekunden, in denen ich ihn verwirrt anstarre. „Fühlst du dich nicht gut?“, frage ich ihn schließlich, denn sogleich kommt mir sein gestriger Migräneanfall in den Sinn. „Sto benissimo, grazie amore.[Mir geht es sehr gut, danke Liebling.]“ , gibt er, immer noch kurz angebunden, zurück. „Aber auf was warten wir denn dann? Los, lass uns raus in die Sonne*!“ , fordere ich ihn mittlerweile sehr genervt auf. „Si! Subito. Un momento! [Ja! Sofort. Einen Moment.]“ , spricht er wieder und steht immer noch da, wo er eben stand. Signorino fängt an quengelig zu werden, weil er dringend an die frische Luft möchte. Dann macht der Römer einen Schritt nach vorne und wird dabei quasi Eins mit der Haustüre. Er schiebt die Klappe des Türspions zur Seite und schielt hindurch. „Sag mal, was machst du da?!“, motze ich ihn nun an und finde die Situation höchst dubios. „Sssscht!!“, macht er und dreht sich mit angespannten Zornesfalten zu mir um. Dazu legt er die Kante seines ausgestreckten Zeigefinger auf seine minimal geöffneten Lippen. Nach einem kurzen Augenblick widmet er sich wieder seinem Türspion. „Was ist denn los mit dir?“, flüstere ich patzig in seine Richtung. „Un attimo! Hubsi e Schnubsi stanno per uscire. [Einen Moment! Hubsi und Schnubsi gehen gerade raus.]“ , erklärt mir der Römer leise. „Na und? Warum sollten wir deswegen in der Wohnung bleiben?“, will ich von ihm wissen und Signorino fängt an mit seinem grünen Holzhammer gegen die Wand zu schlagen. „Dai, lascia stare. [Komm, lass es gut sein.]„, entgegnet mir der Römer etwas genervt. „Ne, ich will jetzt eine Erklärung, warum wir hier drin, wie bestellt und nicht abgeholt, warten müssen!“, knalle ich ihm meinen Frust vor den Kopf. „Weil die Zwei sich immer verbal an uns ranwerfen, wenn wir mit Signorino rausgehen. Und das erzwungene Gespräch dauert dann Minuten. Darauf habe ich keine Lust! Also warte ich lieber, bis sie außer Sichtweite sind und gehe dann eben ein paar Minuten später aus der Wohnung.“ , begründet er sein Verhalten. Ich lache schallend – und vermutlich zu laut. „Wow, du bist echt gut integriert in die deutsche Gesellschaft. Respekt!“ Er mustert mich verwirrt. „Was soll das denn jetzt bedeuten?“, will er wissen. „Na, in Rom war dir das doch ganz egal. Du bist immer aus der Wohnung – ohne vorher zu lauschen, wer sich gerade im Hausflur befinden könnte. Auch einen Türspion hast du nie benutzt. Ganz im Gegenteil! An jeglichem Geschwätz hast du dich gerne und oft beteiligt. Und hier lauscht du gewissenhaft an der Wohnungstür, ob sich jemand im Hausflur aufhalten könnte. Außerdem überprüfst du die aktuelle Situation durch den Türspion, um ganz sicher zu sein, dass die Luft rein ist. Nur damit du bloß nicht in ein Gespräch mit den Nachbarn verwickelt wirst.“

Er fühlt sich ertappt, aber findet sofort eine Ausrede. „Das liegt nur daran, dass ich jetzt einen kleinen, zuckersüßen Signorino habe. Avere un bambino e come avere un cane. [Ein Kind zu haben ist wie einen Hund zu haben.] Alle wollen einen ständig in ein Gespräch verwickeln.“ Bei seiner Ausführung muss ich bestätigend nicken. Na ja, wo er recht hat, hat er recht. Man wird tatsächlich oft angesprochen mit einem Kleinkind. „Siehst du! Und ich habe heute eben gar keine Lust auf ein Schwätzchen. Ich will einfach nur die Sonne genießen und meine Ruhe.“, ergänzt er seinen vorherigen Satz. „Ich finde, ich habe dir alles beigebracht, was du als guter Deutscher wissen musst. Eine Unbedenklichkeitsbescheinigung würde ich dir jederzeit unterschreiben, wenn ein solches Dokument bei einer Einbürgerung benötigt werden würde.“, sage ich sehr stolz. „Purtroppo non esiste. [Leider gibt es sowas nicht.] Ich erwarte immer noch die positive Antwort zur Einbürgerung vom Regierungspräsidium.“ , spricht der Römer. „Keine Sorge, im Herzen bist du bereits deutscher als es dir vielleicht lieb ist.“ Dann räuspere ich mich und frage den deutschen Römer: „Können wir jetzt gehen?“ Er versichert sich noch einmal im Türspion, ob sich wirklich gar niemand mehr im Hausflur befindet. Dann dreht er sich lächelnd um, zeigt mir das „Daumen hoch!“-Zeichen und schnappt sich den Kinderwagen. Signorino quietscht vor Freude und wir rollen ins Treppenhaus. Nach ein paar, wenigen Stufen sind wir an der Haustür angelangt. Vorfreudig reißt sie der Römer auf und….

… erblickt Hubsi und Schnubsi.

Tja, mit was der Römer nicht gerechnet hat: Hubsi und Schnubsi verweilen vor dem Haus, um ihre Nordic Walking Stecker zu justieren. Unter lautem Ah!– und Oh!-Rufen beginnen sie ein laaanges Gespräch über und mit Signorino.

Nächstes Mal guckt der Römer sicherheitshalber noch einmal durchs Küchenfenster nach unten, ob die Luft auch wirklich rein ist.. 😉 Aber das bringe ich ihm auch noch bei.

Eine solch imposante Wohnungstüre haben wir leider nicht. Aber dieses Exemplar wäre auch gänzlich ungeeignet, denn es verfügt über keinen Türspion.

*Sie werden es bemerkt haben: Der Text ist schon einige Tage alt. Denn Sonne gibt es hier weit und breit nicht. Dafür 9 Grad und Regenschauer.

Opa!

Dieser Pfingstsonntag war ein holpriger. Und er hatte so gar nichts mit meinem eigentlichen Plan zu tun. Ja, ich erdreiste mir, als Elternteil eines Kleinkindes immer noch Pläne zu machen. Wie dämlich das ist, kann sich vermutlich jeder ausmalen.

Angefangen hat es mit einer sehr unangenehmen Nacht. Nun bin ich ein Mensch, der zwar durchaus in der Lage ist, ein Doppelbett mit einem anderen Menschen teilen zu können, der aber im Verlauf der Nachtruhe nicht berührt werden möchte. Gelebtes, nächtliches Social Distancing ist das, wenn Sie so wollen. Es liegt hauptsächlich daran, dass ich bei jeder Berührung aufschrecke. Dazu brauche ich ein Minimum an Platz, Abstand und Ruhe, wenn ich schlafe. Heute Nacht empfand es Signorino aber als dringend notwendig, die ganze Nacht über physischen Kontakt zu seiner Mutter zu haben. Und sobald dieser Kontakt abbrach, schrie er empört auf. Es war, als wären wir nach 17 Monaten wieder über eine Nabelschnur verbunden. Besonders wichtig für das Kind schien es dabei zu sein, nicht etwa ruhig vor sich hinzuschlafen. Wo denken Sie hin! Viel mehr wollte er, der da schlief, konstant meine Hand patschen, streicheln, zuppeln, zupfen und mal im Gesicht, mal auf der Brust, mal an den Beinen spüren. Nur, um dann die Hand wieder zum Gesicht zu delegieren. Dabei möchte ich behaupten, dass eine Mutter gar nicht so müde sein kann, als dass Sie dabei einschlafen könne. Vorausgesetzt, Sie ticken so wie ich – und es handelt sich nicht um ein neugeborenes Baby. Den Römer schien diese Problematik wenig zu beeindrucken. Schließlich hat dieser die wunderbare Gabe, auch während eines Gesprächs wegzunicken. Er fängt dann an, mit offenen Augen zu schnarchen. Blöderweise verlangte unser Kind nur nach seiner Mutter und auch nur diese durfte das Bett mit ihm teilen.

Als diese Nacht endlich vorbei war, und das war heute um 9:00 Uhr der Fall, fing Signorino an, sein neues Lieblingswort zu schreien. Richtig! Zu schreien! Ein einfaches Flüstern wäre deutlich sanfter und schonender für meine Nerven gewesen. Aber ein kleiner Germano-Italbaner, der immer wieder „opa!“ durch die Gegend brüllte, war auch sehr unterhaltsam. Dabei meinte er nicht den Großvater. Viel mehr benutzte er das Wort im griechischen Sinn. Woher er es aufgeschnappt hatte oder ob es ein kindlich ausgesprochenes „Hoppla!“ war, wissen wir nicht. Auf alle Fälle war es hauptsächlich laut und wurde von kreiselnden Bewegungen im Bett unterstrichen.

Wir frühstückten. Die Herren Brot mit Butter und Marmelade. Ich machte mich über die restlichen und gestrigen Zimtschnecken her, die Turtle uns mitgebracht hatte. Durch den hohen Zuckergehalt bäumte sich so etwas wie meine letzte Lebenskraft auf und ich war bereit, das Kind zu bespielen. Ein bisschen Bausteine, ein bisschen Bücher, ein bisschen Wasserflaschen aufeinander bauen waren bei diesem gewittrig-wolkigen Wetter ein schönes Unterhaltungsprogramm.

Als Signorino die Legosteine nur noch durch die Gegend warf, beschlossen wir, dass die Spielstunde jetzt vorbei ist. Doch das wollte Signorino nicht gelten lassen. Stattdessen besuchte er seinen Vater im Badezimmer, der gerade eine Gesichtscreme auf der anspruchsvollen Männerhaut verteilte. Signorino, bewaffnet mit zwei Legosteinen, rot und gelb, stiefelte am Römer vorbei und steuerte auf die Toilette zu, deren Deckel offenstand. Mit voller Wucht versenkte er seine zwei Bausteine und rief sein griechisches „OPA!“. Der Römer antwortete mit einem „Ma che cavolo stai facendo? [Was zum Teufel machst du da?]“ und starrte in das weiße Keramik-WC. Da lagen sie: Zwei Legosteine. Am Grund der Schüssel wie ein sehr farbiges, versunkenes Schiff. „Amore!!! [Liebling!!!]“ schrie er ins Wohnzimmer, wo ich entspannt einen Fingerhut voll ungezuckerten Espresso trank. Ich überlegte, ob ich seinen Ruf noch ignorieren könnte, doch er setzte ein weiteres, deutlich lauteres „Amoooore!!“ nach. „Jaaahaaaa!“ tönte es aus mir. „Wie viele Legosteine hatte Signorino in der Hand?“ brüllte der Römer fragend ins Wohnzimmer. Sie wissen, ich bin durchaus eine (über)besorgte und stets um das Wohl des Kindes bemühte Mutter, aber mein Helikopter-Eltern-Dasein hört auf, wenn es darum geht, ob das Kind nun zwei oder drei Legosteine in der Hand hatte, als es den Raum verließ und Richtung Badezimmer steuerte. Ich stand auf, stellte meine leere Espressotasse auf dem Esstisch ab und schlenderte zum Badezimmer. Dort angekommen, lehnte ich mich mit verschränkten Armen in den Türrahmen. „Keine Ahnung. Zwei vielleicht?“ antwortete ich dem Römer. Signorino stand neben der Badewanne und beobachtete die Szene aufgeregt. Der Römer zog sich die gelben Gummihandschuhe an und tauchte damit ins WC ein. „Che schifo! [Wie eklig!] „, stöhnte er, gefolgt von einem „Ich spüre nur zwei Steine.“ Da der Römer sich meistens vehement wehrt, das Badezimmer zu putzen, sah ich durch Signorinos klugen Schachzug meine Chance gekommen. Er fischte die Legosteine aus der Kloschüssel und beförderte sie nach draußen. Ich stand mittlerweile mit einem Lappen und WC-Gel neben dem Römer. „Wenn du schon dabei bist, dann mach das WC doch gleich richtig sauber. So sparen wir uns einen Arbeitsschritt.“ flötete ich und der Römer funkelte mich an. „Ma mi prendete tutti in giro o…? [Wollt ihr mich alle verarschen oder….?]“ patzte er zurück. „Aber nein! Wir wollen nur keine Synergien ungenutzt lassen.“ erwiderte ich grinsend, schnappte mir Signorino und steuerte aus dem Bad. „Opa?“ fragte mich unser Sprössling. „Ja, aber nächstes Mal lieber mit einem Blatt Klopapier als mit zwei Legosteinen.“ gab ich zurück.

Nach fünfzehn Minuten kam der Römer aus dem Badezimmer. „È tutto pulito. [Es ist alles sauber.]“ erklärter er mir. Ich nickte fröhlich. Dann schnappte ich mir Signorino und trottete mit ihm ins Schlafzimmer. Leider leidet das Kind heute unter einem „müder Geist, wacher Körper“-Syndrom. Dreißig Minuten tollte er im Bett umher, fiel dabei beinahe dreimal von Selbigem und kommentierte es – mal wieder – mit seinem Universalwort „opa!“. Dann brach ich das Experiment, ihn zu einem Mittagsschläfchen zu bewegen, ab.

Da wir nicht wussten, ob ein Spaziergang mit müdem Kleinkind Sinn machte oder nicht, blieben wir daheim. Nach einer Stunde hatte der Römer genug und versuchte abermals den Ableger ins Bett zu bringen. Vermutlich war der Versuch schon zum Scheitern verurteilt, als er ihm Kinderlieder-Videos auf dem Handy vorspielte. Selbst ich würde bei einem gut gemachten „La Le Lu, nur der Mann im Mond schaut zu“ eher mitsingen und -klatschen, als an einen Mittagsschlaf zu denken. Und genau so kam es auch. Daraufhin stritten sich die beiden Herren, weil der Große wollte, dass der Kleine endlich schläft. Der Kleine aber wollte Kinderlieder-Videos sehen. Warum auch nicht? Der Große hatte schließlich damit angefangen. Am Ende motzte der eine auf Italienisch und der andere schmetterte ihm ein zu tiefst verärgertes „OPAAAAAA!!!“ entgegen.

Ich eilte ins Schlafzimmer und trennte die beiden Dickköpfe voneinander, als der Einjährige dem Einundvierzigjährigen gerade mit seiner Patschehand auf die Erwachsenen Hand schlagen wollte. Rasch griff ich mir den kleinen Querulanten, der nun in meinen Armen versuchte, dem Großen nachzutreten. „Niemand sagt dir, dass das mit einem Kind so kompliziert ist.“ seufzte der Römer. Dann packte ich den Satz aus, an den sich alle Eltern tröstend klammern: „Es ist nur eine Phase, Schatz!“ Er schüttelte resigniert den Kopf. „Und wie lange dauert diese Phase?“ wollte er von mir wissen. Ich prustete los und gab augenzwinkernd zurück: „18 Jahre mindestens.“ Der Römer stöhnte, griff sich an den Kopf und sprach geschafft: „Spero di no. [Ich hoffe nicht!]“

„Opa!“ unterbrach der kleine Pseudo-Grieche Signorino unser Gespräch und riss fröhlich die Arme nach oben. Dann lachte er laut. Wir stimmten müde mit ein.

P.S.: Weiterhin hoffen wir, dass es tatsächlich nur zwei Legosteine waren, die Signorino versenkt hat. Aber das werden wir ganz sicher herausfinden. Zum Beispiel, wenn uns morgen das WC überläuft und wir den Klempner rufen müssen.

P.P.S.: Falls Sie sich fragen, wie mein Plan für heute gelautet hätte: Die kurze, so wie hoffentlich wohlschmeckende Antwort hätte „Profiteroles“ geheißen. Nun denn, vielleicht morgen? Vielleicht nächste Woche? Vielleicht zu Signorinos 30. Geburtstag? Wer weiß das schon. Ich lasse mich auf alle Fälle überraschen.