Raus jetzt mit uns!

Raus jetzt mit uns!

„Ich muss mal raus aus der Stadt.“, sage ich zum Römer als Antwort auf den morgendlichen, ukrainischen Militärbericht. Er hätte sich eine andere Antwort gewünscht, das sehe ich anhand seines erstaunten Blickes. Seit Beginn des Krieges unterrichten wir uns, beinahe ohne Unterlass, über neue, grausige, schaurige, traurige Ereignisse, die wir der Presse entnehmen. Wir zeigen uns Bilder und leiden mit all den Familien, die ihre (erwachsenen) Kinder an den Krieg verloren haben oder zu verlieren drohen.

Der Römer klappt die Hülle des Tablets zu und unterbreitet mir den Vorschlag, mal wieder am Lungofiume, wie er das Frankfurter Mainufer seit jeher nennt, ein Ründchen zu drehen. „Ich ertrage heute keine Menschenmassen. Tut mir Leid! Ich brauche Bäume.“, wehre ich seinen Vorschlag ab. Zur Schweinheimer Düne, wie die Schwanheimer Düne für den Gatten heißt, möchte er nicht. „Wir streiten uns nur wieder bei der Autofahrt.“, erklärt er mir sein Schwanheimer Veto. „Dann fahren wir eben in den Stadtwald!“, schlage ich vor und setze nach, dass ich versuche bei seiner abenteuerlichen Navigation nicht dem Jähzorn zu verfallen. Vorsichtig nickt der Römer. Er sieht aus wie jemand, der einen Pakt mit dem Teufel schließt.

Natürlich verfahren wir uns auf dem Weg zum Neu-Isenburger Park&Ride Parkplatz. Doch diesmal bleibe ich ruhig. Wir haben keinen Termin. Notfalls landen wir eben woanders. Schlussendlich finden wir den Parkplatz und stapfen los. Weit kommen wir nicht, denn das Stadtkind ist ganz aus dem Häuschen bei dieser Vielfalt an Stöcken, klein und groß, und bei all den unzähligen, frei herumliegenden Blättern. Voller Freude lässt er sich am Wegesrand in die Blätter plumpsen und wühlt genüsslich mit beiden Händen durch das Blättermeer. Dann entdeckt er, dass es hier auch noch Steine gibt. Steine!! Er ist definitiv im Paradies angekommen. Soviel steht fest. Stein um Stein sammelt er, drückt sie mir in die Hände, wirft sich wieder ins Unterholz, stellt schockiert fest, dass Himbeerranken pieksen, weint aber nicht, sondern streichelt zur Beruhigung über grünes Moos. In 40 Minuten kommen wir etwa 70 Meter weit. Als ich versuche, das Kind weiterzuziehen, radeln Vorstädter an uns vorbei. „Ach lasse Se doch den kleine Bub! In der Stadt ham Se doch soviel Natur sicher ned.“, spricht ein grauer Panther, der nebst Gattin mühelos auf seinem E-Bike vorbeigleitet. Ich lächle.

„Wie hat der jetzt erkannt, dass ich Städter bin?“, frage ich den Römer. Er zuckt mit den Schultern. Fortan mustere ich die wenigen uns entgegenkommenden oder überholenden Radfahrer und die flotten Spaziergänger. Am Ende des Spaziergangs werfe ich nur ein Wort in die Stille des Waldes: „Gore-Tex!“ Der Römer guckt mich vollkommen entgeistert an und weiß nichts mit diesem Wort anzufangen. Wie auch? Es bahnte sich den Weg vollkommen ohne Zusammenhang. „Die Lösung ist Gore-Tex! Wir tragen keine Funktionskleidung und deswegen sind wir sofort als Städter auszumachen. Wer trägt schon Daunenjacken und Parker im Wald? Wer trägt Lederstiefel und Turnschuhe? Eben! Niemand. Nur Leute aus der Stadt.“, erkläre ich dem römischen Gatten. Dieser wundert sich schon längt nicht mehr über meine Gedankengänge. „Deswegen bist du immer so verspannt! Weil du dir viel zu viele Gedanken machst. Du zerdenkst selbst den Waldspaziergang.“, stellt dieser belustigt fest. Ich ignoriere diesen Satz großzügig, weiß ich doch, dass er absolut recht hat mit seiner Aussage. „UND….“, ergänze ich hochtragend. „Wir haben keinen Fahrradanhänger als Kindewagen für Signorino. Auch das outet uns als Städter. Wir fahren…“, ich dämpfe meine Stimme. „Buggy!!“ Der Römer übergeht meine Erkenntnis und bietet dem Sohn einen Quetschie an. Nach einer Weile, er stellt sich gerade die Sitzheizung des Beifahrersitzes kuschelig warm auf die Maximal-Stufe ein, lässt er sich zu einer Aussage hinreißen: „Wir sind doch auch Städter, die im Stadtwald spazieren gehen. Ich sehe daran nichts Verwerfliches. Nächste Woche möchte ich wieder kommen. Hier ist’s echt schön.“ Ich nicke, während ich rückwärts ausparke und unser Auto bereits anfängt, nervös zu piepen, während das Auto hinter mir noch meilenweit entfernt steht. „Vielleicht sollten wir doch mal über Gore-Tex Uniformen nachdenken?“, frage ich lachend. „Anche no! [Nie im Leben!] Du wirst mich zu Lebzeiten weder in Funktionskleidung, noch in albanischer Tracht* sehen.“, bemerkt der Gatte sehr ernst. „Bei der letzten Option wäre ich mir nicht so sicher.“, grinse ich und fahre unsere Direktorenkutsche auf die Bundesstraße Richtung Stadtzentrum.

*Besonders bei albanischen Hochzeiten gibt es einen Programmpunkt, in dem die römische Familie es sehr genießt, sich in albanischer Tracht zu zeigen. Es ist der Moment, in dem der Bräutigam die Braut in ihrem Elternhaus abholt. Nur der Römer weigert sich vehement, sich in diese Tracht zu werfen. Meist sind auf Fotos dieses Ereignisses sehr viele albanische Verwandte in der typischen Tracht zu sehen und am Rand ein Herr mit Sonnenbrille und italienischem Maßanzug. Das ist mein Mann.

Sonntags in Frankfurt

Es gäbe viel zu berichten, aber nichts, was ich momentan in Worte gießen kann und möchte. So schweben nur wirre Worthülsen durch meinen Kopf, die keine richtige Form oder gar ein Muster ergeben.

Deswegen müssen Sie heute mit Fotos vom sonntäglichen Frankfurt vorlieb nehmen. Wir fuhren zur Piazza della Repubblica, wie der Platz der Republik in Frankfurt beim römischen Gatten und mir seit jeher heißt. Mit der römischen Piazza della Repubblica hat der Frankfurter Namensvetter allerdings wenig gemein. In Rom stehen vor einem äußerst luxuriösen Hotel wunderbare, glänzende, italienische Luxuskarossen. Es riecht hier eindeutig nach Geld. An der Frankfurt Piazza della Repubblica riecht es trotz angrenzender Sparkasse nicht im geringsten nach Geld. Auch das dort befindliche Hotel hat wenig mit dem römischen Luxuspalast gemein, außer vielleicht den Namen „Hotel“. Es gehört zu einer Billigfluggesellschaft und begrüßt einen mit einer leuchtend orangen Reklame. Das Hotel ist „easy“ und das verspricht bereits der Hotelname. Wenn’s dem internationalen Publikum im römischen Hotel Exedra zu extravagant wird und sie sich nach etwas einfachem sehnen, wäre das vielleicht die richtige Wahl? 😉

Unsere Kleinfamilie entert das Westend, in dem nichts easy gehalten ist. Ein Stadtteil, in dem man keine Ruhestörungen duldet. Stumme Altbau-Paläste blicken mürrisch auf die Straßen, auf denen leise sprechende Spaziergänger zu zweit unterwegs sind. Selbst die Kinder spielen leise und höflich auf dem Spielplatz des Westendplatzes. Signorino flüstert immer wieder “Fiiiesch!” und ich befülle Fischförmchen mit Sand. Der Römer steht mit Sonnenbrille neben uns, eine gelbe Schaufel in der Hand, die er nicht benutzt, und blinzelt in die Sonne. „Mi mancava. [Es fehlte mir.]“, sprach der Gatte und atmete selig ein und aus. „Was denn?“, fragte ich, während ich einen weitern Fisch stürzte. Mittlerweile hatte ich ein ganze Aufzuchtstation für Sandfische entworfen, die Signorino munter zerstörte. „Il sole!! [Die Sonne!!]“, sprach der Mann fast schon empört, weil ich nicht sofort verstand, was dem Mann seit Wochen oder Monaten fehlte. „Ah!“, ging mir ein Licht auf. „Kannst du mir bitte deine Schaufel geben? Meine funktioniert nicht und du spielst ja eh nicht damit.“, hakte ich beim römischen Sonnenanbeter nach. Er überreichte sie mir wortlos, setzte sich auf die Bank und lächelte zufrieden in den Frühlingshimmel.

Bitte nicht stören! Der Westendplatz.

Schließlich bestach ich den Sohn mit zwei Quetschies und wir konnten den Spielplatz verlassen. Das Ziel war gesetzt: die italienische Konditorei, welche sich wenige Minuten vom Spielplatz entfernt befindet.

Blühen erwünscht! Im Westend sind Frühlingsboten erlaubt, solange sie leise ihre Blüten öffnen.

Signorino wurde wie immer herzlichst begrüßt und winkte zaghaft. Der Römer suchte sechs Pasticcini, Törtchen, aus und wir traten den Heimweg an.

An der alten Oper ist mehr los. Ein 8jähriges Kind fuhr dort E-Bike. In Frankfurt. Die einzige Erhebung, die es in Frankfurt gibt, ist die vom Ostpark nach Bornheim. Und selbst die schafft ein Kind auch ohne Elektroantrieb. Zu meiner Zeit hätte es das im Voralpenland nicht gegeben.
Von Kunst und Architektur verstehe ich nicht viel. Brutal sieht der ausgeschlachtete Bau an der Mainzer Landstraße dennoch aus. Aber ist es deswegen schon Brutalismus?
Im Westend kamen wir wie immer bei der Pasticceria Brixia vorbei. Es ist Sonntag, was hätten wir tun sollen? Man kann sich wohl kaum ein römisches Gewächs nach Frankfurt importieren, wenn man nicht bereit ist, ihm zumindest ab und an ein bisschen Dolce Vita vorzugaukeln.

Sonntage mit römischem Husky

Sonntage mit römischem Husky

Sonntage sind herausfordernd. Das liegt hauptsächlich an einer gewissen kulturellen, oder, wenn Sie es etwas enger fassen wollen, persönlichen Diskrepanz zwischen dem Römer und mir.

Für mich zeichnen sich Sonntage dadurch aus, dass sie langsam anrollen. Ähnlich eines sanften, karibischen Meeresrauschen nähern sich die flachen Wellen und ziehen sich langsam, fast unbemerkt, wieder zurück, bevor sie gemächlich wieder anrollen und versuchen, den feinsandigen Strand empor zu krabbeln. Allein ihnen fehlt die Kraft. So wie mir. Denn nichts muss, alles kann an diesem Ruhetag. Doch können möchte ich an diesem Tag so gut wie nichts. Vermutlich deswegen besteht meine Garderobe an Sonntagen aus weichen, unförmigen, seltsam verwaschenen Stoffbahnen, die meinen trägen Körper sanft umspielen. Eben so wie die Wellen der Karibik den Strand umspülen. Nichts engt ein, nichts wird mit Reißverschlüssen, Haken und Knöpfen an Stellen gehalten, die mein Körper aus eigenem Antrieb gar nicht erreichen könnte. Ganz im Gegenteil! Ein paar elastische Nähte, ein Stoffband, das meine Jogginghose daran hindert von meiner Hüfte zu rutschen und ein Paar beige Kuschelsocken, die dank der 4% Elasthan nicht einschneiden und sich gleichzeitig nicht von alleine abstreifen. Auch mein Haaransatz muss sich an diesem Tag seinem Schicksal fügen. Bevor die frühen Abendstunden anbrechen, muss er eben schauen, wie er mit der nicht weniger werdenden Talgproduktion zurecht kommt. Danach erlöse ich ihn gerne mit einer sanften Dusche, die mich in eine Wolke aus Mandelduft und Vanille einlullt.

Aber ganz im Vertrauen: Meiner Meinung nach, sind Sonntage Tage, die die Bademantel- und Pyjama-Lobby erfunden hat. Da bin ich mir recht sicher! Loungewear-Tage, wenn sie das neue Wort benutzen möchten, das kurz vor der Corona-Pandemie werbeträchtig herausgestampft wurde. Und ja, Loungewear klingt soviel eleganter als „Schlabber- und Gammellook“. Ich loungeweare mich also durch den Morgen, lese etwas, stöbere in Ihren Blogs und meinen Entwürfen. Dann schlappe ich in die Küche, wobei Sie das verwendete Verb schlappen wortwörtlich nehmen dürfen. Meine Kuschelsocken-Füße stecken in furchtbar unansehnlichen Schlappen. Ausgeblichenes Pistaziengrün mit weißen Schneeflocken. Urgemütlich, aber, wie beschrieben, auch verboten hässlich. Dazu liegen im Tiefkühlfach bereits die Aufback-Croissants bereit und warten seit dem Wocheneinkauf auf ihren Einsatz. Ich platziere sie auf einem Backblech und schiebe sie in den Ofen. Danach rühre ich im Topf etwas Milch mit Haferflocken zusammen und erhitze den Brei, so dass sich der Kleinste der Familie gleich über sein „Potschi“ (Porridge) freuen kann. Währenddessen setze ich das Teewasser auf. Der Haferbrei wirft träge Blasen, die ebenso träge wieder verschwinden. Mein Blick schweift aus dem Küchenfenster zum Frankfurter Messeturm, der heute gar nicht erst versucht dem hiesigen Hochnebel zu trotzen. Wozu auch? Es ist Sonntag. Keiner wird ihn heute vermissen.

Geräusche nähern sich. Der Römer quatscht mit Signorino, der wiederum etwas nölig antwortet. Es wirkt fast so als würde er nach mir kommen und sich erst langsam in den Sonntag hineinfühlen wollen. Doch dem Römer scheint das egal zu sein. All die unausgesprochenen Worte, die sich im Schlaf scheinbar angestaut haben, will er jetzt, an diesem Sonntagmorgen mit aufgeregten Erzählungen, Spiel und Spaß loswerden als ginge es um sein Leben. Als das Farniente’sche Duo in der Küche ankommt, interpretiere ich eine gewisse Genervtheit in den Signorino’schen Blick hinein. Die Geste, seine Arme hilfesuchend nach mir ausstreckend, untermauert meine Vermutung. Ich nehme ihn auf den Arm. Müde lehnt er seinen Kopf an meinen Hals und betrachtet den Brei, der immer noch gemächlich Blasen wirft. „Che mangiamo? [Was essen wir?]“, durchbricht der Römer diesen innigen Moment zwischen Signorino, dem Haferbrei und mir. Bevor ich überhaupt eine Antwort zu formulieren vermag, hat er die Croissants im Backofen entdeckt und informiert mich ausgiebig darüber, wie schade es ist, dass wir in Deutschland noch keinen Lieferanten für italienische Brioche gefunden haben. Ich nicke und hoffe, dass dieser Redeschwall sich nicht durch den ganzen Sonntag zieht. Kurz denke ich über Noise-Cancelling-Kopfhörer nach, die vermutlich eigens für Morgenmuffel wie mich erfunden worden sind. Doch dann verwerfe ich den Gedanken wieder. Der römische Gatte würde es wohl falsch auffassen und beleidigt sein, wenn wir ihm mit Kopfhörern begegnen würden. Aber was versteht schon ein Morgenmensch von den Bedürfnissen zweier Morgenmuffel?

Irgendetwas sucht der Gatte jetzt. Dazu raschelt und klirrt er in einer Tour. Bei seinen Monologen, die er voller Energie in diesen frühen Sonntagmorgen spricht, gleitet er mühelos von dem Thema Frühstückscroissants zu dem französischen Präsidenten Macron, bis hin zu dem neu eröffneten französischen Café ums Eck, das seiner Meinung nach ausgezeichnete Macarons haben muss, um schließlich darüber zu referieren, dass jetzt die hässlichste Phase des Winters gekommen ist, denn schließlich sind die warmweißen Weihnachtslichter in den Fenstern und in der Stadt bereits verschwunden. Geblieben ist nur noch eine matschbraune Pampe, durch die wir morgens zur S-Bahn stiefeln, Streusplitt und seelenlose Fenster, die stumm auf unsere Allee starren.

Mein Gehirn, das wahrlich noch nicht aufnahmebereit ist, kreiert einen ebenso matschbraunen Sprachbrei aus all seinen Worten, Annahmen und Informationen. Am Ende wundere ich mich, dass der französische Präsident in unserer Nähe ein Café aufgemacht hat und dort matschbraune Macarons und Streusplitt aus seelenlosen Fenstern verkauft. Es wirkt wie ein Albtraum, aus dem man schnell erwachen möchte. „Mein Italienisch ist wohl doch nicht so gut wie ich dachte.“, rede ich mir ein. Signorino haut sich indessen mit der flachen Hand gegen den Kopf und sagt „Au!Au!“. Ja, dieser Wortschwall macht auch in meinem Kopf „Au!Au!“. Leise flüstere ich „Signorino, nicht schlagen! Das tut doch weh.“. Er grinst und fragt nach „Potschi ?[Porridge?]“. Ich fülle es behutsam auf einen Teller und verteile es mit dem Kinderlöffel so, dass es schnell abkühlt und sich der Nachwuchs nicht daran verbrennt. Der Römer ist derweil schon wieder irgendwo in der Wohnung unterwegs, räumt etwas um oder auf, redet dabei mit sich oder mit uns (so genau kann ich das nicht deuten) und verkörpert das Image eines laut plappernden, temperamentvollen und fröhlichen Italieners am Hafen von Ostia. Jede deutsche Marketingagentur würde sich einen solchen Werbeträger für eine italienische Dolce-Vita-Kampagne sehnlichst wünschen. Nur leider sind Signorino und ich keine Marketingagentur und wenn, dann würden wir heute Früh nur gemächliche Ayurveda-Reisen bewerben.

Langsam schlürfe ich zum Esstisch und stelle den Haferbrei ab. Signorino klettert auf seinen Stuhl. Dann setzt er sich plumpsend. Während ich pustend etwas nachhelfe, dass der Haferbrei erkaltet, schlägt unvermittelt die römische Sonntagsfrage in unser Szenario ein. „Quando usciamo? [Wann gehen wir raus?]“, will der Römer wissen und betrachtet uns erwartungsvoll, ähnlich eines sibirischen Huskys, der endlich, endlich vor die Tür will. Ich seufze leise in mich hinein. Signorino spuckt das Porridge aus. Jeden Sonntag die gleiche Frage im Hause Farniente. Es verwundert, dass ihm noch keine Husky’sche Sichelrute gewachsen ist, die er freudig wedelnd hin- und herwerfen kann. Ja, so ein Römer braucht eben Action, Lebensfreude und Bewegung. Aber das sagt einem auch keiner vorher. Das schlimmste daran ist aber, dass wir ihm all das nicht bieten können. Es ist Sonntagmorgen. Wir sind Stubenhocker und leben dies exzessiv an diesem Wochentag aus. Meine Gedanken schweifen ab – in die Vergangenheit. Ich erinnere mich an unsere ersten, gemeinsamen Sonntage vor Jahren in Rom. „Mein Gott, war ich belastbar.“, denke ich noch und sehe die Szenen in vollem Umfang vor meinem geistigen Auge:

Rom, 2015. Es ist 09:45 Uhr an einem Sonntag. Der Römer treibt zur Eile, schließlich sei das enge, römische Zeitfenster kurz davor sich zu schließen. Denn nur in diesem besagten Zeitfenster hätte man in den römischen Bars [Cafés] noch die volle Auswahl an duftenden Croissants mit verschiedenen Füllungen. Wer danach komme, den beißen die Hunde. Denn dann wären nur noch cornetti con crema pasticcera, Croissants mit einer Art Vanillecreme, vorrätig. Und wer würde diese schon freiwillig essen wollen? Nichts anderes als Ladenhüter sein diese, erklärt mir der Römer. Ich murmele ein leises „Ich mag Vanillecreme“ auf seine rhetorische Frage und will mich noch einmal im Bett umdrehen. Doch zu spät. Der Römer steht bereits mit weißem T-Shirt, dunkler Lederjacke, dunkler Sonnenbrille und perfekt gestyltem Haar vor mir. Er scheint es ernst zu meinen. Ich quäle mich aus dem Bett, werfe mir meinen Leo-Pulli über, binde die Haare zu einem hohen Pferdeschwanz und springe in die verwaschene Jeans. Nein, Botticellis Venus bin ich heute wahrlich nicht. Vielmehr habe ich eine gewisse Ähnlichkeit mit Charlize Theron im Film Monster*. Nur muss ich nicht betonen, wie Charlize Theron damals in einem ihrer Presse-Interviews, dass ich für diesen abgekämpften Look stundenlang in der Maske saß. Bei mir reicht es vollkommen aus, wenn man mich unsanft aus dem Bett sprengt und beim Zähneputzen ungeduldig zur Eile antreibt. Dabei brauche ich Ihnen vermutlich nicht zu erklären, wie ich mich zwischen all diesen top gestylten, römischen Diven im Café fühlte. Immerhin, ich hatte ein cornetto integrale al miele [Vollkorncroissant mit Honig-Füllung] vor mir stehen und blinzelte in die Vormittagssonne. Doch, unter uns, ein schnelles Vanille-Croissant um 11:30 Uhr wäre für mich vollkommen ausreichend gewesen.

Die Jahre vergingen, der Römer zog nach Deutschland und so manch liebgewonnene Sitte veränderte sich. Außer die eben beschriebene. Jeden Sonntag mutierte der Römer wieder und wieder zum hechelnden Husky, der sofort und unbedingt an die frische Luft musste, um noch rechtzeitig vor 10:15 Uhr seinen ersten Cappuccino in einem Café zu trinken. Irgendwann ging ich genervt dazu über, dass ich sonntags grundsätzlich nicht daheim war. Dank meines Arbeitgebers konnte ich die Flüge so legen, dass ich – leider, leider- immer an diesem Tag arbeiten musste. Der Teufel ist ein Eichhörnchen.

Dann kam Signorino und danach das Coronavirus. Auch hier waren meinem römischen Husky die Pfoten gebunden. Langsam schlich sich sogar eine gewisse Sonntagslethargie bei ihm ein. Es war ein angenehmes, sonntägliches Miteinander. Doch dann, der Umzug im Herbst 2021 war gerade durchgestanden, knisterte und kribbelte es wieder in den römischen Synapsen. Der Husky in meinem Mann erwachte, was vermutlich auch daran lag, dass wir plötzlich unzählige Cafés in nächster Nähe zum neuen Wohnort hatten, die bereits in den frühen Morgenstunden geöffnet hatten. Noch dazu ist das italienische Lieblingscafé nun mit einem straffen 30 Minuten Marsch zu erreichen.

Signorino und ich müssen da jetzt irgendwie durch. Letzte Woche beispielsweise wurde Signorino vom Römer aus seinem Schlafsack gesprengt wie ich damals aus dem römischen Bett im Stadtteil Testaccio. Der kleine Mann nörgelte und maulte, aber es half nichts. Ich hingegen wollte noch in Ruhe ein Paar Winterstiefel für den Sohnemann kaufen. Gelassen suchte ich im Internet nach einem Rabattcode, bemerkte dann, dass ich meine Treuepunkte eintauschen konnte und konvertierte diese Punkte vollkonzentriert in einen Gutschein. Das ging dem Römer nicht schnell genug. „Quanto ti dura? [Wie lange dauert es noch?]“, wollte der Gatte wissen. „Gleich!“, antwortete ich wie ein genervter Teenager. „Sag mir doch eine Zeitangabe an.“, fuhr der Römer unruhig fort und zog dem motzenden Signorino die abgenutzten Winterschuhe an. „Keine Ahnung….15 Minuten.“, murmelte ich und gab den Gutscheincode ein. „Okay…also um 11:20 Uhr bist du fertig, kann man sagen?“, nagelte mich der Römer mit meinem flapsig dahingesagten Satz fest. „Öhm…ja…vielleicht eher 11:25 Uhr oder 11:30 Uhr?“, versuchte ich sein strenges Zeitplan-Korsette zu lockern. „Deciditi! [Entscheide dich!)“, knurrte der Römer genervt und streifte dem wehrlosen Signorino den Schlauchschal mit den roten Dinos über. „Ja… 20 Minuten so in etwa.“, antwortete ich genervt. Wenigstens an Sonntagen wollte ich mich keinem straffen Zeitplan unterwerfen. An allen anderen Tagen hatte ich keine Wahl, schließlich waren sie bestimmt von Arbeitszeiten, Kitabring- und -abholzeiten, Terminen und Fahrplänen. „Okay. Alle 11:25 [Um 11:25]. Dir bleiben noch 17 Minuten.“, erklärte mir der Römer ungeduldig und Signorino hatte bereits seine Mütze auf. Mit großen, traurigen Augen guckte mich mein Sonntagskind an. Nein, auch er hatte keine Lust. Viel lieber würde er Bausteine in einem Spielzeugtopf kochen. Ganz in Ruhe. Eben ohne, dass ihn jemand zur Eile antrieb.

Ich hastete ins Bad, band meine strähnigen Haare zu einem Dutt, schlüpfte in meinen Leo-Pulli, stolperte fast wieder rückwärts aus der Jeans, weil ich das Gleichgewicht in all der Eile verlor, deodorierte mich und streifte mir die Kuschelsocken ab, da ich damit unmöglich in meine Winterstiefel passte. „Tschüss! Vielleicht sehen wir uns nachher.“, flüsterte ich meinen wollenen Sonntagsfreunden hoffnungsvoll zu. „Solo per non perdere l’obiettivo: Ti rimangono 5 minuti. [Nur, um das Wesentliche nicht zu vergessen: Die hast noch 5 Minuten.]“, rief mir der Römer zwischendurch zu. Ich kaschierte meine Augenschatten mithilfe eines Abdeckstiftes. Als ich Richtung Flur ging, das Kind war bereits in seine Daunenjacke gepresst, hielt mir der Römer eine weiße Maske entgegen. „Hier! Nicht, dass du die Maske vergisst.“, sicherte sich der Gatte auch gegen diese Imponderabilie ab. Ich steckte sie widerwillig in meine Manteltasche. Das Kind wurde in den Buggy gehievt und versuchte, als letzten Protest, seine Mütze vom Kopf zu ziehen. Es gelang halbwegs. Dann schritt der Römer ein. Wir nahmen den Aufzug und standen um 11:32 Uhr auf der Straße. „Puh! Ganz schön kalt.“, stellte der Römer fest. Für einen Tag Anfang Januar empfand ich die Temperaturen als durchaus erträglich. Wir gingen Richtung italienisches Lieblingscafé. Ich zog die Wintermütze etwas weiter in die Stirn. Nach etwas mehr als 500 Metern bemerkte der Römer wieder, dass es „echt kalt“ sei. Ich nickte. „Sollen wir nicht lieber umdrehen?“, fragte die römische Frostbeule. Es war 11:39 Uhr. „Nein!“, maulte ich. „Aber es ist sooo kalt!“, bettelte der Römer. „Du wolltest raus und hast uns alle aus unseren gemütlichen Sonntagsuniformen herausgesprengt. Jetzt laufen wir eben zu deiner Lieblingsbar. Los!“, herrschte ich ihn genervt an. „Aber vielleicht biegen wir hier links ab und statten dem neuen, französischen Café einen Besuch ab? Das Brixia* [die römische Lieblingsbar] ist echt weit weg. 30 minuti a piedi! [30 Minuten zu Fuß!]“, schlug der Römer vor. „Oooookay.“, erbarmte ich mich und witterte meine Chance: „Aber nächsten Sonntag bleiben Signorino und ich daheim. Allerhöchstens können wir einen Nachmittagsspaziergang machen – wenn das Wetter mitspielt.“ Der Römer nickte und bibberte in seinem schwarzen Kaschmirmantel. Den dunkelgrauen Schal zog er noch ein bisschen fester um den Hals, die Mütze noch ein bisschen tiefer.

Zu unserem Glück änderten wir den Plan und gingen zum französischen Café, das fantastische Schokotörtchen vorweisen konnte. Denn wären wir zur römischen Lieblingsbar gegangen, hätte uns das Schild „Chiuso per ferie – Geschlossen wegen Urlaub“ erwartet. So ging nochmal alles gut!

In diesem Sinne: Haben Sie einen wundervollen, ruhigen Restsonntag!

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

Mam(m)a Mia

Mam(m)a Mia

Zweisprachige Kinder haben’s nicht leicht. Mama sagt so und Papa sagt anders und da soll einer schlau daraus werden?

Aber sehen Sie selbst, wie schwer es Signorino mit uns als Eltern hat.

Ich: Signorino, wie heißt du?

Signorino: Farniente!

Signorino nennt wie immer nur seinen Nachnamen. Seinen Vornamen nennt er grundsätzlich nicht, obwohl wir ihn unzählige Male mit ihm geübt haben. Er bevorzugt dennoch beim ‚Sie‘ zu bleiben. Vermutlich dürfen ihn nur seine engsten Kindergartenfreunde duzen.

Ich: Signorino, und wie heißt die Mama?

Signorino: Mia!

Ich (irritiert): Nein, Schatz, ich heiße nicht Mia. Ich heiße Eva. Wie kommst du denn auf Mia?

Signorino wiederholt stoisch den Namen Mia und lässt sich nicht davon abbringen. Die Tage vergehen. Das Rätsel kann nicht gelöst werden.

Bis…

…dem Römer eine Schüssel in der Küche herunterfällt und in tausend Teile zerspringt. Der Mann ruft aufgebracht: „Mamma mia! Mancava solo questo! [Mamma mia! Nur das fehlte mir noch.]“ Signorino und ich sind im Wohnzimmer. Der kleine Kerl fixiert mich, lacht, ruft „Mamma mia“ und zerrt mich in die Küche.

Ist doch logisch. Wenn Papa „Mamma mia!“ ruft, dann braucht er die Hilfe von „Mama Mia“.

Rom – mit Blick auf das Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele II oder: Mamma mia! Was für eine Aussicht.

Weihnachten bei den Farnientes

Ich glaube, der weihnachtlichste Moment in diesen Festtagen war, als das Kind darauf bestand mit einer Rentier-Geschenkpapierrolle einzuschlafen. Es war der 23. Dezember und mein Plan war es, die unverpackten Geschenke abends, wenn das Kind schläft, einzupacken.

Den Plan vereitelte Signorino, in dem er die Geschenkpapierrolle fand und fortan als seinen Intimus betrachtete. Den ganzen Abend verbrachten die beiden miteinander. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass diese Freundschaft nur so lange Bestand hielt, weil die Rolle noch in ihrer dünnen Plastikfolie eingewickelt war. Das Zähneputzen fand selbstverständlich mit der Geschenkpapierrolle in der rechten Hand statt. Ein riesen Gekreische schrillte durchs Wohnzimmer als er die Rolle für den Bruchteil einer Sekunde aus der Hand legen musste, weil wir ihn in den Pyjama steckten. Man hätte meinen können, wir würden das Kind abstechen. „Nimm ihm doch jetzt die blöde Rolle weg! Ich brauche die eh gleich, weil ich die Geschenke noch einpacken muss.“, wies ich den Römer an. „Ma che? Non ci dobbiamo stressare. [Ach was! Wir müssen uns nicht stressen.] Wir nehmen sie ihm gleich weg, wenn er schläft.“, antwortete der römische Gatte. Ein guter Plan, der leider am Faktor Kind scheiterte.

Wir brachten Signorino und seine Geschenkpapierrolle ins Bett. Er lag in der Mitte, flankiert vom Römer und mir. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum man zwei Elternteile braucht, um ein Kind ins Bett zu bringen, ist das eine überaus berechtigte Frage. Die Antwort ist eine sehr einfache. Es ist (momentan) der schnellste und effizienteste Weg, das Kind ins Bett zu bringen. Fehlt ein Elternteil, wird dieser solange von Signorino gesucht bis er sich schließlich auch ins Bett begibt. Wenn man Signorino nicht aus dem Bett oder gar aus dem Schlafzimmer entlassen will, damit er den abwesenden Elternteil suchen kann, kreischt er ebenfalls solange bis er suchen gehen darf. Deswegen dauert der Einschlafprozess 15 Minuten, wenn wir beide zusammen anwesend sind – oder 2,5 Stunden, wenn nur ein Elternteil Signorino ins Bett bringen darf. Sie können sich denken, für welchen Weg wir uns regelmäßig entscheiden.

Als Signorino langsam ins Reich der Träume glitt, streckte ich im Halbdunkeln meine Hand nach oben, darauf bedacht, den Abkömmling nicht zu wecken, aber gleichzeitig die Aufmerksamkeit des Römers zu gewinnen. Der Römer reckte seinen Kopf. Ich flüsterte „Geschenkpapierrolle!!“. Er kuschelte sich an das Kind heran, löste den kindlichen Daumen und wollte dann die restlichen Finger von der Rolle lösen, doch das Kind schrie bereits los. Mist! Der kleine Kerl hatte noch nicht richtig geschlafen. Der Römer ließ von seiner Hand und der Geschenkpapierrolle ab, um ihn dann sofort mit beruhigenden „Sssch’s“ zu besänftigen. Ein paar Mal nuckelte Signorino empört am Schnuller, um dann wieder einzuschlafen. „Nochmal?“, flüsterte ich nach 5 Minuten, in denen der Römer und ich unbeweglich wie zwei Eisblöcke neben dem Kind lagen. „Bloß nicht wecken!“ war die Devise. Der Römer schüttelte den Kopf und zeigte Richtung Tür. Wir schlichen uns aus dem Zimmer. Im Flur besprachen wir die Taktik. „Wenn die Entspannungsphase im Schlaf einsetzt, dann wird Signorino ganz von alleine von der Rolle ablassen und wir können sie mühelos und ohne Geschrei entfernen. Notfalls packst du erst morgen die Geschenke ein.“, erklärte mir der Römer seinen Plan. Ich stimmte zu. Als wir gegen Mitternacht ins Bett gingen, lag unser Sprössling mit seiner Geschenkpapierrolle im Klammergriff tief schlafend im Bett. „Und jetzt?“, flüsterte ich. „Ich schlaf doch nicht neben einer Geschenkpapierrolle?!“ Der Römer musste sich bei diesem Gedanken ein Lachen verkneifen und hielt sich den Mund zu, um das Kind nicht zu wecken. „Dai! Non ti preoccupare. [Komm schon! Mach dir keine Sorgen.] Jetzt kann man ihm die Rolle einfach wegnehmen.“ Sie ahnen es: Man konnte nicht. So schliefen wir also zu viert im Bett: Der Römer, Signorino, die Geschenkpapierrolle und ich. Wann immer sich das Kind drehte, und das tat es oft und viel, hatte man entweder einen kleinen Fuß im Bauch, eine Geschenkpapierrolle im Gesicht oder eine Hand auf dem Kopf. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Ich quartierte mich aus. „Es wird Zeit, dass das Kind alleine schläft.“, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

Am nächsten Tag verbrachten Signorino und die Geschenkpapierrolle den Tag miteinander. Als die junge Freundschaft zur Mittagsschläfchenzeit immer noch nicht vorbei war, beschloss ich, die Geschenke in Geschenkpapier mit der Aufschrift „Happy Birthday!!“ zu verpacken. Anderes Papier hatte ich nicht zur Verfügung. Das Kind kann nicht lesen und in 30 Jahren werden wir bei der PowerPoint-Präsentation (oder was auch immer es dann geben wird) anlässlich seiner Hochzeit alle etwas zu lachen haben, sofern er denn überhaupt heiraten will. Nachdem alle Geschenke eingepackt waren, das Kind wieder wach und fit für die zweite Tageshälfte, verlor er, wie sollte es anders sein, sein Interesse an der Geschenkpapierrolle.

Der 24. Dezember war ansonsten recht unspektakulär. Es gab in unserer Wohnung keinerlei Weihnachtsdeko, was der mangelnden Zeit im Dezember geschuldet war. Das Kind riss seine Geschenke gegen 19 Uhr auf und wollte ansonsten gerne „Bobo Siebenschläfer*“ gucken. Der zweite Weihnachtsfeiertag plätscherte so vor sich hin. Morgens nieselte es, nachmittags schneite es, aber es war auch vollkommen egal, welches Wetter vor unseren Fenstern tobte. Wir hatten eh nicht vor, heute das Haus zu verlassen. Selbst der Knirps wollte nicht raus, trotz mehrmaligem Anbieten eines Spielplatz-Besuches. „No’malBoboJA?! [Nochmal Bobo Siebenschläfer, ja?]“, war seine Antwort. Dabei muss ich hervorheben, dass seine Satzstruktur mich stark an unseren neuen, überaus freundlichen Kebab-Dealer Cetin erinnert. „ZweiMalDönerMitAllesScharf,JA?!“, sagt Cetin, wenn die Schlange vor seinem Laden sich mal wieder um die nächste Straßenecke schlängelt. Da Cetin nicht nur überaus freundlich und schnell ist, sondern, hier lege ich mich fest, einen der besten Döner Frankfurts anbietet, ist seine Satzstruktur aufgrund des hohen Aufkommens an hungrigen Gästen oft auf das Nötigste reduziert. Er kann aber auch ganz normal sprechen, wenn nicht Horden von hungrigen Frankfurtern vor seinem Laden warten. Dennoch weiß ich nicht, ob es für uns als Eltern spricht, dass das Kind nun diese Satzstruktur aufweist. Zu unserer Verteidigung möchte ich trotzdem erwähnen: Wir hatten im Dezember echt viel zu tun und haben nur deswegen so oft bei Cetin bestellt. Immerhin sagt das Kind noch nicht „NächsteBitteHalloMeinFreundWasDarfsSein?“.

Am Abend des 25. Dezembers machten wir etwas total verrücktes: Wir buchten unseren Sommerurlaub. Das taten wir noch nie so früh, was einerseits daran lag, dass wir ein sehr unstetes Leben hatten und nicht länger als zwei Wochen im Voraus planen konnten. Andererseits lag es an der ständigen Ungewissheit, wann wir überhaupt Urlaub nehmen können, ob und wann wir einen Kitaplatz finden, ob und wann wir umziehen, usw.. Doch dieses Jahr haben wir bereits alle Unwägbarkeiten, von denen wir zum heutigen Zeitpunkt wissen können, abgeklärt. Dazu sind wir dieses Jahr umgezogen, haben eine Kita gefunden und werden unseren Urlaub rechtzeitig beantragen.

Dazu wussten wir: Die Kita schließt in den letzten zwei Augustwochen. Irgendjemand muss das Kind betreuen. Wir arbeiten beide und somit ist es klar, dass wir uns in dieser Zeit frei nehmen werden. Zuerst buchten wir fünf Nächte in Rom in dem Reihenhäuschen, dass wir 2020 kennen und lieben gelernt hatten. Dann dachten wir daran, dass wir danach den Zug nach Bari nehmen könnten und in Polignano a Mare eine Woche bei einem römischen Freund verbringen könnten. Die Züge waren noch nicht buchbar, was wenig verwunderte, denn DB Tickets* kann man auch erst drei Monate vorher buchen. Der Römer und ich redeten etwas über Albanien und über Gjiri i Lalzit, die Lalzit Bucht. etwas oberhalb von Durrës. Hier waren wir das erste und letzte Mal am Meer als ich mit Signorino schwanger war. Furchtbar langweilig, wenn man als Paar dort ist. Mit Kind sieht das aber ganz anders aus: Es gibt einen langen Strand, zwei Restaurants, drei Spielplätze, viele Kinder, ein Café, fertig. Dazu ist die Wohnanlage von langen Wohngebietsstraßen durchzogen, die zu allen heiligen Zeiten von einem Auto befahren werden. Davor und danach gehört die Straße den Kindern mit Laufrädern, Bobby Cars und Fahrrädern. „Ach, ich weiß nicht.“, stöhnte der Römer bei der Vorstellung. „Warum in den Norden schweifen, wenn wir im Süden die besten Strände des Landes haben?“ Ich bat ihn, mir noch ein Mal die Bilder von Orten wie Dhermi, Ksamil, Palasë und Himar zu zeigen. Hübsch sah es dort aus. Wir suchten nach Unterkünften. Der Haupttenor des Römers war bei jeder Unterkunft “Ma che cos’è? [Aber was ist das denn?] Das würde ich nicht mal an den Mann** meiner Schwester vermieten.“ Irgendwann, durch eine göttliche Fügung, fanden wir eine Unterkunft die dem Römer genehm war. Der Preis im August sprach aber auch für sich. Gleichzeitig glänzten die römischen Augen. „Okay, können wir machen. Dann wird aber Rom storniert. Wir sind doch nicht Graf Koks!“, erklärte ich dem Römer. „Okay, kein Problem.“, sprach der Gatte und stornierte in zwei Klicks den Besuch in Rom. „Dann nehmen wir am besten ein Taxi bis dorthin.“, schlug er vor. „Ne, ne, ne, ne, ne! Sicher nicht. Das kenne ich schon. Vergiss es!“, insistierte ich blitzschnell. „Ma perché no? [Aber warum nicht?]“, wollte der Römer wissen. Ich hatte meine innere Kontra-Liste schon seit 2019 fertig in meiner virtuellen Albanien-Schublade und feuerte ein Argument nach dem anderen ab: „1. Mir ist bis jetzt kein albanischer Taxifahrer begegnet, der nicht die ganze Zeit durchgeredet hat. Natürlich in einem undefinierbaren, albanischen Dialekt. Mit dir. Die Fahrt dauert mindestens vier Stunden. Ne, danke. 2. Entweder Taxis haben keine Klimaanlage und ich fühle mich wie ein Grillhähnchen. Oder aber es gibt eine Klimaanlage. Dann ist die Einstellung immer auf „Winter in Jakutsk“. 3. Die Blicke! Jedes Mal, wenn ich den Kindersitz für Signorino installiere, werde ich angeguckt als hätte ich sie nicht alle. Das reicht mir schon, wenn dein Bruder mich so anguckt. 4. Gespräche über Deutschland. J-E-D-E-S einzelne Mal. Es scheint, als wärst du ein Gesandter der albanischen Botschaft in Berlin. Der Fahrer feuert also ein unbestätigtes Gerücht über Deutschland ab und du übertreibst es entweder mit deinen Lobeshymnen oder du machst Deutschland so schlecht, dass man denkt, man wohnt in einem seelenlosen Land voller dysfunktionaler Menschen. 5….“ Der Römer unterbrach mich: „Ist ja schon gut. Was willst du stattdessen machen?“ Ich grinste. Auch hier hatte ich bereits meine Lösung feinsäuberlich vorbereitet: „Ich buche einen Mietwagen. Bei Firma X – am Flughafen. Nicht wieder bei einer Mietwagenplattform, wo ich irgendeine Schrottbrasse in der Stadt abholen darf und wenn ich ankomme, sagt man mir: ‚Oh, da haben Sie aber Glück, dass sie fünf Minuten zu früh dran sind. Denn das ist unser letzter Mietwagen. Na ja, dann hat das Paar nach Ihnen eben Pech.‘ Wenn ich einen Mietwagen vier Monate vorher gebucht und bezahlt habe, brauche ich kein „Glück“. Der Mietwagen steht dort, wie vertraglich vereinbart, und wartet darauf von mir übernommen zu werden. Außerdem will ich die Mietwagenkategorie „Panzer“. Nie wieder fahre ich mit einer halbkaputten Coladose auf den Straßen Albaniens. Ich bin doch nicht lebensmüde. Wir haben teure Fracht an Bord, unseren Signorino.“ Ich drehte den Bildschirm zum Römer, um ihm zu zeigen, was ich mir genau vorstellte. „So viel Geld? Bist du irre! Sollen wir nicht lieber meinen Schwager Besim fragen, ob wir seinen Hyundai*** in der Zeit haben dürfen?“, wollte der Römer wissen. „Ne, danke. Auch das kenne ich schon. Natürlich sagt er sofort Ja, weil er zum heutigen Zeitpunkt denkt, dass er es schon irgendwie hinbekommt seinen Hyundai*** zu verleihen. Wenn wir dann Mitte August mit Kind und Koffer vor seiner Tür stehen, ist er so überrascht, dass er uns den Kleinstwagen seines Sohnes anbietet, denn der Hyundai*** sei angeblich in der Werkstatt. Zu dritt quetschen wir uns dann in den alten Opel Corsa*** und tuckern nach Dhermi. Ne, ne, mein Lieber! Entweder das – zu meinen Konditionen oder wir fahren an die Nordsee.“, machte ich dem Römer klar. „Gut, dann fahren wir an die Nordsee.“, trotzte er und verschränkte die Arme. Ich zeigte ihm wortlos die Wassertemperaturkurve der Insel Amrum. „Okay, und du meinst, dass ein Taxi vom Flughafen Tirana nach Dhermi wirklich keine Option darstellt?“, wollte der Gatte noch einmal wissen. „NEIN!“, sprach ich. „MamaPapaBoboJa? [Mama, Papa, darf ich Bobo Siebenschläfer gucken?]“, sagte eine leise Stimme. Signorino hatte sich unbemerkt aus dem Bett ins Wohnzimmer geschlichen. „Nein, Schatz. Du gehst jetzt wieder ins Bett.“, erklärte ich unserem Ableger. „TschuTschuWaJa? [Das Lied TschuTschuWa wäre auch in Ordnung für mich, Mutter.]“, versuchte es der Nachwuchs weiter. „Nein, auch das nicht. Komm, wir gehen zusammen ins Bett.“, schlug ich ihm vor. Seine kleine, warme Hand nahm meine und ich brachte ihn wieder ins Bett. Diesmal klappte es auch ohne römische Verstärkung. Als ich nochmals aufstand, buchte ich die Mietwagenkategorie „Panzer“ zum Preis einer halben Niere. „Freiheit kostet Geld.“, pflegt mein Vater immer zu sagen. Recht hat er.

Ein Schokotörtchen gab’s auch noch. Die Fenster sind ungeputzt, aber das fällt bei dem Vordergrund und dem schrecklichen Wetter kaum auf. 😉

*Eine Fernsehsendung der Öffentlich-Rechtlichen. Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

**Man akzeptiert ihn, mag ihn aber nicht besonders, weil er so dickköpfig ist

***Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

Ein denkwürdiger Tag

Ich weiß nicht, was Sie gestern um 13:27 Uhr gemacht haben und vermutlich wissen Sie das auf die Minute genau auch nicht, aber ich habe zur genannten Uhrzeit meine wissenschaftliche Hausarbeit bei der Universität hochgeladen. Überpünktlich wie die Maurer, drei Tage vor meinem selbst gesetzten Abgabeschluss. Dass ich den gesetzten Abgabeschluss zwischen Oktober und Dezember drei Mal verschoben habe, kehre ich an dieser Stelle großzügig unter den Tisch. Am Ende zählt eben nur das Ergebnis, welches im besten Fall im Februar veröffentlicht wird. Ob die Universität mein schnittiges Dr. Markus Söder Thema auch so pfiffig finden wird? Ich werde es Ihnen berichten, oder aber: Es unter den Tisch kehren – zu meinen verstrichenen Abgabeschluss-Daten. 😉

Symbolbild: Ein Lernender (Römer).

Dabei muss ich erwähnen, dass ich gestern Morgen absolut nicht damit gerechnet hätte, etwas abzugeben – außer meiner Seidenpapier starken Nerven. Der Mann, der immer zur Arbeit geht, egal in welchem Zustand, meldete sich gestern früh erst bei mir und dann bei seinem Arbeitgeber krank. Wenn Sie sich auf eines beim Römer verlassen können, dann ist es, dass er selbst auf dem Arbeitsweg angeschossen, noch zur Arbeit humpelt und seine Stunden abarbeitet. Aber heute hatte er migränebedingte Kopfschmerzen, die ihn zwangen, seinen Arbeitgeber über sein Fernbleiben der Arbeitsstelle zu informieren. Das wiederum hieß für mich, nicht er würde Signorino zur Kita bringen, sondern ich. Also machte ich mich in aller Eile zurecht, ging vor ungewohnter Dienstags-Aufregung drei Mal aufs Töpfchen, nur, dass der Römer sich dann in die Jacke schmiss und auch zur Kita mitkommen wollte. Trotz intensiver Bemühungen meinerseits und dem Hinweis, dass er am besten im Bett aufgehoben ist, insistierte er. Also fuhren wir zu dritt zur Kita und brachten das Kind in eine sichtlich leere Betreuungsstätte. Dabei ist es nicht dem vorweihnachtlichen Reiseverkehr zu den Verwandten geschuldet, dass die Kitakinder der Einrichtung fernblieben. Vielmehr erreichte mich am Montagmittag eine E-Mail, dass die beiden Nachbargruppen in Corona bedingte Quarantäne mussten. Ein Glück gab (und gibt) es keinen Fall in Signorinos Gruppe (toitoitoi). Dennoch lassen viele Eltern ihr Kind bereits daheim, um nichts zu riskieren. Da wir eh nirgendwo hinfahren, schickten wir das Kind trotzdem. Trotz alledem würde eine x-tägige Weihnachts-Quarantäne nicht auf meiner Weihnachtswunschliste zu finden sein.

Als wir Signorino um 09:20 Uhr abgegeben hatten, fuhr ich den Römer und mich wieder nach Hause. Der Römer frühstückte, ich tippte nervös Nichtssagendes in den PC, weil ich mich bei seinen Frühstücksgeräuschen nicht konzentrieren konnte. Dann ging der Herr des Hauses schlafen und mein nichtssagendes Getippe wurde endlich von wissenschaftlich fundierten Aussagen abgelöst. Bis 12:55 Uhr klimperte ich geschäftig auf der Tastatur meines PCs umher bis ich zufrieden auf „speichern“ klickte. Geschafft!

Nach einem zwanzigminütigen Anfall meinerseits, in dem ich die Prüfungsplattform meiner Uni verfluchte, gelang es mir doch noch meine Arbeit hochzuladen. Währenddessen schaufelte ich hektisch Ravioli in mich hinein, die der bereits erwachte Mann uns zubereitet hatte. Um 13:27 Uhr war es dann vollbracht. Ich war ein freier Mensch – bezogen auf dieses abgelegte Modul. Und meine Freiheit kann und konnte ich auch nur unter Vorbehalt genießen. Wer weiß, ob ich das Modul bestanden habe? Immerhin hatte ich jetzt genug Zeit, den Römer zu betrachten. Er sah nach seinem Schläfchen gleich viel gesünder aus. So voller Farbe im Gesicht und einem halbwegs zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Um 14 Uhr wollte der Römer wieder mitfahren, um Signorino abzuholen. Als wir ankamen, kümmerten sich zwei Erzieherinnen um zwei Kinder. Mehr Kinder waren nicht (mehr) im Gruppenraum. Das Kind war dennoch froh, abgeholt zu werden und hüpfte uns in Strumpfhose entgegen. Als alle angezogen, verpackt und verladen im Auto saßen, fragte ich den Römer, ob wir noch kurz nach Frankfurt-Oberrad fahren könnten, denn dort würde ich gerne Gratis-Pflanzen abholen. Er willigte ein und auch Signorino hatte nichts dagegen. Klar, der kleine Kerl hatte auch noch ein Butterbrot in der Hand, an dem er geschäftig nagte. In Oberrad angekommen wurden Fahrerin und Beifahrer auch nur ein einziges Mal und ganz kurz laut, weil der Römer mein Handy auf die Mittelkonsole legte, es prompt in einer engen Kurve auf meine Seite fiel und ich panische Angst hatte, dass es sich unter dem Gas- oder, noch schlimmer, Bremspedal verfangen würde. „Ma che! [Ach was!]“, trotzte der Beifahrer ohne Fahrerfahrung. Meine Hypothese lag außerhalb seiner Vorstellungskraft. Wie so vieles, was mit dem Fahren und Führen von Kraftfahrzeugen zu tun hat. „Fahr halt einfach rechts ran.“, empfahl er mir flapsig auf der dreispurigen Fahrbahn im frühen Berufsverkehr, wobei sich linkerhand eine Tram vorbeiquetschte und rechts Offenbacher Sportwagen an uns vorbeizogen. Ich motzte irgendetwas, wobei der Römer meinen meist gehassten Satz überhaupt darauf antwortete: „Du – fahr einfach! Ich mach den Rest.“ Dieser Satz lässt eine ungeahnte Aggression in mir aufsteigen. Das ist gar nicht in Worte zu fassen, was dieser unverschämte, römische Imperativ mit mir macht. Dazu muss ich ergänzend erwähnen, dass ich mich jedes Mal frage, was denn dieser besagte „Rest“ ist, von dem der Römer als Beifahrer spricht und um den er sich immerzu kümmern will? Meint er damit, dass er Schnittchen und kühle Getränke serviert? Einmal feucht durch die Fahrerkabine feudelt? Die Fenster putzt? Ich weiß bis heute nicht, welche verantwortungsvolle Aufgabe ein Beifahrer hat, von der ich in all den Jahren nichts mitbekam. Doch, Moment. Eine Aufgabe gibt es: Wenn wir zum Supermarkt fahren und in dessen Tiefgarage parken, ist es seine Aufgabe, das Parkticket vom Auto bis zur Tiefgaragenausfahrt in der Hand zu halten und es mir zum richtigen Zeitpunkt auszuhändigen, während ich versuche, nicht zu nah und nicht zu weit von der Säule, die unser Parkticket entgegen nimmt, anzuhalten. Wobei die Aufgabe mir das Ticket auszuhändigen auch von der Mittelkonsole äußerst gewissenhaft erledigt wird.

Pflanzen auf dem Fensterbrett. Die erste auf dem Bild wurde mir überlassen, weil die ehemalige Besitzerin dachte, ich hätte einen grünen Daumen. Na, wenn die gewusst hätte, dass ich passive, florale Sterbebegleitung ausübe, dann hätte sie sie vermutlich behalten.

Doch zurück zum Oberrader Verkehrsmanöver: Irgendwann und irgendwie schaffte ich es dann, ohne Handy, dass sich unter den Pedalen verfing, in eine unscheinbare Einfahrt und friemelte das Handy aus dem Fußraum. „Hier! Festhalten“, pflaumte ich den Römer an und drückte ihm mein Handy in die Hand. Dann entriss ich es ihm sogleich wieder, weil ich nachschauen wollte, wo wir hier überhaupt waren. Die Landkarten-App gab mir an, dass wir nur 200 Meter von unserem Zielort entfernt waren. Ich ließ das Auto (aus Sicherheitsgründen) in der Einfahrt stehen, sprintete die Straße entlang und hüpfte in den 1. Stock, um die Pflanzen von einer netten Kleinanzeigen-Dame abzuholen. Da ich privat zwar einen halbwegs grünen Daumen habe, in der Arbeit aber den Tod der ein oder anderen Pflanze auf meinem Konto verbuchen muss (darunter einen unkaputtbaren Kaktus und einen Bogenhanf🙈), brauchte ich Ersatz, damit mich mein Chef nicht wegen floralem Todschlags entlässt. Ich holte also eine Tüte neuer Leidensgenossen in einem gepflegten Wohnhaus ab und hoffte, dass diese grünen Freunde nach einer kurzen Zeit bei mir schlussendlich auch im Büro überleben werden. Im Auto angekommen verstaute ich meine Tragetasche sicher im Fußraum der Rückbank und ließ den Motor an. Von der Rückbank kam ein leises, aber im Fahrtverlauf immer lauter werdendes „Iiiigel!!“. Der Nachwuchs wollte einen Riegel, aber konnte das dazugehörige R noch nicht aussprechen. Egal – sein Wunsch kam trotzdem bei uns an. Der Römer kramte in meinem Rucksack, doch dort war kein Riegel zu finden. „Du hast vergessen, Riegel in deinen Rucksack zu füllen.“, unterrichtete mich der Römer. „Und du hast nicht einmal einen Geldbeutel dabei. Wird sicher ganz schön kalt, wenn ich dich hier an der Ecke rauslasse und du heimläufst.“, konterte ich. Der Römer maulte etwas nach. „Trotzdem haben wir keinen Riegel für das Kind.“, wiederholte er. Ich nickte. Noch 2,5 Kilometer nach Hause. Er wird schon nicht durchschreien. Auf Höhe des Frankfurter Hauptbahnhofes brüllte Signorino so laut „Iiigel!!!“, dass ich den Römer anwies, ihm das Päckchen gefriergetrocknete Erdbeeren zu geben. „Gesunde Chips für Kinder.“ stand auf der Packung. Ich wusste auch, warum sie so gesund waren. Durch ihren unangenehmen, sauren, aber naturbelassenen Geschmack lässt jedes Kind freiwillig von diesen Chips ab und isst lieber den eigenen Jackenärmel. Doch in der Not war uns jedes Mittel recht, dass ein paar Augenblicke lang das laute Brüllen im Auto unterband und uns sicher und konzentriert durch den Stadtverkehr kommen ließ. Signorino schniefte und brüllte immer noch. „Sicher?“, fragte der Römer. Wir wussten beide, dass diese Erdbeeren seit Wochen im Auto mitfuhren und Signorino diesen Snack bis jetzt jedes Mal verschmähte. Aber was hatten wir jetzt noch zu verlieren? Er tobte eh schon unaufhörlich. Im Gutleutviertel angekommen verstummte das Kind und kaute zufrieden saure Erdbeerchips. Sogar ein „Mmmh.“ kam aus dem Fond des Autos. Irgendjemand hatte uns wohl heimlich das Kind in der Kita ausgetauscht. Wir nahmen die plötzliche Ruhe dankend an und freuten uns über die letzten, ruhigen Meter bis wir von Signorino mehrmals aufgefordert wurden „Tschu Tschu Wa“ zu singen. Nach 500 Metern war der Spuk vorbei. Wir rollten in die Hofeinfahrt. Laut singend. Das Kind war selig. Wir beinahe heiser.

Daheim angekommen leerte ich zwei Packungen Riegel in meinem Rucksack aus. Sicher ist sicher, denn die Packung mit den gefriergetrockneten Erdbeeren war nun leer.

WMDEDGT – Dezember 21

Es ist der 5. und Frau Brüllen fragt wie immer: “Was machst du eigentlich den ganzen Tag?” oder, etwas kürzer: WMDEDGT.

09:00 Uhr Das Kind tappst in das Kinderzimmer, wo ich alleine schlief und immer noch schlafen möchte. Wir einigen uns auf kuscheln. Der Mann tappst hinterher, gibt mir einen Kuss und hört sich immer noch angeschlagen an. Dennoch fühlt er sich im Stande, Croissants in den Ofen zu legen und für das Kind Haferbrei zuzubereiten. Schlussendlich lässt er noch zwei Espressi aus der Maschine und setzt das Teewasser auf. Ich lese die Signorino’schen Kinderbuchklassiker, die der Nachwuchs mittlerweile (zum Teil) mitsprechen kann. Es geht in etwa so:

Ich: Lea stößt sich ihren Zeh. Das tut richtig, richtig…

Kind: WEH!!!

Ich: Tröstet sie der Schnuller?

Kind: NEIN!!!

Ich: Oma muss jetzt bei ihr sein.

10:00 Uhr Die Wohnung muss geputzt werden. Wir sortieren, räumen auf, saugen und wischen. Das Kind ist mehr oder weniger hilfreich. Am Ende putze ich das Bad, während Signorino seine Spielküche im großen Stil unter Wasser setzt. Selbst die Kinderzimmerwand ist nass. Zweisprachiges Schimpfen prasselt auf Signorino nieder. Der kleine Kerl lacht und will weiter Quatsch machen. Wir machen ihm deutlich, dass das großer, großer Sche*ß (O-Ton) ist. Er läuft durch die Wohnung und schreit „Sch*iß“. Heute sind wir wirklich wieder ganz tolle Eltern. Am Ende saugt er mit dem Staubsauger den Esstisch ab und fegt fast alles vom Tisch. Da ich wieder ins Bad zurückgegangen bin, um den Spiegel zu putzen, gibt es viel Geschrei zwischen dem Römer und Signorino. Am Ende kommt das heulende Kind ins Bad und will mir verständlich machen, dass Papa ihm den Staubsauger weggenommen hat. Ich tröste und beteuere, dass Papa das schon ganz richtig gemacht hat und Staubsauger nichts für Kinder sind – besonders, wenn er damit die Obstschale vom Tisch schleudern will.

12:00 Uhr Wir gehen an die frische Luft. Die große Tour de Paket wartet auf uns. Erst zur gelben Packstation, denn zwei Pakete müssen auf den Weg gebracht werden. Blöderweise, oder in Signorinos Fall, praktischerweise liegt diese in einer Bahnstation. Und Bahnstation bedeutet, Rolltreppen und Rolltreppen bedeuten grenzenloser Spaß. Wir geben die Pakete ab und nehmen den Weg von einer Seite des Bahnhofes auf die andere – hoch oben, immer dem Bahnsteig entlang. Davor und danach kann Signorino Rolltreppe fahren, was dazu führt, dass er nicht im großen Stil ausrastet. Win-Win sozusagen. Auf der anderen Seite des Bahnhofes liegt die schwarze Packstation. Ich hole ein Paket ab. Der Römer will wissen, was darin ist. Als ich mit „Silikon-Plätzchenunterlage“ antworte, lacht der sehr charmante Mann: „Die wird eh nur bei uns daheim herumliegen. Tu uns einen Gefallen und schick sie gleich zurück.“ Pff! Wird er schon sehen wie oft ich sie benutzen werde. Notfalls bekommt er sie nächstes Jahr zu Weihnachten. 😉 Wir schlendern heim. Dort angekommen mutiert Signorino zu einer unkontrollierbaren Katze. Er klettert auf den Stuhl und reißt die Orchidee vom Fensterbrett. Das macht er natürlich heimlich während wir uns die Jacken ausziehen. Als ich das römische „Ma che ca**o stai facendo?“, höre, weiß ich Bescheid. Hier ist mindestens eine mittelgroße Katastrophe in Gange. Signorino wird in sein Zimmer geschickt. Wir räumen alles auf und saugen nochmals durch. Immerhin sehe ich, dass der Topf viel, viel zu klein für die Orchidee ist. Deswegen werde ich nächste Woche wohl zum Baumarkt fahren müssen und ihr einen neuen Topf spendieren.

13:30 Uhr Wir haben zu Mittag gegessen. Das Kind gehört ins Bett. Ich übertrage dem Römer diese Aufgabe und mache mich daran, die Nikolaus-Aufmerksamkeiten einzupacken. Dieses Jahr bringt er eine Kleinigkeit für Turtle und Signorino. Wir sind leider leer ausgegangen. Vielleicht sind wir nächstes Jahr artiger. 🙂 Wenn es dämmert, wird es auf dem Balkon versteckt.

15:00 Uhr Als ich Turtle zum verfrühten Nikolaus-Fest eingeladen habe, habe ich nicht bedacht, dass wir weder Kuchen noch Plätzchen daheim haben. Der Römer schlägt Apple Crumble vor. Guter Mann! Geht schnell – und noch wichtiger: Wir haben alle Zutaten daheim. Selbst Vanilleeis hätten wir daheim. Und wer kennt ihn nicht, den typischen Nikolaus-Crumble. Eine alte, bayerische Tradition… oder ist es doch eine römische? 😉

15:40 Uhr Das Kind wird von uns geweckt. Der Römer düst ins Bad ab. Seinen Bart müsste er stutzen, gibt er an. Er hat vermutlich nur keine Lust, ein gewecktes und nöliges Kind zu bespaßen. Wenig später klingelt es. Ich vermute, es ist Turtle. Sie wäre aber 40 Minuten zu früh. Das ist normalerweise nicht ihr Stil. Letztendlich ist es der Nachbar mit dem ähnlichen, aber arabischen Nachnamen, der immer unsere Post bekommt (und umgekehrt). Schön ein Gesicht zum Namen zu haben.*

16:40 Uhr Tante Turtle kommt vorbei. Der Apple Crumble wird serviert und wir essen. Der Kleine findet erst Apple Crumble blöd, dann doch gut, dann findet er am besten Turtles Apple Crumble auf Turtles Teller. Als alle gegessen haben, was für eine Überraschung, entdecke ich doch tatsächlich zwei gefüllte Stiefel auf dem Balkon. Der Kleine findet Bausteine klasse, aber dass das ein Pizzeria Set ist, ist ihm total egal. Hauptsache Legosteine. Turtle freut sich, dass der Nikolaus an sich gedacht hat. Wir lesen Ausschnitte aus ihrem Buch. Etwas später bestellen wir Pizza.

18:30 Uhr Die Pizza kommt an. Sie ist okay. Der Römer findet sie schrecklich, obwohl wir schon das dritte Mal dort bestellt haben. Mein Lieblingsladen war das eh nie.

20:00 Uhr Turtle bricht auf. Der Römer bringt sie zur Bahn. Jetzt geht’s für den Mini gleich in die Badewanne. Das wird wieder der Brüller – im wahrsten Sinne des Wortes. Baden führt hier immer zu großem Geschrei.

22:00 Uhr Das Kind ist im Bett! Hallelujah! Let’s call it a day.

Gleich geht’s weiter….

*Da kommt meine innere Frau Keifflinger raus.

Voll eingebunden

Wer genau schaut, sieht Chaos im Hintergrund. Aber mir sind die Hände gebunden. Wortwörtlich.

„Hier jagt ein Ereignis das nächste“, werden Sie sich vielleicht gedacht haben bei dem Bild mit dem blauen Verband. Denn „voll eingebunden“ – so ganz wortwörtlich, bedeutet meistens „gestaucht“, „gezerrt“ oder gar „gebrochen“. In meinem Fall bedeutet es aber nur, dass ich kein Möbelstück mehr mit dem neuen Werkzeugkoffer aufbauen sollte. Denn eh ich mich versah, hatte ich zwei blutige Blasen in der Handinnenfläche. Natürlich kam ich auf die Idee, die Wunde zu desinfizieren (ich fluchte wie ein Bierkutscher!) und zu verpflastern. Leider war das Kinderpflaster nur wasserdicht, nicht aber bewegungsresistent. Nach vier Minuten löste es sich bereits ab und wanderte in den Müll.

Ich kontaktierte den Römer in der Arbeit. Selbstredend missbrauchte ich nicht unser Codewort „codice rosso“, sondern fragte ganz leger nach, wie dieses Problem zu lösen wäre. Wenige Minuten später antwortete er. Na klar, es war schließlich kein Ernstfall. Vermutlich deswegen bekam ich sofort eine Antwort auf meine Frage. Man müsse es verbinden, riet mir der Gatte. „Mit einem richtigen Verband?“, wollte ich wissen. Die Antwort des Römers ließ auf die Qualität meiner Frage schließen: „Ne, mit Klopapier.“ Ja gut. Besonders hochtragend war meine Rückfrage nicht. „Spaß beiseite. Ja, mit einem richtigen Verband natürlich.“, fügte er seiner witzelnden Antwort an.

Ich schritt zur Tat und holte unsere Medizin- und Verbandsbox aus dem Regal. Eine Kompresse, die noch von Signorinos Nabel-Abheilungsprozess als Neugeborener übrig war, drückte ich vorsichtig an die nässende Wunde. Autsch! Ein ziehender Schmerz, ähnlich eines offenen Zahnnervs, durchzog meine Hand. Innerlich verfluchte ich das dämliche Werkzeugset. Dann wickelte ich den Verband um Hand und zugehörigem Handgelenk. Vorsichtig fixierte ich den Verband mit einer Klammer. Mein Befinden war etwas eng und ungelenk in diesem Verband, aber das Brennen der offenen Wunde wurde langsam erträglich. Nur Abspülen konnte ich beim besten Willen nicht. Signorino kritisierte meine Verweigerung aufs Schärfste. Er wollte JETZT die Bratpfanne, egal, ob sie nun ölig sei oder eben nicht. Jede zeitliche Verzögerung wäre eine Kriegserklärung an die Geduld Signorinos. Außerdem sei es meine mütterliche Pflicht, ihm die Pfanne zu überreichen, damit er im Wohnzimmer Legosteine ein- und ausschichten konnte. Wir diskutierten, er weinte, dann schrie er, schließlich stemmte er sich gegen meine Knie, um mich wegzuschieben. Ich bot ihm einen gewaschenen Kochlöffel an. Er schmiss ihn auf den Boden. Schließlich bekam er einen großen Topf und spielte schmollend damit. Die Pfanne versteckte ich im Geschirrspüler.

Versuchen Sie mal mit meiner Konstruktion Geschirr abzuwaschen! Sie kommen gar nicht erst in den Gummihandschuh.

Abends, als der Gatte von seiner Arbeitsstelle heimkam, bat ich ihn, mich ordentlich zu verbinden. Der erste, römische Lacher polterte durch die Wohnung, als er mich fragte, welchen Puder ich für die Wunde benutzte. „Na, den blau-weißen, italienischen im Badschrank.“, war meine Antwort. Der Römer lachte Tränen. „Schaden wird der sicher nicht.“, hapste er nach Luft. „Warum? Was ist denn damit?“, wollte ich wissen. „Der ist gegen Fußpilz.“, prustete er wieder los. Hm… vielleicht hätte ich doch lesen sollen, was auf der Verpackung stand? Aber wer hat schon Puder gegen Fußpilz daheim? „Immerhin brauchen wir uns um eine mögliche Fußpilzinfektion deiner Hand keine Sorgen machen.“, nahm er mich auf den Arm. Wer den Schaden hat, braucht für den Spot nicht zu sorgen.

Der Gatte desinfizierte die Wunde gekonnt, legte die Kompresse darauf und verband die Blasen. Ein entscheidender Unterschied zu meinem Verband war sicher, dass er nur ein Viertel des Verbandmaterials benutzte, was die Hand mit einer ganz neuen Beweglichkeit quittierte. „Das wird sicher ein paar Tage dauern bis die offenen Wunden weg sind.“, erklärter er mir. „Das heißt, keine Möbel zusammenbauen, bitte. Und keine unnötige Belastung für die blutigen Blasen.“ Proaktiv ergänzte ich seine Ratschläge: „Und kein Geschirrspülen und Putzen.“ Er guckte mich streng von unten an. Dann schüttelte er lächelnd den Kopf: „Mit Gummihandschuhen sollte es dir keinerlei Schwierigkeiten bereiten.“ Frech antwortete ich: „Selbst ohne Blase und Gummihandschuhe bereitet es mir Schwierigkeiten. Nicht auszudenken, was wäre, wenn sich die Wunde entzündet und ich keinerlei Fahrdienste, Einkäufe und sonstige Sachen erledigen könnte.“ Der Römer musterte mich ganz genau. Dann räusperte er sich und sprach: „Keine Sorge, so schnell geht das nicht.“ Ich biss in einen Keks und sprach mampfend und zwinkernd: „Lieber nichts riskieren.“

P.S.: Weil ich es gerade ausprobierte: Blasenpflaster, ursprünglich für die Füße, sind auch relativ resistent in der Handinnenfläche. 😉

Von der Frankfurter Polizei eingebuchtet

[Dieser Text ist am letzten Donnerstag entstanden und handelt vom letzten Mittwoch, nur, dass Sie sich nicht wundern, warum wir Signorino am Samstag in die Kita schicken. 😉]

Gestern fing der Tag hervorragend an. Ich kam gut aus dem Bett (das will ja was heißen!), frühstückte Kekse über einem Topf kochenden Haferbreis, den ich nebenher beaufsichtigte, damit die Milch nicht überkochen möge. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist das eigentlich das Abbild einer Doppelmoral: Die Mutter isst heimlich Kekse in der Dämmerung, während sie das gesunde Haferflocken-Frühstück für den Sohn kocht, der empört protestieren würde, wüsste er, dass ich nur wenige Augenblicke vor seinem Erwachen, Kekse in rauen Mengen gegessen hatte. „Ich muss schließlich nicht mehr wachsen.“, rechtfertigte ich mich vor mir selbst. „Außerdem habe ich einen so niedrigen Blutdruck, dass ich ohne ordentlich gesüßte Kekse vielleicht schon in wenigen Augenblicken umkippen würde. Mein Frühstück ist eine lebenserhaltende Maßnahme. Ja, genau, so ist das.“, log ich es mir schlussendlich zurecht und nickte bestätigend. Als der Brei fertig war und auf dem Tellerchen abkühlte, machte ich mich für den arbeitsfreien Tag zurecht. In Italien würde man mein Makeup „acqua e sapone“, Wasser und Seife, nennen. Und genau aus diesen beiden pfiffigen Hilfsmitteln bestand mein ganzes Beautyprogramm. Nachdem ich mich in meine Lieblingskombi aus T-Shirt, Jeans und Cardigan geworfen hatte, weckte ich das Kind. Es frühstückte das schnöde, aber gesunde Porridge. Wir kämpften uns durch die Morgenroutine. Danach verpackte ich Signorino artgerecht im angesagten Zwiebellook und wir fuhren los.

So hätte mein Lieblingsfrühstück ausgesehen, aber wir sind hier schließlich nicht bei „Wünsch dir was!“.

Als ich den Sohn in der Kita abgegeben hatte und wieder im Auto saß, dachte ich an den Einkauf, der dringend zu erledigen wäre. Normalerweise bestreiten wir diesen zu dritt und ohne Auto, aus dem einfachen Grund, dass zwei Erwachsene (und ein Kinderwagen-Unterkorb) mehr schleppen können als ein Erwachsener alleine. Der große Nachteil ist jedoch, dass es ein ständiges Gerenne und Gedrängel durch die engen Supermarktgänge ist. Leider wissen wir nie vorher, ob und wann die „Bombe Signorino“ hochgeht und kreischend mitteilt, dass er keine Lust mehr auf Einkaufen hat. Diese Szene vor Augen, setzte ich den Blinker links und bog ins Gewerbegebiet ab. Beim Discounter angekommen, lag mir die Gemüseabteilung zu Füßen. Ach, was sage ich! Der ganze Supermarkt wartete nur darauf, von mir alleine erobert zu werden. Alles war aufgefüllt, verfügbar und ansprechend präsentiert. Ein paar Handwerker und zwei Mütter, eine mit und eine ohne Kind, schwirrten durch die langen, beigen Gänge. Ganz in Ruhe überlegte ich mir, was wir an Lebensmitteln für diese Woche benötigen würden. Und, ich hatte sogar die Zeit, in den Aktions-Angeboten zu stöbern. In der Regel zieht mich der Römer in dieser Abteilung immer weiter. „Nein, das brauchen wir nicht!“, zischt er dann entnervt. Sehr zu meinem Leidwesen hat er meistens recht. Doch gestern gab es keinen Römer, der mich weiterzerren hätte konnte und so legte ich freudig Plätzchenformen in den Einkaufswagen. Wir hatten nämlich wirklich keine zu Hause. Bei der Auswahl der Ausstecher (es gab verschiedene Sets), hatte ich, so ganz alleine, tatsächlich die Ruhe über geeignete und ungeeignete Plätzchenformen zu sinnieren. Am Ende entschied ich mich für das Set mit den Glocken-, Stern- und Rautenausstechern und bewahrte mich damit vor einem Fehlkauf. Denn mein erster Griff ging zu den Schneeflockenformen. Hätte ich nicht genügend Zeit gehabt, darüber nachzudenken und abzuwägen, ich hätte Ihnen spätestens im Dezember todunglücklich von der Farce einer Schneeflockenform berichtet. All die kleinen Verästelungen, aus denen der Butterplätzchenteig möglichst in einem Stück herauskommen sollte, hätten mich vermutlich in den Wahnsinn getrieben.

An der Kasse ließ ich zwei Handwerker mit ihren gut gefüllten Brotbeuteln vor. Sie bedankten sich überschwänglich. Meinen Wocheneinkauf zu scannen würde schließlich deutlich länger dauern als drei Brötchen in die Kasse einzutippen. Wegen meinem Wocheneinkauf sollte niemand seine wertvolle Pausenzeit opfern und deswegen später nach Hause kommen. Zeit ist schließlich nicht unbegrenzt verfügbar. Außer für mich, in diesem Augenblick im Supermarkt. Denn ich hatte die Ruhe weg.

Im Regen spazierte ich zum Auto und fuhr nach Hause. Dort machte ich mich nach langen Monaten* an mein zweites Studienmodul. Langsam wie eine Schnecke kam ich voran. Es sind sechs Aufgaben zu erledigen, die aus drei bis vier Teilaufgaben bestehen. Gestern schaffte ich in drei Stunden Aufgabe 1a). Es war deprimierend und ziemlich ernüchternd. Aber so ist es jetzt eben. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen – und meine Hausarbeit.

Um 13:55 Uhr dachte ich darüber nach, ob ich die S-Bahn oder das Auto zur Kita nehmen sollte. Da es fürchterlich kalt regnete, entschied ich mich für die bequeme Variante und somit für das Auto. Denn mit einem nassen Kind (und ganz ohne Kinderwagen, da die S-Bahn Stationen nicht barrierefrei sind) S-Bahn zu fahren, versetzte mich in ein Gefühl der Beunruhigung, weil ich daran dachte, dass Signorino sicher sofort wieder krank werden würde und Krankheiten bedeuten bei ihm 7-10 Tage Dauerbetreuung daheim, was durchaus machbar ist, aber jedesmal mit einer langen Diskussion, wer der Erziehungsberechtigten wann wie daheim bleibt, einhergeht. Ich schlängelte mich also im sich aufheizenden Auto die langgezogene Einfahrt herunter, fuhr in den Torbogen ein, bereit, auf die Allee abzubiegen, doch….

…rien ne va plus. Nichts ging mehr! Die Polizei stand vor mir. Wobei hier primär das Polizeiauto gemeint ist, das mich sprichwörtlich einbuchtete. Denn dieses Auto parkte so in der Einfahrt, dass ich nicht die geringste Chance hatte, mit meinem Auto aus der Einfahrt zu fahren. Ich guckte ganz genau ins Polizei-Auto – es war unbemannt und unbefraut. Ein rascher Blick auf die Uhr verriet mir: Für die S-Bahn-Variante war es bereits zu spät, denn bis ich rückwärts unsere Einfahrt-Tatzelwurmstraße hinaufkriechen würde, das Auto wieder auf seinen Platz stellen, zur S-Bahn rennen und darauf bangen würde, dass diese einfährt, wäre es bereits 15 Uhr bis ich schließlich an der Kita angekommen wäre. Die Abholzeit ist leider auf 14:30 Uhr eingegrenzt. In diesem Augenblick wusste ich mir nicht anders zu helfen, als meine erkältete Schwester Turtle** anzurufen. Ich schilderte ihr die Lage. Sie riet mir, mich direkt mit der Polizei in Verbindung zu setzen. „Polizei Frankfurt“ tippte ich in die Suchmaschine und mir wurde die Nummer des Polizeipräsidiums angezeigt. Sofort rief ich an. Ich schilderte der netten Dame am Telefon mein Problem und sie antwortete knapp: „Moment, ich verbinde Sie zur zuständigen Wache.“ Dann tutete es, noch ehe ich mich bei ihr bedanken konnte. Und es tutete, und tutete. In jedem anderen Fall hätte ich nach dem 24 Mal Tuten aufgelegt, doch ich hatte eine dringende Mission, die da lautete, Signorino halbwegs rechtzeitig von der Kita abzuholen. Nach einer Minute Dauer-Getute ging ein junger Mann ans Telefon. Ich schilderte ihm mein Problem. „Ah ja, das sind die Kollegen, die einen Einsatz in der Hausnummer 31 haben.“ , klärte er mich auf. Ich zeigte Verständnis, wies aber nochmals daraufhin, dass ich Signorino nicht unbegrenzt in der Kita lassen konnte. „Sehen Sie das Nummernschild des Polizeiautos? Dann kann ich die Kollegen direkt informieren.“, fragte mich der freundliche Polizist am Telefon. „Äh…Momentchen. Ich steige kurz aus. Ja, da ist es: WI für Wiesbaden und dann die AB 1234.“, antwortete ich und ein dicker Regentropfen tropfte mir in den Nacken. „Ich gucke, was ich tun kann. Tschüss!“, verabschiedete sich der Frankfurter Polizist. Währenddessen rief ich in der Kita an und teilte der Erzieherin mit, dass es mir furchtbar Leid tue, aber ich bin von der Polizei sprichwörtlich festgesetzt worden. Ich komme in jedem Fall so schnell ich kann. Man zeigte Verständnis und lachte etwas über die Situation. Nach fünf Minuten kam ein Polizist in meinem Alter ums Eck. Seine Haare am Oberkopf waren zu einem neckischen Pferdeschwänzchen zusammengefasst worden. Die Seiten waren bis auf wenige Millimeter kahlrasiert. „Was es nicht alles gibt!“, sagte ich verwundert zu mir selbst und meinte diesen doch recht ungewöhnlichen Haarschnitt für einen Polizisten. Vermutlich bin ich etwas antiquiert, wenn es um meine Vorstellung eines typischen Polizisten geht, aber so einen mutigen Haarschnitt hatte ich bei einem Beamten noch nie beobachten können. Er winkte mir kurz zu, um zu signalisieren, dass er da ist und sogleich wegfährt. Ich winkte lächelnd zurück, um zu zeigen, dass ich das gut finde. Sofort fuhr er den blau-grau-neongelben Polizeibus zur Seite. Ich konnte endlich zur Kita. In einigen Streckenabschnitten fuhr ich etwas schneller als gesetzlich vorgegeben, aber da die Polizei mich höchstselbst ausbremste, fand ich das vertretbar. Um 14:35 Uhr, 5 Minuten nach der normalen Abholzeit fuhr ich in den Innenhof der Kita ein, hechtete die Treppen zu den Gruppenräumen hoch, zog mir mit einer Hand die Maske übers Gesicht und später über Mund und Nase und klopfte schweißgebadet an der Gruppen-Tür. „Entschuldigen Sie… die Polizei… hielt mich fest. Also mein Auto… nein, anders: Sie parkten mich ein.„, hechelte ich. „Kein Problem. Sie hatten ja angerufen.“, flötete die Erzieherin. Signorino erkannte mich jetzt erst und lief freudestrahlend auf mich zu. Das Butterbrot, das er in der Hand trug, presste er überschwänglich gegen meinen Mantel. Während ich den kleinen Kerl eilig anzog, erzählte mir seine Erzieherin von seinem Tag. Ich bedankte und verabschiedete mich, trug den Mini-Farniente durch den Novemberregen zum Auto und schnallte ihn an. Erst an der Ampel vorm Städelmuseum, an dem unsere Rückfahrt vorbeiführte, fiel mir auf, dass das Kind noch immer seine Hausschuhe anhatte. Demnach weilten seine Straßenschuhe in der Kita. Nochmal umdrehen? Lieber nicht. Da das Kind nur ein einziges Paar Straßenschuhe in seiner Größe hatte, musste ich unbedingt das Paket bei den Nachbarn abholen: Dort sind – hoffentlich – geeignete Übergangs- bzw. Winterschuhe in seiner Größe enthalten.

Für die S-Bahn war es dann doch schon zu spät.

Der Nachmittag plätscherte so dahin. Um 16 Uhr kam der Römer heim, der sich beklagte, dass er sich noch immer krank und schwach fühlte. „Dann bleib doch bitte morgen zu Hause.„, versuchte ich ihn zu überzeugen. „Nein, nein, es geht schon. *Hust* *Schnief* Außerdem haben die Patienten bereits seit Wochen und Monaten Termine und außerdem sind bereits zwei Kollegen krank.“, rechtfertigte er sich. Ohne den Römer würde die Welt untergehen, dachte er. Nun denn, dann soll er weiter an diese Mär glauben. Während er sich einen Espresso machte, erinnerte ich ihn daran, dass ich heute unbedingt beim Online-Yoga mitmachen wollte und musste.*** Er nickte. Aber das wisse er doch. Um 20:30 Uhr könne ich ganz getrost den Yogakurs zelebrieren. Er würde Signorino ins Bett bringen. Ich blieb unbesorgt und vertraute darauf, dass das hinhauen würde. Ein blöder Fehler!

Gegen 18 Uhr holten wir Pakete beim Kiosk von Herrn Al Bagashi ab. „È un chiacchierone. [Er ist eine Quasseltante.]“, sagte genau der richtige Römer und teilte mir damit seine Meinung über Herrn Al Bagashi mit. „Deswegen gehe ich auch so gerne zu ihm. Das ist nicht nur ‚Päckchen abholen, unterschreiben, raus.‘, sondern das ist gute Unterhaltung.“, erklärte ich dem Römer. Doch er wartete lieber vorm Laden. Signorino wollte hingegen unbedingt mit rein. „Oh! Ein junger Mann! Challo, mein Kleiner.“, grinste Herr Al Bagashi. „Sie können hier lassen als Pfand für Pakete. Ich nehme!“, führte er weiter lachend aus und zeigte auf Signorino. „Er schreit aber recht viel.„, erzählte ich ihm augenzwinkernd. „Kein Problem! Onkel Ali (=Herr Al Bagashi) hat 10 Kinder. Schreien macht mir nichts.“, winkte er gelassen ab, „10 Kinder! Wow!„, antwortete ich mit großen Augen. „Ist ein großer Segen – aber viel Arbeit. Ich habe acht Mädchen und zwei Jungen. Dieser hier [zeigt auf einen jungen Mann] ist meiner. Und der da ist Sohn von Schwester.“, führte er weiter aus. Die beiden Teenager grinsten verlegen und starrten auf den Boden. „Und alle arbeiten bei Ihnen mit?„, fragte ich neugierig. „Ach woher: Nur essen, schlafen, spielen! Ich armer Mann muss den ganzen Tag arbeiten.“, sprach‘s und lachte am Ende laut. „So, jetzt habe ich Frage: Wie alt ist dein Kind?“, wollte er von mir wissen. „Beinahe zwei Jahre alt.„, gab ich zurück. „Aaaah! Kann er Traubenzucker essen?„, hakte Ali Al Bagashi nach. „Er liebt Traubenzucker.„, bestätigte ich. „Chier, Kleiner! Traubenzucker. Kommst du zu Onkel Ali – von mir kriegst du immer Süßes.„, sprach er und Signorinos Patschehand griff sofort zur Verpackung. „Kinder sind ein Segen, oder? Viel Arbeit, viele Nerven, die man verliert, aber auch viel Freude.“, erörterte er mir. Ich nickte. Sein Sohn hielt mir das Display zum Unterschreiben für die Annahme des Paketes entgegen. „Das stimmt, Herr Al Bagashi.“, antwortete ich, als ich mich nicht mehr auf meine Unterschrift konzentrieren musste. „Am Ende ist mit Kindern wie Treueprogramm von Supermarkt. Dauert bisschen bis man Prämie bekommt, aber dann freut man sich umso mehr. Und ganz wichtig: Prämien werden nicht regelmäßig ausgezahlt: Mal kommt später, mal kommt gar nicht und dann kommen alle Prämien der letzten Jahre auf einmal. Ist so mit Kindern. Muss man Geduld haben!“, teilte er seine Erkenntnis mit mir. Ich lächelte. Wer 10 Kinder hat, hat das System vermutlich besser verstanden als ich es jemals verstehen werde. Ich bedankte mich bei ihm – für die Annahme des Paketes und das nette Gespräch. „Sehen wir uns sicher nochmal diese Woche. Kommst du immer zwei Mal die Woche vorbei. Weiß ich jetzt schon.„, verabschiedete er sich und ich war verwundert wie genau er seine Kund*innen bereits nach wenigen Wochen kannte.

Am Abend räumte ich Signorinos Zimmer auf, rollte die Yoga-Matte aus und stellte den Bildschirm so, dass ich ihn stehend und liegend sehen konnte (ein Tipp von Turtle). Dann begann der Kurs – und das Gebrüll. Penelope, die Yoga Lehrerin, sprach davon, dass wir zu Beginn eine Meditation machen werden. Es meditierte sich nur sehr mittelmäßig, denn ich hörte den Römer mit Signorino (und umgekehrt) streiten. Der Kleine war müde, der Große vermutlich auch und das gipfelte in einem Dauergeschrei und -gebrülle. Von Deeskalation hatte der Römer vermutlich noch nie gehört und die Situation eskalierte, während ich in meinen Bauch und dann in meinen Brustkorb einatmen sollte, um dann wieder über den Brustkorb und Bauch auszuatmen. „Nein, das ist dein gutes Recht auch als Mutter Zeit für dich zu haben.“, redete ich mir ein und meditierte angespannt. Bei den Sufi-Kreisen hielt ich es nicht mehr aus. Ich zog mich eilig hoch, öffnete die Kinderzimmertür, dann die Türe zum Wohnzimmer. „Sagt mal, Leute, seid ihr irre?“, motzte ich die beiden Farnientes an. Verdutzt betrachteten mich beide. Der Kleine war im Gesicht noch rot vom Schreien. „Er will den Pyjama nicht anziehen.„, erklärte mir der Römer. „Dann versuche ihn abzulenken! Freunde, ich habe jetzt Yogakurs. Ein Mal! Ein einziges Mal will ich etwas für mich tun und ihr brüllt hier nur rum.“ Der Kleine nahm diesen Satz zum Anlass, schniefend auf mich zuzulaufen. Hilfesuchend klammerte er sich an mein Bein. „Ach Signorino. Schau mal, wie müde du bist. Du musst jetzt schlafen!„, teilte ich ihm mit, beugte mich zu ihm herunter und umarmte ihn. Er wollte nicht mehr loslassen. Der Römer holte genervt sein Handy hervor und scrollte durch irgendetwas, vollkommen unwichtiges. „So, Mutti würde jetzt gerne zurück zu ihren Sufi-Kreisen.„, sagte ich und setzte dem Römer Signorino auf den Schoß. Dann stolzierte ich zurück. Der Yogakurs befand sich im Vierfüßler-Stand und imitierte abwechselnd eine Katze und dann eine Kuh. Das konnte ich. Während ich vom Katzenbuckel in den Kuhrücken glitt, fing das Geschrei wieder von vorne an. „No, ti ho detto che non si può fare. [Nein, ich habe dir gesagt, dass man das nicht machen kann.]“, motzte der Römer Signorino an. Dann hörte man die Wohnzimmertüre, die sich öffnete und kurz darauf wieder schloss, gefolgt von der Schlafzimmertür. Der Kleine brüllte. „Du musst jetzt ins Bett!“, keifte der Römer und goß mit dieser Information vermutlich nur Öl ins Feuer. Dann hörte man hektisches Umhergetrampel, gefolgt von Gemurmel. „Schnuller?!“, „Flasche?!„, fragte der Römer ins Nichts. Der Kleine weinte noch immer. Dann wurde die Tür hinter mir aufgestoßen. „Scusa, amore, dov’è il ciuccio? [Entschuldige, Schatz, wo ist der Schnuller?], wollte der Römer von mir wissen, während die Yogalehrerin den „herabschauenden Hund“ erklärte. „Keine Ahnung.„, knurrte ich bereits wie ein zum Römer hinaufschauender Hund. „Vabbè, lo troverò. [In Ordnung, ich werde ihn finden.], antwortete der Römer achselzuckend und ich fragte mich, warum er dann in meiner Yogastunde nervt, wenn er ihn „schon finden wird“. Der Kleine pochte jetzt an die Türe. „Nein, die Mama möchte nicht gestört werden.“, erklärte der Große dem Kleinen schnippisch. Ich verdrehte die Augen im herabschauenden Hund. Dann war kurz Ruhe und ich wähnte mich in Sicherheit. Anscheinend wurde der Schnuller gefunden, die Wasserflasche aufgefüllt, es ging ins Bett. Nach fünf Minuten begann das Geschrei wieder von vorne. Die beiden Farnientes stritten sich. Nach 10 Minuten, in der Yogafigur „Das Kind“, heulte der Kleine so schlimm, dass ich wutentbrannt ins Schlafzimmer stürmte. „Sagt mal, Freunde! Was ist denn eigentlich los?“, brüllte ich nun fuchsteufelswild. „Lui ha iniziato. Voleva uscire dal letto. [Er hat angefangen. Er wollte aus dem Bett klettern.]“, versuchte sich der Römer zerknirscht herauszureden. Der Kleine richtete sich auf, kletterte über den Römer, richtete sich wieder auf und stürzte schniefend in meine Arme. „Echt, Leute!!„, presste ich genervt hervor. „So, du [ich zeige auf den Römer] – raus! Und du [ich zeige auf Signorino] gehörst jetzt dringend ins Bett.“, befahl ich. Der Große wollte noch etwas von „Aber dein Yogakurs!“ sagen, doch ich schmiss ihn hochkant aus dem Schlafzimmer. Nach 20 Minuten schlief das Kind. Der Yogakurs war vorbei.

V… wie Versuch’s nochmal! Vielleicht klappt es nächste Woche mit dem Yoga Kurs.

Im Wohnzimmer angekommen, guckte der Römer ziemlich beschämt. „Entschuldige, aber heute war Signorino wirklich schwierig.“, versuchte sich der Römer zu entschuldigen. „Er ist jeden Abend so, wenn man ihn nicht rechtzeitig ins Bett bringt.“, antwortete ich nüchtern. „Aber du hast gesagt, um 21 Uhr geht er ins Bett.“, verteidigte sich der Römer. „Aber das Kind ist doch kein Roboter. Er war anscheinend schon eher müde. Die Anzeichen sieht man doch.“, gab ich resigniert zurück. „Er hat halt viel gebrüllt.„, kommentierte der Römer etwas überfordert. „Ja, das ist ein Anzeichen, dass er ins Bett muss. Sag mal, seit wann lebst du eigentlich bei uns, als dass dir das noch nie aufgefallen ist?„, wollte ich wissen. Der Römer guckte schuldbewusst. „Okay, nächste Woche klappt es ganz bestimmt, dass ich Signorino ins Bett bringe.„, wollte er mich nach einer langen Pause aufmuntern. Ich nickte ernüchternd. Ja, ganz bestimmt.

*In der studentischen Leerlauf-Zeit las ich zwar ab und an ein Skript, aber „studieren“ würde ich es nicht nennen.

**Da half sie mir letzte Woche noch in der Not und anscheinend reichte das bereits aus, sie anzustecken. Sie hat mittlerweile die selbe Erkältung wie wir.

*** Turtle und ich hatten bereits vor 1,5 Jahren den Yogakurs gebucht, der einmal stattfand und dann kam Corona. Wir meldeten uns noch zwei Mal für einen Präsenzkurs an, der dann abgesagt wurde, um schließlich das Online-Format zu nutzen. Beim ersten Termin lag ich flach. Beim zweiten, gestrigen Termin, lag Turtle flach. Aber ich wollte unbedingt teilnehmen.

Entblätter dich!

Heute werden der Römer und ich ein Jahr älter. Das Schicksal bewies Humor und wählte für uns das gleiche Geburtsdatum aus. Beinahe auch die gleiche Geburtszeit, aber ich war 10 Minuten „schneller“*. Der Römer war vermutlich etwas mediterran-gelassener und hatte es nicht allzu eilig. Wobei er immer noch etwas mehr als eine Dekade rascher war – im Gesamtvergleich gesehen.

Und wie das am Geburtstag so ist, will man etwas Besonderes schenken und auch gerne geschenkt bekommen. Freuen Sie sich auf die Fotostrecke wie sich mein Geburtstagsgeschenk entblättert. 😉

Somit ging mein einziger, dekadenter Wunsch, den ich im Sommer in den Wind sprach, in Erfüllung: Ein Cannolo von Nonna Vincenza in der Via Arco del Monte. Und da ich durchaus auf Schnickschnack verzichten kann, ist mein liebstes Cannolo „semplice“, einfach. Ein bisschen gesüßter Ricotta, fertig. Die einfachsten Dinge sind doch oft die besten, oder?

So in etwa habe ich mir meinen Geburtstag vorgestellt: Lesend im Park. Es kam dann doch ganz anders. Ich werde berichten!

Übrigens hat heute auch ein wunderbarer Bloggerkollege Geburtstag und ist von uns dreien der älteste. Aber psssst! 😉 Erwähnen Sie das gegenüber Christoph lieber nicht.

*Lustigerweise ist Signorino in etwa zur gleichen späten Stunde wie wir auf die Welt gekommen.