Von Marco Soda und dem Salon Barras

Io odio Soda. [Ich hasse Soda.]“ hört man den Römer immer wieder durch die Wohnung murmeln, die er im mit langen, nachdenklichen Schritten durchquert als würde er sie vermessen wollen. „Odio, odio, odio veramente Soda. [Ich hasse, hasse, hasse wirklich Soda.]“

Nun krabbelt ihm Signorino, der sich unbemerkt aus dem Bad in den Gang geschlichen hat, vor die Füße. Er bremst ab, hebt ihn hoch und bringt ihn zurück zu mir. Ich hingegen bin in einer wichtigen Mission unterwegs: Die Befreiung unseres Abflusses von Haaren. „Amore!!“ ruft der Römer viel zu laut. Er steht in der Badtür, Signorino zappelt und will auf dem Boden abgesetzt werden. „Ja.“ antworte ich knapp und in meine Aufgabe vertieft, die quietschgelben Gummihandschuhe bis zum Ellbogen, einen fachmännisch von mir angeritzten Kabelbinder in der Hand, in dem sich möglichst viele Haare verfangen sollen.

„Io odio Soda! [Ich hasse Soda!]“ wiederholt er nun sein Mantra noch etwas lauter für den Fall, dass ich es nicht schon in den letzten Minuten mitbekommen habe. „Sodawasser?“ frage ich, denn ich weiß beim besten Willen nicht, welches Problem er mit Back- oder Waschsoda haben könnte. „No! Soda! Der bayerische Ministerpräsident!“ klärt er mich flapsig auf. „Aaaaaah! SÖDER! Markus Söder!“ wiederhole ich, denn darauf wäre ich nun wirklich nicht gekommen. Der Vorzeigefranke und er stehen im Klintsch. Zu lange kenne ich den Römer, als dass mich diese Information noch wundern würde. „Si, Marco Soda. È veramente un barbaro. [Ja, Marco Soda. Er ist wirklich ein Barbar.]“, wiederholt er bestätigend. Seine Zornesfalte unterstreicht die eben ausgespuckten Sätze grimmig. Es muss folglich ernst sein!

Nach diesem politischen Geständnis, widme ich mich wieder dem Abfluss. Woher genau diese Abneigung kommt, erfahre ich sicher gleich. Denn der Römer erzählt gerne ausschweifend von seinen Problemen in jeglicher Colour. Da lassen wichtige Details wie das „Warum“ nicht lange auf sich warten.

„Allora, il mio problema è questo: [Also, mein Problem ist dieses:]“ , setzt er an, „Marco Soda hat den Lockdown verlängert. Bei seiner Frisur absolut nachvollziehbar, schließlich drückt die aufgestellte Haartolle aus, dass er sich sehr oft mit der flachen Hand gegen die Stirn schlägt. Seinen doch recht einfachen Haarschnitt kriegt auch seine Gattin in wenigen Minuten mit der Haarschneidemaschine hin….“ Er atmet tief durch.

Indessen versuche ich zu erraten wie diese beiden Informationen miteinander zusammen hängen könnten. „Warum spielt die Frisur des bayerischen Ministerpräsidenten eine Rolle bei der Lockdown Verlängerung?“ frage ich rätselnd, denn ich finde partout keine Antwort darauf.

„Das liegt doch auf der Hand!“, blafft der Römer, „Alle Friseure sind zu – bis mindestens Ende Januar. Und das wiederum hat Soda schon eine Wochen vor dem Ende des aktuellen Lockdowns angedeutet. Er ist der einzige Politiker, der die Hiobsbotschaften schon weit vor dem eigentlichen Entschluss herausposaunt, deswegen trifft ihn die alleinige Schuld.“ Er seufzt und holt wieder Luft: „Wenn ich keine Naturlocken hätte, sondern dieses dünne, deutsche Haar, das schlaff vom Haupt herunterhängt, wäre das für mich auch kein großes Drama. Aber ich bin Südländer! Meine Haare wachsen wie verrückt, sie wellen sich, müssen ausgedünnt werden, teilweise gekürzt, aber nicht zu viel. Die Seiten müssen angestutzt werden, Übergänge müssen sich sanft an meinen Kopf anschmiegen. Und die Wirbel erst! Zwei Stück habe ich, die an herausfordernden Stellen liegen. Da muss ein Spezialist wie Jimmy [sein Friseur] ran!“ erklärt er mir in aufgebrachten Ton.

Mittlerweile habe ich meine Abflussreinigungsaktion beendet, ziehe die Handschuhe aus und streichle Signorino, der gerade alle Handtücher ausräumt, über das wenige, dünne, deutsche Haar.

„Also, mir ist bewusst, dass ich ganz sicher nicht Jimmy bin, aber ich kann mir Anleitungen im Internet anschauen und es gerne versuchen…“ fange ich hilfsbereit an und kenne doch bereits seine Antwort: „Ma sei scema? [Bist du verrückt?] Als ob man mal eben in einem Video lernen kann, wie man meine Haare fachmännisch schneidet? Friseur ist ein Beruf, der erlernt werden muss. Und selbst dann trennt sich die Spreu sehr stark vom Weizen. Es hat mich zwei Jahre gekostet, einen Profi-Friseur wie Jimmy überhaupt in Frankfurt zu finden.“ rattert er mir seine Sichtweise herunter. Ich nicke nur und gehe davon aus, dass das Thema nun für uns beendet ist.

Doch weit gefehlt.

Die Tage verstreichen, die Haare des Römers werden immer länger. Die Ohren sind zwar gerade noch so unbedeckt von seiner welligen Haarpracht, aber auch dieser Zustand wird sich bald ändern. Der Römer wird sichtlich verzweifelter.

Musterbild zur römischen Haarpracht.

An diesem Abend, Signorino ist schon längst im Bett, stützt er sich nach dem Abendessen mit beiden Händen auf dem Tisch ab: „Okay, ci provo. Non ho un’altra scelta. [Okay! Ich versuch’s. Ich habe keine andere Wahl.]“ erklärt er mir mit ernster Miene und stolziert ins Bad. Wenig später kann man das Summen des Haartrimmers hören. Nach 25 Minuten, oberkörperfrei, seine Schultern sind mit unzähligen, kurzen Haaren bedeckt, die es sich nach und nach auf dem Wohnzimmerfußboden gemütlich machen, steht er vor mir. „Ho bisogno del tuo aiuto.“ spricht er so leise, dass ich es beim ersten Mal nicht verstehe (oder verstehen will 😉 ). Er wiederholt seinen Satz – nun etwas lauter. „Ach, meine Hilfe!? Aber natürlich! Wie kann ich dir behilflich sein?“ erwidere ich süffisant grinsend. Er erklärt mir, dass ich seinen adretten Schnitt, Marke Eigenbau, etwas ausbessern solle. Außerdem hat er versucht, sich auch am Hinterkopf die Haare zu stutzen, vermutet aber, dass es etwas „unrund“ geworden ist.

Wir gehen ins Bad. Dort angekommen, schalte ich die „Festbeleuchtung“ an. Alle verfügbaren Lichter brauche ich nun, denn schließlich nehme ich meine Aufgabe als Coiffeuse sehr ernst.

Doch ich merke recht schnell: Die Lage ist ernst und dringlich – und exakt so sollte dieses Problem auch behandelt werden.

Ich gucke mir an, was der Römer sich angetan hat. Definitiv schneidet auch er nicht auf dem Niveau seines Friseurs Jimmy. Doch Glück im Unglück: Er schneidet auch nicht so schlecht, dass nichts mehr zu retten wäre. Zugegeben, die Übergänge sind mitunter etwas hart. Steinhart, wenn man so will. Es sieht auf seinem Kopf aus, als würden sich die Wellen und Locken nicht so recht sicher sein, ob sie nun kurz oder lang gehalten werden wollen.

An seinem Hinterkopf fällt mir besonders die moderne Interpretation eines langen Irokesenschnittes mit leichten Wellen ins Auge. Das habe ich so noch gar nirgends gesehen. Mir imponiert der avantgardistische Stil, den er versucht hat in sein Haupthaar zu integrieren. Wahrscheinlich könnte man ihn auch so auf seine Patienten loslassen, wenn man ihnen erklären würde, was „radical chic“ ist. Aber ich vermute, dass er das nicht möchte.

Er unterbricht meine Gedanken, in dem er auf eine Parfümwerbung auf der Rückseite einer Zeitschrift zeigt. Es ist ein Duft eines italienischen Modedesigner-Duos. Das männliche, braun gebrannte Model sitzt auf einem weißen Boot, nur mit einem knappen, weißen Badehöschen bekleidet. Im Hintergrund glitzert das tiefblaue Meer rund um die Faraglioni-Felsen vor Capri. Das schwarze, lockige Haar sitzt perfekt. Die blauen Augen strahlen herausfordernd.

Ja, klar!“, lache ich laut, „Gib mir viereinhalb Jahre Zeit, die ich zwischen Friseurumschulung und Meisterausbildung verbringe und ich schneide dir genau das.“ Er guckt mich eingeschnappt an. „Du kannst es doch wenigstens mal versuchen!“ motzt er und hält sich provokativ die Zeitschrift mit dem Bild zu mir vor die nackte Brust.

In diesem Moment lasse ich unerwähnt, dass er mich Tage zuvor für absolut unfähig hielt auch nur eine Schere richtig zu halten und nun soll ich ihn in das männliche Model aus der Werbung verwandeln. Der Mann hat Humor – das muss man ihm lassen.

Ich nehme den Trimmer und trimme mal hier, mal da, bis zumindest der modern interpretierte Irokosenschnitt weicht. Dann mache ich mich an die Übergänge, merke aber schnell, dass ich mit dem Haartrimmer an meine Grenzen komme. Mangels professioneller Haarschere, gleiche ich etwas mit der Nagelschere aus. Es ist nun deutlich besser, aber noch Galaxien von Jimmys Künsten entfernt. Ich seufze resigniert und lasse die Schere sinken.

Der Römer weist mich an, den Schminkspiegel, der nun zum Friseurspiegel umfunktioniert wurde, mal links, mal rechts zu halten, damit er jede Ecke begutachten kann. Er schüttelt den Kopf. „Vabbè [In Ordnung], du hast es versucht. Comunque, grazie. [Trotzdem danke.]“ Den restlichen Abend sieht man ihn nur noch mit Mütze vor dem Fernseher sitzen. Es muss wirklich schlimm für ihn sein, wenn er selbst daheim seine Haarpracht unter einer Kaschmirmütze verstecken muss.

Am nächsten Tag, es ist bereits später Mittag, höre ich Dieter und ihn angeregt im Hausflur quatschen. Beschwingt schwebt der Römer wenige Minuten später durch die Haustür. „Ho trovato il mio parucchiere: [Ich habe meinen Friseur gefunden:] Dieter! „ berichtet er mir aufgeregt und lächelt zufrieden. Ich gucke etwas überrascht, nicke dazu aber langsam (und ungläubig). „Dieter hat im Salon <<Barras>> gearbeitet als er jung war. Er meint, er hat dort nur Herrenhaarschnitte gemacht.“ ergänzt er freudig. Ich grinse, doch der Römer scheint es gar nicht zu bemerken. Heiter setzt er fort: „Er holt nur eben seine Friseurschere und einen alten Kittel von oben. Und ich muss schon einmal den Stuhl in den Innenhof raustragen. Er schneidet mir draußen die Haare – mit Maske und Daunenjacke. Sicherheit geht vor. Du weißt schon… Aerosole und so.

Noch ehe ich aufklären kann, das Dieter in keinem feinen Salon (ganz im Gegenteil!) gearbeitet hat, zischt der Römer mit einem Küchenstuhl an mir vorbei.

Nur 15 Minuten später kommt er durchgefroren, aber glückselig, mit neuer Frisur und seinem Stuhl zurück. „È fantastico. [Das ist fantastisch] Etwas kurz, aber Dieter weiß wirklich, was er da tut.“ berichtet mir der Römer euphorisch. Zufrieden streicht er sich über die raspelkurzen Haare.

Ich muss zugeben, der Römer hat Recht. Ein wirklich sehr schöner Schnitt für einen Oberleutnant. Zwar äußerst kurz, aber bei jeder Musterung würde der Römer mit Pauken und Trompeten genommen werden.

Dass Dieter in keinem Friseursalon mit dem Namen „Barras“ gearbeitet hat, sondern für die Bundeswehr (= umgangssprachlich Barras), löse ich nicht auf. Denn wer weiß, wie lange dieser Lockdown noch dauert und wie oft er Dieters Friseur-Expertise noch in Anspruch nehmen muss.

Wenigstens habe ich dank Dieters „Salon Barras“ in unserem Innenhof ein relativ dramafreies Leben.

Der Römer beim Nachjustieren… was wie Rückenhaare anmutet, sind seine Friseurkünste des Oberkopfes. 😄

Von italienischen Schnulzen auf der Autobahn

Herzlich Willkommen zurück! Geht es Ihnen gut? Setzen Sie sich ruhig schon einmal hin. Ich will nur eben den Tee zubereiten.

Ziehen Sie gerne Ihre Straßenschuhe aus. Die Filz-Pantoffeln habe ich Ihnen bereits am Kachelofen vorgewärmt.

Ich weiß, Sie sind den Weihnachtsleckereien langsam überdrüssig, aber es werden wahrscheinlich die letzten Vanillekipferl in diesem verrückten Jahr sein. Also greifen Sie ruhig zu. Nur Mut! Die beißen nicht. Honig zum Tee? Oder doch lieber Kandis mit der kleinen Zange?

Hach, schön, dass Sie da sind. Sie haben mir gefehlt. Ein ordentliches, 24. Türchen schulde ich Ihnen immer noch. Das ist vollkommen korrekt. Und Toms Award-Nominierung ist auch noch in Bearbeitung. Langweilig wird es hier sicher nicht.

Erzählen Sie, wie waren Ihre Festtage? Lag bei Ihnen Schnee?

Bei uns mitunter ja. Auf dem Weg nach Prien schneite es kräftig am 1. Weihnachtsfeiertag. So sehr, dass der Römer jauchzte und Signorino sich erschrak. Daraufhin wollte der römische Schneehase auf der Rücksitzbank ein Video vom Schneegestöber machen. Dazu streckte er seinen Arm mit der gezückten Handykamera so aus, dass er wenige Zentimeter neben meinem Sichtfeld war, was mich als Fahrer bei starkem Schneefall und glatten Straßen wahnsinnig irritierte. Als er dann noch sang: „Neeeeve insegnami tu come caaaadere…“ [Schneeeheeee, lehre mich du wiehiiiiiie man fääääällt…“ [Giorgia, Marco Mengoni – Come neve -Wie Schnee], zuckte mein rechtes Auge nervös. Doch Signorino übernahm für mich und schrie laut und spitz.

Zurück in Rosenheim, meinen Vater im Gepäck, war der Römer sehr enttäuscht. Keine einzige Flocke verirrte sich hierher. Mit gesenktem Kopf schlich er ins Haus. Mein Vater klopfte ihm tröstend auf die Schulter.

Zurück im Haus roch es wunderbar nach selbst gebackenen Brezen (in Bayern gibt es keine Brezeln). Es war bereits aufgedeckt, dekoriert, die Kinder wurden bespaßt während Ova kochte.

Und da wären wir schon am Punkt: Wenn Sie bei meiner Schwester Ova sind, wird es Ihnen an nichts fehlen. Jedes Sterne beladene Hotel ist eine billige Absteige gegen den Service und die Kochkunst, die man bei Ova erwarten darf. Der Römer schwärmt seit Tagen von ihrer Lachs-Kürbis-Lasagne. Und das, obwohl der Römer, wenn es um seine liebste Landesküche geht, sehr konservativ (oder: engstirnig) eingestellt ist.

Verwechselt wurden der Römer und ich auch. Der erwachsene Sohn der Nachbarn hielt uns doch tatsächlich für Ova und ihren Mann. Zugegeben, ich sehe meiner Schwester zum Verwechseln ähnlich. Etwas kleiner bin ich. Aber ansonsten sehen wir aus wie Zwillinge. Der Römer geht zwar nicht ganz durch als Ovas Mann, jedoch kann man von einer gewissen Entfernung durchaus denken, dass er es sein könnte. „Servus Bojan!“ rief der freundliche Nachbar. Wir grüßten nett zurück. Als er den Römer etwas besser sah, guckte er erst mich irritiert an, dann wieder den Römer, dann wieder mich. Er dachte wohl, Ova hat einen neuen Partner.

Zurückgefahren bin ich übrigens mit zwei angeschlagenen Personen. Der Römer und sein Sohn vertrugen die raue Luft im Voralpenland nicht. Nun sind sie seitdem am Schniefen und Schnupfen.* „Das ist eine Kälte, die zieht in deine Knochen und packt dich ganz fest. Sie nagt förmlich an dir bis sie dich schlussendlich auffrisst.“ erklärte mir der Römer fachmännisch. Wir Alpenländler sind jedoch mit dieser bösartigen Kälte aufgewachsen. Während der Römer in dicker Daunenjacke, Mütze und Schal zitternd herumlief, reichte uns der Norweger Pulli und eine Regenjacke. „Nur in Weingebieten kann ich leben. Das stellt sicher, dass das Klima so mild ist, dass ich mich wohl fühle.“ erklärte mir der Römer weiter. Er könne erst wieder im Frühjahr in den Voralpenraum kommen, denn ein so zartes Gewächs wie der Römer ist leider nicht winterhart.

Nebenbei bemerkt habe ich noch eine Anekdote zur Fahrt: Schön war sie. Das lag vor allem daran, dass Signorino lautstark forderte, dass jemand bei ihm auf der Rücksitzbank sitzen muss. Dieser jemand war der römische Beifahrer-Profi. Schade, schade! Ich habe mich so auf seine Fahr-Expertise gefreut. Leider verstand ich ihn da hinten so unheimlich schlecht.

Aber zügig sind wir dennoch ans jeweilige Ziel gekommen. Nach Bayern brauchten wir nur vier, sehr schrille Schreianfälle von Signorinos Seite. Zurück ging es etwas schneller: Wir schafften es in zwei Schreianfällen. Pausen waren eher schwierig machbar: Es regnete und war windig. Demnach fiel der romantische Spaziergang irgendwo bei Erlangen aus.

Raststätten verkauften zwar allerhand Essbares, man durfte aber durch die aktuelle Corona Lage nicht dort essen. Also taten wir das im Auto. Bis Rosenheim roch es in unserem adretten Familienauto nach Schnellimbiss. Kurz vor’m Ziel war mein persönliches Highlight der Moment, in dem der Römer die Cola inhalierte – sprichwörtlich – und postwendend die Gummifußmatte des Autos vollspuckte, weil er auf die schnelle keine andere Ausweichmöglichkeit gefunden hat.

Irgendeiner spuckt wohl immer auf diesen Fahrten. Und wenn das Kind nicht will, dann eben der Römer.

In diesem Sinne: Ich hoffe, Sie hatten ein ebenso schönes Weihnachtsfest. Egal, ob mit Familie oder ohne.

(Wir sind nun erst wieder einmal in selbst auferlegter Quarantäne, genau wie vor der Reise. Man möchte schließlich nichts riskieren.)

*Corona ist es jedoch nicht. Das haben wir bereits getestet.

Das achte Türchen des germanoitalbanischen Adventskalenders

[Die Auflösung von Tag 7 finden Sie wie immer am Ende]

Fakt Nummer 8

Es war unser zweiter Hochzeitstag. Wir wollten etwas essen gehen. Da wir meist Italienisch essen, mit einigen, wenigen Ausflügen ins Türkische und in die asiatischen Küchen, wünschte ich mir ein österreichisches Restaurant. Die österreichische Küche erinnert mich an meine Kindheit, besonders aber an Rezepte, die mein Opa damals für mich kochte.

Wir speisten vorzüglich zu Abend. Unser Hochzeitstag hätte nicht traumhafter sein können: Cremige Schwammerlrahmsuppe, original Wiener Schnitzel mit gerösteten Petersilienerdäpfeln und zur Krönung des Abends: Eis Marillenknödel mit Marillenröster.

Glücklich, satt und beschwingt gingen wir nach Hause. Am nächsten Tag musste ich früh aus den Federn, denn ich hatte eine Tagestour mit Briefingbeginn 5:20 Uhr gewonnen. Ich machte mich bettfertig, packte meine Arbeitshandtasche und ging noch einmal ins Wohnzimmer.

Der Römer saß im großen, grauen Sessel und war seltsam nach vorne gebeugt. „Alles gut?“ fragte ich und er stöhnte. „No, nichts gut. Ich habe Bauchschmerzen. Das Essen war sicher vergiftet.“ jammerte er. „In dem Restaurant war ich schon so oft, da war nie etwas. Die haben eine Topqualität.“ widerlegte ich seine These. „Comunque ho dei dolori forti. [Trotzdem habe ich starke Schmerzen.]“ ächzte er und krampfte sich zusammen. Irgendwie sah er schweißig aus, blass um die Nase und gar nicht gut.

Diesmal war es kein Männerbauchweh, schien es mir. Es war ernst. „Okay, wir fahren ins Krankenhaus!“ wollte ich ihn überzeugen. „No, no, non c’è bisogno. [Nein, nein, das braucht es nicht.]“ presste er hervor, dicht gefolgt von einem Lauten: „Madonna mia, sto partorendo! [Madonna mia, ich gebähre gerade!]“

Ich holte seine Jacke, die Schuhe und seine Mütze. Dazu rief ich ein Taxi. Er widersprach nicht. Ich half ihm in die Jacke. Er setzte sich die Mütze auf. Bei den Schuhen musste ich ihm wieder helfen, denn er wurde immer wieder von Krämpfen geschüttelt. Unter lautem Fluchen und Jammern stiegen wir in das Taxi ein.

Der Taxifahrer ließ uns nicht bei der Notaufnahme raus, sondern 200 Meter weiter weg. Da wir noch nie in diesem Krankenhaus waren und die Wege nicht kannten, insistierten wir nicht. Als das Taxi weg war, verstanden wir erst, dass wir noch einige Schritte zur Notaufnahme hatten. Der Römer stützte sich an mir ab und wir gingen sehr langsam die Straße entlang. Keine Menschenseele war unterwegs, nur wir, das seltsam anmutende Paar mit dem Mann in den Wehen.

In der Notaufnahme angekommen, waren wir sofort an der Reihe. Die junge Ärztin, die Nachtschicht hatte, untersuchte den Römer sehr genau. Er hingegen murmelte irgendetwas von „Lebensmittelvergiftung“ zwischen seinen Wehen. „Oh.“ bemerkte sie kurz. „Ach ja, ich hol mal den Kollegen. Momentchen!“ Sie ging kurz aus dem Raum und kam mit einem unwesentlich älteren Kollegen zurück. „Hast du schon einmal so eine Gallenblase gesehen? Das muss ja wahnsinnig weh tun! Und guck mal, dieser Zipfel da. Sowas hab ich noch nie gesehen.“ Der Römer veratmete indessen seine Schmerzen.

„Okay, Herr Farniente. Sie haben Gallensteine – noch und nöcher. Nun haben sich ein paar gelöst und verstopfen den Gallenblasengang. Was wir jetzt machen ist: Wir behalten Sie hier. Der Gallenblasengang wird morgen ordentlich durchgepustet und langfristig muss die Gallenblase raus.“

Der Römer guckte wie ein Auto. Ich übersetzte, da ich dachte, dass er es nicht verstanden hat. „Antidolorifici, no, eh? [Schmerzmittel gibt’s hier nicht, oder?] sprach er sehr flapsig auf Italienisch. Ich lächelte und übersetzte für die Ärztin: „Er fragt nach Schmerzmitteln.“ Die Ärztin nickte. „Klar, kommt gleich. Sie kriegen eine Infusion.“

In einer Stunde sollte mein Briefing beginnen. Ich hatte keine Sekunde geschlafen und fühlte mich völlig außerstande, Gäste hin- und herzufliegen. Mein Telefon hatte ich schon in der Hand. Fix wählte ich die Nummer meines Arbeitgebers und sagte Bescheid, dass das wohl heute nichts wird.

Zurück im Untersuchungsraum war der Römer bereits in einen adretten Krankenhauskittel gekleidet. Ein Pfleger schob einen Rollstuhl ins Zimmer. „So, Herr Farniente, ihr Taxi ist da. Ab geht’s auf’s Zimmer.“ witzelte er. „Buona notte, amore mio. Buon anniversario.“ [Gute Nacht, mein Schatz. Einen schönen Hochzeitstag dir.] presste er sehr geknickt heraus. „Dir auch! Gute Nacht. Bis morgen!“ antwortete ich.

Nachts um 4:30 Uhr ging ich durch die immer noch leeren Straßen Frankfurts nach Hause. Irgendwie hatte ich mir den Hochzeitstag anders vorgestellt.

Was meinen Sie? Habe ich den Römer am Hochzeitstag ins Krankenhaus gebracht oder war es nur ein Albtraum meinerseits um der Frühschicht zu entgehen?

Reise Tag 8

„Wo sollen wir denn noch hinreisen?“ frage ich mich langsam. „Ich helf‘ dir.“ war die kurze Antwort des Einen.

Aber nicht heute. Denn heute brauche ich noch keine Hilfe: Denn es geht nach Seattle!

Flugzeit (ab Frankfurt): 10h 15min

Taxikosten vom Flughafen in die Stadt: 42-50 $ – Trinkgeld noch nicht eingerechnet.

Für’s Frühstück gibt’s für mich nur eine Option: Bacco Café* in der Pine Street. Das kleine Café mit dem aufmerksamen Service ist meist voll, doch um 7 Uhr morgens bekommt man noch gut einen Platz. Dank Zeitverschiebung ist das für uns Europäer gut machbar. Der Frenchtoast ist superb. Alles andere aber auch! Oh, und der Kaffee ist sehr gut erträglich. (Anders kann ich Kaffee in den USA nicht kategorisieren)

Gut gestärkt ist es ein Katzensprung zum Pike Place Market*. Ja, ja, der allererste Starbucks* ist hier, ich weiß. Aber noch interessanter ist doch die Gum Wall. Eine extrem lange Wand, an der jeder seinen Kaugummi hinkleben darf. Wer sich nun genug geekelt hat, der guckt sich den Pike Place Market etwas genauer an.

Die Markthalle hat eine tolle Atmosphäre. Besonders liebe ich den Fischhändler, der die Fische durch die Gegend wirft:

Vom Pike Place Market* gehen wir zur Monorail Station „Westlake„, kaufen ein Ticket und steigen ein. Am Next 50 Plaza, in der Nähe der Space Needle (dem Wahrzeichen Seattles!) werden wir ausgespuckt. Von dort steigen wir die 68 Höhenmeter auf zum Kerry Park. Wer Grey’s Anatomy* genauso liebt wie der Römer, der kommt an diesem Park nicht vorbei. Es vergehen keine fünf Minuten in der Serie und eine Ansicht von Seattle wird gezeigt, die von dort oben aufgenommen wurde.

Wir gehen den Highland Drive entlang und über die Taylor Avenue und Galer Street steigen wir zum Westlake hinab. Wie gut, dass dort das Caffé Umbria* liegt. Für einen extrem erträglichen Kaffee, ein Panino und eine Arranciata [Orangenlimonade] ist hier immer Zeit.

Wer noch nicht genug hat, der fragt spontan bei Kenmore Air*, ob sie noch Plätze für einen Wasserflugzeug-Rundflug freihaben. Die Aussicht ist gigantisch!

Abends gehen wir ins Palace Kitchen*. Das Ziegenkäse-Lavendel-Fondue als Vorspeise ist nicht in Worte zu fassen. Sie müssen es einfach probieren! Und wer mary’s organic rotisserie chicken nimmt, der hat auch alles richtig gemacht.

Auflösung von Tag 7

Na, wer hat auf „falsch“ getippt?

Sie möchte ich ganz besonders loben, denn Sie lagen zwar mit ihrem Tipp falsch, aber es schmeichelt mir sehr, dass Sie mir diese absolute Dummheit überhaupt nicht zutrauen.

Recht hatte aber nur die wunderbare Miss to bee. Tatsächlich war es eine derartige Schnapsidee den Wein zu entwenden und ihn dann bei Gisela zu verstecken. Den ganzen Tag waren wir drei von einem dermaßen schlechtem Gewissen geplagt, dass wir uns abends noch einmal in den Konferenzsaal hochschlichen. Natürlich war alles bereits abgebaut. Dennoch schrieben wir einen Zettel: Sorry! We took the wine. That was really stupid! [Entschuldigung! Wir haben den Wein genommen. Das war wirklich blöd!]

Dann legte jeder von uns 5 Euro dazu. Auf dem Tisch in der Mitte legten wir unser Kärtchen ab.

„Ich fühl mich immer noch dämlich.“ sprach Anton unser aller Gefühl aus. „Ich auch. So eine Dummheit mach ich echt nie mehr.“ bemerkte ich. „Aber immerhin haben wir eine coole Geschichte zu erzählen.“ wollte uns Laila aufmuntern. „DIE Geschichte erzähl ich echt niemanden. Viel zu peinlich!“ widersprach ich. Tja, ich sollte mich täuschen.

Ultimo Ratio: Badewanne!

Es ist Sonntag. Die Nacht war kurz – oder lassen Sie es mich präzisieren: für eine Minderheit der Familie war sie gar nicht erst existent.

Wenn Signorino schlief, schnarchte der Römer in einer unerhörten Lautstärke. Wenn der Römer leise schlummerte, wandelte Signorino halb wach im Bett umher, wollte meine Hand mal im Gesicht, dann wieder auf seiner Brust, dann gar nicht mehr. Er rollte sich, begab sich in die beliebte Position „der Seestern“ mit seinen Füßchen in meinem Gesicht oder lies sich schlafend auf mich plumpsen. Es war zum verrückt werden.

Indessen wartete der Römer selig schlafend auf seinen Einsatz um seinen Lautstärkeregler wieder hochzufahren. Die perfekte Bühne für seinen brummenden Auftritt bot sich natürlich nur, wenn das Kind endlich in die Schlafparalyse geglitten war.

Müde schlürfte ich am nächsten Morgen ins Bad. Signorino befand sich in Obhut des Römers. Mein Blick fiel auf die Badewanne. „Ob es jemand merken würde, wenn ich mir einfach ein Bett in der Badewanne bauen würde? Zwei Handtücher dienen als Kissen, der Bademantel als Decke und ich könnte eine weitere halbe Stunde unbemerkt schlummern. Zur Tarnung würde ich den Duschvorhang zuziehen. Der Römer würde beim Anblick des geschlossenen Vorhangs nur wieder denken, dass ich einen neuen Ordnungsfimmel habe und dann….“ Noch ehe ich mich den weiteren Details hingeben konnte, kratzte es leise an der Tür. Mangels Haustier konnte es nur bedeuten, dass Signorino dem Römer entwischt ist. Sein pädagogisch wertvolles Betreuungskonzept besteht unter anderem auch aus „Zeitung lesen“ oder „am Handy scrollen“. Ich seufzte und öffnete die Tür. Ein fröhlicher Signorino guckte mich grinsend an. Ich hob ihn hoch und brachte ihn zurück zum Römer.

„Dein Kind ist abgehauen.“ sagte ich und er blickte nur kurz von seinem Handy auf. „Ma lui giocava!! [Aber er spielte!!]“ gab er empört zurück, so als ob das zehn Monate alte Kind durch eine ausgeklügelte List ausgebüchst wäre. Ich nickte kurz und schlich in die Küche. Während ich darauf wartete, dass die Kaffeemaschine endlich aufheizen würde, fiel mein Blick auf die zwei großen Wäscheberge. „90 Grad – weiß“ und „40 Grad – bunt“ türmten sich in schwindelerregenden Höhen vor dem großen Haushaltsschrank. Wenn man die beiden zusammen schieben würde, dann würde das ein wunderbar kuscheliges Bett ergeben. Ob man mich hier suchen würde? Wahrscheinlich nicht. Wer vermutete schon eine erwachsene, nüchterne Frau eingekuschelt auf zwei Wäschebergen? „Ob ich es versuchen sollte?“ fragte ich mich, doch im selben Augenblick hörte ich den Römer aus dem Wohnzimmer schreien: „AAAAAMORE! Un po‘ di giaccio ed un caffé, per favore!“ [Schatz! Ein bissschen Eis und einen Espresso, bitte!]

Bei dem Blick aufs Thermometer erübrigte sich die Frage, ob er nur sehr umständlich einen Caffè Shakerato bei mir bestellen wollte. Ich brachte ihm eine kalte Kompresse aus dem Kühlschrank – eingewickelt in ein Küchenhandtuch und nahm den schluchzenden Signorino in Empfang. „Non lo so come ha fatto lui. [Ich weiß nicht wie er das gemacht hat.] Auf einmal dotzte er mit dem Kopf gegen die Couch und als ich dachte, dass er nun nicht weiter fallen könnte, dotzte er weiter mit dem Hinterkopf auf den Teppichboden. Ich habe nur einen Moment weggeschaut, da war es schon passiert.“ erklärte mir der Römer wild gestikulierend. Sein Handy, dass in seiner rechten Hand aufleuchtete und sein dazugehöriger, ellenlanger Kommentar auf einer sozialen Plattform lies mich das das Gegenteil vermuten. „Ma il caffé?!“ [Aber der Espresso?!] hakte der Römer nach. Meine Vergesslichkeit gegenüber seiner Espressobestellung schockierte ihn mehr als der Sturz seines Sohnes. Ich guckte ihn genervt an. „Prioritäten.“ murmelte ich und hielt die Kompresse vorsichtig an Signorinos Stirn. „Alles muss man hier selber machen.“ motzte der Römer und stiefelte theatralisch in die Küche.

Wenig später kam er mit zwei caffé zurück. „Entschuldige, es gab nur noch deca…[entkoffeinierten Espresso] – ma non fa nulla. [aber das macht ja nichts] Am Montag kaufe ich neuen Kaffee.“ säuselte er fröhlich. „….ma non fa nulla.“ [Aber das macht nichts.] wiederholte ich in meinen Gedanken und beschloss, dass es auch nichts machen würde, wenn ich heute alleine auf der Couch schlafen würde. Sollen sie doch gucken, wo sie bleiben.

Ich bereitete das restliche Frühstück zu und brachte es an den Tisch. Signorino zappelte aufgeregt in seinem Hochstuhl hin und her. Das erste Stück Marmeladenbrot erreichte ihn und er stieß ein erleichtertes „Mjam“ aus. Während ich ihn fütterte, mampfte der Römer angeregt seine italienischen Kekse und trank seinen Espresso mit allergrößter Muße. Als er damit fertig war, streckte und reckte er sich, guckte zu uns hinüber und stellte fest: „Visto che ci dura ancora un bel po‘, io mi ristraio ancora. [Da es bei euch anscheinend noch ein bisschen dauert, lege ich mich nochmals hin.] Ich hab heute Nacht so unruhig geschlafen.“ Noch eh ich empört antworten konnte, war er schon abgerauscht. Einzig seine Kekskrümel und seine leere Espressotasse zeugten von seinem Gastspiel am Frühstückstisch.

Ich schüttelte den Kopf – trank meinen italienischen Kaffee Hag und begann mit der Grundreinigung des Tisches, Signorinos, des Hochstuhls und der Glasvitrine hinter Signorino. Danach saugte ich Marmeladenbrot-Stücke ein und legte mich erschöpft auf den Teppichboden. Von links hörte ich ein heiteres „Da da“ und spürte eine winzige Hand, die sich auf meinem Brustkorb abstützte. Noch eh ich aufblicken konnte, versank eine andere Hand forsch in meiner Magengrube. „Signorino. Au! Nein!“ presste ich hervor, da spürte ich schon ein Knie in einer meiner Rippen. „Nein. Nein. Nein.“ wiederholte das Kind. „Ich bin ein lebendes Klettergerüst. Na toll!“ dachte ich und verfluchte den Römer, der sicher schon schlummernd im warmen Bett lag.

Nach weiteren 40 Minuten erschien der feine Herr Farniente gut gelaunt mit einem „Ci voleva“ [Das habe ich jetzt gebraucht] auf den Lippen. „Alles gut bei dir?“ fragte er, als er mich auf dem Rücken liegend mit dem auf mir herumturnenden Signorino sah.

„Ich bin müde, habe heute Nacht nicht geschlafen. Meine Augen fallen zu und Signorino klettert seit 40 Minuten auf mir herum. Gleichzeitig habe ich keinerlei Kraft mich zu bewegen. Jede Zelle meines Körpers ächzt nach Schlaf und du legst dich hin und döst! Ich will keinen entkoffeinierten Kaffee, keine Wäscheberge, keinen Kompressendienst am Kind. Ich will einfach nur in der Badewanne schlafen ohne das jemand an der Tür kratzt. Ist das denn zu viel verlangt?“ ergoß sich mein Jammerschwall auf den verstrubelten Römer. „Amore, dann sag doch was! Ma sto io col bambino [Aber ich kann doch beim Kind sein]. Leg dich hin – solange du willst.“ redete der Römer beruhigend auf mich ein und half mir hoch. „Brauchst du noch ein zweites Kissen? Ohrenstöpsel? Eine Wärmflasche?“ sorgte er sich um mich – oder wohl eher um mein geistiges Wohlbefinden. „Nein, danke.“ antwortete ich weinerlich und schleppte mich mit letzter Kraft ins Bett.

Nach wunderbaren drei Stunden Schlaf kehrte ich erholt und mental geordnet zurück. „Das war zauberhaft.“ schwärmte ich und lächelte sanft. „Nein. Nein. Nein.“ begrüßte mich Signorino lachend. „Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht. Ich war wirklich besorgt als du gesagt hast, dass du in der Badewanne schlafen willst. Da wusste ich: adesso basta! [Jetzt reicht’s] Lei deve dormire. [Sie muss schlafen] Aber…sag mal, hattest du das wirklich ernst gemeint mit der Badewanne?“ wollte er neugierig wissen.

„Ach nein, nein. Das wäre ja verrückt!“, entkräftete ich meine vorherige Aussage, „Ich war wohl sehr müde.“

Dem Römer genügte diese Antwort und er erklärte mir irgendetwas Zusammenhangloses über die Autobahnbezifferung in Deutschland.*

Einen Teufel werde ich tun und ihm meine „ultimo ratio“ im Kampf gegen den Schlaf verraten. Sollen sie mich doch überall suchen – friedlich in der Badewanne schlummernd vermuten sie mich garantiert nicht.

[*Der Römer meint, es könnte Sie auch interessieren, deswegen hier für Sie vom Römer: Eine ungerade Nummer tragen alle Autobahnen in Deutschland, die in Nord-Süd-Richtung führen (beispielsweise die A1); gerade Nummern bekommen alle, die in West-Ost-Richtung verlaufen (etwa die A 4).]

Für echte Römer m/w/d

Müde lächelnd lese ich einen sogenannten Lifestyle Blog. Die Überschrift des neuesten Artikels heißt: „Home away from home.“ Ich bekomme Pickel bei soviel schlechtem Marketing. Berichtet wird über ein x-beliebig austauschbares Hotel, das es erst seit kurzem gibt und gekennzeichnet wird der Artikel mit *Werbung (gesponsert).

Ich klappe den Laptop zu und schüttle den Kopf. „Home away from home…wie lächerlich.“ murmle ich und der Römer, der mit mir am großen Esstisch sitzt, guckt mich fragend an. „Na, ist doch so! Du kannst mir doch nicht erzählen, dass ein x-beliebiges, neues Hotel ein Zuhause, weit ab von Zuhause ist. Die wissen doch gar nicht, wie sich ein richtiges Zuhause anfühlt. Banausen!“ schimpfe ich.

Der Römer lächelt und sagt: „Ich zeig dir mal was…“ Er öffnet seinen Laptop und zeigt mir ein sehr kleines, zweigeschossiges Reihenhaus, hastig zwischen zwei Palazzi geworfen. Ein Schuhkarton, der sich mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit zwischen den „großen Häusern“ behauptet. “Roma….“ seufze ich. Er tätschelt mir die Schulter.

„Questo e‘ la casa lontani da casa [Das ist das Zuhause weit weg von Zuhause]. Für uns ist es kein Wellnessbereich in einem überteuerten, anonymen Hotel. Es ist keine überfüllte Bar, kein Hotelbett und kein Frühstücksbuffet. Für uns ist es Rom. Wir kommen in Fiumicino [einer der Flughäfen Roms] an und fühlen uns zu Hause. Wir nehmen den Regionalzug und er tuckert uns zur stazione di Trastevere. Dann die Tram „numero otto“ und dann gehen wir die wenigen Schritte über unebene Pflastersteine nach Hause.“ Des Römers Beschreibung verwandelt sich in meinem Kopf zu einem Film und nicke verträumt.

„Und das schönste ist, dass unser „Zuhause“ immer ein anderes ist. Mal sind wir enttäuscht, weil es ein modriges Erdloch ist, aber meist sind wir positiv überrascht, weil wir einen richtigen Schatz finden. Rund um die Via San Francesco Ripa – da sind wir daheim, denn unsere zweite Heimat ist und bleibt immer Trastevere….“ ergänzt er seine Ausführung.

Ich räuspere mich: „…oder Testaccio.“

„Daiiii [Komm schon!], jetzt kommt der alte Streit wieder auf. Welches ist das schönste Viertel Roms? No, da lass ich nicht mit mir diskutieren! Es ist Trastevere. Basta!“ führt er sehr emotional aus. „Okay… für dich ist es Trastevere. Für mich ist es Testaccio. Es ist einfach ein ehrlicheres Viertel und kaum ein Tourist verirrt sich hierher. In Testaccio wohnen die richtigen Römer, so wie ich.“ erkläre ich ihm stolz.

„Ma no! [Aber nein!] Non iniziare, ti prego! [Fang nicht damit an, ich bitte dich!] Nur, weil ich damals die Wohnung in Testaccio hatte, macht dich diese nicht zu einer Römerin. No, sicuramente no! [Nein, sicherlich nicht] Ich habe IMMER in Trastevere gewohnt. Erst in der „Via Goffredo Mameli“, dann nach einigen Jahren wohnte ich im „Vicolo dei panieri“ und schlussendlich, auch berufsbedingt, musste ich nach Testaccio umziehen. Erst wohnte ich an der lauten Via Marmorata und wenig später bin ich dann in die Via Luca della Robbia gezogen.“ führt er sehr präzise aus.

„Berufsbedingt? Du bist lediglich 500 Meter von einem Stadtviertel ins angrenzende Stadtviertel gezogen! Allein die Flussseite ist eine andere. Gib doch nach all den Jahren endlich zu, dass du Testaccio schöner findest!“ mosere ich.

„Achwo! Ma il traffico! [Aber den Verkehr!] Den darf man nicht unterschätzen. Es hätte eeeewig gedauert in die Arbeit zu kommen.“ versucht er mich zu überzeugen.

„Ja, 20 Minuten zu Fuß.“ ergänze ich äußerst nüchtern. „Ma che!!! [Aber was!!!] Erano 25 minuti in macchina. [Es waren 25 Auto-Minuten] “ will er mir einreden.

„Aber wer fährt denn 1,5 Kilometer mit dem Auto, wenn er zu Fuß gehen kann?! Besonders in Rom?!“ frage ich nun ganz provokant.

„Amore mio, du unterschätzt die Temperaturen. Kannst du dir vorstellen, vollkommen verschwitzt an deinem Arbeitsplatz anzukommen? Io no! [Ich nicht!] Ich hatte keine andere Wahl als umzuziehen!“

Ich verdrehe die Augen und dränge darauf die Diskussion zu beenden, da wir uns nur im Kreis drehen.

Am Abend klappt der Römer neben mir wieder den Laptop auf und schiebt ihn mir unter die Nase! „Okay, genau das! Das können wir buchen!“ sagt er sehr knapp.

Das sehr kleine, sehr absurd wirkende Häuschen von vorhin strahlt auf einem Buchungsportal. „Ist gerade frei geworden! Und da wir momentan nicht nach Albanien fahren können und wir eine Woche überbrücken müssen bis wir auf deinen Vater aufpassen, dachte ich… das wäre vielleicht keine schlechte Idee!“ Ich klicke die Bilder durch. Zwei Etagen. Eigener Patio, Wohnzimmer, Küche, zwei Schlafzimmer, zwei Bäder. Ich sehe schon den fröhlich glucksenden Signorino über den Fußboden krabbeln. Der Innenhof wäre perfekt, wenn Signorino im ersten Stock schläft, man aber noch gemütlich etwas draußen trinken will. Die Wohnung war umgeben von netten Restaurants und Bars – auch alles zum Mitnehmen, was uns mit Signorino sehr entgegen kam, da romantische Abendessen vorerst nicht möglich sind. 😉

„Wow! Das wäre perfekt! Lass mich noch kurz nach Flügen schauen und los geht’s.“ stimme ich seinem Vorschlag zu. Die Flüge stellen kein Problem dar und flugs ist die Unterkunft gebucht.

„Ich muss dir was sagen…“ fängt der Römer grinsend an.

Ich warte gespannt auf seine weiteren Ausführungen.

„Die Unterkunft ist in TRASTEVERE! Und sie hat dir gefallen. Also ist Trastevere doch der bessere Stadtteil. Und komm mir jetzt nicht mit „Das hab ich nicht gewusst.“ Du hast dir die Lage auf Google Maps sehr genau angeschaut.“

„Äääähm…aber…ja! Das war eine Ausnahme. Ich wollte dir einfach einen Gefallen tun.“ stottere ich etwas überrumpelt. „Ma che! [Aber was!] Ausnahme!“ triumphiert der Römer. „Das ist die Bestätigung!“

Ich gönne ihm die Genugtuung. Wir Bewohner von Testaccio sind großherzig und großzügig, was andere Meinungen betrifft. Das können wir auch sein, wissen wir doch, dass das beste Viertel Roms konkurrenzlos „Testaccio“ ist.

[Wenigstens bei einer Sache sind wir uns einig: Das beste Café/die beste Bar ist das Baylon Café in der Via San Francesco Ripa, Rom. Werbung – sehr zu meinem Leidwesen ungesponsert! 😔😉]

Wie der Römer und ich uns kennen lernten (Teil 2)

Tadaaaa! Da ist er: Der überarbeitete Teil 2 unserer Kennenlern-Geschichte.

Sie haben den großen Vorteil, dass Sie nicht Jahre mitfiebern müssen (sowie der David Hasselhoff des Nordens: christophrox), was denn nun zwischen uns ist. Sie können das Endergebnis bewundern: Ich heiratete am Römer den Römer und wir haben letzten Dezember einen Signorino bekommen.

Genießen Sie Teil 2: [klick]

Von finsteren Gedanken und Ungeduld

Und die Nerven liegen blank. Eine Woche über Termin. Ich habe keine Lust mehr. Ab heute wird jeden Tag im Krankenhaus kontrolliert.

Und ich habe alles durch: Ich hab dem Bambino gedroht, ich hab gebettelt, gefleht, geweint und gezetert. Doch es passiert nichts. 0,0. Nada. Niente.

Jeden Tag gehe ich auf Gewaltmärsche, trinke Tees und Pülverchen, mach Kniebeugen, putze wie eine Bekloppte, aber… keine Wehen, wenig, aber noch genug Fruchtwasser. Die Plazenta arbeitet ohne Probleme.

Wer mich versteht? Alle Mütter, die schon einmal über Termin gegangen sind. Und die meisten anderen Mütter.

Der Rest gibt dumme Tipps. Und ich kann es nicht mehr ertragen. Betroffen ist davon auch der Römer, der mir zur Geduld rät und sagt “Er kann das nachvollziehen.”

Nein, kannst du nicht. Denn du hast nicht seit Monaten Sodbrennen, egal was du isst, du schläfst tief und fest nachts und hast keine Probleme eine Schlafposition zu finden. Dich vertröstet man nicht jeden Tag. Du hast keine Probleme irgendwo am Körper Haare zu entfernen, du hast kein Nasenbluten, kein ständiges Rippentreten und auch keinen Drang ständig auf Toilettchen zu müssen.

Klar wird er gefragt, wann es soweit ist. Aber er ist nicht der Hauptakt, der ungeduldig daheim sitzt. Während meine Gebärmutter abgetastet wird und das äußerst schmerzhaft ist, sitzt er auf dem Stuhl und sucht in seinem Handy nach Winterjacken. Während ich nach Luft ringe bei kleinen Spaziergängen, läuft er locker flockig neben mir her. Während ich -wie es scheint- sämtliche Yoga Übungen durchturne um ein Paar Socken anzuziehen, ist er in 3 Minuten ausgehfertig.

Und dann tut es mir Leid, aber es tauchen finstere Gedanken auf wie “Es wäre besser gewesen nie schwanger geworden zu sein. Was hab ich mir eigentlich dabei gedacht? Es war doch alles gut so wie’s war! Warum tu ich mir das alles an?!”

Immer noch in der Warteposition. Die Farbgebung unterstreicht meine Laune.

Telefonate mit Rom

Ich liege in der Badewanne. Warmes Wasser plätschert aus dem Hahn, der Badeschaum türmt sich zu monströsen Gebilden auf, die wie Eisschollen an mir vorbeiziehen. Ein Duft von „Lavendel-Deluxe“ lullt mich ein. Zu hören ist nur das leise summen der Belüftung. Ich schließe meine Augen, atme tief ein und noch bevor ich ausatmen kann, zerschneidet ein lautes „Prontoooo“ die Stille wie ein warmes Messer das noch tiefgefrorene Zimtstern-Eis.

„Ma che?! Giovannino! Marco! Dove state?!“ [Ach was?! Giovannino! Marco! Wo seid ihr?!] ruft der Römer. Er sitzt im Wohnzimmer. Seine sonst so angenehme Stimme dröhnt nun bis ins sieben Meter entfernte Bad. Selbst dort hallt sie noch und überdeckt das leise Rauschen der Lüftung.

Ich vermute in diesem Moment, er telefoniert mit seinem Handy – und nicht, wie es die Lautstärke vermuten lässt, mit einem Dosentelefon, das mühsam aus Faden und alten Blechdosen zusammengeschustert wurde. Er schreit förmlich über den Brenner, der Schall trägt seine Stimme wohl weiter über die colli albani, die Albaner Berge, bis sie in Trastevere ankommt. Anders kann ich mir die Lautstärke nicht erklären.

„Si, si! Aspettate! Vi faccio vedere: Questo e‘ il salotto…“ [Ja, ja! Wartet! Ich zeig‘s euch mal kurz: Das ist das Wohnzimmer…] Der Römer erklärt ausführlich unsere Wohnung wie es scheint – per Videotelefonat. „Diese Dosentelefone werden auch immer moderner – sogar mit Video gibt’s die jetzt.“ denke ich und muss über meinen eigenen Witz lachen.

„Maaaa che!“ [Ach was!] donnert es nun aus dem Schlafzimmer. „No, viviamo in una delle città più care di Germania. Non abbiamo una stanza per il bambino!“ [Nein, wir leben in einer der teuersten Städte Deutschlands. Wir haben kein Kinderzimmer!] erklärt er lautstark. Dann hört man ein Lachen.

Nachdem er seine Hausbegehung beendet hat, gehen die zwei echten Römer und der Exilrömer nun dazu über sich gegenseitig zu beteuern wie sehr sie sich vermissen.

„Si, si! Aspetto un mese dopo la nascita del bambino, ma poi vengo subito a Roma. Senza dubbi!“ [Ja, ja! Ich warte ein Monat nach der Geburt des Kindes ab und dann komme ich sofort nach Rom. Ohne Zweifel!] brüllt er weiter ins Telefon. Meine linke Augenbraue huscht nach oben. Anscheinend fragt man in Rom nach, warum er nicht schon früher kommen kann. Doch unser Römer hat sofort eine Antwort parat: „Nooo, guardate: Io devo stare almeno 4 settimane con lei. Devo un po‘ aiutare. Sarà pesante per lei con un neonato!“ [Neeeein, schaut: Ich muss mindestens 4 Wochen bei ihr bleiben. Ich muss ein bisschen helfen. Das wird anstrengend für sie (also mich) mit einem Neugeborenen.]

Aha, anscheinend wir das nur anstrengend für mich. Wie gut, dass ich den Römer habe, der mir unter die Arme greifen kann. Ich verdrehe die Augen und schiebe einen Schaumberg nach links um das Quietsche-Entchen zu erreichen.

Meine Gedanken flüstern mir zu: „Nach vier Wochen will er nach Rom abhauen. Wovon träumt der nachts? Hihi, ich sag’s dir: Bald träumt er von gar nichts mehr, weil unser Bambino ihn nachts wach hält.“ Ich lache. Meine Gedanken beglückwünschen sich für diesen genialen Spruch.

„Non lo faccio piú qui! Devo venire per forza. Guardate, qui in Germania si va al letto alle 22!“ [Ich halt es hier nicht mehr aus! Ich muss unbedingt kommen. Schaut, hier in Deutschland geht man z.B. um 22 Uhr ins Bett.] schallendes Gelächter auf beiden Seiten des Brenners. Schallendes Gelächter aus der Badewanne. „Loooo so!“ [Ich weiß] prustet der Römer. „Poi praticamente la città e‘ morta. La sera non esce mai nessuno.“ [Dann ist die Stadt quasi tot. Abends geht niemand aus.] erklärt der Römer den anderen Römern die verfahrene Situation in „Germania“.

Ich frage mich zwischenzeitlich, ob er in den letzten drei Jahren hier gewohnt hat oder aber in einem kleinen, verlassenen Dorf im Rheingau. Hier geht man aus, hier ist man gesellig und es gibt genug Anlässe NICHT um 22 Uhr ins Bett zu gehen. Doch um mir diese Frage ausführlich zu beantworten reicht die Zeit nicht. Es geht schon wieder weiter im römisch-germanischen Gespräch.

„Noooo! Ascoltate: La vita non e‘ solo moglie, bambino e lavoro. Io ho bisogno di aria! Devo rispirare l‘aria di Roma, l‘aria d‘Italia. No, no, loro possono stare a casa. Io ho bisogno di passare un po‘ di tempo con voi!“ [Neeein! Hört mal: Das Leben besteht nicht nur aus Frau, Kind und Arbeit. Ich brauche Luft! Ich muss die Luft Roms atmen, die Luft Italiens. Nein, nein, die können daheim bleiben. Ich muss etwas Zeit mit euch verbringen!] röhrt der Römer weiter ins Telefon.

Aha. Macho-Modus an, denke ich – viel zu spät. Jetzt ist bis zum Ende des Gesprächs Hopfen und Malz verloren. Da geht er dahin: In die ewigen Jagdgründe des Sprücheklopfers, der daheim (schwangerschaftsbedingt) nicht mehr als „Si, amore mio. Subito, amore mio.“ [Ja, mein Schatz. Sofort, mein Schatz.] rausbringt. Hier sind also seine 15 Minuten „Alpha Tier“. Es sei ihm gegönnt.

„Hahaha!!!“ lacht es laut. „Ma cheeeee! Certo che mi ricordo. I tempi meravigliosi al campo (de‘ fiori). Con tutti i miei amori… e cuori.“ [Aber was! Natürlich erinnere ich mich. Wunderbare Zeiten auf dem Campo de‘ Fiori. Mit all meinen Lieben… und Herzen/Liebschaften.]

Ich lasse mich tiefer ins Badewasser sinken – nicht ohne meine Augen abermals zu verdrehen. Mein kugelrunder Bauch thront dabei erhaben aus dem Wasser wie ein toskanischer Hügel.

„Allora, ragazzi. Vi prometto di venire a Roma prima possibile, ma adesso devo andare – mia moglie si lamenta.“ [So, Jungs. Ich verspreche euch, dass ich schnellstmöglich nach Rom komme, aber jetzt muss ich los – meine Frau beschwert sich.]

Anscheinend leben der Römer und ich auf zwei verschiedenen Kontinenten der Wahrnehmung. Ich liege selig schweigend in der Badewanne und mache keinen Murks und er behauptet, ich würde mich beschweren, dass er so lange telefoniert. Interessant!

Er grölt seine Verabschiedung über die Alpen und legt auf. Kurze Zeit später öffnet sich die Tür des Badezimmers einen Spalt breit. „Amooooore, vuoi anche tu un té?!“ [Schatz, willst du auch einen Tee?] fragt er. Ich gucke ihn irritiert an. „Das ist aber nett von dir, wo ich mich doch so beschwert habe, dass du telefoniert hast.“ gebe ich schlagfertig zurück.

Er läuft rot an.

„Das war doch nur, weil ich keine bessere Ausrede wusste um das Telefonat zu beenden.“ gibt er kleinlaut zurück. „Na, wenn das so ist und du mich schon als garstige Ehefrau benutzt, dann hätte ich zum Tee auch gerne Vanille-Kipferl.“ gebe ich spielerisch-gekränkt zurück. „Si, amore mio. Subito, amore mio.“ [Ja, mein Schatz. Sofort, mein Schatz.] kommt zurück und der Römer eilt in die Küche.

Na, solange er nur ein scheinbarer Macho am Telefon ist, ist das schon ok.

Elda in Mailand

[Alle vorherigen Teile sind hier zu finden: Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4]

Für Besnik gab es kein Zurück mehr. Er erlaubte Elda schweren Herzens in Mailand zu studieren. Wäre da nicht vor Jahren dieses blöde Versprechen an sich selbst gewesen, dass er alles tut, damit seine Tochter die bestmögliche Ausbildung bekommt. Manchmal möchte er den jungen, naiven Besnik für diese dämliche Aussage ohrfeigen. Doch jetzt war es zu spät dafür.

Flora, seine Frau, lief schon seit Tagen mit geschwollenen Augen durch das große Haus. Als Elda vor dem Studentenvisumsantrag saß und sie in ihrer mädchenhaften Schrift Druckbuchstabe um Druckbuchstabe einfügte, rissen bei Flora wieder alle Dämme. Schnell huschte sie in die Küche und schnitt Zwiebeln. Wenn sie eh schon weinte, dann sollten wenigstens ihre Kinder denken, es käme von den Zwiebeln. Dass sie dabei herzzerreißend schluchzte blieb ihren Kindern trotzdem nicht verborgen.

Elda wusste, dass ihr neuer Lebensabschnitt nicht nur Freude für die Familie bedeutete. Aber sie redete sich ein, dass es wie mit einem Pflaster ist: Lieber schnell und ruckartig „abziehen“ als langsam und schmerzhaft. Sie musste alles ausblenden um den Schritt in die große, weite Welt zu wagen. Anders ging es nicht.

Am nächsten Tag hatte sie einen Termin beim italienische Konsulat in Tirana. Bevor das Konsulat aufmachte, genoss sie noch eine Tasse Espresso im schräg gegenüberliegenden Sophie Café. Sie ließ sich in die braune, abgewetzte Ledercouch sinken und begutachtete das frühe Treiben Tiranas. „Faleminderit! [Danke]“ bedankte sie sich höflich bei der freundlichen Bedienung, die ungefähr in ihrem Alter war.

Sie dachte nach. Nein, so wollte sie nicht enden. Sie wollte mit ihrem Studium keine Kellnerin oder Barista werden. Und das scheint ohne die nötigen Kontakte oft der einzige Weg in Albanien zu sein. Sie wollte weg von Tirana und internationale Erfahrungen sammeln. Hier würde sie nur das gut behütete Mädchen bleiben, dass von allen unterschätzt wird.

Entschlossen trank sie den letzten Schluck ihres Espressos, kramte in ihrer Tasche und holte eine 100 Lek (0,81 Eur) Münze aus ihrem Portmonnaie. Als sie diese auf den Tisch legte um zu zahlen, fiel ihr die kleine, gerollte Botschaft auf, die zu jedem Getränk bei Sophie Café gereicht wird. Sie glaubte nicht an sowas. Aber was schadete es schon, diese Nachricht zu lesen? „Hapi krahet dhe fluturo zog i vogel! Bota eshte jotja! [Öffne deine Flügel und flieg, Vögelchen! Dir gehört die Welt].“ stand da. Sie lächelte und schob die Nachricht zu den Familienbildern in ihrem Geldbeutel. Kurz darauf überquerte sie die Straße und marschierte auf das italienische Konsulat zu. „Takim? [Termin?]“ fragte der Pförtner forsch. „Ja!“ antwortete sie und reichte ihm ihren Reisepass. „Va bene! Entri, signora! [In Ordnung! Treten Sie ein!]“ sagte der Pförtner.

In der herrschaftlichen Villa im mediterranen Stil ging alles ganz schnell. Unterlagen wurden geprüft, es wurde gestempelt, ihr Pass wurde mit einer Lupe auf die Echtheit überprüft und der Beamte sagte mit seiner tiefen, sonoren Stimme: „Va bene, signorina. Dura un giorno. Ci vediamo domani. Il visto d’ingresso per motivi di studio sará pronto domani mattina. [In Ordnung. Es dauert einen Tag. Wir sehen uns morgen. Das Einreisevisum für Studenten ist morgen Vormittag fertig]“

„Domani mattina…“ hallte es in ihrem Kopf nach. „Morgen Vormittag also. Das heißt, sie kann an der Einführungs- und Orientierungsphase in Mailand teilnehmen und das wiederum heißt…“ Sie musste kurz nachrechnen. „…sie würde wohl Ende der Woche nach Mailand fliegen. Wow!“ Plötzlich war ihr Traum so unglaublich nah. Beschwingt fuhr sie die wenigen Kilometer nach Hause.

Besnik fragte sie, wie es gelaufen sei. „Mire! [Gut!]“ war ihre knappe Antwort und sie grinste. „Shume mire [Sehr gut]!“ Sie erklärte, dass das Visum morgen fertig sei und sie demnach nicht die erste Phase an der Universität verpassen würde, wenn sie Freitag flöge. Besnik schluckte und nickte.

„Wo ist eigentlich Mama?“ fragte Elda. „Sie schneidet Zwiebeln.“ antwortete Besnik und versuchte ein Lächeln anzudeuten, dass ihm nur schwer gelang. „In letzter Zeit gibt es ziemlich viele Gerichte mit Zwiebeln, findest du nicht?“ fragte Elda. „Hm….“ stimmte Besnik gedankenversunken zu.

Am Abend tagte der Familienrat. Es gab – wie sollte es anders sein – französische Zwiebelsuppe. Anwesend waren Toni, Elda, ihre Eltern und Tonis Frau. „Okay, aufgepasst: Elda wird nach Mailand fliegen. Mama und ich können die Geschäfte hier nicht Ruhen lassen. Toni! Du wirst mit Elda mitfliegen und dich um alles kümmern. Dein Italienisch ist sehr gut und ich werde sie vorerst nicht allein in einer fremden Stadt lassen. Ich habe schon mit Afrim, meinem Studienfreund, telefoniert. Dort werdet ihr für’s erste wohnen bis Elda eine eigene Wohnung gefunden hat. Es wird nicht allzu lange dauern.“ erklärte Besnik. Alle nickten. „Die Tickets habe ich schon buchen lassen. Freitag um 14:30 Uhr fliegt ihr.“

Alle nickten. Flora verließ schniefend den Tisch um nach der Suppe zu sehen.

Die folgenden Tage war Elda damit beschäftigt, ihr Visum abzuholen, sich von ihren Freundinnen zu verabschieden, ihre Verwandten noch ein letztes Mal zu drücken und ihre Sachen zu packen. „Wie viele Koffer darf ich mitnehmen?“ fragte sie Besnik. Vor ihr waren drei große Koffer geöffnet und bereits gut gefüllt. „Einen.“ antwortete dieser knapp. „Einen?!?!?“ fragte sie schockiert. Ihr Vater nickte belustigt. „Tja, Kind. Im Ausland zu wohnen hat nicht nur Vorteile.“ gab er ihr lachend zurück. „Aber Papa!!“ wollte sie protestieren. „Schatz, da musst du jetzt durch.“ sagte er und verließ den Raum. Irgendwie schaffte sie es einen Koffer zu packen. Was keiner außer Toni wusste: Sein Koffer war nochmal zu 2/3 mit ihren Sachen belegt. Er würde nicht soviel brauchen für die wenigen Tage und wusste wie wichtig all die Kleidungsstücke für seine kleine Schwester waren.

Am Freitag ging die Reise los. Alles war aufregend. Die Tage vergingen wie im Flug und die beiden Geschwister suchten mit Afrims Hilfe händeringend eine kleine Wohnung für Elda. Erfolglos! Es war September und sie waren bei weitem nicht die einzigen, die nun eine bezahlbare Unterkunft suchten.

Nach einer Woche rief der verzweifelte Toni bei seinem Onkel, dem Römer, an. Er klagte von seiner Erfolglosigkeit. Der Römer musste lachen. „Was dachtet ihr denn? Dass ihr innerhalb von zwei Tagen eine Wohnung findet?“ belächelte er die beiden Geschwister. „Das kann Wochen oder Monate dauern.“ Toni räusperte sich. „Aber in Tirana…“ wollte er ansetzen. „Ja, in Tirana ticken die Uhren anders. Das hier ist Mailand.“ erklärte der Römer. „Aber wie gut, dass ihr mich habt. Ich werde mich bei ein paar Freunden erkundigen, ob jemand eine Wohnung für Elda hat.“

Der Römer kramte all seine Kontakte aus. War da nicht die Tante der Dottoressa der alten Praxis, die in Mailand vermietete? Und gab es nicht den Bruder seines Freundes Fabian, der dort seit Jahren wohnte?

Der Römer klapperte alle ab. Innerhalb von wenigen Stunden hatte er zwei heiße Tipps. Nicht ganz günstig, aber was ist schon günstig in Mailand?

Er überbrachte die frohe Botschaft direkt an Elda. Sie freute sich sichtlich. Man machte einen Besichtigungstermin aus und die zwei Geschwister schauten sich die beiden Wohnungen an. Eine lag vier Straßen von der Uni entfernt. Ein süßes, kleines Apartment in einem schönen Palazzo. Da wollte sie hin. Es war die Eigentumswohnung von Fabians Bruder.

Elda berichtete abends dem Römer von den Besichtigungen. „Die Wohnung ist einfach perfekt. Klein, aber dennoch zwei Zimmer, eine kleine Küche, voll ausgestattet. Der Preis – nicht ganz billig. Aber noch am oberen Limit. Nur die Mietbedingungen scheinen mir komisch.“ erzählte sie dem Römer. Dieser fragte nach dem Warum. „Na ja, ich sagte, ich will mindestens zwei Jahre bleiben. Aber in den langen Semesterferien brauche ich die Wohnung nicht. Ich fliege doch heim nach Albanien. Also würde ich die Wohnung bis Anfang Februar mieten und dann wieder ab Ende März bis einschließlich Juni und von Juni bis September bin ich wieder nicht da, das heißt ich brauche die Wohnung wieder ab September. Und so erklärte ich Endrit, dem Bruder von Fabian, das. Er hat mich ausgelacht, aber ich weiß nicht warum. Er sagte nur: Ruf den Römer an und lass dir das alles nochmal erklären.“ führte sie lang und breit aus. Der Römer wusste nicht, ob er lachen oder schimpfen soll. „Ach Elda, Elda, Elda! Du musst noch viel lernen. Eine Wohnung kann man nicht nach Bedarf mieten. Du kannst einen Untermieter suchen, aber du kannst nicht monatsweise mieten. Das macht kein Vermieter mit.“ erklärte er geduldig. „Wenn du meinen Ratschlag willst: Unterschreib den Vertrag! Endrit ist ein guter Kerl und versucht dich nicht übers Ohr zu hauen“ versuchte er ihr zu helfen.

Sie seufzte. „Das ist hier alles viel komplizierter als ich dachte. So allein. Im Ausland. Aufregend – klar. Aber kompliziert.“ gab sie kleinlaut zurück.

„Ja und es werden noch viele, viele Dinge folgen. Hör auf deinen Onkel! Aber dennoch wird es eine wunderbare Zeit. Hab Vertrauen!“ ermutigte der Römer sie.

„Irgendwie kann ich’s kaum erwarten!“ gab sie aufgeregt zurück. „Ich – allein in Mailand. Wow!“

Fine – Fund – Ende