Von italienischen Schnulzen auf der Autobahn

Herzlich Willkommen zurück! Geht es Ihnen gut? Setzen Sie sich ruhig schon einmal hin. Ich will nur eben den Tee zubereiten.

Ziehen Sie gerne Ihre Straßenschuhe aus. Die Filz-Pantoffeln habe ich Ihnen bereits am Kachelofen vorgewärmt.

Ich weiß, Sie sind den Weihnachtsleckereien langsam überdrüssig, aber es werden wahrscheinlich die letzten Vanillekipferl in diesem verrückten Jahr sein. Also greifen Sie ruhig zu. Nur Mut! Die beißen nicht. Honig zum Tee? Oder doch lieber Kandis mit der kleinen Zange?

Hach, schön, dass Sie da sind. Sie haben mir gefehlt. Ein ordentliches, 24. Türchen schulde ich Ihnen immer noch. Das ist vollkommen korrekt. Und Toms Award-Nominierung ist auch noch in Bearbeitung. Langweilig wird es hier sicher nicht.

Erzählen Sie, wie waren Ihre Festtage? Lag bei Ihnen Schnee?

Bei uns mitunter ja. Auf dem Weg nach Prien schneite es kräftig am 1. Weihnachtsfeiertag. So sehr, dass der Römer jauchzte und Signorino sich erschrak. Daraufhin wollte der römische Schneehase auf der Rücksitzbank ein Video vom Schneegestöber machen. Dazu streckte er seinen Arm mit der gezückten Handykamera so aus, dass er wenige Zentimeter neben meinem Sichtfeld war, was mich als Fahrer bei starkem Schneefall und glatten Straßen wahnsinnig irritierte. Als er dann noch sang: „Neeeeve insegnami tu come caaaadere…“ [Schneeeheeee, lehre mich du wiehiiiiiie man fääääällt…“ [Giorgia, Marco Mengoni – Come neve -Wie Schnee], zuckte mein rechtes Auge nervös. Doch Signorino übernahm für mich und schrie laut und spitz.

Zurück in Rosenheim, meinen Vater im Gepäck, war der Römer sehr enttäuscht. Keine einzige Flocke verirrte sich hierher. Mit gesenktem Kopf schlich er ins Haus. Mein Vater klopfte ihm tröstend auf die Schulter.

Zurück im Haus roch es wunderbar nach selbst gebackenen Brezen (in Bayern gibt es keine Brezeln). Es war bereits aufgedeckt, dekoriert, die Kinder wurden bespaßt während Ova kochte.

Und da wären wir schon am Punkt: Wenn Sie bei meiner Schwester Ova sind, wird es Ihnen an nichts fehlen. Jedes Sterne beladene Hotel ist eine billige Absteige gegen den Service und die Kochkunst, die man bei Ova erwarten darf. Der Römer schwärmt seit Tagen von ihrer Lachs-Kürbis-Lasagne. Und das, obwohl der Römer, wenn es um seine liebste Landesküche geht, sehr konservativ (oder: engstirnig) eingestellt ist.

Verwechselt wurden der Römer und ich auch. Der erwachsene Sohn der Nachbarn hielt uns doch tatsächlich für Ova und ihren Mann. Zugegeben, ich sehe meiner Schwester zum Verwechseln ähnlich. Etwas kleiner bin ich. Aber ansonsten sehen wir aus wie Zwillinge. Der Römer geht zwar nicht ganz durch als Ovas Mann, jedoch kann man von einer gewissen Entfernung durchaus denken, dass er es sein könnte. „Servus Bojan!“ rief der freundliche Nachbar. Wir grüßten nett zurück. Als er den Römer etwas besser sah, guckte er erst mich irritiert an, dann wieder den Römer, dann wieder mich. Er dachte wohl, Ova hat einen neuen Partner.

Zurückgefahren bin ich übrigens mit zwei angeschlagenen Personen. Der Römer und sein Sohn vertrugen die raue Luft im Voralpenland nicht. Nun sind sie seitdem am Schniefen und Schnupfen.* „Das ist eine Kälte, die zieht in deine Knochen und packt dich ganz fest. Sie nagt förmlich an dir bis sie dich schlussendlich auffrisst.“ erklärte mir der Römer fachmännisch. Wir Alpenländler sind jedoch mit dieser bösartigen Kälte aufgewachsen. Während der Römer in dicker Daunenjacke, Mütze und Schal zitternd herumlief, reichte uns der Norweger Pulli und eine Regenjacke. „Nur in Weingebieten kann ich leben. Das stellt sicher, dass das Klima so mild ist, dass ich mich wohl fühle.“ erklärte mir der Römer weiter. Er könne erst wieder im Frühjahr in den Voralpenraum kommen, denn ein so zartes Gewächs wie der Römer ist leider nicht winterhart.

Nebenbei bemerkt habe ich noch eine Anekdote zur Fahrt: Schön war sie. Das lag vor allem daran, dass Signorino lautstark forderte, dass jemand bei ihm auf der Rücksitzbank sitzen muss. Dieser jemand war der römische Beifahrer-Profi. Schade, schade! Ich habe mich so auf seine Fahr-Expertise gefreut. Leider verstand ich ihn da hinten so unheimlich schlecht.

Aber zügig sind wir dennoch ans jeweilige Ziel gekommen. Nach Bayern brauchten wir nur vier, sehr schrille Schreianfälle von Signorinos Seite. Zurück ging es etwas schneller: Wir schafften es in zwei Schreianfällen. Pausen waren eher schwierig machbar: Es regnete und war windig. Demnach fiel der romantische Spaziergang irgendwo bei Erlangen aus.

Raststätten verkauften zwar allerhand Essbares, man durfte aber durch die aktuelle Corona Lage nicht dort essen. Also taten wir das im Auto. Bis Rosenheim roch es in unserem adretten Familienauto nach Schnellimbiss. Kurz vor’m Ziel war mein persönliches Highlight der Moment, in dem der Römer die Cola inhalierte – sprichwörtlich – und postwendend die Gummifußmatte des Autos vollspuckte, weil er auf die schnelle keine andere Ausweichmöglichkeit gefunden hat.

Irgendeiner spuckt wohl immer auf diesen Fahrten. Und wenn das Kind nicht will, dann eben der Römer.

In diesem Sinne: Ich hoffe, Sie hatten ein ebenso schönes Weihnachtsfest. Egal, ob mit Familie oder ohne.

(Wir sind nun erst wieder einmal in selbst auferlegter Quarantäne, genau wie vor der Reise. Man möchte schließlich nichts riskieren.)

*Corona ist es jedoch nicht. Das haben wir bereits getestet.

8 Gedanken zu “Von italienischen Schnulzen auf der Autobahn

  1. Ich musste so lachen: Die vom Römer interpretierte italienische „Schnulze“ kennen wir auch bestens, sie gehört zum Repertoire der Gesangsstunden unserer Kleinen. Die ambitionierte Frau Gesangslehrerin, die selbst schon einen hier vor einigen Jahren sehr bekannten Werbesong interpretieren durfte, sucht wohl immer raus, was ihr gefällt, ob das nun für unsere Neunjährige das Richtige ist (die möchte immer gerne was von Zecchino d’Oro singen 😍) … aber früh übt sich, und man kann ja die Latte nicht hoch genug legen: Giorgia, Mengoni, natürlich auch Elisa, solche Sachen 😊 Vielleicht können ja dein Mann und meine Tochter mal im Duett auftreten.😉

    Gefällt 2 Personen

    • Ah super! Das wird das Duett des Jahres. Ich bin mir sicher. 😃 Vielleicht müssten wir den Römer nur lautlos singen lassen – das würde die Qualität erheblich steigern. 😉
      Ganz schön fortschrittlich, die Frau Gesangslehrerin. Go wild or go home! Recht hat sie. Lieber gleich aufzeigen, wo die Reise hingeht. 😃

      Gefällt 1 Person

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