Herr Wilhelm und das Schreibaby

Du schreist. Tage- und nächtelang. Du schreist so laut, dass Herr Wilhelm im Stock über uns letztens geklingelt und mich empört angefahren hat, was ich dem “armen Ding” antue. „Nichts tat und tue ich ihm an. Er schreit – und das seit Stunden.“ war meine Antwort – verärgert, verzweifelt, leicht patzig!

„Das arme Ding“ lag schreiend auf meinem Arm und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Ich brach in Tränen aus und Herr Wilhelm schämte sich.

“Ach komm, Mädel. Der Kleene beruhigt sich schon wieder!” sagte der Exil-Berliner Nachbar Herr Wilhelm zu mir. “Kann ich wat für dich tun?” Er tätschelte unbeholfen meine Schulter. Ich schluchzte. Signorino schluchzte. “Ist denn keiner sonst daheim? Mann, Mutter, Schwiegermutter, von mir aus ’n Goldfisch, der den Kleinen mal eben beruhigen kann?” fragte er versöhnlich.

Da standen wir also, in der Tür unserer Wohnung, ich schluchzend, Signorino schreiend und schluchzend, mit dem hilflosen Herrn Wilhelm vor uns. Er schob uns sanft zur Seite und trat ein.

“So! Kakao!” sagte er fast schon Feldwebelartig. “Wo find ick den in diesem Haushalt?”

Ich zeigte auf den großen, weißen Vorratsschrank. “3. Fach, ganz hinten links!” schniefte ich weiter.

“Jut, jut! Och, ick glob et nicht! Det is dieselbe Marke, die mene Omma auch immer jehabt hat! Mensch, wat ‘n Zufall!” rief er überrascht.

Er schnappte sich den Kakao und bereitete ihn routiniert zu. Geschickt (und ohne zu tropfen) füllte er den Kakao in zwei große Tassen. Zufällig benutzte er meine Lieblingstasse. “Kann ich die haben?” fragte ich und zeigte auf die blaue Tasse mit der Zeichentrick-Figur. “Aber sicher doch! Det guckt meine Enkelin auch immer. Aber die ist 7!” lachte er über die Cartoon Figur auf meiner Tasse. 😄

“Mensch, sag ma Mädchen, da jibt et doch diese Tragetücher. Da packste den Kleenen ma rein und der beruhigt sich. Det hab ich von meiner Tochter Carmen jelernt.” gab er mir als Ratschlag.

“Ich hab eins bestellt, aber es kommt erst morgen hier an.” Meine Unterlippe zitterte wieder und ich wollte gerade wieder losschluchzen, da unterbrach er mich: “Ick hab doch eins oben! Nu sag et doch! Det hat die Carmen hier deponiert. N furchtbar hässliches Teil, indische Elefanten druff. Als wären wa in Goa! Ick hol et ma eben und du trinkst ma schön den Kakao. Der Kleene schreit eh so oder so. Ejal watte machst! Da kannste auch den Kakao trinken.”

Ich setzte mich hin. Mittlerweile schluchzte Signorino nur noch und schniefte ab und zu herzzerreißend. Nach zwei Minuten kam Herr Wilhelm in meine Wohnung geflitzt. “Da isset! Indische Elefanten. Ich hab et jesagt. Aber da müssen wir drei durch, wa?” lachte er.

Ich guckte nur noch geknickt. Signorino schniefte weiter.

“Dat bind ich ma fix, wenn et dich nicht stört. Die Carmen und ich haben ja immer diese Titriels (Tutorials) bei diesem U-tubb (Youtube) geguckt. Det is richtig jut erklärt.” Geschickt band er das Tuch. “So, Doppelknoten und tschüssi Müsli!” Er verknotete das Tuch und nahm mir Signorino ab. “So junger Mann! Jetzt wollen wa dich ma beruhigen.” Er fädelte Signorinos Füsschen geschickt in das Tuch, befestigte ihn. Zog etwas hier zurecht und rückte da etwas in die richtige Richtung. Signorino motzte und schrie während diesem Vorgang weiter und dann? Stille. Tiefe Atemzüge. Ein ruhig dösender Signorino. Ich – erstaunt mit Wimperntuschenbächen, die sich auf meinem Gesicht breit machten. Herr Wilhelm – zufrieden lächelnd, Arme in die Hüfte gestützt. “So! Und jetzt trinken wa den Kakao, bevor der kalt wird. Hier sind noch selbst gebackene Kekse. Hab ich auch bei diesem Eitub gesehen. Det sind Tschantutschini (Cantuccini). Echt Italienisch!“ schmunzelte er. “Danke, Herr Wilhelm!” sagte ich ganz gerührt und ein Tränchen lief mir über die Wange. Es sollte das letzte an diesem Tag bleiben – bei Signorino und bei mir.

“Ick bin der Dieter!” sagte er fröhlich. “Danke Dieter! Du hast mich gerettet.” gab ich lächelnd zurück, durch meine Tränen blinzelnd. “Ach Papperlappap. Det nennt man Nachbarschaftshilfe!”

Indische Elefanten gehören nicht nur nach Goa, sondern auch in jeden Haushalt mit Baby!

Sind die Eier im Eierlikör bedenklich?

Manchmal, ganz selten, aber doch ab und zu, habe ich Lust, folgendes in einem Elternforum zu posten:

“Hallo zusammen, ich habe eine Frage, die mich schon seit längerem beschäftigt. Ich bin schwanger und trinke gerne selbst gemachten Eierlikör. Jetzt hat mir eine Freundin erzählt, dass ich mit dem Verzehr von Eiern aufpassen muss. Was meint ihr? Die Eier sind (theoretisch) nicht roh, aber ich bin doch etwas besorgt. Kann ich weiter meinen Eierlikör trinken oder sollte ich besser auf etwas anderes umsteigen? Ich freue mich auf hilfreiche Antworten.”

Und dann: Feuer frei! 😄😄😄😄

Das Schwiegermonster

Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr. So wie gestern, als ich folgende Geschichte in einem Babyforum laß:

„Ich möchte nicht, dass meine Schwiegermutter unser Baby anfasst oder gar küsst. Das habe ich meinem Mann auch ganz offen kommuniziert. Es ist ihr erstes Enkelkind, aber ich möchte es trotzdem nicht. Daraufhin sagte er, dass dann aber keine „Oma“ das Kind anfassen bzw. küssen darf. Ja, klar. Gleiches Recht für alle! Aber, wenn mein Mann nicht da ist und ich allein mit meiner Mutter bin, darf sie natürlich unsere Tochter knuddeln und küssen. Mama bleibt schließlich Mama. Nur meinem Mann darf sie es nicht sagen. Und überhaupt: mit meiner Schwiegermutter habe ich eh kein gutes Verhältnis.“

Ohne die Vorgeschichte der Verfasserin bzw. das Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter zu kennen, tat es mir unheimlich Leid für die Schwiegermutter. Im Forum stimmten der Verfasserin 2/3 der anderen Mütter – unter lautem Gezeter über das eigene Schwiegermonster – zu.

Nur eine Mutter schrieb: „Ich habe drei Söhne. Ohne deine Vorgeschichte zu kennen, hoffe ich, dass keiner meiner Söhne jemals eine Partnerin wie dich anschleppt. Es bricht mir das Herz diese Geschichte zu lesen.“

Die Diskussionen gingen voran, es wurde lamentiert, dass die Schwiegermütter sich gar nicht für die Enkelkinder interessierten und distanziert wären usw. usw..

Mich machte die Geschichte unendlich traurig. Sowohl meine, als auch des Römers Eltern leben mehrere hundert bzw. tausend Kilometer entfernt. Sie können nicht mal eben vorbeikommen. So lernen meine Eltern ihren Enkel Ende Januar (frühestens!) kennen – falls mein Vater reisefähig sein sollte – was wir alle sehr hoffen. Die Eltern des Römers lernen ihren Enkel im März kennen, wenn unser Bambino einigermaßen flugfähig ist und ein Immunsystem hat, dass es ihm erlaubt, den zwei Stunden Flug zu überstehen.

Ich wäre unendlich dankbar, wenn meine Eltern bzw. Schwiegereltern unser Bambino, sobald es da ist, sofort kennen lernen könnten. Seit Monaten fiebern sie auf den Geburtstermin hin, OBWOHL sie schon mehrere Enkel haben. (Das war auch ein Argument – die Schwiegermutter würde sich nicht interessieren, WEIL sie schon so viele Enkelkinder hat) Aber jedes neue Enkelkind ist ein Geschenk für unsere Eltern. Und wir? Wir können es kaum erwarten die glücklichen Gesichter unserer (Schwieger-)Eltern zu sehen. Küssen verboten? Bitte nicht! Es gibt nichts schöneres als Liebe: Die Liebe in der Familie, die Liebe zwischen Großeltern und Enkel, zwischen Geschwistern, Kindern und Eltern. Was wären wir ohne die Liebe?

Selbst meine Schwester Ova, die wahrlich kein großer Fan ihrer slawisch-dickköpfigen Schwiegermutter Sveta ist, schmilzt dahin, wenn sie die Kleinen knuddelt, ihnen bulgarische Geschichten vorliest oder sie ins Bett bringt.

Als ich dem Römer, der nochmal einen deutlich ausgeprägteren Familiensinn hat als ich, davon erzählte, kam nur ein: „Mazza, che persona di merda!“ [Wahnsinn, was für eine sche** Person] aus ihm raus. „Imagina quanto fa male alla nonna di non avere un rapporto col nipote.“ [Stell dir vor wie weh es der Oma tun muss, wenn sie keine Beziehung zum Enkel aufbauen kann.]

Dann wurde er still und sagte nach ein paar Minuten: „Sono molto felice di averti trovato. [Ich bin sehr glücklich dich gefunden zu haben] Du liebst meine Mutter und meine Mutter liebt dich, aber was noch viel wichtiger ist: Selbst wenn es nicht so wäre, dann wüsste ich, dass du meinen Eltern nie das Enkelkind vorenthalten würdest.“

Wenn ich zurück an meine Großeltern, besonders an meinen Opa, denke, dann kommen mir die Tränen. Ein so großartiger Mensch, ein Schlitzohr, dass mich förmlich mit Liebe überschüttete. Liebe in Form von Milchreis mit extra für mich gekauften Marmeladenherzen. Liebe in Form von warmen Kakao, wenn es draußen stürmt. Liebe in Form von „mich überall hin mitnehmen“. Liebe in Form von Ausflügen in den Zoo. Liebe in Form von Aufmerksamkeit. Liebe in Form von warmen Umarmungen. Liebe in Form von Begrüßungsküsschen. Und Liebe in Form von schrumpliger Hand mit dem eingewachsenen Granatsplitter aus dem Krieg auf warmer, klebriger Kinderhand.

Ich wünsche jedem Kind, dass es so wunderbare Großeltern haben wird wie es bei mir der Fall war. Und ich wünsche jedem Elternteil, dass es seinen Schwiegereltern nicht verwehrt, das Enkelkind zu sehen, zu umarmen und auch mal ein Küsschen zu geben. Denn die wirklich wichtigen Dinge im Leben habe ich u.a. von meinem Opa gelernt. Mein wunderbarer, loyaler, spitzbübischer Opa.

Vorschnelles urteilen

Wenn man nur die halbe Wahrheit kennt, ist man schnell dabei sich eine Meinung zu bilden.

Ich wusste von meiner Mutter, dass sie Ski fahren war als ich noch gut verpackt in ihrem Bauch gewohnt habe. Dieser Fakt belastete mich nicht weiter und ich dachte nie intensiv über die Gefahr nach. Erst als ich es Freundinnen erzählte, die bereits Kinder hatten, merkte ich die Verwunderung in ihrem Gesicht: „Sie war Ski fahren? Schwanger? Weißt du eigentlich wie gefährlich das ist?“

Öhm. Nein. Wenn man keine Kinder hat oder gerade plant, macht man sich darüber keine Gedanken.

Nach dem Grund für ihren Skiausflug fragte ich sie nie.

Bis sie gestern erzählte: „Als ich mit dir schwanger war, wusste ich am Anfang nicht, dass ich schwanger bin. Wir hatten unsere Kinderplanung weitgehend abgeschlossen. Es dauerte etwas bis ich es bemerkte. Also gingen wir Ski fahren – die ganze Familie. Der tiefe, glitzernde Pulverschnee in dem Jahr lud mich förmlich dazu ein auch etwas riskantere Abfahrten zu nehmen. Ein paar Tage später, ich wunderte mich wo meine Monatsblutung blieb, macht ich einen Test. Schwanger! Als ich dann nach zwei Tagen anfing heftig zu bluten machte ich mir solche Vorwürfe, dass ich Ski fahren gegangen bin. Angekommen beim Frauenarzt versuchte er mich zu beruhigen. <<Schonen Sie sich! Heben Sie nicht schwer! Und alles andere regelt die Natur>> sagte er. Ich weinte auf der kompletten Rückfahrt. Diesen kleinen, unschuldigen Menschen wollte ich nicht verlieren aufgrund meiner Unwissenheit. Nach ein paar Tagen hörte die Blutung auf. Ich hatte wieder einen Frauenarzttermin und siehe da: Ein kleines Gummibärchen mit einem kräftigen Herzschlag. Das warst du! Ich hätte nicht glücklicher sein können.“

Das war also die ganze Geschichte. Sie wusste nicht, dass sie schwanger war und machte sich Vorwürfe. Auch nach drei Jahrzehnten schien sie dieses Gefühl immer noch mitzunehmen. „Aber es ging ja alles gut. Und es wäre doch nicht deine Schuld gewesen.“ versuchte ich sie aufzumuntern. „Doch, doch. Es wäre meine Schuld gewesen.“ antwortete sie nach all den Jahren immer noch überzeugt von ihrem Verschulden.

Mütter – in Gänze schätzen lernt man sie erst, wenn man selber zum Elter wird.

Demenz und Nachsicht

Vielleicht ist die Nachsicht das Schwierigste an der Demenz. Denn nach und nach bröckeln die alten Charaktereigenschaften ab wie alter Putz an bunten Fassaden. So sehr man sich auch wünscht, dass neuer Putz an die Wände kommt, so sehr weiß man doch, dass der Fortschritt der Krankheit mit der Zeit bald das ganze Haus angreifen wird. Die Fenster sind plötzlich morsch, obwohl sie letzte Woche noch wie neu schienen. Die Tür quietscht nicht nur, sie fällt aus den Angeln. Man muss zusehen wie es verfällt. Die Hände sind einem gebunden.

Und eh du dich versiehst, ist dein Vater nicht mehr der Fels in der Brandung. Denn er wird von der Brandung stückweise weggetragen.

Man ärgert sich am Anfang. Auch wenn man sich noch so verspricht und gut zuredet, dass man geduldig und nachsichtig ist. Immer schafft man es nicht.

Der Moment, der mir am meisten das Herz bricht, wird wohl immer der sein, in dem Papa seine Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren konnte, weil der Kopf zu spät Bescheid sagte und dann dieser 1,82 cm große Mann vor einem steht, beschämt wie ein kleines Kind, mit herabgesenktem Blick – und ich so unendlich sauer wurde. Sauer auf die dreckige Hose, auf die Situation, auf das was passiert ist, wo es passiert ist, wie es passiert ist. Sauer darauf, dass er uns alle beschämt. Zumindest war das mein Gedanke zu diesem Zeitpunkt.

Doch das Beschämenste an der Situation war nicht er – ganz im Gegenteil. Ich war es. Seine eigene Tochter, die ihm nicht gut zuredete, die ihm nicht half, die einfach nur von ihren eigenen Gefühlen übermannt war. Seine Tochter, die vor lauter Überforderung versuchte die ganze Situation zu ignorieren und doch nicht ihren unendlich traurigen Vater mit seiner beschmutzten Hose wahrnahm. Ich schäme mich – für mich. Für mein Verhalten. Für meine Gedanken und Gefühle in diesem Augenblick.

Tage danach erklärte er tief beschämt, dass sein Körper nicht mehr das macht, was er soll. „Er sagt zu spät Bescheid. Dann schaff ich’s manchmal nicht mehr.“ erklärt er traurig und mir bricht es das Herz.

Mein Held, mein Papa, der mich jedes Wochenende die Alpen hoch getragen hat, auf den Schultern, weil ich zu klein und meine Beine noch zu schwach waren. Mein Papa, der immer einen Rat hatte. Mein Papa, der loyal ist – bis zum Ende. Mein Papa, der sich so oft an Süßigkeiten überfressen hat, dass er Mittags keinen Hunger mehr hatte, weil ihm noch so schlecht war. Mein Papa, der hart gearbeitet hat, dass seine Frau und seine Kinder versorgt sind. Mein Papa, der nie an sich selber gedacht hat. Immer nur an andere. Mein Papa, den ich mit meinen 4 Jahren morgens um 5 Uhr weckte, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Mein Papa, der mich zum Brötchen holen mitnahm und immer etwas Süßes dabei für mich raussprang. Mein Papa für den nur die Familie zählt.

Doch vielleicht ist der größte Knackpunkt für mich: Ich will mir nicht eingestehe, dass er schwächer wird. Ein Abschied auf Raten. Auf Fragen, auf die er früher bestens antworten konnte, kommt oft nur noch ein Satz mit gesenkter Stimme: „Ich weiß es nicht. Es tut mir Leid, dass ich dir da nicht weiterhelfen kann.“

Doch vielleicht ist es so, dass es besser für uns ist, wenn die wertvollsten Menschen in Raten gehen als auf einmal komplett – von einem Moment auf den anderen. Vielleicht ist es besser, dass man dann nach jahrelangem Kampf sagt: „Es ist besser für ihn gewesen. Ich hab mir für ihn gewünscht, dass er gehen darf.“

Doch noch ist es nicht so weit. Und so kämpfe ich manch inneren Kampf mit mir, damit ich nachsichtiger reagiere. Denn wer weiß wie schnell das Haus verfällt. Noch sind es kleine Schäden, doch auch die großen werden nicht lange auf sich warten lassen…

Briefe ans Bambino (Teil 2)

CTG, Ultraschall und Doppler sind absolut nicht dein Fall. Da lässt du auch keine Zweifel daran.

Als du noch ganz klein warst, ja, noch kleiner als heute, ca. in der 17. Schwangerschaftswoche, hast du Rosi, der Hebamme, erst einmal gezeigt wie sehr dir der Doppler missfällt. Um Herztöne von dir zu erhaschen, musste sie sich ganz schön anstrengen. Als sie dich dann endlich gefunden hatte, in der hintersten Ecke, hast du darauf eingetreten als gäbe es keinen Morgen mehr.

Genauso heute: Das erste CTG stand an. Neben mir in der anderen CTG Kabine lag eine andere Mami. Gleichmäßig blubbernd hörte man den Herzschlag bei ihrem Baby. Und bei dir? Erst einmal nichts. Die Arzthelferin musste ganz schön suchen um deinen Rücken zu erhaschen. Aber leider ist die Zeit des Versteckens vorbei. Mit deinen 1200g und deinen 36cm bist du auch einfach zu groß um dich zu verstecken.

Als sie dich dann gefunden hatte, gingst du sofort in die Verteidigungsposition. Mit aller Wucht tratst du gegen das CTG Gerät, dass deine Herztöne erfassen sollte. 10 Minuten war gar nicht daran zu denken, irgendetwas von dir zu messen. Entweder du hast dich weggedreht (wahrscheinlich um Anlauf zu nehmen) oder du hast mit voller Kraft zugeschlagen.

Dein Papa, der Römer, ist deswegen sehr stolz auf dich. 😉 Ist er doch damaliger Olympiateilnehmer im Taekwando gewesen. „Lui diventa un campione.“ [Er wird ein Weltmeister] verkündete er stolz als ich ihm nach dem CTG verkündet habe, was du gemacht hast.

„Wenn er sich jetzt nicht beruhigt, dann versuchen wir es später noch einmal. Eine Chance haben wir aber noch. Legen Sie sich mal auf den Rücken.“ sagte die nette Arzthelferin. Gesagt, getan. Und siehe da: Du hast dich beruhigt. Klar hast du ab und zu noch zu getreten und geboxt, aber bei weitem nicht mehr so schlimm wie vorher. „Noch drei Minuten – genauso bleiben und wir haben’s geschafft.“ munterte sie uns auf. Und du hast dich wunderbar betragen.

Danach stand der dritte, große Ultraschall an. Du bist zeitgerecht entwickelt, sehr groß, aber schlank. Und wie sollte es anders sein -getreten hast du auch wieder. Der Ultraschall gefällt dir eben auch nicht. Die Frauenärztin wollte uns auch dein Gesichtchen zeigen, aber du bist schüchtern. Das heißt, dass du brav deine Händchen und Füßchen vor’s Gesicht gehalten hast. Genau wie beim letzten Mal. Aber warte mal ab! In wenigen Monaten musst du Mama und Papa wohl oder übel dein Gesichtchen zeigen.

Doch eins ist klar: Du hast keine Probleme dich zu wehren. Und das ist auch gut so. Aber nächstes Mal könnten wir das CTG abkürzen, wenn du, mein Schatz, nur fünf klitzekleine Minuten still hältst. Abgemacht?

Krankenhaus Besichtigung

Liebe Leser, meine Albanien-Berichterstattung wird unterbrochen für einen anderen Beitrag aus der Serie „Schwangerschaftsgedanken“. Nicht, dass Sie sich noch langweilen. Aber keine Sorge, immer Mittwochs (oder Dienstags 😄) kommen meine Albanien Artikel weiterhin raus. 😉

Bin ich die coolere oder die naivere Mutter? Das ist die große Frage. Und die wurde mir bewusst bei der Krankenhaus Besichtigung letzte Woche.

Vorab: Es gibt einige Krankenhäuser in unserer Stadt. Man findet hier die kleinen, heimeligen oder aber die großen, hochspezialisierten Krankenhäuser. Bei uns ums Eck, Luftlinie 500 Meter, ist ein kleines, heimeliges. Entbinden kann man dort ab der 36. Schwangerschaftswoche, da es keine Baby-Intensivstation gibt.

Wir kennen das Krankenhaus schon. Der Römer wurde dort operiert und ich wurde dort mit meinem gebrochen Fuß behandelt.

So trug es sich also zu, dass ein Grüppchen Schwangere sich zusammen mit den jeweiligen Partnern in der Lobby des Krankenhauses traf. Man konnte 40 Babybäuche in allen Größen und Formen bewundern. „L’incontro delle balene“ [Das Treffen der Wale] flüsterte mir der Römer wenig charmant zu. Ich musste trotzdem grinsen. Ja, es sah tatsächlich so aus.

Wir wurden in die Cafeteria des Krankenhauses geführt und der Vortrag des Chefarztes und der leitenden Hebamme begann. Mir gefiel er sehr gut, weil freundlich aber bestimmt gesagt wurde, was geht und was nicht. Der Chefarzt sagte – eine für mich logische Sache – die aber viele erstaunte Gesichter hervorrief: „Wenn wir eine brenzlige Situation haben, dann haben wir keine Zeit in genau dieser Sekunde mit Ihnen ausführlich darüber zu diskutieren. Wir machen unseren Job und sorgen für Sicherheit für Sie und Ihr Kind. Gerne sprechen wir danach ausführlich über die Situation, wir erklären und machen verständlich. Aber in dieser Situation bitten wir Sie, dass wir unseren Job machen dürfen.““

Das saß. Mindestens zwei Elternpaare erhoben sich und gingen. Ich grinste. Der Römer nickte begeistert. „Giusto quello che dice! Assolutamente giusto!“ [Das ist richtig was er sagt! Absolut richtig!] flüsterte er in mein rechtes Ohr. Zu sehr kannte er es aus seinem medizinischen Beruf, dass gerne der medizinische Laie mitredet. „Dr. Google sagt aber, dass….“

Eine Mutter fiel mir ganz besonders auf. Sie stellte trölfzigtausend Fragen und hatte sehr genau im Kopf wie die Geburt ihres ersten Kindes ablaufen muss. „Ich möchte es so und so. Aber ohne Dammschnitt. Wie ist das mit einem Kaiserschnitt? Wie wird das bei Ihnen mit Bonding gehandhabt? Wie kann ich ein Familienzimmer buchen? Kann sich mein Mann direkt nach der Geburt auf meine Liege legen?“ Ich rollte genervt mit den Augen.

Vielleicht bin ich naiv, vielleicht ignorant, aber seit Jahrtausenden von Jahren existiert die Menschheit und die Medizin ist weiter als jemals zuvor. Frühchen, die früher keine Chance hatten, bekommen die beste, medizinische Hilfe, die man sich vorstellen kann. Aber, und da bin ich mir sicher, eine Geburt folgt keinem Drehbuch. Wenn es so wäre, wäre die Geburt vom Bambino nämlich ein Kurzfilm und endet nach 6 Minuten mit einem Happy End. 😉

Von Wehen geplagt ist mir wahrscheinlich egal, ob die Hebamme eine homöopathische Lösung für mich bereit hält. Ich möchte nur keine Schmerzen mehr haben. In den Presswehen sind mir Akkupunktur Nadeln in meinen Ohren egal. Ich möchte auch meine Plazenta nicht mit nach Hause nehmen und sie einfrieren.

Es gibt keine 100% Sicherheit für eine Geburt. Es gibt ja nun auch keine 100% Sicherheit für dasLeben. Leben heißt Überraschung. Vieles ist planbar, so denken wir. Manches ist gesteuert. Man hat es nicht in der Hand. Egal wie sehr man sich bemüht.

Und dazu zähle ich auch die Geburt. Bis jetzt habe ich keine Angst. Wenn es anfängt, fängt es an. Ob es am Ende ein medizinisch notwendiger Kaiserschnitt, eine Traumgeburt oder 36 Stunden Wehen wird – ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, ich werde es in den nächsten Monaten herausfinden.

Aufgenommen vom Einen auf den Galapagosinseln. So fühle ich mich! Müde und dickbauchig im Sand.

Du machst deins und ich mach meins

„Ich möchte keine Latte-Macchiato-Mutter werden.“ ist mein Leitsatz. Immer noch. Und ausgeprägter denn je.

Ich sehne nicht den Moment herbei, ein viel zu enges Streifenshirt anzuziehen, nur damit mich Bekannte oder gar Fremde darauf ansprechen, ob ich wohl schwanger sei. Ich trage gerne luftige Sachen. Und so können es die meisten nicht erahnen und wenn, dann sieht es jetzt im fünften Monat eher nach Blähbauch als nach Schwangerschaftsbauch aus.

Auch beim Schwangerschafts-Yoga wird man mich nicht finden. Ich werde keine von den gertenschlanken Hafermilch-Decaff-Latte Muttis sein, die sich seelig über das viel zu enge Yogaoberteil streicheln und seit dem Ersttrimester Screening und der DNA Analyse wissen, dass es eine Lina Sophie anstatt eines Ben Collin wird. Zumal wir kein Ersttrimester-Screening wollten. Wir nehmen unser Kind genauso wie es uns gegeben wird. Und wenn es an Trisomie 21 erkrankt ist, so ist es immer noch unser Kind. Egal wie es geboren wird.

Man findet mich auch nicht vor Glück seufzend in Babygeschäften, wo ich Strampler für 30 Euro kaufe und mir vorstelle wie Lina Sophie oder Ben Collin darin aussehen. Stattdessen kaufe ich Bekleidungspakete für Neugeborene bei einem bekannten deutschen Online Aktionshaus. Die gebrauchten Strampler haben mehrere Vorteile: 1. Sie sind meistens Topware, die kaum getragen worden sind, weil Babies nun mal schnell wachsen. 2. Frei von Chemiespuren, die sich nach dem Kauf meistens noch in der Kleidung befinden. Durch das häufige waschen, verschwinden sie aber komplett. 3. Sie schonen den Geldbeutel und 4. Man kann sie danach noch weiterverkaufen.

Gegen die Vorstellung eines Geburtsvorbereitungskurses wehrte ich mich auch. „Seit Millionen von Jahren gebären Frauen Kinder. Warum sollte ich mich denn mit einem 10-stündigen Kurs darauf vorbereiten?“ erwiderte ich, wenn mich jemand danach fragte. Der Andere guckte schockiert und sagte, dass das wohl das mindeste ist, wenn ich mich schon dem Schwangerschafts-Yoga und einer Babyshower-Party verweigere.

Also suchte ich heute danach und was soll ich sagen? So wie ich denken wohl sehr wenige. Im Oktober sind alle Kurse ausgebucht (außer der englischsprachige) und im November ist’s schon zu spät für mich. Ich werde nochmals recherchieren müssen, ob sich nicht doch einer auftut. Oder aber ich gehe in den englischsprachigen. Das wäre auch ok, finde ich!

Ich bin und werde keine schlechte Mutter, nur weil ich mich verweigere in großen Müttertrauben zu fünft, sechst oder siebt, Kinderwagen am Fluss entlang schiebend, meinen Latte Macchiatto zu schlürfen und über den Stuhlgang der Babies zu diskutieren. Meine Schwangerschaft ist kein Event.

In neun Monaten entsteht ein wunderbarer, kleiner Mensch, den wir fest in unsere Arme schließen und nie wieder hergeben. Aber wir müssen kein mehrtägiges Fest daraus veranstalten. Alles, was für mich zählt, ist unsere kleine Familie. Das muss ich auch nicht bei den gängigen sozialen Medien publizieren – mit Ultraschallbildern und Herzchen-Smileys.

Auch unser kleiner Bambino hat ein Recht auf Privatsphäre. Allein deswegen wird es keine Bilder bei Messenger-Diensten und sozialen Netzwerken geben. Auch nicht von hinten und auch keine Hand oder ein Fuß. Wir sind zum Schutz und zum Wohlergehen unseres Kindes da und nicht zur Selbstvermarktung.

Wer sich dafür oder dagegen entscheidet, hat meine vollste Unterstützung. Oder wie meine Oma zu sagen pflegte: „Du machst deins und ich mach meins. So mach ma’s dann, gell?“

Egal wie, es wird irgendwie weitergehen

Mein Papa hat Demenz. Für manche nichts neues, für andere hingegen schon.

Der Gesellschaft ist es lieber, wenn man hört, dass mein Papa eine gesundheitliche Einschränkung hat. Und meinem Papa auch. Parkinson sagt meine Mutter (mit vorgehaltener Hand), wenn sie mit Freunden und Bekannten redet. Parkinson hört sich gut an. Demenz nicht. Demenz hört sich nach altem, vergesslichen Mann an.

Nun ist es so, dass mein Vater für die üblichen Formen der Demenz deutlich zu jung wäre. Schmückt doch eine stete 6 seine Jahreszahl. 69 Jahre ist kein Alter für Demenz. Nun hat er aber eine außergewöhnliche Form. Eine, die wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten vor sich hingärt. Erst lässt sie dich sorgloser werden, dann oberflächlicher. Irgendwann verlierst du das Interesse an Familie und Hobbies und das schlimmste ist: Das erste, was du vergisst, sind nicht Geburtstage oder wo du deine Schlüssel hingelegt hast. Es ist die Sprache, die dir erlaubt mit deinem Umfeld zu kommunizieren. Mehr und mehr Wörter fallen dir nicht mehr ein, dein Mund macht nicht mehr das, was er soll und du sprichst Wörter nicht mehr so aus wie sie sein sollen. Manchmal nuschelst du unverständliches vor dich hin. Und manchmal sagst du, die Tanne ist rosa und nicht grün. Weil du den Unterschied nicht mehr benennen kannst.

Doch in meinem Fall ist die Demenz ein Glücksfall gewesen. Nie war mein Vater weicher. Er war nie gefühlsbetonter und ehrlicher.

Als wir zusammen verreisten, nur er, der Römer und ich, da sprach er einige Sätze, die ich nie vergessen werde. Sätze, die seine Hilflosigkeit ausdrücken. Sätze, die zeigen, dass er nicht mehr Herr über seinen Körper ist. Sätze, die aber auch zeigen, was er gerne anders gemacht hätte.

„Könnte ich nochmal die Zeit zurückdrehen“, sagte er auf der Rückbank eines Taxis in Rom „dann wäre mir das ganze Geld egal. Ich habe soviel gearbeitet und hatte nie Zeit für euch. Das tut mir so unendlich Leid.“ Und dann guckte er mich mit festem Blick an. „Aber ich kann es nicht mehr ändern. Ich wusste es doch nicht besser.“

Jetzt füllten sich seine und meine Augen mit Tränen. Ich reichte ihm wortlos ein Taschentuch und er drehte sich zur Seite, denn ich weiß, dass er nicht weinen mag vor mir.

„Papa, du hast alles nach bestem Wissen und Gewissen getan. Es war alles gut so wie es ist. Umso schöner ist es doch jetzt Zeit miteinander zu verbringen.“ antwortete ich, mittlerweile wieder gefasst und drückte seine Hand. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Aber ich kann doch nicht mehr so wie ich will. Ich würde gerne viel mehr können, aber mein Körper macht nicht das, was ich ihm sage. Er geht zu langsam, er stolpert, er muss auf’s Klos, wenn’s mir nicht passt und gibt mir kaum 5 Minuten ihm seinem Wunsch nachzukommen. Sonst zieht er einfach sein Ding durch. Ohne mich zu fragen.“ erzählt er traurig und auch ein bisschen verärgert. „Na, dann gehst du deinen Bedürfnissen nach. Wenn dein Körper stolpert, helfen wir dir auf. Wenn du langsamer gehst, gehen wir auch langsamer. Wenn du mal musst und zwar jetzt sofort, dann finden wir hier ganz sicher genug Toiletten. Egal, was es ist, wir finden eine Lösung dafür. Du bist nicht allein.“ versuche ich ihn zu beruhigen.

Er drückt meine Hand und schweigt. Während uns das Taxi über die Pflastersteine Roms schuckelt, döst mein Papa ein. Meine Hand fest in seiner. Er lächelt zufrieden in seinem Halbschlaf und ich weiß, egal wie, irgendwie wird es weitergehen.