Kitafrust Deluxe

Es ist momentan so furchtbar anstrengend, dass ich schreien möchte. Dabei ist die Kita überhaupt keine Hilfe, sondern nur Hindernis.

Es fing damit an, dass wir von allen Seiten gehört haben, dass „jetzt aber wirklich der Schnuller“ abgewöhnt werden muss. Das Kind sei schließlich schon drei Jahre alt. Also kümmerte ich mich in den Weihnachtsferien darum. Der gummiartige Freund ist jetzt endgültig Geschichte. Was uns aber vorher niemand sagte, ist, dass die Schnullerabgewöhnung einige Nebenwirkungen mit sich bringt. Dabei spreche ich nicht von den ersten Wochen, die von der Kinderärztin als „ein paar schwierige Tage“ abgetan wurden, sondern vom ganzen Gesamtkonzept. Das Kind findet, wie sollte es anders sein, nicht mehr so einfach in den Schlaf. Das ist absolut nachvollziehbar. Ich würde vermutlich auch nicht in den Schlaf finden, wenn man mir mein Suchtmittel wegnehmen würde. Dazu kommt, dass das Kind im Team „Eule“ ist. Auch das ist wunderbar und vertretbar, denn wir sind auch im Team „Eule“. Nur das gesamte Konstrukt aus Kita und Arbeit ist leider im Team „Lerche“. Und da fängt die Krux an:

Ein Wochentag zwischen Montag und Freitag beginnt damit, dass wir das Kind um kurz vor 8 Uhr wecken, während wir um kurz vor 7 Uhr aus dem Bett kriechen. Der Römer manchmal eher, je nach Schichtzuteilung. Dann bringen wir ihn in die Kita, wo er Mittagsschlaf hält. Um überhaupt einzuschlafen braucht er meist 45 Minuten. Um 14:50 Uhr hole ich ihn ab und dann ist er wach. Bis 23:50 Uhr. Letzte Woche auch ein paar Mal bis 00:10 Uhr. Als uns das Problem bewusst wurde, und das wurde es recht schnell, sprach ich mit den Erzieherinnen. Ich fragte höflich an, ob es möglich wäre, auf den Mittagsschlaf zu verzichten. Ich äußerte mein Verständnis, dass er der Älteste in der Kinderkrippe sei und die anderen Kinder sicher noch einen Mittagsschlaf benötigen würden, aber er, mit drei Jahren, braucht schon seit einem Jahr keinen Mittagsschlaf mehr. An den Augen der Erzieherin erkannte ich bereits, dass sie das für völlig absurd hielt. Also konfrontierte ich sie damit, dass das Kind um Mitternacht schlafen ginge und das „echt anstrengend für uns sei“. Das verstehe sie, sagte sie, aber powern Sie das Kind auch genügend aus? Nun guckte ich sie verständnislos an. Ja, das tue ich, antwortete ich knapp. „Wissen Sie, ich bin oft mit meiner Tochter, als sie noch klein war, um 19 Uhr, nach dem Abendessen, nochmal vor die Türe, um auf den Spielplatz zu gehen. Dann war sie so ausgepowert, dass sie um 21 Uhr schlief.“, unterrichtete sie mich von ihrer Methode. Ich nickte und dachte an Temperaturen um den Gefrierpunkt, an dem ich das Kind um 20 Uhr einpacken und zum stockdunklen Spielplatz bringen würde. „Ja, momentan ist vielleicht auch die falsche Jahreszeit für eine derartige Aktion.“, murmelte ich, um dann etwas lauter zu sagen, dass ich das Kind dennoch, auch im Hellen, genug auspowern würde. „Jetzt beobachten Sie die Situation nochmal und dann gucken wir weiter.“, war ihr Resümee des ersten Gesprächs mit ihr über den Mittagsschlaf. Es sollten viele, weitere Gespräche folgen. Ebenso gut hätte ich mich jedoch auch mit einer Betonmauer oder einer Schneeflocke darüber austauschen können. Der Effekt wäre der gleiche gewesen.

Letzte Woche, meine Stimmung kippt mittlerweile zunehmend, wendete ich mich in der Blüte meiner Verzweiflung das drölfzigste Mal an sie und ihre Kollegin: „Ich sag’s Ihnen jetzt ganz ehrlich: Ich bin ausgebrannt. Ich kann nicht mehr. Ich stehe um kurz vor 7 Uhr auf und gehe um Mitternacht ins Bett. Weder mein Mann, noch ich, haben Zeit für uns, geschweige denn als Paar. Wir sind Zombies! Es bleibt keine einzige Minute am Tag für uns. Ich falle um 00:15 Uhr ins Bett und bin am Ende, obwohl ich gerne schon um 22 Uhr schlafen würde. Das mache ich so von Montag bis Freitag. Ich kann nicht mehr.“ Viel Nicken auf der Erzieherinnenseite. Ja, das könne man verstehen. Das hört sich wirklich anstrengend an. Man könne mir anbieten das Kind nach einer halben Stunde zu wecken. Aber, dieser Satz stand zwischen den Zeilen, kein Mittagsschlaf sei definitiv keine Option.

Am nächsten Tag weckte man das Kind nach einer halben Stunde. Die Erzieherinnen wirkten ziemlich genervt als ich das Kind abholte. Denn, so wie ich mein Kind kenne, gab es einen riesigen Schreianfall, wenn es geweckt wird. Deswegen lassen wir es gar nicht erst schlafen – und er geht abends (mal mehr, mal weniger vergnügt) um 21 Uhr ins Bett. Die Dunkelhaarige der beiden Erzieherinnen teilte mir nüchtern mit, dass sie das „jetzt mal ausprobiert haben“, aber es eine reine Katastrophe war. In ihren Augen sah ich, dass sie das genau ein einziges Mal gemacht hat, aber nie wieder machen wird. Das Kind schlief an diesem Tag trotzdem erst um 23:50 Uhr ein.

Die nächsten Tage wurde uns erzählt, dass das Kind „als allererster, vor allen anderen“ geweckt wurde. Gelogen war das sicher nicht. In einer langen Reihe von Kindern, die schlafen, wird er halt als erstes Kind geweckt. Er ging weiterhin um Mitternacht ins Bett.

Zwei rennende Giraffen im kleinen Gehege im Frankfurter Zoo. Ein Sinnbild für den Römer und mich.

Am vergangenen Donnerstag hatten wir einen Arzttermin. Ich ließ ihn von der Kita daheim, da der Termin so lag, dass es keinen Sinn machte, ihn hinzuschicken. Als es darum ging, dass wir jetzt losmüssten, rastete das Kind so aus wie ein durchschnittlicher Dreijähriger, der lieber Lego spielen will als zum Arzt rollern, eben ausrastet. Anstatt über das Verhalten hinwegzusehen, weiterzumachen, ihn anzuziehen, was man als Elter eben macht, brach ich zusammen. Ich heulte Rotz und Wasser und konnte nicht mehr aufhören. In zwölf Minuten mussten wir beim Kinderarzt sein, das Kind tobte, ich heulte und saß wie ein zusammengekauertes Häufchen Elend in der Kinderzimmerecke. Verheult rief ich Turtle drei Mal an, ob sie sich bitte beim Kinderarzt als ich ausgeben und den Termin absagen könne. Das tat sie auch – und stand 20 Minuten später vor der Tür, um die allgemeine Laune zu heben.

Verstehen Sie mich richtig: Ich verbringe gerne Zeit mit meinem Kind. Aber ich bin ein Mensch, keine Maschine. Und als solcher brauche ich ab und an Zeit durchzuatmen. Wenn das Kind um Mitternacht ins Bett geht – und das von Montag bis Freitag – krieche ich auf dem Zahnfleisch. Wenn dann so kluge Elternsprüche kommen, dass man ja schon mal schlafen gehen könne oder das Kind heulend im Zimmer lassen solle bis es schläft, dann möchte ich mich übergeben. Dazu wird in der Arbeit gefordert, dass wir als Arbeitnehmer funktionieren und eine dementsprechende Leistung bringen. Ich merke aber, wie es mir zusehends schwerer fällt, mein altes Leistungsniveau aufrecht zu erhalten. Mein Studium liegt vollkommen brach, weil ich keine einzige Sekunde dafür Zeit habe. Wir sind nur noch Eltern und Arbeitnehmer. Kein Individuum und auch kein Paar. Ein Kindergartenplatz ist nicht in Sicht*. Mir steht es echt hier [zeigt mit der flachen, ausgestrecken Hand auf den Haaransatz].

Die Lösung wäre so einfach, aber die entsprechenden Personen stellen sich quer. Ich habe durchaus Verständnis, dass die Erzieherinnen in dieser Zeit Mittagspause machen, etwas dokumentieren oder einen Moment zum Durchatmen brauchen. Aber ich hätte auch gerne einen einzigen Moment am Tag, an dem ich durchatmen kann.

*Die Kita-Erzieherinnen dazu: „Dann müssen Sie den einklagen!“ Ich: „Die Kita-Leitung meinte, ich sollte den Februar noch abwarten, denn dann werden die Kindergartenplätze verteilt.“ Erzieherinnen: „Ja, das stimmt. Warten Sie ab.“ Ich: „Notfalls muss ich den Platz halt dann eben einklagen.“ Erzieherinnen: „Dann kriegen Sie aber irgendwo in Frankfurt einen Platz. Also iiiirgendwo. Und einen Anspruch auf einen Vollzeitplatz haben Sie auch nicht. Wenn’s blöd läuft, fahren Sie das Kind dreißig Minuten oneway durch die Gegend und dürfen es um 12:30 Uhr wieder abholen.“ Ich: „Na, dann müsste es immerhin keinen Mittagsschlaf machen.“ Stille.

21 Kommentare zu „Kitafrust Deluxe

  1. Oh man, das liest sich, als wärt ihr absolut verzweifelt und am Ende. Und ich kann das gut nachvollziehen…
    Habt ihr schon mal über den Einsatz einer Tagesmutter anstatt KiTa nachgedacht? Da Tagesmütter meist nicht mehr, als 5 Kinder betreuen, hat man da vielleicht bessere Chancen, das Erziehungskonzept mit zu entscheiden. 😔

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      1. Mhm, war nur eine Idee… und hier sieht das auch wirklich anders aus, da werden Tageskinder bis zum Grundschuleintritt betreut. :-/
        Na dann weiterhin viel Glück gewünscht. Dass ihr entweder einen Platz findet oder aber der Sohnemann den Mittagsschlaf aussetzt! 🙂
        Viele Grüße Bea

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      2. Wow, was würde ich geben, so ein Modell zu haben. Ich glaube, besser kann es für ein Kind nicht laufen in seiner „angestammten“ Gruppe zu wachsen.
        Danke dir, liebe Bea und viele Grüße!

        Gefällt 1 Person

    1. Aber hallo! Ich finde auch, dass das ein überholtes Konzept ist. Durch die Personalnot benötigen die Erzieher:innen die Mittagspause (=Mittagsruhe). Dafür habe ich absolutes Verständnis, aber es gibt bei unserer Kita nur schwarz oder weiß. Das ist unheimlich frustrierend.

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  2. Ach Eva, das tut mir so leid. Fühl dich einfach von mir in den Arm genommen.

    Ich drücke euch die Daumen das es bald mit dem Kindergartenplatz klappt und ihr als Familie wieder zur Ruhe findet.

    Liebe Grüße
    Trude

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  3. Ich wünschte mir viele etwas schlaues dazu ein, ich bin ja sonst eher wortgewandt, allerdings lässt mich Dein Bericht eher sprachlos zurück. Gut, dass wir unsere Kinder lieben, sonst wären die Wälder voll von ihnen… Dir weiterhin viel Kraft!

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  4. Hallo Eva,

    die Durchhalteparolen in allen Ehren!
    In den 90zigern habe ich verzweifelt einen e. V. gegründet und so nebenbei einen dreigruppigen Kindergarten für Kinder ab 1 eröffnet. (den es bis heute gibt)
    Dein Problem ist mir mehr als geläufig. Es gibt Kinder die dringend den „Mittagsschlaf“ brauchen – aber genauso gibt es sehr viele Kinder auch unter drei Jahren, die den vermeintlichen Schlaf gar nicht brauchen!
    Allerdings ist und war es für die Betreuer;innen immer sehr wichtig – einwenig Auszeit sich zu gönnen-
    ebenso beliebt wie der Mittagsschlaf war das „Freispiel“ natürlich mega ausgedehnt….
    Laß Dich nicht unter Druck setzen.
    Schaff Dir Verbündete! Sicher hast nicht nur Du das leidige Problem.
    Damals habe ich eine „Wachgruppe“ eingeführt ! Natürlich hat man versucht dies zu unterlaufen: “ Er, sie ist im Stehen eingeschlafen…“ Na und es dauerte nur wenige Tage, dann war der Biorhythmus eingeführt. So war allen gedient.
    Es gibt doch sicher diese „Elternabende“ – telefonier mit anderen Müttern, Vätern und verlier nicht gleich den Mut.
    Das Modell „Tagesmutter“ ist keine gute Idee (auch hier verfüge ich über hinreichende Erfahrungen, damals gab es 18 Monate Erziehungsurlaub – und unter drei Jahren bestand keine Chance einen Platz zu bekommen. Dein kleiner Schatz ist an die Gruppe gewöhnt, selbst , wenn es machbar wäre, ist für Deinen Sohn bestimmt keine Lösung
    Sorry, für die deutlichen Worte!
    Frauen müssen halt immer kämpfen…
    Macht uns stark und erfahren.
    Liebe Grüße
    Meggie

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    1. Hallo liebe Meggie,
      zuerst vielen, vielen Dank. Ich hatte auf deine Expertise gehofft, da ich in dem ein oder anderen früheren Kommentar von deinem beruflichen Hintergrund las. Du hast vollkommen recht. Auch die Vertrauens-Erzieherin sagte, dass sie „immer wieder“ Eltern ansprechen und darum bitten würden, das Kind früher zu wecken. Von „ganz auf Mittagsschlaf verzichten“ spricht sie dabei nicht. Das mit der Auszeit kann ich absolut verstehe. Aber du hast Recht – ich muss aktiv werden. Denn so ist es kein Zustand! Danke, dass du mir Lösungsstrategien an die Hand gegeben hast. Ich werde das Problem an der Wurzel packen, damit primär Signorino, aber auch wir wieder einen normalen Tagesablauf haben dürfen! Viele Grüße, Eva

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