Mehr Schein als Sein

Wenn Sie uns heute hätten sehen können, in diesem einen, kleinen Moment am Main, Sie hätten Stein und Bein geschworen, dass wir eine von diesen perfekten Familien sind, die ihr Leben vollkommen im Griff haben. Wir schienen so unangestrengt makellos, dass mir die Illusion, die wir darboten, äußerst unangenehm war.

Doch zum Glück kennen Sie uns schon und wissen, dass die Attribute makellos und perfekt definitiv nicht uns zuzuordnen sind.

Wie wir da saßen, heute am frühen Abend, auf einem gemütlichen Bänkchen am Main. Das Blätterdach der Allee wirkte wie ein großes, undichtes Sonnensegel. Der Fluss und alles drumherum wurde in ein zauberhaftes, goldenes Licht getaucht. Von unserer Bank hatten wir einen wunderbaren Ausblick auf den Main, eingerahmt von zwei großen Platanen. Auf dem Wasser war eine Gruppe Stand-Up Paddler, die mal mehr, mal weniger erfolgreich im Wasser herumstocherten und angestrengt versuchten die Balance zu halten, dabei aber gleichzeitig vorankommen wollten. Uns gegenüber thronte die Europäische Zentralbank und der Glasbau reflektierte das beeindruckende Licht.

Im Kinderwagen neben uns schlief Signorino engelsgleich. Ich lehnte meinen Kopf an des Römers Schulter. Toll sah ich aus in meinem schwarzen Etuikleid, den Keilabsatz Schuhen und der großen, dunklen Sonnenbrille.

Der Römer – natürlich ebenso stilecht mit Sonnenbrille, Polohemd und knielangen Shorts ließ seinen Blick über’s Wasser schweifen. Ein Gondoliere (ja, wirklich!) gondelte romantisch an uns vorbei. Ob er direkt aus Venedig kam oder aber hier ansässig ist, konnte ich leider in der Kürze der Zeit nicht herausfinden.

Ein Pärchen mitsamt ihrem brüllenden und um sich tretenden Kleinkind kam an uns vorbei. Beide hundemüde, beide resigniert und bemüht, das Kind zu beruhigen. Neidisch betrachtete uns die Mutter des Kindes.

„Es ist nicht so wie es aussieht.“ wollte ich ihr hinterherrufen. Doch sie waren schon zu weit entfernt. Ein letztes Mal drehte sich die geschaffte Frau um, nun das schreiende Kleinkind auf dem Arm. Der Vater schob ernst den Buggy nebenher.

Und ich? Ich hätte ihr so gerne erklärt wie ihr falscher Eindruck zustande kam.

Denn alles fing heute Nacht an. Signorino und ich hatten eine sehr kurze Nacht. Ich weiß, man sollte die Schuld immer zuerst bei sich selbst suchen. Aber ich möchte trotzdem behaupten, dass wir hauptsächlich eine kurze Nacht wegen Signorino hatten, der alle zwei Stunden aufwachte und darauf bestand, dass ich, da er nun wach war, meinen Schönheitsschlaf ebenso unterbrechen sollte.

Der Römer indessen hatte Glück. Er schlief heute außerhalb des Schlafzimmers – auf unserem Sofa. Nicht etwa, weil wir uns temperamentvolle Beschimpfungen an den Kopf schmissen. Nein, vielmehr, weil um 2 Uhr nachts schon absehbar war, dass diese Nacht keine 8 Stunden Schlaf mehr für uns bereithalten würde. Da er früh zur Arbeit musste, schlug er primär sich selbst und sekundär mir vor, auf der Couch zu nächtigen.

Hundemüde wurden Signorino und ich von der turbulenten Nacht ausgespuckt. Das schlug sich auch deutlich in Signorinos Laune nieder. Wenn er nicht schrie, dann meckerte er. Und wenn er nicht meckerte, dann weinte er.

So kämpften wir uns durch den Tag und es glich einem Schwimmwettkampf, in dem man versuchen musste, gegen die – auf Höchstleistung laufende – Gegenstromanlage anzuschwimmen.

In der einzigen 20 minütigen Schlafpause, die Signorino uns gönnte, duschte ich mich in Windeseile. Ich kam aus der Dusche, trocknete mich ab und zog mir schnell etwas über. Ich packte den Fön aus, fing an den Haaransatz zu trocknen, doch da schrie schon Signorino nach mir. Mit drei großen Klammern steckte ich meine noch nassen Haare zu einer geschickten Banane hoch. „Gar nicht mal so schlecht.“ lobte ich mein Spiegelbild, das mich neugierig beim Verlassen des Bades musterte.

Am späten Nachmittag bekam der junge Herr Farniente seinen Nachmittagsbrei. Als wir – bis auf eine paar wenige, kleine Spritzer – die Breifütterung beinahe überstanden hatten, geschah es: Signorino nieste. Mit dem vollen Breilöffel in seinem Mund. Ich weiß nicht, ob Sie sich das Ausmaß dieser tief roten Brei-Explosion vorstellen können, aber es sei Ihnen gesagt, dass mein weißes T-Shirt aussah als hätte ich ein Massaker begangen. Signorinos ebenso weißer Strampler verriet, dass er offensichtlich mein 7 Monate alter Mittäter war. Rund um den Esstisch machte ich ein spontanes Praktikum als Tatortreinigerin und befreite den hellen Boden von Blut Breispritzern.

Als ich uns beide umziehen wollte, bemerkte ich, dass Signorinos ach-so-kluge Mutter in den letzten Tagen wenig Zeit fand, eine dringend fällige Waschmaschine anzustellen. Das hatte wiederum zur Folge, dass wir keine alltagstauglichen Klamotten mehr vorweisen konnten.

Doch von dieser Lappalie ließ ich mich nicht beirren.

Signorino bekam – unter lautem Gezeter seinerseits – kurzerhand ein furchtbar elitäres Polohemd übergezogen. Dazu eine stocksteife, aber schrecklich elegante, kurze Hose. Er sah aus wie ein sehr klein geratener Eliteschüler eines englischen Internats. Aus Jux kämmte ich seine weizenblonden Haare noch ordentlich zur Seite, was er mit noch lauterem Geschrei quittierte.

Ich hingegen stand verzweifelt vor meinem Kleiderschrank. Nicht ein einziges T-Shirt befand sich darin. Alle Hosen waren in der Wäsche. Ich machte die Schranktür zur längst vergessenen Kleider-Sektion auf. Da hingen sie: Kleider,für deutsche Hochzeiten (etwas legerer, große Blumenapplikationen), für albanische (viel Glitzer, viele, knallige Farben) und italienische Hochzeiten (sehr elegant, sehr teuer, sehr unpraktisch). Bevor ich mit dem Gedanken spielte, mich für ein bodenlanges Festkleid zu entscheiden, fiel mein Blick glücklicherweise auf die kurzen Kleider.

„Strand…Strand…zu elegant…zu eng…zu eng…zu eng…“ murmelte ich. Die Auswahl war, auch durch ein paar Schwangerschaftspfunde mehr, gelinde gesagt, stark begrenzt. Übrig blieb ein nachtschwarzes Etuikleid mit hohem Stretchanteil. Ich seufzte und sprach mir Mut zu: „Immerhin besser als ein Pailletten besticktes, albanisches Abendkleid in meerjungfrauen-grün.“

Dann hielt ich die Luft vorsorglich an, quetschte mich in dieses Etuikleid und bemerkte, dass sich mehrere, große und kleine Schwangerschaftsringe abzeichneten. Ich pellte mich wieder aus dem Kleid, quälte mich in ein Bauch-weg-und-Po-hoch-Höschen und streifte das Etuikleid wieder darüber. Ich atmete nur noch sehr flach, aber ich atmete. Das allein zählte.

Als der Römer wenig später von der Arbeit nach Hause kam, pfiff er begeistert. „Scusa, ma oggi è il nostro anniversario? [Entschuldige, aber ist heute unsere Jahrestag?] War das nicht immer im Herbst?“ fragte er sehr verblüfft. „Er ist immer noch im Herbst, keine Sorge. Ich finde einfach nichts mehr zum Anziehen.“ antwortete ich wahrheitsgemäß und erwähnte nicht, dass es an meiner fehlenden Muße die Waschmaschine anzustellen lag. „Wow, du solltest öfter einmal einen Mangel an Klamotten haben.“ gab er angetan zurück und strich mir über meine neue Taille, die das Bauch-weg-Höschen vortäuschte. Ich lächelte müde, freute mich aber über sein Kompliment.

„Gehen wir gleich mit Signorino spazieren?“ fragte der Römer. Ich bejahte.

Als ich gerade in meine sehr gemütlichen, aber sehr verlebten Sandalen steigen wollte, fiel es mir wieder ein: Der Riemen des linken Schuhs ist gestern beim Müll wegbringen gerissen.

Ich atmete tief durch. Gestern wollte ich noch neue Schuhe bestellen, doch ich habe es schlichtweg vergessen. Da es mein einziges Paar Sommersandalen war, durchforstete ich – auf eine adäquate Alternative hoffend – den Schuhschrank.

Das einzige, halbwegs akzeptable Paar Schuhe war ein elegantes, schwarz funkelndes Ensemble mit Keilabsatz. Ich seufzte wieder und zog es an. Der Römer pfiff nochmal begeistert. „Wow! Che bella che sei! Proprio una donna di classe. [Wow! Wie hübsch du bist! Eine Frau mit Klasse.]“ sagte er. „Hm… donna di classe.“ wiederholte ich schmunzelnd, während ich mich fragte, ob es nicht doch eine Alternative zum Etuikleid gab. Ich dachte an die dringend auszumusternde Radlhose mit dem fröhlichen Bananen- und Ananas-Print (ein Fehlkauf aus Miami! Lassen Sie uns nicht darüber sprechen!) und fand, dass meine getroffene Wahl doch gar nicht so schlecht war.

Als wir mit unserem kleinen Eliteschüler von zu Hause losgingen, fühlte ich mich wie eine sehr abstrus aussehende Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany. Allein das Perlencollier fehlte. Und die Kleidergröße 34.

Unterwegs fing Signorino wieder an zu schreien. Er war frisch bewindelt, hatte eben Milchbrei gegessen und alles sollte in bester Ordnung sein. Aber das war es nicht. Der Römer erklärte sich bereit Signorino zu tragen, der sehr vehement im Kinderwagen randalierte. Auf des Römers Arm schniefte Signorino nur noch traurig, weinte und schrie aber nicht mehr. Ich zog meine übergroße Sonnenbrille ins Gesicht, damit ich meine Augenringe kaschieren konnte.

So gingen wir also, mit einem schniefenden Signorino, der nur auf dem Arm tragend zu beruhigen war, die Mainpromenade entlang. Als wir die erste freie Parkbank sahen, Signorino war schon äußerst schlaftrunken, steuerten wir freudig darauf zu.

Wir legten den nun dösenden Signorino in den Kinderwagen. Ich setzte mich auf die Bank und sobald der Römer, der sich nebenbei gesagt immer sehr elegant kleidet, neben mir saß, legte ich meinen Kopf müde auf seiner Schulter ab.

Da saßen wir also: Resigniert, müde und geschafft. Unsere Augenringe wurden von der Sonnenbrille abgedeckt. Unser fahler Teint wurde durch das goldene Sonnenlicht zum Strahlen gebracht. Selbst meine Mozzarella weißen Beine wirkten so, als hätte ich die letzten 14 Tage auf einer Yacht im Mittelmeer verbracht.

Und in eben diesem Augenblick kam die Familie mit dem schreienden Kleinkind vorbei und erblickte uns.

Es muss ganz fantastisch ausgesehen haben wie wir geschmackvoll einen Moment der Zweisamkeit genossen, während das Kind selig schlief.

Aber, liebe vorbeikommende Mutter: Wir sitzen alle im selben Boot! Es war nur eine sehr harmonisch wirkende Momentaufnahme.

Denn 10 Minuten später wachte Signorino wieder schreiend auf. Diesmal trug ich ihn. Und während ich ihn hin- und her schuckelte um ihn zu beruhigen, kam sein Milchbrei wieder hoch und ergoß sich auf meinem Kleid. Natürlich hatte Audrey Hepburn keine Wechselklamotten dabei (woher und wozu auch?) und humpelte, aufgrund von akuten Blasen an den Füßen (diese dummen Keilabsatzschuhe!) nach Hause.

Liebe andere Mutter, es war kein glorreicher Moment meines Lebens, aber ich hoffe, du hast mich auch in dieser Situation gesehen.

Denn die perfekte Illusion ist nur ein Zusammenspiel aus ungewaschener Wäsche, gutem Licht und akuter Müdigkeit.

Endlich (oder auch nicht)

Ich bin Ihnen etwas schuldig. Und zwar eine Erklärung!

„Ach, Eva (oder, wenn Sie die förmliche Anrede bevorzugen: Ach, Sig.ra Farniente), Sie sind mir doch nichts schuldig.“ werden Sie lächelnd abwinken.

Doch, doch, darauf bestehe ich.

Letzte Woche, es war ein Montag oder Dienstag, Signorino schlief gerade, lagen der Römer und ich auf der Couch. Er links, ich rechts und wir starrten an die Decke. „Urlaub wäre schön.“ sprach ich in die Stille und der Römer seufzte. „Si, si. Ma abbiamo solo una settimana a settembre. E dobbiamo andare a vedere i miei.“ [Ja, ja. Aber wir haben nur eine Woche im September. Und wir müssen zu meinen Eltern fahren.] antwortete er müde.

Wir seufzten gleichzeitig.

„Wie viel Zeit brauchst du eigentlich für dein neues Ph.D. Projekt?“ fragte ich nun um das Thema zu wechseln. „Tre, quattro mesi.“ [3, 4 Monate] antwortete er und versuchte die Verzweiflung wegzugrinsen.* „Aber ich habe nur 6 Wochen bis Abgabeschluss. Es wird sehr knapp mit dem Projekt.“

Draußen prasselten Regentropfen gegen die Scheibe. Es war trist, es war grau und es war stürmisch.

„Unbezahlter Urlaub wäre schön.“ seufzte ich wieder. „Hm….“ stimmte der Römer in die Monotonie ein.

Plötzlich kam Bewegung in die Szenerie. Der Römer setzte sich ruckartig auf. „Ma perché no?“ [Aber warum nicht?] fragte er nun voller Energie. Ich runzelte die Stirn. „Ist es jetzt nicht viel zu spät um für August nach unbezahltem Urlaub zu fragen?“ erwiderte ich etwas überrannt. „Ma era idea tua! [Aber das war deine Idee!] Und, das muss ich diesmal ausnahmsweise sagen, es war eine fantastische Idee.“ strahlte er.

Ich dachte nach. „Aber es ist alles so kompliziert… und sicher werden sie dir keinen Urlaub geben UND….“ ich wollte gerade noch andere Gründe finden, warum es nicht klappen kann, da unterbrach mich der Römer: „Das Neun hast du doch eh schon, wenn du nicht fragst. Aber es kann ein Ja werden, wenn du den Mut hast zu fragen.“ versuchte er mich zu bekehren. „Den Satz hast du von mir!“ wandte ich ein. „Io lo provo! [Ich versuch’s!] Und wenn sie nein sagen, dann ist’s auch okay.“ verkündete er während er auf seine Armbanduhr guckte. „Oh, mi devo sbrigare. [Oh, ich muss mich beeilen.] Gleich fängt der Spätdienst an.“ sprach’s und packte hastig seine Tasche.

Als er von der Arbeit zurückkehrte, wirkte er sehr niedergeschlagen. Die Antwort auf die Frage nach unbezahltem Urlaub beantworteten seine hängenden Mundwinkel. Ein klares Nein für unseren Urlaub, der einen Monat dauern sollte. „Na ja, wir haben’s versucht.“

Gedanklich legten wir das Thema ad acta.

Bis heute.

„Christel [des Römers Chefin] bat mich nach der Arbeit auf sie zu warten. Sie müsse mir etwas zu meinem Urlaub sagen.“ schrieb der Römer um 13 Uhr.

Ich verdrehte die Augen, denn ich hatte Hunger und wollte noch länger auf ihn (und das gemeinsame Mittagessen) warten. „Welcher Urlaub? Den Vorschlag wegen des unbezahlten Urlaubs hat sie bereits abgeschmettert. Da bleibt nur die Woche im September. Sag mir bitte nicht, dass sie dir die Woche auch noch nehmen will?“ tippte ich genervt. Mein Hunger wirkte wie ein zusätzlicher Katalysator meiner – eh schon angespannten – Gefühle.

Doch der Römer antwortete nicht mehr. Frustriert biss ich in einen Schokoriegel und kaute ärgerlich darauf herum.

Nach 45 Minuten sah ich einen beschwingten Römer die Straße entlang spazieren. Fröhlich schwang er seine Milchkaffee braune Arbeitstasche hin und her. Ich wunderte mich.

„Okay! Tutto confermato.“ [Okay! Alles bestätigt.] jauchzte der Römer vor Glück und wirbelte den eben noch auf dem Boden spielenden Signorino im Kreis umher, der dann auch anfing vor Freude zu jauchzen. „Dein Urlaub im September war doch schon bestätigt?!“ hakte ich bei dem unorganisierten Römer nach. „Ja!! 5 Wochen!“ gab er freudestrahlend zurück. Ich war verwirrt. „Ne, ne. Eine Woche war das doch?“ vergewisserte ich mich irritiert. „Ma no! Allora, si! Ma no!“ [Aber nein! Also, ja! Aber nein!] strahlte mich der Römer an.

Ich hob beide Augenbrauen und verstand nichts. Doch diesmal war es definitiv kein sprachliches Missverständnis, das hier vorlag.

Der Römer bemerkte meine verhaltene Reaktion und rollte die Geschichte freundlicherweise noch einmal von vorne aus: „Wir wollten doch unbezahlten Urlaub?“ fing er an. „Dieser wurde uns aber nicht gewährt, weil meine Bitte so kurzfristig kam. Aber weißt du, was Christel heute gesagt hat: „Alles klar,“ sagte sie, „Römer, viel Spaß! Du hast 5 Wochen Urlaub – ab Mitte August! Ich hab nochmal mit Walter [dem anderen Chef] geredet und Walter ist d’accordo. Wir wollen, dass du dein Ph.D. Projekt ordentlich vorbereitest. Also: Ciao Kakao! Viel Spaß im Urlaub.“

Mir stand der Mund offen. „Wirklich?“ fragte ich irritiert. „Maaaa si! Cinque settimane per noi – e il progetto del Ph.D..“ [Aber ja! Fünf Wochen für uns – und das Ph.D. Projekt]

Ich schüttelte nun völlig fassungslos den Kopf. Als ich die Information langsam verstand, fuhr mein Kopf Achterbahn. Soviel war noch zu organisieren! „Ach du liebe Zeit. Wir brauchen einen neuen Kindersitz, eine Hülle, Flüge, Unterkünfte, vielleicht sogar einen Mietwagen?“ plapperte ich hektisch darauf los. „Senti, una volta nella tua vita…lo possiamo fare a modo mio?“ [Hör mal, einmal in deinem Leben… können wir das auf meine Art machen?] fragte er zögerlich an. Doch ich war schon ins Schlafzimmer gerannt und durchforstete Signorinos Kommode. „UV Anzug!“ delegierte ich. „Schreib auch gleich Sonnenschutz 50+ auf – der ist in Albanien** so teuer!“ leitete ich ihn an. „Ma chi dice che andiamo in Albania?***“ [Aber wer sagt, dass wir nach Albanien reisen?] fragte der Römer erheitert. „Wohin denn sonst? Im August sind wir immer in Albanien. Außerdem haben deine Eltern Signorino noch gar nicht kennengelernt. Danach können wir gerne woanders hin. Aber der erste Stop ist Albanien. Dein Ph.D. Projekt lässt sich doch viel erfolgreicher dort vorbereiten.“ quasselte ich fröhlich darauf los. Signorino quieckte erheitert. „Na, wenn selbst Signorino der Meinung ist. Aber sei bitte nicht genervt, wenn wir dort sind.“ bat der Römer.

„Aber natürlich bin ich genervt, wenn wir dort sind. Einfach weil nichts funktioniert, es laut und stickig ist. Dazu ist Pünktlichkeit ein Fremdwort. Absolut nichts läuft in geregelten Bahnen. Doch gleichzeitig bin ich gerne mit deiner verrückten Verwandschaft unterwegs. Ich lasse mich gerne von deiner Mama auf albanisch bequasseln, minütlich umarmen und mich mit „zemra ime“ anschmachten. Mir fehlen die losen Abmachungen, die Zeit und Ort betreffen. Das überrascht wirkende „Es war komischerweise Stau während der Hauptverkehrszeit, deswegen sind wir 40 Minuten zu spät.“ deiner Brüder geht mir ebenso ab, wie das völlig gelassene „s’ka problem“ [kein Problem] bei jedem vollwertigen Weltuntergang. Dazu der Kaffee, die holprigen, nicht geteerten Straßen Kamez‘, die Granatapfelbäume, die gemächlich im Wind wiegen. All das fehlt mir.“ erklärte ich ausschweifend.

„Allora, va bene.“ nickte der Römer zufrieden und hing mit einem Ohr bereits am Telefon um seiner Verwandschaft Bescheid zu geben, dass der lang ersehnte Enkel Signorino im August das gelobte Land betritt. „Endlich.“ werden sie jauchzen und sich seufzend in den Armen liegen.

„Endlich.“ murmelte ich zufrieden und strich beschwingt über meinen vereinsamten Handgepäckskoffer.

*Der Römer arbeitete seit 8 Monaten an seinem Projekt. Leider hat die Universität nach 10 Jahren beschlossen, die ausgeschriebenen Messgeräte durch andere zu ersetzen. Das wiederum stürzt den Römer in eine mittelschwere Krise, da er nun ein neues Thema braucht – und der Bewerbungsschluss Ende August ist.

**So einfach wie gedacht gestaltet sich eine Reise in ein Drittland wie Albanien leider nicht. Die aktuellen Gesetze besagen, dass man nach der Rückkehr aus einem Drittland 14 Tage in Quarantäne muss. Es gibt jedoch eine Ausnahme: ein nachweisbarer, negativer PCR Test, der bei Einreise nicht älter als 48h ist und aus einem anerkannten Land (Liste: klick) kommt. Alternativ kann der Test nach Einreise am Ort des Grenzübertritts (z.B. das Centogene Testcenter am Frankfurter Flughafen) oder am Ort der Unterbringung erfolgen. Das Testergebnis muss – unabhängig davon, ob die Testung vor oder nach Einreise erfolgte – für mindestens 14 Tage nach Einreise aufbewahrt werde. Es muss dem Gesundheitsamt auf Verlangen vorgelegt werden. (Quelle: Auswärtiges Amt)

***Da wir nicht aus touristischen Zwecken reisen, werden wir die Lage selbstverständlich (auch aufgrund der steigenden Covid-19 Zahlen) beobachten und nicht unbedacht nach Albanien reisen. Wir befinden uns bis zum Reisezeitpunkt in der Feinabstimmung mit der Familie, die darauf besteht, dass wir nicht reisen, sollten die Zahlen sich noch weiter erhöhen.

Familie, römisch-albanisch, sucht!

Und? Wann haben Sie zuletzt eine Wohnung gesucht? Oder gar ein Haus?

Können Sie sich noch an den Moment erinnern?

Ich kann. Und jedesmal war es auf’s Neue dramatisch und traumatisch. Das Gerangel und Gebettel um eine abgewohnte 60er Jahre Großstadt-Wohnung, die seit dem Bau auch keinerlei Renovierung erfahren hat. Die Mi(e)t-Interessenten Kerstin und Markus, die die wahren Cash-Cows sind, ständig das Wort an sich reißen und den alten PVC Boden loben als wäre er aus purem Gold und nicht aus dem letzten Jahrhundert. Die schlecht überstrichene Tapete, die von der Erdanziehungskraft getrieben, oftmals schon halb eben dieser folgt. Die vergilbten Türen, die Balkontür, durch die ich im geschlossenen Zustand meine Hand durchschieben kann… all das bekommt man inklusive, wenn man monatlich 1300 Euro auf den Tisch legt. Heizkosten nicht inkludiert.

Es ist mal wieder soweit. Eben noch gebrütet, wollen wir nun mit Signorino unser Nest vergrößern. Wir haben uns einen Monat Zeit gegeben etwas Neues zu finden. Wenn wir nichts in diesem einen Monat finden, dann vertagen wir unsere Suche auf nächstes oder übernächstes Jahr.

Denn im Grunde genommen sind wir zufrieden hier. Die Verkehrsanbindung ist sehr gut, der Main ist nah, die schlecht renovierte 60er Jahre Wohnung haben wir uns ganz nett gemacht, aber zwei Zimmer auf Dauer sind nun wirklich nicht unser Traum. Es geht gar nicht um Signorinos Zimmer – er ist noch so klein, dass er eh am liebsten zwischen uns schläft. Primär geht es uns um ein Zimmer, in dem man in Ruhe lernen und studieren kann. Der Römer beginnt im Herbst seinen PhD und ich würde gerne studieren, zu unsicher ist mir mein Job in letzter Zeit geworden. Und ich genüge mir nicht mehr mit der Ausbildung, die ich genossen habe. Da bietet es sich an ein Fernstudium anzufangen. Mit Kind und Kegel.

So kommt es also, dass wir etwas bezahlbares mit guter Verkehrsanbindung suchen, das möglichst nicht außerhalb der Stadt liegt. Ein Garten wäre nett, eine Badewanne ist ein Muss, Balkon optional, 70qm sollten es schon sein und ein Aufzug wäre toll, wenn die Wohnung nicht gerade im EG liegt.

Aber finden Sie das mal! Mit 800 anderen Bewerbern, die alle bei der Deutschen Börse arbeiten oder Marketingreferenten für Quatschologie sind. Nettoeinkommen: Mind. 40.000 Eur im Monat. Keine Kinder. Ständig am Arbeiten. Beschweren sich nie.

Na ja und dann wären wir da noch als Bewerber: Ein Kind, ich in Elternzeit, der Mann in irgendwie sowas wie Teilzeit. Ausländischer Nachname (albanisch!!! Die Schleppen doch ihre ganze Familie mit!!!). Ja ja, Bürgschaft der Eltern, aber Kerstin und Markus brauchen das alles nicht. Also nimmt man im Zweifel Merstin oder Karkus (wie sie liebevoll von ihren Freunden genannt werden).

Und wir sind raus. Tja, nun. Dann ist es wohl so.

Wir warten ab, denn man weiß nie, was das Leben im Sinn hat. Vielleicht kommt die perfekte Wohnung ums Eck, vielleicht kommt aber was ganz anderes.

Und bitte, liebe Frankfurt affinen Mitmenschen, kommen Sie mir nicht mit Offenbach. Wissen Sie, man entscheidet sich einmal im Leben: Frankfurt oder Offenbach? Und bei uns viel die Wahl auf Frankfurt. Das kann man nicht mehr revidieren.

Emotionale Karotten

„Muss ich denn immer erst Geschirr spülen oder stundenlang duschen, bevor mir ein Thema, über das ich schreiben könnte, in den Sinn kommt?“ denke ich entnervt und rubble noch viel genervter an dem eingetrockneten Soßenfleck in der zu spülenden Auflaufform herum. „Maaaaan! Weg da!!!“ herrsche ich den Soßenfleck an.

„Chi? Io?“ [Wer? Ich?] fragt der Römer, der gerade wie aus dem Nichts in der Küche aufgetaucht ist. „Ich mache nur schnell eine Flasche für den Kleinen, poi è tutto tuo.“ [sinngemäß: dann hast du die Küche für dich.] erklärt er sich schnell und entschuldigend.

„Nein, nein. Mir will keine Idee in den Kopf kommen und dieser dämliche Soßenfleck will auch nicht weg.“ versuche ich mich zu erklären.

„Non voglio dire niente [Ich will nichts sagen,..], amore mio, aber du bist etwas gereizt.“ versucht er sich langsam an das Problem heranzutasten.

Ich „hmpf“-e nur, spüle und rubble weiter an diesem grässlich eingebrannten Soßenfleck.

Wenig später, Signorino hat bereits getrunken, kommt der Römer wieder in die Küche. Vorsichtig stellt er das leere Fläschchen ab. „Per chi sono queste carote?“ [Für wen sind diese Karotten?] versucht er neugierig herauszufinden.

„Für wen? Für wen? Für wen? Für mich nicht! Für Signorino sind sie.“ herrsche ich ihn an. In dem Moment verabschiedet sich eine Espressotasse, die ich gerade versuchte zu spülen. Klirrend landet sie auf dem Boden und zerspringt in unzählige, kleine Scherben.

„MAAAAAAAAAAAAAAAAAN! Was ist denn das heute für ein dämlicher, dummer, widerlicher Tag?“ motze ich. Der Römer bringt wortlos den Besen. Während wir die Keramikscherben aufsammeln und zusammenkehren schießt ihm ein Gedanke in den Kopf.

„Ahaaaa! Die Karotten sind für den kleinen! Capisco!“ [Ich verstehe!] sagt er als wäre es die Offenbarung des Jahres. „Natürlich! Das habe ich doch schon vorhin gesagt.“ raunze ich ihn kurz an und vertiefe mich wieder in das Espressotassendesaster. Er lässt den Besen sinken, kommt auf mich zu, kniet sich zu mir nieder und umarmt mich. Ich gucke ihn verdutzt an.

„Non sei ancora pronta!“ [Du bist noch nicht bereit!] spricht er mir sein Mitgefühl aus.

Ich hmpf-e wieder.

„Amore mio, du kochst Signorinos ersten Brei und fühlst dich noch nicht bereit dazu. Eben erst war er noch so klein, dass wir ihn „Stecknadelkopf“ genannt haben und nun ist er in der Lage Brei zu essen.“ diagnostiziert er richtig.

Ich hmpf-e erneut und vergrabe mich in seiner Schulter. „So ein Scheiß, echt! Erst wünscht man sich, dass sie wachsen. Dann tun sie das und eh du dich versiehst, kochst du Karottenbrei und er isst wie ein Großer! Dann fängt er an zu krabbeln, zu gehen, als nächstes geht er in die Schule und schwuppdiwupp hat er seinen Führerschein und zieht aus. An den Wochenenden kommt er dann vorbei um seine Wäsche zu waschen und irgendwann braucht er mich dann gar nicht mehr. Dann ruft er einmal im Monat an und vergisst meinen Geburtstag. Und noch dazu vergeht diese verdammt blöde Zeit in einem Wimpernschlag und ich kann sie nicht aufhalten. So ein K*ckmist aber auch!“ steigere ich mich in das Thema rein und ein Tränchen kullert über meine Wange.

Der Römer muss lachen, guckt mich an und sieht einen begossenen Pudel, der inmitten von minikleinen Keramikscherben kniet. „Il tempo passa – ma tu sarai per sempre la sua madre.“ [Die Zeit vergeht – aber du wirst für immer seine Mutter sein] versucht er mich aufzumuntern. Sein Versuch zeigt bei mir kaum Wirkung.

„Okay – telo spiego in un altro modo. [Ich erkläre es dir anders]“ fängt der Römer an. „Du hast doch einen Bauchnabel?“ fragt er tiefsinnig.

„Was ist denn das für eine Frage? Natürlich habe ich einen Bauchnabel! Jeder hat einen Bauchnabel!“ raunze ich ihn für diese dämliche Frage an.

„Va bene [In Ordnung], hätten wir das geklärt. Jeder hat also einen Bauchnabel. Auch du. Und Signorino.“ benennt er das Offensichtliche.

Ich gucke ihn sehr irritiert an – aber wenigstens bin ich nicht mehr so nah am Wasser bzw. – in meinem Fall – im Wasser gebaut.

„Und dieser Bauchnabel, den wir nun alle haben, der verbindet uns ein Leben lang mit unserer Mama.“ führt er weiter aus.

„Hä?“ kann ich nur – mehr als verwirrt – antworten. „Dein Bauchnabel ist das Zeichen, dass du mit deiner Mama neun Monate lang eins warst. Die Nabelschnur hat euch verbunden. Du warst sicher und geschützt in ihrem Bauch, ihr Körper hat dich mit allem Wichtigen versorgt, was du gebraucht hast. Und dieses Zeichen, der Bauchnabel, die Narbe der abgetrennten Nabelschnur, wird dich für immer daran erinnern, dass du mit deiner Mutter verbunden warst.“

Ich lege meinen Kopf schief. „Das macht irgendwie Sinn. Etwas seltsam, aber die Aussage stimmt.“ sage ich, überrascht und erstaunt, da ich auf so eine Erklärung nicht gefasst war.

Der Römer führt fort: „Und immer wenn Signorino in den Spiegel schaut, hat er diese Narbe, seinen Bauchnabel, die zeigt, dass ihr eins wart. Er nimmt er vielleicht nicht bewusst war, aber es lässt sich auch nicht leugnen. Sein Bauchnabel bleibt sein Leben lang.“

Seltsamerweise beruhigt mich diese abstruse Erklärung und ich gebe mich damit zufrieden. „Bereit!“ fragt der Römer mit dem Pürierstab in der Hand. Ich atme tief durch – greife den Pürierstab und antworte: „Bereit!“

Nach dem Pürieren probiert Signorino seinen ersten Löffel Karottenbrei. Es scheint ihm zu schmecken. Ein sehr orange eingefärbtes Kind strahlt uns mit großen Augen an.

„Hach Signorino.“ seufze ich als der Römer den Lappen zum Sauber machen holt. „Deine Mama bleibt immer deine Mama. Trotz Karottenbrei, der dich in die Unabhängigkeit führt! Und warum? Weil wir einen Bauchnabel haben.“

Eine ganz direkte Frage

Seit einem Jahr kennen wir uns jetzt schon – oder noch länger, wenn Sie meine alten Blogs dazu zählen. In diesem Fall haben wir schon zwei (Blog-)Umzüge zusammen gestemmt. Es waren nicht nur Umzüge von einem Blog zum anderen, sondern viel mehr Umzüge von einer Lebensphase zur anderen. Da wird es an der Zeit, dass ich Ihnen nun intimere Fragen stelle. Die erste Verliebtheit unserer Beziehung ist vorbei und genau das gibt uns Raum uns noch besser kennen zu lernen.

Ich frage Sie ganz direkt und ungeniert:

Haben Sie sich Ihr Leben so vorgestellt wie es heute ist? Oder ging es in eine ganz andere Richtung? In eine bessere? In eine schlechtere? Haben Sie verwirklicht, was Sie vor Jahren wollten? Verwirklichen Sie sich vielleicht gerade? Und die allerwichtigste Frage: Sind Sie zufrieden mit dem Leben, das Sie jetzt haben?

Nehmen Sie sich ruhig einen Augenblick Zeit. Die Fragen sind nun wirklich nicht leicht zu beantworten. Lehnen Sie sich zurück, denken Sie nach, gehen Sie in sich.

In der Zwischenzeit werde ich Ihnen die Frage von meiner Warte aus beantworten.

Ich habe mir mein Leben teilweise so vorgestellt wie es heute ist. Mich lockte immer schon das Abenteuer, ich hätte aber nicht gedacht, den Mut zu haben als fliegendes Personal durch die Welt zu reisen. Mich macht froh und glücklich nie die „Sicherheit“ gewählt zu haben, sondern immer das Abenteuer. Mein ungeliebter, aber sehr stabiler Job musste daran glauben. Meine Eltern waren enttäuscht und wissen Sie, das mag nun kindisch klingen, diese Enttäuschung sagte mir, dass ich genau das Richtige mache. Denn ich machte das, was MICH glücklich macht. Nicht die anderen.

Mit meinem Mann gibt es viele Konflikte – aber fruchtbare. Und das ist der Unterschied zu meinen vorherigen Beziehungen. Wir bereichern uns mit unseren Meinungsverschiedenheiten. Es gibt keine Gewinner und keine Verlierer bei unseren Streitigkeiten, denn – so schmalzig das klingen mag – wir gewinnen beide: Neue Ansichten – neue Denkweisen – neue Ideen. Wir haben den großen Vorteil, dass wir 11 Jahre Altersunterschied haben. Denn er ist ruhiger, sieht viele Dinge anders, die ich in meinem Tatendrang übersehe oder mit Missachtung strafe. Ich hingegen stachle ihn an – motiviere ihn mit 40 Jahren seinen PhD zu machen, denn das ist sein Traum. Und Träume muss man verwirklichen.

Ich habe Freunde gefunden, die für mich die Wolldecke an kalten Tagen sind. Sie geben mir ein Zuhause, auch weit weg von Zuhause. Sie verstehen mich und sie geben mir das Gefühl, dass ich genau so in Ordnung bin wie ich bin. Sie sind nicht missgünstig, sie sind nicht auf ihren Erfolg aus, auch neidisch sind sie nicht. Sie unterstützen mich und oft bringen sie meine Gedanken in eine logische Reihenfolge, auch wenn diese in meinen Erzählungen zusammenhangloser nicht sein könnten.

Frankfurt als meine neue Heimat macht mich sehr glücklich. München erdrückte mich und raubte mir die Luft. Es war nicht meine Stadt, obgleich ich dort aufgewachsen bin. Frankfurt gibt mir Raum, lässt mich durchatmen und nimmt nicht alles so ernst. Frankfurt lässt mich mit meinen Nachbarn quatschen und nahm mich offen auf. Frankfurt bietet mir die Heimat, die ich nie hatte. Und sollte es mir langweilig werden, gibt es noch das Tor zur Welt: Den Flughafen.

Ich habe meinen Traum verwirklicht Italienisch sprechen zu können. Nun suche ich nicht mehr minutenlang nach Wörtern und denke über die Satzkonstruktion nach. Nein, ich kann Italienisch denken und sprechen gleichzeitig. Mir fehlen keine Wörter mehr. Und falls doch, kann ich sie umschreiben. Ziemlich gut für jemanden, der an der norditalienischen Uni nur einen A1.1 Kurs gemacht hat. Darauf bin ich stolz!

Ich habe mir das Muttersein ganz anders vorgestellt. Es ist schlichtweg wunderbar – wunderbar und anstrengend! Stellen Sie sich vor, Sie sind frisch verliebt. Für immer! Die ganze Gefühlsachterbahn mit diesem kleinen Minimenschen. Manchmal weinen Sie, weil sie Größe 56 aussortieren und wenn Sie das erste laute Lachen hören, heulen Sie vor Freude. Es ist mein Lieblingsgeräusch, wenn ich Signorino laut und grunzend lachen höre. Dieser kleine Mensch, dieser große Charakter, die Willensstärke und Unlust, manche Dinge zu tun. Die Liebe, die ich spüre, wenn mich nachts seine kleine Hand sucht. Diese großen, neugierigen Augen, die mich forschend angucken. Sein Lachen, wenn ihn der Römer „amore mio“ nennt. Sein Grinsen, wenn man ihm sagt, dass er heute aber besonders schick gekleidet ist. All das lässt mein Mutterherz überlaufen.

Ein Buch will ich immer noch schreiben. Im Ausland will ich immer noch wohnen – begrenzt oder unbegrenzt – das wäre mir egal. Mehr Geld würde ich gerne verdienen, aber wenn es gleichzeitig heißt, dass ich dann meine Lebenszeit verkaufen muss, da ich ständig arbeite, verzichte ich lieber darauf. Umziehen würde ich gerne in etwas größeres – gerne mit Garten. Vielleicht ein Eigenheim? Beginnen würde ich gerne ein Studium – darum kümmere ich mich gerade. Denn mit der Geburt meines Kindes kam gleichzeitig mein Ehrgeiz und meine Motivation zurück. Diplomatischer will ich werden. Wissen Sie, früher habe ich mir alles gefallen lassen und habe nie etwas gesagt. Mittlerweile sage ich etwas – schieße aber gerne über das Ziel hinaus. Ein diplomatischer Mittelweg wäre gut.

Mein Leben ist vielleicht nicht so wie ich es mir vor Jahren vorgestellt habe. Aber diese Version gefällt mir sehr viel besser. Denn ich sah mich eher mit einem sehr gesitteten Bayern in einem Münchner Vorort als mit einem italo-albanischen Feuerwerk in Frankfurt. Ich sah mich eher in einem biederen Bürojob als in einer reisenden Tätigkeit. Mit einem Auto sah ich mich eh – aber wer braucht das schon in Frankfurt? Man findet doch eh keinen Parkplatz. Und ich sah mich eher den anderen nickend zuzustimmen als für meine eigene Meinung einzustehen.

Verzeihen Sie mir die Ausdrucksweise, aber das Leben ist geil! Mir macht es Spaß, auch wenn es anstrengend ist. Und das Geilste ist: Es kam nie so wie ich es wollte. Sondern letzten Endes immer besser.

Von finsteren Gedanken und Ungeduld

Und die Nerven liegen blank. Eine Woche über Termin. Ich habe keine Lust mehr. Ab heute wird jeden Tag im Krankenhaus kontrolliert.

Und ich habe alles durch: Ich hab dem Bambino gedroht, ich hab gebettelt, gefleht, geweint und gezetert. Doch es passiert nichts. 0,0. Nada. Niente.

Jeden Tag gehe ich auf Gewaltmärsche, trinke Tees und Pülverchen, mach Kniebeugen, putze wie eine Bekloppte, aber… keine Wehen, wenig, aber noch genug Fruchtwasser. Die Plazenta arbeitet ohne Probleme.

Wer mich versteht? Alle Mütter, die schon einmal über Termin gegangen sind. Und die meisten anderen Mütter.

Der Rest gibt dumme Tipps. Und ich kann es nicht mehr ertragen. Betroffen ist davon auch der Römer, der mir zur Geduld rät und sagt “Er kann das nachvollziehen.”

Nein, kannst du nicht. Denn du hast nicht seit Monaten Sodbrennen, egal was du isst, du schläfst tief und fest nachts und hast keine Probleme eine Schlafposition zu finden. Dich vertröstet man nicht jeden Tag. Du hast keine Probleme irgendwo am Körper Haare zu entfernen, du hast kein Nasenbluten, kein ständiges Rippentreten und auch keinen Drang ständig auf Toilettchen zu müssen.

Klar wird er gefragt, wann es soweit ist. Aber er ist nicht der Hauptakt, der ungeduldig daheim sitzt. Während meine Gebärmutter abgetastet wird und das äußerst schmerzhaft ist, sitzt er auf dem Stuhl und sucht in seinem Handy nach Winterjacken. Während ich nach Luft ringe bei kleinen Spaziergängen, läuft er locker flockig neben mir her. Während ich -wie es scheint- sämtliche Yoga Übungen durchturne um ein Paar Socken anzuziehen, ist er in 3 Minuten ausgehfertig.

Und dann tut es mir Leid, aber es tauchen finstere Gedanken auf wie “Es wäre besser gewesen nie schwanger geworden zu sein. Was hab ich mir eigentlich dabei gedacht? Es war doch alles gut so wie’s war! Warum tu ich mir das alles an?!”

Immer noch in der Warteposition. Die Farbgebung unterstreicht meine Laune.

Ein invasiver Freundeskreis

Ich freue mich sehr, wenn jemand Interesse an meiner Schwangerschaft und/oder an unserem Kind zeigt. Es bedeutet mir viel und zeigt mir, dass ich meinem Freundeskreis wichtig bin.

Jedoch bin ich ein Freund von Grenzen. Grenzen, die respektiert werden.

Fangen wir mit „dem Schlimmsten“ meines Freundeskreises an. Mr. Invasiv 2019 – alias „der Andere“. Er plant bereits zu welchen Kursen ER mit dem Bambino geht – von der Krabbelgruppe bis zum Babyschwimmen. Er riet mir zum Geburtsvorbereitungskurs und hat solange auf mich eingeredet bis ich mich genervt dafür anmeldete. Er gab an, dass ER, sobald es los geht, sofort informiert werden möchte, damit ER dann vor dem Kreissaal warten könne. Angesprochen auf seine Arbeit, gab er an, dass er sich dafür krank melden würde. „Geburtstermin XY passt mir nicht so gut. Da habe ich ein Seminar.“ sagte er. Ich schüttelte nur noch genervt den Kopf und fragte: „Aber entschuldige bitte, warum musst du denn dazu da sein?“ Prompt kam die Antwort: „Na, wenn ich dir was einkaufen soll oder so.“ Ich guckte etwas verwirrt und erwiderte: „Du weißt aber, dass ich verheiratet bin?“ Als ich dem Einen (übrigens die einzig normale Person in meinem Freundeskreis, wenn es um das Thema Schwangerschaft geht) davon erzählte, erwiderte er lachend: „Er weiß aber, dass er nicht der Vater ist?!“

Ich hab den Anderen sehr gerne – keine Frage. Angesprochen auf sein invasives Verhalten, gab er an, dass er nie eigene Kinder haben kann (aufgrund seiner sexuellen Orientierung) und sich deswegen natürlich umso lieber mit unserem Bambino beschäftigen will. Das finde ich toll und löblich.

Allerdings gibt es Grenzen. Eine davon wäre z.B., dass keiner meiner Freunde/Verwandten im Krankenhaus wartet bis ich entbunden habe. Das ist eine Sache zwischen den Eltern – also dem Römer und mir.

Heute setzte er dem ganzen die Krone auf. Ich jammerte, dass ich langsam keine Lust mehr habe schwanger zu sein (3 Stunden Schlaf, leichte Vorwehen, Rückenschmerzen, müde, energielos… you name it) und daraufhin kam zurück: „Mir würde es z.B. gut passen, wenn du entweder diesen Donnerstag oder Freitag entbindest. Da wäre ich anwesend.“ Na, das ist ja das wichtigste, dass der Andere anwesend ist…

Weiter geht es mit einer lieben Freundin aus der Heimat. Wir waren immer sehr verbunden miteinander. Durch meinen Umzug in ein anderes Bundesland, schrieben wir nur noch sporadisch miteinander und haben uns auch einige Zeit nicht mehr gesehen. Verbunden blieben wir natürlich trotzdem miteinander, allerdings nicht mehr so eng.

Sie freut sich sehr für uns, dass wir schon bald unseren kleinen Bambino in die Arme schließen können. Gestern schrieb sie mir: „Ich habe mit meinem Mann geredet. Wir würden euch so gerne ein paar Tage besuchen, wenn das Baby da ist.“ Ich freute mich sehr über ihre Zeilen und umso mehr, dass sie vorbeikommen wollen. Dabei dachte ich an Frühsommer oder Sommer, wenn wir einigermaßen „sattelfest“ als Eltern sind. Ich schrieb ihr wie sehr ich mich freue und das ich es toll finde, dass sie vorbeikommen wollen. „Momentan gibt es ein tolles Angebot für ein Hotel in eurer Nähe. Anfang Januar.“

Ääääh… unser Bambino ist noch nicht mal geboren. Wir wissen weder, ob es gesund ist, noch ob alles so glatt läuft wie wir uns das vorstellen. Auch als Eltern haben der Römer und ich keinerlei Erfahrung. Ich schrieb ihr – ehrlicherweise: „Ich dachte an Frühsommer oder Sommer, da wir dann 1. kein Neugeborenes mehr haben, sondern ein Baby, 2. das Wetter dazu einlädt nicht nur in der Wohnung zu sitzen und 3. wir gar nicht wissen, ob es gesund ist, wie es überhaupt mit Baby ist etc., etc.“ Sie las die Nachricht und schrieb: „Ach so, mein Mann meinte auch, man müsse euch mehr Zeit geben. Aber du wirkst so entspannt, da dachte ich mir, dass wir das Hotel gleich buchen können. Na gut, dann warten wir wohl noch.“

Ja, ich bin entspannt. Aber ich weiß auch nicht was auf uns zukommt. Und ich möchte erst, dass meine Eltern ihren Enkel kennen lernen bevor hier alle möglichen Freunde aus diversen Ländern anreisen. Ich möchte die Zeit als Familie genießen und nicht genervt und gestresst sein, weil ich ein drei Wochen altes Baby habe und gleichzeitig jemand hier ein „spaßiges Wochenende“ mit Bar-Abenden und Essen gehen verbringen will.

Last but not least: The Italians! Der italienische Freundeskreis des Römers. Allen voran Giovannino und Marco. Sehr gute, wenn nicht sogar die besten Freunde des Römers in Rom. Sie freuen sich sehr, dass der Römer Vater wird. Marco hat schon drei Kinder, Giovannino ist noch Single. Sie besprachen sich wohl untereinander und schlugen dem Römer folgendes vor: „Wir kommen am Entbindungstermin vorbei für ein paar Tage. Dann können wir das Neugeborene sehen und wir drei Männer können abends dann um die Häuser ziehen – wie in alten Zeiten. Deine Frau und dein Kind sind ja gut versorgt im Krankenhaus. Und im besten Fall kriegst du auch noch ein paar Tage Vaterschaftsurlaub, d.h. wir können die Stadt unsicher machen.“ Als mir der Römer von diesem Vorschlag lachend erzählte, sagte ich nur: „Das ist nicht dein Ernst?!“ Er kringelte sich vor lachen. „Si, si, è vero. Cosi hanno detto!“ [Ja, ja, es ist wahr. So haben sie’s gesagt] Ich verdrehte die Augen (wie so oft in diesen Tagen): „Du hast hoffentlich nein gesagt?!“ fragte ich zurück. „Certo che si! Che faccio? Ti lascio da sola all’ospedale e vado a bere qualcosa con i ragazzi?“ [Natürlich! Was mach ich? Soll ich dich allein im Krankenhaus lassen und mit den Jungs was trinken gehen?]

Ich verstehe, dass Giovannino keinerlei Erfahrung mit Kindern, Babys, schwangeren Partnerinnen oder was auch immer hat. Aber Marco?! Der drei Kinder hat?!

Wie man sieht, ich bin umgeben von einem wunderbaren, invasiven Freundeskreis.

Doch es gibt auch die Goldstücke unter ihnen: Der Eine z.B,, der mir meine Ruhe lässt, der höflich nachfragt, aber nie Grenzen überschreitet. „Du wirst es mir schon sagen, wenn es soweit ist oder du was brauchst.“ Oder auch meine Schwester Ova, die bereits zwei Kinder hat: „Ich würde dir gerne zur Geburt eine Kuchen- und Muffinflatrate schenken. Jede Woche kommt ein neues Paket mit Selbstgebackenem an. Glaub mir, du wirst es brauchen.“ Oder auch Turtle, die sich als Babysitter anbietet und hilft, wo sie kann, wenn sie gebraucht wird.

Elda geht ins Ausland! (Teil 2)

[Für Teil 1 und Teil 2 bitte jeweils auf den Link klicken]

„Und die wäre?“ fragten der Römer und Elda unisono.

„Ich habe es mir lange und breit überlegt. Elda darf im Ausland studieren, aber nur dort, wo es Verwandte gibt. Singapur und London wären damit eindeutig vom Tisch. Ich möchte jemanden von meiner Familie in ihrer Nähe wissen.“ erklärte Besnik. „Eine Möglichkeit wäre z.B. Rom…“ setzte er an.

Doch Elda unterbrach ihn sofort: „Rom!?!? Papa! Wo in Rom vermutest du denn die erstklassigen BWL Unis? Da kann ich genauso gut in Tirana studieren.“ Sie schmollte. Der Römer warf ihr einen strengen Blick zu, der sie dazu bringen sollte, sich erst einmal alles anzuhören, bevor sie ihre Chancen verspielte. Doch ihr jugendlicher Übermut verhinderte, dass sie den Blick des Römers richtig deutete oder gar wahrnahm.

„Na gut, in den süditalienischen Dörfern gibt es keine Universitäten, die fallen also raus. Dann hätten wir noch Zürich…“ machte Besnik weiter.

Bevor Elda wieder ansetzen konnte, boxte der Römer sie leicht in die Seite, damit sie still ist. „Lass deinen Vater ausreden.“ zischte er.

„Dann natürlich Frankfurt, wo der Römer wohnt.“ zählte Besnik weiter auf. „Ja, Frankfurt hat einen guten Ruf, wenn es um Finanzwesen und um BWL geht. Aber die Spraaaache…“ Elda konnte es nicht lassen. Ihr jugendlicher Leichtsinn zwang sie förmlich dazu, all ihre Gedanken, taktisch unklug, auszusprechen.

„Und sonst würde noch Chicago bleiben. Das ist mir persönlich allerdings zu weit. Ich schicke doch meine Tochter nicht auf einen anderen Kontinent. Wo kämen wir denn dahin? Was würden die Leute sagen?“ führte Besnik weiter aus.

„Danke, Besnik. Ich denke, das sind ziemlich viele Informationen für Elda. Sie muss sicher erst einmal recherchieren und darüber schlafen.“ sagte der Römer, bevor Eldas Mund wieder Sätze los lies, die besser Gedanken geblieben wären.

Besnik und Flora mussten etwas erledigen. So blieben nur wir drei bei ihnen zu Hause. „Ich finde das blöd! Die große, weite Welt steht mir offen und ich soll nach Rom, Zürich oder Frankfurt? Pfff! Ich hab von London, Paris, Brüssel oder gar Singapur geträumt. Meine Freundin Ionnida studiert beispielsweise in New York. Ich sehe all ihre Bilder online und es sieht fantastisch aus.“ maulte Elda.

„Elda, Elda, Elda. Erst einmal: Am Ende des Tages sind es nur Bilder von Ionnida. Wer weiß, wie toll es wirklich ist? Du bist doch ein kluges Mädchen. Du bewirbst dich für Rom, Zürich und Frankfurt wie mit Besnik abgemacht. Dazu nimmst du noch Orte, die in der Nähe liegen. Das wäre beispielsweise Mailand, Genf, Berlin, vielleicht auch Brüssel? Orte, die von den Wohnorten deiner Familie schnell erreichbar sind. Es geht Besnik ja nur darum, dass du als Mädchen nicht allein im Ausland bist. Er hat Angst um dich.“ erklärte der Römer. Elda guckte ihn mit großen Augen an. Anscheinend war der Groschen jetzt gefallen. Ihr Vater hatte Angst um sie.

„Hm…. gar nicht mal so dumm. Wie weit ist London von Frankfurt entfernt?“ fragte Elda mit strahlenden Augen. „Zu weit.“ war die nüchterne Antwort des Römers. „Na gut, aber dein Tipp gefällt mir. Ich schau mir das mal genauer an.“ gab Elda zurück und setzte sich an ihren PC um zu recherchieren. So genau betrachtete sie die Europakarte das letzte mal im Geographie Unterricht in der 7. Klasse.

Wenig später stand fest, dass sie sich offiziell für die drei bekannten Städte bewirbt, inoffiziell noch für Brüssel und Mailand. Sie bereitete den Bewerbungsprozess vor und wartete nun auf Antwort der Unis. Wie auf heißen Kohlen saß sie da. „Und wenn mich alle Unis nehmen?“ fragte sie. „Dann besprechen wir zwei das zuerst und dann schlagen wir es deinem Papa vor.“ antwortete der Römer besonnen.

In diesen Tagen und Wochen des Wartens suchte Besnik das Gespräch mit dem Römer. „Wir müssen über etwas reden. Wenn ich ehrlich bin, ist mein Wunsch, dass sie in Frankfurt studiert. Seit dich deine Schwester als Alibi benutzte um sich mit mir treffen zu können, bist du wie ein kleiner Bruder für mich. Ich würde mich am wohlsten fühlen, wenn du ein Auge auf Elda hast- Deutschland hat einen grandiosen Ruf in Albanien, es kostet, aber nicht so viel wie Zürich. Ich würde mich einfach besser fühlen, wenn Elda bei euch wäre. Deswegen ist meine Entscheidung schon gefallen. Sie geht nach Frankfurt.“

„Ich verstehe dich. Uns wäre es eine Ehre deine Tochter bei uns zu haben. Frankfurt ist eine größere Stadt, aber keine Großstadt wie Berlin. Man kann alles mit dem Rad oder zu Fuß erreichen. Die Goethe Uni hat einen ausgezeichneten Ruf. Wir würden uns um deine Tochter kümmern als wäre es unsere eigene. Aber nun warten wir ab, was die Unis zurückmelden. Denn ich fürchte, es wird nicht leicht.“

[Fortsetzung folgt…]

Demenz und Nachsicht

Vielleicht ist die Nachsicht das Schwierigste an der Demenz. Denn nach und nach bröckeln die alten Charaktereigenschaften ab wie alter Putz an bunten Fassaden. So sehr man sich auch wünscht, dass neuer Putz an die Wände kommt, so sehr weiß man doch, dass der Fortschritt der Krankheit mit der Zeit bald das ganze Haus angreifen wird. Die Fenster sind plötzlich morsch, obwohl sie letzte Woche noch wie neu schienen. Die Tür quietscht nicht nur, sie fällt aus den Angeln. Man muss zusehen wie es verfällt. Die Hände sind einem gebunden.

Und eh du dich versiehst, ist dein Vater nicht mehr der Fels in der Brandung. Denn er wird von der Brandung stückweise weggetragen.

Man ärgert sich am Anfang. Auch wenn man sich noch so verspricht und gut zuredet, dass man geduldig und nachsichtig ist. Immer schafft man es nicht.

Der Moment, der mir am meisten das Herz bricht, wird wohl immer der sein, in dem Papa seine Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren konnte, weil der Kopf zu spät Bescheid sagte und dann dieser 1,82 cm große Mann vor einem steht, beschämt wie ein kleines Kind, mit herabgesenktem Blick – und ich so unendlich sauer wurde. Sauer auf die dreckige Hose, auf die Situation, auf das was passiert ist, wo es passiert ist, wie es passiert ist. Sauer darauf, dass er uns alle beschämt. Zumindest war das mein Gedanke zu diesem Zeitpunkt.

Doch das Beschämenste an der Situation war nicht er – ganz im Gegenteil. Ich war es. Seine eigene Tochter, die ihm nicht gut zuredete, die ihm nicht half, die einfach nur von ihren eigenen Gefühlen übermannt war. Seine Tochter, die vor lauter Überforderung versuchte die ganze Situation zu ignorieren und doch nicht ihren unendlich traurigen Vater mit seiner beschmutzten Hose wahrnahm. Ich schäme mich – für mich. Für mein Verhalten. Für meine Gedanken und Gefühle in diesem Augenblick.

Tage danach erklärte er tief beschämt, dass sein Körper nicht mehr das macht, was er soll. „Er sagt zu spät Bescheid. Dann schaff ich’s manchmal nicht mehr.“ erklärt er traurig und mir bricht es das Herz.

Mein Held, mein Papa, der mich jedes Wochenende die Alpen hoch getragen hat, auf den Schultern, weil ich zu klein und meine Beine noch zu schwach waren. Mein Papa, der immer einen Rat hatte. Mein Papa, der loyal ist – bis zum Ende. Mein Papa, der sich so oft an Süßigkeiten überfressen hat, dass er Mittags keinen Hunger mehr hatte, weil ihm noch so schlecht war. Mein Papa, der hart gearbeitet hat, dass seine Frau und seine Kinder versorgt sind. Mein Papa, der nie an sich selber gedacht hat. Immer nur an andere. Mein Papa, den ich mit meinen 4 Jahren morgens um 5 Uhr weckte, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Mein Papa, der mich zum Brötchen holen mitnahm und immer etwas Süßes dabei für mich raussprang. Mein Papa für den nur die Familie zählt.

Doch vielleicht ist der größte Knackpunkt für mich: Ich will mir nicht eingestehe, dass er schwächer wird. Ein Abschied auf Raten. Auf Fragen, auf die er früher bestens antworten konnte, kommt oft nur noch ein Satz mit gesenkter Stimme: „Ich weiß es nicht. Es tut mir Leid, dass ich dir da nicht weiterhelfen kann.“

Doch vielleicht ist es so, dass es besser für uns ist, wenn die wertvollsten Menschen in Raten gehen als auf einmal komplett – von einem Moment auf den anderen. Vielleicht ist es besser, dass man dann nach jahrelangem Kampf sagt: „Es ist besser für ihn gewesen. Ich hab mir für ihn gewünscht, dass er gehen darf.“

Doch noch ist es nicht so weit. Und so kämpfe ich manch inneren Kampf mit mir, damit ich nachsichtiger reagiere. Denn wer weiß wie schnell das Haus verfällt. Noch sind es kleine Schäden, doch auch die großen werden nicht lange auf sich warten lassen…