Pasta-Kurs im Flughafentaxi – das Rom-Tagebuch [Tag 8]

Dienstag, 30.08.2022

Ich habe kaum geschlafen, was in diesem Urlaub eher die Regel als die Ausnahme darstellt. Um 04:21 Uh, ich war gerade eingenickt, kam die überaus fleißige und arbeitsame Müllabfuhr vorbei und fuhr gefühlte 30 bis 40 Mal den rostigen Mülltonnen-Greifarm unter unserem Fenster kreischend hoch und runter. Aber wer kann es ihnen übel nehmen, wo sie doch die Stadt in tiefster Nacht vom Müll befreien?

Am Morgen schaut auch der Römer sehr unerholt aus der Wäsche. Müde greift er zur schwarzen Baseballmütze und setzt sie auf seine welligen, dunklen Haare. Anscheinend ist ihm heute nicht nach aufwendigem Haarstyling zumute. Wie immer holt er Frühstück für uns. Als er zurückkommt trinken wir schweigend den ersten Kaffee des Tages. Da Signorino noch schläft, genießen wir die doch so seltene Ruhe. Nach zehn Minuten, in denen jeder für sich seinen Gedanken ungestört nachhängen darf, hören wir ein zaghaftes: „MamaPapa?!“. Signorino ist wach.

„Si, amore? [Ja, Schatz.]“, ruft der Römer ins Schlafzimmer, erhebt sich sogleich und geht Signorino kuscheln. Danach sorgt er dafür, dass Signorino auch genug frühstückt. Indessen kümmere ich mich um das logistisch erfolgreiche Kofferpacken, um später am Flughafen so wenig Stress wie möglich zu haben. Dazu zählt auch, so sinnvoll zu packen, dass die Handgepäcksdinge nach ihrer Priorität in den Rucksäcken verstaut sind. Nach kürzester Zeit ist mein Rucksack der Versorgungsrucksack geworden, der Wasser, Snacks und einen warmen Kinderpulli für den Flug beinhaltet. Außerdem liegen bei mir alle Flüssigkeiten oben auf, damit ich sie an der Sicherheitskontrolle rasch aus dem Rucksack ziehen kann. Der römische Rucksack beinhaltet dagegen das gesamte Windel-Equipment und die Technik. In Signorinos Elefanten-Rucksack ist lediglich leichtes Malzeug, ein paar Legosteine und eine Packung Feuchttüchter gestaut. Das Aufgabegepäckstück verlangt derweil keinerlei Präzession und so landen unsere Dinge gerollt oder gefaltet, nach dreckiger und frischer Wäsche aufgeteilt im Koffer. Nach 40 Minuten bin ich fertig.

Um Punkt 10 Uhr übergeben wir die Schlüssel an unsere Vermieter, bedanken uns und schleppen Kind und Koffer nach unten. Dann überqueren wir die Viale di Trastevere und erreichen nach wenigen Metern den Taxistand. Leider ist an diesem Tag und zu dieser Uhrzeit kein einziges Taxi in Sicht, was mich durchaus nervös stimmt. Vor uns stehen zudem noch zwei junge Schwedinnen, die ebenfalls auf ein Taxi warten. Da sie zuerst da waren, haben sie natürlich Vorrang. Nach etwa fünf Minuten Wartezeit hält ein Taxi. Die Schwedinnen kriechen auf die Rücksitzbank, wechseln vier Worte auf Englisch mit dem Taxifahrer und kraxeln postwendend wieder aus dem Taxi heraus. Wir gucken sie fragend an. „Only cash!“, sagt die eine der beiden und zuckt mit den Schultern. „Okay!“, spricht der Römer, nähert sich der Taxibeifahrertür, öffnet diese mit einem freundlichen „Salve! Buongiorno! [Grüß Sie, Guten Tag!] und wird noch einmal vom Taxifahrer, diesmal auf Italienisch, darauf hingewiesen, dass sein EC-Karten-Lesegerät leider defekt sei. „Ma noooo! Non c’è problema. [Aber nein! Gar kein Problem] Wir können bar zahlen.“, beschwichtigt ihn der Römer und der Taxifahrer steigt aus, um uns mit dem Koffer zu helfen. Dann klettern wir alle drei auf die Rücksitzbank, verstauen die Rucksäcke und der Römer instruiert den Fahrer, dass wir zum Flughafen müssen. „Ciampino o Fiumicino? [Ciampino oder Fiumicino?]“, will der Taxifahrer noch wissen und der Römer antwortet, dass wir Fiumicino bevorzugen würden. Ein kurzer Lacher auf beiden Seiten und ein „Va bene. [In Ordnung.]“ später, schlängeln wir uns flott durch den dichten Verkehr Roms. Dabei sucht der Fahrer mit der rechten Hand eine Telefonnummer in seiner Kontaktliste im Handy, während er mit der linken Hand das Auto steuert. Sein Blick wandert dabei immer mal wieder zwischen dem chaotischen, römischen Straßenverkehr und seinem Handy hin und her. Als er die Nummer gefunden hat, es kurz tutet und dann ein Antonino mit einem sonoren „Pronto!“ antwortet, haftet der Blick unseres Taxifahrers weitestgehend auf der Straße. Nur bei einigen Abschnitten des Telefongesprächs, redet sich unser Taxifahrer derartig in Rage, dass er nicht mehr den Verkehr beobachtet, sondern sein Handydisplay fixiert und leidenschaftlich mit diesem diskutiert. Ob ihm einer sagen sollte, dass es ein Sprachtelefonat ist und Antonino ihn über das Display gar nicht sehen kann? Lieber nicht, sonst dreht er sich noch zu mir um und wir rasen in ein Stauende. Stattdessen bevorzuge ich, auf der Rücksichtsbank mitzubremsen. Natürlich bringt das effektiv rein gar nichts, was auch der Römer bemerkt, der grinsend auf meinen rechten Fuß starrt, der im 10-Sekunden-Takt bremst.

Um mich abzulenken, fängt mein Mann an, auf Deutsch mit mir zu palavern. Er spricht überaus selten Deutsch mit mir, aber wenn sich eine:n Italiener:in in der Nähe befindet, wählt er diesen Modus, um ungestört mit mir reden zu können. Jedes Mal aufs Neue bin ich begeistert, welchen sprachlichen Fortschritt der Römer wieder gemacht hat. Von Mal zu Mal spricht er fließender, wobei seine Grammatikkünste fast gar nicht mehr darauf schließen lassen, dass er erst seit sechs Jahren in Deutschland ist. Nach etwa zehn Minuten beendet der Taxifahrer sein Telefonat und scheint sich zu langweilen. Immer wieder guckt er interessiert in den Rückspiegel, neben dem seine Taximarke hängt. „Francesco M.“ steht darauf und auf dem Lichtbild starrt er uns blass und emotionslos entgegen.

Während der Römer und ich eine kleine Gesprächspause einlegen, wittert Francesco seine Chance. Mit einem einfachen „Da dove siete? [Woher seid ihr?]“ steigt er in die bis dahin rein deutsche Konversation ein. „Aus Frankfurt.“, antwortet der Römer und ich weiß genau, warum er nicht die ganze Wahrheit sagt. Würde er aufdecken, dass er aus Albanien kommt, aber in Rom aufgewachsen ist, würde wieder das altbekannte Spiel anfangen: „Ah! Albanien! Ich kenne XY aus Albanien. Un bravo ragazzo [Ein guter Kerl.]“, gefolgt von einem Vortrag darüber wie der Taxifahrer Albanien und die Albaner:innen per se in Italien sieht. Mit der Antwort „Frankfurt“ ist der Römer definitiv auf der sicheren Seite. Nach kürzester Zeit finden Francesco, der Taxifahrer, und der Römer ein gemeinsames Gesprächsthema: Die Preisentwicklung in Italien und Deutschland. Akkribisch vergleichen Sie zuerst Benzinpreise, dann die aktuellen Obstpreise (IT: Kilopreis für Trauben liegt bei 3€ statt wie gewöhnlich bei 1,50€), um dann weiter über Gas- und Strompreise zu diskutieren. Schließlich kommen die beiden zu einer wirklich wichtigen Kategorie: Die Pasta-Preise in Italien.

Und ab hier beginnt Francescos Pasta-Kurs, der mit Gold nicht aufzuwiegen ist. Nachdem er uns die aktuellen Pasta-Preise seiner bevorzugten Marken vorgebetet und nochmals erörtert hat, dass er meist nur im Angebot kauft, lässt er uns teilhaben an seinem unglaublichen Wissen über Pasta. Ich versuche, die wichtigsten Punkte für Sie zusammenzufassen. Natürlich ist Francescos Wissen ohne Gewähr auf Vollständigkeit und/oder absoluter Richtigkeit.

Pasta-Kurs auf die Francesco-Art:

Klares Kochwasser: Gute Pasta erkennen Sie daran, dass das Kochwasser klar bleibt. Sollte sich das Wasser beim Kochen weißlich verfärben, wurden andere Dinge zu den einzig wahren Pasta-Bestandteilen Wasser und Hartweizengries hinzugefügt. Dies könnte zum Beispiel Maismehl oder jegliches, anderes Mehl sein, was dazu dient, den Pastateig zu strecken und somit die Herstellungskosten zu senken. Dadurch büßt die Nudel jedoch viel Geschmack und Konsistenz ein.


Heute für Sie ausprobiert. Das Wasser sieht einigermaßen klar aus.

„Al Dente bis zum Schluss“: Gute Pasta verkocht nicht. Sie können Pasta eines Qualitätsherstellers locker ein paar Minuten länger als auf der Packung angegeben im Wasser lassen. Bis zu 14 Minuten Kochzeit sollte für eine gute Nudel kein Problem darstellen. Francesco erzählte, dass sie bei ihm zu Hause gerne große, sonntägliche Familienmittagessen (=pranzo) haben und da es viele Gänge gibt, die Pasta auch gerne einmal ein paar Minuten länger als üblich im Wasser bleibt. Sie ist und bleibt trotz längerer Kochzeit „al dente“.

„Made in Molise“: Der Weizen sollte aus Italien stammen und zwar möglichst aus der Region „Molise“. Sollte das nicht möglich sein, sollte der Weizen zumindest aus Europa kommen. Francesco führt weiter aus, dass eine bekannte, italienische Marken, die sie in jedem deutschen Supermarkt kaufen können, dazu übergegangen ist weltweit Weizen einzukaufen, der durchaus auch genmodifiziert sei, laut Francesco. In Italien gab es daraufhin einen großen Aufschrei und die Verkaufszahlen brachen ein.

Al Bronzo macht den Unterschied„: Die Nudeln sollten möglichst „al bronzo“ produziert sein. Das bedeutet, dass der Nudelteig auf Bronzeformen gezogen wird, wodurch die Oberfläche der Nudel rauer und ihre Struktur dichter wird. Dies dient dazu, dass die Soße optimal an der Nudel haften bleibt.

„Francescos Lieblinge“: Zu Francescos absoluten Lieblingen zählt die Marke „La Molisana“*, die ihren Weizen ausschließlich aus der Region Molise bezieht. Auf Platz 2 befindet sich die Nudelmarke „Rummo“*, die Sie bei uns auch im gut sortierten Super- oder Drogeriemarkt finden. Bei Rummo sei zu beachten, dass sie europäischen Weizen benutzen.

„Das schafft jeder“: Die Nudelsoße sollten Sie immer selber machen. Als Basis benutzen sie ein soffrito: Dazu schwitzen Sie feingehackte Zwiebeln und eine Knoblauchzehe im Ganzen (diese können Sie hinterher wieder herausfischen) an und geben Passata di Pomodoro darüber. Salzen, etwas Chilli dazu und köcheln lassen. Dann vermischen Sie die Pasta direkt noch in der großen Tomatensoßenpfanne mit den Nudeln, damit die beiden sich verbinden. Und wie Sie bereits wissen, haftet die Soße an der angerauten Oberfläche (al bronzo) der Nudel optimal.

„Francescos Geheimtipp“: Ein paar Semmelbrösel, un filo d’olio [ein wenig Olivenöl] und Petersilie auf den bereits angerichteten Teller Pasta geben. Das schafft laut Francesco wirklich jeder!

Merke: Die perfekte Nudel färbt das Nudelwasser nicht weiß, verkocht nur bei grober Fahrlässigkeit, ist al bronzo produziert und beinhaltet optimalerweise nur Weizen aus der Region Molise.

Als Francesco langsam vor Terminal 1 des Flughafens rollt, würde ich am liebsten sitzen bleiben. Viel zu spannend ist sein geballtes Wissen über die perfekte Pasta. Doch leider, leider müssen wir aussteigen und unseren Flug erwischen. Als der Römer den Koffer entgegennimmt, wird ihm von Francesco folgende Frage gestellt: „Ma tu sei italiano, vero? [Aber du bist Italiener, richtig?]“ Der Römer schüttelt lachend seinen Kopf: „No, no, sono tedesco. [Nein, nein, ich bin Deutscher.]“ Ich gucke etwas irritiert. Technisch gesehen ist der Römer noch kein Deutscher. Dafür arbeitet das albanische Konsulat und die deutsche Einbürgerungsstelle viel zu langsam. Wie es denn komme, dass der Römer ein so lupenreines Italienisch spreche, will Francesco daraufhin wissen. „Das ist einfach zu erklären.“, sagt der Römer, „Ich habe sehr viele Jahre in Rom gewohnt.“ Daraufhin sprechen Francesco und der Römer fünf Minuten über das Leben in Rom, um kurz danach über Francescos Heimat Kalabrien zu reden. Mit Blick auf die Uhr, müssen die beiden sich schließlich voneinander losreißen. Als wir Signorino auf den Rollkoffer setzen, raunt mir der Römer zu: „I calabresi vivono per mangiare. [Die Kalabrier leben fürs Essen.]“. Ja, so ist das wohl. Und zum Glück sind sie so nett und teilen ihr Wissen.

Am Flughafen ist es anstrengend wie immer mit Kleinkind. Immerhin zahlt sich meine aufwendige Handgepäcksordnung aus und so kommen wir schnell und unkompliziert durch die Sicherheitskontrolle. Da wir immer noch viel zu früh am Flughafen sind, versuchen wir Signorino zu beschäftigen, was mäßig gut klappt. Nach einer unendlich lang erscheinenden Wartezeit kommen wir im Flugzeug an. Signorino schläft natürlich nicht erschöpft im Flugzeug ein. Da wir ziemlich müde sind, geben wir ihm das Tablet und er darf eine Serie gucken.

Endlich in Frankfurt ist unser Koffer zwar angekommen, aber beschädigt. Eine Rolle hakt und ist kaputt. So statten wir dem „baggage claim“ auch noch einen Besuch ab. Da dies nicht mein erster, beschädigter Koffer in meiner Laufbahn ist, geht es ruckzuck. Am Ende brauchen wir ein Koffergutachten, das wir uns in der Innenstadt einholen müssen. Aber nicht heute.

Auf dem Weg zur S-Bahn stoppen wir noch bei der goldenen Möwe. Heute ist eh schon alles egal und kochen stellt keine wirkliche Option dar. Wir bestellen an einem riesigen Bildschirm und Signorino und der Römer setzen sich hin, während ich das Essen abhole. Kurz darauf isst Signorino zufrieden seine Pommes und probiert Chicken Nuggets von mir und auch wir Erwachsenen sind zufrieden mit dem kulinarischen Angebot der goldenen Möwe. Dann nehmen wir die S-Bahn nach Hause.

Als wir endlich in unserer Wohnung sind, bin ich drauf und dran den Laminatboden vor Freude zu küssen. Aber ich kann mich noch davon abhalten. Schließlich habe ich heute noch etwas weitaus wichtigeres vor: Circa 3 Kilo Tomaten wollen geerntet werden. Und das mache ich dann auch!

Tomaten über Tomaten
Diese Tomatenpflanze brach unter der Tomatenlast zusammen
Und ein paar Chillis.

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

Nachtrag: Ab heute haben wir eine Woche frei und bleiben daheim. Wir werden als Paar ganz entspannt in eines der unzähligen Museen Frankfurts gehen, während Signorino in seiner vertrauten Kita spielen wird. Manchmal kann Urlaub so einfach sein, oder?

12 Kommentare zu „Pasta-Kurs im Flughafentaxi – das Rom-Tagebuch [Tag 8]

  1. Hallo Eva,

    schön das ihr nach eurem chaotischen Urlaub wieder wohlbehalten zu Hause angekommen seid.
    Und dann auch noch die Überraschung von eurer Tomatenpflanze.

    Ich wünsche euch einen schönen Urlaub in der Heimat.
    Liebe Grüße
    Trude

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