Kein Anschluss unter dieser Nummer

Letztens, da ist mir etwas Dummes passiert.

Ich kann Ihnen nicht einmal den genauen Moment nennen, in dem es passiert ist. Aber ich vermute er war irgendwann zwischen dem Entschluss „das Handy ordentlich zu desinfizieren“, dem Mangel an Desinfektionsmittel im Hause Farniente und der Überzeugung, dass Wasser und Seife es wohl auch tun sollten.

So schnappte ich mir mein Mobiltelefon, ein neueres Semester, und schrubbte es ordentlich mit Wasser und Seife ab. Liebevoll legte ich es in ein kuschelweiches Handtuch und tupfte es trocken. Es glänzte wie neu und funktionierte einwandfrei. Nichts anderes hatte ich erwartet, warb der Hersteller doch mit der Eigenschaft „wasserdicht“.

Dann sah ich auf der großen Kommode im Flur des Römers Handy. Und ab da nahm das Unglück seinen Lauf.

Es ist schon wahr, was man über Italiener im Allgemeinen und dem Römer im Speziellen sagt: Das Leben, die Liebe und alle sozialen Kontakte hängen von diesem kleinen, portablen Gerät ab. Ständig klingelt und piepst es, stets blinkt es penetrant und wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, leuchtet es wie ein Stadionscheinwerfer taghell im dunklen Schlafzimmer auf. Meist wird es dann vom eben eingeschlafenen Signorino fröhlich quiekend begrüßt.

Jedoch ist der Teufel ein Eichhörnchen. Nennen Sie es Schicksal, ich nenne es Dummheit. In meinem Tunnel aus Wasser, Seife und dem dringenden Bedürfnis, alle Mobiltelefone des Hauses zu desinfizieren, geschah es: Ich vergaß, dass des Römers Modell leider nicht wasserdicht ist. Großzügig seifte ich es ein, schrubbte jeden Knopf, spülte es mit lauwarmen Wasser ab und legte es ebenfalls in ein Handtuch. Als ich es abtupfte, leuchtete das Display noch in grellen Farben auf. Zufrieden legte ich es auf die Kommode im Flur und verschwand in die Küche.

Nach einigen Minuten hörte ich einen kläglichen Klingelton. Es hörte sich fast so an als würde Ligabue in seinem Lied „certe notti“, das gleichzeitig der Klingelton des römischen Telefons war, um Hilfe rufen. „Certe notti sei sveglio, o non sarai sveglio mai. Ci vediamo da Mario prima o poi“ [Bestimmte Nächte bist du wach, oder du wirst nie wach sein. Wir sehen uns bei Mario – früher oder später] krächzte Ligabue und ich glaubte nicht mehr daran, dass man ihn mit diesem scheppernden Sound jemals wieder „bei Mario“ sehen wird. Egal ob prima [früher/vorher] oder poi [später].

Der Römer begab sich just in diesem Augenblick zu seinem Telefon: „Ma che cavolo è?“ [Was zum Teufel ist das?] fragte er mit seinem um Hilfe schreienden Telefon in der rechten Hand. Fassungslos starrte er mich an. „Ma lo schermo…?“ [Aber der Bildschirm…?] wendete er sich überfordert an mich.

Oh.“ war meine dumpfe Antwort, die viel Raum für unbequeme Spekulationen ließ.

Der Römer tippte wie wild auf seinem Bildschirm herum, der nun in sehr schwachen Pastellfarben gehalten war. Schick sah das aus – aber passte so gar nicht zu den hektischen, roten Flecken in seinem Gesicht. „Das ist nicht dein ernst!? Du hast es jetzt aber nicht gewaschen, oder? Es ist hoffentlich nur eine temporäre Störung!“ brachte er unglaublich nervös hervor und sein Auge zuckte. „Ähm…also…“ wollte ich gerade erklären, doch er unterbrach mich mit einem wenig charmanten „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“

Ich schwieg, denn mir war es so unfassbar peinlich, dass ich keine Worte dafür fand.

Der Römer rannte aufgeregt durch die Wohnung. „Ich glaub’s nicht! Ich glaub’s einfach nicht. E‘ morto!!! [Es ist tot] Sie hat es umgebracht!“ schrie er theatralisch und ich hoffte, dass die Nachbarn nicht die Polizei angesichts dieses „Mordes“ rufen würden. Er legte seine Hände ins Gesicht und murmelte Unverständliches. „Meine Mutter wollte heute Abend anrufen! Mirko schickte mir eine Sprachnachricht. 11 Minuten lang!! 11!! Und jetzt ist alles weg. Alles!“ hörte ich seine Klagerufe durch die Wohnung schallen.

„Es gibt Schlimmeres, wirklich!“ sprach ich und merkte erst danach, dass jeder Satz zu viel für den labilen Römer in dieser prekären Situation war. „Schlimmeres?!“ keifte er und seine Stimme schlug Purzelbäume. „Was denn?! Ich bin abgeschnitten von der Welt! Niemand kann mich mehr erreichen. Was gäbe es denn da Schlimmeres, bitte?!“

Ich antwortete nicht, denn was hätte das auch in dieser Situation gebracht? Stattdessen packte ich Signorino in den Kinderwagen und wir machten einen sehr langen Spaziergang um der römischen Tragödie zu entgehen. „Er wird sich schon wieder beruhigen.“ flüsterte ich dem neugierig dreinblickenden Signorino ins Ohr während ich ihm die Mütze aufsetzte.

Etwas später, es war bereits Abend, guckte der Römer immer noch sehr grimmig. „Ich brauche ein neues Telefon!“ fing er ganz direkt an. „Hm….“ antwortete ich, weil ich die Äußerung hm als äußerst konfliktfrei empfand. „La situazione è seria. [Die Situation ist ernst] Non ci riesco a vivere così. [Ich kann so nicht leben] Jedes Mal schaue ich wieder auf den flackernden Bildschirm, nur um festzustellen, dass mich keine Menschenseele mehr erreichen kann. Nessuno. [Niemand]“ erklärte er weiter. „Hm…“ gab ich wieder von mir.

„Okay, so kann es nicht weitergehen. Wir brauchen eine Lösung! Bitte such folgendes:“ sagte er und nannte mir seine Vorgaben bestehend aus Marke, Farbe und Speicherplatz des zukünftigen Telefons. „Hm.“ antwortete ich wieder.

Ich recherchierte. „Ist weinrot keine Option? Es wäre 100 Euro günstiger!“ fragte ich ihn und merkte bereits mit dem Ausformulieren meiner Frage, dass in dieser Situation jede Frage einer Provokation für den Römer darstellte. Bevor er losmotzen konnte, rettete ich die Situation mit einem nüchternen: „Kleiner Scherz!“

„Non scherzare su certe cose. [Man scherzt nicht über sowas] Nicht in dieser Situation.“ kommentierte er düster.

Als mir meine Recherche zu langweilig wurde, da der Römer alles mit einem „No!“ [Nein!] oder „Anche no! [Auch nicht!] quittierte, begab ich mich auf einen virtuellen Spaziergang in den sozialen Netzwerk. Ein neues Statusupdate des Römers leuchtete auf: „Cari amici!“ [Liebe Freunde!], stand da, „Ich möchte euch mitteilen, dass mein Telefon heute leider von mir gegangen ist. Deswegen bin ich bis auf weiteres nur noch per Messenger oder über das Handy meiner Frau: 0******* erreichbar. Ciao.“ stand da – übersetzt in drei Sprachen, so dass es auch wirklich jeder verstehen konnte.

56 Freunde kommentierten es mit einem tränenden Smiley. 32 Likes gab es dafür und 40 Umarmungen mit Herz. Die einzige „Live-Reaktion“ kam von mir: ein hysterisches „BITTE WAS?!“ gefolgt von einem „Sag mal, hast du noch alle Latten am Zaun?! Du hast meine Handynummer ins Internet geschrieben?!“

Der Römer wollte gerade antworten, doch wurde von meinem klingelnden Handy unterbrochen. Eine mir unbekannte, italienische Nummer leuchtete auf. Ein Anruf über Whatsapp.

„Ich glaub es nicht!“ erhob ich entsetzt das Wort. Doch der Römer schnappte sich schon mein Telefon und antwortete! „Ah, ciao Nicolà! Sei tu! [Du bist es!] Scusa, [Entschuldige,] ich hab deine Nummer noch nicht im Handy meiner Gattin abgespeichert. Si, si, sto bene. [Ja, ja, mir geht’s gut] Non molto bene, ma bene. [Nicht super gut, aber gut.]“ flötete er ins Telefon und verschwand angeregt plaudernd im Schlafzimmer.

„Der benutzt jetzt nicht ernsthaft mein Handy für seine Angelegenheiten?“ fragte ich mich. Signorino guckte mich mit großen Augen an und lachte bejahend. Ich hob ihn hoch. „Meinst du wirklich?“ erkundigte ich mich bei ihm und er berührte meine Nase unter lautem Lachen. „Ich fürchte, du hast Recht. Dann muss deine Mama jetzt mal ganz schnell ein neues Handy für deinen Papa auftreiben, oder?“ Signorino kniff mir mit seiner kleinen Hand fest in die Backe. „Danke, Schatz. Das ist nett! Genau das hab ich jetzt gebraucht!“ antwortete ich ihm. Er lachte wieder.

Zusammen mit Signorino machte ich mich auf die Suche und bestellte ein Telefon. Auch die Expresslieferung klickte ich an, denn ich wollte die nächsten Tage und Wochen mein Telefon gerne für mich haben.

Doch für heute blieb das nur ein frommer Wunsch. Mein Telefon stand nicht mehr still. Auch nachdem ich den Römer angeraunzt hatte, dass er SOFORT meine Handynummer aus dem sozialen Netzwerk löschen sollte (BIST DU WAHNSINNIG?!?! war mein Originalsatz), kamen immer weitere Nachrichten und Anrufe rein. Freunde und Familie gaben sich untereinander meine Telefonnummer weiter.

Zwei Tage dauerte es bis sein neues Handy ankam. Meins hingegen bekam ich in diesen Tagen nur in sehr knapp bemessenen Zeitfenstern zu Gesicht. Der Haussegen hing nicht nur schief, nein, er stand Kopf.

Am dritten Tag, das Telefon war endlich da, installierte der Römer in Windeseile sein neues Gerät und informierte seine Freunde.

Leider waren diese deutlich weniger flexibel als gedacht und so landeten 2/3 der Anrufe weiterhin bei mir. Der Römer hing jetzt nicht nur an einem Telefon, nein, er hing jetzt an zweien. Ich bat ihn mehrmals eindringlich, dass er bitte seinen Anrufern mitteilen sollte, dass er auf meiner Nummer nicht mehr erreichbar ist, doch es stieß auf taube Ohren seitens seiner Freunde und Familienangehörigen.

Eine Lösung musste her. Ich ging in mich und grübelte.

„Aaaaaaaah!“ schoß es mir durch den Kopf und grinste.

Als erstes änderte ich mein Profilbild.

Fotoquelle: unbekannt

Dieses hier aus meinem Fotoarchiv wählte ich aus und den angezeigten Namen änderte ich auf „Rosemarie Bründlhuber-Gonzales“. Sobald ein Freund des Römers sowohl den Namen als auch das Foto ignorierte, antwortete ich per Sprachnachricht in tiefstem Bayerisch, dass die Nummer nun Rosemarie Bründlhuber-Gonzales gehörte und ich keinen Römer kennen würde. „Na, des sagt mir nix! Aber Ihnen noch an schena Tag! Es ist ja so tolles Wetter momentan. Gar nicht so trüb-herbstlich, gell?“ beendete ich meine Sprachnachricht. Darauf kam nichts mehr zurück.

Nach vier Tagen als Rosemarie Bründlhuber-Gonzales gab es keine unerwünschten Anrufe mehr. Auch Sprach- und Textnachrichten blieben aus.

Am fünften Tag fragte der Römer: „Kennst du eine Rosemarie Bründlhuber-Gonzales? Giuseppe meinte, er hätte mit dieser Dame Sprachnachrichten ausgetauscht? Aber das ist doch deine Nummer?“ Er zeigte mir seinen Bildschirm. „Amore ❤️“ war nun eine Frau im Badeanzug mitsamt ihren adretten Freundinnen.

Ich grinste. „Huch! Da kam wohl mein alter Ego zum Vorschein.“ lachte ich und streichelte über mein Handy. „Scheint funktioniert zu haben.“

„Und wie!“ bekräftigte mich der Römer. „Okay, Rosemarie, kannst du mir mein Ladegerät für’s Handy geben? Mein Akku ist schon wieder leer. Aber ich versteh nicht warum… so oft benutze ich es doch gar nicht?“

Hm.“ gab ich belustigt zurück und reichte ihm sein Ladegerät.

4 Meter Unterschied

Heute, da bin ich melancholisch, obwohl die Stimmung nur 4 Meter von mit entfernt vibriert vor lauter Lebensfreude.

Ich sitze hier, allein auf der Couch in unserem Ferienapartment. Signorino schläft im ersten Stock. Der Römer ist mit seinen Freunden essen. Mit Signorino wäre es ein sehr schnelles Essen geworden. So aber, da waren wir uns einig, kann der Römer die Zeit mit seinen Freunden genießen.

Doch wenn es nichts mehr zu tun gibt, dann kommt die Melancholie. Sie begann heute Nachmittag, als mir mein Papa mitteilte, dass er ins Pflegeheim geht. Mein wunderbarer Papa schrieb im Schlusssatz: “… and they never come back. Alte Schwergewichtsboxerlehre.”

Der Satz verpasste mir eine Kerbe in meinem Herz. Mittig, ganz klein, doch mit jedem Atmezug wird sie größer und schmerzhafter. Ja, es wird seine letzte Station sein. Nein, die Krankheit hält kein Happy End parat. Das Einzige, was sie parat hielt, war eine Trennung. Die letzten Jahre verbringen meine Eltern nun getrennt. Räumlich. Emotional. Körperlich.

Mir obliegt es nicht, über einen Weg zu urteilen, den ich nicht gegangen bin. Meine Mutter wird ihre Beweggründe haben. Auch wenn sie laut über die Möglichkeit einen neuen Partner zu haben, nachdenkt, so ist es ihr Leben. Jeder soll nach seiner Façon selig werden. (dennoch wäre es gelogen, würde es mir nicht weh tun)

Mein Papa wird immer mein Papa bleiben. Mit Krankheit. Ohne Krankheit.

Wissen Sie, wir denken alle nicht gerne über den Tod nach. Doch am Ende ist es das, was die Zukunft gewiss für uns bereit hält. Wo ein Anfang ist, ist auch ein Ende. Und irgendwann treten wir ab von der Bühne dieser Welt. Was danach geschieht, darüber lässt sich nur mutmaßen.

Hier sitz ich nun – in meinem kleinen Reihenhäuschen in Trastevere. Und schreibe, weil es mich heilt, weil es mir erlaubt zu atmen und weil es das ist, was ich liebe. Ich schreibe und lese.

Ich lächle, weil mir die Geräuschkulisse klar macht, dass ich lebe. Diese pulsierende Stadt, die Emotionen, die nicht versteckt werden, die Langsamkeit, die mich zur Entschleunigung zwingt. Die Sätze, die dir Fremde schenken, die so wohltuend sind. Signorino, der so zufrieden hier ist und alle Welt anlächelt. Der Römer, der daheim ist, und 10 Jahre jünger ausschaut. Der caffé bei nonna vincenza. Der caffé überhaupt.

Das Leben ist kurz und keiner von uns weiß, was uns erwartet und wie lange. Lassen Sie es uns nutzen! Treten Sie raus in die Welt und machen Sie das, was Sie glücklich macht. Umgeben Sie sich mit Ihren Lieben, sagen Sie Ihnen, dass jeder Moment mit Ihnen kostbar ist. Denn wie oft vergessen wir genau das in der Hektik der Zeit. Legen Sie das Smartphone beiseite. Glück ist nicht bei Instagram und Co zu finden. Das ist eine Illusion. Ich möchte auch behaupten, dass die interessantesten Menschen nicht 148 Story Sequenzen am Tag produzieren, weil sie stattdessen lieber ihr Leben leben. Seien Sie dankbar für das, was Ihr Leben bereit hielt und hält. Oft ist es nur der falsche Blickwinkel (oder Filter – um bei Instagram zu bleiben), mit dem wir unser Leben betrachten.

Für echte Römer m/w/d

Müde lächelnd lese ich einen sogenannten Lifestyle Blog. Die Überschrift des neuesten Artikels heißt: „Home away from home.“ Ich bekomme Pickel bei soviel schlechtem Marketing. Berichtet wird über ein x-beliebig austauschbares Hotel, das es erst seit kurzem gibt und gekennzeichnet wird der Artikel mit *Werbung (gesponsert).

Ich klappe den Laptop zu und schüttle den Kopf. „Home away from home…wie lächerlich.“ murmle ich und der Römer, der mit mir am großen Esstisch sitzt, guckt mich fragend an. „Na, ist doch so! Du kannst mir doch nicht erzählen, dass ein x-beliebiges, neues Hotel ein Zuhause, weit ab von Zuhause ist. Die wissen doch gar nicht, wie sich ein richtiges Zuhause anfühlt. Banausen!“ schimpfe ich.

Der Römer lächelt und sagt: „Ich zeig dir mal was…“ Er öffnet seinen Laptop und zeigt mir ein sehr kleines, zweigeschossiges Reihenhaus, hastig zwischen zwei Palazzi geworfen. Ein Schuhkarton, der sich mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit zwischen den „großen Häusern“ behauptet. “Roma….“ seufze ich. Er tätschelt mir die Schulter.

„Questo e‘ la casa lontani da casa [Das ist das Zuhause weit weg von Zuhause]. Für uns ist es kein Wellnessbereich in einem überteuerten, anonymen Hotel. Es ist keine überfüllte Bar, kein Hotelbett und kein Frühstücksbuffet. Für uns ist es Rom. Wir kommen in Fiumicino [einer der Flughäfen Roms] an und fühlen uns zu Hause. Wir nehmen den Regionalzug und er tuckert uns zur stazione di Trastevere. Dann die Tram „numero otto“ und dann gehen wir die wenigen Schritte über unebene Pflastersteine nach Hause.“ Des Römers Beschreibung verwandelt sich in meinem Kopf zu einem Film und nicke verträumt.

„Und das schönste ist, dass unser „Zuhause“ immer ein anderes ist. Mal sind wir enttäuscht, weil es ein modriges Erdloch ist, aber meist sind wir positiv überrascht, weil wir einen richtigen Schatz finden. Rund um die Via San Francesco Ripa – da sind wir daheim, denn unsere zweite Heimat ist und bleibt immer Trastevere….“ ergänzt er seine Ausführung.

Ich räuspere mich: „…oder Testaccio.“

„Daiiii [Komm schon!], jetzt kommt der alte Streit wieder auf. Welches ist das schönste Viertel Roms? No, da lass ich nicht mit mir diskutieren! Es ist Trastevere. Basta!“ führt er sehr emotional aus. „Okay… für dich ist es Trastevere. Für mich ist es Testaccio. Es ist einfach ein ehrlicheres Viertel und kaum ein Tourist verirrt sich hierher. In Testaccio wohnen die richtigen Römer, so wie ich.“ erkläre ich ihm stolz.

„Ma no! [Aber nein!] Non iniziare, ti prego! [Fang nicht damit an, ich bitte dich!] Nur, weil ich damals die Wohnung in Testaccio hatte, macht dich diese nicht zu einer Römerin. No, sicuramente no! [Nein, sicherlich nicht] Ich habe IMMER in Trastevere gewohnt. Erst in der „Via Goffredo Mameli“, dann nach einigen Jahren wohnte ich im „Vicolo dei panieri“ und schlussendlich, auch berufsbedingt, musste ich nach Testaccio umziehen. Erst wohnte ich an der lauten Via Marmorata und wenig später bin ich dann in die Via Luca della Robbia gezogen.“ führt er sehr präzise aus.

„Berufsbedingt? Du bist lediglich 500 Meter von einem Stadtviertel ins angrenzende Stadtviertel gezogen! Allein die Flussseite ist eine andere. Gib doch nach all den Jahren endlich zu, dass du Testaccio schöner findest!“ mosere ich.

„Achwo! Ma il traffico! [Aber den Verkehr!] Den darf man nicht unterschätzen. Es hätte eeeewig gedauert in die Arbeit zu kommen.“ versucht er mich zu überzeugen.

„Ja, 20 Minuten zu Fuß.“ ergänze ich äußerst nüchtern. „Ma che!!! [Aber was!!!] Erano 25 minuti in macchina. [Es waren 25 Auto-Minuten] “ will er mir einreden.

„Aber wer fährt denn 1,5 Kilometer mit dem Auto, wenn er zu Fuß gehen kann?! Besonders in Rom?!“ frage ich nun ganz provokant.

„Amore mio, du unterschätzt die Temperaturen. Kannst du dir vorstellen, vollkommen verschwitzt an deinem Arbeitsplatz anzukommen? Io no! [Ich nicht!] Ich hatte keine andere Wahl als umzuziehen!“

Ich verdrehe die Augen und dränge darauf die Diskussion zu beenden, da wir uns nur im Kreis drehen.

Am Abend klappt der Römer neben mir wieder den Laptop auf und schiebt ihn mir unter die Nase! „Okay, genau das! Das können wir buchen!“ sagt er sehr knapp.

Das sehr kleine, sehr absurd wirkende Häuschen von vorhin strahlt auf einem Buchungsportal. „Ist gerade frei geworden! Und da wir momentan nicht nach Albanien fahren können und wir eine Woche überbrücken müssen bis wir auf deinen Vater aufpassen, dachte ich… das wäre vielleicht keine schlechte Idee!“ Ich klicke die Bilder durch. Zwei Etagen. Eigener Patio, Wohnzimmer, Küche, zwei Schlafzimmer, zwei Bäder. Ich sehe schon den fröhlich glucksenden Signorino über den Fußboden krabbeln. Der Innenhof wäre perfekt, wenn Signorino im ersten Stock schläft, man aber noch gemütlich etwas draußen trinken will. Die Wohnung war umgeben von netten Restaurants und Bars – auch alles zum Mitnehmen, was uns mit Signorino sehr entgegen kam, da romantische Abendessen vorerst nicht möglich sind. 😉

„Wow! Das wäre perfekt! Lass mich noch kurz nach Flügen schauen und los geht’s.“ stimme ich seinem Vorschlag zu. Die Flüge stellen kein Problem dar und flugs ist die Unterkunft gebucht.

„Ich muss dir was sagen…“ fängt der Römer grinsend an.

Ich warte gespannt auf seine weiteren Ausführungen.

„Die Unterkunft ist in TRASTEVERE! Und sie hat dir gefallen. Also ist Trastevere doch der bessere Stadtteil. Und komm mir jetzt nicht mit „Das hab ich nicht gewusst.“ Du hast dir die Lage auf Google Maps sehr genau angeschaut.“

„Äääähm…aber…ja! Das war eine Ausnahme. Ich wollte dir einfach einen Gefallen tun.“ stottere ich etwas überrumpelt. „Ma che! [Aber was!] Ausnahme!“ triumphiert der Römer. „Das ist die Bestätigung!“

Ich gönne ihm die Genugtuung. Wir Bewohner von Testaccio sind großherzig und großzügig, was andere Meinungen betrifft. Das können wir auch sein, wissen wir doch, dass das beste Viertel Roms konkurrenzlos „Testaccio“ ist.

[Wenigstens bei einer Sache sind wir uns einig: Das beste Café/die beste Bar ist das Baylon Café in der Via San Francesco Ripa, Rom. Werbung – sehr zu meinem Leidwesen ungesponsert! 😔😉]

Bei Farnientes gibt’s heut Sushi

„Jetzt ist es passiert.“ werden Sie sagen während Sie die Überschrift lesen. „Ab jetzt wird sie uns jeden Tag erzählen, was es zu essen gibt. Irgendwann wird sie Wörter wie Foodie, Foodblog und Foodinspiration benutzen.“

Aber weit gefehlt, meine sehr verehrten Leser*innen! Vielmehr möchte ich Ihnen von einem, nein, von meinem Durchbruch erzählen. Es dauerte Jahre und nur durch mein unglaublich aufopferungsvolles Durchhaltevermögen habe ich es geschafft: Der Römer isst jetzt Sushi.

„Nichts besonderes.“ werden Sie mir mit Ihrem internationalen Gaumen antworten und währenddessen genüsslich ihre vietnamesische Phở schlürfen oder sich äthiopische Injera in den Mund schieben.

Aber ich halte ein „Oh doch!“ dagegen. Dazu muss ich ihnen eine Geschichte erzählen, die sich exakt so vor ein paar Jahren ereignet hat:

Als ich den Römer kennen lernte, war er ein begeisterter Fan der italienischen Küche. Das traf sich gut. Er wohnte schließlich in Rom. Doch wer nun erwartet, dass der Römer eine andere Landesküche außer der italienischen akzeptierte, den muss ich nun leider bitter enttäuschen. Es gab für ihn nur diese eine Küche.

Selbst in Albanien aß er zwar brav und ohne Widerworte das Festmahl, das seine Familie bei jedem Besuch auftischte, doch an Abenden, an denen er alleine Ausgang hatte, verschlug es ihn selbstredend in ein italienisches Restaurant. Wenn man ihn fragte, ob man etwas exotischeres essen könne, nickte er und schlug türkisch vor, denn Mezze und gegrillte Fleischspieße waren gerade noch so akzeptabel.

Die deutsch-österreichische Küche war ihm meist schon zu exotisch. Knödel wurden als „pane bagnato“ [nasses Brot] abgetan. Allerdings wurde ein hauchdünnes Kalbsschnitzel von ihm akzeptiert, da es dieses auch in der italienischen Küche unter dem wohlklingenden Namen „scaloppina milanese“ gab.

Und damit endete sein kulinarischer Horizont auch schon wieder.

Doch ich machte mir über dieses Thema nie viele Gedanken. Wenn wir uns sahen, dann waren wir meist in Rom und weniger in Frankfurt. Ich mag die italienische Küche und fand es vollkommen ausreichend mich von gegrilltem Fisch über Pizza bis hin zu cacio e pepe durch zu schlemmen.

Es war alles in bester Ordnung und wir hätten glücklich und verliebt bis ans Ende unserer Tage leben können, wäre da nicht unser erster, gemeinsamer Urlaub gewesen.

Das Reiseziel, Singapur und Bali, klang vielversprechend. Wir waren beide aufgeregt. Ich, weil ich hohe Erwartungen an diesen, unseren, ersten, gemeinsamen Urlaub hatte. Der Römer, weil er zum damaligen Zeitpunkt noch nie einen Fuß auf einen anderen Kontinent gesetzt hatte.

Im Flugzeug war alles ganz wunderbar. Man bot eine Auswahl an internationalen und asiatischen Gerichten an. Der Römer wählte begeistert die „internationale“ Küche, die aus insalata caprese [Tomate-Mozzarella] als Vorspeise und petto di pollo con purè (Hühnerbrust mit Kartoffelpüree) bestand. Ich hingegen war froh, die asiatische wählen zu können, wollte ich mich doch auf den Urlaub einstimmen.

In Singapur angekommen merkte man noch nicht viel vom römisch-kulinarischen Defizit. Am ersten Abend aßen wir frittiertes, einfaches Huhn und Reis. (pollo fritto con riso)

Generell galt: Alles, was einen italienischen Namen vorweisen konnte, wurde ohne Murren akzeptiert. Der Rest wurde verweigert, auch wenn das bedeutete in den Hungerstreik zu gehen.

Am zweiten Abend gingen wir in einen Foodcourt. Überall lachten uns kleine Buden an und jegliche, asiatische Gerichte wurden feilgeboten. Es war ein wahres Fest. Indisch dort, chinesisch da hinten, malaysisch links, usw., usw..

Ich setzte mich an ein Tischchen und bot dem Römer an, schon einmal zu gucken, was er essen möchte. Ich würde den Platz solange reservieren.

Der Römer stolzierte im Foodcourt umher, guckte sich alles genau an und verzog meist angewidert den Mund, bevor er seine Inspektion beim nächsten Stand fortsetzte.

Nach 20 Minuten, ich wartete mit knurrendem Magen auf meinem Platz, kam er zurück – mit leeren Händen. „Non trovo nulla qui! Fa tutto schifo.“ [Ich finde hier nichts. Es ist alles eklig.] sprach’s und ließ sich auf den Platz neben mir plumpsen. Ich guckte ihn irritiert – und hungrig – an.

„Und dafür hast du 20 Minuten gebraucht?“ fragte ich leicht genervt. „Vabbe, devo oppure vedere che c’è.“ [Ja gut, ich muss doch sehen was es gibt] antwortete er flapsig. Ich, ganz das allgemeine Wohl im Blick, bot ihm an, nochmal mit ihm gemeinsam zu schauen, ob es nicht doch was für ihn geben würde.

Wir gingen von Stand zu Stand und ich versuchte dem Römer das ein oder andere Gericht schmackhaft zu machen. „No.“ war seine andauernde und ernüchternde Antwort. Dazu schüttelte er vehement den Kopf. Ich atmete tief durch, da ich nicht wollte, dass dieser Urlaub gleich am Anfang zu einem Disaster werden würde.

Im Augenwinkel sah ich einen Dumpling Stand. Ich steuerte auf ihn zu. Der Römer trottete missmutig und hungrig hinter mir her. „Ah! Ravioli!“ erhellte sich sein Gesicht. „Buoni! Come sono?“ [Lecker! Wie sind die gemacht?] Der Römer, der damals sehr schlecht Englisch sprach, bat mich die Beschreibung zu übersetzen. „Mit Garnelen, vegetarisch oder mit Schwein!“ zählte ich auf. „Mmmh…buono! [Mmmh…gut] Ich nehme eine Portion mit Garnelen und eine vegetarische Portion.“ Ich bestellte die doppelte Menge für uns und nahm sie nach wenigen Minuten dankend in Empfang.

Angekommen am Platz war er höchst zufrieden mit seiner Wahl. „Veramente squisiti, questi ravioli.“ [Wirklich vorzüglich, diese Ravioli.] stellte er fest. „Sie heißen dumplings.“ erklärte ich ihm kauend. „Ah…dumpings! Fa oppure senso!“ [Ah…Dumpings! Das macht auf alle Fälle Sinn] bestätigte er mir. „Nein, nein, DUMP-L-INGS.“ wiederholte ich. „Ok…va bene. Basta che tu li sai pronunciare giuastamente.“ [Ok…in Ordnung. Es reicht, wenn du sie richtig aussprechen kannst] stimmte er mir zu.

An den darauffolgenden Tagen ernährten wir uns von „Dumpings“ und „Burger“. Weitere, kulinarische Versuche akzeptierte der Römer nicht. „Na, das kann ja was werden.“ dämmerte es mir – doch ich schob den Gedanken beiseite.

Nach einigen Tagen setzten wir unsere Reise fort. Es sollte nach Bali, Ubud um genau zu sein, gehen um dann – nach ein paar Tagen Aufenthalt – auf eine kleine Insel namens Gili Trawangan überzusetzen.

In Ubud angekommen machten wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem. „Nasi Goreng wird er wohl essen können.“ dachte ich. Weit gefehlt, denn es gab kein italienisches Pendant dazu. Mangels Auswahl bestellte ich es trotzdem für ihn. Als Vorspeise bestellte ich Hühner Satay Spieße.

Die Vorspeise empfing er mit großer Freude. „Mmmh…spedine al pollo.“ [Mmmh…Hühnerspieße.] lobte er und verschlang sie gierig. „Ma questo sugo di noci non centra nulla. Sarebbe stato meglio con un sugo di pomodoro.“ [Aber diese Nusssoße passt überhaupt nicht dazu. Eine Tomatensoße wäre besser gewesen]

Ich lächelte milde und tätschelte sein Knie.

Als die Hauptspeise kam, machte er große Augen. „Ma che cos’è?“ [Aber was ist das denn?] fragte er sichtlich entsetzt. „Nasi Goreng.“ flötete ich und wünschte ihm guten Appetit. Er stocherte lustlos in seinem Gericht herum. Ab und zu probierte er ein, zwei Reiskörner und geriet dabei so ins Schwitzen, dass er fast alle Knöpfe seines weißen Leinenhemds aufmachte. Dann tupfte er sich theatralisch den Schweiß von der Stirn und ächzte: „Troppo picante! No, non lo mangio!!“ [Viel zu scharf! Nein, das esse ich nicht!] Ich atmete tief ein und aus und rechnete in Gedanken nach wie viele Tage wir noch in diesem „Paradies“ verbringen müssten, bevor wir wieder heimfliegen konnten. „14.“ murmelte ich völlig resigniert als ich die Anzahl der restlichen Urlaubstage kalkuliert hatte. „Wie 14?“ fragte der Römer. „Ääähm….entschuldige, 140.000 Rupien kostet ein Gericht, glaub ich.“ versuchte ich mich aus der Situation zu retten. Der Römer trank seinen Softdrink und aß die traurige Grill-Tomate, die resigniert am Rand des Tellers lag.

Am nächsten Tag machte ich mich alleine auf die Suche nach einem internationalen Restaurant während der Römer hungrig im Pool plantschte.

Zum Glück wurde ich fündig. Nur wenige 100 Meter von unserer Unterkunft entfernt gab es ein vegetarisches Café. Es sollte von nun an unsere Stammlokalität werden. Jeden Tag – zweimal – bestellte der Römer eine Mezze Platte und verschlang sie meist zwischen zwei Atemzügen. Nachmittags gönnte er sich ein Stück Muffin oder tortina, wie er es nannte.

Mir graute es bereits vor Gili Trawangan. Wird man etwas Essbares dort finden? Oder wird er sich nur von Softdrinks, tortina und Toastbrot ernähren?

Ich sollte es noch früh genug herausfinden, denn die Reise ging am nächsten Tag los. Wir setzten mit der Fähre auf die kleine Insel über. Angekommen am Zielort streifte er durch die Speisekarte eines schönen Strandlokals… und… nichts…es gab rein gar nichts für ihn. Neidisch blickte ich zu einem niederländischen Pärchen hinüber… sie aßen ein traditionelles, indonesisches Gericht und wirkten sehr glücklich dabei. Neben mir saß der hungrige, italienische Trauerkloß und guckte böse, weil ihm die heimische Küche fehlte.

Ich bestellte mir „Phad Thai“. Der Römer wollte nur eine Zitronenlimonade und Satay Spieße – ohne Soße. Als das Essen kam, guckte er neidisch auf meinen Teller. „Che cos’è?“ [Was ist das?] fragte er interessiert. „Sembra come tagliatelle con gamberi. Buono!“ [Es scheint wie Bandnudeln mit Garnelen. Lecker!] beantwortete er sich die Frage selbst. „N…jaaaa… Willst du probieren?“ erwiderte ich hoffnungsvoll. „Ma si! Perchè no?“ [Aber ja, warum nicht?] antwortete er begeistert. Er steckte sich die erste Gabel voller Phad Thai in den Mund und ich wartete gespannt auf seine Reaktion. „Buonissimo!“ [Sehr lecker!] fiel sein Urteil aus. Erleichtert atmete ich auf.

Fortan aß er jeden Abend Phad Thai und jeden Mittag Satay Spieße. Andere kulinarische Ausflüge wagte er – wie immer – nicht. Seine kargen Essgewohnheiten zeichneten sich sehr schnell ab. Im Gesicht wurde er sehr hager und auch seine Hosen saßen von Tag zu Tag lockerer. Böse Zunge würden behaupten, er sah wie ein Schiffsbrüchiger aus, der aus unerfindlichen Gründen auf dieser Insel angespült wurde.

Auf dem Rückflug war er heilfroh, dass es eine eurasische Fluglinie war. Er stopfte sich mit Mezze, Hähnchenspießen und Baklava bis oben hin voll. Satt und glücklich schlief er ein und wachte erst in Istanbul wieder auf.

Auf dem Flug nach Rom erzählte er dem interessierten, italienischen Flugbegleiter sein kulinarisches Martyrium. Dieser nickte verständnisvoll und legte ihm mitfühlend eine Hand auf die dürre Schulter. Ich stellte mich indessen schlafend.

„Nie wieder.“ schwor ich mir in Rom. „Nie wieder gehe ich mit ihm auf eine Reise, die europäischen, nein, italienischen Boden verlässt.“

Doch es kam, wie es kommen musste. Er zog nach Deutschland – und fortan begann eine mehrjährige, geschmackliche Gewöhnungsphase für den Römer. Mittlerweile isst er gerne indisch, thailändisch, vietnamesisch und – so gar (aber das dauerte bis letztes Jahr im Dezember) rohen Fisch in Reis – oder Sushi, wie es korrekt heißt.

„Darf ich dich mal was fragen?“ wendete ich mich gestern an ihn während er mit seinen Stäbchen geschickt das Sushi in die Sojasauce tauchte. Er nickte bejahend und kaute zufrieden.

„Warum hast du fast 40 Jahre lang nur italienisch, albanisch und Mezze gegessen?“ erkundigte ich mich bei ihm.

„Es gibt einfach mehr italienische Restaurants in Rom als alles andere. Da hatte ich den Drang nicht, etwas Neues auszuprobieren. Mal aß ich ein Kebab, wenn ich von einer durchtanzten Nacht kam. Aber auch nur, weil alle italienischen Imbisse schon geschlossen hatten.“ antwortete er sehr ehrlich.

„Und jetzt? Wie findest du’s jetzt mit all den Möglichkeiten, die wir haben?“ hakte ich neugierig nach. „Gut. Wirklich! Aber die italienische Küche würde mir zum Überleben reichen.“ gab er grinsend zurück.

„Na dann! Finger weg von meinem Lieblings-Sushi.“ konterte ich. „Ti piacerebbe!“ [Das würde dir so passen!] hielt er dagegen und schob sich genüsslich eine Sushirolle in den Mund.

Wünsche ohne Barrieren

Da prangt sie also an unserem Kühlschrank – die 5-Zimmer Wohnung in der Via Dandolo in Rom. Wer sich durch die engen Gassen Trasteveres als Tourist durchgeschlagen hat, kommt selten in diese Ecke des Viertels. Große, mediterran eingefärbte Hausfassaden hinter hohen Mauern, keine touristische Attraktion weit und breit und doch: Für den Römer und mich ist es eine der schönsten Straßen Roms.

Sie werden sich fragen, was die Annonce dieser Wohnung an unserem Kühlschrank zu suchen hat.

Das möchte ich Ihnen gerne erklären: Die liebe Jeanette (ein großes Danke an dieser Stelle!) hat mich auf den -für mich- richtigen Podcast gestoßen, der mich inspiriert und meine Gedanken in klareren Bahnen fließen lässt.

Ganz am Anfang des Podcasts, in einer der ersten Folgen, geht es unter anderem um die Frage: „Wo siehst du dich in 3 Jahren, wenn es keine gedanklichen Barrieren gibt?“ Meine Antwort war schnell gefunden: „Die ganze Familie Farniente wohnt in Rom – und ich schreibe über die ewige Stadt und ihre Bewohner.“ Das wäre mein Wunsch – aus tiefstem Herzen.

Später an diesem Tag fragte ich den Römer eben diese Frage, die ich mir selbst gestellt habe: „Wo siehst du dich in 3 Jahren ohne gedankliche Barrieren? Das Unmögliche bleibt außen vor!“

Er stammelte etwas herum, wand sich und wollte sich in seinen „Unmöglichkeiten“ verfangen wie ein zappelnder Fisch am Hafen von Anzio. „Keine Barrieren!“ betonte ich noch einmal. Er atmete tief durch, schloss die Augen, hielt einen Moment inne und sagte: „Va bene! Telo dico?“ [Gut! Soll ich’s dir sagen?] Ungeduldig wie ich bin, erwiderte ich nur ein „sarebbe ora“. [Es wäre an der Zeit!]

„Oooookay…“ begann der Römer erneut. „Allora….“

Ich platzte fast vor Ungeduld und spielte nervös an meinem Ehering herum, bereit ihn in den tiefen der Espressotasse zu entsorgen, wenn er nicht bald seine Version des perfekten Lebens vor mir ausbreitete.

„Ich…also wir…wohnen in Rom. Testaccio, Trastevere, Centro Storico, das wäre mir egal. Riguardo al lavoro [Hinsichtlich der Arbeit]….hm…telo dico veramente?“ [Soll ich’s dir wirklich sagen?]

Dieser Mann treibt mich noch in den Wahnsinn! Jede buddhistische Weisheit ist hinfällig mit ihm und seinem Spannungsaufbau! Ich versuchte mich an das „Ertragen des Leidens“ zu erinnern und ertrug dieses Leid mit tiefen, fast schon Wehen veratmenden Atemzügen voller Ungeduld. Einatmen….3…4…5…Ausatmen…6…7…8. Spätestens in diesem Augenblick beglückwünschte ich mich zu dem damaligen Geburtsvorbereitungskurs.

„Bitte, ja.“ antwortete ich – ganz konzentriert auf meine Atmung.

„Okaaaaay… allora…“ [Okaaaaay…also….] fing er wieder an.

„NUN SPUCK’S ENDLICH AUS!“ schoss es aus mir heraus. „Huch! Woher kam das denn?“ fragte ich mich in Gedanken und lächelte den Römer entschuldigend an. Gleichzeitig machte sich ein Gefühl der Befreiung in mir breit. Dennoch: Ich habe wohl noch einen sehr langen, buddhistischen Weg vor mir.

„Scusa, allora, io vorrei lavorare come professore a una delle università di Roma. [Entschuldige, also, ich würde gerne als Professor an einer der römischen Universitäten arbeiten.]“ fing er an. „Teilzeit wäre super. Gleichzeitig habe ich meine eigene Praxis in Rom. Aber es ist unwahrscheinlich, dass ich jemals in Rom als Professor arbeiten kann. Ich bin kein richtiger Italiener und ich….“ versuchte er sich schon wieder zu limitieren. „Na, na, na! Es geht nur darum zu definieren, wo du hin willst. Der Rest kommt dann nach und nach.“ unterbrach ich ihn.

Nach einer kurzen Pause, setzte ich wieder an. „Wie schön, dass wir zur gleichen Destination wollen.“ Ich grinste. „Und noch schöner, dass wir darüber offen reden konnten.“

„Wie meinst du das?“ fragte der Römer irritiert. „Na ja, du willst nach Rom, ich will nach Rom. Das kann kein Zufall sein.“ begründete ich meine Aussage.

Wenig später fand man uns vor dem Computer, nach Traumhäusern suchen. Spontan verliebten wir uns beide in das Anwesen in der Via Dandolo. Ich druckte es aus, strich den utopischen Preis mit einem dicken Filzstift durch und hing es an den Kühlschrank. Dem überraschten Römer erklärte ich: „Man muss seine Ziele fest im Blick haben. So auch unser Haus. Vielleicht klappt es nicht in drei Jahren, vielleicht auch nicht in fünf, aber früher oder später wird alles so, wie wir es uns ausgemalt haben. Energie fließt in die Richtung, in die deine Gedanken gehen.“ kommentierte ich meine Idee. „Inshallah.“ antwortet er und grinst. „Genau, inshallah!“ antwortete ich und umarmte ihn.

Mindfulness

Wissen Sie, ich würde gerne etwas über „Mindfulness und Selbstoptimierung“ schreiben, weil man das momentan so macht. Ich hatte schon die genauen Zeilen im Kopf, sie waren wie in Stein gemeiselt als ich Signorino für sein Nachmittagsschläfchen ins Bett brachte. Dann beging ich den Fehler und setzte mich an den Laptop – neben den Römer.

Ich hatte noch nicht einmal das Wort „Mindful“ abgetippt, da fragte er: „Amoooore!“ fragte er. „Magst du auch eine Orange?“

Ich bedankte mich für den lieben Gedanken, schüttelte den Kopf und teilte ihm mit, dass ich jetzt gerne etwas schreiben würde. „Ah! Capisco! Non ti preoccupare. Non ti disturbo più.“ [Ah! Verstehe! Keine Sorge. Ich störe dich nicht weiter.]

Als ich gerade das U des Wortes Mindful tippte, hörte ich den Römer unter lautem Stöhnen wie er die Schale von der Orange zu befreien versuchte. Wenn Sie sich jetzt fragen, ob man nicht normalerweise die Orange von der Schale befreit, dann haben Sie absolut Recht. Aber vertrauen Sie mir: In diesem Fall war es eindeutig andersherum. Der Machtkampf begann und die Orange lag samt Schale mit weiter Führung vor dem Römer. Also musste Hilfe her. „Amoooore!! Aiutooo!“ [Schatz! Hilfe!] forderte er eben diese ein.

Ich atmete tief ein und zählte 21…22….23…. Dann wendete ich mich an ihn und fragte, womit ich ihm helfen kann. Natürlich wusste ich bereits das „Womit“, denn seit fünf Minuten beobachtete ich seinen Kampf mit der Orange. Aber ich wollte ihm die Chance geben, zu reflektieren und zurückzurudern, so dass ich meinen Text weiterschreiben hätte können. Sie sehen bereits am gewählten Konjunktiv, dass es nur ein ferner Wunsch bleiben sollte.

„Mazza, è difficile! Non pensavo!“ [Mannometer, das ist schwierig! Ich hätte es nicht gedacht!] beantwortete er mein „Womit“ und ich half ihm, die Orange von der Schale zu befreien. Zugegeben, es war ein sehr widerspenstiges Exemplar. Dennoch hätte man das Problem sicher im Stillen lösen kann.

Nachdem nun die Orange von der Schale befreit war, ich das Wort „mindful“ um das fehlende L ergänzte und weiter schrieb, kaute er auf seiner Orange herum.

Experten sagen: „Als Richtwert gilt, jeden Bissen etwa 30 Mal durchzukauen, bevor er geschluckt wird. Und das ist wichtig, denn kräftiges Kauen von Nahrung regt bei gesunden Menschen den Speichelfluss an.“ Glauben Sie mir, der Römer nahm diesen Rat mehr als ernst. Er kaute mit einer solchen Inbrunst, dass ich bei dem Wörtchen Meditation nur bis Med kam. Dann musste ich wieder absetzen.

„Schatz, entschuldige, aber könntest du etwas leiser kauen?“ fragte ich ihn bemüht freundlich. „Ah…già…certo! Scusa… mangio qualcos’altro.“[Ah…sicher! Entschuldige…ich werde etwas anderes essen]

„Meeeditation“ tippte ich nun zu Ende und versuchte mich wieder in meinem Gedanken einzufinden. Als das gelang und ich weitertippen wollte, kam der Römer zurück. Bemüht leise setzte er sich hin, beugte sich über sein Buch und öffnete eine Tüte. Er kaute wieder, diesmal Nüsse.

Ich weiß nicht in welcher Galaxie Nüsse kauen leiser ist als Orangen mampfen, aber so oder so, es muss eine unheimlich laute Galaxie sein. Das, oder man ist dort schwerhörig.

Ein Räuspern sollte ihn darauf aufmerksam machen, dachte ich. Also räusperte ich mich so wie man sich nur räuspert, wenn man von etwas (oder jemandem) genervt ist. Dann versuchte ich weiter zu schreiben. Leider hatte ich in der Zwischenzeit vergessen, WAS ich schreiben wollte.

Der Römer griff sich wieder eine Hand voll Nüsse. Und kaute. Ich guckte nun zu ihm hinüber und versuchte gegen meine Augen anzukämpfen, die sich zu funkelnden Schlitzen formen wollten. „Senti…“ [Hör mal…] setzte ich an.

Der Römer begriff. Zumindest dachte ich das: „Oh, scusa, amore! Hai raggione! Vuoi anche tu?“ [Entschuldige, Schatz! Du hast Recht! Willst du auch?] fragte er und hielt mir auffordernd die Nusstüte entgegen. Ich sammelte mich kurz, versuchte mein loderndes Pitta-Feuer in Zaum zu halten und bedankte mich dennoch für den netten Gedanken.

„Atmen. Ein- und ausatmen. Die Gedanken ziehen vorbei. Ich beurteile sie nicht. Ich beobachte sie nur und lasse sie auf mich wirken.“ versuchte ich mich zu beruhigen. „Schatz, entschuldige bitte, aber ich versuche gerade etwas zu schreiben und kann mich kaum konzentrieren.“ erklärte ich ihm mit einem sichtbar angestrengt-freundlichen Ton.

„Scusa, amore, scusa veramente. Dai, ti lascio in pace e mene vado.“ [Entschuldige, Schatz, wirklich. Komm, ich lass dich in Ruhe und gehe.] entschuldigte sich der Römer. Ich atmete beseelt auf.

Zurück zum Text: „Mindful sollte eine Meditation sein…“ stand da und ich überlegte, was ich genau schreiben wollte.

Da hörte ich ihn. Den Rasenmäher, der vom fröhlich hinter ihm hertrabenden Römer durch den Garten begleitet wurde. Ich überlegte kurz gegen den Rasenmäherlärm anzuschreien und den Römer darauf hinzuweisen, dass das nicht gerade zu meiner Konzentration beiträgt. Doch ich wählte einen anderen Weg.

Ich löschte den Großteil meines Satzes und ergänzte ihn mit „Mindfulness am Arsch.“ Danach klappte ich meinen Laptop zu. Ich ging in die Küche, machte mir einen Espresso und atmete tief ein und aus. „Mindfulness…pff“ murmelte ich und schüttelte ungläubig den Kopf.

Telefonate mit Rom

Ich liege in der Badewanne. Warmes Wasser plätschert aus dem Hahn, der Badeschaum türmt sich zu monströsen Gebilden auf, die wie Eisschollen an mir vorbeiziehen. Ein Duft von „Lavendel-Deluxe“ lullt mich ein. Zu hören ist nur das leise summen der Belüftung. Ich schließe meine Augen, atme tief ein und noch bevor ich ausatmen kann, zerschneidet ein lautes „Prontoooo“ die Stille wie ein warmes Messer das noch tiefgefrorene Zimtstern-Eis.

„Ma che?! Giovannino! Marco! Dove state?!“ [Ach was?! Giovannino! Marco! Wo seid ihr?!] ruft der Römer. Er sitzt im Wohnzimmer. Seine sonst so angenehme Stimme dröhnt nun bis ins sieben Meter entfernte Bad. Selbst dort hallt sie noch und überdeckt das leise Rauschen der Lüftung.

Ich vermute in diesem Moment, er telefoniert mit seinem Handy – und nicht, wie es die Lautstärke vermuten lässt, mit einem Dosentelefon, das mühsam aus Faden und alten Blechdosen zusammengeschustert wurde. Er schreit förmlich über den Brenner, der Schall trägt seine Stimme wohl weiter über die colli albani, die Albaner Berge, bis sie in Trastevere ankommt. Anders kann ich mir die Lautstärke nicht erklären.

„Si, si! Aspettate! Vi faccio vedere: Questo e‘ il salotto…“ [Ja, ja! Wartet! Ich zeig‘s euch mal kurz: Das ist das Wohnzimmer…] Der Römer erklärt ausführlich unsere Wohnung wie es scheint – per Videotelefonat. „Diese Dosentelefone werden auch immer moderner – sogar mit Video gibt’s die jetzt.“ denke ich und muss über meinen eigenen Witz lachen.

„Maaaa che!“ [Ach was!] donnert es nun aus dem Schlafzimmer. „No, viviamo in una delle città più care di Germania. Non abbiamo una stanza per il bambino!“ [Nein, wir leben in einer der teuersten Städte Deutschlands. Wir haben kein Kinderzimmer!] erklärt er lautstark. Dann hört man ein Lachen.

Nachdem er seine Hausbegehung beendet hat, gehen die zwei echten Römer und der Exilrömer nun dazu über sich gegenseitig zu beteuern wie sehr sie sich vermissen.

„Si, si! Aspetto un mese dopo la nascita del bambino, ma poi vengo subito a Roma. Senza dubbi!“ [Ja, ja! Ich warte ein Monat nach der Geburt des Kindes ab und dann komme ich sofort nach Rom. Ohne Zweifel!] brüllt er weiter ins Telefon. Meine linke Augenbraue huscht nach oben. Anscheinend fragt man in Rom nach, warum er nicht schon früher kommen kann. Doch unser Römer hat sofort eine Antwort parat: „Nooo, guardate: Io devo stare almeno 4 settimane con lei. Devo un po‘ aiutare. Sarà pesante per lei con un neonato!“ [Neeeein, schaut: Ich muss mindestens 4 Wochen bei ihr bleiben. Ich muss ein bisschen helfen. Das wird anstrengend für sie (also mich) mit einem Neugeborenen.]

Aha, anscheinend wir das nur anstrengend für mich. Wie gut, dass ich den Römer habe, der mir unter die Arme greifen kann. Ich verdrehe die Augen und schiebe einen Schaumberg nach links um das Quietsche-Entchen zu erreichen.

Meine Gedanken flüstern mir zu: „Nach vier Wochen will er nach Rom abhauen. Wovon träumt der nachts? Hihi, ich sag’s dir: Bald träumt er von gar nichts mehr, weil unser Bambino ihn nachts wach hält.“ Ich lache. Meine Gedanken beglückwünschen sich für diesen genialen Spruch.

„Non lo faccio piú qui! Devo venire per forza. Guardate, qui in Germania si va al letto alle 22!“ [Ich halt es hier nicht mehr aus! Ich muss unbedingt kommen. Schaut, hier in Deutschland geht man z.B. um 22 Uhr ins Bett.] schallendes Gelächter auf beiden Seiten des Brenners. Schallendes Gelächter aus der Badewanne. „Loooo so!“ [Ich weiß] prustet der Römer. „Poi praticamente la città e‘ morta. La sera non esce mai nessuno.“ [Dann ist die Stadt quasi tot. Abends geht niemand aus.] erklärt der Römer den anderen Römern die verfahrene Situation in „Germania“.

Ich frage mich zwischenzeitlich, ob er in den letzten drei Jahren hier gewohnt hat oder aber in einem kleinen, verlassenen Dorf im Rheingau. Hier geht man aus, hier ist man gesellig und es gibt genug Anlässe NICHT um 22 Uhr ins Bett zu gehen. Doch um mir diese Frage ausführlich zu beantworten reicht die Zeit nicht. Es geht schon wieder weiter im römisch-germanischen Gespräch.

„Noooo! Ascoltate: La vita non e‘ solo moglie, bambino e lavoro. Io ho bisogno di aria! Devo rispirare l‘aria di Roma, l‘aria d‘Italia. No, no, loro possono stare a casa. Io ho bisogno di passare un po‘ di tempo con voi!“ [Neeein! Hört mal: Das Leben besteht nicht nur aus Frau, Kind und Arbeit. Ich brauche Luft! Ich muss die Luft Roms atmen, die Luft Italiens. Nein, nein, die können daheim bleiben. Ich muss etwas Zeit mit euch verbringen!] röhrt der Römer weiter ins Telefon.

Aha. Macho-Modus an, denke ich – viel zu spät. Jetzt ist bis zum Ende des Gesprächs Hopfen und Malz verloren. Da geht er dahin: In die ewigen Jagdgründe des Sprücheklopfers, der daheim (schwangerschaftsbedingt) nicht mehr als „Si, amore mio. Subito, amore mio.“ [Ja, mein Schatz. Sofort, mein Schatz.] rausbringt. Hier sind also seine 15 Minuten „Alpha Tier“. Es sei ihm gegönnt.

„Hahaha!!!“ lacht es laut. „Ma cheeeee! Certo che mi ricordo. I tempi meravigliosi al campo (de‘ fiori). Con tutti i miei amori… e cuori.“ [Aber was! Natürlich erinnere ich mich. Wunderbare Zeiten auf dem Campo de‘ Fiori. Mit all meinen Lieben… und Herzen/Liebschaften.]

Ich lasse mich tiefer ins Badewasser sinken – nicht ohne meine Augen abermals zu verdrehen. Mein kugelrunder Bauch thront dabei erhaben aus dem Wasser wie ein toskanischer Hügel.

„Allora, ragazzi. Vi prometto di venire a Roma prima possibile, ma adesso devo andare – mia moglie si lamenta.“ [So, Jungs. Ich verspreche euch, dass ich schnellstmöglich nach Rom komme, aber jetzt muss ich los – meine Frau beschwert sich.]

Anscheinend leben der Römer und ich auf zwei verschiedenen Kontinenten der Wahrnehmung. Ich liege selig schweigend in der Badewanne und mache keinen Murks und er behauptet, ich würde mich beschweren, dass er so lange telefoniert. Interessant!

Er grölt seine Verabschiedung über die Alpen und legt auf. Kurze Zeit später öffnet sich die Tür des Badezimmers einen Spalt breit. „Amooooore, vuoi anche tu un té?!“ [Schatz, willst du auch einen Tee?] fragt er. Ich gucke ihn irritiert an. „Das ist aber nett von dir, wo ich mich doch so beschwert habe, dass du telefoniert hast.“ gebe ich schlagfertig zurück.

Er läuft rot an.

„Das war doch nur, weil ich keine bessere Ausrede wusste um das Telefonat zu beenden.“ gibt er kleinlaut zurück. „Na, wenn das so ist und du mich schon als garstige Ehefrau benutzt, dann hätte ich zum Tee auch gerne Vanille-Kipferl.“ gebe ich spielerisch-gekränkt zurück. „Si, amore mio. Subito, amore mio.“ [Ja, mein Schatz. Sofort, mein Schatz.] kommt zurück und der Römer eilt in die Küche.

Na, solange er nur ein scheinbarer Macho am Telefon ist, ist das schon ok.

Elda geht ins Ausland! (Teil 2)

[Für Teil 1 und Teil 2 bitte jeweils auf den Link klicken]

„Und die wäre?“ fragten der Römer und Elda unisono.

„Ich habe es mir lange und breit überlegt. Elda darf im Ausland studieren, aber nur dort, wo es Verwandte gibt. Singapur und London wären damit eindeutig vom Tisch. Ich möchte jemanden von meiner Familie in ihrer Nähe wissen.“ erklärte Besnik. „Eine Möglichkeit wäre z.B. Rom…“ setzte er an.

Doch Elda unterbrach ihn sofort: „Rom!?!? Papa! Wo in Rom vermutest du denn die erstklassigen BWL Unis? Da kann ich genauso gut in Tirana studieren.“ Sie schmollte. Der Römer warf ihr einen strengen Blick zu, der sie dazu bringen sollte, sich erst einmal alles anzuhören, bevor sie ihre Chancen verspielte. Doch ihr jugendlicher Übermut verhinderte, dass sie den Blick des Römers richtig deutete oder gar wahrnahm.

„Na gut, in den süditalienischen Dörfern gibt es keine Universitäten, die fallen also raus. Dann hätten wir noch Zürich…“ machte Besnik weiter.

Bevor Elda wieder ansetzen konnte, boxte der Römer sie leicht in die Seite, damit sie still ist. „Lass deinen Vater ausreden.“ zischte er.

„Dann natürlich Frankfurt, wo der Römer wohnt.“ zählte Besnik weiter auf. „Ja, Frankfurt hat einen guten Ruf, wenn es um Finanzwesen und um BWL geht. Aber die Spraaaache…“ Elda konnte es nicht lassen. Ihr jugendlicher Leichtsinn zwang sie förmlich dazu, all ihre Gedanken, taktisch unklug, auszusprechen.

„Und sonst würde noch Chicago bleiben. Das ist mir persönlich allerdings zu weit. Ich schicke doch meine Tochter nicht auf einen anderen Kontinent. Wo kämen wir denn dahin? Was würden die Leute sagen?“ führte Besnik weiter aus.

„Danke, Besnik. Ich denke, das sind ziemlich viele Informationen für Elda. Sie muss sicher erst einmal recherchieren und darüber schlafen.“ sagte der Römer, bevor Eldas Mund wieder Sätze los lies, die besser Gedanken geblieben wären.

Besnik und Flora mussten etwas erledigen. So blieben nur wir drei bei ihnen zu Hause. „Ich finde das blöd! Die große, weite Welt steht mir offen und ich soll nach Rom, Zürich oder Frankfurt? Pfff! Ich hab von London, Paris, Brüssel oder gar Singapur geträumt. Meine Freundin Ionnida studiert beispielsweise in New York. Ich sehe all ihre Bilder online und es sieht fantastisch aus.“ maulte Elda.

„Elda, Elda, Elda. Erst einmal: Am Ende des Tages sind es nur Bilder von Ionnida. Wer weiß, wie toll es wirklich ist? Du bist doch ein kluges Mädchen. Du bewirbst dich für Rom, Zürich und Frankfurt wie mit Besnik abgemacht. Dazu nimmst du noch Orte, die in der Nähe liegen. Das wäre beispielsweise Mailand, Genf, Berlin, vielleicht auch Brüssel? Orte, die von den Wohnorten deiner Familie schnell erreichbar sind. Es geht Besnik ja nur darum, dass du als Mädchen nicht allein im Ausland bist. Er hat Angst um dich.“ erklärte der Römer. Elda guckte ihn mit großen Augen an. Anscheinend war der Groschen jetzt gefallen. Ihr Vater hatte Angst um sie.

„Hm…. gar nicht mal so dumm. Wie weit ist London von Frankfurt entfernt?“ fragte Elda mit strahlenden Augen. „Zu weit.“ war die nüchterne Antwort des Römers. „Na gut, aber dein Tipp gefällt mir. Ich schau mir das mal genauer an.“ gab Elda zurück und setzte sich an ihren PC um zu recherchieren. So genau betrachtete sie die Europakarte das letzte mal im Geographie Unterricht in der 7. Klasse.

Wenig später stand fest, dass sie sich offiziell für die drei bekannten Städte bewirbt, inoffiziell noch für Brüssel und Mailand. Sie bereitete den Bewerbungsprozess vor und wartete nun auf Antwort der Unis. Wie auf heißen Kohlen saß sie da. „Und wenn mich alle Unis nehmen?“ fragte sie. „Dann besprechen wir zwei das zuerst und dann schlagen wir es deinem Papa vor.“ antwortete der Römer besonnen.

In diesen Tagen und Wochen des Wartens suchte Besnik das Gespräch mit dem Römer. „Wir müssen über etwas reden. Wenn ich ehrlich bin, ist mein Wunsch, dass sie in Frankfurt studiert. Seit dich deine Schwester als Alibi benutzte um sich mit mir treffen zu können, bist du wie ein kleiner Bruder für mich. Ich würde mich am wohlsten fühlen, wenn du ein Auge auf Elda hast- Deutschland hat einen grandiosen Ruf in Albanien, es kostet, aber nicht so viel wie Zürich. Ich würde mich einfach besser fühlen, wenn Elda bei euch wäre. Deswegen ist meine Entscheidung schon gefallen. Sie geht nach Frankfurt.“

„Ich verstehe dich. Uns wäre es eine Ehre deine Tochter bei uns zu haben. Frankfurt ist eine größere Stadt, aber keine Großstadt wie Berlin. Man kann alles mit dem Rad oder zu Fuß erreichen. Die Goethe Uni hat einen ausgezeichneten Ruf. Wir würden uns um deine Tochter kümmern als wäre es unsere eigene. Aber nun warten wir ab, was die Unis zurückmelden. Denn ich fürchte, es wird nicht leicht.“

[Fortsetzung folgt…]

Sprachlos vor Freude

Sprachlos – anders kann ich es nicht nennen. Ja, sprachlos trifft’s am ehesten. Oder „sono rimasta senza parole“.

Der Römer hat einen Job. Also, seinen Job.

Seit 1 1/2 Jahren arbeitet er – mal mehr, mal weniger zufrieden – in der Pizzeria seines (mittlerweile) guten Freundes „il capo“[Der Chef]. Erst wurde er als Pizzabäcker eingestellt, dann wurde er als Kellner gebraucht, was ihm gut gefiel, da er gerne ein Schwätzchen mit den Gästen hält. Gäste wurden zu Stammgästen, charmant und unterhaltsam wurde er zum Stellvertreter von il capo, wenn dieser nicht da war. Und das war er nicht oft, da er noch eine andere Pizzeria hat um die er sich kümmern muss. Als der Koch kündigte, wurde neu gewürfelt in der Pizzeria und da man einen Kellner einfacher fand als einen Pizzabäcker, wurde der Römer wieder zum Pizzabäcker. Er akzeptierte es, aber „soddisfazione“ [Zufriedenheit] sieht anders aus.

Dennoch: Es war nicht sein Traumberuf, den er jahrelang eifrig studiert und in Rom praktiziert hatte. Wer denkt, dass es für medizinische Berufe reicht, in der EU studiert zu haben, irrt sich leider. Jedes Bundesland Deutschlands hat ein anderes Anerkennungsverfahren mit viel Bürokratie. Im Dezember, als absehbar war, dass der Römer schon ein ordentliches Deutsch-Level (auch so ein Anerkennungskriterium) vorweisen konnte, begannen wir sämtliche Unterlagen in Rom anzufordern. Und das dauerte. Und dauerte. „Si fa le cose con calma“ [Man macht die Dinge in Ruhe] war die Divise in Rom. Im März holten wir die Unterlagen ab. Dann mussten sie übersetzt und beglaubigt werden. Wir schickten sie ein, doch das Sprachzertifikat fehlte noch. Das holen wir im August nach, da der Römer beim letzten Mal nicht bestand. Solange wird auch der Antrag nicht bearbeitet. Deutsche Bürokratie.

Letzte Woche passierte es dann. Es kam zu einem Zerwürfnis in der Pizzeria, das sehr unschön war. Der Koch rastete komplett aus, beschimpfte und bedrohte den Römer, seine Familie und alles, was ihm lieb war. Er, der Koch, war sowohl den Drogen als auch dem Alkohol mehr als zugeneigt und es eskalierte so, dass der Römer entschied, die Pizzeria an diesem Tag zu schließen. Er verständigte il capo, der sofort von der anderen Pizzeria angebraust kam. Die Pizzeria wurde zwei Stunden später wieder geöffnet und der Betrieb ging weiter. Diesmal ohne Koch. Doch ein bitterer Geschmack blieb. Und der Römer wollte, aus gutem Grund, mit dem Koch, der sich nicht das erste Mal so benahm, nie wieder zusammenarbeiten. Das teilte er auch il capo mit. Anstatt dem Koch fristlos zu kündigen (Gründe dafür hätte es einige gegeben), behielt il capo den Koch [Lui è un poveraccio, non ha una lira – Er ist ein armer Kerl, er hat keine müde Mark] und der Römer hielt sein Wort und erschien, mit Vorankündigung, nicht zur Arbeit.

3-4 Tage saß er also daheim, enttäuscht von seinem Chef, vom Leben, von allem. Und er vermisste seinen „richtigen“ Job – seine Berufung.

„Vielleicht ist das jetzt der blödeste Zeitpunkt oder aber der beste…“ fing ich an. „Es gibt da diese Stellenanzeige, die perfekt auf dich passen würde. Ja, ich weiß, du darfst noch nicht offiziell arbeiten.“ versuchte ich ihm gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Aber was spricht denn gegen ein Praktikum?“

Er hörte sich alles stirnrunzelnd an und schwieg. Das war zumindest ein gutes Zeichen, insofern es ein Zeichen dafür war, dass er darüber nachdachte. Ein langgezogenes „Okaaaaay.“ verließ seinen Mund. „Io dico di sì!“ [Ich sage ja!] antwortete er und lächelte. Wir schrieben zusammen ein Anschreiben, einen Lebenslauf, scannten seine Unterlagen, ließen Bewerbungsfotos machen und sendeten alles per Email an die Praxis. Das war der kleinste und leichteste Teil des Prozesses.

Zwei Tage später meldeten sie sich. Sie würden ihn gerne kennen lernen. In zwei Tagen. Das heißt, wir hatten zwei Tage Zeit um uns auf ein deutsches Vorstellungsgespräch vorzubereiten. Wir gingen häufige Fragen, ihre Bedeutung und ihre Antwort durch. Wir lernten neue Vokabeln. Tagelang hörte man den Römer nur Wörter wie „Dehnen“ und „Ganzheitlich“ murmeln. Gefolgt von „Können Sie sich bitte aufrecht hinsetzen?“, „Was haben Sie für Beschwerden?“ und „Sagen Sie mir, wenn das unangenehm ist!“. Um das Wissen besser wiederholen zu können, übte er diese Sätze mit Karteikarten.

Dann stand das Bewerbungsgespräch an. Man unterhielt sich über die Konditionen und am liebsten, so der Römer, hätten sie ihn morgen anfangen lassen, da es soviel Arbeit gibt. „Morgen“ konnte der Römer nicht anbieten, dafür aber Anfang September.

Als der Römer daheim war, fragte ich ihn, wie sie verblieben sind. Er konnte sich nicht erinnern, er wusste nur, dass er ein sehr positives Gefühl hatte. Das war natürlich ein bisschen wenig Information.

Deswegen schlug ich vor, am nächsten Tag eine Email zu schreiben um noch einmal sein Interesse zu bekunden. Wir formulierten eine sehr nette Email, die offenkundig zeigte, dass er sehr angetan ist. Wenig später kam eine positive Email der beiden Chefs zurück. Sie würden ihn gerne als Praktikant einstellen (zu überaus fairen Konditionen) und er solle sich kurz zurückmelden, dann würde man einen Termin finden um alle Details zu besprechen. Der Römer grinste von einer Backe zur anderen. „Ho capito bene? Mi prendono?!?!?!?“ [Habe ich das richtig verstanden? Die nehmen mich?!?!?!?!] fragte er vollkommen euphorisch und entgeistert. „Esatto!“ [Genau] antwortete ich. Er umarmte mich stürmisch. Dann klopfte er an meinen Bauch: „Hai sentito?! Prendono il tuo papà a lavorare!“ [Hast du das gehört? Sie nehmen deine Papa!] Er konnte sein Glück kaum fassen. „Oggi, pizza per tutti!“ [Heute, Pizza für alle] verkündete er. Ich musste lachen. Er verschwand mit einem „Inizio subito di preparare tutto.“ [Ich fange sofort an, alles vorzubereiten] in die Küche.

Zwei Stunden später saßen wir zufrieden kauend am Esstisch. „Che fortuna che ho!“ [Was für ein Glück ich doch habe] sprach er und konnte immer noch nicht aufhören zu grinsen. „C’è sempre un lato positivo diceva mia nonna. Ed è vero!“ [Es gibt immer auch eine gute Seite sagte meine Oma immer. Und das ist wahr!]