Samstagabend bei Rennemann‘s

[Liebe Leser:innen, dies ist eine rein fiktive Geschichte. Wie man Klavier spielen üben muss, so schreibe ich ab und an auch einfach mal so.]

Die Zeit hat ihn überholt, hier, an der Kasse bei Rennemann’s. Er steht da, leicht gebeugt und kramt nach Kleingeld, doch das Münzfach seines dunkelbraunen Lederportemonnaie gibt einfach nicht mehr her.

„Zwölf Euro zweiundsechzig.“, wiederholt die junge Kassiererin des Supermarktes stoisch und betrachtet dabei ihre langen, spitz zugefeilten Fingernägel.

„Moment, junge Dame.“, bittet er sie um einen kleinen, zeitlichen Aufschub. Das Wort „Moment“ betont er beinahe mahnend, dennoch klar, ruhig und deutlich. Das „junge Dame“ lässt er etwas sanfter klingen. Ja, durchaus etwas zugewandter. In etwa so als ob noch ein „bitte“ folgen würde. Wird es aber nicht. Als ehemaliger Vorstandschef weiß er um die Notwendigkeit der richtigen Betonung. Wie auch in den letzten 47 Berufsjahren behält er in dieser Situation die Oberhand. Er war Vorstandschef. Er muss sie behalten.

Hinter ihm wird die Schlange an Wartenden derweil länger und länger. Nein, mehr gibt das Münzfach bei ihm nicht her. Das war’s.

Ein paar Schlüssel, ein paar Euro, mehr hat Herr Prof. Dr. Nassauer nicht dabei

„Wird’s bald, Alter!“, ruft ein Jüngling von etwas weiter hinten. Er hält Dosenbier und eine Flasche Hochprozentiges in der Hand. Scheinbar hat er es eilig.

Sie alle scheinen es eilig zu haben: Der Vater mit dem quengelnden Kleinkind und dem Baby in der Trage, die junge Frau mit den Supermarktrosen und dem Tetrapack Milch, das Paar mit den beiden Aufback-Pizzas und der Dose Ananas. „Mensch, wir haben auch noch anderes zu tun an diesem Samstagabend. Wann anders kannste nicht einkaufen gehen, oder?“, mault der junge Mann den alten an.

„Nein, junger Mann. Das kann ich nicht. Ich bin gerade erst aus Genf zurück gekommen. Meine Haushälterin Magda hat sich leider ihr Bein gebrochen und so blieb mir….“, fing er ruhig und gewissenhaft an zu erklären, doch er wurde jäh unterbrochen. „Ja, whatsoever. Zahlen Sie doch jetzt einfach!“, pöbelt der junge Mann weiter.

„Junge Dame, Verzeihung…“, wendet der Ex-Vorstand sich nun flüsternd an die Kassiererin. „Ich habe nicht genug Barmittel dabei. Dürfte ich bei Ihnen anschreiben? Sie können auch Herrn Rennemann selbst über meine Kreditwürdigkeit befragen. Damals, Mitte der Achtziger, gab ich ihm höchst persönlich einen Kredit.“

Die blauen Augen der Kassiererin blicken ihn ausdruckslos an. Hat sie sein Anliegen überhaupt verstanden? Gelangweilt kaut sie ihren Kaugummi wie eine grasende Kuh auf der Alm.

“ ‘Ne EC-Karte hamse nicht?“, will sie Kaugummi schmatzend vom Ex-Vorstand wissen. „Nein, bedaure. Wissen Sie, in meiner Generation bin ich in gewisser Weise dem Bargeld verpflichtet. Normalerweise kauft meine Haushälterin ein, aber sie liegt mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus und deswegen…“, will der alternde Mann nochmal die Vorgeschichte seiner Misere erläutern. Doch auch die junge Frau an der Kasse lässt ihn nicht ausreden.

Ob das wohl ein Markenzeichen einer ganzen Generation ist? Dieses Gebaren, dass man sein Gegenüber nicht ausreden lässt?

„Frau Lankova-Maier: Bitte an Kasse 3. Wir haben hier einen mega Problemfall.“, dröhnt die Stimme der jungen Frau an der Kasse durch den ganzen Supermarkt. Noch bevor der Ex-Vorstand protestieren kann, dass er und diese einfach zu lösende Situation alles andere als ein Problemfall sind, steht Frau Lankova-Maier bereits an Kasse 3.

„Wie kann ich helfen?“, spricht die charismatische Frau Ende 50. Dabei wippt ihre blondierte Außenwelle leicht im Wind der Klimaanlage. Sofort fällt dem Ex-Vorstand die verblüffende Ähnlichkeit mit Farrah Fawcett auf. „Der Mann da kann nicht zahlen, will aber auch nicht gehen.“, erklärt die junge Dame an der Kasse und zeigt mit der Handfläche auf den Ex-Vorstand.

„Gestatten, Herr Prof. Dr. Nassauer. Meines Zeichens ehemaliger Vorstand der FraBa AG.“, stellt der Ex-Vorstand sich hastig vor. Er guckt in zwei Paar blaue Augen, bei denen der Groschen nicht so recht fallen will. „FraBa – Die Bank. Sie wissen schon.“, schiebt er erklärend hinterher. „Ah. Nicht FraBan, der neue Vietnamese in der Münchner Straße. Hab mich schon gewundert…“, murmelt die Junge.

Die Marktleiterin, Frau Lankova-Maier, greift den angerissenen Gesprächsfaden auf. „Freut mich, Herr Prof. Dr. Nassauer. Haben Sie denn eine EC-Karte, eine Kreditkarte oder vielleicht Treuepunkte, die wir benutzen könnten?“, versucht die Marktleiterin von Rennemann’s die Situation auf den richtigen Weg zu bringen. „Bedaure sehr! Außer meiner exzellenten Reputation, die Sie sehr gerne bei Herrn Rennemann persönlich erfragen können, kann ich im jetzigen Moment nichts vorweisen.“, antwortet der Ex-Vorstand galant.

„Verstehe.“, nickt die Marktleiterin und lässt einen kurzen Blick über seine Einkäufe gleiten. Der günstige Aufschnitt der Eigenmarke, eine Flasche Pils, eine Packung Nassauer Schnittbrot, alkoholhaltige Pralinen (die teuren) und eine Packung Cocktailtomaten.

„Herr Prof. Dr. Nassauer.“, setzt die Marktleitung an und nimmt ihn kurz beiseite. „Wie viel Geld haben Sie denn dabei?“ Nassauer weiß es ganz genau. Generell weiß er, wenn es um Finanzen geht, alles ganz genau. Bis auf den Cent. Das war schon immer so. Schließlich war es seine beinahe chronische Genauigkeit, die ihn die Karriereleiter erklimmen ließ, damals, Ende der 70er Jahre. „Elf Euro und sechsundvierzig Cent und einen Pfandbon von fünfzig Cent. Das macht Summa Summarum elf Euro und sechsundneunzig Cent.“

Ilona, wie Frau Lankova-Maier mit Vornamen heißt, denkt nach. „Paulina? Zieh bitte meine Personalkarte über die Kasse.“, weist sie die junge Kassiererin an und gibt ihr ihren Rennemann-Ausweis. „Zieh von dem Einkauf meine 20% Personalrabatt ab!“, flüstert sie ganz leise.

Paulina guckt irritiert, nickt dann und tut das, was die Marktleiterin ihr anwies. „10,09 € bitte.“, spricht Paulina immer noch unbeeindruckt. Herr Prof. Dr. Nassauer zahlt den Betrag und lächelt.

Ilona will gerade gehen, da hält Herr Prof. Dr. Nassauer sie auf. „Frau Lankova-Maier, wie kann ich Ihnen das danken?“, will er mit fester Stimme wissen. Sie mustert ihn nun etwas genauer. Ein gut aussehender Mann, schick gekleidet, graues, aber volles Haar, braun gebrannt, Gesichtszüge wie ein Feldherr und groß gewachsen.

„Herr Prof. Dr. Nassauer, Sie brauchen mir nicht zu danken. Man tut, was man kann, hier, bei Rennemann‘s.“, gibt Ilona charmant zurück.

„Bitte, nennen Sie mich Lorenz. Frau Lankova-Maier, ich hoffe Ihnen nicht zu nahe zu treten, wenn ich Sie ins Café einladen möchte?“, lächelt der Ex-Vorstand. Ilona, deren Doppelname nur das Relikt einer von vor 10 Jahren gescheiterten Ehe ist, lächelt zart. „Herr Prof. Dr. Nassauer, Lorenz, wie könnte ich so eine Einladung ablehnen? Darf ich Ihnen auf meine Visitenkarte meine private Telefonnummer notieren?“, fragt Ilona charmant nach. „Aber selbstverständlich! Es wäre mir eine Freude.“, gibt Lorenz zufrieden zurück.

Nach kurzem Gespräch trennen sich die Wege der beiden vorerst. Beide ziert ein zartes Lächeln, das einen sanften Neubeginn beschreibt. Was für ein Samstagabend bei Rennemann‘s!

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