Mal eben Sommer in Frankfurt

Die Hitze hat Frankfurt erreicht. Es wurde auch Zeit, denke ich in meinem luftigen Sommerkleid.

Am frühen Freitagnachmittag treffe einen Freund in der Stadt. Wir gehen ins Rosalie, das schon längst kein Geheimtipp mehr ist. Dort lassen wir uns einen Eistee und ein spätes Mittagessen schmecken. Er müsse nur ganz kurz in die spanische Fast-Fashion-Kette seiner Wahl – nur mal eben was gucken – sagt mein Freund.

‚Ganz kurz’ hört sich für mich nach ‚schnell vorbei an‘. Eben mal nach etwas schauen und dann raus aus dem miefigen Laden.

Aber wir haben vermutlich eine unterschiedliche Definition von ‚ganz kurz‘.

Angekommen bei dem Laden fahren wir in den ersten Stock, wo sich die Herrenabteilung befindet. Es riecht nach Polyester und irgendwer ist im Verlauf des Tages wohl in ein Fass Moschus gefallen. Dieses ‚ganz kurz was gucken’ entpuppt sich recht schnell als ein ‚mal eben nach ein, zwei, drei Polohemden shoppen‘.

Ich stehe etwas unnütz neben einer Herrenhandtasche, die die perfekten Maße hat, genau drei Flaschen Wein zu beherbergen. Interessiert gucke ich ins innere, ob sie auch über Abtrennungen verfügt, damit die Flaschen nicht ständig aneinander schlagen. Dem ist nicht so. Anscheinend hatte der Designer nicht die gleiche Intention wie ich.

“Du, ich guck mal zu den Damen.”, sage ich und schlendere vorbei an den Rolltreppen in die Damenabteilung. Mir dämmert wieder, warum ich seit einem Jahr nur noch gebrauchte Klamotten aus ordentlichen Stoffen kaufe. Hier riecht es nach Plastik und Parfüm, das sich mit Schweiß mischt. Ein feucht-schweißiger Oberarm drückt sich an meinen, während ich die Kleider lustlos durchblättere wie einen langweiligen Roman.

Ich beschließe, dass es nun genug des Guten ist und trotte zur Kinderabteilung. “Bin in der Kinderabteilung”, schreibe ich meinem Freund, der noch immer ‚mal eben‘ in der Herrenabteilung guckt. Auch in der Kinderecke findet sich nur Ramsch. Darunter sehr kurze Shorts für Mädchen und allerhand stylische Schuhe für Kinder, die gerade laufen lernen. Auch hier werde ich darin bestätigt, weiterhin Signorinos Klamotten gebraucht zu kaufen.

Schließlich gehe ich wieder durch eine schwer in der Luft liegende Plastik- und Parfümwolke zurück zur Herrenabteilung. Der, der nur kurz gucken wollte, steht an der Herrenankleide an.

In meinem ganzen Leben habe ich noch nie eine Schlange vor einer Herrenankleide gesehen. Aber hier ist sie: Die fleischgewordene Schlange. Auch die Moschusquelle steht hier an, denn der Moschusgestank wird penetranter, je näher ich komme. “Ich hab jetzt drei Polo-Shirts ausgewählt.”, erklärt mir mein Freund und nicke .

Es ist beinahe so als wäre ich mit Signorino unterwegs. „Mama, gehen wir nur ganz kurz auf den Spielplatz!”, spricht dann der Sproß, während ich es abnicke und dann stundenlang an eine unbequeme Spielplatzbank gebunden bin.

“Mir ist ein bisschen blümerant.”, murmle ich und zeige zur Rolltreppe, die nach unten führt. “Ich fahr mal eben nach unten.”

Der, der nur kurz was nachgucken wollte, nickt. Die Schlange vor der Umkleidekabine steht eben so still wie die Luft in dieser Einkaufshölle.

Im Erdgeschoss blättere ich mich durch die nicht reduzierten Teile. Eine Dame neben mir ist erstaunlich routiniert bei ihrem Shoppingvorgang. Vermutlich, weil sie hier sein will und nicht hier sein muss.

Mit geübtem Blick erspäht sie ihre Beute und schleift sie in die Umkleidekabine. Ich erspähe nichts, nur einen resignierten Endzwanziger, der auf seine Freundin wartet. Er sitzt breitbeinig, mit vorgebeugtem Oberkörper auf den Treppenstufen, die in ein Halbgeschoss führen, und starrt in sein Handy.

Der Sicherheitsmann an der Eingangstür mustert die Besucher:innen und geht, wann immer es möglich ist, ein paar Schritte auf die Klimaanlage zu, die mitten im Raum steht.

Lustlos befummle ich eine Leinenbluse. Leine! Mit Baumwolle. Sie gefällt mir nicht.

Da kommt mein Freund mit der Rolltreppe und seiner Beute vom erstem OG ins EG gefahren. Er rollt mit den Augen.

“So viel los hier!”, mault er und ich frage mich, was er erwartet an einem Freitagnachmittag in den Sommerferien.

Schlussendlich gehen wir zur Eisdiele. Wir schlängeln uns ein bisschen hier und da durch die Innenstadt, um nur nicht über die Zeil zu müssen. Nicht, dass der Freund noch irgendwo anders ‚mal kurz was gucken’ muss.

Die Eisdiele ist klein und hat ganz gute, nicht zu langweilige und nicht zu abgefahrene Geschmacksrichtungen.

Vor uns ist ein Pärchen an der Reihe. Sie mustert die Eissorten lang und breit.

Vermutlich, weil sie kein Wort Deutsch versteht und eben alles nur auf Deutsch angeschrieben ist. “Am besten gleich beim Hereinkommen die große Tafel mit den Eissorten mustern! Das hält hier wahnsinnig auf!”, pflaumt die Eisverkäuferin die Dame an und ich frage mich, ob es die Hitze ist, die ihr die Laune verhagelt. “Benutzt ihr Zucker?”, fragt der Partner der Dame, die sich ihr Eis eben in Ruhe ausgucken will. “Ne, nur die Süße aus Früchten! Wir brauchen keinen Zucker!”, gibt sie schnippisch zurück.

Der Kerl nickt. Dann bestellt er irgendetwas mit Zartbitter. Die süße aus der Kakaobohne muss ihm wohl reichen.

Als wir dran sind, bestellen wir so schnell wie sich die Eisverkäuferin das vorstellt. Aber es hebt nicht wirklich ihre Laune. „Bevorzugt: Kartenzahlung!“ steht auf einem Schild und ich zahle brav mit Karte.

Ich habe noch nicht mal meine Karte richtig gescannt, da verschwindet die Eisverkäuferin schon in den hinteren Teil des Ladens, ohne sich zu verabschieden.

Auch ohne Zahlung hätte ich vermutlich gehen können. Sie hätte es gar nicht mitbekommen. Vielleicht muss sie ‚mal eben‘ dringend auf die Toilette.

Draußen sitzen wir auf einer Bank und schlecken unser Eis. Es ist wirklich lecker und nicht so übersüßt. Zitrone-Basilikum ist angenehm ausgewogen, genau wie Mango.

Neben uns sitzt eine volltätowierte Mama mit ihrem relativ kleinen Baby. Das Kind im rosa Strampler mag drei Monate alt sein. Neben ihr eine ebenso bunt tätowierte Freundin. „Ich find das unmöglich! Nach fünf Tagen bei meiner Mama setzt sie uns quasi vor die Tür und wir müssen wieder heimfahren. Weißt du, ich hab ja quasi immer Zeit in meiner Elternzeit, aber es sind immer nur fünf Tage bei ihr. Nie länger!“, beschwert sie sich bei ihrer Freundin. Die nickt und schleckt ihr Eis. Dann sagt sie: „Du, die Windel ist ganz schön voll!“ und die Mutter riecht am Kind.

Währenddessen frage ich mich, ob man nach fünf Tagen aufeinander hocken mit seinen Lieben nicht freiwillig nach Hause will. Fünf Tage – das ist beinahe eine Woche. Wer will da nicht freiwillig in sein vertrautes Leben schlüpfen ohne das Herumgeeier und die Rücksichtsnahme?

Am Ende fahre ich mit der S-Bahn heim und gehe nach Hause. Auf der Parkbank vor unserem Haus sehe ich zwei bekannte Gesichter: Turtle und Signorino. Sie haben auf mich gewartet. Das ist der schönste Teil des Tages! Das Kind läuft mit Socken über den Teer und begrüßt mich. Die Tante, die meine Schwester ist, drückt mich.

Tantentage sind die besten, weiß ich von Signorino. Und wehe Mama oder Papa holen den jungen Mann vom Kindergarten ab. Nur Tante Turtle darf das! Sonst ist das Geschrei groß!

Die beiden hatten einen wunderbaren Tantentag: Eis, das es bei Tante Turtle immer mit Sahne, Eistüte als Hut und Schokosauce gibt, ein Ausflug zur Spielzeugabteilung der hiesigen Drogerie mit einer geduldigen Tante, die Signorino nicht von den Spielsachen wegzieht, ein kleiner Miniaturtraktor als Geschenk, dann eine Runde zum Supermarkt für einen Eiseinkauf für alle und ab nach Hause, wo Papa bereits wartete.

Am Ende bin ich froh, auch endlich daheim zu sein. Bei Turtle, dem Römer und Signorino. Wir schlecken das gekaufte Eis, das die beiden ausgewählt haben (sehr lecker!) und niemand will mal ‚kurz etwas gucken‘ oder wird angemotzt, dass er sich zu langsam entscheidet.

Ja, am schönsten ist‘s doch daheim!

10 Kommentare

    • Ja, oder? Ich seh förmlich meine Lebenszeit ablaufen, während ich derangiert im Laden stehe. Die Sitzecke wäre die Idee gewesen, aber der Fast-Fashion-Laden hatte leider keine. Nur die (stille) Wartetreppe. 😄

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  1. Oje…ja im Sommer sind diese Läden noch anstrengender. Vermutlich weil dann der ganze Mist ausdünstet, der in den Stoffen hängt.
    Super geschrieben und obwohl ich froh bin, dem bösen Blick der Eisverkäuferin entgangen zu sein, habe ich jetzt Lust auf Eis!

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