Eine ganz direkte Frage

Seit einem Jahr kennen wir uns jetzt schon – oder noch länger, wenn Sie meine alten Blogs dazu zählen. In diesem Fall haben wir schon zwei (Blog-)Umzüge zusammen gestemmt. Es waren nicht nur Umzüge von einem Blog zum anderen, sondern viel mehr Umzüge von einer Lebensphase zur anderen. Da wird es an der Zeit, dass ich Ihnen nun intimere Fragen stelle. Die erste Verliebtheit unserer Beziehung ist vorbei und genau das gibt uns Raum uns noch besser kennen zu lernen.

Ich frage Sie ganz direkt und ungeniert:

Haben Sie sich Ihr Leben so vorgestellt wie es heute ist? Oder ging es in eine ganz andere Richtung? In eine bessere? In eine schlechtere? Haben Sie verwirklicht, was Sie vor Jahren wollten? Verwirklichen Sie sich vielleicht gerade? Und die allerwichtigste Frage: Sind Sie zufrieden mit dem Leben, das Sie jetzt haben?

Nehmen Sie sich ruhig einen Augenblick Zeit. Die Fragen sind nun wirklich nicht leicht zu beantworten. Lehnen Sie sich zurück, denken Sie nach, gehen Sie in sich.

In der Zwischenzeit werde ich Ihnen die Frage von meiner Warte aus beantworten.

Ich habe mir mein Leben teilweise so vorgestellt wie es heute ist. Mich lockte immer schon das Abenteuer, ich hätte aber nicht gedacht, den Mut zu haben als fliegendes Personal durch die Welt zu reisen. Mich macht froh und glücklich nie die „Sicherheit“ gewählt zu haben, sondern immer das Abenteuer. Mein ungeliebter, aber sehr stabiler Job musste daran glauben. Meine Eltern waren enttäuscht und wissen Sie, das mag nun kindisch klingen, diese Enttäuschung sagte mir, dass ich genau das Richtige mache. Denn ich machte das, was MICH glücklich macht. Nicht die anderen.

Mit meinem Mann gibt es viele Konflikte – aber fruchtbare. Und das ist der Unterschied zu meinen vorherigen Beziehungen. Wir bereichern uns mit unseren Meinungsverschiedenheiten. Es gibt keine Gewinner und keine Verlierer bei unseren Streitigkeiten, denn – so schmalzig das klingen mag – wir gewinnen beide: Neue Ansichten – neue Denkweisen – neue Ideen. Wir haben den großen Vorteil, dass wir 11 Jahre Altersunterschied haben. Denn er ist ruhiger, sieht viele Dinge anders, die ich in meinem Tatendrang übersehe oder mit Missachtung strafe. Ich hingegen stachle ihn an – motiviere ihn mit 40 Jahren seinen PhD zu machen, denn das ist sein Traum. Und Träume muss man verwirklichen.

Ich habe Freunde gefunden, die für mich die Wolldecke an kalten Tagen sind. Sie geben mir ein Zuhause, auch weit weg von Zuhause. Sie verstehen mich und sie geben mir das Gefühl, dass ich genau so in Ordnung bin wie ich bin. Sie sind nicht missgünstig, sie sind nicht auf ihren Erfolg aus, auch neidisch sind sie nicht. Sie unterstützen mich und oft bringen sie meine Gedanken in eine logische Reihenfolge, auch wenn diese in meinen Erzählungen zusammenhangloser nicht sein könnten.

Frankfurt als meine neue Heimat macht mich sehr glücklich. München erdrückte mich und raubte mir die Luft. Es war nicht meine Stadt, obgleich ich dort aufgewachsen bin. Frankfurt gibt mir Raum, lässt mich durchatmen und nimmt nicht alles so ernst. Frankfurt lässt mich mit meinen Nachbarn quatschen und nahm mich offen auf. Frankfurt bietet mir die Heimat, die ich nie hatte. Und sollte es mir langweilig werden, gibt es noch das Tor zur Welt: Den Flughafen.

Ich habe meinen Traum verwirklicht Italienisch sprechen zu können. Nun suche ich nicht mehr minutenlang nach Wörtern und denke über die Satzkonstruktion nach. Nein, ich kann Italienisch denken und sprechen gleichzeitig. Mir fehlen keine Wörter mehr. Und falls doch, kann ich sie umschreiben. Ziemlich gut für jemanden, der an der norditalienischen Uni nur einen A1.1 Kurs gemacht hat. Darauf bin ich stolz!

Ich habe mir das Muttersein ganz anders vorgestellt. Es ist schlichtweg wunderbar – wunderbar und anstrengend! Stellen Sie sich vor, Sie sind frisch verliebt. Für immer! Die ganze Gefühlsachterbahn mit diesem kleinen Minimenschen. Manchmal weinen Sie, weil sie Größe 56 aussortieren und wenn Sie das erste laute Lachen hören, heulen Sie vor Freude. Es ist mein Lieblingsgeräusch, wenn ich Signorino laut und grunzend lachen höre. Dieser kleine Mensch, dieser große Charakter, die Willensstärke und Unlust, manche Dinge zu tun. Die Liebe, die ich spüre, wenn mich nachts seine kleine Hand sucht. Diese großen, neugierigen Augen, die mich forschend angucken. Sein Lachen, wenn ihn der Römer „amore mio“ nennt. Sein Grinsen, wenn man ihm sagt, dass er heute aber besonders schick gekleidet ist. All das lässt mein Mutterherz überlaufen.

Ein Buch will ich immer noch schreiben. Im Ausland will ich immer noch wohnen – begrenzt oder unbegrenzt – das wäre mir egal. Mehr Geld würde ich gerne verdienen, aber wenn es gleichzeitig heißt, dass ich dann meine Lebenszeit verkaufen muss, da ich ständig arbeite, verzichte ich lieber darauf. Umziehen würde ich gerne in etwas größeres – gerne mit Garten. Vielleicht ein Eigenheim? Beginnen würde ich gerne ein Studium – darum kümmere ich mich gerade. Denn mit der Geburt meines Kindes kam gleichzeitig mein Ehrgeiz und meine Motivation zurück. Diplomatischer will ich werden. Wissen Sie, früher habe ich mir alles gefallen lassen und habe nie etwas gesagt. Mittlerweile sage ich etwas – schieße aber gerne über das Ziel hinaus. Ein diplomatischer Mittelweg wäre gut.

Mein Leben ist vielleicht nicht so wie ich es mir vor Jahren vorgestellt habe. Aber diese Version gefällt mir sehr viel besser. Denn ich sah mich eher mit einem sehr gesitteten Bayern in einem Münchner Vorort als mit einem italo-albanischen Feuerwerk in Frankfurt. Ich sah mich eher in einem biederen Bürojob als in einer reisenden Tätigkeit. Mit einem Auto sah ich mich eh – aber wer braucht das schon in Frankfurt? Man findet doch eh keinen Parkplatz. Und ich sah mich eher den anderen nickend zuzustimmen als für meine eigene Meinung einzustehen.

Verzeihen Sie mir die Ausdrucksweise, aber das Leben ist geil! Mir macht es Spaß, auch wenn es anstrengend ist. Und das Geilste ist: Es kam nie so wie ich es wollte. Sondern letzten Endes immer besser.

Danke. Auf Wiederhören.

„Ach, macht’s doch allein!“ möchte ich meinen Familienmitgliedern zurufen. „Macht’s doch einfach allein. Dann spar ich mir die Zeit, den Schweiß und das tiefe Einatmen.“

Mein Papa möchte seinen 70. Geburtstag feiern. Nächstes Jahr. An Pfingsten. Weil er ein Frühsommerkind ist und weil Pfingsten gut passt. Die Wiesen blühen im Voralpenländischen und der hübsche Löwenzahn, seine Lieblingsblume, schmückt diese fast schon verschwenderisch-prachtvoll.

Doch bis wir meine Mutter soweit hatten, dass sie zustimmte, an diesem speziellen Tag in die Pension Baumgartner zu fahren, vergingen Wochen. Oder Monate. So genau erinnere ich mich nicht mehr. Meine Mutter wollte uns den Aufwand nicht zumuten 400km durch Deutschland zu fahren. „Der Pfingstverkehr! Alle fahren’s da.“ war ihr Argument. „Aber Mama, wo ist denn der Unterschied? Ob wir nun 350km zu euch oder 400km zu eurer Lieblingspension fahren? Wir sitzen ja dann eh schon im Auto.“

Irgendwann packte ich das Totschlag-Argumente jeder bayerischen Hausfrau aus: „Aber Mama, schau doch mal: Wir fahren alle in die kleine Frühstückspension, die sich Papa wünscht. Und du hast keine Arbeit. Es muss kein Kuchen gebacken werden, die Gästezimmer in eurem Haus müssen nicht geputzt und vorbereitet werden und du kannst dich einfach auf den Balkon mit dem Blick auf den Wendelstein verziehen, wenn’s zu viel wird.“ Sie blinzelte zweimal. Das machte sie immer, wenn sich die Idee in ihren Kopf frisst. So als ob die Augen versuchen würden, die Idee noch schnell wegzuwischen bevor sie sich zu tief eingräbt.

„Hm…joa! Okay, Mausi ( so werde ich nach fast 30 Jahren immer noch gennant), dann mach ma des so!“ sagt sie. „Aber wer kümmert sich dann um die Buchungen? Wer organisiert alles? Ich mag einfach koan Stress mehr ham!“ Turtle guckt mich an. Und ich guck Turtle an. „Wir beide machen das.“ antworten wir unisono. „Ah ja, gut. Dann macht’s ihr zwei des!“

Papa grinst zufrieden am Tisch. Und mir hätte das Grinsen vergehen sollen. Das ahnte ich aber damals noch nicht.

Ich fragte erst einmal alle Geschwister, ob sie Zeit hätten. „Ganz modern – via Smartphone.“ wie der Papa sagt. Innerhalb von 15 Minuten hatte ich alle zusagen und machte mich ans Werk. Ich schrieb der Pension Baumgartner eine Email. Mühsam gliederte ich die verschiedenen Familienzusammensetzungen und Zimmerwünsche auf. Ein Doppelzimmer – aber mit Zustellbett – für meinen Bruder + Anhang. Ein Einzelzimmer, aber möglichst nicht bei den Zimmer mit den Kindern. Turtle schläft gern aus. Ein Doppelzimmer (Nr. 37! Unbedingt!) für unsere Eltern. Wegen dem schönen Wendelsteinblick. Ein Babybett für den Bambino.

Sehr nett antwortete mir Frau Baumgartner. Aber sie ging nicht auf eine einzige meiner Fragen ein. Sie schrieb nur: „Wir haben genug Zimmer für alle. Kein Problem. Und ganz neu: Unsere Premium Zimmer in der oberen Etage. Die san herrlich, weil die a kloane Couch drin haben.“

„Danke, liebe Frau Baumgartner, aber ich müsste die Zimmer so und so und so reservieren. Was können Sie uns denn vorschlagen?“ fragte ich die nette Dame. Prompt kam eine Antwort zurück. „Ah, mit dem Babybett, des wird eng in den normalen Zimmer. Da müsst ma die Bergblickzimmer reservieren.“

Währendessen stand ich mit meinem Vater im ständigen Kontakt. Noch ist seine Demenzerkrankung noch nicht so ausgeprägt, dass er nicht mehr reise- oder zurechnungsfähig ist. Aber man merkt trotzdem, dass es nicht mehr so einfach ist wie früher. „Buch halt einfach irgendwas! Aber für uns die Nr. 37. Oder Nr. 38. Die haben doch den schönen Wendelsteinblick. Und des gfällt da Mama so gut!“

Frau Baumgartner schlug mir unterdessen vor, dass „mir zwei beide“ besser telefonieren. „Sie kennen ja unser Haus gar net. Des muss ich erklären.“ Ich rief sie also an. Sie erklärte mir die Möglichkeiten und die dazugehörigen Zimmernummern. „Mir san ja a ganz kleines Haus. A Familienpension. Deswegen erklär ich Ihnen des. Damit Sie sich des besser vorstellen können.“ Am Schluss einigten wir uns auf die neu renovierten Zimmer in der obersten Etage – alle mit Wendelsteinblick. Ich rief meinen Vater an und informierte ihn, dass es nicht Nr. 37 oder 38 wird, sondern was besseres. „Aha.“ sagte er kurz und knapp. „Ja, gut. Danke. Auf Wiederhören!“ So beendet er mittlerweile all seine Gespräche – egal ob mit der Familie oder nicht. „Ihnen auch – Auf Wiederhören.“ gab ich zurück und musste grinsen. Fünf Minuten später rief er noch einmal an.

„Also, nächstes Mal buch ich’s lieber selber. Nr. 37 oder 38 wär mir lieber. Aber gut, jetzt ist’s schon so.“ lamentiert er sich. Noch so ein Nebeneffekt der Demenz. Das Beste interessiert ihn nicht. Er will nur noch das, was er bereits kennt. Das vergesse ich leider manchmal. „Nach sieben Emails mit Frau Baumgartner und zwei Telefonaten würde ich ungern was ändern. Aber du kennst sie ja gut. Ihr seid ja Stammgäste. Sag ihr doch, dass du lieber in die Nr. 37 oder 38 willst.“ versuche ich zu beschwichtigen. „Naaaa! Des basst jetzt scho. Aber nächstes Mal würd ich’s lieber selber buchen.“ nörgelt er weiter. „Ja, Papa, nächstes Mal machst du’s einfach selber.“ gebe ich auf. „Danke. Auf Wiederhören!“ verabschiedet er sich.

Weitere fünf Minuten später ruft meine Mama an: „Mausi, gut hast des gmacht. Lass dir da nix einreden. Des ist die Krankheit. Des is net dei Papa. Ich bin gern in den Premiumzimmern. Da schlaft ma viel bequemer.“ versucht meine Mama mich aufzumuntern. „Danke, Mama. Ich habe mich wirklich angestrengt es allen Recht zu machen.“ sage ich geknickt. „Ich weiß, Mausi. Und ich bin sehr stolz auf dich. Da Papa mag halt keine neuen Zimmer, weil er sich an den alten Sachen festklammert. Des gibt ihm Sicherheit, wenn sein Kopf ihm schon ab und zu Streiche spielt. Lass dich net so runterziehen.“ Das Gespräch mit meiner Mama hat den selben Effekt wie eine heiße Tasse Kakao und Pfannkuchen mit Aprikosenmarmelade an einem verschneiten, grauen Tag. Danach geht’s mir wieder gut.

Ich mag nicht mehr. Sollen sie doch nächstes Mal alles selber buchen. Aber ohne mich.

Danke. Auf Wiederhören.

Meinungsäußerung verboten

Als ich noch nicht schwanger war, hätte ich es nicht für möglich gehalten.

Die Schwangerschaft wird zum öffentlichen Event.

Jeder – und zwar wirklich jeder – hat eine Meinung zu meiner Schwangerschaft. Das würde mich auch wenig stören, wenn mein Gegenüber es für sich behalten könnte.

Da fragt die Verkäuferin im hiesigen Supermarkt wie „weit ich bin“. „Im 6. Monat.“ antworte ich freudig. „Aaaaaach! Da stimmt aber was nicht?! Ihr Bauch ist ja viiiiiiel zu klein. Haben Sie das mal mit dem Frauenarzt besprochen?“ antwortet sie belehrend.

Nein, gute Frau, habe ich nicht. Denn, wenn etwas nicht in Ordnung wäre, bin ich mir sicher, dass mein Frauenarzt mir das in den letzten, monatlichen Untersuchungen ganz sicher mitgeteilt hätte.

Eine Kollegin des Römers begrüßt mich letztens fröhlich in der Arbeit. Ihr Blick wandert automatisch auf meinen Bauch. An diesem Tag trage ich ein weites, langes Sommerkleid. Darin fühle ich mich wohl und nichts klebt an meinem Körper. „Ooooch Menno!“ sagt sie. „Jedesmal trägst du weite Sachen! Man kann überhaupt keinen richtigen Blick auf deinen Bauch erhaschen. Das finde ich echt doof.“ Ich starre sie an und hebe eine Augenbraue. Das hält sie anscheinend nicht davon ab weiterzumachen. „Ich finde das so toll, wenn Schwangere enge T-Shirts tragen. Seine Kugel kann man doch mit stolz zeigen. Du brauchst dich nicht schämen.“

Oh wow. Da ist es wieder. Jemand, der mein weites Sommerkleid bei 38 Grad interpretiert. Ich beschließe mich nicht zu rechtfertigen (warum auch?) und lächle nur müde.

„Das wird sicher ein Junge. Das sehe ich an der Bauchform. Deine Schwester ist sich auch sicher, dass es ein Junge wird. Es kann nichts anderes sein.“ äußert meine Mutter bei ihrem Besuch letzte Woche. „Aha.“ antworte ich, denn ich bin zu müde um diese Theorien zu diskutieren. „Frauen, die mit einem Mädchen schwanger sind, werden zu einer Tonne. Die kriegen einen richtigen Schwimmreifen. Aber bei dir wächst alles nach vorne und du hast einen ganz kleinen Bauch.“ fährt sie fort. „Na ja, Mama, das liegt vielleicht 1. an der Genetik und 2. daran, dass ich generell nicht besonders viel auf die Waage bringe.“ rechtfertige ich mich dann doch. „Ne, ne. Das ist 100% ein Junge. Ich habe vier Kinder und bei allen konnte ich es an der Bauchform sehen.“ entgegnet sie mir. Na dann, wenn das 100% so ist, kann ich mir ja die Ultraschall-Untersuchungen sparen, wenn jeder schon alles weiß.

Am nächsten Tag sind wir in der italienischen Tagesbar von Giovanni. Auf der Karte stehen Ravioli mit Meeresfrüchten gefüllt. Wir kennen Giovanni seit Jahren und er ist ein guter Freund vom Römer und mir geworden. Nicht zum ersten Mal bestelle ich die Ravioli mit Meeresfrüchten. Ich blicke in das entsetzte Gesicht meiner Mutter. „Bist du dir sicher, dass du Meeresfrüchte essen darfst?“ sagt sie schockiert und ihre Stimme überschlägt sich fast. „Äh… ja. Es ist ja alles gekocht. Die Meeresfrüchte kommen aus dem Tiefkühler und nicht aus einem Tümpel. Ich sehe da kein Problem.“ antworte ich – bemüht ruhig zu bleiben. „Na, wenn du da so viel Gottvertrauen hast….“ erwidert sie. „Ja, habe ich.“ gebe ich kurz zurück. Innerlich verdrehe ich die Augen. 🙄

Gestern im Supermarkt, ich vor dem Käseregal flanierend und nach Feta und Mozzarella Ausschau haltend, finde die beiden Sachen schlussendlich. Neben mir eine Frau um die 50 Jahre. Wir haben uns – da bin ich mir sicher – noch nie gesehen. Ich greife beherzt zwei Packungen Feta und drei Packungen Mozzarella. Sie guckt erst mich, dann meine „Teufelsware“ und dann meinen Bauch an. Und dann wieder mich. Und meinen Bauch. „Sie wissen schon, was Sie da gerade in der Hand haben?“ bennent sie das Unmögliche. „Äääh… Moment – ach, hier stets: Feta und Mozzarella.“ antworte ich, gefasst auf eine dämliche Antwort. „ABER SIE SIND DOCH SCHWANGER!!!“ stößt sie aufgeregt und entgeistert hervor. „Wissen Sie denn nicht, dass Sie das gar nicht essen dürfen? Das ist eine riesen Gefahr für Ihr Kind!!“ Ich überlege kurz. Bevor ich ihr erkläre, dass diese Käsesorten pasteurisiert sind und keinerlei Gefahr davon ausgeht, beschließe ich einen anderen Weg einzuschlagen. „Ich bin nicht schwanger – ich bin nur dick geworden. Und jetzt entschuldigen Sie mich!“ antworte ich knapp – in mich hineinlachend. „Oh…oh….“ stammelt sie. „Ääähm.. also, es sah aber aus als wären Sie schwanger.“ Sie läuft hochrot an. „Danke, Ihnen auch einen schönen Tag!“ gebe ich ihr entgegen – mit gespielter Tragik. Ich gehe und verstecke mich bei den Haushaltswaren – wo ich erstmal beherzt lache.

Tja, 1:0 für mich!

Vielleicht

Vielleicht.

Vielleicht wäre es ein guter Tag geworden, wäre ich heute nicht um 6:30 Uhr aufgestanden um einen Zahnarzttermin wahrzunehmen.

[ Vielleicht hätte ich dann aber auch 20 Minuten später nicht den ersten Morgenkaffee ganz in Ruhe trinken können, zufrieden auf unserem Balkon, dem Berufsverkehr lauschend. ]

Vielleicht wäre es ein exzellenter Tag geworden, wäre ich nicht um 6:35 Uhr mit dem großen Zeh gegen das Bernhardiner-Große Paket unseres Nachbarn gestoßen, der es seit 4 Tagen nicht abholt.

[ Vielleicht hätte dann mein Nachbar nachmittags aber auch keine riesen Tafel Schokolade aus der Schweiz für uns mitgebracht, weil wir immer seine Pakete annehmen und aufbewahren. ]

Vielleicht wäre es ein wunderbarer Tag geworden, wäre der Zahnarzttermin später gewesen und ich hätte mir die Fahrt im Beurfsverkehr sparen können.

[Vielleicht hätte ich dann aber auch kein Lächeln von dem 3-jährigen, dunkeln Lockenkopf in seinem Kinderwagen bekommen, der zufrieden seine Brezel mampfte und den die volle S-Bahn nicht im geringsten störte. ]

Vielleicht wäre es ein fantastischer Tag geworden, hätte ich nicht 40 Minuten beim Zahnarzt warten müssen.

[Vielleicht hätte ich dann aber auch nicht das Rezept abfotografieren können in der Zeitschrift, die ich genau deswegen seit Wochen suche]

Vielleicht wäre es ein gigantischer Tag geworden, hätte man nicht nach weiteren 10 Minuten festgestellt, dass ich zwar den Termin vor drei Monaten ausgemacht habe, aber genau heute die zusätzlichen Räume meines Zahnarztes bezogen worden sind, so dass an Behandlungen nicht zu denken ist.

[Vielleicht hätte ich dann aber auch nicht mit der netten Zahnarzthelferin geplaudert, die ich schon seit Jahren kenne und die mir wieder einige Neuigkeiten erzählt hat]

Vielleicht wäre es ein prima Tag geworden, hätte ich nicht mit dem Römer über ein Thema diskutiert, bei dem wir uns nie einig sind.

[Vielleicht hätte er mir dann aber auch keine pasta fredda als Friedensangebot gekocht]

Vielleicht wäre es ein spitzen Tag geworden, wäre mir nicht 10 Meter nach der Eisdiele mein Schoko-Eis runtergefallen. Auf meine weißen Stoffturnschuhe.

[Vielleicht hätte ich dann aber auch keinen Grund gehabt in das Schuhgeschäft nebenan zu gehen und ein super Paar reduzierte Schuhe zu kaufen]

Vielleicht wäre es ein famoser Tag gewesen, hätte der Postbote das schwere Paket nicht im Nachbarviertel abgegeben, sondern bei unserer Postfiliale, die wenige Meter entfernt ist.

[Vielleicht wäre dann aber Turtle nicht mit dem Auto vorbeigekommen um mich zu fahren und mir zu helfen, das Paket abzuholen. Vielleicht hätten wir dann auch nicht für einen kühlen Eistee gestoppt.]

Vielleicht.

Manchmal kann man nur die Augen schließen und tief durchatmen während man von anderen am Kinn gekratzt wird. Ooooooooom!

Das Internet hat Mittagspause

Nonno Walter, der Zieh-Opa vom Römer, ist sehr modern. Mit seinen 70 Jahren spricht auch nichts dagegen. Begeistert und oft nutzt er das Internet. Mit zwei Fingern, mühsam tippend, sucht er Themen wie „Wie werden die Tomaten größer als die des Nachbarn“, „Wie viele Einwohner hatte mein Wohnort im Jahr 2018“ und „Um wie viel Uhr tritt mein Lieblingskünstler an ferragosta (15.08.) auf“.

Am Anfang war es nicht leicht ihn vom Internet zu überzeugen. Der Römer erinnert sich noch sehr gut an den Tag, an dem er versuchte Nonno Walter von den Vorzügen des Internets zu erzählen. „Ma che dici?? [Aber was sagst du da?] Das setzt sich nicht durch. È una cazzata. [Das ist eine Spinnerei]“ gab er zurück und verzog sich in sein kühles Arbeitszimmer im Souterrain des Hauses.

Doch über die Jahre sah selbst Nonno Walter ein, dass das Internet auch seine Vorteile hat. Als sogar sein bester Freund Pepino stolz erklärte wie er letztens mit seiner Enkelin im Internet „rumkurvte“ – wie er es nannte – wurde Nonno Walter neugierig – und eifersüchtig. „Senti, mi potresti far vedere come funziona internet?“ [Hör mal, könntest du mir zeigen wie das Internet funktioniert?] fragte er den Römer als wir Nonno Walter letztes Jahr besuchten.

Der Römer war sichtlich irritiert, guckte Nonno Walter komplett entgeistert an, dann hilfesuchend zu mir und wieder zu Nonno Walter. „Eh… si. Non è così difficile.“ [Äh… ja. Das ist nicht so schwer]

Fortan hatten sie jeden Abend einen Termin. Auf der großen, apulischen Veranda sitzend, mussten sie sich erst einmal mit der grundlegenden Computerlehre beschäftigen. Als das nicht fruchtete, versuchte der Römer es mit einem Tablet PC. Das wiederum klappte deutlich besser, denn Nonno Walter scheiterte schon am Doppelklick. Nach einer Woche fuhren sie nach Lecce und kauften dort ein Tablet für Nonno Walter.

Jetzt begann die Königsdisziplin: Das sichere Surfen im Internet. Selbst in den lauen, apulischen Sommernächten brachte diese Thematik Nonno Walter zum Schwitzen. Nicht nur einmal kam es zu einem lautstarken Konflikt zwischen dem Römer und Nonno Walter. Doch am Ende gelang es Nonno Walter zielsicher durch’s Internet zu surfen. Italienische Zeitungen hatte er bei den Favoriten abgespeichert, das Wetter kontrollierte er gewissenhaft und er war bei einigen italienischen Kochseiten Dauergast. Alles in allem funktionierte es wunderbar.

Nach zwei Wochen rief Marco an. Marco lebt mit seiner Mutter, der Tochter von Nonno Walter, mit eben diesem zusammen. Marco ist ein junger, gewitzter Teenager, der immer neue Ideen und Einfälle hat. Er beschwerte sich: „Non lo faccio più!! [Ich halte es nicht mehr aus!!]“ beschwerte er sich lautstark beim Römer. „Ständig ist das Internet mittags ausgeschaltet seitdem du Nonno Walter gezeigt hast wie das Internet funktioniert.“ stöhnte er entnervt. „Ma perché? Che senso fa?“ [Aber warum? Was soll das für einen Sinn ergeben] fragte der Römer. „Keine Ahnung! Wenn Nonno Walter sein Mittagsschläfchen macht, dann schaltete er das Internet aus. Seit Wochen!!“ lamentierte Marco.

Der Römer versprach der Sache auf den Grund zu gehen. Am späten Nachmittag rief er bei Nonno Walter an und nach anfänglichem Smalltalk und Fragen zu den Tomaten, konfrontierte der Römer Nonno Walter mit seiner Frage. Er rechnete damit, dass er etwas im Fernsehen gesehen hatte, dass die Strahlung schädlich ist und deswegen der WLAN Router ausgeschaltet werden musste, aber mitnichten. Die Erklärung ist eine ganz andere. „Quando riposo io, anche Internet si deve riposare. [Wenn ich mich ausruhen muss, muss das Internet sich auch ausruhen] Es kann doch nicht 24 Stunden am Tag durcharbeiten – ohne Pause. Wie soll das gehen? Es wird kaputt gehen! Also stecke ich es aus. Und dann kann es sich ausruhen und danach wieder frisch in die zweite Tageshälfte starten.“ teilte er dem Römer selbstbewusst mit.

Der Römer versuchte sich sein Lachen zu verkneifen. „Ma senti, nonno, [Hör mal, Opa,] Der Wlan Router braucht keine Pause. Man kann ihn einfach eingesteckt lassen.“ versuchte er zu vermitteln. „No, no!“ protestierte Nonno Walter. „Ich brauche eine Pause, also braucht das Internet auch eine Pause. Ihr jungen Leute arbeitet alle nonstop durch, aber ein Mittagsschläfchen ist Gold wert. Glaub mir, mein Junge!“

Es war nichts zu machen. Der Römer lies sich Marco geben und erklärte es ihm. „Ja, das wusste ich. Aber ich konnte es nicht glauben! Das ist doch total blöd.“ antwortete er geknickt. „Es sind doch nur zwei Stunden am Tag. Du kannst es auch heimlich ein- und dann wieder ausstecken.“ versuchte der Römer zu schlichten. „Hab‘ ich schon versucht. Er hat mich dabei erwischt.“ gab Marco kleinlaut zurück. „Na dann kann man nichts machen. Scusa, Marco.“ erwiderte der Römer.

Marco begann damit zu leben. Und vielleicht tut diese Internetpause (es ist ja nur WLAN – seine mobilen Daten reizt er sicher bis zum letzten Gigabyte aus) auch Marco ganz gut.

Ein Tablet kann man auch für als Tablett nutzen

Die Gastronomie ist nicht für jedermann

Was würde man wohl eher bevorzugen, wenn man keine andere Wahl hätte? Ein Café mit schlechtem Service, aber guten Produkten oder ein Café mit gutem Service, aber schlechten Produkten?

Es gibt ein Café in unserer Stadt, das tolle, qualitativ hochwertige Produkte hat. Ich lernte es vor drei Jahren kennen und lieben. Der Service war flott, freundlich und charmant. Jede Woche ging ich gerne hin und freute mich auf „mein Café“. Denn irgendwann wird aus einem Café das eigene Wohnzimmer, in dem man sich wohl und – soweit würde ich gehen – geborgen fühlt.

Doch irgendwann verschlechterte sich der Service. Nicht nur ein bisschen, sondern eklatant. Ständig gab es neue Servicekräfte und ständig schien einer lustloser als der andere. Es schien als würden sie einem einen Gefallen tun, wenn sie einen halbherzig bedienten.

Da ich das Café nicht aufgeben will, weil ich wirklich, wirklich überzeugt war, gehe ich alle 4-5 Monate hin und versuche auf’s Neue mein Glück.

Was soll ich sagen? Es war wie immer. Schlechter, lustloser Service. Gute Produkte. Der Andere, der mich begleitete, raunte mir zu: „Ich ahne schon wieder wo das hinführt.“ als wir nicht zurück gegrüßt worden sind beim Reinkommen. Wir wurden ignoriert. Frei übersetzt heißt das: „Sie sind nicht willkommen hier.“

Vielleicht schulde ich euch/Ihnen eine kurze Erklärung. Der Andere und ich lernten uns in der Luftfahrtbranche kennen, in der wir immer noch tätig sind. Der Andere, ein Service Genie, ging bald darauf auf eigenen Wunsch in die erste Klasse und lieferte einen tollen Service ab. Er war flink, charmant, las jeden Wunsch von den Augen ab und lies jeden Gast spüren, dass er mehr als willkommen ist. Das selbe tat er sowohl in der Geschäftsklasse als auch in der Touristenklasse. Man sah eindeutig auf welcher Seite des Flugzeuges er arbeitete und auf welcher die mürrische Kollegin arbeitete.

Ich bin keine geborene Servicekraft, wandte aber die Regeln an, die ich selber in einem Restaurant für richtig und wichtig erachte. Dazu gehört: Ich möchte mich willkommen fühlen und zwar von Anfang bis Ende. Meine Fragen sollten höflich und kompetent aufgenommen und beantwortet werden. Leere Teller, vor denen ich mehr als fünf Minuten sitzen muss, machen mich nicht glücklich. Ich möchte kein leeres Glas haben: Entweder es wird abgeräumt, weil ich keinen Durst mehr habe oder es wird mir aufgefüllt. Es ist gar kein Problem, wenn etwas nicht vorrätig ist oder daneben geht. Darüber kann man hinweg sehen, wenn man charmant und freundlich bedient wurde und wird.

Es ist auch nicht jeder für den Service geboren. Ich würde durchaus behaupten, dass es eine Kunst ist. Das merkt man auch, wenn man in der Schweiz ist. Das kleine Nachbarland ist uns Lichtjahre voraus, wenn es um exzellenten Service geht. Nie war ein Service charmanter, diskreter, weder aufdringlich, noch nachlässig. Man kannte seine Produkte, man begleitete das Essen mit allergrößtem Engagement und Motivation. Man fühlte sich willkommen – vom ersten Moment der Erscheinens bis zum letzten Moment des Verabschiedens. Man war in erster Linie Gast und in zweiter Linie zahlender Kunde.

Selbst wenn das Produkt an einem Tag nicht optimal ist, kann man darüber hinwegsehen. Man merkt es an, es wird höflich entgegen genommen und versucht, das Problem zu beheben und dem Gast einen schönen Abend zu bereiten. Denn der Gast wird sich an das Beschwerdemanagement weitaus besser erinnern als an die versalzene Suppe. Und so gewinnt man Stammkunden. Warum sollte ich an einem Ort mein Geld lassen, an dem ich nicht willkommen bin?

Ein herzlicher (und nicht halbherziger) Service zeichnet wahre Gastfreundschaft aus. Und darum geht’s doch bei jedem Job: Mit Herzblut dabei zu sein. Auch bei einem Studentenjob. Denn es gibt sicher noch unzählige, andere Ideen wie man Geld verdienen kann. Es muss nicht immer der Job im Café oder im Restaurant sein.

Ramen Nudelsuppe in Nagano, Japan. Der Service war – wie in Japan üblich – erstklassig.

Zeit zu verschenken

Das Zeitgefühl eines jeden Menschen variiert. Wie variabel es jedoch sein kann, erfuhr ich allerdings erst mit dem Römer. „Ich bin nur schnell fünf Minuten im Bad.“ sagte der Römer und schlängelte sich an mir vorbei. Unter dem Arm eine bekannte, italienische Tageszeitung. Da hätte ich schon skeptisch werden sollen. Wurde ich aber nicht. Stattdessen dachte ich, halb zurecht gemacht im Hausflur: „Na gut. Was muss, das muss! Fünf Minuten sind fünf Minuten.“

Wie falsch ich doch damit liegen sollte. Er meinte keine deutschen fünf Minuten. Er meinte italienische fünf Minuten. Nach 15 Minuten klopfte ich. „Scusa, amore! Ma devo uscire. [Entschuldige, Liebling! Aber ich muss aus dem Haus]“ sagte ich zaghaft. „Si, si, un attimo.“ [Ja, ja, einen Moment.] kam zurück. „Ein Moment ist ein Moment. Also maximal eine Minute.“ Wie man sich nur zweimal innerhalb so kurzer Zeit täuschen kann, ist selbst mir ein Rätsel.

Nach einem weiteren Moment hörte ich ihn wie er die Zeitung umblätterte.

Besser spät als nie: Meine Skepsis war geweckt. Ich wartete drei Anstandsminuten und klopfte wieder. „Senti, [Hör mal] mit einem Moment meintest du einen italienischen Moment oder einen deutschen?“ fragte ich ihn mittlerweile leicht knurrend.

„Die Definition von Moment ist doch überall gleich.“ antwortete er gelangweilt und blätterte anscheinend wieder um.

„Ein Moment inkludiert im Deutschen nicht das 20-minütige Zeitung lesen im Bad während ich in fünf (!) echten, deutschen Minuten aus dem Haus muss. Ein Moment„, fuhr ich weiter fort, „ist ein kurzer Augenblick. Eine geringe Zeitspanne. Die Zeit, die es braucht, die Aktion, die du gerade ausführst, zu Ende zu bringen und dich dann den angeforderten Belangen zu widmen.“ erklärte ich ihm ausführlich.

„Si, sto per finire.“ [Ja, ich bin gerade dabei fertig zu werden] meckerte er und man hörte wie er die Zeitung beiseite legte.

Ich seufzte und setzte mich ins Wohnzimmer. Ich schrieb dem Anderen: „Es tut mir Leid, es wird etwas später. Rechne mit 10-15 Minuten. Die italienische Zeitangabe geht nicht einher mit meiner deutschen.“

Nach weiteren fünf Minuten kommt der Römer gut gelaunt aus dem Bad. „Also, ich weiß gar nicht, was du hast? Du stehst ja wirklich mit der Stechuhr vor der Tür und achtest haarklein darauf, dass es fünf Minuten sind. Fünf Minuten e‘ solo un detto. [Fünf Minuten sagt man doch nur so] Genau wie „einen Moment, bitte“. Das ist doch nur eine Floskel für „es kann noch dauern„.“

„Im Deutschen nicht!“ setzte ich ihm entgegen, mittlerweile im Bad angekommen und mich zu Ende schminkend. „Siete troppo precisi!“ [Ihr seid viel zu genau], gab der Römer zurück, „Deswegen seid ihr auch so angespannt. Zeit ist doch etwas fließendes, flexibles. Man darf sich auch überhaupt nicht ärgern, wenn jemand zu spät kommt. Er hat sicher seine Gründe. Du setzt dich einfach in ein Café und genießt das Vogelgezwitscher und die Sonne während du wartest. Du hast sozusagen, wartend, einen Moment Zeit geschenkt bekommen, nur für dich, ganz unerwartet. Ist doch toll?“

„So habe ich das noch nie gesehen.“ antwortete ich verdutzt. „Siehst du! Und jetzt hast du einen Moment Zeit geschenkt bekommen von mir und der Andere hat einen Moment Zeit geschenkt bekommen von dir.“ erklärte der Römer.

Mittlerweile fertig zurecht gemacht, nahm ich meine Tasche, zog meine Schuhe an und entgegnete: „Und jetzt bekommst du einen Moment Zeit geschenkt von mir. Nur du und der Abwasch. Genieß es, amore mio. A dopo! [Bis später]“

Zurück ließ ich einen verdutzten Römer. Zeit zu verschenken klappt gamz hervorragend.

Etwas Zeit in Vancouver – an der Dampfuhr.

Wie ich den Römer in den Keller jagte

Langsam aber sicher nimmt es überhand mit diesen Hormonen. Wobei ich mir noch nicht einmal sicher bin, ob es tatsächlich die Hormone sind, auf die ich so gerne alles schiebe. Vielleicht werde ich einfach nur verrückt, jetzt, wo unser Leben langsam in geordneten Bahnen verläuft.

Es fing recht harmlos an. Ich las am Montagabend einen Artikel in einer deutschen Zeitung, dass es morgen zu heftigen Regenschauern kommen soll. „Überschwemmungsgefahr!!!“ stand da und die drei großen, schwarzen Ausrufezeichen schienen förmlich zu schreien. „Pfff!“ dachte ich mir. „Davon lass ich mir doch keine Angst machen. Überschwemmungsgefahr? In unserer Stadt? Aber sicher nicht. Wenn der Main überlauft, dann trifft es erstmal die Häuser in der ersten Reihe und bis das Hochwasser dann bei uns ist – ne, ne – das dauert.“ beruhigte ich mich und ging kurz darauf ins Bett.

Die Nacht war durchwachsen. Meine Blase weckte mich gefühlt jede Stunde viermal. Irgendwann hatte ich eine Verschnaufpause und schlief zumindest bis 6:30 Uhr durch. Dann meldete sich Blase mal wieder. Ich begab mich ins Bad. Dort dachte ich über den Überschwemmungs-Artikel in der Zeitung nach.

Plötzlich viel es mir wie Schuppen von den Augen. „Oh nein, oh nein, oh nein! Wir müssen sofort in den Keller!!!“ schoss es mir durch den Kopf. Wie ich auf den Gedanken kam? Der Überschwemmungs-Artikel in Kombination mit den Regentropfen, die gegen die Jalousie prasselten, wäre es noch nicht gewesen. Es war viel mehr unser Kellerfenster.

Seit 2 Jahren ist es nun schon kaputt – also seitdem wir hier wohnen. Und vermutlich war es auch schon immer kaputt, aber es kümmerte sich keiner darum. Wir taten das ja nun auch nicht. Es gab auch nie Probleme. Es stand einfach immer angelehnt offen. Im Winter, im Sommer und auch in allen Jahreszeiten dazwischen. Niemand beschwerte sich.

Als ich aber im Bad war und darüber nachdachte wurde ich panisch. „Es regnet sicher rein. Der Keller läuft voll! Der ganze Keller. Und dann muss die Feuerwehr kommen und das Wasser aus dem Keller pumpen. Wir müssen den ganzen Hausstand unserer Nachbarn zahlen. Wir werden arm. Oh Gott, ich bin auch noch schwanger und wir sind hoch verschuldet, nur weil wir das Kellerfenster aufgelassen haben. Was mache ich jetzt? Ich muss den Römer wecken. Es geht nicht anders. Jetzt sofort!“

Und genau das tat ich. Ich schoss ins Schlafzimmer und rüttelte ihn am Arm: „Römer! Römer!!!! Aufstehen. Wir haben eine Katastrophensituation!!!“ eröffnete ich das Gespräch. Nicht der beste Satz um jemanden zu wecken. „Hm….“ war die erste Reaktion des Römers. Er versuchte sich umzudrehen und weiterzuschlafen. „Svegliatiiii!!!“ [Wach auf] versuchte ich ihn zu wecken. „Es wird eine Katastrophe passieren, wenn wir nicht sofort in den Keller gehen!“ herrschte ich ihn panisch an.

Er kam langsam zu sich. „Che è successo?“ [Was ist passiert?] fragte er schlaftrunken. „Wir müssen SOFORT in den Keller. Sofort! Der Keller läuft voll und das ist unsere Schuld. Alles ist unser Schuld. Und wir können den Schaden nicht zahlen. Er ruiniert uns.“ sprudelten die Wörter aufgeregt aus mir heraus. „Okaaaaaay…. quindi? Che dobbiamo fare?“ [Okay… nun?Was sollen wir tun?] versuchte er die Fassung zu bewahren. „Aufstehen, anziehen, sofort in den Keller und versuchen, das Fenster zu schließen.“ befahl ich in einem Ton, der jeden Feldwebel stolz gemacht hätte. „Alle sette di mattina?“ [Um 7 Uhr morgens?] fragte er vollkommen entgeistert. „Jaaaaaaaaaaaa!! Aber natürlich. Es geht um jede Sekunde. Der Keller läuft voll!“ stoß ich panisch aus.

Er musste wohl geahnt haben, dass es die Hormone sind. Ohne Murren zog er sich an. Der sonst so eitle Römer war in wenigen Sekunden einsatzbereit um in den Keller zu gehen. „Tu stai qui!“ befahl er mir diesmal. Ich gehorchte, zitternd, die Gedanken fuhren Achterbahn.

Nach 10 Minuten kehrte er zurück. Ich lief sofort zur Haustür. „Und?!?! Hast du es hingekriegt? Ist der Keller schon voller Wasser?“ fragte ich ihn aufgeregt. „Allora….“ begann er und suchte nach Worten, die mich beruhigen sollten. „Erst einmal die schlechte Nachricht: Ich habe versucht das Fenster zu schließen. Es ist verbogen und lässt sich nicht schließen.“ fing er an. „Oh Gott, oh Gott, oh Gott.“ dachte ich und guckte auf seine Füße. Die waren noch trocken. Wenn er nicht gerade durch den Keller geschwebt ist, war das eigentlich ein gutes Zeichen.

„Poi… unser Kellerfenster ist mindestens – und ich betone mindestens 80 cm über dem Grund. Das heißt, das Wasser müsste 80 cm hoch sein, dass es überhaupt in den Keller laufen kann. Und dann, amore mio, wäre es durchaus nachvollziehbar, dass unsere Schutzgitter ohne Glaseinsatz durchaus nicht mehr dicht sind. Wie auch? Ein Gitter kann nun mal nicht dicht sein.“ führte er seine Erklärung grinsend zu Ende. Er gähnte herzhaft. „Können wir nun wieder ins Bett?“ fragte er.

Ich war vollkommen aus dem Konzept und wusste gar nicht mehr, was ich sagen sollte. Einerseits schämte ich mich den Römer um 7 Uhr morgens in den Keller zu jagen wegen einem Grund, der keiner ist, andererseits war ich mir 100% sicher, dass wir richtige Fenster hatten.

„Ja…. können wir.“ gab ich kleinlaut zurück. „Entschuldige, bitte.“

„Und guck mal: Es hat auch aufgehört zu regnen. Es sind nur ein paar kleine Pfützen übrig.“ sagte er und streichelte mir über den Oberarm.

Im Bett angekommen, wünschte er mir eine gute Nacht: „Buona notte, stupida.“ sagte er ironisch. „Buona notte… e scusa per il disturbo.“ [Gute Nacht und entschuldige die Störung]

P.S. Ich konnte es natürlich nicht lassen und schlich mich nachmittags noch einmal in den Keller. Der Römer hatte recht. Es sind keine Glasscheiben. Es sind Gitterfenster – ohne Glas.

Ich dachte der Keller wäre so voll gelaufen, dass schon allerhand Meeresgetier dort lebte.

Egal wie, es wird irgendwie weitergehen

Mein Papa hat Demenz. Für manche nichts neues, für andere hingegen schon.

Der Gesellschaft ist es lieber, wenn man hört, dass mein Papa eine gesundheitliche Einschränkung hat. Und meinem Papa auch. Parkinson sagt meine Mutter (mit vorgehaltener Hand), wenn sie mit Freunden und Bekannten redet. Parkinson hört sich gut an. Demenz nicht. Demenz hört sich nach altem, vergesslichen Mann an.

Nun ist es so, dass mein Vater für die üblichen Formen der Demenz deutlich zu jung wäre. Schmückt doch eine stete 6 seine Jahreszahl. 69 Jahre ist kein Alter für Demenz. Nun hat er aber eine außergewöhnliche Form. Eine, die wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten vor sich hingärt. Erst lässt sie dich sorgloser werden, dann oberflächlicher. Irgendwann verlierst du das Interesse an Familie und Hobbies und das schlimmste ist: Das erste, was du vergisst, sind nicht Geburtstage oder wo du deine Schlüssel hingelegt hast. Es ist die Sprache, die dir erlaubt mit deinem Umfeld zu kommunizieren. Mehr und mehr Wörter fallen dir nicht mehr ein, dein Mund macht nicht mehr das, was er soll und du sprichst Wörter nicht mehr so aus wie sie sein sollen. Manchmal nuschelst du unverständliches vor dich hin. Und manchmal sagst du, die Tanne ist rosa und nicht grün. Weil du den Unterschied nicht mehr benennen kannst.

Doch in meinem Fall ist die Demenz ein Glücksfall gewesen. Nie war mein Vater weicher. Er war nie gefühlsbetonter und ehrlicher.

Als wir zusammen verreisten, nur er, der Römer und ich, da sprach er einige Sätze, die ich nie vergessen werde. Sätze, die seine Hilflosigkeit ausdrücken. Sätze, die zeigen, dass er nicht mehr Herr über seinen Körper ist. Sätze, die aber auch zeigen, was er gerne anders gemacht hätte.

„Könnte ich nochmal die Zeit zurückdrehen“, sagte er auf der Rückbank eines Taxis in Rom „dann wäre mir das ganze Geld egal. Ich habe soviel gearbeitet und hatte nie Zeit für euch. Das tut mir so unendlich Leid.“ Und dann guckte er mich mit festem Blick an. „Aber ich kann es nicht mehr ändern. Ich wusste es doch nicht besser.“

Jetzt füllten sich seine und meine Augen mit Tränen. Ich reichte ihm wortlos ein Taschentuch und er drehte sich zur Seite, denn ich weiß, dass er nicht weinen mag vor mir.

„Papa, du hast alles nach bestem Wissen und Gewissen getan. Es war alles gut so wie es ist. Umso schöner ist es doch jetzt Zeit miteinander zu verbringen.“ antwortete ich, mittlerweile wieder gefasst und drückte seine Hand. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Aber ich kann doch nicht mehr so wie ich will. Ich würde gerne viel mehr können, aber mein Körper macht nicht das, was ich ihm sage. Er geht zu langsam, er stolpert, er muss auf’s Klos, wenn’s mir nicht passt und gibt mir kaum 5 Minuten ihm seinem Wunsch nachzukommen. Sonst zieht er einfach sein Ding durch. Ohne mich zu fragen.“ erzählt er traurig und auch ein bisschen verärgert. „Na, dann gehst du deinen Bedürfnissen nach. Wenn dein Körper stolpert, helfen wir dir auf. Wenn du langsamer gehst, gehen wir auch langsamer. Wenn du mal musst und zwar jetzt sofort, dann finden wir hier ganz sicher genug Toiletten. Egal, was es ist, wir finden eine Lösung dafür. Du bist nicht allein.“ versuche ich ihn zu beruhigen.

Er drückt meine Hand und schweigt. Während uns das Taxi über die Pflastersteine Roms schuckelt, döst mein Papa ein. Meine Hand fest in seiner. Er lächelt zufrieden in seinem Halbschlaf und ich weiß, egal wie, irgendwie wird es weitergehen.

e’bammà

Ich bin immer noch mit der Hebammensuche beschäftigt. Und verzweifelt. Und gestresst. Da hilft es auch nicht, wenn der Römer das hundertste Mal „e’bammà“ statt „Hebamme“ sagt. Auch wenn es mich ein bisschen zum Schmunzeln bringt.

„Ich bin mir sicher, wir finden eine. Bei Giovanni in der Bar, arbeitet doch la mamma di Elisabetta! Sie hat letztens eine e’bammà empfohlen. Eine, die sie schon hatte und auch ihr Sohn, als ihre nipotina [Enkelin] geboren wurde. Ich frag sie einfach mal!“ sagte der Römer ganz problemlösungsorientiert.

„Jaaaaa… gute Idee. Es ist nur so: Ich bin in der sechsten Schwangerschaftswoche. Ich möchte erst einmal, dass es meine Eltern wissen und dann vielleicht irgendwann kann es gerne la mamma di Elisabetta wissen. Aber ich möchte doch nicht einer Bekannten von meiner Schwangerschaft erzählen, wo ich es doch nicht mal den zukünftigen nonni [Großeltern] erzählt habe.“ gab ich zu bedenken.

„Dann ruf ich jetzt meine Eltern an und sag‘ es ihnen! Problem gelöst!“ sprach er und griff zum Telefon. „Stoooooop!!“ konnte ich gerade noch rufen. „Moment, bitte! Also, erst einmal atmen wir durch und dann finden wir eine Lösung, bitte. Wir machen das jetzt à la tedesca und nicht al romano. Also wir überlegen uns in welcher Reihenfolge es Sinn macht und erst dann handeln wir.“

„Allora, perché mi stressi?“ [Und warum stresst du mich dann?] seufzte der Römer und lies sich auf dem Sofa nieder. „Weil wir keine Hebamme finden!!!“ zickte ich von meinen Gefühlen getrieben zurück.

„Ach, wir finden schon eine. Pazienza! [Geduld] Irgendeine wird schon Zeit haben. Und wenn nicht: Ich habe eine professione sanitaria [medizinischen Beruf]. Unser Bambino [Kind] hat ja den selben Körper wie ein großer Mensch – nur eben in kleiner. Das kriegen wir schon hin. Wichtig ist, dass du nicht stresst. Sonst wird unser bambino auch gestresst und das tut ihm sicher nicht gut.“ versuchte er beruhigend auf mich einzureden.

„Keine Sorge, wenn unser bambino nur halb so entspannt wird wie du, dann lässt er sich von gar nichts aus der Ruhe bringen! Das ist schon mal sicher.“ kapitulierte ich.