Gute Aussichten

Wissen Sie, welches Bild sich mir bietet, wenn ich aus dem Fenster blicke, während ich auf dem Sofa liege wie eine französische Muse, die nur darauf wartet von einem aufstrebenden Künstler gemalt zu werden?

Ahornbäume und viel Himmel. Ist das nicht bezaubernd? Davor starrten wir auf Betonklötze und parkende Autos. Und nun das!

Wenn Sie genau hinsehen, erspähen Sie auf dem Fensterbrett auch die Wasserwaage und die zusammengeknüllten Vorhänge, die nur darauf warten, an der Wand zu wirken. Doch einen Augenblick müssen sie sich noch gedulden, schließlich brauchen auch wir eine kleine Pause.

Haben Sie einen feinen Samstag! Und wenn Sie in den Baumarkt fahren: Lassen Sie mir bitte etwas Wandfarbe übrig. Schließlich muss die „alte“ Wohnung renoviert werden und da der Römer ab Montag wieder Vollzeit ackert und ich mehr Zeit zu haben scheine, bin ich wohl an der Reihe, die Wohnung zu tünchen.

Kein Warmduscher!

Ha! Gestern erzählte ich Ihnen noch etwas schamerfüllt, dass ich ein eingefleischter Warmduscher bin. Doch ist die Not erst noch so groß, dann werden selbst verwöhnte Großstadtkatzen zu wilden Luchsen. Gut, das war jetzt etwas bildlich gesprochen und biologisch eher wenig bis gar nicht korrekt formuliert, denn eine Katze wird nicht einfach zu einem Luchs, selbst wenn sie sich das noch so sehr wünschen möge. Aber Sie verstehen mein Beispiel schon!

Als ich dem Römer heute sagte, dass ich in den Ring, respektiv die Dusche, steige, wollte er mich abhalten, indem er Geschichten aus seiner Jugend auspackte. Nein, sagte er, das würde er mir nicht raten. Als Jugendlicher habe er sich einmal in den Bergen Albaniens im eiskalten Gebirgsbach gewaschen, mit dem Ergebnis, dass seine Gaumenmandeln und Lymphknoten vier Tage lang angeschwollen waren. “Warmduscher!”, sprach ich und schnappte mir entschlossen ein Handtuch. Dann murmelte ich etwas von Russ*innen, die sich in die sibirische Taiga flüchteten und dort, fernab der Zivilisation und dem dazugehörigen Warmwasser, lebten. “Du bist in Oberbayern groß geworden und nicht in der sibirischen Taiga. Warmwasser gab es in Bayern vermutlich en masse. Dein Körper ist das kalte Wasser doch gar nicht gewohnt.”, frotzelte der Römer. Pff! Wenn der wüsste, wie kalt und hart so mancher, oberbayerische Winter war, dann würde er aber ganz schnell, ganz bescheiden werden.

Mutig zog ich in den Kampf. Noch motivierter dem Römer zu beweisen, dass ich hart wie eine alte Brotkruste bin. Erst wusch ich meine Haare. Das ging ganz gut, da Haare, außer an der Wurzel, über keinerlei Kälte- oder Wärmeempfinden verfügen. Dann kam der Körper an die Reihe. In 0,487 Millisekunden pflegte ich meinen Körper, so gut er eben in dieser kurzen Zeitspanne zu pflegen war. Es war kalt, eiskalt und für eine Sekunde entwich mir ein kurzer, spitzer Schrei. Doch dann erinnerte ich mich wieder an mein Mantra: Ich bin kein Warmduscher!

Beim Abtrocknen wickelte ich mich in drei Schichten Handtücher und einen Bademantel ein. Ich sah aus wie eine vollschlanke Matrone. Der Römer lachte, als er mich in meinem Aufzug, noch etwas bibbernd vor Kälte, ins Wohnzimmer tapsen sah. „Hai finito? [Bist du fertig?]“, wollte er wissen und grinste schelmisch. Ich nickte, hob das Kinn ein bisschen mehr und stolzierte an ihm vorbei, um mir einen warmen Tee zu machen. Als ich in der Küche strandete, sah ich einen halb vollen Eimer kochenden Wassers und einen Topf, der gerade damit beschäftigt war, kaltes Wasser auf dem Herd zum Kochen zu bringen. „Was ist das denn?“, schrie ich ins Wohnzimmer. „Mein Duschwasser!„, dröhnte es zurück aus dem Wohnzimmer. Wenige Augenblicke später stand der Römer hinter mir. „Und das soll WIE funktionieren?„, wollte ich von ihm wissen. „Man mischt das heiße Wasser mit dem kalten und so übergießt man sich piano piano [nach und nach].“, erklärte mir der römische Bademeister. „Na dann…„, kommentierte ich sein Vorhaben. Indessen kochte das Wasser und er schüttete den zweiten Topf in den blauen Eimer. „Io me ne vado. [Ich geh‘ dann mal.]“, ließ der Römer mich wissen und schleppte den Eimer in unsere Nasszelle. Was seine und meine Dusche gemeinsam hatten, war der eine kurze Schrei, der durch die Wohnung hallte. Er schüttete sich aus Versehen einen Teil des heißen Wassers über den großen Zeh, berichtete er mir später. Danach gab es keine größeren Unfälle mehr. Fröhliche Platsch- und Spritzlaute, sowie ein beschwingt gesummtes Lied konnte man aus dem Badezimmer vernehmen. 20 Minuten später kam der zufriedene Römer aus der Dusche. Im Gegensatz zu mir, zitterte er nicht.

Es war 12:41 Uhr und irgendwie hatten wir beide den Waschvorgang überlebt. Auch, wenn ich offiziell bewiesen hatte, kein Warmduscher zu sein.

Seit 15:25 Uhr gibt es wieder heißes Wasser, so viel man tragen und verbrauchen kann. Beim nächsten Mal warte ich vielleicht noch etwas länger ab, ob das Warmwasser nicht doch noch zurückkehrt. Oder noch bessser: Ich friere für den nächsten Heißwasserstreik eines ein, damit wir es beim nächsten Mal nur noch auftauen müssen. 😉

Gekritzel an der S-Bahn Station Konstablerwache “Mambo Mambo Mambo”. Und ja, das war es auch unter der Dusche. Bei den Temperaturen kam es einem Mambo sehr nahe.

Ein kurzes Hallo aus der neuen Wohnung

Wir stehen morgens auf und fallen nach Mitternacht ins Bett. Eine traumlose, unruhige Nacht später wachen wir wieder auf und alles beginnt von vorne.

Doch die Kirsche auf dem Sahnehäubchen ist: Seit gestern Abend haben wir kein Warmwasser mehr.

Heute früh versuchte ich kalt zu duschen. Wirklich! Ich versuchte es mit ganzem Einsatz, aber ich kam nur bis zum Knie. Mehr schaffte ich nicht. Also wusch ich mich mit einem Waschlappen und benutzte Trockenshampoo. Wenn das Wasser morgen immer noch nicht warm wird, dann fahren wir in die alte Wohnung und duschen im Dunkeln, denn die Lampe ist bereits abgeschraubt im Bad.

Heute waren wir im Möbelhaus mit Signorino. Das war gut – bis er im 2. Möbelhaus wie irre durch die Gänge gelaufen ist. Wenn nur ein Elter gucken kann und der andere dem Nachwuchs hinterher jagt, ist die Exkursion etwas witzlos. Stühle fanden wir dennoch. Wir konnten getrennt voneinander Probe sitzen. Einer saß, schrie dem anderen bei der Signorino-Übergabe die für gut befundenen Stühle zu und der andere testete, während Elter Nummer 1 mit dem Kind in die Badabteilung rannte und mehrmals verbot, Schranktüren aufzureißen und Klobürsten zu klauen.

Vermutlich fiel deswegen das Mittagsschläfchen bei den beiden männlichen Farnientes sehr lange aus. Indessen nutzte ich die Zeit und meldete den Sohn in hiesigen Kitas. Ich war vor unserem Umzug fest davon überzeugt, dass ich ihn in der jetzigen Kita lassen möchte, doch da ahnte ich noch nicht, dass ich jeden Tag zwei Stunden im Auto sitze, um das Kind von einem Ende der Stadt ins andere Ende zu kutschieren.

Immerhin ein Lichtblick: Morgen kommt unsere Waschmaschine an. Das heißt, ich muss doch nicht auf das Ballkleid zurückgreifen, weil ich sonst nichts mehr zum Anziehen habe. Hoffen wir, dass das alles so klappt.

Manche stellen Kaffee, Wasser oder Softdrinks in den Getränkehalter. Wir transportieren so das Olivenöl.

Parkwächter Krause

Flott fahre ich durch die Toreinfahrt in unseren lang gezogenen Innenhof, der sich an unseren neuen Wohnkomplex schmiegt. Vorbei an den Kombis und Kleinwagen, parke ich in meinem eigenen Winkel, der locker für zwei Autos reichen würde. Dieser Parkplatz, linker Hand begrenzt vom Zaun zu den Nachbar-Mülltonnen und rechter Hand von der Tiefgarageneinfahrt umschlossen, ist ein wahrer Glückstreffer. Schwungvoll steige ich aus. Der Römer, mindestens genauso schwungvoll, schnallt bereits Signorino ab. Neben mir, auf Höhe der Knie, taucht ein kahl geschorener, birnenförmiger Kopf auf. Ich gucke nach unten, denn das Grundstück der Nachbar-Wohnanlage liegt etwas tiefer. “Guten Tag.”, grüße ich den mich musternden Kopf und schnappe mir rasch meine Handtasche. “Morsche! [Guten Morgen!]”, antwortet der glatzköpfige Mitfünfziger auf Hessisch, dessen enges, schwarz-weißes Leibchen sich um seinen ausladenden Bauch dehnt und streckt.

Ein Hinweis vorab: Gerne können Sie den Dialog auch auf dem Dialekt Ihrer Wahl, der am besten zu einem Parkplatz-Hilfssheriff passen würde, lesen. Im Original spielte er sich auf Hessisch ab, wobei mein Teil auf Hochdeutsch gesprochen wurde:

Parkwächter Krause (PK): Wohnen Sie hier?

Ich: Ja.

PK: Ist das Ihr Parkplatz?

Ich: Ja.

PK: Haben Sie den gemietet?

Ich: Ja.

PK: Das heißt, Sie zahlen dafür?

Ich (mittlerweile etwas verwirrt von diesem überraschenden Verhör): Ähm… ja.

PK: Gut, weil ich würde Ihnen raten, dass Sie an der vorderen Wand Ihres Parkplatzes so ein KFZ-Schildchen anbringen, dass das auch wirklich Ihrer ist. Sonst parkt jemand anderes auf Ihrem Parkplatz und dann gibt’s sicher ein großes Geschrei.

Ich: Ein Nummernschild meinen Sie?

Er: Ja, genau.

Ich: Ok, danke. Heute ist unser erster Tag hier. Aber ich erledige das gerne in den nächsten Tagen.

PK: Ja, nur, weil Ihre… also die [sucht das passende Wort] Vor… die Vormenschen, die Ihren Parkplatz vorher hatten, also die, mit dem metallic-blauen Mazda Mx3* mit dem Kennzeichen MG – AB 1234 , die haben ein Mal den Ärger gehabt und deswegen sind wir hier alle vorsichtig geworden!

Ich (erstaunt, dass er das Autokennzeichen der Vormieter, den Autotyp und die Farbe auswendig weiß, während ich mehrere Minuten und absolute Ruhe brauche, um mich an all diese Details meines eigenen Autos zu erinnern – ich nicke langsam): Ja… das verstehe ich.

PK: Ja, nicht dass sie mit Ihrer 5 Meter Kutsch’ keinen Parkplatz finden. Dann ist das Geschrei groß.

Ich (lächle gequält): Das stimmt.

PK: Ich will Sie auch zu nichts nötigen. Weil MIR ist das vollkommen egal (zeigt auf sich und winkt ab), ob Sie jetzt ein Schildchen dranschrauben oder nicht. Aber es kann passieren, dass jemand anderes ansonsten auf Ihrem Parkplatz parkt, weil der das nicht weiß und dann denkt “Ah, der ist frei!”, weil Sie eben kein Schildchen angebracht haben!

Ich: Ja, da haben Sie recht.

PK: Wie gesagt, MIR ist das ganz egal. Ich sag’s Ihnen nur.

Ich: (schaut sich auf der Parkfläche um; jeder einzelne Parkplatz ist mit Schildern markiert) Ja… ähm…danke.

Wir entfernen uns vom Auto. Der Römer zeigt auf die Schilder-Allee und lacht: “Die Predigt hält der wohl jedem neuen Mieter.”

Schild: “Bekannt aus dem Internet” – Ob ich diese Schildaufschrift wählen sollte?

*keine Werbung, aber Sie ahnen es: Ich muss es als solche kennzeichnen.

Frankfurter Impressionen #5

Täglich gehe ich vier Mal an der Wahlwerbung einer deutschen Partei vorbei und jeden Tag denke ich bei dem Spruch „Nie gab es mehr zu tun.“ an unseren Umzug und muss schmunzeln. Deswegen habe ich mir erlaubt, das Plakat etwas umzugestalten. Doch sehen Sie selbst:

Starten Sie gut in die Woche!

Spieglein, Spieglein an der Wand!

Es ist eine der vielen Geschichten, die hinter einer Kleinanzeige stecken können. Aber diese ist mir (bis jetzt) die liebste.

Vor einigen Tagen sah ich einen Spiegel. Oval. Qualitativ hochwertig. Preis: Zu verschenken. Mittlerweile möchte ich mich, ohne mich selbst loben zu wollen, in den Stand des Experten der Kleinanzeigen erheben. Um die Qualität des Spiegels zu bestimmen reicht es nicht alleine, den Vordergrund, also das Objekt per se, zu begutachten. Nein, auch der Hintergrund ist wichtig. Man erkannte schwere, rote Perserteppiche. Der Spiegel war an ein nussbaumfarbenes Klavier mit goldenen Pedalen gelehnt. Ja, hier schlage ich zu, dachte ich mir und schrieb Frau Melchior an. Sehr höflich antwortete sie, dass sich der Spiegel im Besitz ihres Vaters befinde und dort gerne abgeholt werden könne. Ich müsse aber bitte pünktlich sein, weil ihr Vater eine halbe Stunde später abgeholt werden würde. Selbstverständlich bin ich pünktlich, finde ich doch nichts schlimmer, als unpünktliche Abholer/Käufer bei Kleinanzeigen.

[Zeitsprung – zwei Tage nach vorne]

Ich befinde mich irgendwo in einem betuchten Stadtteil Hanaus. Viele Villen, maximal zwei Stockwerke hoch. Ein Stadtteil, in dem es gemächlich zu geht. So gemächlich, dass ein Schwätzchen zwischen zufällig getroffenen Bekannten am Autofenster keine Seltenheit ist. Unbeirrt setzt man das Gespräch fort, auch wenn ein Auto mit Frankfurter Kennzeichen gerne vorbei möchte. Drei Minuten später scheint zwischen den Plaudernden alles geklärt. Man beauftragt seinen Gesprächspartner noch rasch, der Gattin die besten Wünsche zu überbringen und die Szenerie löst sich auf. Höflich wird sich bei dem Auto mit dem Frankfurter Kennzeichen per Handgruß bedankt und man huscht rasch weiter in einen der großen Gewerberparks. Es ist schließlich Samstag, was bedeutet, dass die oberste Bürgerpflicht der Einkauf bei Drogerie- und Supermarkt ist.

Ja, hier ist die Luft eine andere und das merke ich auch trotz laufender Klimaanlage und geschlossenen Fenstern. Nicht nur die Luft ist anders, auch die Parkplatzsuche, was daran liegen mag, dass man hier keine Parkplätze sucht, sondern nur findet. Ein Königreich für einen Autofahrer! Das überfordert mich als Frankfurterin dermaßen, dass ich gar nicht weiß, ob ich am Trottoir oder doch in der Einzelgarageneinfahrt parken soll? Ich entscheide mich für die Straßenvariante, denn das Parken in der Garageneinfahrt empfinde ich als etwas übergriffig. Mühsam schäle ich mich aus dem Auto. Hier ist es so ruhig und gemächlich, dass mir jetzt erst auffällt, mit welcher Wucht ich scheinbar immer die Autotür ins Schloss schlage. Beschämt drehe ich mich um. Doch hier ist niemand. Nur große Häuser starren mit leerem Blick auf die Straße. Ich gehe zum dunklen, schweren Gartentor, das hauptsächlich aus unzähligen Metallschnörkeln besteht. „Prof. Dr. Scherer“ steht an der Klingel und ich drücke darauf. Heraus kommt nicht der Professor, sondern der Rauhaardackel Wilma. Ich öffne die Gartentüre vorsichtig und Wilma springt an mir hoch. Ich halte ihr meine Hand hin, sie schnuppert angeregt und ich tätschle sie etwas am Bauch. Das scheint Wilma zu gefallen. Aber der Moment wird von den „Wilma-Rufen“ des Professors unterbrochen. Doch Wilma scheint es recht egal zu sein, was ihr Herrchen von ihr will oder nicht will. Hier ist eine neue Besucherin und diese könnte gleichzeitig eine neue Spielkameradin sein. Tollend gehen Wilma und ich zur Haustüre. Artig bleibe ich vor den gefliesten Treppen stehen. Wilma nicht. Sie hüpft zu dem älteren Mann, Mitte-Ende 80, hoch. „Wilma, jetzt ist aber gut! Haben Sie keine Angst. Wilma will nur spielen.“, begrüßt mich der Professor. Hätten wir nicht selbst einen Hund gehabt, hätte ich vermutlich Angst oder zumindest gehörigen Respekt vor Wilma gehabt, denn kleine Hunde zwicken ganz gemein in die Wade. Aber als erfahrene Hundetante, die ich in meiner Kindheit war, weiß ich, dass Wilma nur spielen, und nicht zwicken, will. Ich lächle und warte, dass der Professor den Spiegel herausreicht.

„Kommen Sie rein, kommen Sie rein!“, fordert mich stattdessen der Professor in seinem hellblauen Pullunder, unter dem er ein korrekt gebügeltes Hemd trägt, auf. Das Hemd ist blütenweiß – wie seine ordentlich gekämmten Haare. Ich nicke. „Ich ziehe nur eben die Schuhe aus.“, erwidere ich hastig und etwas beschämt, denn schließlich trete ich in ein Haus eines mir unbekannten Menschen ein. Er winkt ab, in etwa so als würde ein müder Löwe seine Tatze nach unten wischen. „Aber, Madame! Bitte, nein. Lassen Sie die Schuhe an und folgen Sie mir. Hier entlang!“, gebietet er mir und schleicht gemächlich voran. Ich folge ihm. Wilma läuft Schwanz wedelnd voraus. Ich habe den Eindruck, dass sie mittlerweile die einzige Dame des Hauses ist. Wir schreiten erst durch das Entrée, weiter durch einen Zwischenraum, in dem man vermutlich den Aperitif eingenommen hat, in den enorm großen, lichtdurchfluteten Salon. „Hier leben sie also, die 70er Jahre.“, denke ich beim Anblick des Interiors. Geschmackvoll, gepflegt und doch so, als wäre die Zeit seit 50 Jahren einfach stehen geblieben. Was müssen hier für rauschende Feste, Diskussionsrunden und Diners stattgefunden haben? Es sieht ein bisschen aus wie in dem alten Koch- und Backbuch, das mein Großvater mir nach der Jahrtausendwende vererbt hatte. Würden gleich Käseigel und Toast Hawaii serviert werden, es würde mich nicht wundern. Doch ein Detail lässt die Szenerie in einem anderen Licht erscheinen. Verstreut stehen immer wieder halb gefüllte Umzugskartons. Der Professor zieht aus. Vermutlich altersbedingt. Das Besitztum eines ganzen Lebens – verschenkt, verstaut, verkauft.

Die Zimmerdecke ist sicher am höchsten Punkt vier Meter hoch, dabei ansteigend und architektonisch wie ein großes Beduinenzelt gestaltet. Sie wurde mit hellen Holzpanelen verkleidet. Tropfenförmige Lampen lassen sich in einer Ecke gebündelt nach unten hängen und schaffen es doch nicht, den schwarzen Couchtisch mit den cognacfarbenen Elementen zu berühren. Der Teppichboden erinnert mich an silbriges Olivenlaub. Dieser ist mit schweren, roten Perserteppichen versehen. Warum der Teppichboden mit weiteren Teppich belegt ist, erschließt sich mir zwar nicht, dennoch finde ich die Idee sehr spannend. Wir gehen zu einer der hinteren Ecken des weitläufigen Wohnzimmers. Dort steht das nussbaumfarbene Klavier, das ich bereits im Hintergrund des Bildes erkannte. Daran gelehnt: mein Objekt der Begierde – der ovale Spiegel. Geschmackvoll, edel, schlicht, aber überaus hochwertig. Ich starre den Spiegel fasziniert an. „Der Spiegel sieht sehr edel aus.“, bringe ich staunend hervor. „Das Edle findet man oft in seiner Schlichtheit.“, antwortet der Professor lächelnd. Wilma schnuffelt an meinen Beinen herum. „Sehr schön!“, sage ich und schäme mich einige Sekunden später für meinen lapidaren Satz. Generell bin ich so überwältigt von dieser Professoren-Villa und von den Eindrücken, dass ich nur sehr begrenzte Kapazitäten habe, mich vernünftig verbal zu äußern. „Passt der?“, fragt mich der Herr Professor, in etwa so als wäre er einer der alteingesessenen Verkäufer bei einem renommierten Traditionskaufhaus. Ein solcher weiß natürlich, bevor es der Kunde selbst weiß, dass dieses Stück perfekt zum Klienten passt. Er erkennt es an den Blicken, an der gesamten Körperhaltung des Kaufenden, an dem kleinen, feinen Lächeln und den glänzenden Augen. Die Frage dient allein dazu, einen angenehmen Abschluss in diesem Verkaufsgespräch zu finden. Wenn dieser Spiegel nicht passen würde, dann würde es vermutlich keiner. „Wollen Sie ihn wirklich verschenken?“, will ich verdattert von dem älteren Herrn wissen. „Aber ja! Nehmen Sie ihn mit. Schenken Sie ihm ein neues Zuhause.“, insistiert er. Ich nicke zustimmend. Seine Aussage bedarf keiner Worte meinerseits. Meine Gestik und die glänzenden Augen reichen vollkommen aus. Verzaubert nehme ich den Spiegel in die Hände. Er ist schwerer als gedacht. Daraufhin blicke ich den Professor fröhlich an. „Vielen Dank – von Herzen!“, gebe ich von mir. „Es ist mir eine Freude, junge Frau.“, gibt dieser zurück. „Wollen wir?“, fragt er nun höflich und zeigt mit einer offenen Geste Richtung Tür. Ich nicke wieder und stolpere ihm nach. Erst jetzt fällt mir auf, dass seine Cord-Hausschuhe die gleiche Farbe wie seine Cord-Hose haben. Geschmackvoll und schlicht, niemals aufdringlich. Wilma springt, wie eben, vor uns her Richtung Haustüre. Er öffnet mir diese und lässt mich hindurchtreten. „Junge Dame, es war mir ein Vergnügen. Passen Sie gut auf sich auf und bleiben Sie gesund. Machen Sie’s gut!“, gibt mir der Professor mit auf den Weg. „Danke, das wünsche ich Ihnen auch.“, gebe ich zurück. „Und – danke nochmal für den Spiegel. Ich werde ihn in Ehren halten. Auf Wiederschauen!“ Der Professor lächelt und winkt. Wilma läuft mir hinterher bis zum Gartentürchen. „Tschüss, Wilma. Pass gut auf dein Herrchen auf.“, verabschiede ich mich von der Dackeldame. Zurück im Auto brauche ich eine Minute, um mich zu sammeln. Ein wenig fühle ich mich in diesem Moment wie ein Aasgeier, der die letzten Reste des Professorenlebens abwrackt und kostenlos mit nach Hause nimmt. Tief atme ich durch und fahre mit der wertvollen Fracht vorsichtig zu unserer neuen Wohnung. Ich werde bereits erwartet, lese ich auf meinem Handy.

In der Wohnung angekommen treffe ich den Römer und Signorino. Der Große schiebt den Kleinen mit dem Rutschauto durchs leere Wohnzimmer. „Und, Amore? Was hast du angeschleppt?“, grinst mich der Römer süffisant an. „Den Spiegel, von dem ich erzählte.“, antwortete ich und wusste doch, dass der Römer es für absolut überflüssig hielt, 25 Kilometer für einen Spiegel zu fahren. „Ooooh, che bello! [Ooooh, wie schön!] Wow! Was für eine Qualität.“, bemerkt dieser begeistert als er das edle Teil erblickte. „Der war anscheinend echt die Reise wert.“ Ich nicke: „Ja, das alles war die Reise wert.“

Spiegel in der Küche – ruhend.

Freitagsrapport | KW 26

Der Freitagsrapport an einem Samstag? 2019 wäre so etwas noch undenkbar gewesen. Aber 2021 ist eben alles möglich!

Der Römer – Man of the match Prüfungsvorbereitung

Ja, das ist er wirklich. Er hielt mir den Rücken frei, wo er nur konnte, damit ich Zeit zum Lernen hatte. Am Samstag ging er wieder zum Herrenbrunch mit anschließendem Spielplatzbesuch. Am Sonntag gingen die Herren an den Main, am Montag und Dienstag lieferte er Signorino in der Kita ab. Am Freitag hetzte er sich ab, um rechtzeitig heimzukommen, schnappte sich den Ableger und sie gingen in die Pizzeria seines Freundes während ich über dem Studienskript hing. Dann brachte mir der Römer (und der Mini) noch eine herrlich duftende Pizza mit. Nein, beschweren darf ich mich wirklich nicht. Er ist wirklich mein man of the test preparation.

Man römischer Stein in der Brandung.

Das Geheimnis hinter der temporären Stilllegung des Blogs

Ich hoffe, es liegt nicht an einem Stalker.„, schrieb Tom und glücklicherweise ging seine Hoffnung in Erfüllung (toi, toi, toi). Mein Bruder vermutete, dass der Blog zahlungspflichtig wird, jetzt wo die ganze Familie abhängig von meinen Geschichten ist. Nein, auch das wird nicht vorkommen. 😉

Vielmehr lag es daran, dass wir uns für eine Wohnung, die uns unter der Hand von Turtles Freunden vermittelt wurde, bewarben. Kurz nachgedacht, kam ich auf die Idee, dass die Wohnungsbaugesellschaft sicher unsere Namen googeln würde. Wenn man meinen Namen googelt, dann sind die ersten zwei Treffer sehr langweilige Jobportale, in denen man meine berufliche Vita nachlesen kann. Der dritte und vierte Treffer sind Profile auf sozialen Netzwerken, die mir nicht gehören. Und der fünfte Treffer ist bereits mein Blog, der dank Impressumspflicht unter meinem Klarnamen gefunden werden kann. An sich stört mich das nicht – ganz im Gegenteil. Der Blog gehört zu mir, wie ich zu ihm. Nur erschien mir der Gedanke etwas unangenehm, dass eine Wohnungsbaugesellschaft sogleich all meine ehelichen und familiären Kabbeleien mitbekommen würde, bevor sie sich überhaupt meine Schufa ordentlich angeschaut hätte. Zugegeben, die Geschichten über den römischen Gatten sind deutlich kurzweiliger zu lesen als eine schnöde Schufa. Dennoch entschied ich mich dazu, den Blog temporär auf Eis zu legen, um nicht doch eine „brutta figura“ zu machen. Womit wir gleich zum nächsten Punkt kommen:

Die Wohnung

Stellen Sie sich vor, Sie finden die perfekte Wohnung, die all das vereint, was Sie sich auf Ihrer imaginären Wunschliste aufgeschrieben haben. Dazu liegt sie auch noch einige (hundert) Euro(s) unter Ihrem Maximalbudget. Und jetzt stellen Sie sich vor, dass diese Wohnung in einem Stadtviertel liegt, das für sich spricht, was in diesem Fall nicht besonders positiv ist. So wachte ich nachts um 04:30 Uhr schweißgebadet auf und dachte nach, ob wir dort wirklich hinziehen wollen. Ich ging ins Wohnzimmer und las mir Polizeimeldungen durch. Hm… nichts wildes. Da war unser aktuelles Wohnviertel im direkten Vergleich schon deutlich auffälliger. Dann las ich einen Artikel über die sozialdemografische Struktur: Der kinderreichste Stadtteil mit den meisten Sozialhilfeempfängern. Dann klickte ich noch einen Artikel über Jugendliche in dem Viertel an. Grundsätzlich waren alle sehr zufrieden, auch der, der aus dem ruhigeren Nordend übergesiedelt war. „Hauptsächlich wollen die Bewohner hier ihre Ruhe.“, sagte einer der befragten Jungs. Oh, super. Das deckt sich exakt mit meinen Präferenzen. Ich schickte Sonntagabend unsere Nachweise an die Wohnungsbaugesellschaft.

Montagfrüh antwortete die nette Sachbearbeiterin sogleich und forderte weitere Unterlagen an. Die Erfüllung dieses Wunsches stellte sich als sehr steiniger Weg heraus. Vergleichbar mit einer siebenstündigen Hochgebirgswanderung in Flipflops und Sommerkleidchen, ohne Wasser und Proviant, in der prallen Sonne. Aber, irgendwann kam ich am Gipfel an – mitsamt meiner Unterlagen. Am Dienstag hörte ich nichts von der Sachbearbeitung, was mich etwas nervös machte, denn wir mussten unsere aktuelle Wohnung kündigen, um uns zumindest die dritte, doppelte Mietzahlung zu ersparen. Am Mittwochmorgen legte ich die Wohnung gedanklich ad acta. Nein, drei doppelte Monatsmieten würde ich sicher nicht zahlen. Dann eben eine andere Wohnung. Und überhaupt muss Signorino so jeden Tag durch die ganze Stadt kutschiert werden, um zur Kita gebracht zu werden. Nachmittags würde das gleiche Programm wieder winken.

Zehn Minuten später antwortete die Sachbearbeiterin: Wir schicken Ihnen den Mietvertrag zu.

Ähm?! Ich habe mir doch gerade die Wohnung ausgeredet. Da war ich wohl mal wieder etwas zu voreilig. Wie dem auch sei: Ich rede sie mir jetzt wieder ein, tippte und schickte bereits eine Kündigung für unsere aktuelle Wohnung und dann Ciao Kakao!

Na, dann packen wir eben die Koffer und ziehen um.

Signorino erzählt

Ich war selbst erstaunt, dass unser Sohn eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählt hat, bei der er sich ein alternatives Ende gewünscht hätte. Doch von vorne: Am Mittwochabend erzählte er mir im Bett wie ungünstig das mit seinem heutigen Wunsch nach Eiscreme ablief. Wir lagen nebeneinander und er guckte mich ernst an: „Eis! [Kurze Pause, wird ernst, schimpft] Nein! Nein! [kurze Pause, äußert seine Meinung sehr vehement] Jaaaaa!!“ Und ja, genau so lief es ab. Er verlangte nach „Eis!“. Ich sagte: „Nein, es gibt kein Eis.“ Er bockte. Ich wiederholte ein zweimaliges „Nein!“ und er verwandelte sich in ein tobendes Rumpelstilzchen, das sich erst zehn Minuten später wieder beruhigte. Dann widmete er sich anderen Dingen und bekam eine Banane. Sein Wunsch nach Eis blieb derweil wohl weiterhin bestehen, so dass er mir am Abend erzählte wie ungünstig die Situation für ihn ablief.

In diesem Sinne: Starten Sie gut ins Wochenende, hauen Sie auf den Putz und genießen Sie die freien Stunden.

Wünsche ohne Barrieren

Da prangt sie also an unserem Kühlschrank – die 5-Zimmer Wohnung in der Via Dandolo in Rom. Wer sich durch die engen Gassen Trasteveres als Tourist durchgeschlagen hat, kommt selten in diese Ecke des Viertels. Große, mediterran eingefärbte Hausfassaden hinter hohen Mauern, keine touristische Attraktion weit und breit und doch: Für den Römer und mich ist es eine der schönsten Straßen Roms.

Sie werden sich fragen, was die Annonce dieser Wohnung an unserem Kühlschrank zu suchen hat.

Das möchte ich Ihnen gerne erklären: Die liebe Jeanette (ein großes Danke an dieser Stelle!) hat mich auf den -für mich- richtigen Podcast gestoßen, der mich inspiriert und meine Gedanken in klareren Bahnen fließen lässt.

Ganz am Anfang des Podcasts, in einer der ersten Folgen, geht es unter anderem um die Frage: „Wo siehst du dich in 3 Jahren, wenn es keine gedanklichen Barrieren gibt?“ Meine Antwort war schnell gefunden: „Die ganze Familie Farniente wohnt in Rom – und ich schreibe über die ewige Stadt und ihre Bewohner.“ Das wäre mein Wunsch – aus tiefstem Herzen.

Später an diesem Tag fragte ich den Römer eben diese Frage, die ich mir selbst gestellt habe: „Wo siehst du dich in 3 Jahren ohne gedankliche Barrieren? Das Unmögliche bleibt außen vor!“

Er stammelte etwas herum, wand sich und wollte sich in seinen „Unmöglichkeiten“ verfangen wie ein zappelnder Fisch am Hafen von Anzio. „Keine Barrieren!“ betonte ich noch einmal. Er atmete tief durch, schloss die Augen, hielt einen Moment inne und sagte: „Va bene! Telo dico?“ [Gut! Soll ich’s dir sagen?] Ungeduldig wie ich bin, erwiderte ich nur ein „sarebbe ora“. [Es wäre an der Zeit!]

„Oooookay…“ begann der Römer erneut. „Allora….“

Ich platzte fast vor Ungeduld und spielte nervös an meinem Ehering herum, bereit ihn in den tiefen der Espressotasse zu entsorgen, wenn er nicht bald seine Version des perfekten Lebens vor mir ausbreitete.

„Ich…also wir…wohnen in Rom. Testaccio, Trastevere, Centro Storico, das wäre mir egal. Riguardo al lavoro [Hinsichtlich der Arbeit]….hm…telo dico veramente?“ [Soll ich’s dir wirklich sagen?]

Dieser Mann treibt mich noch in den Wahnsinn! Jede buddhistische Weisheit ist hinfällig mit ihm und seinem Spannungsaufbau! Ich versuchte mich an das „Ertragen des Leidens“ zu erinnern und ertrug dieses Leid mit tiefen, fast schon Wehen veratmenden Atemzügen voller Ungeduld. Einatmen….3…4…5…Ausatmen…6…7…8. Spätestens in diesem Augenblick beglückwünschte ich mich zu dem damaligen Geburtsvorbereitungskurs.

„Bitte, ja.“ antwortete ich – ganz konzentriert auf meine Atmung.

„Okaaaaay… allora…“ [Okaaaaay…also….] fing er wieder an.

„NUN SPUCK’S ENDLICH AUS!“ schoss es aus mir heraus. „Huch! Woher kam das denn?“ fragte ich mich in Gedanken und lächelte den Römer entschuldigend an. Gleichzeitig machte sich ein Gefühl der Befreiung in mir breit. Dennoch: Ich habe wohl noch einen sehr langen, buddhistischen Weg vor mir.

„Scusa, allora, io vorrei lavorare come professore a una delle università di Roma. [Entschuldige, also, ich würde gerne als Professor an einer der römischen Universitäten arbeiten.]“ fing er an. „Teilzeit wäre super. Gleichzeitig habe ich meine eigene Praxis in Rom. Aber es ist unwahrscheinlich, dass ich jemals in Rom als Professor arbeiten kann. Ich bin kein richtiger Italiener und ich….“ versuchte er sich schon wieder zu limitieren. „Na, na, na! Es geht nur darum zu definieren, wo du hin willst. Der Rest kommt dann nach und nach.“ unterbrach ich ihn.

Nach einer kurzen Pause, setzte ich wieder an. „Wie schön, dass wir zur gleichen Destination wollen.“ Ich grinste. „Und noch schöner, dass wir darüber offen reden konnten.“

„Wie meinst du das?“ fragte der Römer irritiert. „Na ja, du willst nach Rom, ich will nach Rom. Das kann kein Zufall sein.“ begründete ich meine Aussage.

Wenig später fand man uns vor dem Computer, nach Traumhäusern suchen. Spontan verliebten wir uns beide in das Anwesen in der Via Dandolo. Ich druckte es aus, strich den utopischen Preis mit einem dicken Filzstift durch und hing es an den Kühlschrank. Dem überraschten Römer erklärte ich: „Man muss seine Ziele fest im Blick haben. So auch unser Haus. Vielleicht klappt es nicht in drei Jahren, vielleicht auch nicht in fünf, aber früher oder später wird alles so, wie wir es uns ausgemalt haben. Energie fließt in die Richtung, in die deine Gedanken gehen.“ kommentierte ich meine Idee. „Inshallah.“ antwortet er und grinst. „Genau, inshallah!“ antwortete ich und umarmte ihn.

Familie, römisch-albanisch, sucht!

Und? Wann haben Sie zuletzt eine Wohnung gesucht? Oder gar ein Haus?

Können Sie sich noch an den Moment erinnern?

Ich kann. Und jedesmal war es auf’s Neue dramatisch und traumatisch. Das Gerangel und Gebettel um eine abgewohnte 60er Jahre Großstadt-Wohnung, die seit dem Bau auch keinerlei Renovierung erfahren hat. Die Mi(e)t-Interessenten Kerstin und Markus, die die wahren Cash-Cows sind, ständig das Wort an sich reißen und den alten PVC Boden loben als wäre er aus purem Gold und nicht aus dem letzten Jahrhundert. Die schlecht überstrichene Tapete, die von der Erdanziehungskraft getrieben, oftmals schon halb eben dieser folgt. Die vergilbten Türen, die Balkontür, durch die ich im geschlossenen Zustand meine Hand durchschieben kann… all das bekommt man inklusive, wenn man monatlich 1300 Euro auf den Tisch legt. Heizkosten nicht inkludiert.

Es ist mal wieder soweit. Eben noch gebrütet, wollen wir nun mit Signorino unser Nest vergrößern. Wir haben uns einen Monat Zeit gegeben etwas Neues zu finden. Wenn wir nichts in diesem einen Monat finden, dann vertagen wir unsere Suche auf nächstes oder übernächstes Jahr.

Denn im Grunde genommen sind wir zufrieden hier. Die Verkehrsanbindung ist sehr gut, der Main ist nah, die schlecht renovierte 60er Jahre Wohnung haben wir uns ganz nett gemacht, aber zwei Zimmer auf Dauer sind nun wirklich nicht unser Traum. Es geht gar nicht um Signorinos Zimmer – er ist noch so klein, dass er eh am liebsten zwischen uns schläft. Primär geht es uns um ein Zimmer, in dem man in Ruhe lernen und studieren kann. Der Römer beginnt im Herbst seinen PhD und ich würde gerne studieren, zu unsicher ist mir mein Job in letzter Zeit geworden. Und ich genüge mir nicht mehr mit der Ausbildung, die ich genossen habe. Da bietet es sich an ein Fernstudium anzufangen. Mit Kind und Kegel.

So kommt es also, dass wir etwas bezahlbares mit guter Verkehrsanbindung suchen, das möglichst nicht außerhalb der Stadt liegt. Ein Garten wäre nett, eine Badewanne ist ein Muss, Balkon optional, 70qm sollten es schon sein und ein Aufzug wäre toll, wenn die Wohnung nicht gerade im EG liegt.

Aber finden Sie das mal! Mit 800 anderen Bewerbern, die alle bei der Deutschen Börse arbeiten oder Marketingreferenten für Quatschologie sind. Nettoeinkommen: Mind. 40.000 Eur im Monat. Keine Kinder. Ständig am Arbeiten. Beschweren sich nie.

Na ja und dann wären wir da noch als Bewerber: Ein Kind, ich in Elternzeit, der Mann in irgendwie sowas wie Teilzeit. Ausländischer Nachname (albanisch!!! Die Schleppen doch ihre ganze Familie mit!!!). Ja ja, Bürgschaft der Eltern, aber Kerstin und Markus brauchen das alles nicht. Also nimmt man im Zweifel Merstin oder Karkus (wie sie liebevoll von ihren Freunden genannt werden).

Und wir sind raus. Tja, nun. Dann ist es wohl so.

Wir warten ab, denn man weiß nie, was das Leben im Sinn hat. Vielleicht kommt die perfekte Wohnung ums Eck, vielleicht kommt aber was ganz anderes.

Und bitte, liebe Frankfurt affinen Mitmenschen, kommen Sie mir nicht mit Offenbach. Wissen Sie, man entscheidet sich einmal im Leben: Frankfurt oder Offenbach? Und bei uns viel die Wahl auf Frankfurt. Das kann man nicht mehr revidieren.