Das achte Türchen des germanoitalbanischen Adventskalenders

[Die Auflösung von Tag 7 finden Sie wie immer am Ende]

Fakt Nummer 8

Es war unser zweiter Hochzeitstag. Wir wollten etwas essen gehen. Da wir meist Italienisch essen, mit einigen, wenigen Ausflügen ins Türkische und in die asiatischen Küchen, wünschte ich mir ein österreichisches Restaurant. Die österreichische Küche erinnert mich an meine Kindheit, besonders aber an Rezepte, die mein Opa damals für mich kochte.

Wir speisten vorzüglich zu Abend. Unser Hochzeitstag hätte nicht traumhafter sein können: Cremige Schwammerlrahmsuppe, original Wiener Schnitzel mit gerösteten Petersilienerdäpfeln und zur Krönung des Abends: Eis Marillenknödel mit Marillenröster.

Glücklich, satt und beschwingt gingen wir nach Hause. Am nächsten Tag musste ich früh aus den Federn, denn ich hatte eine Tagestour mit Briefingbeginn 5:20 Uhr gewonnen. Ich machte mich bettfertig, packte meine Arbeitshandtasche und ging noch einmal ins Wohnzimmer.

Der Römer saß im großen, grauen Sessel und war seltsam nach vorne gebeugt. „Alles gut?“ fragte ich und er stöhnte. „No, nichts gut. Ich habe Bauchschmerzen. Das Essen war sicher vergiftet.“ jammerte er. „In dem Restaurant war ich schon so oft, da war nie etwas. Die haben eine Topqualität.“ widerlegte ich seine These. „Comunque ho dei dolori forti. [Trotzdem habe ich starke Schmerzen.]“ ächzte er und krampfte sich zusammen. Irgendwie sah er schweißig aus, blass um die Nase und gar nicht gut.

Diesmal war es kein Männerbauchweh, schien es mir. Es war ernst. „Okay, wir fahren ins Krankenhaus!“ wollte ich ihn überzeugen. „No, no, non c’è bisogno. [Nein, nein, das braucht es nicht.]“ presste er hervor, dicht gefolgt von einem Lauten: „Madonna mia, sto partorendo! [Madonna mia, ich gebähre gerade!]“

Ich holte seine Jacke, die Schuhe und seine Mütze. Dazu rief ich ein Taxi. Er widersprach nicht. Ich half ihm in die Jacke. Er setzte sich die Mütze auf. Bei den Schuhen musste ich ihm wieder helfen, denn er wurde immer wieder von Krämpfen geschüttelt. Unter lautem Fluchen und Jammern stiegen wir in das Taxi ein.

Der Taxifahrer ließ uns nicht bei der Notaufnahme raus, sondern 200 Meter weiter weg. Da wir noch nie in diesem Krankenhaus waren und die Wege nicht kannten, insistierten wir nicht. Als das Taxi weg war, verstanden wir erst, dass wir noch einige Schritte zur Notaufnahme hatten. Der Römer stützte sich an mir ab und wir gingen sehr langsam die Straße entlang. Keine Menschenseele war unterwegs, nur wir, das seltsam anmutende Paar mit dem Mann in den Wehen.

In der Notaufnahme angekommen, waren wir sofort an der Reihe. Die junge Ärztin, die Nachtschicht hatte, untersuchte den Römer sehr genau. Er hingegen murmelte irgendetwas von „Lebensmittelvergiftung“ zwischen seinen Wehen. „Oh.“ bemerkte sie kurz. „Ach ja, ich hol mal den Kollegen. Momentchen!“ Sie ging kurz aus dem Raum und kam mit einem unwesentlich älteren Kollegen zurück. „Hast du schon einmal so eine Gallenblase gesehen? Das muss ja wahnsinnig weh tun! Und guck mal, dieser Zipfel da. Sowas hab ich noch nie gesehen.“ Der Römer veratmete indessen seine Schmerzen.

„Okay, Herr Farniente. Sie haben Gallensteine – noch und nöcher. Nun haben sich ein paar gelöst und verstopfen den Gallenblasengang. Was wir jetzt machen ist: Wir behalten Sie hier. Der Gallenblasengang wird morgen ordentlich durchgepustet und langfristig muss die Gallenblase raus.“

Der Römer guckte wie ein Auto. Ich übersetzte, da ich dachte, dass er es nicht verstanden hat. „Antidolorifici, no, eh? [Schmerzmittel gibt’s hier nicht, oder?] sprach er sehr flapsig auf Italienisch. Ich lächelte und übersetzte für die Ärztin: „Er fragt nach Schmerzmitteln.“ Die Ärztin nickte. „Klar, kommt gleich. Sie kriegen eine Infusion.“

In einer Stunde sollte mein Briefing beginnen. Ich hatte keine Sekunde geschlafen und fühlte mich völlig außerstande, Gäste hin- und herzufliegen. Mein Telefon hatte ich schon in der Hand. Fix wählte ich die Nummer meines Arbeitgebers und sagte Bescheid, dass das wohl heute nichts wird.

Zurück im Untersuchungsraum war der Römer bereits in einen adretten Krankenhauskittel gekleidet. Ein Pfleger schob einen Rollstuhl ins Zimmer. „So, Herr Farniente, ihr Taxi ist da. Ab geht’s auf’s Zimmer.“ witzelte er. „Buona notte, amore mio. Buon anniversario.“ [Gute Nacht, mein Schatz. Einen schönen Hochzeitstag dir.] presste er sehr geknickt heraus. „Dir auch! Gute Nacht. Bis morgen!“ antwortete ich.

Nachts um 4:30 Uhr ging ich durch die immer noch leeren Straßen Frankfurts nach Hause. Irgendwie hatte ich mir den Hochzeitstag anders vorgestellt.

Was meinen Sie? Habe ich den Römer am Hochzeitstag ins Krankenhaus gebracht oder war es nur ein Albtraum meinerseits um der Frühschicht zu entgehen?

Reise Tag 8

„Wo sollen wir denn noch hinreisen?“ frage ich mich langsam. „Ich helf‘ dir.“ war die kurze Antwort des Einen.

Aber nicht heute. Denn heute brauche ich noch keine Hilfe: Denn es geht nach Seattle!

Flugzeit (ab Frankfurt): 10h 15min

Taxikosten vom Flughafen in die Stadt: 42-50 $ – Trinkgeld noch nicht eingerechnet.

Für’s Frühstück gibt’s für mich nur eine Option: Bacco Café* in der Pine Street. Das kleine Café mit dem aufmerksamen Service ist meist voll, doch um 7 Uhr morgens bekommt man noch gut einen Platz. Dank Zeitverschiebung ist das für uns Europäer gut machbar. Der Frenchtoast ist superb. Alles andere aber auch! Oh, und der Kaffee ist sehr gut erträglich. (Anders kann ich Kaffee in den USA nicht kategorisieren)

Gut gestärkt ist es ein Katzensprung zum Pike Place Market*. Ja, ja, der allererste Starbucks* ist hier, ich weiß. Aber noch interessanter ist doch die Gum Wall. Eine extrem lange Wand, an der jeder seinen Kaugummi hinkleben darf. Wer sich nun genug geekelt hat, der guckt sich den Pike Place Market etwas genauer an.

Die Markthalle hat eine tolle Atmosphäre. Besonders liebe ich den Fischhändler, der die Fische durch die Gegend wirft:

Vom Pike Place Market* gehen wir zur Monorail Station „Westlake„, kaufen ein Ticket und steigen ein. Am Next 50 Plaza, in der Nähe der Space Needle (dem Wahrzeichen Seattles!) werden wir ausgespuckt. Von dort steigen wir die 68 Höhenmeter auf zum Kerry Park. Wer Grey’s Anatomy* genauso liebt wie der Römer, der kommt an diesem Park nicht vorbei. Es vergehen keine fünf Minuten in der Serie und eine Ansicht von Seattle wird gezeigt, die von dort oben aufgenommen wurde.

Wir gehen den Highland Drive entlang und über die Taylor Avenue und Galer Street steigen wir zum Westlake hinab. Wie gut, dass dort das Caffé Umbria* liegt. Für einen extrem erträglichen Kaffee, ein Panino und eine Arranciata [Orangenlimonade] ist hier immer Zeit.

Wer noch nicht genug hat, der fragt spontan bei Kenmore Air*, ob sie noch Plätze für einen Wasserflugzeug-Rundflug freihaben. Die Aussicht ist gigantisch!

Abends gehen wir ins Palace Kitchen*. Das Ziegenkäse-Lavendel-Fondue als Vorspeise ist nicht in Worte zu fassen. Sie müssen es einfach probieren! Und wer mary’s organic rotisserie chicken nimmt, der hat auch alles richtig gemacht.

Auflösung von Tag 7

Na, wer hat auf „falsch“ getippt?

Sie möchte ich ganz besonders loben, denn Sie lagen zwar mit ihrem Tipp falsch, aber es schmeichelt mir sehr, dass Sie mir diese absolute Dummheit überhaupt nicht zutrauen.

Recht hatte aber nur die wunderbare Miss to bee. Tatsächlich war es eine derartige Schnapsidee den Wein zu entwenden und ihn dann bei Gisela zu verstecken. Den ganzen Tag waren wir drei von einem dermaßen schlechtem Gewissen geplagt, dass wir uns abends noch einmal in den Konferenzsaal hochschlichen. Natürlich war alles bereits abgebaut. Dennoch schrieben wir einen Zettel: Sorry! We took the wine. That was really stupid! [Entschuldigung! Wir haben den Wein genommen. Das war wirklich blöd!]

Dann legte jeder von uns 5 Euro dazu. Auf dem Tisch in der Mitte legten wir unser Kärtchen ab.

„Ich fühl mich immer noch dämlich.“ sprach Anton unser aller Gefühl aus. „Ich auch. So eine Dummheit mach ich echt nie mehr.“ bemerkte ich. „Aber immerhin haben wir eine coole Geschichte zu erzählen.“ wollte uns Laila aufmuntern. „DIE Geschichte erzähl ich echt niemanden. Viel zu peinlich!“ widersprach ich. Tja, ich sollte mich täuschen.

9 Gedanken zu “Das achte Türchen des germanoitalbanischen Adventskalenders

  1. Gallensteine? Beim Mann? In dem zarten Alter? 😉 Wo er doch sportlich ist und sicher auch sonst keiner Risikogruppe angehört. Klingt sehr echt, aber stimmt nicht!
    Falls doch, hoffe ich, ist alles gut auskuriert worden.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Kurze Pause im germanoitalienischen Adventskalender! | Zwischen Tiber und Taunus

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