Der Freitagsrapport | KW 25

Ein Dusel

Nein, kein Dussel. Ein Dusel [Betonung auf dem U] sagt man im Bayerischen, wenn jemand sehr viel Glück (im Unglück) hatte. Wer so ein Dusel gehabt haben könnte? Natürlich mein römischer Gemahl. Wer sonst?!

Um was es ging? Um seinen Impftermin.

Vor etwa zwei Monaten wurden seine Impftermine bestätigt. Leider passten die Zeiten so gar nicht in seinen Arbeitsplan und so buchten wir den Ersttermin um, so dass er sich in seine Work-Life-Balance, wie man so schön sagt, einfügt. „Sollen wir den zweiten Termin auch gleich umbuchen?“, wollte ich vom Römer wissen. Er winkte ab. „No, no, das machen wir dann.“ Wie ein so kleines, unscheinbares Wort wie „dann“ in einem, einzigen großen Chaos endet, war mir damals nicht bewusst, sonst hätte ich darauf bestanden, dass aus dem „dann“ ein „sofort“ wird.

Der Römer trat in der beeindruckenden Frankfurter Messehalle zur Erstimpfung an, die Wochen vergingen und ihm fiel ein, dass er den Zweittermin unter der Woche, um 10:30 Uhr vormittags, nicht wahrnehmen könne. So bat er seine persönliche Assistentin, mich, um Hilfe. Sogleich machte ich mich daran, den Termin umzubuchen. Doch es klappte nicht. „Momentan können wir Ihnen keine Alternative anbieten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal.“, stand da. Ich bestand darauf, dass der Römer die Impfhotline anrufen solle. „Si, si, lo faccio subito. [Ja, ja, das mache ich sofort.]“, sprach der Gatte und machte – nichts. So verging Tag um Tag. Immer wieder hakte er bei mir nach, ob ich es noch einmal online versucht hatte, seinen Termin zu verschieben. „Nein, ich habe es nicht noch einmal versucht.“, log ich, da ich wollte, dass er den Termin bei der Hotline umbuchte. Natürlich hatte ich es seit Tagen im Stundentakt versucht, aber es war absolut nicht möglich, einen anderen Termin zu bekommen. „Ah…allora…[Ah…also…] dann frage ich meinen Vorgesetzten.“, gab der Römer seinen Plan preis. „Du kannst auch einfach bei der dämlichen Impfhotline anrufen.“, schob ich nach. „Nein, nein, mein Arbeitgeber muss mich freistellen. Schließlich geht es um meine Zweitimpfung.“, bestand der Römer auf seinen Plan. Nun denn. Er informierte seinen Vorgesetzten und dieser, der zufällig italienische Wurzeln hatte, hatte vollstes Verständnis. „Aber sicher doch! Unsere Sekretärin muss dir die Stunden freischaufeln. Ich habe auch versucht, meinen Termin umzubuchen, aber das war unmöglich.“, zeigte sich sein Chef empathisch.

Na, wenn auch er das römische Modell angewandt hatte, was mir als Landsmann nicht unwahrscheinlich schien, dann konnte ich mir sehr gut vorstellen, dass es nicht geklappt hatte. Die Sekretärin seufzte kurz, rief dann alle Patienten zwischen 10:00 – 13:00 Uhr an und suchte händeringend mit ihnen nach einem neuen Termin. Am Donnerstag Abend kontrollierten wir, auf meinen Wunsch hin, die Impfunterlagen. Mein Blick fiel auf die Uhrzeit des Zweittermins. 14:30 Uhr. Moment mal?! 14:30 Uhr?! Behauptete der Römer nicht seit Wochen steif und fest, dass dieser Termin um 10:30 Uhr stattfinden würde? Postwendend konfrontierte ich den Römer mit seiner Impfuhrzeit. „Das muss ein Fehler sein.“, antwortete er gelassen. „Aber hier steht 14:30 Uhr! Moment, ich schau mal in deinen Online-Unterlagen nach.“ Der Römer war immer noch tiefenentspannt. Es würde sich vermutlich nur um eine alte Bestätigung handeln, ein Tippfehler, ein Systemfehler, was auch immer. Ich loggte mich rasch ein. „Ach, du meine Güte. Der Termin ist wirklich um 14:30 Uhr.“, erschrak ich abermals. Der Römer wurde leicht nervös. „Eh allora? [Und nun?] Hm….“, sprach er leise. Sofort klickte ich hektisch in der Online-Plattform der Impfterminvergabe umher. Alles probierte ich aus. Erfolglos. Bis ich über die Kategorie „Ersttermin verschieben“ stolperte. Was hatte ich schon zu verlieren? In meiner Verzweiflung verschob ich also den Ersttermin, den der Römer bereits Anfang Mai hatte. Das System gab mir einen neuen Erst- und Zweittermin. Freitag, 16:30 Uhr war der neue Ersttermin und „Irgendwann Ende Juli.“ der Zweittermin. Ein Versuch war es wert.

„Ich versuche das mal. Wenn’s klappt, ist’s gut. Wenn’s nicht klappt: pazienza! [Geduld!]“, fasste der Römer seine missliche Lage zusammen. Einmal so gelassen wie dieser Mann zu sein, und das ganz ohne stundenlange Meditation, das wäre mein Lebenstraum. Nach der Arbeit tuckerte er zur Festhalle/Messe, wo sich Frankfurts Impfmaschinerie befand. Er erklärte charmant seine missliche Lage und wie er versuchte, das Problem selbst zu lösen. „Kein Problem! Uns ist nur wichtig, dass wir die Impfdosen hier haben und sie einen Termin gebucht haben. Wir sehen in unseren Computern, dass Sie bereits erst geimpft worden sind. Bitte mit den Unterlagen hier entlang. Tschüüühüüüss!“, flötete die Dame an der Impfrezeption. Nach einer Stunde kam der Römer gut gelaunt nach Hause. „Hat alles geklappt. Es war überhaupt kein Problem.“, erklärte er stolz. Dieser Mann! Römisch gelassen und dabei immer das Glück auf seiner Seite.

Römer müsste man sein! Das Bild zeigt den Parco degli Acquedotti. Im Hintergrund ein imposantes Aquädukt, rechts Pinienbäume, eine große, grüne Wiese, darauf ein umgekippter Baumstamm und eine Person, die darauf rastet. Der Himmel ist blau.

Geheult wie ein Schlosshund

… habe ich diesen Mittwoch. Der knapp 2jährige Nicola Tanturli wurde am Fuße einer Böschung, irgendwo im Mugello, (einer Landschaft, die sich in etwa nördlich von Florenz und südlich von Bologna befindet) wieder gefunden. Außer ein paar Kratzern hatte er nichts.

Was war passiert? Am Dienstag publizierten die italienischen Medien, dass der kleine Nicola von seinen Eltern vermisst gemeldet wurde. Er verschwand in der Nacht von Montag auf Dienstag aus seinem Elternhaus in Palazzuolo sul Senio, einem Ort in der Provinz Florenz. Dienstagmorgen haben die Eltern die Polizei informiert, da sie ihren Sohn nicht mehr in seinem Bettchen vorfanden. Man ging davon aus, dass der kleine Mann eigenständig aus seinem Bett aufgestanden ist und das Haus verlassen hat. Hierzulande würde das Haus wohl als Einsiedlerhaus bezeichnet werden. Dadurch war Nicola es gewohnt, dass er das Haus autonom verlassen und draußen spielen konnte.

Den ganzen Tag und die ganze Nacht suchte man nach dem kleinen Nicola. Ohne Ergebnis. Man untersuchte einen nahegelegenen See. Wärmebildkameras wurden eingesetzt. Spürhunde. Helikopter. Doch alles verlief im Sand.

Am Mittwoch dann die erlösende Nachricht: Der Carabinieri-Chef Danilo Ciccarelli aus Scarperia hat den Kleinen auf Hinweis eines Journalisten am Fuße einer Böschung entdeckt. Es schien ihm ein Tier, das so schrie. Der Eindruck wurde auch dadurch bekräftigt, dass das scheinbare Tier jedes Mal verstummte, sobald Ciccarelli Nicolas Namen rief. Als Ciccarelli Nicola entdeckte, rief dieser nur „Mama!“ und warf sich dem Carabinieri um den Hals. „Ich habe kontrolliert, ob es ihm gut ging. Er hatte nur ein paar Kratzer.“, sagte Ciccarelli sichtlich bewegt im Interview mit der Presse. Als ich dann noch das Video sah wie seine Mama ihren vermissten Sohn nach diesen aufregenden Tagen in die Arme schloss, weinte ich wie ein Schlosshund.

Ende gut, alles gut? Ja.

Und nein. Welch enthemmende Wirkung digital vermittelte Massenkommunikation hat, brauche ich Ihnen nicht zu erklären. Aber, dass ein Großteil der kommentierenden Personen davon ausging, dass die Eltern sicher einen Mord an ihrem eigenen Kind vertuschen wollten, empfand ich dann doch als sehr schockierend. Ein 2jähriger könne doch keine Türklinke öffnen und das Haus verlassen, war hier das Schlüsselargument. Dazu kann ich sagen: Was ein 1,5jähriger Signorino kann, und zwar die Türklinke der Wohnungstür ohne Probleme herunterzuziehen, kann auch ein 2jähriger Nicola. Ich hoffe, die ätzenden Waschweiber der sozialen Netzwerke schämen sich in Grund und Boden für ihre widerwertigen Kommentare und ihnen rutscht beim Händewaschen jedes, einzelne Mal der Ärmel runter und wird pitschnass.

Jetzt aber fix!

Aber wirklich. In einer Woche schreibe ich meine erste Klausur (ich werde noch ausführlich berichten) und irgendwie dachte ich, als ich mich zur Prüfung anmeldete, ich wäre schon „weiter“. Ich war ebenso überrascht wie mein Studienskript, dass ich noch etwas hinterherhinke. Deswegen wird es hier vermutlich etwas stiller. Dennoch hoffe ich, den nächsten Freitagrapport nicht ausfallen zu lassen. Doch wenn, seien Sie mir nicht böse! Es dient einem höheren Zweck. 😉

Das damalige, römische Deutschskript wäre um ein vielfaches leichter. Das Bild zeigt einen Leitfaden zum Bestehen der Deutschprüfung.

Danke!

Herzlichen Dank für all Ihre wunderbaren Tipps, wo die Farniente’schen Ferien verbracht werden könnten. Sobald meine erste Klausur geschrieben ist, werde ich mir ein paar, freie Tage gönnen, in denen ich müßig auf dem Sofa liege und mich genau mit Ihren Tipps beschäftige.

Das Bild zeigt ein türkisfarbenes Meer, ein Bötchen, das darauf schaukelt. Alles wurde durch den weitmaschigen Strandkorb fotografiert. Ein Meer aus pastellblauen Farben.

Das Lied der Woche

Ohne Frage, Italien ist zauberhaft. Die Landschaft, die Bauwerke, die Kultur, die Leute und das Essen. Aber, dass die Italiener uns mindestens genau so toll finden, zeigt Francesca Michielin (ja, die schon wieder) in ihrem Videoclip zum 2017 erschienenen Lied „Vulcano„. Gedreht wurde das Musikvideo in Berlin. Nun bin ich wahrlich kein Berlin-Kenner wie Valentin und Julian, aber ich finde, das Video ist gelungen und die Kulisse ist passender denn je.

Jetzt bleibt mir nur zu hoffen, dass Sie sanft ins Wochenende schweben und sich keinen Sonnenbrand (oder nasse Füße, je nach Region) holen.

20 Kommentare zu „Der Freitagsrapport | KW 25

  1. Auch, wenn mir die Geschichte mit dem Dusel-Dussel gut gefällt – laut Duden ist Dusel das UNVERDIENTE – Glück, dass einem unverhofft widerfährt! – die Story mit dem Kind hat mich dann doch mehr berührt. Ja, das kann einen schon zu Tränen rühren…

    Gefällt 2 Personen

      1. Genau, das ist das Ungerechteste daran. Man selber rödelt sich ab (und selbst dann klappt irgendetwas nur schlecht bis gar nicht) und das Team “pazienza” trinkt entspannt einen Espresso auf dem Balkon und kommt erst dann gemütlich in die Gänge. Gibt es eigentlich die Tierfabel von Äsop mit der fleißigen Ameise und der gemütlichen Heuschrecke auch in Italien? 😄

        Gefällt mir

      2. Von dem Fall mit dem kleinen Nicola hab ich hier gar nichts mitbekommen, bin nun im Nachhinein aber auch sehr froh, dass die Geschichte ein Happy End hatte! 😺

        Die Vorverurteilungen in den (Sozialen) Medien finde ich übrigens nicht weniger schrecklich, als du sie findest. Da sollte man die Polizei/Behörden erstmal ihre Arbeit machen lassen. Zwar sind die TäterInnen meistens die Eltern und/oder engste Verwandte, wenn ein Kind zu Schaden kommt. Aber bis das erwiesen ist, gilt schon die Unschuldvermutung…! 🤔

        Hier kann man sich bloß mit allen Beteiligten freuen. Daher versteh ich, wie gerührt du warst, liebe Eva. 🌸

        VVN

        Gefällt 1 Person

      3. Aus medienwissenschaftlicher Sicht kann ich dir sogar erklären, warum du davon nichts gehört hast. Es liegt an der “Nachrichtenwerttheorie”, die besagt, dass Nachrichten ausgewählt werden nach ihren Nachrichtenfaktoren. Ein Faktor wäre z.B. Deutsche Beteiligung. Wäre der kleine Nicola aufgrund deutscher Beteiligung verschwunden oder man hätte eine deutsche Beteiligung vermutet, wären unsere Zeitungen voll davon gewesen. Da die Nachricht aber “uninteressant” und “unbedeutend” für das deutsche Publikum war, druckte man sie nicht. So viel zur Theorie. 😄 (Und ja, ich habe zu viel gelernt in den letzten Wochen 🤪)

        Zurück zum Text: Erst einmal danke für deinen feinfühligen Kommentar. Ich stimme dir uneingeschränkt zu. Es gilt die Unschuldsvermutung, obgleich die meisten Delikte eben durch Täter*innen im Umfeld entstehen.

        Ende gut, alles gut. Die Waschweiber bei Facebook reden ja eh. 🤪
        Liebe Grüße und hab’ einen zauberhaften Sonntag, Eva

        Gefällt 1 Person

  2. Francesca ist immer top, Vulcano gehört zu meinen Favoriten. Auch Francesco hat ein Video in Berlino gedreht, die Italiener wissen, was angesagt ist 😎👍

    Buon weekend con tanta musica italiana! 🇮🇹🤩

    Gefällt 1 Person

  3. Und ich hatte befürchtet, vom Handy aus und zu freitäglich fortgeschrittener Uhrzeit im Dunkeln auf dem Balkon hätte ich den „Absenden“-Knopf verfehlt 🙈 Da fühle ich mich ja rehabilitiert und das kann ich als montägliche Motivation gut gebrauchen 😉
    Danke, liebe Eva, und dir auch einen guten Wochenstart! 🌞

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s