Von der Frankfurter Polizei eingebuchtet

[Dieser Text ist am letzten Donnerstag entstanden und handelt vom letzten Mittwoch, nur, dass Sie sich nicht wundern, warum wir Signorino am Samstag in die Kita schicken. 😉]

Gestern fing der Tag hervorragend an. Ich kam gut aus dem Bett (das will ja was heißen!), frĂŒhstĂŒckte Kekse ĂŒber einem Topf kochenden Haferbreis, den ich nebenher beaufsichtigte, damit die Milch nicht ĂŒberkochen möge. Wenn ich jetzt so darĂŒber nachdenke, ist das eigentlich das Abbild einer Doppelmoral: Die Mutter isst heimlich Kekse in der DĂ€mmerung, wĂ€hrend sie das gesunde Haferflocken-FrĂŒhstĂŒck fĂŒr den Sohn kocht, der empört protestieren wĂŒrde, wĂŒsste er, dass ich nur wenige Augenblicke vor seinem Erwachen, Kekse in rauen Mengen gegessen hatte. „Ich muss schließlich nicht mehr wachsen.“, rechtfertigte ich mich vor mir selbst. „Außerdem habe ich einen so niedrigen Blutdruck, dass ich ohne ordentlich gesĂŒĂŸte Kekse vielleicht schon in wenigen Augenblicken umkippen wĂŒrde. Mein FrĂŒhstĂŒck ist eine lebenserhaltende Maßnahme. Ja, genau, so ist das.“, log ich es mir schlussendlich zurecht und nickte bestĂ€tigend. Als der Brei fertig war und auf dem Tellerchen abkĂŒhlte, machte ich mich fĂŒr den arbeitsfreien Tag zurecht. In Italien wĂŒrde man mein Makeup „acqua e sapone“, Wasser und Seife, nennen. Und genau aus diesen beiden pfiffigen Hilfsmitteln bestand mein ganzes Beautyprogramm. Nachdem ich mich in meine Lieblingskombi aus T-Shirt, Jeans und Cardigan geworfen hatte, weckte ich das Kind. Es frĂŒhstĂŒckte das schnöde, aber gesunde Porridge. Wir kĂ€mpften uns durch die Morgenroutine. Danach verpackte ich Signorino artgerecht im angesagten Zwiebellook und wir fuhren los.

So hĂ€tte mein LieblingsfrĂŒhstĂŒck ausgesehen, aber wir sind hier schließlich nicht bei „WĂŒnsch dir was!“.

Als ich den Sohn in der Kita abgegeben hatte und wieder im Auto saß, dachte ich an den Einkauf, der dringend zu erledigen wĂ€re. Normalerweise bestreiten wir diesen zu dritt und ohne Auto, aus dem einfachen Grund, dass zwei Erwachsene (und ein Kinderwagen-Unterkorb) mehr schleppen können als ein Erwachsener alleine. Der große Nachteil ist jedoch, dass es ein stĂ€ndiges Gerenne und GedrĂ€ngel durch die engen SupermarktgĂ€nge ist. Leider wissen wir nie vorher, ob und wann die „Bombe Signorino“ hochgeht und kreischend mitteilt, dass er keine Lust mehr auf Einkaufen hat. Diese Szene vor Augen, setzte ich den Blinker links und bog ins Gewerbegebiet ab. Beim Discounter angekommen, lag mir die GemĂŒseabteilung zu FĂŒĂŸen. Ach, was sage ich! Der ganze Supermarkt wartete nur darauf, von mir alleine erobert zu werden. Alles war aufgefĂŒllt, verfĂŒgbar und ansprechend prĂ€sentiert. Ein paar Handwerker und zwei MĂŒtter, eine mit und eine ohne Kind, schwirrten durch die langen, beigen GĂ€nge. Ganz in Ruhe ĂŒberlegte ich mir, was wir an Lebensmitteln fĂŒr diese Woche benötigen wĂŒrden. Und, ich hatte sogar die Zeit, in den Aktions-Angeboten zu stöbern. In der Regel zieht mich der Römer in dieser Abteilung immer weiter. „Nein, das brauchen wir nicht!“, zischt er dann entnervt. Sehr zu meinem Leidwesen hat er meistens recht. Doch gestern gab es keinen Römer, der mich weiterzerren hĂ€tte konnte und so legte ich freudig PlĂ€tzchenformen in den Einkaufswagen. Wir hatten nĂ€mlich wirklich keine zu Hause. Bei der Auswahl der Ausstecher (es gab verschiedene Sets), hatte ich, so ganz alleine, tatsĂ€chlich die Ruhe ĂŒber geeignete und ungeeignete PlĂ€tzchenformen zu sinnieren. Am Ende entschied ich mich fĂŒr das Set mit den Glocken-, Stern- und Rautenausstechern und bewahrte mich damit vor einem Fehlkauf. Denn mein erster Griff ging zu den Schneeflockenformen. HĂ€tte ich nicht genĂŒgend Zeit gehabt, darĂŒber nachzudenken und abzuwĂ€gen, ich hĂ€tte Ihnen spĂ€testens im Dezember todunglĂŒcklich von der Farce einer Schneeflockenform berichtet. All die kleinen VerĂ€stelungen, aus denen der ButterplĂ€tzchenteig möglichst in einem StĂŒck herauskommen sollte, hĂ€tten mich vermutlich in den Wahnsinn getrieben.

An der Kasse ließ ich zwei Handwerker mit ihren gut gefĂŒllten Brotbeuteln vor. Sie bedankten sich ĂŒberschwĂ€nglich. Meinen Wocheneinkauf zu scannen wĂŒrde schließlich deutlich lĂ€nger dauern als drei Brötchen in die Kasse einzutippen. Wegen meinem Wocheneinkauf sollte niemand seine wertvolle Pausenzeit opfern und deswegen spĂ€ter nach Hause kommen. Zeit ist schließlich nicht unbegrenzt verfĂŒgbar. Außer fĂŒr mich, in diesem Augenblick im Supermarkt. Denn ich hatte die Ruhe weg.

Im Regen spazierte ich zum Auto und fuhr nach Hause. Dort machte ich mich nach langen Monaten* an mein zweites Studienmodul. Langsam wie eine Schnecke kam ich voran. Es sind sechs Aufgaben zu erledigen, die aus drei bis vier Teilaufgaben bestehen. Gestern schaffte ich in drei Stunden Aufgabe 1a). Es war deprimierend und ziemlich ernĂŒchternd. Aber so ist es jetzt eben. MĂŒhsam nĂ€hrt sich das Eichhörnchen – und meine Hausarbeit.

Um 13:55 Uhr dachte ich darĂŒber nach, ob ich die S-Bahn oder das Auto zur Kita nehmen sollte. Da es fĂŒrchterlich kalt regnete, entschied ich mich fĂŒr die bequeme Variante und somit fĂŒr das Auto. Denn mit einem nassen Kind (und ganz ohne Kinderwagen, da die S-Bahn Stationen nicht barrierefrei sind) S-Bahn zu fahren, versetzte mich in ein GefĂŒhl der Beunruhigung, weil ich daran dachte, dass Signorino sicher sofort wieder krank werden wĂŒrde und Krankheiten bedeuten bei ihm 7-10 Tage Dauerbetreuung daheim, was durchaus machbar ist, aber jedesmal mit einer langen Diskussion, wer der Erziehungsberechtigten wann wie daheim bleibt, einhergeht. Ich schlĂ€ngelte mich also im sich aufheizenden Auto die langgezogene Einfahrt herunter, fuhr in den Torbogen ein, bereit, auf die Allee abzubiegen, doch….

…rien ne va plus. Nichts ging mehr! Die Polizei stand vor mir. Wobei hier primĂ€r das Polizeiauto gemeint ist, das mich sprichwörtlich einbuchtete. Denn dieses Auto parkte so in der Einfahrt, dass ich nicht die geringste Chance hatte, mit meinem Auto aus der Einfahrt zu fahren. Ich guckte ganz genau ins Polizei-Auto – es war unbemannt und unbefraut. Ein rascher Blick auf die Uhr verriet mir: FĂŒr die S-Bahn-Variante war es bereits zu spĂ€t, denn bis ich rĂŒckwĂ€rts unsere Einfahrt-Tatzelwurmstraße hinaufkriechen wĂŒrde, das Auto wieder auf seinen Platz stellen, zur S-Bahn rennen und darauf bangen wĂŒrde, dass diese einfĂ€hrt, wĂ€re es bereits 15 Uhr bis ich schließlich an der Kita angekommen wĂ€re. Die Abholzeit ist leider auf 14:30 Uhr eingegrenzt. In diesem Augenblick wusste ich mir nicht anders zu helfen, als meine erkĂ€ltete Schwester Turtle** anzurufen. Ich schilderte ihr die Lage. Sie riet mir, mich direkt mit der Polizei in Verbindung zu setzen. „Polizei Frankfurt“ tippte ich in die Suchmaschine und mir wurde die Nummer des PolizeiprĂ€sidiums angezeigt. Sofort rief ich an. Ich schilderte der netten Dame am Telefon mein Problem und sie antwortete knapp: „Moment, ich verbinde Sie zur zustĂ€ndigen Wache.“ Dann tutete es, noch ehe ich mich bei ihr bedanken konnte. Und es tutete, und tutete. In jedem anderen Fall hĂ€tte ich nach dem 24 Mal Tuten aufgelegt, doch ich hatte eine dringende Mission, die da lautete, Signorino halbwegs rechtzeitig von der Kita abzuholen. Nach einer Minute Dauer-Getute ging ein junger Mann ans Telefon. Ich schilderte ihm mein Problem. „Ah ja, das sind die Kollegen, die einen Einsatz in der Hausnummer 31 haben.“ , klĂ€rte er mich auf. Ich zeigte VerstĂ€ndnis, wies aber nochmals daraufhin, dass ich Signorino nicht unbegrenzt in der Kita lassen konnte. „Sehen Sie das Nummernschild des Polizeiautos? Dann kann ich die Kollegen direkt informieren.“, fragte mich der freundliche Polizist am Telefon. „Äh…Momentchen. Ich steige kurz aus. Ja, da ist es: WI fĂŒr Wiesbaden und dann die AB 1234.“, antwortete ich und ein dicker Regentropfen tropfte mir in den Nacken. „Ich gucke, was ich tun kann. TschĂŒss!“, verabschiedete sich der Frankfurter Polizist. WĂ€hrenddessen rief ich in der Kita an und teilte der Erzieherin mit, dass es mir furchtbar Leid tue, aber ich bin von der Polizei sprichwörtlich festgesetzt worden. Ich komme in jedem Fall so schnell ich kann. Man zeigte VerstĂ€ndnis und lachte etwas ĂŒber die Situation. Nach fĂŒnf Minuten kam ein Polizist in meinem Alter ums Eck. Seine Haare am Oberkopf waren zu einem neckischen PferdeschwĂ€nzchen zusammengefasst worden. Die Seiten waren bis auf wenige Millimeter kahlrasiert. „Was es nicht alles gibt!“, sagte ich verwundert zu mir selbst und meinte diesen doch recht ungewöhnlichen Haarschnitt fĂŒr einen Polizisten. Vermutlich bin ich etwas antiquiert, wenn es um meine Vorstellung eines typischen Polizisten geht, aber so einen mutigen Haarschnitt hatte ich bei einem Beamten noch nie beobachten können. Er winkte mir kurz zu, um zu signalisieren, dass er da ist und sogleich wegfĂ€hrt. Ich winkte lĂ€chelnd zurĂŒck, um zu zeigen, dass ich das gut finde. Sofort fuhr er den blau-grau-neongelben Polizeibus zur Seite. Ich konnte endlich zur Kita. In einigen Streckenabschnitten fuhr ich etwas schneller als gesetzlich vorgegeben, aber da die Polizei mich höchstselbst ausbremste, fand ich das vertretbar. Um 14:35 Uhr, 5 Minuten nach der normalen Abholzeit fuhr ich in den Innenhof der Kita ein, hechtete die Treppen zu den GruppenrĂ€umen hoch, zog mir mit einer Hand die Maske ĂŒbers Gesicht und spĂ€ter ĂŒber Mund und Nase und klopfte schweißgebadet an der Gruppen-TĂŒr. „Entschuldigen Sie… die Polizei… hielt mich fest. Also mein Auto… nein, anders: Sie parkten mich ein.„, hechelte ich. „Kein Problem. Sie hatten ja angerufen.“, flötete die Erzieherin. Signorino erkannte mich jetzt erst und lief freudestrahlend auf mich zu. Das Butterbrot, das er in der Hand trug, presste er ĂŒberschwĂ€nglich gegen meinen Mantel. WĂ€hrend ich den kleinen Kerl eilig anzog, erzĂ€hlte mir seine Erzieherin von seinem Tag. Ich bedankte und verabschiedete mich, trug den Mini-Farniente durch den Novemberregen zum Auto und schnallte ihn an. Erst an der Ampel vorm StĂ€delmuseum, an dem unsere RĂŒckfahrt vorbeifĂŒhrte, fiel mir auf, dass das Kind noch immer seine Hausschuhe anhatte. Demnach weilten seine Straßenschuhe in der Kita. Nochmal umdrehen? Lieber nicht. Da das Kind nur ein einziges Paar Straßenschuhe in seiner GrĂ¶ĂŸe hatte, musste ich unbedingt das Paket bei den Nachbarn abholen: Dort sind – hoffentlich – geeignete Übergangs- bzw. Winterschuhe in seiner GrĂ¶ĂŸe enthalten.

FĂŒr die S-Bahn war es dann doch schon zu spĂ€t.

Der Nachmittag plĂ€tscherte so dahin. Um 16 Uhr kam der Römer heim, der sich beklagte, dass er sich noch immer krank und schwach fĂŒhlte. „Dann bleib doch bitte morgen zu Hause.„, versuchte ich ihn zu ĂŒberzeugen. „Nein, nein, es geht schon. *Hust* *Schnief* Außerdem haben die Patienten bereits seit Wochen und Monaten Termine und außerdem sind bereits zwei Kollegen krank.“, rechtfertigte er sich. Ohne den Römer wĂŒrde die Welt untergehen, dachte er. Nun denn, dann soll er weiter an diese MĂ€r glauben. WĂ€hrend er sich einen Espresso machte, erinnerte ich ihn daran, dass ich heute unbedingt beim Online-Yoga mitmachen wollte und musste.*** Er nickte. Aber das wisse er doch. Um 20:30 Uhr könne ich ganz getrost den Yogakurs zelebrieren. Er wĂŒrde Signorino ins Bett bringen. Ich blieb unbesorgt und vertraute darauf, dass das hinhauen wĂŒrde. Ein blöder Fehler!

Gegen 18 Uhr holten wir Pakete beim Kiosk von Herrn Al Bagashi ab. „È un chiacchierone. [Er ist eine Quasseltante.]“, sagte genau der richtige Römer und teilte mir damit seine Meinung ĂŒber Herrn Al Bagashi mit. „Deswegen gehe ich auch so gerne zu ihm. Das ist nicht nur ‚PĂ€ckchen abholen, unterschreiben, raus.‘, sondern das ist gute Unterhaltung.“, erklĂ€rte ich dem Römer. Doch er wartete lieber vorm Laden. Signorino wollte hingegen unbedingt mit rein. „Oh! Ein junger Mann! Challo, mein Kleiner.“, grinste Herr Al Bagashi. „Sie können hier lassen als Pfand fĂŒr Pakete. Ich nehme!“, fĂŒhrte er weiter lachend aus und zeigte auf Signorino. „Er schreit aber recht viel.„, erzĂ€hlte ich ihm augenzwinkernd. „Kein Problem! Onkel Ali (=Herr Al Bagashi) hat 10 Kinder. Schreien macht mir nichts.“, winkte er gelassen ab, „10 Kinder! Wow!„, antwortete ich mit großen Augen. „Ist ein großer Segen – aber viel Arbeit. Ich habe acht MĂ€dchen und zwei Jungen. Dieser hier [zeigt auf einen jungen Mann] ist meiner. Und der da ist Sohn von Schwester.“, fĂŒhrte er weiter aus. Die beiden Teenager grinsten verlegen und starrten auf den Boden. „Und alle arbeiten bei Ihnen mit?„, fragte ich neugierig. „Ach woher: Nur essen, schlafen, spielen! Ich armer Mann muss den ganzen Tag arbeiten.“, sprach‘s und lachte am Ende laut. „So, jetzt habe ich Frage: Wie alt ist dein Kind?“, wollte er von mir wissen. „Beinahe zwei Jahre alt.„, gab ich zurĂŒck. „Aaaah! Kann er Traubenzucker essen?„, hakte Ali Al Bagashi nach. „Er liebt Traubenzucker.„, bestĂ€tigte ich. „Chier, Kleiner! Traubenzucker. Kommst du zu Onkel Ali – von mir kriegst du immer SĂŒĂŸes.„, sprach er und Signorinos Patschehand griff sofort zur Verpackung. „Kinder sind ein Segen, oder? Viel Arbeit, viele Nerven, die man verliert, aber auch viel Freude.“, erörterte er mir. Ich nickte. Sein Sohn hielt mir das Display zum Unterschreiben fĂŒr die Annahme des Paketes entgegen. „Das stimmt, Herr Al Bagashi.“, antwortete ich, als ich mich nicht mehr auf meine Unterschrift konzentrieren musste. „Am Ende ist mit Kindern wie Treueprogramm von Supermarkt. Dauert bisschen bis man PrĂ€mie bekommt, aber dann freut man sich umso mehr. Und ganz wichtig: PrĂ€mien werden nicht regelmĂ€ĂŸig ausgezahlt: Mal kommt spĂ€ter, mal kommt gar nicht und dann kommen alle PrĂ€mien der letzten Jahre auf einmal. Ist so mit Kindern. Muss man Geduld haben!“, teilte er seine Erkenntnis mit mir. Ich lĂ€chelte. Wer 10 Kinder hat, hat das System vermutlich besser verstanden als ich es jemals verstehen werde. Ich bedankte mich bei ihm – fĂŒr die Annahme des Paketes und das nette GesprĂ€ch. „Sehen wir uns sicher nochmal diese Woche. Kommst du immer zwei Mal die Woche vorbei. Weiß ich jetzt schon.„, verabschiedete er sich und ich war verwundert wie genau er seine Kund*innen bereits nach wenigen Wochen kannte.

Am Abend rĂ€umte ich Signorinos Zimmer auf, rollte die Yoga-Matte aus und stellte den Bildschirm so, dass ich ihn stehend und liegend sehen konnte (ein Tipp von Turtle). Dann begann der Kurs – und das GebrĂŒll. Penelope, die Yoga Lehrerin, sprach davon, dass wir zu Beginn eine Meditation machen werden. Es meditierte sich nur sehr mittelmĂ€ĂŸig, denn ich hörte den Römer mit Signorino (und umgekehrt) streiten. Der Kleine war mĂŒde, der Große vermutlich auch und das gipfelte in einem Dauergeschrei und -gebrĂŒlle. Von Deeskalation hatte der Römer vermutlich noch nie gehört und die Situation eskalierte, wĂ€hrend ich in meinen Bauch und dann in meinen Brustkorb einatmen sollte, um dann wieder ĂŒber den Brustkorb und Bauch auszuatmen. „Nein, das ist dein gutes Recht auch als Mutter Zeit fĂŒr dich zu haben.“, redete ich mir ein und meditierte angespannt. Bei den Sufi-Kreisen hielt ich es nicht mehr aus. Ich zog mich eilig hoch, öffnete die KinderzimmertĂŒr, dann die TĂŒre zum Wohnzimmer. „Sagt mal, Leute, seid ihr irre?“, motzte ich die beiden Farnientes an. Verdutzt betrachteten mich beide. Der Kleine war im Gesicht noch rot vom Schreien. „Er will den Pyjama nicht anziehen.„, erklĂ€rte mir der Römer. „Dann versuche ihn abzulenken! Freunde, ich habe jetzt Yogakurs. Ein Mal! Ein einziges Mal will ich etwas fĂŒr mich tun und ihr brĂŒllt hier nur rum.“ Der Kleine nahm diesen Satz zum Anlass, schniefend auf mich zuzulaufen. Hilfesuchend klammerte er sich an mein Bein. „Ach Signorino. Schau mal, wie mĂŒde du bist. Du musst jetzt schlafen!„, teilte ich ihm mit, beugte mich zu ihm herunter und umarmte ihn. Er wollte nicht mehr loslassen. Der Römer holte genervt sein Handy hervor und scrollte durch irgendetwas, vollkommen unwichtiges. „So, Mutti wĂŒrde jetzt gerne zurĂŒck zu ihren Sufi-Kreisen.„, sagte ich und setzte dem Römer Signorino auf den Schoß. Dann stolzierte ich zurĂŒck. Der Yogakurs befand sich im VierfĂŒĂŸler-Stand und imitierte abwechselnd eine Katze und dann eine Kuh. Das konnte ich. WĂ€hrend ich vom Katzenbuckel in den KuhrĂŒcken glitt, fing das Geschrei wieder von vorne an. „No, ti ho detto che non si puĂČ fare. [Nein, ich habe dir gesagt, dass man das nicht machen kann.]“, motzte der Römer Signorino an. Dann hörte man die WohnzimmertĂŒre, die sich öffnete und kurz darauf wieder schloss, gefolgt von der SchlafzimmertĂŒr. Der Kleine brĂŒllte. „Du musst jetzt ins Bett!“, keifte der Römer und goß mit dieser Information vermutlich nur Öl ins Feuer. Dann hörte man hektisches Umhergetrampel, gefolgt von Gemurmel. „Schnuller?!“, „Flasche?!„, fragte der Römer ins Nichts. Der Kleine weinte noch immer. Dann wurde die TĂŒr hinter mir aufgestoßen. „Scusa, amore, dov’Ăš il ciuccio? [Entschuldige, Schatz, wo ist der Schnuller?], wollte der Römer von mir wissen, wĂ€hrend die Yogalehrerin den „herabschauenden Hund“ erklĂ€rte. „Keine Ahnung.„, knurrte ich bereits wie ein zum Römer hinaufschauender Hund. „VabbĂš, lo troverĂČ. [In Ordnung, ich werde ihn finden.], antwortete der Römer achselzuckend und ich fragte mich, warum er dann in meiner Yogastunde nervt, wenn er ihn „schon finden wird“. Der Kleine pochte jetzt an die TĂŒre. „Nein, die Mama möchte nicht gestört werden.“, erklĂ€rte der Große dem Kleinen schnippisch. Ich verdrehte die Augen im herabschauenden Hund. Dann war kurz Ruhe und ich wĂ€hnte mich in Sicherheit. Anscheinend wurde der Schnuller gefunden, die Wasserflasche aufgefĂŒllt, es ging ins Bett. Nach fĂŒnf Minuten begann das Geschrei wieder von vorne. Die beiden Farnientes stritten sich. Nach 10 Minuten, in der Yogafigur „Das Kind“, heulte der Kleine so schlimm, dass ich wutentbrannt ins Schlafzimmer stĂŒrmte. „Sagt mal, Freunde! Was ist denn eigentlich los?“, brĂŒllte ich nun fuchsteufelswild. „Lui ha iniziato. Voleva uscire dal letto. [Er hat angefangen. Er wollte aus dem Bett klettern.]“, versuchte sich der Römer zerknirscht herauszureden. Der Kleine richtete sich auf, kletterte ĂŒber den Römer, richtete sich wieder auf und stĂŒrzte schniefend in meine Arme. „Echt, Leute!!„, presste ich genervt hervor. „So, du [ich zeige auf den Römer] – raus! Und du [ich zeige auf Signorino] gehörst jetzt dringend ins Bett.“, befahl ich. Der Große wollte noch etwas von „Aber dein Yogakurs!“ sagen, doch ich schmiss ihn hochkant aus dem Schlafzimmer. Nach 20 Minuten schlief das Kind. Der Yogakurs war vorbei.

V… wie Versuch’s nochmal! Vielleicht klappt es nĂ€chste Woche mit dem Yoga Kurs.

Im Wohnzimmer angekommen, guckte der Römer ziemlich beschĂ€mt. „Entschuldige, aber heute war Signorino wirklich schwierig.“, versuchte sich der Römer zu entschuldigen. „Er ist jeden Abend so, wenn man ihn nicht rechtzeitig ins Bett bringt.“, antwortete ich nĂŒchtern. „Aber du hast gesagt, um 21 Uhr geht er ins Bett.“, verteidigte sich der Römer. „Aber das Kind ist doch kein Roboter. Er war anscheinend schon eher mĂŒde. Die Anzeichen sieht man doch.“, gab ich resigniert zurĂŒck. „Er hat halt viel gebrĂŒllt.„, kommentierte der Römer etwas ĂŒberfordert. „Ja, das ist ein Anzeichen, dass er ins Bett muss. Sag mal, seit wann lebst du eigentlich bei uns, als dass dir das noch nie aufgefallen ist?„, wollte ich wissen. Der Römer guckte schuldbewusst. „Okay, nĂ€chste Woche klappt es ganz bestimmt, dass ich Signorino ins Bett bringe.„, wollte er mich nach einer langen Pause aufmuntern. Ich nickte ernĂŒchternd. Ja, ganz bestimmt.

*In der studentischen Leerlauf-Zeit las ich zwar ab und an ein Skript, aber „studieren“ wĂŒrde ich es nicht nennen.

**Da half sie mir letzte Woche noch in der Not und anscheinend reichte das bereits aus, sie anzustecken. Sie hat mittlerweile die selbe ErkÀltung wie wir.

*** Turtle und ich hatten bereits vor 1,5 Jahren den Yogakurs gebucht, der einmal stattfand und dann kam Corona. Wir meldeten uns noch zwei Mal fĂŒr einen PrĂ€senzkurs an, der dann abgesagt wurde, um schließlich das Online-Format zu nutzen. Beim ersten Termin lag ich flach. Beim zweiten, gestrigen Termin, lag Turtle flach. Aber ich wollte unbedingt teilnehmen.

14 Kommentare zu „Von der Frankfurter Polizei eingebuchtet

    1. Recht hast du! Es hĂ€tte einen gegeben – am Sonntag. Aber wir waren uns nicht sicher, ob er doch wieder zum Online-Kurs wird aufgrund der steigenden Zahlen. Deswegen entschieden wir uns gleich fĂŒr die Online-Variante. NĂ€chsten Mittwoch mache ich aber garantiert mit. Notfalls im Hausflur – 2 Stockwerke ĂŒber unserer Wohnung. 😄đŸ’ȘđŸ» Einen feinen Sonntag und liebe GrĂŒĂŸe nach MĂŒnchen, Eva

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      1. Hausflur? Haha. Sie finden einen immer (und dabei habe ich noch nicht einmal Kinder, aber gewisse mĂ€nnliche Altlasten, die auch mit 50 noch nicht so richtig selbststĂ€ndig sind). Aber viel VergnĂŒgen und Erfolg bei Yoga und Studium wĂŒnsche ich.

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  1. Na, solange dir der Römer nicht gleich einen Kurs „Mutter-Kind-Turnen“ vorschlĂ€gt, besteht ja noch Hoffnung. 😂 Apropos: Gibt es eigentlich auch „Vater-Kind-Turnen“? Noch nie gehört, seltsamerweise.đŸ€”

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  2. Unser Signorino ist jetzt 6 und um 8 werden die ZĂ€hne geputzt, damit man dann das ganze restliche Programm bis 9 schafft: Geschichte vorlesen (auch mal zwei oder drei), mit Mama kuscheln, mit Papino kuscheln, nochmal aufs Klo gehen, die Wasserflasche holen, noch etwas Wichtiges besorechen, noch ein letztes KĂŒsschen, noch ein allerletztes KĂŒsschen… um 9 mach‘ ich Sofa-Yoga, meine LieblingsĂŒbung – die Katze, sehr entspannend, manchmal richtiggehend einschlĂ€fernd… Kann ich nur empfehlen.

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