Spannung nach Mitternacht

Ein Klopfen kann viel bedeuten: Jemand kündigt sich an, ersucht Einlass oder zeigt seinen Konsens. Nachts um 3:50 Uhr gibt es nicht viel Interpretationsspielraum für ein Klopfen, das abgefeuert wird wie die Salven der nicht verstummen wollenden Kanonen. Es heißt dann in etwa: „Wenn ihr euch nicht sofort leise zofft, komme ich hoch und zünde euch die Fußmatte an.“ Daraufhin verstummte die Mickey Maus Stimme der Nachbarin und ihr Gatte nutzte diese unvorhergesehene Pause, um ihr das zu sagen, was ihm seit langen, quälenden Minuten auf der Seele brannte: „Siehste, Nina, hab‘ ich dir doch gesagt, dass du zu laut bist.“ Die Mickey-Maus-Stimme zischelte daraufhin sehr lange und mit einer ungemeinen Ausdauer. Das Zischen war gut auszuhalten und ließ mich bald in einen tiefen Schlaf sinken.

Erstaunlich fand ich jedoch im Nachhinein, wie kristallklar man seine Gefühle nachts um kurz vor vier spüren konnte. Kein Fünkchen von Vernunft oder Scham versucht einen davon abzuhalten, gegen die Wand zu donnern. Kein Körnchen „Aber wenn man es sich mit diesem Klopfen mit den Nachbarn verscherzt?“ ist zu hören. Nachts spürt man die Wut mit jeder Faser so klar und rein, als würde man nur aus diesem einen Gefühl bestehen.

Zugegeben, nachdem Signorino um halb drei Uhr schrie, ich 30 Minuten neben einem schlafenden, aber zappelnden Kind in einem 90cm Möbelschweden-Kinderbett lag und mich nach besagter Zeit endlich davon stehlen konnte, war der Samen der Wut bereits unwiderruflich ausgesät, denn ich lag wenig später hellwach im Ehebett. Der Römer schnarchte bedeutungsschwer. Ich hätte es ihm gerne gleich getan, aber plötzlich kratzte mein Fußballen, dann meine Kniekehle. Kurz danach war mir zu heiß, um dann festzustellen, dass es mit einem Fuß außerhalb der Bettdecke doch zu kalt war. Dann fing das Nachbarskind von oben an zu schreien. Immerhin war es nicht Signorino, so konnte ich frei nach dem Motto „Nicht mein Affe. Nicht mein Zirkus.“ handeln. Juna/Jonah, so heißt das Nachbarskind, dessen Geschlecht mir noch immer nicht ganz klar ist, denn ich verstand die Mutter des Kindes, Nina , damals am Aufzug nicht richtig, als sie sich und ihren Nachwuchs vorstellte, schrie inbrünstig. Ein Elter trampelte übers Paket. Dann gesellte sich ein zweiter, trampelnder Elter dazu. Juna/Jonah beruhigte sich angesichts der inflationär steigenden Anzahl seiner Erziehungsberechtigten nicht. Vielmehr schrie er noch mehr und noch lauter. So ging das 40 Minuten lang. Schlaflos und dadurch neugierig hörte ich zu, wie Nina und Tobias die Situation lösen würden.

Sie lösten sie wie wir: Das Kind beruhigte sich irgendwann, irgendwie. Die Anspannung und Müdigkeit der letzten, entbehrungsreichen Monate und Jahre forderten ihr Tribut bei den Eltern und so reichte ein Anlass, gleichwohl unbedeutend wie nichtssagend, um die Mickey Maus Stimme von Nina zum Explodieren zu bringen. „Das sind MEINE Hausschuhe, Tobi!“, brüllte Nina. Und Tobias sagte nichts, oder wenn doch, dann in angenehmer Zimmerlautstärke, wie sie in unserer Hausordnung empfohlen wird. „Jedes verdammte Mal nimmst du meine Hausschuhe! Ich kümmere mich eh schon allein um Juni, weil du dauernd arbeitest, aber selbst das ist dir nicht genug. Jetzt nimmst du auch noch meine Hausschuhe.“, schrie sie ihm entgegen. „Interessant.“, dachte ich. „Was man alles als Initialzündung eines Streits benutzen kann. Hausschuhe kurz vor 4 Uhr nachts? Darauf wäre ich nie gekommen.“ Nina quietschte und quiekte ihren Gatten mit schriller Stimme an. Ich hörte gespannt zu. Warum auch nicht? Ich war ja wach.

„Ma che cos‘é? [Aber was ist das denn?]“, meldete sich der Mann schlaftrunken neben mir. „Questa sta proprio fuori! [Die ist komplett außer Rand und Band!]“ Ich fand das Resümee sehr treffend. Zusammen lauschten wir dem Streit und starrten nebeneinander der Zimmerdecke entgegen. „Mutig!“, sagte ich zum Römer. „Nachtschlaf einfach so verstreichen zu lassen, um sich zu streiten. Man merkt, die haben zu viel davon.“ Der Römer nickte ins Halbdunkel. „Die werden ihre Lektion schon noch lernen. Das Kind ist nicht mal ein Jahr alt.“, gähnte der Römer und drehte sich um. Ich lauschte weiter. Dann schlich sich eine unverhoffte Müdigkeit heran und zwang mich, jetzt sofort einzuschlafen. Das gelang mir aber nicht, denn Nina wurde immer lauter. „Ma questa può stare zitta? [Kann die mal still sein?]“, fragte der Römer wieder ins Halbdunkel, sichtlich genervt.

Die Nacht lag in Trümmern, wie der Sperrmüll im Frankfurter Ostend.

Ich hob die Hand – und setzte an. Klopf, klopf, kloooopf. Jetzt tat mir der Handrücken weh, was ich wehleidig äußerte. Der Römer nahm sich meiner Hand an und streichelte sie. Tobias sprach den oben erwähnten Satz und Nina zischelte den Römer und mich in den Schlaf.

Was für eine Nacht!

10 Kommentare zu „Spannung nach Mitternacht

  1. Wir haben im Haus im Hof gegenüber eine Griechin. Im Winter, auch die stade Zeit genannt, ist sie in Griechenland, im Sommer hier. Offenbar ist es ihr in ihrer kleinen Wohnung zu heiß, zu eng, zu stickig – man weiß es nicht. Jedenfalls verbringt sie die Abende und Nächte gerne im Hof und Testet die Akustik. Am lautesten hallt es tatsächlich, wenn sie in der Durchfahrt steht. Dort kann sie den Echo-Effekt voll ausschöpfen.

    Das tut sie, in dem sie entweder in ihr Smartphone bellt, oder ihren Lebensgefährten anbrüllt, einen griechischen Taxifahrer. Dabei ist ihre Stimme so schneidend, wie Diamant durch Glas oder ein heißes Messer durch Butter. An Schlaf ist dann nicht zu denken. Die Polizei kam schon so oft, dass sie wegen ihr nicht mehr kommt…

    Ich habe bereits verschiedene Strategien probiert. Ignorieren funktioniert so gut, wie bei Zahnschmerzen oder Fußpilz. Ich habe mir schon von einem anderen griechischen Kollegen griechische Schimpfwörter sagen lassen – die, die nicht im Wörterbuch stehen – deren Wirkung aber zeitlich begrenzt ist. Runterplärren ist also nicht nachhaltig.

    Bleibt nur anziehen, runtergehen und direkte Ansprache. Meistens ist es dann zu spät. Um 4:30 Uhr kann ich dann gleich weiter zum Bus gehen… Ich liebe den Winter!

    Gefällt 2 Personen

    1. In Griechenland wird dagegen der Sommer in ihrem Wohnort als die stade Zeit bezeichnet, vermute ich. 😉 Wo mir gerade Sommer einfällt: Haben deine sommerlichen Korfureisen mit ihr was zu tun? Denn wenn sie in München ist, kann sie zumindest nicht auf Korfu sein? #KorfuAtmetAuf 😄

      Aber wie es mir scheint, hast du beim Nachbarsroulette direkt den Hauptpreis abgeräumt. Wenn selbst die Polizei entnervt aufgibt, dann kann man ihr nur Enkelkinder in Griechenland wünschen, um die sie sich ganzjährig liebevoll kümmern kann.
      Noch eine Frage aus purem Interesse:
      Hat die Durchfahrt den Vorteil, dass sie diese auch bei Regenwetter nutzen kann und so nicht in ihrer Wohnung eingesperrt ist?

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  2. Wenn sie keine Fußbodenheizung haben, sind kalte Füße in so einer nächtlichen Stresssituation das letzte, was noch fehlt. Vielleicht erklärt das den irren Streitpunkt „geklaute“ Hausschuhe. Du kannst ihr ja bei Gelegenheit mal warme Socken schenken, dann geht’s künftig vielleicht auch ohne Schlappen.😉

    Gefällt 1 Person

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