Tante Guri mit Hexenschuss

“Tante Guri a te! Tante Guri a te. Tante Guri, liebe Mama! Tante Guri a te!*”, sang das Kind vor einer guten Woche für mich. Nachdem wir den ganzen Tag über die Version mit “lieber Signorino” auf Deutsch, Englisch und in dieser herzerfrischenden Version auf Ditalienisch hörten, fand er, dass das Lied auch ganz nett mit “liebe Mama” klingt. Dass Papa am selben Tag wie Mama Geburtstag hatte, kam im kindlichen Kosmos nicht vor.

Wichtig war für Signorino ein Geburtstagskuchen mit möglichst vielen, brennenden Kerzen, die er auspusten durfte. Außerdem legte er wert auf Dinge, die in buntes Geschenkpapier eingeschlagen waren und die er auspacken konnte. An den Geschenken per se war er weniger interessiert.

Seit einer Woche sind der Römer und ich also ein Jahr älter, und, Nachtigall, ick hör dich trapsen, gebrechlicher. Zumindest der Mann, der sich just einen Hexenschuss holte, als er das Kind morgens auf der Lehne der Couch absetzen wollte, um ihm Socken anzuziehen.

Da stand er nun an einem Donnerstagmorgen um 07:30 Uhr, nach vorne gebeugt und schmerzerfüllt, und stöhnte. Ich trug gerade ein Frühstückstablett mit Tee, Espresso und Lebkuchen ins Wohnzimmer. “Mamma mia! Ich kann mich nicht bewegen.”, klagte der Römer. “Oha!”, bemerkte ich, stellte das Tablett ab und eilte zu ihm. “Hast du einen Hexenschuss?”, fragte ich nach und streichelte ihm über den Rücken, so als ob das helfen würde. “Mi sa di si. [Ich glaube, ja.]”, tönte der römische Gemahl und wusste dabei nicht, ob er stehen, sitzen oder liegen sollte, denn in jeder Position waren die Schmerzen unerträglich. Also entschied er sich dazu, stehenzubleiben und sah dabei aus wie das kleine “r”. Der Oberkörper war horizontal nach vorne gestreckt, die Beine versuchten standhaft zu bleiben, die Hände tasteten blindlings den Rücken ab und versuchten den Schmerz etwas genauer zu lokalisieren.

“Und so kannst du arbeiten?”, wollte ich wissen. Dabei versuchte ich das Kind von der Lehne zu heben. Signorino wollte aber keine Hilfe und hüpfte selber und überaus agil herunter. “Mi dai il mio telefono? [Gibst du mir mein Telefon?]”, antwortete der Römer, was wohl hieß, dass auch er keinen Sinn darin sah, heute zu arbeiten. Immer noch vorne übergebeugt rief er seinen Chef an.

Er könne heute nicht kommen, zumindest nicht als Therapeut, aber vielleicht hätte jemand der Kollegen Zeit für eine halbe Stunde Hexenschuss-Behandlung, fragte er seinen deutsch-italienischen Vorgesetzten. “Ma si, certo. Non ti preoccupare. [Aber ja, sicher. Mach dir keine Sorgen.]”, sprach der Chef mit neapolitanischen Wurzeln und bestellte den Römer für 12 Uhr in die Praxis ein. Ein Kollege hätte dort ein halbes Stündchen Zeit, sich der Sache anzunehmen. Mit Wärmetherapie und etwas Massage würde man dem Problem schon Herr werden. “Grazie, caro. [Danke, mein Lieber.]”, verabschiedete sich der Römer und ich stützte ihn auf dem Weg zum Stuhl.

“Papa hat Aua gemacht.”, bemerkte das Kind. Dabei schob er dem Patienten tröstend einen angebissene Lebkuchen hin. “Si, amore. Grazie. [Ja, mein Schatz. Danke.]”, bedankte sich der Römer beim Sohn und biss in den Lebkuchen. Ich bereitete währenddessen eine Wärmflasche vor. Dankbar schob der Römer sie zwischen Stuhllehne und Rücken. “Ich weiß schon gar nicht mehr wie ich mich hinsetzen soll.”, klagte der Mann. Er tat mir furchtbar leid. Ein Hexenschuss ist wirklich fies.

Als Signorino im Kindergarten war, begleitete ich den Mann in die Innenstadt. Der Zeitpunkt traf sich gut, denn ich wollte mit einem Freund ein gar nicht mal so neues Café ausprobieren. Ob ich ihn von der Praxis abholen solle, wollte ich vom Gatten wissen. “Nein, nein, die Behandlung meines Kollegen wird hoffentlich so gut sein, dass ich danach alleine zurecht komme.”, gab der Römer zurück und schlich die letzten Meter, gebeugt und mit steifer Körperhaltung, zur Praxis.

Als wir uns später daheim trafen, konnte er wieder aufrecht stehen und gehen. Die Behandlung schien gewirkt zu haben. Am nächsten Tag dürfe er zwar in die Arbeit kommen, allerdings nur Patient:innen behandeln, die zur Muskelstärkung und zur Prävention gekommen waren, denn diese konnte man an Geräte setzen. Kein Heben, kein Tragen, kein Einrenken, sagte der Chef zum Römer. Und außerdem, ergänzte er, sei der Römer ab jetzt verpflichtet, jede Woche zwei Mal eine halbe Stunde Rückengymnastik vor oder nach der Arbeit auf der Trainingsfläche zu machen. Den Hinweis fügte er scherzend hinzu. Schließlich sei er Mitte 40 und damit nicht mehr der Jüngste. Bei diesem Satz zwinkerte der zehn Jahre jüngere Chef. Der Römer lächelte müde.

Ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht mehr zu sorgen.

*”Tanti auguri a te.” wäre die richtige, italienische Version von “Zum Geburtstag viel Glück”. Signorino fand “Tante Guri a te.” aber besser.

14 Kommentare

  1. Es hätte so schön sein können: Mama und Papa feiern Geburtstag, das Kind pustet Kerzen und packt Geschenke aus. Und Tante Guri ist auch dabei. 🤩 Ich hoffe, der Römer hält sich an die Empfehlung seines Chefs und die verschossene Hexe gehört nicht mehr zu euren Gästen.
    Auguri auch von mir an die beiden Geburtstagskinder! 🎂

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